Kapitel IV. Block Sklave 7

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Als er den Kiesweg betrat, blickte Oj sich um. Der Felsen, die majest;tischen Berge mit ihren schneebedeckten Gipfeln verblassten vor seinen Augen, und durch sie hindurch traten die Umrisse eines wasserreichen gelben Flusses und der Reisfelder jenseits des Flusses hervor. Eine leichte Brise zerstreute endg;ltig die Gebirgstatamorgana.
Ester und Chan erwarteten ihn im Pavillon.
— Sei gegruesst, Liebste, — Oj umarmte z;rtlich die im Flechtsessel sitzende Ester an den Schultern, — danke fuer die Hilfe.
— Sei gegruesst, mein Sonnenschein, — Ester erhob sich ein St;ck und erwiderte die Umarmung leidenschaftlich, — eine solche Kleinigkeit.
— Hallo, Chan, — Oj winkte Chan zu, so wie er zehn Minuten zuvor den Toepfer Ahmed gegruesst hatte.
— Setz dich, — warf Chan m;rrisch hin.
— Was ist los, Kumpel, — lachte Oj, als er die Unzufriedenheit des Kaisers bemerkte, — habe ich nicht den Auftrag erf;llt: Geh dorthin, ich weiss nicht wohin, tue das, ich weiss nicht was.
— Er hat dich drangekriegt, Oj, — unterst;tzte ihn Ester lachend, — oh, er hat dich drangekriegt.
Oj setzte sich in den angebotenen Bambussessel.
— Alles machst du durch den Arsch, — sprach Chan d;ster, — was immer du anpackst, alles kommt auf so verdammt originelle Weise heraus.
— Was soll man machen, — seufzte Oj verstellt, — ich bin eben eine sch;pferische Natur.
Ester lachte laut auf.
— Dass du den Sklaven in den Freien Willen verwandelt hast, — fuhr Chan fort, ohne auf Ojs Bemerkung zu achten, — das ist gut, aber wozu! — kreischte er auf, — wozu, sag mir um Himmels willen, hast du das Gewissen installiert?
— Damit es dich nagt, wenn du die n;chste Gemeinheit planst.
— Lange habe ich mich nicht mehr so am;siert, Jungs, — sagte Ester und wischte sich die Tr;nen ab, die ihr in die Augen geschossen waren, — wahrscheinlich nicht mehr seit unserem Abenteuer am Fusse des Olymps.
— Ja, das war eine tolle Sache, — laechelte Oj, — was soll man sagen.
— Ich kenne eure „Sache“, — verzog Chan das Gesicht, — ihr habt gev;gelt wie die Pferde.
— Du sollst nicht spionieren, — beleidigt erwiderte Ester, — als ob es in deinem Palast nicht genug Nebenfrauen und Sklavinnen g;be.
— Ihr habt euch ja auch nicht versteckt. Mir ist das egal, aber Zeus fand, und zwar zu Recht, dass dies eine Beleidigung seiner Ehre und eine Erniedrigung seiner W;rde war.
— Sicherlich, — sagte Oj und nahm die ver;rgerte Ester bei der Hand, — den Gedanken an Beleidigung und Erniedrigung hast du Zeus eingefl;stert.
— Kann sein. Ich erinnere mich nicht, — Chan schlug sich mit der Hand aufs Knie. — Was willst du, Oj, f;r deinen Dienst? Schiess los, genier dich nicht. Meine M;glichkeiten sind grenzenlos.
— Wenn sie grenzenlos sind, dann...
Und da sprach Oj etwas aus, das er gar nicht aussprechen wollte. Sp;ter dachte er oft ;ber seine Worte und Empfindungen in diesen Minuten nach. Und er kam zu dem Schluss: Jemand anderes hatte sie f;r ihn ausgesprochen, jemand, der ;ber ihnen steht, so wie die Wesenheiten ;ber ihren Sch;pfungen stehen. Mit einem Wort: Der Sch;pfer der Realit;t hat es gesagt.
— ...ich will zur;ck in die Realit;t, — sagte er.
;ber dem Pavillon, ;ber dem kaiserlichen Park und dem Palast hing eine beunruhigende Stille. Das Gezwitscher der V;gel und das Summen der Bienen verstummten, und selbst der Wind h;rte auf, in den Bl;ttern zu rascheln, und versteckte sich erschrocken in einer tiefen Baumh;hle. So dauerte es ein paar Minuten, und dann zerriss Chans heiseres Gel;chter die Stille.
— Ja, Oj, du bist ein echtes „Oho“ f;r unsere geschlossene Aktiengesellschaft mit Null-Haftung und unbegrenzten M;glichkeiten. Wie kommst du darauf, dass ich dazu in der Lage bin?
Mit Ester geschah etwas Seltsames. Ihre Umrisse wurden verschwommen, genau wie beim Sklaven waehrend der Teilung. Sie schien dahinzuschmelzen, sich von dieser Visualisierung zu entfernen.
— Ester, was ist mit dir! — rief Oj erschrocken aus.
Er griff nach ihrer Schulter, aber seine Finger gingen hindurch. Mit demselben Ergebnis haette man nach Nebel greifen koennen.
— Ester, komm zurueck!
Einen Augenblick spaeter nahm Ester wieder eine greifbare Form an.
— Vergib mir meine minuetige Schwaeche. Deine Bitte war so unerwartet, dass ich die Fassung verlor, — sie schuettelte ihre rote Maehne. — Ich bin bei dir, wie der Faden an der Nadel, bis zum bitteren Ende.
Sie umarmte Oj. Und so, in der Umarmung, verharrten sie. Chan beobachtete sie mit Interesse.
— Khe, khe, — sagte er hoeflich, um die Szene der liebevollen Versoehnung zu beenden. — Soweit ich verstanden habe, wollt ihr beide zusammen zurueck in das Real.
— Ja, — antwortete Ester und loeste sich von Oj, — zusammen.
— Wie kommt ihr darauf, dass das ueberhaupt moeglich ist?
— Weich nicht aus, Chan. Wir wissen genau, dass dich von Zeit zu Zeit Parteifunktionaere aus dem Real besuchen. Eigentlich war diese Information der Grund fuer dein Duell mit Oj.
— Was fuer ein Unsinn, — sagte Chan fest, — es gab und gibt keine Kontakte.
Bei diesen Worten schauderte er, als sei ihm kalt geworden. Offenbar begann das Gewissen ihn zu nagen [INDEX: 1, 3]. Er sass lange schweigend und regungslos da, vertieft in die Suche nach einem Kompromiss zwischen dem Freien Willen und dem Gewissen. Ester und Oj stoerten seinen inneren Kampf nicht.
— Gut, — sagte er endlich, — ich muss mich mit jemandem beraten. Morgen zur gleichen Zeit an diesem Ort werde ich meine Entscheidung mitteilen. Und nun bin ich gezwungen, euch zu verlassen. Wenn ihr wollt, koennt ihr als meine Gaeste bleiben. Spaziert durch den Park, schaut euch eine klassische Oper an. Mein erster Minister wird euch begleiten.
— Nein, — sagte Ester und stand auf, — ich muss die Angelegenheiten in meinem Herrschaftsbereich ordnen. Morgen um drei Uhr nachmittags werden wir im Pavillon erscheinen. Komm, Oj.
— Gehen wir.
In der naechsten Sekunde befanden sich Oj und Ester im geraeumigen Wohnzimmer des Hauses auf dem Felsen. Ester lief nervoes auf und ab. Oj hockte sich hin und waermte seine Haende am Kamin.
— Von welchen Angelegenheiten hast du gesprochen? — fragte er.
— Ich kann Stavrida nicht dem Schicksal ueberlassen, — sagte sie, ohne mit dem Gehen aufzuhoeren, — ohne mich wird sie verschwinden. Ich kann die Literaturgemeinschaft nicht vernachlaessigen, ohne mich wird sie verkemmern. Ich habe Frida und Dora zu Gast eingeladen. Sie werden jeden Augenblick eintreffen. Du hast hier nichts, aber ich habe hier einen Haufen Verpflichtungen. Ich werde Frida und Dora bitten, waehrend meiner Abwesenheit auf meine Geschoepfe aufzupassen.
— Was soll das heissen: waehrend deiner Abwesenheit? Gehen wir nicht fuer immer weg?
Ester setzte sich neben Oj. Sie warf ein Birkenholzscheit in den brennenden Kamin.
— Verzeih, mein Schatz, nicht fuer immer.
— Habe ich euch nicht gestoert? — ert;nte von hinten Fridas Stimme.
— Frida! — Ester sprang auf, froh ueber die Gelegenheit, das unangenehme Gespraech zu beenden.
Die Frauen umarmten sich.
— Na, meine Liebe, — sagte Frida, waehrend sie sich aus der Umarmung loeste, — du bist ja wie eine Dekabristenfrau. Respekt und Anerkennung, wie deine Lieblinge aus dem Literatursumpf sagen wuerden.
Frida trat zum Kamin und taetschelte Oj den Kopf.
— Hallo, Oj. Du bist wie immer grossartig.
— Hallo, Frida.
Oj wusste nicht, worauf sich das Kompliment bezog: auf seinen jetzigen Zustand, auf die Reise in Chans Seele oder auf die letzte Runde des Duells. Er wollte fragen, doch da erschien Dora im Wohnzimmer. Sie gruesste Ester recht kuehl und betrachtete Oj mit unverhohlener Bewunderung.
— Oj, Liebster, — gurrte sie, — ich bin entzueckt von deiner Reise. Du bist ein Genie, Oj.
„Woher wissen hier alle alles?“, dachte Oj, waehrend er verlegen vor Dora stand.
Ester missfiel Doras Freude sehr. Sie drueckte ihre Schulter an Oj.
— Weisst du was, Schatz, — sie fuhr zaertlich mit der Handflaeche ueber seine unrasierte Wange und drehte sein Gesicht von der majest;tischen Dora weg, — geh ein bisschen in Stavrida spazieren, waehrend wir Maedchen klatschen.
— Gut, — brummte Oj und verliess schnell das Wohnzimmer.
— Wild ist er bei dir, — hoerte er noch, als er den Raum verliess.
— Wie er auch sein mag, — antwortete ihr Ester, — er gehoert ganz mir.


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