Kapitel IV. Block Sklave 8
In Stavrida war es Sonntagabend. Das Staedtchen feierte Neujahr. Alles war mit Girlanden und Kugeln geschmueckt. In den Haeusern standen geschmueckte Tannenbaeume. Von ueberall her war Musik zu hoeren. In den Kneipen und auf den Strassen davor tanzten Fischer und Bauern. Das Fest war in vollem Gange.
Bis tief in die Nacht trank Oj irgendwo starken Gin und Champagner, stritt mit jemandem ueber die Methoden des Bastardmakrelen-Fangs, tanzte irgendwo und umarmte irgendwen. Er liess Feuerwerke steigen und trank und tanzte erneut.
Nach Hause kroch er sozusagen „auf den Augenbrauen“. Ester erwartete ihn im Wohnzimmer an einem Tisch, der fuer zwei Personen gedeckt war. Auf dem Tisch brannten Kerzen. Neben einem der Fenster stand ein kleiner, geschmueckter Tannenbaum.
— Ausgetobt? — fragte sie ganz friedfertig den sich am Tuerpfosten festhaltenden Oj. — Setz dich zu mir, es ist schliesslich Neujahr.
— Natuerlich, — nickte Oj, — und wo sind die Maedchen? Hast du die Fragen mit ihnen geklaert?
Schwankend ging er auf Ester zu und versuchte sie zu umarmen. Sie liess es nicht zu.
— Frida hat es uebernommen, auf Stavrida aufzupassen.
— Und Dora? — fragte Oj und fuegte, um Ester zu aergern, hinzu: — Sie sah heute gut aus.
— Mit Dora hat es nicht geklappt, — laechelte Ester hasserfuellt, — das Literaturland hat freundlicherweise der Radschah uebernommen.
— Da hast du eine moegliche Verbuendete verloren, — versuchte Oj ungeschickt zu scherzen.
— Solche Verbuendeten brauche ich nicht! — kreischte Ester, — ich komme ohne sie aus!
Sie wandte sich ab und bedeckte ihr Gesicht mit den Haenden. Ihre Schultern zitterten. Mit den Ressourcen der zwei Kerzen neutralisierte Oj den Alkoholdunst in seinem Kopf. Er drueckte sich an Ester.
— Etwas stimmt nicht, — sagte er ihr ins Ohr, — irgendetwas machen wir falsch.
Ester drehte sich um, wischte sich eine zufaellige Traene von der Wange und hob die Hand mit dem gebeugten kleinen Finger.
— Frieden, — laechelte sie.
— Frieden, — Oj verschraenkte seinen kleinen Finger mit ihrem.
Diese Nacht verging zauberhaft. Ester war zaertlich und nachgiebig, Oj unermuedlich wie eine Herde Hengste. Der Morgen und ein Teil des Tages vergingen in einem traegen Halbschlaf. Um halb drei begannen sie sich fertigzumachen und puenktlich um drei versetzten sie sich in Chans Pavillon. Der Kaiser war nicht da, aber dafuer sein erster Minister, ein dienstfertiger junger Mann mit einem langen Zopf.
— Der Kaiser liess ausrichten, dass er in einer halben Stunde erscheinen wird, — sagte er mit einer tiefen Verbeugung. — Wuenscht Ihr, Euren Blick mit Taenzen und Euer Gehoer mit Musik zu erfreuen?
— Danke, mein Bester, — antwortete ihm Oj, — wenn es dir nichts ausmacht, werden wir in Stille und Ruhe hier sitzen.
Der erste Minister verbeugte sich noch tiefer und verliess in dieser Haltung den Pavillon. Chan erschien eine Stunde spaeter.
— Seid gegruesst, Ester, sei gegruesst, Oj, — beim Betreten des Pavillons hob er die Hand, — entschuldigt die Verspaetung.
Chan war in feierliche Gewaender aus weisser Seide gehuellt, die mit feinen Goldstickereien verziert waren. In seinen alltaeglichen Jeans und dem warmen Pullover auf nackter Haut fuehlte sich Oj neben dem Kaiser wie ein haessliches Entlein. Chan liess sich im Sessel nieder und stellte die Fuesse in spitzzulaufenden Schuhen auf ein rotes Kissen mit einem gestickten silbernen Drachen.
— Ich habe mich mit meinen Freunden verstaendigt. Sie haben zugestimmt, zwei Koerper zu vermieten...
— Ich wusste, dass du einen Kanal hast, — unterbrach ihn Ester begeistert.
— Davon ist jetzt nicht die Rede, — antwortete Chan. — Die Bedingungen eurer Reise sind festgelegt und mit allen Mitgliedern unserer Gesellschaft abgesprochen. Sie lauten: Ihr begebt euch fuer maximal ein Jahr in das Real, die Rueckkehr erfolgt ueber Grischaew.
— Wo werden wir abgesetzt und was fuer Koerper sind das? — fragte Oj.
— Der Ort der Absetzung ist voraussichtlich unsere Stadt. Die Koerper sind jung. Ich bitte darum, pfleglich mit ihnen umzugehen. Die Traeger nicht mit Alkohol, Nahrung und Sex zu ueberlasten. Ihnen keine Verletzungen zuzufuegen und sie vor Krankheiten zu schuetzen. Die Huellen sind, was wir irgendwie zu vergessen pflegten, recht zerbrechliche Gebilde.
— Das ist nicht das Wichtigste, — schaltete sich Ester ein. — Die Bedingungen.
— Ja, die Bedingungen. Die Wesenheiten, die waehrend eurer Reise in euren Traegern wohnen, werden fuer die Dauer eurer Abwesenheit in Gefaesse der Zeitlosigkeit eingeschlossen. Falls ihr aus irgendwelchen Gruenden nach einem Jahr nicht zurueckkehrt, werden sie aus den Gefaessen befreit, und ihnen werden aus Esters Ressourcen Grafschaften zugeteilt, die fuer eine komfortable Existenz ausreichen. Wenn eure Reise jedoch erfolgreich verlaeuft und ihr im Real nicht umkommt, wird Oj aus unseren Ressourcen ein gleichwertiges Lehen erhalten. Meiner Meinung nach ist das alles nach dem Gewissen, — schloss Chan.
Ester schwieg lange und konzentriert.
— Was geschieht mit meinen Ressourcen waehrend meiner Abwesenheit?
— Du hast doch die Verwaltung von Stavrida und der Literatur an diejenigen uebergeben, die du fuer richtig hieltest. Alles, was darueber hinausgeht, wird von niemandem angeruehrt werden.
— Was ist mit dem Vertrag, um den wir so lange und hart gekaempft haben?
— Nun, Leute, — Chan breitete ratlos die Haende aus, — aufgrund der gegebenen Umstaende kann ich die Verbindung zum Real nicht abbrechen. Aber ich verspreche, sie zu minimieren, und das Gewissen, das Oj in mich hineinkonfiguriert hat, wird mich dieses Versprechen nicht brechen lassen. In einem Jahr, wenn ihr zurueckkehrt, werden wir darueber sprechen. Und falls ihr nicht zurueckkehrt, wird eine voellig andere politische Situation entstehen. Noch Fragen?
— Eigentlich nicht, — sagte Ester unsicher.
— Ich habe welche, — sagte Oj. — Erstens: Die Koerper muessen weiblich und maennlich sein, ohne Makel.
— Ja, natuerlich, — antwortete Chan, — einer weiblich, einer maennlich, ohne Makel.
— Das Alter?
— Etwa zwanzig.
— Die Nationalitaet?
— Verzeih, Oj – beides Chinesen.
— Zweitens: Die Dokumente muessen ukrainisch sein.
— Die Dokumente werden ukrainisch sein.
— Der finanzielle Unterhalt?
— Wie gut du das machst, Oj, — Ester streichelte ihm ueber die Schulter, — in den sieben Jahren habe ich ganz vergessen, wie viele Bedingungen fuer die Existenz im Real notwendig sind.
— Damit wird es keine Probleme geben. Ab heute sind bei der Privatbank Konten auf deinen Namen und auf Esters Namen eroeffnet. Darauf liegen bereits jeweils eine Million Euro. Reicht das fuer ein Jahr, oder ist es zu wenig?
— Es ist voellig ausreichend.
— Noch Fragen?
Oj ueberlegte kurz und fragte:
— Wann geht es los?
— Bei mir ist alles bereit. Direkt nach dem Ball beginnen wir mit dem Transfer.
— Ein Ball! — rief Ester aus.
— Ein Ball, — laechelte Chan, zufrieden mit der Wirkung. — Das ist eine Abschiedsueberraschung von uns fuer euch. Er findet im Palast statt, im Saal fuer feierliche Zeremonien.
— Dort, wo du uns mit dem Radschah empfangen hast? — fragte Oj.
— Genau dort. Wenn wir mit dem offiziellen Teil fertig sind, gehen wir. Die Gaeste werden bald eintreffen.
Sie standen auf. Lebhaft plaudernd machten sie sich durch den Park auf den Weg zum Palast.
Anlaesslich des Balls hatte sich der Saal fuer feierliche Zeremonien erheblich ausgeweitet. Sein Raum war mit altchinesischer, prunkvoller Pracht geschmueckt. Die Waende und Saeulen waren mit blauem Seidenstoff drapiert. Der Boden war mit persischen Teppichen ausgelegt. Ueberall hingen Girlanden und Papierdrachen. Unter der Decke schwebten matte Kugeln, die den Saal erleuchteten. Eine leise Musik, die von einem gigantischen Orchester aus Zupf- und Blasinstrumenten ausging, erfreute das Gehoer. Entlang der Waende standen Soldaten in auf Hochglanz polierten Ruestungen. Beamte, Hofminister und die engsten Vertrauten der Frauen draengten sich am Thronpodest.
Kaum waren Chan, Oj und Ester die Stufen des Podests hinaufgestiegen, erstrahlte die Buehne in der Mitte des Saals, die mit rotem Samt verhangen war. Die Musik spielte lauter, der Vorhang oeffnete sich, und der Radschah trat auf die Buehne, gekleidet wie ein echter Inder. Begleitet von den begeisterten Ausrufen der Soldaten, schritt er gemessen durch den Saal. Zur gleichen Zeit erschien Frida auf der Buehne. Um einander zu schonen, waren der Radschah und Frida ohne ihr Gefolge zum Ball erschienen.
Fuer kurze Zeit war die Buehne leer, und dann erschien Usama mit einer beachtlichen Delegation von etwa zwanzig menschlichen Einheiten. Sein Gefolge bestand aus schoenen Jungen und Maedchen im Alter von 13 bis 14 Jahren. Froehlich laermend, mit amerikanischer Unbekuemmertheit mit den Fingern auf die Wachleute zeigend und mit Blitzlichtern von Fotoapparaten blitzend, bewegte sich der laute Trupp auf das Podest zu. Einzelne Mitglieder von Usamas Delegation versuchten im Vorbeigehen, Bekanntschaften mit den Soldaten der Ehrenwache zu knuepfen. Die Soldaten waren verlegen und bemuehten sich, nicht aus dem Rahmen der Etikette zu fallen, die Unbeweglichkeit und Schweigsamkeit vorschrieb – abgesehen von feierlichen Ausrufen –, um die Hoeflichkeit der Gastfreundschaft nicht zu verletzen.
Der Radschah bestieg das Podest.
— Hallo, Oj, — er umarmte Oj fest und maennlich, klopfte ihm auf den Ruecken, — sei vorsichtig, — sagte er ihm ins Ohr und fuegte laut hinzu: — Du kannst dich immer auf mich verlassen.
Frida kam herbei. Sie laechelte Oj zu. Sie umarmte Ester und schuettelte Chan die Hand.
Auf der Buehne erschien Zeus. Er wurde von Poseidon mit dem Meeresdreizack, dem sonnengleichen Helios auf einem goldenen Streitwagen, der treuen Hera und zwei Nymphen begleitet. An einer Kette fuehrte Zeus den dreikoepfigen Cerberus, der mit boesen Augen auf die verstummte Wache schielte.
Eine Schar von Jugendlichen mit Fotoapparaten fuellte das Podest. Mit ihrer Distanzlosigkeit besudelten sie die Feierlichkeit der Zeremonie. Usama machte nicht den geringsten Versuch, seine Schuetzlinge zu baendigen. Ihm gefiel die naive Froehlichkeit der Jugend.
Als Letzte, mit grossem Abstand, als die griechischen Goetter bereits das Thronpodest erreicht hatten und von den zwitschernden Juenglingen belagert wurden, erschien Dora, und ihr Auftreten erregte Aufsehen. Rittlings auf einem weissen Einhorn ritt sie aus einer Wolke auf die Buehne. Ihr ganzes Gewand, vom spitzen Hut mit einem Schleierband an der Spitze bis zu den eleganten Schuhen mit hochgebogenen Spitzen, war im Geiste des europaeischen Mittelalters gehalten. Sie sass seitwaerts auf dem Einhorn, als sei sie gerade aus einer Burg zu einem Ritt ueber die umliegenden Huegel aufgebrochen. Neben ihr ritt auf einem Rappen der Fuerst der Finsternis selbst, in einem duesteren, wie aus Nebel gewobenen Gewand. Hochmuetig blickte er auf den Saal und die erbaermlichen Menschlein herab. Unter diesem Blick erstarrten die Soldaten wie Steinfiguren, das Orchester verstummte. Alles wurde still, nur die unverstaendigen Kinder aus Usamas Gefolge laermten lauter, und das Blitzen ihrer Fotoapparate wurde intensiver.
Dora und ihr schauerlicher Begleiter, fuer dessen Erschaffung sie viele Ressourcen aufgewendet hatte, liessen die Tiere am Fusse des Podests zurueck und stiegen die Treppe hinauf. Dora nickte Oj und Ester kuehl zu, gruesste Chan und begruesste die uebrigen herzlich. Der Fuerst der Finsternis war prachtvoll und unnahbar. Er blickte verstaendnislos auf den Cerberus und begriff nicht, wie die Finsternis, deren oberster Boss zweifellos er war, ein solches Ungeheuer hervorbringen konnte. Vom Fuersten ging eine so kalte Teilnahmslosigkeit aus, dass sich ihm weder Menschen noch Goetter naeherten. Nur ein Maedchen in weissen Shorts wollte sich mit ihm „fotografieren“ lassen, aber er warf ihr einen solchen Blick zu, dass sie kreischend hinter Usamas Ruecken verschwand.
Als Dora das Begruessungsritual beendet hatte, verschwand die Buehne und der Ball brach los.
Laut begann das Orchester zu spielen, Kellner erschienen und reichten Getraenke und leichte H;ppchen. Die ersten Paare wirbelten im Tanz. Trotz der Buntheit des Publikums gelang der Ball. Griechische Goetter unterhielten sich mit laechelnden chinesischen Ministern, Nymphen tanzten der Reihe nach mit dem Fuersten der Finsternis. Cerberus, nachdem er drei Schalen franzoesischen Cognac leergeschluerft hatte, liess sich die Koepfe streicheln und erlaubte den laermenden Amerikanern, auf sich zu reiten.
Mitten im Ball, unmittelbar nach einem Tanz mit Frida, trat Chan an Oj heran.
— Es ist Zeit, — sagte er.
— Jetzt schon?
— Es ist Zeit, — wiederholte er.
— Zeit also, wenn es so sein muss, — sagte die hinzugekommene Ester.
Sie liess ihren Blick ueber den Ball schweifen, und im naechsten Augenblick befand sich das Trio in einem Labor mit einer Vielzahl von Apparaten und Computern.
Свидетельство о публикации №226022001821