Kapitel IV. Block Sklave 6
Oj sprang mit einem Ruck auf und rannte aus dem Stall. Das Bild, das sich ihm bot, wirkte erbaermlich-episch. Im Zentrum der Komposition am Pool stand der Junge mit einem Kuechenmesser in der Hand. Zu den Fuessen des gestrigen Sklaven kroch der gestrige Herr und versuchte, den schmutzigen Fuss des Jungen zu kuessen. Ein Aufseher, bewaffnet mit einer Keule, stand neben dem Jungen. Offenbar war er auf die Seite der Revolution uebergetreten. Der zweite Aufseher lag im Schlamm neben dem Stall. Mit der Handflaeche bedeckte er eine Schnittwunde an der Seite. Sklaven und Diener drueckten sich aengstlich zwischen die Saeulen. Nur Jultschitaj stand nahe bei dem Jungen. In den Haenden umklammerte sie den Schaft eines Faechers. Das ganze Bild war von den blutroten Strahlen der aufgegangenen Sonne der Freiheit durchdrungen.
— Schone mich, schone mich! — kreischte der besiegte Herr.
Wahrscheinlich flehte er schon lange, da er bereits heiser war.
Oj beugte sich ueber den verwundeten Aufseher. Dieser hatte viel Blut verloren, aber sein Leben war nicht in Gefahr.
— Er ist wahnsinnig geworden, — sagte der Verwundete mit schwacher Stimme, — ich schwoere bei Jupiter, der Sklave ist tollwuetig geworden.
— Schweig. Du darfst nicht sprechen.
Oj sah einen weissen Lappen neben sich liegen. Nachdem er ihn notduerftig vom Schmutz befreit hatte, deckte er vorsichtig dessen Wunde ab.
— Drueck den Lappen fest mit der Hand an und halte ihn, bis das Blut stoppt. He, ihr da! — rief Oj den Sklaven zu. — Helft ihm!
Niemand ruehrte sich. Mit schnellen Schritten ging Oj auf den Jungen zu. Der Weg wurde ihm von dem Aufseher mit der Keule und von Jultschitaj mit dem Stock versperrt.
— Lasst ihn durch, — befahl der Junge, — das ist mein Freund.
„Und woher kommt das nur alles. Und wohin ist nur der sklavische Gehorsam verschwunden.“
— Wo hast du das Messer her?
— Ich habe es dem Fleischer auf dem Basar gestohlen, — grinste der Junge. — Der Fleischer war dumm, und ich habe das Messer unter dem Rock versteckt, den du mir geschenkt hast.
„Ich kann mich nicht erinnern, eine Jacke geschenkt zu haben. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass die Revolution eine unerwuenschte Wendung nimmt, und sie wird eine noch schlimmere nehmen, wenn man die Gewalt nicht stoppt.“
— Lass ihn doch laufen, — bat Oj.
— Nein! — Der Junge schwang entschlossen das Messer und streifte mit der Spitze die Nase des Herrn. Waere es zwei Zentimeter weiter gewesen, haette der Junge dem knieenden Mann den Schaedel gespalten.
— Oj! — rief der Mann aus und griff sich an die blutende Nase.
Traenen liefen ueber seine dicken Wangen. Er sah Oj mit Hoffnung und Flehen an.
— Du bist viel zu guetig, — verzog der Junge boesartig den Mund, — die Revolution kennt keine Gnade fuer die Unterdruecker.
— Aber wozu brauchst du ihn noch, — redete Oj sanft auf ihn ein, — jetzt ist er nicht mehr gefaehrlich.
— Nein! — Der Junge stampfte mit dem Fuss auf. — Ich werde ihm das Herz herausreissen und damit den Weg zur Freiheit fuer alle Verstossenen und Unterdrueckten erleuchten.
„Was fuer eine seltsame Fantasie. Alles hat sich in dem armen Koepfchen vermischt: die dusselige Legende vom brennenden Herzen, die Franzoesische und die Russische Revolution.“
Der Junge hob das Messer und zielte auf den Hals des ungluecklichen Opfers der Revolution.
— Nein! — schrie Oj auf und packte den Jungen am Arm.
— Lass los! — Der Junge riss an seinem Arm.
Seine Haende waren sehr stark, aber Oj hielt dem Ansturm des Jungen stand. Schliesslich war er noch ein Kind.
— Lass los, sonst muss ich dich toeten, als Helfershelfer des Volksfeindes.
— Ester! — schrie Oj, waehrend er mit dem Jungen rang. — Wenn du mich hoerst, wenn es moeglich ist – gib mir Ressourcen!
— Ich werde es versuchen. — Esters Stimme war schwach, an der Grenze des innerlich Hoerbaren.
Sofort erstreckte sich ein duunner Faden der Macht zu Oj. Der Kanal war sehr schwach. Er schwankte wie eine Rauchsaeule im Wind. Dann festigte er sich, weitete sich, und Oj wurde wieder zum Gott. Er konnte wieder richten und gn;dig sein, gewaehren und entziehen, toeten und auferwecken, ohne sich um die Folgen zu sorgen, denn ein Gott ist dem Menschen nicht untertan, und seine Wege sind unergruendlich.
Als erste goettliche Tat entzog Oj dem Sklaven die Kraft. Dann schloss er die Wunde des zweiten Aufsehers und gab ihm seine Staerke zurueck. Der Sklave in der blutbespritzten Jacke und mit dem blutigen Messer stand schwer atmend vor ihm; der Aufseher erhob sich aus dem Schlamm, den der naechtliche Regen hinterlassen hatte. Mit unglaeubigem Staunen betrachtete er die duenne Narbe an seiner Seite. Welche Wunder er noch wirken sollte, wusste Oj nicht. Es galt, die Gewalt zu neutralisieren, ohne dabei die Idee der Befreiung zu vernichten. Oj half dem ehemaligen Herrn beim Aufstehen.
— Geh weg von hier. Schnell. Dass ich dich hier nicht mehr sehe.
Man musste ihn nicht zweimal bitten. Erschrocken und schuechtern blickte er zu Oj und eilte zum Brunnen, wobei er mit der Hand die blutige Nase bedeckte. Die Vertreibung des Opfers war nur eine voruebergehende Loesung, denn ein Sklave, der Blut geleckt hat, wird sich ein anderes Opfer suchen. Es galt, etwas zu erschaffen, das dem wachsenden freien Willen des aufstaendischen Sklaven Einhalt gebot. Oj kam eine Idee.
Er legte die Handflaechen in Augenhoehe zu einem flehenden Ausrufezeichen zusammen. Langsam begann er, die Handflaechen auseinanderzubewegen und alle verfuegbaren Ressourcen in den Spalt zu giessen. Sie trafen mit gewaltigem Strom die Brust des Jungen, woraufhin sein Koerper schwankte, zitterte und verschwommene Umrisse annahm. Oj breitete die Arme aus, und der Koerper des Jungen wuchs in die Breite. Die Spaltung des Sklaven zeigte sich sofort im Gesicht. Die Nasenbruecke verbreiterte sich, eine Furche erschien auf ihr, eine Vertiefung, die auf die Stirn ueberging und sich im dichten Haar verlor. Rechts und links der leuchtenden Trennungslinie zeichneten sich Nasenloecher ab, langsam tauchten Augen aus dem Nichts auf.
Ausserhalb des magischen Kreises der Teilung des Jungen erhoben sich verwunderte, begeisterte Stimmen. Nachdem sie ihre h;lzernen Waffen weggeworfen hatten, liessen sich der erste Aufseher und Jultschitaj auf die Knie nieder. Ihrem Beispiel folgten die Sklaven, die Diener, der zweite Aufseher und der Herr, der es noch nicht bis zu den Magnolienbueschen geschafft hatte. Die gesamte Gesellschaft betete bald in religioeser Ekstase.
Die Transformation des Jungen unterdessen dauerte an. Der Kopf hatte sich bereits fast geteilt, in den Haelsen zeichnete sich ein Spalt ab, in dem sich Schultern formten. Zuletzt trennten sich die Ohrlaeppchen. In diesem Moment glich der Junge siamesischen Zwillingen, die im Mutterleib zusammengewachsen waren.
„So teilen sich Kontinente“, kam es Oj in den Sinn.
Dieser Gedanke unterbrach fast den Prozess der Spaltung. Die Ohren wuchsen wieder zusammen. Oj vertrieb alle Gedanken und konzentrierte sich vollstaendig auf das Vollbringen des Wunders. Die Trennungslinie ergluehte heller. Die Schultern gingen in Arme ueber, Beine tauchten auf. Und da standen sie vor ihm: zwei ununterscheidbare Jungen in identischen, uebergrossen Jacken. Der linke Junge hielt das Fleischermesser in der Hand, der rechte hatte leere Haende.
— Ich nenne dich, — donnerte Oj mit biblischer Stimme und legte die Hand auf den Kopf des linken Jungen, — Willi, und dich, — Oj senkte die Hand auf den Kopf des anderen Jungen, — Wisse. Ihr werdet untrennbar voneinander sein, und einer wird ohne den anderen nicht existieren koennen.
Der Kanal wurde schwaecher.
— Oj! Ich kann ihn nicht mehr lange halten, — hoerte Oj in seinem Inneren die muede Stimme von Ester.
— Ich bin schon fast fertig, Ester.
Mit den restlichen Ressourcen stellte Oj die alte Ordnung wieder her, indem er bei allen die Erinnerung an das Wunder loeschte. Das Einzige, was er sich erlaubte: Er liess die blutende Wunde auf der Nase des Herrn zurueck. Zudem pflanzte er in die Seelen des Herrn und der Aufseher die Angst vor den Dienern und Sklaven ein, die sie nun sorgfaeltig verbergen mussten. Damit schloss Oj selbst den Kanal.
Die Bewohner der Villa erhoben sich von den Knien und schuettelten ihre Kleider ab. Sie blickten sich verstaendnislos um und begriffen nicht, warum sie sich in einer knieenden Haltung befunden hatten. Beide Aufseher griffen nach ihren Peitschen. Jultschitaj steckte den Faecher wieder auf den Schaft. Der Herr schlich seitwaerts zu seinem herrschaftlichen Platz. In seinen Augen sch;umte die Angst. Ihren Ursprung konnte der Herr nicht begreifen. Mit ihr musste er sich erst noch abfinden. Das Leben in der Villa kehrte allmaehlich in das gewohnte Fahrwasser zurueck. Sklaven und Diener gingen ihrer alltaeglichen Arbeit nach. Der Herr legte sich auf sein Lager. Er zuckte unwillkuerlich jedes Mal zusammen, wenn Jultschitaj den Faecher senkte.
Oj legte den Jungen die Arme um die Schultern.
— Gehen wir, meine Freunde, es warten viele Abenteuer auf uns.
Vorbei an den Magnolienbueschen, vorbei am Brunnen mit den zwei Holzueimern und der kupfernen Schoepfkelle auf der steinernen Bruestung traten sie auf die Strasse. Willi und Wisse gingen Hand in Hand. Oj folgte ihnen. Vor einer Villa, die in einem dichten Garten versank, blieb Willi stehen.
— Ich habe Hunger, — sagte er fordernd, — lass uns in das Haus einbrechen und Essen stehlen.
— Und wenn uns der Aufseher faengt, — wandte Wisse leise ein.
— Ich werde ihn toeten, — antwortete Willi hochmuetig, — ich bin jung, stark, ich habe ein Messer.
— Wir werden nicht immer jung und stark sein, — ueberzeugte ihn Wisse ruhig, — die Zeit wird vergehen, wir werden altern, schwach werden, das Messer wird verrosten, und dann wird ein Junge mit einem Messer kommen.
— Das wird niemals geschehen, — schrie Willi, — ich werde immer jung und stark sein und mich niemals von dem Messer trennen.
— Schwoere es nicht herauf, Willi, schwoere es nicht herauf. Warte hier. Ich werde allein gehen und um Essen bitten.
Wisse entfernte sich. Allein gelassen, begann Willi, das Messer in eine hohle Feige am Strassenrand zu werfen. Mit jedem Wurf gelang es ihm besser, doch bald wurde ihm diese Beschaeftigung ueberdruessig. Er setzte sich auf die Strasse, die unter den warmen Sonnenstrahlen bereits getrocknet war, und begann mit der Messerspitze irgendwelche Zeichen in den Staub zu zeichnen. Oj bemerkte er gar nicht. Willi begann sich unruhig umzusehen. Wahrscheinlich beunruhigte ihn die lange Abwesenheit von Wisse. Er stand auf und wollte zur Villa gehen, doch da oeffnete sich die Pforte, und Wisse kam heraus. Er trug einen Krug Milch und einen grossen Fladen. Die Taschen seiner Jacke buchteten sich von zwei grossen Aepfeln aus. Die Jungen setzten sich unter den Feigenbaum.
— Dort lebt eine alte Frau, — sagte Wisse und riss den Fladen entzwei, — und zwei betagte Dienerinnen. Die Herrin bittet uns, das Dach zu reparieren. Dafuer verspricht sie Kost und Logis.
— Ich will nicht stumpf arbeiten, — fuhr Willi finster drein, — mich von Brot ernaehren und im Stall uebernachten.
— Wir werden ein Zimmer im Haus haben, — wandte Wisse friedfertig ein, — und wir werden am Tisch der Herrin essen. Oj! — rief er freudig aus, — sieh mal, wer da zu uns rennt.
Auf der Strasse rannte mit herausgestreckter Zunge ungeschickt der Welpe Chan.
— Chan, mein Junge! — schrie Willi.
Die Begegnung der Freunde war voller Freude. Die Jungen umarmten Chan, dieser jaulte vor Entzuecken und leckte ihnen die Nasen. Dann rangelten die Jungen komisch miteinander, waehrend Chan um sie herumsprang und froehlich bellte. Nachdem sie sich ausgetobt hatten, machten sich alle drei an die Mahlzeit.
„Hier ist alles in Ordnung“, dachte Oj. „Das Werk ist getan, und es ist Zeit fuer mich, hier rauszukommen.“
Unbemerkt entfernte sich Oj.
Der Rueckweg nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Durch den schmalen Durchgang passierte er den Tempel und betrat das Territorium des stinkenden, schreienden Basars. Fedora war nicht zu sehen, und Ahmed sass an seinem gestrigen Platz bei seinen Toepfen. Hinter Ahmed ragte ein grosser schwarzer B;ndel auf. Oj wusste bereits, dass dies kein Sack mit Toepfen war, sondern die wunderschoene Sulfija, suess wie ein Pfirsich. Im Vorbeigehen gruesste Oj Ahmed freundschaftlich mit erhobener Hand. Der Toepfer blickte Oj finster an und wandte sich ab. Es war unklar, ob er ihn erkannt hatte oder nicht.
Ziemlich schnell fand er die Holztuer zur staubigen Kammer. Durch den langen, halbdunklen Korridor, vorbei an den Tueren der Bloecke, vorbei an dem Schaltkasten, dessen Eingriff beinahe zu einer Explosion gefuehrt haette, vorbei an dem schrecklichen Skelett des Leutnants mit dem abgefallenen Unterkiefer, gelangte Oj in eine kleine Hoehle und von dort in eine Schlucht, schmal wie ein Dolch. Gleich hinter dem Felsen, der den Eingang zur Schlucht verdeckte, begann der Park des Kaiserpalastes.
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