Kapitel I. Flucht 1
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Der Saal versank im Halbdunkel einer sommerlichen ukrainischen Nacht, die ungehindert durch die sperrangelweit offenen Fenster drang. Ueber den Tischchen flackerten, wie die Seelen von Suendern im Fegefeuer, die Flammen der Kerzen. In die schwankenden Kegel des Kerzenlichts gerieten immer wieder verschiedene Gegenstaende. Mal blitzte fuer einen Augenblick eine zierliche, mit Ringen besetzte Frauenhand auf, mal funkelte ein Messer, mal schwebte eine Gabel mit einem saftigen Stueck Fleisch vorueber, und mal naeherte sich dem Flammenlicht eine braune kubanische Zigarre mit einem wohlgenaehrten Maennergesicht am Ende. Die Zigarre trank das Licht fast aus, loeschte es beinahe, schob das Gesicht zurueck ins Halbdunkel und funkelte von dort boese mit einem winzigen roten Kreis.
In den Gaengen eilten opernhafte kleinrussische Bauerinnen umher, die, jede nach dem Mass ihres Talents, Kellnerinnen des Restaurants Partisan mimten. Die Bauerinnen laechelten, nahmen Bestellungen und Geld entgegen, brachten aus geheimnisvollen Orten berauschende Getraenke und riesige Teller mit kunstvoll angerichtetem Essen, trugen in geheimnisvolle Orte leeres Geschirr und riesige Teller mit unaesthetischen Essensresten fort. Im Grossen und Ganzen – sie arbeiteten, sie schuften wie bei der Fronarbeit.
Das Publikum erholte sich. Im Saal hing jener charakteristische Laerm, den eine Menge von Maennern und Frauen erzeugt, die sich bemuehen, elegant und ungezwungen zu essen und zu trinken. Messer klapperten auf Fayence, Glas klirrte, Kristall klirrte leise, man hoerte gedaempfte Gespraeche und leichtes Lachen.
Das Gemurmel des Speisens wurde von einer einfachen, unaufdringlichen Musik begleitet, die von der Buehne am Ende des Saals herueberfloss, welche ein wenig heller beleuchtet war als der restliche Raum.
Die zerstreute Deckenbeleuchtung wurde weniger zerstreut. Der Schlagzeuger Walja wirbelte den Trommelstock wie einen Propeller und brach ploetzlich in einen feinen Wirbel aus. Sowohl das Licht als auch der Trommelwirbel kuendigten an, dass die Kuenstler das Publikum nicht nur mit Musik, sondern auch mit Gesang unterhalten wollten. Nach der Vereinbarung zwischen Buehne und Saal waren an dieser Stelle Applaus faellig. Und tatsaechlich – es erscholl Haendeklatschen. Allerdings recht spaerliches.
Von irgendwoher von der Seite, aus dem Schatten, trat der Saenger Panther auf die Buehne, gekleidet entsprechend seiner Buehnenrolle – in schwarze, glaenzende, eng anliegende Gewaender. Eine schwarze Peruecke und ein mit sorgfaeltiger Nachlaessigkeit gestutzter Bart sollten das Bild vervollstaendigen. Allerdings ragte aus dem Bild des grimmigen Tieres ein rundliches Baeuchlein hervor. Solche Baeuche legen sich Maenner um die vierzig zu, die den Muehen des Sports nicht allzu zugeneigt sind. In der Welt draussen hoerte der Saenger Panther auf den Namen Igor Michailowitsch Sapruda.
Sapruda trat an den Rand der Buehne und nickte den Musikern zu, um seine Bereitschaft zum Gesang zu signalisieren. Die Musiker spielten das Vorspiel, und Sapruda begann mit einem angenehmen Bariton mit k;nstlicher Heiserkeit zu singen. Er sang von einer gewissen Frau, die der lyrische Held bewunderte und die er begehrte, doch jene geh;rte einem anderen. Und deshalb war dem Helden weder ein romantisches Abenteuer noch die betrueblichen Folgen vergoennt, die jedes romantische Abenteuer begleiten.
Den der Buehne am naechsten gelegenen Tisch, der etwas von den anderen abgetrennt war, nahm eine Gruppe von vier Personen ein. Der Hauptmann dort war Saprudas Jugendfreund Koschej, auch bekannt als Finanzautoritaet Widiw, laut Pass – Grischaew Nikolai Iwanowitsch – eine raetselhafte und sehr, sehr reiche Persoenlichkeit. In unseren spiegelverkehrten Landen, wo kriminelle Elemente und Strafverfolgungsbehoerden, das Grundgesetz der Philosophie missachtend, laengst ohne jeden Kampf eins geworden sind, ist grosser Reichtum nur fuer den unwissenden Buerger ein Raetsel, der vom Gift der Fernsehserien vergiftet ist. Doch diejenigen, denen es von Amts wegen oder aus anderem Grunde zusteht, wussten alles ueber reiche Leute. Aber Grischaew war ein besonderer Fall in dem Sinne, dass niemand aus beiden Behoerden wusste, wie viel er in fiktiven Geldeinheiten wog, noch woher sein Gewicht stammte. Unter kriminellen Groessen und Polizeigeneralen kursierte, um den wahnsinnigen Reichtum von Widiw irgendwie zu erklaeren, eine voellig fantastische Legende ueber die Hoehle Aladdins, die Grischaew angeblich in den Bergen des Grossen Kaukasus entdeckt hatte.
Von irgendwoher von der Seite, aus dem Schatten, trat der Saenger Panther auf die Buehne, gekleidet entsprechend seiner Buehnenrolle – in schwarze, glaenzende, eng anliegende Gewaender. Eine schwarze Peruecke und ein mit sorgfaeltiger Nachlaessigkeit gestutzter Bart sollten das Bild vervollstaendigen. Allerdings ragte aus dem Bild des grimmigen Tieres ein rundliches Baeuchlein hervor. Solche Baeuche legen sich Maenner um die vierzig zu, die den Muehen des Sports nicht allzu zugeneigt sind. In der Welt draussen hoerte der Saenger Panther auf den Namen Igor Michailowitsch Sapruda.
Sapruda trat an den Rand der Buehne und nickte den Musikern zu, um seine Bereitschaft zum Gesang zu signalisieren. Die Musiker spielten das Vorspiel, und Sapruda begann mit einem angenehmen Bariton mit k;nstlicher Heiserkeit zu singen. Er sang von einer gewissen Frau, die der lyrische Held bewunderte und die er begehrte, doch jene geh;rte einem anderen. Und deshalb war dem Helden weder ein romantisches Abenteuer noch die betrueblichen Folgen vergoennt, die jedes romantische Abenteuer begleiten.
Den der Buehne am naechsten gelegenen Tisch, der etwas von den anderen abgetrennt war, nahm eine Gruppe von vier Personen ein. Der Hauptmann dort war Saprudas Jugendfreund Koschej, auch bekannt als Finanzautoritaet Widis, laut Pass – Grischaew Nikolai Iwanowitsch – eine raetselhafte und sehr, sehr reiche Persoenlichkeit. In unseren spiegelverkehrten Landen, wo kriminelle Elemente und Strafverfolgungsbehoerden, das Grundgesetz der Philosophie missachtend, laengst ohne jeden Kampf eins geworden sind, ist grosser Reichtum nur fuer den unwissenden Buerger ein Raetsel, der vom Gift der Fernsehserien vergiftet ist. Doch diejenigen, denen es von Amts wegen oder aus anderem Grunde zusteht, wussten alles ueber reiche Leute. Aber Grischaew war ein besonderer Fall in dem Sinne, dass niemand aus beiden Behoerden wusste, wie viel er in fiktiven Geldeinheiten wog, noch woher sein Gewicht stammte. Unter kriminellen Groessen und Polizeigeneralen kursierte, um den wahnsinnigen Reichtum von Widiw irgendwie zu erklaeren, eine voellig fantastische Legende ueber die Hoehle Aladdins, die Grischaew angeblich in den Bergen des Grossen Kaukasus entdeckt hatte.
Einmal, in einem Moment der Offenheit, vertraute Grischaew Sapruda sein Geheimnis an. Er sei, wie sich herausstellte, ein Hacker der fuenften Generation.
— Und in welcher Generation leben die anderen Hacker? — erkundigte sich Sapruda.
Grischaew nahm einen winzigen Schluck von dem Wein, der trocken wie die Wueste war, und verzog das Gesicht zu einem ver;chtlichen Grinsen.
— Die Besten von ihnen in der dritten oder sogar in der zweiten.
Die Geschichte, die Grischaew erzaehlte, klang fantastischer als Aladdins Hoehle. Er, ein Hacker der fuenften Generation, erschafft virtuelle Hacker der vierten Generation. Nicht alle seine Geschoepfe ueberlebten in der eisigen Atmosphaere des Netzes, aber diejenigen, die ueberlebten, holten ihm regelmaessig die Kastanien aus den finanziellen Gluehtiegeln.
Sapruda glaubte nicht an die Hacker-Ausrede. Es ging ihm nicht in den Kopf, wie Millionen virtueller Nullen und Einsen Millionen von echtem Schotter stehlen konnten. Da war es leichter, an eine Zauberhoehle zu glauben.
Gegenueber von Grischaew sass die Baronesse Wika. Ein Vierteljahrhundert lang hatte Antonina Petrowna Pawlowa gelebt und war den r;hrseligen komsomolzenhaften Chimaeren gefolgt. Eines fruehen Morgens wachte sie auf und erkannte mit erschreckender Bestimmtheit, dass sie keine Kommissarin im staubigen Helm war, sondern die Baronesse Wika; dass alle staubigen Helme laengst auf dem Flohmarkt an allesfressende Touristen verkauft worden waren und dass das Land in einem anderen Jahrhundert lebte. Sie verbrannte das rote Halstuch, zerriss den Wimpel des besten Stahlkochers des Kusbass in Fetzen und ging auf die Strasse, um ihren Baron zu suchen. Es dauerte keine Stunde, da hatte sie Grischaew gefunden.
An den Seiten von Grischaew hatten sich die Zwillingsbrueder niedergelassen – Wlad und Max Seminjuk – die rechte und die linke Hand von Vidis. Max war klueger und erhob den Anspruch, die rechte Hand zu sein. Wlad war listiger, und er begnuegte sich mit den unbeschwerlichen Pflichten der linken Hand. Neben der aeusseren Aehnlichkeit verband die Brueder die bedingungslose Treue zum Chef.
Der Panther beendete seine Bewunderung fuer die fremde Frau und begann, vom weissen Dampfer zu singen. Die Leute tranken, assen, redeten, sahen zur Buehne. Die Bauerinnen eilten zwischen den Tischen umher. Das Restaurant lebte sein gewoehnliches Leben – betrunken, manchmal ausschweifend, meistens skandaltragend.
Am Eingang erschienen zwei Chinesen: ein Juengling und ein Maedchen, einfach und ordentlich gekleidet. Zusaetzlich zu dem weissen Hemd mit kurzen Aermeln und der schwarzen Hose trug der Juengling eine undurchdringliche Sonnenbrille, wodurch er dem Waechter des Orakels aus dem amerikanischen Film „Matrix“ ;hnelte. Das Maedchen trug ein leichtes rosa Kleid. Sie blieben am Eingang stehen und musterten aufmerksam den Saal, gingen dann zur Bar und setzten sich auf die hohen Stuehle. Niemand beachtete sie, ausser dem Panther, der bei den Worten „fliessendes Wasser, du traegst mich davon“ zufaellig zum Eingang blickte. Der Panther dachte noch, dass die Chinesin sich durch die Strenge ihrer Kleidung von den bunten Gewaendern unserer Damen unterscheidet, wie eine Feldkamille von holl;ndischen Treibhausrosen.
Auch der Barkeeper Dima bemerkte sie, aber dem oblag es von Berufs wegen, neue Besucher wahrzunehmen. Dima trat an das chinesische Paar heran und blickte sie fragend und vielsagend an, ohne auf ihre Russischkenntnisse zu hoffen.
— Orangensaft, bitte, — sagte der Juengling ohne den geringsten Akzent.
— Coca-Cola, — sagte das Maedchen.
Der Gitarrist Sewa kuendigte eine kleine technische Pause an. Die Musiker verliessen einer nach dem anderen die Buehne, hinaus aus der stickigen Atmosphaere des Saals in die Schwuele des ukrainischen Sommers. Nach kurzem Ueberlegen trottete der Panther ihnen nach. An der Bar stolperte er, als er jemanden blickte. Der Chinese starrte ihn mit den schwarzen Untertassen seiner Brille an, starrte ihn irgendwie raubtierhaft an. Das Maedchen sass mit dem Ruecken zum Panther, ganz vertieft in den Genuss ihres Getraenks. Der gerade Ruecken und die Haltung der Schultern liessen auf eine Sportlerin oder Taenzerin schliessen. Der Panther unterdrueckte mit Muehe den Wunsch, hinzugehen und das in unseren Breitengraden ungewoehnliche Paar kennenzulernen. Er waere hingegangen und haette gesagt: „Guten Tag, mein Name ist Panther. Das ist ein Kuenstlername und eine Rolle. In Wirklichkeit heisse ich Igor Sapruda. Ein gewoehnlicher Name fuer ein gewoehnliches Lokal.“ Sie haetten geantwortet: „Und wir heissen...“. Und was dann? Interessiert ihn der Juengling? Nein. Gefaellt ihm das Maedchen? Nicht so sehr, dass... Und Sapruda ging weiter.
Draussen am Eingang des Restaurants rauchten die Musiker, mit denen das Schicksal Igor Sapruda zufaellig und fuer kurze Zeit zusammengefuehrt hatte. Der Schlagzeuger Walja, ein dicker Tolpatsch mit taetowierten Armen und Nacken. Der Gitarrist und Geiger Sewa, das genaue Gegenteil des Trommlers – hager und langhaarig. Und der Keyboarder Oleg, ein ernster junger Mann mit Konservatoriumsausbildung. In ihrem kleinen Orchester galt Oleg als der Kopf.
Die Nacht wurde vom Vollmond, den Stadtlichtern und der Neonreklame „artisan“ beleuchtet. Der erste Buchstabe „P“ war vor einem Monat erloschen, nach dem Sturm des Restaurants durch die Sondereinheit „Berkut“.
Die jungen Leute diskutierten die neuesten politischen Nachrichten, den Streit zwischen dem Professor und Julia. Wer von ihnen recht hatte und wer mehr Schuld trug.
Sapruda stand etwas abseits, blickte zum Mond, auf die vorbeifahrenden Autos und erinnerte sich. Vor langer, langer Zeit, es schien wie in einem frueheren Leben, hatte er, der zwanzigjaehrige Student der Hauptstadt-Universitaet Igor Sapruda, verzweifelt ueber die Wahl des Weges gestritten. Das ganze Land lebte in Erwartung baldiger radikaler Veraenderungen: ein wuerdiges Dasein, materieller Wohlstand, moralische Genugtuung. Und nun waren die Veraenderungen gekommen. Und was war? Nichts. Gewonnen hatten Einzelne, verloren alle anderen. Und jetzt trat die neue Generation auf dieselben alten Rechen.
— Und was meinen Sie, Igor Michailowitsch? — fragte Sewa.
In seine Erinnerungen vertieft, hatte Sapruda nicht gehoert, worueber die Musiker in den letzten paar Minuten gesprochen hatten. Man musste etwas vage Philosophisches sagen, das fuer jeden Anlass passte.
— Ich denke... wer auch immer gewinnt, wir werden unweigerlich verlieren.
An dem ratlosen Blick der jungen Leute erkannte Sapruda, dass die Antwort nicht ganz gluecklich gewesen war.
Am Keyboard-Synthesizer stand Oleg. Er spielte tadellos. Was war f;r ihn, nach Liszt und Chopin, schon die bescheidene Melodie eines Chansons.
„Madame, schon fallen die Blaetter“, – waehrend er das chinesische Paar beobachtete, grassierte der Panther im Stile von Wertinski, – „und der Herbst liegt im toedlichen Wahn...“
Die Chinesen traten an den Tisch von Grischaew heran. Sie verbeugten sich hoeflich, der Juengling sagte etwas. Grischaew lud sie mit einer Geste ein, sich zu setzen. Sie setzten sich. Der Chinese sagte erneut etwas. Der Panther sah, wie Grischaew erblasste, wie das Gesicht der Baronesse boese wurde. Der Juengling und das Maedchen standen auf, verabschiedeten sich mit einer kaum merklichen Neigung des Kopfes und entfernten sich bei den Worten: „Ich habe Euch zu lange begehrt, ich werde niemals zu Euch kommen.“
Vor dem Gehen nahm der Chinese f;r eine Sekunde die dunkle Brille ab und brannte Sapruda mit einem aufmerksamen Blick nieder. Zwei Bullen am Nachbartisch, die Vidis immer und ueberall begleiteten, zuckten zusammen, um die Beleidiger ihres Herrn zu bestrafen, doch Grischaew hielt sie mit einem Blick und einer Geste zurueck. Bleibt sitzen, wo ihr seid, hiess das.
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