Kapitel I. Flucht 2
Der Sommer in diesem Jahr war heiss und feucht. Die Nacht wurde von warmen, reichlichen Regenfaellen gewaschen, der Tag brannte in einer Hitze, die den Asphalt schmelzen liess. Kuehlung fanden die Menschen im Fluss und unter Klimaanlagen. Jene Menschen, natuerlich, die Klimaanlagen besassen.
Sapruda besass eine Klimaanlage, er besass auch eine Dreizimmerwohnung in einem Haus aus der Zeit vor der proletarischen Revolution, die er vor zwei Jahren mit grossem nervlichem Aufwand erworben hatte. Er hatte sie in einen supermodernen Zufluchtsort fuer einen endlich zur Ruhe gekommenen, fahrenden Ritter verwandelt, als den sich Sapruda bisweilen fuehlte. Der Ritter Panther. In Ruestung auf einem wilden Hengst, schnell wie ein schwarzer Blitz. Monate in der Untersuchungshaft, Monate des Entzugs von der Drogensucht – Sapruda konnte nicht schlafen, bis er das Bild des schwarzen Ritters mit geschlossenem Visier und erhobener langer Lanze in der rechten Hand gefunden hatte. Indem er sich als Ritter zu Pferd vorstellte, schlief er zum ersten Mal seit vielen Tagen ruhig und friedlich ein. Damals, mit diesem virtuellen Fund, begann die Rueckkehr von Igor Sapruda ins Leben.
In der Wohnung gab es eine Kueche, die elegant, sogar mit dem Anspruch auf Individualitaet, eingerichtet war. Leise summte die Klimaanlage und pumpte angenehme Kuehle in den Raum. In diesem kuehlen Paradies war kaum zu glauben, dass vor dem Fenster mit der Dreifachverglasung die Hitze der Strasse tobte.
Eingehuellt in einen weichen weissen Bademantel, trank Sapruda Kaffee und dachte an die gestrigen Chinesen. Sie gingen ihm nicht aus dem Kopf. Wer waren sie? Was wollten sie im Restaurant? Worueber hatten sie mit Grischaew gesprochen? Auf keine dieser Fragen konnte er sich eine vernuenftige Antwort geben, und was half es auch zu fragen.
Sapruda seufzte, stellte die leere Tasse in die Spuelmaschine, goss sich in eine saubere Tasse weiteren Kaffee ein und ging in das Zimmer, das ebenso steril und kuehl war wie die Kueche. Er stellte die Tasse auf einen niedrigen Glastisch, liess sich in einen weichen Sessel sinken und schaltete den Fernseher ein. Er geriet in eine belehrende Serie aus dem Klosterleben in Zentralrussland.
Sapruda liess den Blick langsam durch das geraeumige, helle Zimmer schweifen.
Wie relativ alles war. Wenn ihm vor zwanzig Jahren jemand gesagt haette, dass er allein auf einhundert Quadratmetern leben wuerde, er haette es nicht geglaubt. Sein Vater, der sein ganzes Leben lang im Stahlwerk geschuftet hatte, und seine Mutter, die ehrlich versuchte, den Bengeln die russische Sprache und Literatur beizubringen, hatten vom Staat erst im Alter eine bescheidene Zweizimmer-Chruschtschowka erhalten, als Igor fuenfzehn wurde. „Was fuer ein Alter“, korrigierte sich Sapruda, „sie waren kaum ueber vierzig. Nur wenig aelter, als ich es jetzt bin.“
Und wenn ihm vor zwoelf Jahren jemand gesagt haette, dass er sich in einer bescheidenen Hoehle in der Provinz niederlassen wuerde, er haette diesem Frechling ins Gesicht gelacht.
Das Geld kam von selbst in die Haende. Das Leben erschien Sapruda damals wie eine grosse Melkkuh, man musste nur an den Zitzen ziehen, man durfte nur nicht faul sein. Und Sapruda Igor Michailowitsch war nicht faul. Waggonladungen mit Holz, Metall und Gott weiss was noch rollten nach Westen, von dort brachte man Autos, neue und gebrauchte, landwirtschaftliche Geraete, Baumaterialien. Ein gut funktionierendes Vertriebsnetz, acht Filialen in grossen Staedten, allein in Moskau drei Autosalons, eine Immobilienfirma, fuenf Baumarktgeschaefte, ein Casino. Das Casino! Mit ihm begann der Absturz.
Die Mutter Pelageja auf dem Flachbildschirm massregelte streng eine junge Novizin, die mit ihrer Figur und ihrem Gesichtchen, Gott weiss es, nichts in einem Tempel boshafter Enthaltsamkeit zu suchen hatte. Sapruda stoehnte auf und lehnte sich in die Rueckenlehne des Sessels.
Das Casino. Damit fing alles an. Dort probierte er zum ersten Mal den Fluch seines Lebens – Koks. Sein Schwiegervater war gegen das Projekt „Casino“ gewesen und half nicht, aber er und Walera hatten das Projekt dennoch bis zur Realisierung durchgezogen, denn es gab kein gewinntraechtigeres Geschaeft als Roulette und Karten. Und dann ging es los: wochenlange Zechen, Buendel von Dollars, Huren, staendige Skandale zu Hause und die Entfremdung von seiner Tochter. Nastja. Jetzt war sie siebzehn. Ein fremdes, erwachsenes Maedchen. Seltene Briefe: „Hallo. Alles gut. Habe die neunte Klasse abgeschlossen.“ Noch seltener Anrufe. Zum Geburtstag oder zu Neujahr. Doch Sapruda erinnerte sich an sie als fuenfjaehrigen Engel im rosa Kleidchen, in weissen Schuhen und mit einer grossen rosa Schleife. Sie gingen im Park spazieren, assen Eis, Nastja beschmierte sich das Gesichtchen und die Haendchen. Igor wusch die Tochter mit dem warmen Wasser eines Brunnens ab. Nastja war es kitzlig. Sie lachte. Auch Igor lachte: „Hab Geduld, Haeschen, hier auf der Wange ist noch ein Fleckchen.“ Wo war das alles geblieben, wohin war es gegangen? Der gruene Daemon des Dollars und die weisse Hexe des Pulvers hatten das Familienglueck verschlungen.
Die Unannehmlichkeiten begannen ein Jahr nach der Eroeffnung des Spielhauses. Zu dieser Zeit verliess Sapruda Sinaida und Nastja. „Papa, liebst du uns nicht mehr?“, weinte Nastja, als er mit dem Koffer an der Schwelle stand. Alles in seinem Inneren riss ab. Er liess den Koffer fallen, drueckte sein Toechterchen an sich und weinte zum zweiten Mal in seinem Leben. Das erste Mal hatte Igor geweint, als seine Mutter starb. Sinaida riss Nastja von ihm los, fuehrte sie weg und warf ihm im Gehen boese zu: „Lass ihn gehen, er liebt uns nicht mehr.“
Ein grosses Geschaeft platzte durch Saprudas Schuld. Sie zahlten eine Vertragsstrafe. Unangenehm, aber das kommt vor. Dann baute der Partner, Walerka Kasjanow, einen noch groesseren Bock. Schlecht, aber nicht toedlich. Sie deckten auch diese Verluste. Dann hetzte irgendein Bastard ihnen die Steuerfahndung auf den Hals. Sapruda verlor voellig den Ueberblick: wie viele Millionen sie im Umlauf hatten, wie viele in Offshores, wie viele in Banken und Schulden. Der Finanzdirektor lief mit den erschrockenen Augen einer Ratte umher, die sich anschickte, das gemuetliche, aber sinkende Schiff zu verlassen. Jeden Abend berieten Igor und Walera in einem separaten Kabinett des Casinos, wie die Lage zu retten sei. Und alle Beratungen endeten entweder mit einer Zechtour bis zum Morgen oder mit Maedchen – oder mit beidem, verbunden mit den obligatorischen „Lines“ auf der Spiegeloberflaeche.
Der Schwiegervater unkte, er solle das Casino verkaufen, zur Familie zurueckkehren und auf Knien Sinaida um Verzeihung anflehen. Das sollte nicht geschehen, zudem fuehlte sich Sapruda nicht schuldig. Jedenfalls nicht in dem Masse, um auf Knien zu kriechen.
Der Schwiegervater, Boris Arkadjewitsch, ein grosses Parteischwein. Gegen ihn und seinesgleichen hatte Sapruda Transparente auf demokratischen Demonstrationen getragen, hatte Wache am Weissen Haus gehalten, wo die Parteikonferenz die Partei der Leninisten ihrer Unschuld beraubte. Gegen sie, gegen ihre Privilegien war Sapruda mit Genossen im August 91 gegen die Panzer gezogen. Wie kleinlaut sie nach dem Putsch geworden waren, wie schuechtern und ungefaehrlich sie schienen, wie sie sich anbiederten. Ein Koloss auf toenernen Fuessen. Keine zwei Jahre vergingen, und sie waren wieder ganz oben. Nicht alle natuerlich, aber Boris Arkadjewitsch gehoerte zu jenen Raubtieren, die das Land in Stuecke rissen. Den wahren Revolutionaeren blieben nur Broesel, wenn ihnen ueberhaupt etwas blieb. Es ist wahrlich so: Revolutionen werden von Idealisten gemacht, aber den Zaster teilen sich irgendwelche Partei- und Komsomolzen-Bastarde.
Eines Tages verschwand Walera fuer eine Woche. Er hatte schon frueher die Gewohnheit gehabt, mit irgendeiner Schoenheit abzutauchen und alle Mobilfunkverbindungen zu kappen, aber niemals hatten seine Ausfluege laenger als drei Tage gedauert. In Moskau wurde damals jeden Tag jemand umgebracht, jemand verschwand spurlos und fuer immer. In der grossen Neuverteilung des Eigentums standen die Geschaeftsleute an der Spitze der Risikogruppe. In Igor verfestigte sich allmaehlich die Gewissheit – mit Walera war etwas so Schlimmes passiert, dass man nicht einmal daran denken wollte.
Sapruda sass in seinem geheimen Zimmer und teilte seine Einsamkeit mit unertraeglichen Kopfschmerzen. Er ueberlegte grimmig, womit er beginnen sollte. Mit Cognac, oder sollte er zu Sinaida fahren, auf dem Bauch kriechen und mit dem Schwanz wedeln wie ein Hund, der Mist gebaut hat. Er hatte sich fast entschieden – zuerst das Pulver, dann Sinaida. Igor hatte zwei Lines auf das Spiegelchen geschuettet, rollte geschickt einen Hundert-Dollar-Schein zu einem Roehrchen und wollte gerade mit der Ausfuehrung seines Plans beginnen, als sich die Tuer oeffnete und Walera eintrat. Erfrischt, gebraeunt, froehlich und energisch. Fast so, wie er vor all diesem Scheiss gewesen war.
— Wo warst du, — kr;chzte Sapruda, — konntest du nicht verdammt noch mal anrufen?
Igor erstarrte mit dem Roehrchen ueber den narkotischen Lines.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm Walera das Roehrchen aus Igors kraftlosen Fingern und schuettete das Pulver in einen Topf mit einer vertrockneten Palme.
— Bist du voellig uebergeschnappt? — sagte Igor, aber er hatte keine Kraft, gegen den energischen Walera anzukaempfen.
— Und ob, — sagte Walera, — mit den Drogen ist Schluss. Setz dich und hoer zu. Ich habe einen Ausweg gefunden.
Der Ausweg nannte sich Transfer von drei Waffenladungen von Punkt A nach Punkt B. Alles ist eingeruehrt. Die Chargen werden zusammengestellt. Der Korridor ist frei. Es bleiben hier in Moskau nur noch ein paar kleine Formalitaeten zu erledigen. Igor hoerte zu und wurde immer dusterer.
— Ich habe das ungute Gefuehl, dass die Kaeufer Wahhabiten sind.
Walera winkte ab und grinste.
— Die Fracht wird nach Dagestan geliefert. Was danach damit geschieht, ist nicht unser verdammtes Bier. Formal sind wir sauber.
— Nein, Walera. In diesen Dreck steige ich nicht mit ein.
Kasjanow wurde w;tend. Sein Gesicht wurde hart und spitz. Er blickte Igor mit zusammengekniffenen Augen an und redete Tacheles.
— Du willst wohl, Sapruda, dass die Glaeubiger uns im Pool ersaeufen. Das ist deine Sache, aber ich will noch ein bisschen leben.
Sapruda starrte auf den Tisch. Koerper und Gehirn verlangten nach Koks oder zumindest nach Wodka.
— Weisst du, wie viel wir schulden?
— Fuenf, sechs Millionen, — brummte Igor.
— Wie waere es mit zwoelf? Bei zwei Schuldenposten laufen bereits die Zaehler.
Sapruda seufzte schwer und griff nach der Tischschublade, um das Kokain zu holen. Walera schlug ihm schmerzhaft auf die Hand.
— Ich sagte: Mit den Drogen ist Schluss.
Er holte Wodka aus der Bar und goss ein volles Glas ein.
— Trink!
Sapruda trank. Es wurde leichter.
— Du glaubst wohl, dein Schwiegervater deckt dich? Hoffe nicht darauf. Dieses Schwein wird dich als Erster verpfeifen.
— Das stimmt, — stimmte Igor zu, — das Schwein wird mich verpfeifen.
Der Alkohol begann zu wirken, und der Verkauf von Maschinengewehren an tschetschenische Wahhabiten erschien Igor nicht mehr als ein toedlich schreckliches Unterfangen.
— Du musst verstehen, — fuhr Walera fort, — die Wahhabiten, die Tschetschenen, der Teufel, der D;mon, sie werden das Ihre bekommen. Wenn nicht wir, dann andere. Aber wenn wir es nicht sind, werden wir nicht mehr am Leben sein. Das ist die beschissene Rechnung, die dabei herauskommt.
— Schon gut, Walera, lassen wir das. Du siehst, ich widerspreche nicht mehr.
Zu Sinaida ging Igor nicht.
Sapruda trank den kalten Kaffee aus, unterbrach mit einem Knopfdruck das Klugscheissern der Mutter Pelageja mitten im Wort, stand auf und trat ans Fenster.
Die erste Fuhre war wie geschmiert gelaufen. Bei der zweiten wurden sie geschnappt.
Das Klingeln der Gegensprechanlage verscheuchte die unzusammenhaengenden Bilder seines frueheren Lebens. Sapruda blickte auf die Uhr. Fast zehn. „Wer hat es denn so eilig in aller Herrgottsfruehe?“
Es war Wlad Seminjuk. Er stand vor dem Hauseingang und trat von einem Fuss auf den anderen. Die Kamera verzerrte seine Figur und seine Gesichtszuege. Seminjuk war nicht allein. Der Schatten eines Kopfes und von Schultern auf der Treppe verriet die Anwesenheit einer weiteren Person.
— Nun? — sagte Sapruda ins Mikrofon.
— Ein Ei in den Schuh, — antwortete Seminjuk grob, — mach auf.
Er hoerte auf herumzutaenzeln und hielt sich am Tuergriff fest.
— Was willst du, Wlad?
— Eigentlich bin ich Max, — wieherte Seminjuk, — Vidis hat mich geschickt, es gibt ein Geschaeft.
Eine Zeit lang ueberlegte Sapruda, ob er Koschej mit seinen Handlangern und seinen Geschaeften nicht einfach zum Teufel jagen sollte. Der von Natur aus feinfuehlige Max spuerte sein Zoegern.
— Panther, — Max’ Stimme wurde leise und sanft, — nun zier dich doch nicht so. Ich bin ja nicht aus eigenem Willen gekommen. Dein Freund hat mich geschickt.
— Gut, komm rein. Allein. Der Leibwaechter bleibt draussen.
Seminjuk blickte unzufrieden in die Richtung des Schattens und stiess gegen die summende Tuer. Sapruda empfing Max im Flur.
— Also, was will mein Freund Vidis?
— Das weiss ich nicht, Panther. Der Chef hat befohlen, dich zu holen und zu ihm zu bringen.
— Eigentlich habe ich am Vormittag alle Haende voll zu tun.
Sapruda log. Er hatte keinerlei Erledigungen, aber er hatte keine Lust, sich bei dieser Hitze zu Koschej zu schleppen und mit ihm zu trinken. Seminjuk grinste widerlich.
— Der Chef hat die Wahrscheinlichkeit vorhergesehen, dass du vormittags zu tun hast. Ich uebermittle seine Worte: Falls er zu tun hat, sag ihm, dass es um den Kauf des „Partisan“ geht.
Grischaews Kredit fuer den Erwerb des Restaurants war ein ernstes Argument. Nicht zu fahren, war also ausgeschlossen.
— Mach dir nicht ins Hemd, Panther, — Max klopfte Sapruda auf die Schulter, und diese Beruehrung war Igor aeusserst unangenehm, — bald wird der „Partisan“ in deiner Tasche sein.
— Warte draussen, — sagte Igor und deutete Max zur Tuer, — ich bin in einer Viertelstunde fertig.
Hinter der Tuer tobte der mitleidlose ukrainische Sommer, besonders unertraeglich nach der Kuehle der Wohnung. Sapruda blickte ergeben zum Himmel, der blass war vor dem Strom der Sonnenstrahlen, und ging auf sein im Hof geparktes Auto zu. Seminjuk stellte sich ihm in den Weg.
— Mit deinem Honda wirst du zu weit hinter uns zurueckbleiben, — Max deutete auf den maechtigen Jeep, der an der Hofeinfahrt stand, — fahr bei uns mit. Wir sausen mit dem Wind dahin.
Sapruda zuckte mit den Schultern, steckte die Schluessel weg und folgte Max.
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