Taube
Und dann hielt mein Blick inne.
Mitten auf dem Gehweg, im flackernden Licht einer sterbenden Strassenlaterne, liegt eine Taube. Sie lebt noch, aber es ist ein Leben, das nur noch aus Entsetzen besteht. Ihre Fluegel sind gebrochen, die Federn am Schwanz ausgerissen, nacktes, zitterndes Fleisch liegt frei. Ueber ihr thront eine Kraehe. Schwarz, kraeftig, unerbittlich. Mit einer methodischen Grausamkeit hackt sie auf das wehrlose Tier ein, reisst an den Wunden, wartet nicht einmal auf den Tod, um mit dem Fressen zu beginnen.
Dieses ENTSETZEN, das diesen Vogel laehmte, kann ich mir kaum vorstellen. Aber was konnte ich tun? Ich musste mich zur Arbeit beeilen.
Alles, was ich tat, war, die Kraehe zu verscheuchen, dieses warme Buendel Schmerz aufzuheben und es auf die Schwelle eines Kindergartens zu legen, der auf meinem Weg lag. Ich hoffte auf das Mitgefuehl anderer. Das war vor zwei Jahren.
Die Wahrheit ist, dass ein „schoener Text“ nur der Versuch ist, die Linse zu reinigen, durch die wir alle auf die Welt blicken. Damit ich morgen, wenn ich wieder jemanden in Not sehe, ein wenig mehr Kraft habe, nicht vorbeizugehen. Schoene Worte und selbst die tiefsten Erkenntnisse sind nur Totenmasken. Sie waermen keinen erkalteten Koerper und heilen keine gebrochenen Fluegel. Darin liegt die Tragoedie: Wir schreiben nicht, um jene Taube zu retten, sondern um zu verhindern, dass die Routine uns selbst endgueltig auffrisst.
Ich kann nicht an jenen Morgen zurueckkehren und alles ungeschehen machen. Alles, was ich tat: Ich brachte sie auf die Schwelle. Gab ihr die Chance, nicht unter dem Schnabel des Aasfressers zu sterben, sondern in Frieden. Das war alles, was ich in jenem Moment tun konnte.
Meine Angehoerigen, diejenigen, an denen ich manchmal wegen der Schulden und der Routine meinen Zorn auslasse – sie sind keine „Tauben“. Und ich will fuer sie nicht nur ein nutzloser Schutz sein. Ich werde sie immer beschuetzen, bis zum Ende.
Dieser Text wird keine Toten auferstehen lassen. Aber vielleicht verhindert er, dass ich mich endgueltig in einen Zombie verwandle. Es ist ein Kampf um die lebendige Seele, nicht um die Vergangenheit.
Ich habe damals getan, was ich getan habe. Und ich tue heute, was ich tue. Man braucht sich nicht selbst zu zerfleischen, weil man nicht allmaechtig ist. Wir alle sind nur Menschen auf dem Weg zu unserer Arbeit, morgens um halb sieben.
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