Kapitel I. Flucht 3

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Nikolai Iwanowitsch Grischaew, Sapruda seit der Kindheit als Kolka Koschej bekannt, die Finanzautoritaet Vidis, erwartete den Panther auf der Veranda. Er war nicht bei guter Laune, er war unruhig.
Bis zum Alter von dreissig Jahren hatte Kolja Grischaew ruhig und still gelebt, ohne starke Leidenschaften zu kennen, ohne grosses Geld zu besitzen. Schule mit Goldmedaille, Universitaet mit Auszeichnung, Arbeit in einem fast kollabierten Ruestungsbetrieb, wo er sich mit der mathematischen Modellierung von ausserplanmaessigen Flugsituationen fuer Objekte beschaeftigte. Die Objekte waren Raketen, und die Auftraege wurden von der russischen Weltraumagentur zugeschustert, dank derer das Leben in dem einst maechtigen Buero, das der Welt viele militaerische Schreckgespenster beschert hatte, noch immer glimmte.
Bei der Arbeit galt Grischaew als angesehen, da er in Bezug auf irdische Gueter anspruchslos war. Das heisst, er begnuegte sich mit einem kleinen Gehalt, war fleissig und klug. In seiner Freizeit spielte er leidenschaftlich Netzwerkspiele und trieb im Netz kleinere Schandtaten, wobei er sich fuer einen Hacker hielt. Alles aenderte sich, als Grischaew die Hoehle Aladdins fand. Dies geschah in den Bergen von Dagestan nahe der tschetschenischen Grenze. Der erste Tschetschenien-Krieg war bereits vorbei, der zweite hatte noch nicht begonnen, und Touristengruppen n;herten sich dicht der Grenze, manche drangen sogar auf das Territorium der aufstaendischen Republik vor.
Auf dem Tagesmarsch ging Grischaew als Letzter. Er war ein wenig hinter seine vier Gefaehrten zurueckgefallen, aber es gab keinen Grund zur Sorge; er war ein erfahrener Wanderer, kannte den Pfad gut und befand sich in hervorragender koerperlicher Verfassung. Grischaew legte einen Zahn zu, in der Erwartung, die Gruppe in einer halben Stunde einzuholen, und da erregte ein kaum merklicher Pfad, der in eine Schlucht abzweigte, seine Aufmerksamkeit. Dutzende solcher Pfade war Grischaew schon gegangen und hatte sie nur am Rande seines Bewusstseins registriert, doch hier versetzte ihm etwas einen Stoss. Ohne selbst zu wissen warum, bog er auf den Pfad ab, der wahrscheinlich von wilden Ziegen getreten worden war. Zehn Minuten lang ging er den Pfad entlang. Nichts Ungewoehnliches. Steine, ein spaerlicher Bach, karge Vegetation. Er wollte schon umkehren und beschimpfte sich mit den schlimmsten Worten wegen seiner Unvorsichtigkeit und Undiszipliniertheit. In den Bergen ist es gefaehrlich, mit so etwas zu spielen.
Grischaew wollte gerade umkehren, als er unweit eine Schwaerze an der Wand der Schlucht bemerkte, dichter als der Schatten eines Felsvorsprungs. Neugierig geworden, gelangte er zu der Vertiefung im Gestein. Sie schien Grischaew von Menschenhand geschaffen zu sein. Er warf seinen schweren Rucksack ab und kletterte in einen Durchlass von nicht mehr als einem Meter Durchmesser. Haette ihn jemand gefragt, warum er das tat, Grischaew haette keine rationale Antwort finden koennen.
Der Durchlass muendete in eine kleine, halbdunkle Hoehle. Eine Schlangenfamilie hatte hier ihr Nest gebaut. Im Strahl der Taschenlampe leuchteten die Schlangenaugen in gelbem Feuer. Sie zischten Grischaew an, hoben drohend ihre flachen Koepfe und warfen schreckliche Schatten an die feuchten Waende. Grischaew erschlug drei grosse Schlangen mit einem Stock, die kleinen Jungen zertrat er mit seinen Armeestiefeln – so fest, dass kein Wolf sie durchbeissen koennte, geschweige denn das kriechende Getier, dessen Namen Grischaew nicht kannte.
Waehrend des Kampfes bemerkte Grischaew eine Metalltuer an der fernen Wand der Hoehle. Nachdem er mit den Bestien fertig war, trat er an die Tuer heran. Einst war die Tuer mit grauer Farbe gestrichen gewesen. Im Lauf der Jahre, vielleicht Jahrzehnte, war die Farbe fast vollstaendig abgeblaettert.
— Was man nicht alles in einsamen Bergen trifft, — sagte Grischaew laut, um sich selbst zu ermutigen.
— Rif, rif, rif, — antwortete ihm das Echo.
Auf Brusthoehe waren drei Reihen von Tasten in die Tuer eingelassen, deren Anordnung an eine Computertastatur erinnerte, nur ohne Funktionstasten und Zahlen – nur Buchstaben. Grischaew ueberkam das Gefuehl, dass er zufaellig dorthin geraten war, wo ein einfacher Tourist nicht sein sollte, wo es fuer einen einfachen Touristen toedlich war zu sein. Der Kampf mit den Schlangen, die die Hoehle und die Tuer bewachten, hatte seine uebliche Vorsicht einschlaefern lassen und Grischaew in eine maerchenhafte Stimmung versetzt. Auf der Tastatur, die er besser kannte als seine fuenf Finger und auf der er mit geschlossenen Augen tippen konnte, gab Grischaew ein: „Sesam oeffne dich“.
Etwas zischte, stoehnte im Inneren des Gesteinsmassivs, quietste, und die Tuer glitt um ein Viertel ihrer Breite beiseite.
— Witzbolde, verdammte! — rief Grischaew vor Ueberraschung laut aus.
— Dam, dam, dam, — sang das Echo.
Grischaew putzte seine Brille. Er wartete ein wenig. Nichts weiter geschah. Und er schob sich vorsichtig hinein, darauf bedacht, weder die Tuer noch den Rahmen zu beruehren; zum Glueck war er hager. Der schwaecher werdende Strahl der Taschenlampe riss Waende aus wildem Stein aus der Dunkelheit, die Kante eines Schreibtisches, der unweit der Tuer stand, einen elektrischen Schaltkasten mit einer Tuer, die an einem einzigen Scharnier hing. Grischaew schob die kleine Tuer beiseite und legte den Hebel auf die Position "Ein". Hinter seinem Ruecken ert;nte ein Klicken, dann klickte es ein zweites Mal, ein drittes Mal. In der Dunkelheit, deren Tiefe der Strahl der Taschenlampe nicht messen konnte, begann etwas tief zu summen.
"Generator", erriet Grischaew, und sofort tauchten hier und da rote Punkte auf, die sich, nachdem sie aufgeflackert waren, in Leuchtstofflampen verwandelten. Grischaew stand in einem geraeumigen, niedrigen Korridor. Zu beiden Seiten befanden sich einfache, weiss gestrichene Tueren. Am Ende des Korridors gab es ebenfalls eine Tuer. Aus Metall, bis unter die Decke.
Grischaew drehte sich zum Eingang um und schrie vor Entsetzen auf. Am Tisch an der Tuer sass ein Skelett in der Uniform eines Leutnants der Innentruppen. Vor diesem schrecklichen Waechter lag ein aufgeschlagenes Hauptbuch, als wuerde er die Ankoemmlinge im Reich der Toten registrieren, und es stand ein Glas im Teeglashalter da, wie sie von Schaffnern in Fernzuegen serviert werden. Schreiend stuerzte Grischaew auf die Tuer am Ende zu, stolperte ueber eine Sperrholzkiste, fiel hin, schlug mit dem Kopf gegen die Wand und verlor das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, konnte Grischaew einige Sekunden lang nicht begreifen, wo er war und was mit ihm geschehen war. Er lag auf dem kalten Boden, den Kopf zur Seite gedreht. In dieser Position konnte er einen Teil des Tisches sehen. Tisch, Skelett, Hoehle, Tuer. Er erinnerte sich an alles und erschauerte, aber der panische Schrecken, der ihn nach der Entdeckung des Toten gepackt hatte, war verflogen. Je mehr die Angst nachliess, desto mehr wuchs die Neugier – wohin es ihn verschlagen hatte. Er stand auf. Er betastete seinen Kopf. Er schien heil zu sein. Kein Blut, nur eine grosse Beule an der Stirn.
Grischaew mied den Blick auf das Skelett und machte sich daran, seinen seltsamen Fund zu untersuchen. Er entdeckte Wohnraeume, eine Kueche und einen Speisesaal. Ueberall lagen und sassen Knochengerueste von Menschen in halb verrotteter Kleidung. Es war, als sei er in ein Zauberschloss geraten, wo eine boese Hexe die Prinzessin schlafen gelegt, aber die Zeit nicht angehalten hatte – und das hier war das Ergebnis.
Indem er das Maerchen auf moderne Weise umdeutete, begann Grischaew zu ahnen, dass er in ein geheimes sowjetisches Labor geraten war, das jemand Unbekanntes und Maechtiges auf brutalste Weise „gekuerzt“ hatte. „Giftgas, hoechstwahrscheinlich“, dachte Grischaew. Der Verdacht wurde zur Gewissheit, als er in den Hauptsaal hinter der Metalltuer gelangte. Hier sassen an den Terminals und lagen auf dem Boden etwa anderthalb Dutzend tote, verrottete Menschen in weissen Kitteln. Eine Art Massengrab fuer Programmierer.
Grischaew setzte sich an einen freien Tisch, schaltete den Computer ein, und dieser funktionierte zu seiner Ueberraschung. Virtueller Diversant – so hiess das moerderische Projekt. Die letzten Dateien stammten von Anfang Oktober 91. Aus dem Datum schloss Grischaew, dass jemand Spuren verwischt hatte, aus Angst vor der Verantwortung gegenueber der neuen Macht. „Umsonst gefuerchtet“, spottete Grischaew in Gedanken, „die neue Macht erwies sich als Blaupause der alten, was die imperialen Ambitionen betrifft.“
Zwei Stunden lang arbeitete sich Grischaew in das System ein, in das einzudringen nicht schwer war, und rekonstruierte die grobe Geschichte des Projekts. Es war gestartet, als die ersten sowjetischen Raketen die ersten sowjetischen Satelliten in die Umlaufbahn brachten, und war dazu bestimmt, das Steuerungssystem des potenziellen Gegners zu treffen. Solange die Netzwerke lokal und geschlossen waren, sollte die Einschleusung des Virtuellen Diversanten – abgekuerzt Widiws – von einem Terminal des Gegners oder einem an das feindliche Netz angeschlossenen Terminal erfolgen. Das war kompliziert, unzuverlaessig, es fehlte die Rueckkopplung, und deshalb wurde Vidis so konzipiert, dass er autonom auf Gegenmassnahmen feindlicher Sicherheitssysteme reagieren konnte. Mit der Entstehung des Internets vereinfachte sich die Aufgabe der Einschleusung von Vidis erheblich, und das Projekt erhielt quasi den zweiten Atem. Kurz vor der Schliessung befand es sich in der Abschlussphase. In dieser Phase arbeitete das Labor im Modus maximaler Geheimhaltung und Autonomie.
Die Sch;tze, die Grischaew entdeckt hatte, waren gr;sser als die Diamantenfelder in der H;hle von Ali Baba. Sie an sich zu nehmen, war nicht einfach, aber Grischaew sp;rte – nicht umsonst hatte das Schicksal ihn hierhergef;hrt –, dass er ;ber ausreichendes Wissen und K;nnen verf;gte, um der Erbe von Dutzenden Mathematikern, Physikern, Psychologen und Psychiatern zu werden – dieses ganzen Totenreichs.
Er sah sich um. Dort am Nachbartisch sitzt... sass, nach dem koketten Schnitt des Kittels zu urteilen, eine Frau. Zwei Meter von ihr entfernt im Gang lag ein anderes Skelett. Kurzes graues Haar, teils auf den Boden gefallen, teils noch am Sch;del haftend, verriet, dass die Knochen einst einem Mann geh;rt hatten. Wahrscheinlich hatte er das Projekt geleitet. Grischaew stellte sich vor, wie der Mann zu der Frau gegangen war, wor;ber sie gesprochen hatten. Vielleicht scherzten und lachten sie, vielleicht gab der Grauhaarige eine Anweisung oder machte eine Bemerkung. Er ging weg, und dann das Gas. „Nein, das Projekt wurde nicht liquidiert“, sagte Grischaew und brach die Stille der Gruft, „es wurde eingefroren. In jeder Minute k;nnen sie kommen und Vidis holen.“
„Allerdings“, dachte er, „sollte man selbst einige Sicherheitsmassnahmen ergreifen.“ Grischaew ging an dem toten Leutnant vorbei, zw;ngte sich durch die T;r, und in der H;hle klingelte sein Mobiltelefon. Man suchte ihn. Er blickte auf die Uhr. Mehr als drei Stunden waren vergangen. Die Gruppe kehrte zur;ck und suchte, soweit m;glich, die Schluchten und Spalten ab. Der Rucksack am Eingang – das war es, was ihn verraten w;rde. Niemand durfte hier eintreten. Er legte das Mobiltelefon auf einen Stein und zerquetschte mit einem zweiten dessen schwaches Piepsen. Er kroch nach draussen. Er zerrte den Rucksack in das Labor. Er kehrte in die H;hle zur;ck. Von innen maskierte er, so sorgf;ltig er konnte, den Eingang.


Eine halbe Stunde sp;ter erschienen Nikolai Grischews Gef;hrten in der Schlucht. Wadim Korotkow, der Leiter der Gruppe, musterte mit dem Fernglas den Bach und die W;nde der Schlucht. Er sah in der Ferne einen verd;chtigen Steinhaufen und betrachtete ihn lange.
— Er ist nicht hier, — sagte Lida, Wadims Frau. — Wir m;ssen weiter, bevor es dunkel wird.
Korotkow riss den Blick von dem Haufen los und suchte mit dem Fernglas noch einmal die Schlucht ab.
— Gehen wir, — seufzte er und setzte das Fernglas ab.
Man m;sste eigentlich die Hubschrauber anfordern, die ohnehin nicht aufsteigen w;rden, weil es kein Kerosin gibt und der Rettungsdienst schon lange nicht mehr arbeitet. Die Touristen wandern in den Bergen auf eigene Gefahr und eigenes Risiko.


In Grischaews Rucksack befanden sich ein Zelt, Gruetze und eine Feldflasche mit Wasser. Hunger und Durst drohten ihm also nicht. Das war gut. Schlecht war etwas anderes: Mitten in der Arbeit ging dem Generator der Diesel aus. Er hustete ein letztes Mal und schaltete sich ab, wodurch das Labor in urspruengliche Finsternis getaucht wurde. Auch die Taschenlampe lag in den letzten Zuegen. Mit schwindendem Strahl fand Grischaew die Unterstation und bestimmte den Typ des Generators.
Als er hinausgekrochen war, loeschte der Morgen gerade die Sterne. Grischaew konnte nicht genau sagen, wie lange er am Computer gesessen hatte, einen Tag oder zwei. Wie im Nebel nahm er den unermesslich komplexen Virtuellen Diversanten in sich auf, studierte ihn, kaute Haferflocken und trank Wasser dazu. Und er konnte kaum ein Zehntel davon erfassen. Schlecht war auch, dass es keine Datentraeger gab, auf die er Vidis haette ueberspielen koennen.
Nachdem er den Eingang getarnt hatte, machte er sich auf den Weg und gelangte gegen Mittag in eine grosse Siedlung, in der es eine Post und ein Telefon gab. Grischaew rief Korotkow an.
Er sei vom Pfad abgekommen... Ja, ja, er wisse, dass man das nicht tun duerfe... Er sei in eine Spalte gefallen, mit dem Kopf aufgeschlagen, habe das Bewusstsein verloren. Als er zu sich gekommen sei, habe er festgestellt, dass das Telefon kaputt war... Natuerlich, deshalb habe er kein Signal empfangen... Nachdem er nachts ein wenig umhergeirrt sei, sei er erst jetzt in der Siedlung gelandet... Sie sind nicht aufgestiegen! Bastarde, und nicht ein Rettungsdienst!... Er sei in Ordnung, nur der Kopf tue weh und die Huefte sei geprellt... Auf keinen Fall sollten sie zurueckkehren, wenn sie ohne seine Last auskaemen... Sie kaemen aus! Sie sollten die Route fortsetzen... Es tue ihm leid, dass es so gekommen sei, aber er wolle die Kameraden nicht aufhalten... In zwei Stunden fahre der Bus nach Machatschkala, er nehme ihn... Viel Glueck... Ende.
In der Stadt besorgte Grischaew alles Noetige: Datentraeger und Diesel. Er kehrte in das Labor zurueck. Fuenf Tage ununterbrochener Arbeit, und Vidis war in seiner Tasche. Vor dem Gehen loeschte er alle Dateien und zertruemmerte, unklar warum, die Computer.
Grischaew kuendigte seine Arbeit. Genauer gesagt, er schrieb ein Kuendigungsschreiben. Der General, der Leiter ihres Bueros, bot Grischaew die Stelle des Gruppenleiters und eine doppelte Gehaltserhoehung an. Als Grischaew ablehnte, verlangte der General eine dreimonatige Einarbeitungszeit gemaess dem Vertrag.
Grischaew hoerte einfach auf, zur Arbeit zu gehen, und pfiff auf den Vertrag und das Arbeitsbuch. Man rief ihn an. Grischaew aenderte seine Telefonnummer. Man schrieb Briefe. Er zerriss sie, ohne sie zu lesen. Dann liessen sie ihn in Ruhe. Etwa vier Monate spaeter traf er zufaellig Sergej, seinen unmittelbaren Vorgesetzten. Sergej bat ihn, das Arbeitsbuch abzuholen, das bereits seit zwei Wochen in seinem Schreibtisch lag. Grischaew hatte absolut keine Zeit, sich mit solchen Kleinigkeiten zu befassen. Er spielte um das grosse Ganze, er spielte Vabanque.
Die finanzielle Seite des Projekts loeste sich leicht und einfach. Er verkaufte Saprudas Steine. Dieser hatte noch die Haelfte seiner Strafe abzusitzen. Und in zwei Jahren, zum Zeitpunkt von Saprudas Entlassung, wuerde diese Summe fuer ihn keine Bedeutung mehr haben... oder gar nichts wuerde mehr eine Bedeutung haben. Nach der Veraeusserung der Diamanten schien es Grischaew, als wuerde das Geld fuer zwei Vidis reichen und noch fuer drei Marmeladenpiroschki uebrig bleiben. Aber die notwendige Ausruestung und die Miete der Raeumlichkeiten verschlangen zwei Drittel davon.
Grischaew arbeitete sich in Vidis ein, passte ihn an seine Beduerfnisse und an moderne Systeme an, naehte die Bloecke zusammen. So verging unter Muehen und Sorgen ein Jahr. Er entschloss sich zu einem Experiment mit Obdachlosen. Die zwei Wesenheiten, die Grischaew erschaffen hatte, ueberlebten im Netz nicht. Die Obdachlosen blieben gottlob unversehrt. Zwei Wochen lang versoffen sie das Honorar und erschienen dann wieder. Sie wollten das Experiment zum halben Preis wiederholen, den Grischaew ihnen beim ersten Mal gezahlt hatte.
Er tauchte erneut in Vidis ein. Er wandte sich an das kollektive Gehirn des Internets, konsultierte die Universitaet zu einzelnen Fragen der mathematischen Modellierung, verstaerkte einige Bloecke, schwaechte andere ab und suchte nach der Matrix. Vor dem dritten Versuch hatte Grischaew Angst und schob ihn immer wieder hinaus. Ein dritter Fehlschlag bedeutete das voellige Scheitern, da nicht nur das Geld aus den Diamanten aufgebraucht war, sondern auch das Geld aus dem Verkauf seiner eigenen Einzimmerwohnung zur Neige ging.
Die Matrix fand er. Eine gute Bekannte aus dem Touristenclub, das uebermuetige Maedel Swetka, die unter der Routine des Lebens litt und daher zu Abenteuern neigte, erklaerte sich zu dem ungefaehrlichen Experiment bereit.
— Von mir aus auch ein gefaehrliches, — sagte sie zu Grischaew, — los, mein Eierkopf, schick mich dorthin, ich weiss nicht wohin. Los, mein Charon, bring mich ueber den Styx.
— Am anderen Ufer, — antwortete er Swetka, nachdem er sie auf das Lager des Tomographen gelegt und die Sensoren an sie angeschlossen hatte, — wirst du Ester heissen. Melde dich so schnell wie moeglich.
Zwei Tage nach der Einschleusung von Ester in das Netz fand er keine Ruhe. Zwei Naechte schlief er nicht und dachte schon, dass auch dieser Versuch gescheitert sei, doch am Morgen des dritten Tages traf ueber den vereinbarten Kanal die Nachricht ein: „Ich bin Ester. Ich habe ueberlebt.“ Die allererste Operation der Wesenheit Ester gegen die Deutsche Bank brachte Grischaew zwei Millionen der neuen europaeischen Waehrung ein. Zwar setzten die Sicherheitssysteme der Bank Ester schwer zu. Erst spaeter lernte sie, den Wachhunden vergiftete Wurst vorzuwerfen und ihre Woelfe auf sie zu hetzen; und waehrend die Hunde mit den Woelfen kaempften, unbemerkt in die virtuellen Tresore einzudringen. Doch beim ersten Mal war es schwer.


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