Kapitel I. Flucht 5
Im Wagen dachte Sapruda angestrengt nach. Auf der Suche nach einem Ausweg spielte er Schritt fuer Schritt das gesamte Gespraech durch. „Fliehen“, jaulte es in seinem Kopf, „fuer ein paar Tage untertauchen. Zeit gewinnen. Grischaew wird jemand anderen schicken. Den gleichen Max.“ Seminjuk drehte sich um, als haette er den Blick im Nacken gespuert.
— Warum bist du so duester, Panther? Hat dich jemand beleidigt? Sag es nur. Ich zieh dem Kerl glatt das Fell ueber die Ohren.
„Was fuer ein empfindsamer Mistkerl“, fluchte Sapruda innerlich.
— Wieso duester, ich bin ganz normal, — der Ausweg war gefunden, und das Wichtigste war nun, die Absicht nicht zu verraten; Max wuerde ihn die ganzen vierundzwanzig Stunden beschatten, daran zweifelte Sapruda nicht. — Hast du den Witz gehoert...
Igor erzaehlte den Witz ueber die ukrainischen Kosmonauten, den er gestern waehrend der Rauchpause aufgeschnappt hatte. Seminjuk lachte herzhaft. Der Fahrer wieherte.
— Wie der Staat, so die Kosmonauten. Da waeren wir.
Der Wagen hielt am Haus.
— Gib mir die Schluessel, ich sperre das Tor auf.
Die Schluessel gab Max nicht zurueck.
— Morgen kriegst du sie wieder, — sagte Seminjuk, — heute faehrst du ja sowieso nirgendwohin.
„Sie beschatten mich ganz offen, die Schweine“, dachte Sapruda, waehrend er zum Hauseingang ging, „ich werde nicht fahren, aber ich werde rennen. Sucht mich doch wie den Wind im Feld.“
Igor bereitete sich auf einen langen Weg vor. In die Reisetasche wanderten eine Zahnbuerste, zwei Paar Socken, Unterwaesche und eine Jacke – nachts koennte es kuehl sein. Aus einem Versteck holte Sapruda ein Buendel Dollars – seine eiserne Reserve. Er versuchte, das Geld am Koerper unterzubringen: In die Taschen der Jeans gesteckt – das wuerde nur Taschendiebe anlocken, in die Socken – das Buendel war zu gross, in die Unterhose – unbequem. Er steckte das Geld in die Jackentasche. Schloss sie. Verstaute die Jacke in der Tasche. Zog den Reissverschluss zu. Das waere alles. Er pruefte das Gewicht der Tasche und war zufrieden. Nicht viel, etwa vier Kilo.
Sapruda trat ans Fenster. Vorsichtig, wie in den Spionage- und Abenteuerfilmen, die er als Kind geliebt hatte, schob er den Rand des Vorhangs beiseite. Im Hof stand der Jeep. Daneben ging Max Seminjuk auf und ab, rauchte und musterte von Zeit zu Zeit die Fenster. Dieser Weg war ausgeschlossen. Igor begab sich in die Kueche. Mit zwei Fingern schob er die Lamellen der Jalousie auseinander. Auch hier gab es einen Posten, fuer den Fall, dass die Waechter im Hof ihn verschliefen. Auf der gegenueberliegenden Strassenseite bei der Apotheke stand der Audi des zweiten Seminjuk. Aus der Kueche konnte man nicht sehen, wer sich im Wagen befand und wie viele es waren. Sapruda vermutete mindestens zwei und hoechstens drei Personen. Die Flucht musste ueber diesen Posten erfolgen. Dafuer war es notwendig, einen direkten Weg auf die Strasse zu finden und die Aufmerksamkeit der Wachen abzulenken.
Das erste Problem glaubte Sapruda leicht loesen zu koennen. Im Treppenhaus, auf dem Treppenabsatz zwischen dem ersten und zweiten Stock, liess sich ein Fenster oeffnen. Ein Bewohner aus der vierten Wohnung, dem seine zankende Frau das Rauchen in der Wohnung untersagte, pflegte es zu benutzen. Nur einen Meter vom Fenster entfernt verlief die Feuerleiter. Sapruda hoffte, dass ihre Stufen nicht voellig durchgerostet waren und sein Gewicht tragen wuerden.
Er stieg zum ersten Treppenabsatz hinunter. Das Fenster liess sich oeffnen. Zudem war es ein echtes Glueck, dass in der direkten Linie zwischen dem Fenster und dem Posten der Wachen eine dichte Akazie wuchs. Als er in die Wohnung zurueckkehrte, begegnet Sapruda im Treppenhaus Alla Sergejewna mit ihrem modisch geschorenen Pudel. Die alte Dame war einfallsreich und klug. Nichts, was im Haus oder im Hof geschah, entging ihrer Aufmerksamkeit.
— Guten Tag, — brummte Sapruda.
Er wollte sich an der Wand vorbeidruecken, doch daraus wurde nichts. Die alte Dame und ihr treuer Hund versperrten wie zufaellig den Weg.
— Guten Tag, Igorjok, — sagte Alla Sergejewna mit honigsuesser Stimme, die den Beginn einer Intrige ankuendigte, — wissen Sie zufaellig nicht, was das fuer Leute bei uns im Hof sind?
— Woher soll ich das wissen, Alla Sergejewna, — t;uschte Sapruda Erstaunen vor.
Und er dachte: „Ein Fehler. Ich haette fragen muessen: Welche Leute?“
In den Augen von Alla Sergejewna las Sapruda die Gewissheit, dass die Leute im Hof irgendwie mit ihm in Verbindung standen. Igor legte die Hand aufs Herz.
— Alla Sergejewna, verzeihen Sie mir grossmuetig, ich habe es eilig.
— Vielleicht sind das Banditen, — erschrak Alla Sergejewna, ohne die Ungeduld von Igor im Geringsten zu beachten, — vielleicht sollte man die Miliz rufen.
— Aber woher denn, Alla Sergejewna, was fuer Banditen am hellichten Tag, was fuer eine Miliz bei dieser Hitze.
Alla Sergejewna oeffnete den Mund, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu sagen. Sapruda brach schliesslich zwischen dem Pudel und der Wand durch. Im Laufen rief er ihr zu:
— Ich wuensche Ihnen einen guten Tag!
— Nun, nun! — rief ihm die alte Dame vielsagend hinterher.
Das zweite Problem war schwieriger. Sapruda rief Oleg an.
— Igor Michailowitsch, — wunderte sich Oleg ;ber den Anruf, — k;nnen Sie etwa schon wieder nicht zur Probe kommen?
Sapruda war versuchst zu sagen, dass er auf seine Probe pfiff, die er ;brigens v;llig vergessen hatte, dass er wichtigere Dinge zu tun habe, dass...
— Nein, nein, Oleg. Die Probe ist heilig. Verstehst du, worum es geht: Ich wurde eingeladen, an einem Ort zu singen, — erfand Sapruda im Gehen eine glaubw;rdige Geschichte, — ablehnen geht nicht, weil es ernste Jungs sind, und dort auftauchen geht auch nicht, weil die Frau des Besitzers meine Ex-Freundin ist. So eine verfahrene Kiste.
— Also kommen Sie zur Probe oder nicht? — interpretierte Oleg Saprudas Gejammer auf seine Weise.
Igor verdrehte die Augen: Er liess einfach nicht locker mit seiner Probe.
— Nat;rlich komme ich, wenn es klappt, vom Geburtstag wegzuspringen. Sie warten auf mich bei meinem Haus auf der Strasse neben der Apotheke. Weisst du, wo das ist?
— Ich weiss. F;nf Minuten zu Fuss von mir.
— Du musst sie ablenken. In dieser Zeit schl;pfe ich raus, gehe um die Ecke, und am Abend bin ich bei der Probe.
— Das gef;llt mir irgendwie nicht, Igor Michailowitsch, lassen Sie die Probe lieber ausfallen.
— Hilf mir aus, Olegschek, — flehte Sapruda, — ich kann dort auf keinen Fall auftauchen. Ich habe mich mit Oxana im B;sen getrennt. Abtreibung und all das. Sie wird einen Skandal machen. Ich kenne sie.
— Igor Michailowitsch... — am entschlossenen Ton erkannte Sapruda, dass Oleg gleich ablehnen w;rde.
— Und ich schenke dir eine Briefmarke, — sagte Sapruda schnell.
— Eine Briefmarke?
— Ja, die eine mit dem Segelflugzeug.
Oleg war ein leidenschaftlicher Philatelist. Sapruda besass einige seltene Marken, die er von seinem Onkel geerbt hatte, einem ebenso besessenen Sammler wie Oleg. Die Aussicht auf eine Erweiterung der Sammlung ;nderte Olegs Stimmung schlagartig.
— Gut, Igor Michailowitsch, was wird von mir verlangt?
— Sie sitzen in einem silbernen Audi, neuestes Modell.
— So einer wie der von Seminjuk?
— Er ist es.
— Ach so! Ich weiss, was zu tun ist, — in Olegs Stimme schwang Freude mit. — Gestern habe ich einen drolligen Trickfilm aufs Handy geladen. Man kann sich nicht halten vor Lachen. Also drei Minuten werden Sie haben. Schaffen Sie das?
— Ich schaff’s. Nur ist er nicht allein. Zieh auch den Fahrer zum Zuschauen hinzu.
— Seien Sie unbesorgt, Igor Michailowitsch, wir regeln das.
— Noch etwas, Oleg. Wenn du den Trickfilm vorf;hrst, schau nicht zum Haus. Abgemacht?
— Gut.
— Wie viel Zeit brauchst du?
— F;nf Minuten zum Fertigmachen, f;nf Minuten Weg. In zehn Minuten bin ich vor Ort.
— Danke, Oleg.
— Vergessen Sie die Marke nicht, Igor Michailowitsch.
— Betrachte sie als bereits dein.
„Soweit ist es gekommen“, dachte Sapruda, w;hrend er das Mobiltelefon ausschaltete, „ich habe den Jungen in diesen Dreck hineingezogen.“
Sapruda stand startbereit am Fenster. Wenn nur diese Hexe, Alla Sergejewna, nicht frueher vom Spaziergang zurueckkehrte. Auf dem Buergersteig tauchte Oleg auf. Gleichzeitig klickte das Codeschloss, und die Hauseingangstuer oeffnete sich mit einem unangenehmen Quietschen.
„Scharik, gehen wir nach Hause“, beschwor die Alte den Pudel, „gehen wir nach Hause, es ist heiss!“
„Geh noch fuenf Minuten Gassi, Scharik“, flehte Sapruda, „setz noch ein paar Haufen.“
Oleg verschwand hinter der Krone der Akazie. Sapruda zaehlte bis vierzig. Unten war das Klackern von Krallen auf den Fliesen des Bodens zu hoeren. „Heute zu frueh, morgen zu spaet – es ist Zeit.“ Sapruda riss das Fenster auf.
„Oje“, kreischte Alla Sergejewna, „wer ist da?“
Igor lehnte sich aus dem Fenster, griff nach dem Rohr und schwang seinen Koerper auf die Leiter. Sie schwankte unangenehm. Doch die Streben der Stufen waren zwar verrostet, aber noch stabil. Wie ein Ninja, leise und schnell, stieg Sapruda zur Erde hinab. Er warf einen fluechtigen Blick auf die Waechter. Wlad Seminjuk und der Fahrer standen mit dem Ruecken zu ihm und starrten auf Olegs Handy. Niemand ausser ihnen war auf der Strasse. „Gut gemacht, Oleg! Du sollst deine Marke haben.“ Eine Minute spaeter verschwand Sapruda um die Ecke. Zwei Blocks weit ging er schnell, rannte fast. Dann verlangsamte er den Schritt, hielt inne, atmete durch und begab sich auf den Prospekt.
In dieser Mittagszeit war die Stadt fast leer. Kaum jemand wagte es, auf die Strasse zu gehen. Nur die aeusserste Notwendigkeit trieb die Menschen aus ihren Verstecken aus Beton und Stein hinaus in die Sonne.
Das Taxi trug Sapruda durch die leeren Strassen zum Bahnhof. Der Wagen war bereits auf den Bahnhofsplatz gefahren, als Igor ein einfacher Gedanke kam: Wenn sein Verschwinden bemerkt wuerde, wuerde man zuerst am Bahnhof suchen. Sapruda wandte sich dem Taxifahrer zu, einem aelteren Mann, der dem Aussehen nach aus dem Kaukasus stammte.
— Hoer zu, Kommandant, ich habe es mir anders ueberlegt. Fahren wir zum Zirkus.
Der Taxifahrer wunderte sich kein bisschen ueber die Sprunghaftigkeit des Kunden. In seinem langen Leben hatte er viel gesehen und es sich abgewoehnt, sich ueber irgendetwas zu wundern.
— Zum Zirkus, also zum Zirkus.
Der Wagen machte einen sanften Bogen, umfuhr einen weitl;ufigen Rasen mit verdorrtem Gras, passierte das Denkmal eines flammenden Revolution;rs, der das Gl;ck gehabt hatte, vor Beginn der grossen S;uberung zu sterben, und raste in die entgegengesetzte Richtung davon.
Die Ereignisse dieses Tages blitzten mit einer solchen Hast vorbei, dass Sapruda absolut keine M;glichkeit hatte, einen Fluchtplan zu durchdenken. Eines wusste er sicher – so schnell wie m;glich raus aus der Stadt. W;hrend er im Minibus sass, der ihn vom Zirkus weg von seinen Verfolgern brachte, fragte er sich: War es ;berhaupt n;tig zu fliehen, war er nicht der Versuchung erlegen, sich vor den Problemen zu verstecken, wie damals in Moskau?
Man hatte sie bei der zweiten Fuhre geschnappt. Die Fracht wurde bis zur Kl;rung der Umst;nde festgehalten. Und es kl;rten sich folgende Umst;nde: Wohin genau und f;r wen genau zwei versiegelte Waggons mit AKM-Sturmgewehren, mit Armee-M;rsern, mit Patronen und Granaten bestimmt waren. Noch h;tte man alles richten k;nnen. Hier dr;cken, dort schmieren. Walera drehte sich wie ein Eichh;rnchen im Rad: Er dr;ckte und schmierte. Das Problem war, dass die Empf;nger der Fracht etwas ausheckten und nicht warten wollten, bis die b;rokratische Maschine sich ausreichend mit „Gr;nem“ vollgesogen hatte, um die n;tige Entscheidung auszuspeien.
Sapruda kroch im Stau auf dem Kutusowski-Prospekt dahin, als Walera ihn anrief. Der Partner war in h;chster Erregung.
— Igor, das ist eine Falle! — schrie er in den H;rer. — Man hat uns drangekriegt!
— Walera, wo bist du? Wo bist du!
Kasjanows Erregung ;bertrug sich auf Sapruda. In seinem Magen entstand eine unangenehme Leere, die H;nde zitterten.
— Ich bin im Pool...
Das waren Waleras letzte Worte. Im H;rer waren dumpfe Kampfger;usche zu h;ren, heiseres Fluchen, dann wurde alles still, und eine eiskalte Stimme sagte: „Fertig.“ Daraufhin brach Sapruda die Verbindung ab.
In das B;ro, in das Sapruda wollte, fuhr er nicht. Zwei Stunden sp;ter rief die Sekret;rin an, die treue Walentina. „Im B;ro sind bewaffnete M;nner, — ihr heisses Fl;stern war in jeder Minute bereit, in Hysterie umzuschlagen. — Walerij Felixowitsch ist im Pool ertrunken. (Walerka Kasjanow, ein Meister des Wasserspringens, ist im Pool ertrunken!). Die Bullen haben alle auf den Boden gelegt. Sie nehmen die Computer und die Dokumentation mit. Ich habe die Bullen kaum anflehen k;nnen, mich auf die Toilette zu lassen. Was wird geschehen, Igor Michailowitsch, was wird geschehen.“
Sapruda warf das Telefon in den Fluss. F;r einige Tage ging er in den Untergrund. Igor wusste nicht, wie viel Zeit ihm noch in Freiheit verg;nnt war, deshalb beeilte er sich. Er verkaufte billig alles, was er verkaufen konnte. Er kaufte teuer Steine. Er brachte sie zur Aufbewahrung zu seinem Jugendfreund Koschej, kehrte nach Moskau zur;ck und stellte sich selbst bei der Miliz.
Der Minibus rannte flink ;ber die breite Chaussee und wiegte die Passagiere in seinem Bauch ein. Eine Zeit lang widerstrebte Sapruda der beruhigenden Monotonie der Bewegung, dann schlief er ein – tief und ohne Tr;ume.
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