Kapitel I. Flucht 6
Grischaew bereitete unterdessen im Labor die Ausruestung vor. Eine schlaflose Nacht stand bevor, zwei Tage intensiver Arbeit und das nervoese Warten auf Ergebnisse. Er war gereizt, n;rgelte an den Assistenten wegen mangelnden Fleisses herum, setzte alle Augenblicke die Brille ab und wieder auf und massregelte grundlos die Baronesse Wika.
Die Tests deckten Maengel an der medizinischen Ausruestung auf. Diese waren jedoch unbedeutend, wenn man bedachte, dass sie zwei Jahre lang ungenutzt herumgestanden hatte. Die Assistenten beseitigten die Maengel nach dem vorgesehenen Plan, waehrend Grischaew ganz in der Ueberpruefung der Software versank. Das klingelnde Telefon lenkte ihn ab.
— Jemand soll den Hoerer abnehmen, — warf Grischaew hin, ohne den Blick von den Monitoren abzuwenden.
— Nikolai Iwanowitsch, es ist Ihr Telefon, das klingelt, — sagte Dima.
Auf dem Display des Telefons leuchtete eine Nikolai Iwanowitsch unbekannte Nummer auf. Wer mochte das sein?
— Hallo.
— Er ist geflohen! — Eine junge Frauenstimme. Wie es Grischaew schien, war die Frau aufgeregt.
— Wer ist geflohen?
Das kurze Besetztzeichen des Abbruchs.
Grischaew zuckte mit den Schultern. Ein Missverstaendnis. Verwaehlt. Er kehrte an die Arbeit zurueck und schob den seltsamen Anruf auf Stoerungen in den Telefonnetzen. Doch die Konzentration, die bei einer solchen Arbeit erforderlich war, wollte sich nicht einstellen; irgendein Wurm nagte an ihm. Grischaew waehlte die Nummer von Max.
— Posten Nummer eins hoert, Genosse, — meldete sich Seminjuk mit revolution;rem Elan.
— Lass deine daemlichen Scherze. Hier ist nicht das Smolny-Institut, und du bist kein Rotarmist mit schwieliger Hand. Wie steht es um unseren Schuetzling?
— Zu Befehl, keine Scherze mehr. Alles ruhig. Er pennt wahrscheinlich oder saeuft sich die Hucke voll am letzten heutigen Taeglein.
— Geh nachsehen. Nimm ihm gleichzeitig allen Alkohol weg, egal ob er trinkt oder nicht. Morgen brauche ich ihn nuechtern.
Grischaew trat an die Assistenten heran.
— Wie weit seid ihr, Dima?
— Bis zum Abend, Nikolai Iwanowitsch, wird es wie am Schnuerchen laufen.
Eine unerklaerliche Erregung erfasste Grischaew. Nein, dieser Anruf war kein Zufall gewesen. Die Frau wusste, wo sie anrief. Sie hatte die Information uebermittelt. Dima erklaerte technische Details, aber Grischaew hoerte ihn nicht.
— Arbeitet weiter, — unterbrach Nikolai Iwanowitsch Dimas Rede, wandte sich schroff ab und verliess das Labor.
Dima und Sergej blickten sich verstaendnisvoll an.
— Irgendwas haut bei ihm nicht hin, — sagte Dima leise.
— Unsere Sache ist winzig, — antwortete Sergej ebenso leise, — einstellen, die Sitzung durchfuehren, das Geld kassieren und den Mund halten.
Bei Grischaew lief es nicht rund. Auf dem Weg ins Buero klingelte das Telefon.
— Chef, er ist entflohen!
— Wie entflohen!
— Ich weiss nicht wie. Die Tuer ist offen, aber er ist nicht da.
— Versaut habt ihr es, ihr Arbeiter, — schaeumte Grischaew vor Wut.
— Opana! — rief Max freudig aus, — Chef, das waren nicht wir. Das war der zweite Posten. Das Fenster im Treppenhaus steht einen Spalt offen.
Grischaew betrat das Buero und schloss die Tuer fest hinter sich. Mit Schwung liess er sich in den weichen Sessel fallen.
— Ist er etwa gesprungen?
— Nein, ueber die Feuerleiter ist er weg.
— So, so, so! — Grischaew ueberlegte fieberhaft. — Wann ist das passiert?
— Vor einer halben bis dreiviertel Stunde, nicht mehr.
— Weit kann er nicht gekommen sein. Also, hoer zu: du ab zum Bahnhof, und Wlad schickst du zum Flughafen.
— Zu Befehl, Chef!
— Nein, nicht so. Wlad schickst du zum Bahnhof. Grischa soll zum Busbahnhof fahren, und du selbst sammle alle Papiere von Sapruda und seine Fotoalben ein. Ich schicke dir einen Wagen. Ende.
Also entflohen! Ach, Sapruda, was fuer eine Schweinerei hast du mir da eingebrockt! Von wegen Freund! Es passt ihm nicht, sieh mal an, dass er fuer immer in Form von Nullen und Einsen zurueckbleibt. Als ob das irgendwem passt! Passt es mir etwa?
Den Kopf in die Haende gestuetzt, sass Grischaew in Trance am Tisch. Er versuchte, nicht an die moeglichen Folgen von Batons unueberlegtem Verhalten zu denken. Doch diese Folgen draengten sich gegen seinen Willen in seinen Kopf. Schliesslich riss er den Kopf von den heissen Handflaechen hoch. Man muss ihn finden, und basta!
Nachdem er Max einen Wagen geschickt hatte, rief Grischaew die Unterweltgroesse Smej an. Er wollte ihn nicht anrufen. Es war eine Sache, von den Banditen Ruhe und Unantastbarkeit zu kaufen, eine ganz andere – um etwas zu bitten. Doch Grischaew sah keinen anderen Ausweg. Seine eigenen Kraefte reichten offensichtlich nicht aus. Smej erschien Grischaew als der Zurechnungsfaehigste.
— Hallo, Smej. Vidis stoert dich.
— Hallo, Vidis. Du stoerst mich nicht.
Vidis fiel es immer schwer, den richtigen Ton im Umgang mit den Groessen zu finden. Er uebertrieb es mal im Gaunerslang, mal uebersalzte er es in der Intellektualitaet. Und auch jetzt wurde das Wort „stoeren“ offensichtlich von Smej falsch interpretiert.
— Da ist so eine Sache, Smej... Kurz gesagt... Schick mir deine Leute. Wir muessen einen Kerl finden.
— Das ist dein Bier. Wie viele brauchst du – zwei, drei?
— Mehr. Fuenf oder besser sechs Wagen mit je drei Mann.
— Oh-ho-ho, — lachte Smej, — die Zeiten sind vorbei, in denen ich locker dreissig Kaempfer aufstellen konnte.
„Luegner“, dachte Grischaew, „du hattest nie mehr als fuenfzehn.“
— Jetzt habe ich ein legales Geschaeft, — fuhr Smej fort.
„Ich kenne dein legales Geschaeft. Prostitution, notduerftig als Striptease getarnt.“
— Dann nimm welche von Gontschar und Patlatyj.
— Richtig gelabert. Nur werden mich Gontschar und Patlatyj fragen: Was ist ihr Profit? Was soll ich antworten?
Grischaew war ratlos. Er gab und gab Geld, und ihnen war es immer noch zu wenig.
— Du kennst mich, Smej. Ich werde mich nicht lumpen lassen.
— Kurz gesagt, Vidis, so sieht die Rechnung aus. Eine Fuenfhunderter-Note fuer die Leute von Gontschar und Patlatyj, und mit dir bereden wir das spaeter. Einverstanden?
— Schick sechs Wagen.
— Abgemacht. Der Anfuehrer wird Dub sein. Dubinin, mein leitender Manager.
Es klopfte an der Tuer.
— Ich warte, Smej. Bis dann.
Smej legte auf, ohne sich zu verabschieden. Banditenpack.
— Wer ist da!
Die Tuer oeffnete sich. Auf der Schwelle stand Max. Er sah aus wie ein Pudel, der Mist gebaut hatte.
— Komm rein, was stehst du da an der Tuer. Und was hast du da?
In den Haenden hielt Max zwei grosse gelbe Tueten.
— Saprudas Papiere und Alben. Ich wollte erst noch Buecher mitnehmen, hab es mir dann aber anders ueberlegt.
— Du bist helle, Max. Leg sie auf den Tisch und hoer mir zu.
Grischaew wartete, bis Max die einfachen Vorgaenge des Eintretens, Schliessens der Tuer und Niederlassens auf einem niedrigen Stuhl hinter sich gebracht hatte.
— Gleich kommt Dub mit seinen Leuten.
— Dubinin etwa, der leitende Manager von Ushow?
— Genau der. Such in diesem Haufen, — Grischaew deutete mit einem Nicken auf die Tueten, die gut ein Drittel des Tisches einnahmen, — Fotos von Sapruda heraus. Vervielfaeltige sie und verteile sie an Dubs Leute. Sie sollen die Bahnhoefe und den Flughafen durchkaemmen.
— W;re ich an Saprudas Stelle, Chef, w;rde ich nicht dorthin latschen. Ich n;hme ein Taxi oder stiege in einen Minibus.
— Hoffen wir, dass er nicht so helle ist wie du.
Seminjuk stand auf.
— Sonst noch etwas, Nikolai Iwanowitsch?
— Ja. Schreib die Nummer auf.
Grischaew rief auf dem Display die Nummer des vorletzten Anrufs auf und diktierte sie Max.
— Vor einer Stunde kam ein Anruf von dieser Nummer. Eine Frau rief an. Der Stimme nach jung. Sie sagte zwei Worte: „Er ist entflohen“. Ich habe das feste Gef;hl, dass sie von Saprudas Flucht sprach. K;mmere dich selbst um diese Nummer. Wlad soll die Aktionen von Dubs Leuten koordinieren.
Grischaew verstummte, in tiefe Gedanken versunken. Max wartete geduldig.
— Was meinst du, sollten wir die Miliz einschalten?
— Ich weiss nicht, Chef, wie wichtig Ihnen Sapruda ist.
— ;usserst wichtig. Kommunizierst du mit deiner Wesenheit?
— Sehr selten, Nikolai Iwanowitsch. Er hat sich dort ganz gut eingerichtet.
— Siehst du, auch Chan meldet sich seit zwei Wochen nicht mehr, und gestern noch diese Chinesen. Kurz gesagt, ich brauche Sapruda, und zwar so schnell wie m;glich.
— Dann schalten Sie sie ein, Chef.
Seminjuk griff nach dem T;rgriff, und da ert;nte ein Klingeln.
— Dieselbe Nummer, — bemerkte Grischaew, — bleib hier.
Er dr;ckte die Verbindungstaste.
— Guten Tag, junge Frau. Wir m;ssen uns treffen. Wir k;nnten...
— Er ist in Pawlograd am Bahnhof, — unterbrach ihn die Frauenstimme.
Grischaew war verwirrt.
— Wer spricht da, wer!
— Der Esel im Pelz.
Und das kurze Zeichen des Auflegens.
Grischaew blickte ratlos zu Max.
— Er ist in Pawlograd am Bahnhof. Verstehst du irgendetwas?
— Ich verstehe gar nichts, Chef. Vielleicht scherzt da jemand. Vielleicht haben die Anrufe gar nichts mit Sapruda zu tun.
— Oh nein, mein lieber Max. Sie haben damit zu tun. Sie hat schliesslich von seiner Flucht gesprochen.
Seminjuk kratzte sich am Kopf.
— Das stimmt allerdings.
— Schick Wlad nach Pawlograd. Schick auch Dub mit drei Wagen dorthin. Die restlichen drei unterstehen deinem direkten Befehl. Finde mir dieses Telefon.
— Die Ziele sind klar, die Aufgaben definiert, — skandierte Max, w;hrend er die T;r ;ffnete, — an die Arbeit, Genossen.
— Warte mal, Genosse, — hielt ihn Grischaew mit einer Geste auf, — mir ist etwas eingefallen.
Er erinnerte sich an Saprudas Erz;hlung. Einmal hatten Saprudas Tochter Nastja, die bereits die Unvers;hnlichkeit der Pubert;t kostete, und ihre Freundin sich damit am;siert, Funktion;re zu erschrecken, deren Dienstnummern sie im Telefonbuch fanden. Zuerst rief Nastja bei der Bezirksabteilung der Miliz an und meldete eine blutige Schl;gerei zwischen Punks und Rockern im Hauseingang des Schuldirektors. Dann berichtete die Freundin der Feuerwehr von Feuer und starkem Brandgeruch im Haus der Geschichtslehrerin mit dem Spitznamen „Hering“. Man fragte sie: Wer ruft an? Sie antworteten: „Ein Esel im Pelz“. Sie legten auf und lachten lange ;ber diesen Witz.
— Lass uns die Schule verminen, — schlug die begeisterte Nastja vor.
Die Freundin zweifelte.
— Das ist irgendwie gruselig. Was, wenn sie uns finden?
— Ach was, sie haben uns doch bisher auch nicht gefunden. Mein Telefon ist gegen Rufnummernkennung gesch;tzt.
Nastja rief beim Katastrophenschutzministerium an. Sie sagte dem diensthabenden Hauptmann Petrow: Zuf;llig sei ihr bekannt geworden, dass Terroristen die Schule Nr. 18 vermint h;tten.
— Wer spricht da? — fragte der Hauptmann unersch;tterlich.
— Ein Esel im Pelz, — kreischte Nastja, kaum f;hig, ihr Lachen zu unterdr;cken, — retten Sie Menschen, Hauptmann, und stellen Sie keine d;mlichen Fragen.
Die Freundinnen tranken Tee in der K;che und besprachen Schulnachrichten, den Streich l;ngst vergessen, als die Eingangst;r mit einem Krachen nach innen flog und grosse M;nner in schwarzen Helmen mit Sturmgewehren im Anschlag in die Wohnung st;rmten. Saprudas Schwiegervater ben;tigte all seinen Einfluss, um die Verantwortlichen davon zu ;berzeugen, dass dies nur der Streich zweier Dummk;pfe war und keine Vorbereitung eines Terroranschlags von Islamisten mit dem Ziel, die Lage im Land kurz vor den Pr;sidentschaftswahlen zu destabilisieren.
— Ich erinnere mich, — sagte Grischaew, — von wem ich von diesem Esel geh;rt habe. Wo sind Saprudas Alben?
Seminjuk schlug die T;r zu. Er trat an den Tisch und zog drei Alben aus der gelben T;te.
— Ueberspringen wir die zarte Kindheit, — Grischaew oeffnete das oberste Album und legte es beiseite. — Ignorieren wir die Lehrjahre und die Jahre des Werdens, — er legte, ohne es zu oeffnen, das zweite Album weg, auf dessen Einband ein Foto des baertigen Sapruda am Lagerfeuer klebte. — Und halten wir inne bei der Zeit des Familiengluecks. — Grischaew oeffnete das letzte Album. — Die Hochzeit schauen wir uns nicht an, — kommentierte er weiter die Reise durch Igor Saprudas Vergangenheit; Seminjuk reckte den Hals und blickte seinem Gebieter ueber die Schulter. — So, da kommt die zweite Generation.
Das Foto zeigte den jungen Sapruda. Er sass auf einer Parkbank und hielt ein Maedchen von etwa fuenf Jahren auf den Knien. Die Sommersonne hatte sich in den hellen Haaren des lieblichen Kindes verfangen. Beide laechelten gluecklich, wahrscheinlich der Mutter und Ehefrau zu, die diesen Schnappschuss machte. Die ganze Szene war wie von einer Glocke aus ungetruebter Liebe ueberw;lbt. Grischaew zog das Foto aus den Eckschlitzen. „Papa und Nastja, 4,5 Jahre“ – stand auf der Rueckseite.
— Da ist sie! — rief Grischaew aus.
Auf dem letzten Blatt klebte das Foto eines Maedchens, das an eine nackte Birke gelehnt war. Das Maedchen trug einen leichten Mantel. Mit gleichem Erfolg haette das Foto einen schoenen Tag im fruehen Fruehling oder den letzten Sonnenstrahl im spaeten Herbst festhalten koennen.
— Sie ist huebsch, — fluesterte Seminjuk aufgeregt, — so mollig.
Grischaew sah ihn streng an.
— Maxim, lass diese Spielchen.
Seminjuk antwortete nicht, er seufzte nur. Grischaew drehte das Foto um. In einer ordentlichen Handschrift war notiert: „Nastja Sapruda, 16 Jahre“.
— Finde sie, — sagte Grischaew und reichte Max das Foto. — Das ist alles. Geh. Die Miliz werde ich vorerst noch nicht anrufen.
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226022301298