Kapitel 2 Die zweite Koalition

Kapitel 2
Die zweite Koalition

1
Waehrend Bonaparte die Aegypten-Expedition vorbereitete, begann England bereits, die Zweite Koalition gegen Frankreich zu schmieden. Das Buendnis kam nur schwer voran. General Bonaparte eroberte bereits Aegypten, doch Preussen zauderte, Russland z;gerte, und Oesterreich sowie Bayern waren noch am Ueberlegen. Als Erstes wurde Neapel aktiv. Natuerlich war Neapel nach dem Geschmack der Londoner Strategen zu klein, um die franzoesische Vorherrschaft in Europa zu begraben, aber es konnte jener Stein werden, der die preussisch-russisch-oesterreichische Lawine gegen die Republik ausloeste.
Also Neapel.
Im Jahr 1796 gab es im koeniglichen Palast Aufruhr. Bestuerzung und Angst in Neapel wurden durch die Siege von General Bonaparte in Oberitalien ausgeloest. Die Furcht der Koenigin muendete im Herbst in einen Friedensvertrag zwischen dem Koenigreich Neapel und dem republikanischen Frankreich. Dadurch liebte Maria Karolina, die leibliche Schwester der in Paris hingerichteten Marie Antoinette, die Republikaner keineswegs mehr, und die neapolitanische Armee rassetelte demonstrativ mit den Waffen – allerdings innerhalb der Grenzen des Koenigreichs. Der oesterreichische Hof verstand die feige Vorsicht der Koenigin nicht, und der Papst in Rom verurteilte offen die Kompromisspolitik des Koenigreichs. Doch bald darauf blamierten sich der oesterreichische Hof und der Papst selbst: Ersterer durch einen Friedensvertrag mit Frankreich, Letzterer durch die franzoesische Besetzung Roms und die Emigration nach Florenz.
Im fruehen Fruehjahr 1798 besetzten republikanische Truppen unter dem Kommando von General Berthier Rom. Berthier schaffte die Vorherrschaft des Papstes ab und verkuendete die Geburt der Roemischen Republik, einer verkleinerten Kopie der Franzoesischen Republik. Die Koenigin litt sehr darunter. In Rom brodelte das revolutionaere Uebel, doch es gab absolut keine Moeglichkeit, es mit dem Schwert der Gerechtigkeit zu bestrafen. Im Gegenteil, das Uebel drohte auf Neapel ueberzugreifen. Aber es ging alles gut aus. Berthier zog mit der Division von Desaix in den Krieg nach Aegypten.
Die Ereignisse im benachbarten Rom veranlassten die Koenigin, nach Verbuendeten zu suchen, um die Ausbreitung der revolutionaeren Seuche im Koenigreich zu verhindern. Sie fand Mitgefuehl und Verstaendnis bei ihren oesterreichischen Verwandten. Am 19. Mai (dem Tag, an dem die Aegypten-Armee von Toulon auslief) schlossen Neapel und Oesterreich in Wien einen Buendnisvertrag. Nach diesem Vertrag verpflichtete sich Oesterreich, vierzigtausend Soldaten nach Neapel zu schicken, falls das Koenigreich angegriffen wuerde. Einen Monat spaeter, am 18. Juni, folgte eine geheime Zusatzvereinbarung ueber die Verdoppelung der oesterreichischen Praesenz.
Mitte Juni schockierte den neapolitanischen Hof die Nachricht von der Besetzung Maltas durch die Franzosen, von wo es bis Sizilien nur ein Katzensprung ist – etwa 50 Seemeilen. Wieder operierten die Republikaner unmittelbar an den Grenzen des Koenigreichs. Noch bevor sich die Koenigin mit der neuen Niedertracht der Franzosen abfinden konnte, lief eine englische Fregatte in den Hafen von Neapel ein. Es war Kommodore Nelson, der die franzoesische Flotte suchte. Es ist also doch nicht alles so schlimm – freute man sich im koeniglichen Palast ueber die Worte des englischen Gesandten Sir Hamilton –, es gibt also auch gegen die Franzosen ein Mittel. Zwei Monate lang lebte der Hof in Aufregung und betete fuer den barmherzigen Samariter Nelson, fuer den Sieg der englischen Waffen. Offenbar betete die Koenigin aufrichtig. Nelson vernichtete die franzoesische Flotte vollstaendig. Und die Koenigin, die Nachricht vom Triumph des Kommodore bei Abukir erhielt, erkannte klar die Gefahr, die von der Roemischen Republik ausging. Dieses Karthago muss zerstoert werden, andernfalls wird sein schlechtes Beispiel Neapel zugrunde richten.
Am 22. September gingen die gezeichneten Schiffe von Nelsons Eskadre im Hafen von Neapel vor Anker. Selten wurde ein auslaendischer Heerfuehrer so empfangen, wie die koenigliche Familie und der Hof damals Nelson empfingen. Die Feierlichkeiten und Feuerwerke dauerten mehrere Tage an. Nachdem man den glorreichen Sieg gefeiert hatte, unterzeichneten am 5. Oktober Neapel, vertreten durch John Acton, und England, vertreten durch Sir Hamilton, einen Vertrag, der de jure den tatsaechlichen Zustand festschrieb: Neapel oeffnete seine Haefen fuer die englische Kriegsflotte. Gemaess einer am 1. Dezember unterzeichneten Ergaenzung zum Vertrag, die auf englischer Seite von Nelson unterschrieben wurde, verpflichtete sich England, die Haefen des Koenigreichs mit seiner Flotte zu schuetzen.

Seit jeher kaempften am koeniglichen Hof von Neapel zwei Parteien – die franzoesische und die britische. Die britische Partei wurde von Sir John Acton angefuehrt, einem Englander von Geburt und Neapolitaner durch Staatsbuergerschaft. An der Spitze der franzoesischen Partei stand der Marchese di Gallo. Der Kampf dieser Parteien spiegelte im Kleinen die englisch-franzoesische Rivalitaet auf der europaeischen politischen Buehne wider. Das Erstarken der einen Partei bedeutete automatisch die Schwaechung der anderen. Je mehr die Gefahr einer franzoesischen Intervention schwand, desto mehr sank die Popularitaet di Gallos stetig. Die franzoesische Partei verlor Anhaenger, die – den Zeitgeist spuerend – in das Lager der Gegner ueberwechselten. Es waren die ueblichen Intrigen am Hofe eines mittelgrossen europaeischen Monarchen, wo jeder Wuerdentraeger und Beamte, orientiert an der Stimmung und den Vorlieben des Monarchen, mit jeder Faser spuerte, woher der frische Wind der Veraenderung wehte. Andererseits musste auch die Politik des Koenigs der Stimmung des Hofes entsprechen. Im spaeten Fruehjahr 1798 wehte der frische Wind der Veraenderung deutlich aus Britannien. Nelson brachte ihn auf seinen Segeln mit. Die Partei di Gallos erlebte ihren Niedergang. Daran aenderte auch die Ankunft von Garat, dem neuen franzoesischen Gesandten, Ende Mai nichts. Obwohl er von Koenig Ferdinand IV. gnaedig empfangen wurde und seine Antrittsrede von Friedfertigkeit und der Versicherung freundschaftlichster Absichten Frankreichs gegenueber Neapel gepraegt war, gewann er am Hof nur wenige Anhaenger.
Das von Talleyrand geleitete franzoesische Aussenministerium stufte Garats Wirken als Scheitern ein. Ohne ihn auch nur einen Monat arbeiten zu lassen, setzte Talleyrand Garat per Dekret ab und ernannte General Lacombe zum Gesandten. Die Ernennung Lacombes erfolgte am 14. Juni, doch er traf erst am 28. September in Neapel ein. Talleyrand beeilte sich nicht mit der Entsendung des ernannten Gesandten. In der Zeit des Vakuums der franzoesischen Diplomatie staerkte sich die englische Partei derart, dass der neue Gesandte zum Scheitern verurteilt war. Zudem traf der neue Gesandte in Neapel waehrend der Feierlichkeiten zu Ehren Nelsons ein. Konnte er bei einer solchen Stimmung am Hof ueberhaupt auf einen Erfolg seiner Mission hoffen?

Seit Mitte August, von dem Moment an, als die Koenigin die Nachricht von Nelsons Sieg erhielt, bereitete sich Neapel auf den Krieg vor. Maria Karolina wollte unbedingt mit den Republikanern fuer den Tod ihrer Schwester auf dem Schafott sowie fuer ihre eigene Angst und Demuetigung abrechnen. Nichts, keine vernuenftigen Argumente konnten sie in diesem Bestreben aufhalten. Ende August wandte sich der neapolitanische Gesandte in Wien an Thugut mit der Bitte, den Mai-Vertrag zu erfuellen und die versprochenen Truppen nach Neapel zu senden. Darauf bemerkte der Kanzler vernuenftigerweise, dass der Vertrag die Entsendung von Truppen fuer den Fall einer Gefahr fuer das Koenigreich vorsieht, er eine solche Gefahr jedoch bisher nicht erkenne. Thugut empfahl Neapel, sich zumindest bis zum Fruehjahr des naechsten Jahres von jeglichen aktiven Handlungen fernzuhalten. Im Fruehjahr, versprach der oesterreichische Kanzler, werde Neapel Truppen erhalten, unabhaengig davon, ob dem Land Gefahr drohe oder nicht.
Die Antwort des Kanzlers stellte die Koenigin nicht zufrieden, und noch weniger stellte sie Sir Hamilton zufrieden. Das Kabinett von St. James konnte nicht ein halbes Jahr warten, bis Oesterreich in Schwung kam, bis Russland, Preussen oder die Tuerkei sich entschieden. Die franzoesische Armee in Aegypten schloss die Eroberung des Landes bereits ab. Fuer die englische Regierung war es kein Geheimnis, dass das Ziel des Feldzuges Indien war. Ebenso war es kein Geheimnis, dass die Truppen, ueber die Bonaparte in Aegypten verfuegte, fuer eine so grossangelegte Operation nicht ausreichten. Die Hauptaufgabe Englands im Herbst 1798 und Winter 1799 bestand darin, Frankreich daran zu hindern, seiner Armee in Aegypten zu helfen. Gewiss, Nelson hatte Grosses geleistet. Er schnitt das franzoesische Kontingent in Aegypten von Europa ab. Mit Nelsons Sieg wurde es fuer Frankreich problematisch, Bonaparte Verstaerkung ueber das Meer zu senden. Zweifellos wuerde das englische Kabinett alle Massnahmen ergreifen, um Versuche der franzoesischen Flotte zu unterbinden, die Blockade zu durchbrechen und Menschen sowie Munition zu Bonapartes Truppen nach Aegypten zu bringen. Doch eine Blockade allein genuegte nicht. Man musste kein genialer Stratege sein, um eine einfache Wahrheit zu begreifen: Neben dem Seeweg von Frankreich nach Aegypten und von dort nach Syrien und Indien existiert auch ein Landweg. Dieser Weg fuehrt ueber Norditalien und den Balkan. Fuer das Kabinett von Pitt war es lebenswichtig, diesen Pfad in eine unpassierbare Strasse zu verwandeln, Norditalien in einen Kriegsschauplatz zu verwandeln. Und zwar nicht im Fruehjahr 1799, wie Oesterreich es plante, sondern jetzt, noch im Herbst 1798.
Oesterreich stimmte trotz aller Bemuehungen von Sir Eden, dem englischen Gesandten in Wien, nicht zu, den Krieg vor dem Fruehjahr 1799 zu beginnen. Thugut hatte seine Gruende, den Kriegsbeginn auf das Fruehjahr zu verschieben. Die Armee war noch nicht bereit. Sie war unzureichend bewaffnet und mangelhaft ausgebildet. Dies waren durchaus objektive Gruende, dem englischen Gesandten eine Absage zu erteilen. Und schliesslich: Was bedeuteten fuer Oesterreich die englischen Kolonien in Indien? Oesterreich war dies vollkommen gleichgueltig. Fuer Oesterreich waere es sogar vorteilhaft, wenn die Franzosen tatsaechlich beschliessen wuerden, einen Teil der Truppen aus Italien abzuziehen und sie ueber den Balkan nach Konstantinopel zu schicken. Je mehr Franzosen Italien verliessen, desto leichter wuerde es der oesterreichischen Armee fallen, die durch den Vertrag von Campo Formio verlorenen Gebiete zurueckzuerobern.
Wie dem auch sei, die englische Regierung konnte nicht auf schnelle Hilfe von Oesterreich zaehlen. Die Tuerkei sollte nach den Plaenen des englischen Kabinetts direkt gegen die franzoesischen Truppen in Aegypten und Syrien kaempfen. Sie konnte entweder gar nicht auf dem europaeischen Kriegsschauplatz eingesetzt werden, oder die Beteiligung der Tuerkei in Europa waere nur in einem sehr begrenzten Rahmen moeglich. Welche Moeglichkeiten blieben England? Russland – dort hatte Whitworth bereits unzweifelhafte Erfolge erzielt, doch der russische Zar war aufgrund seines sprunghaften Charakters ein zu unzuverlaessiger Partner, und vor allem: Russland war zu weit von Italien entfernt. Die Vorbereitung und Entsendung eines russischen Kontingents nach Italien erforderte Zeit, und genau diese fehlte. Es blieben: Bayern und Neapel. Bayern waere vorzuziehen gewesen, doch in Muenchen war man zu unentschlossen. Trotz aller Zusicherungen Englands und all der reichen Geschenke (einfach gesagt: Bestechungsgelder) wollte der bayerische Koenig nicht vor dem grossen Partner, dem Kaiser von Oesterreich, in das Spiel einsteigen. In Neapel hingegen entwickelte sich fuer England alles hervorragend. Erstens neigte Koenig Ferdinand, der in der Kriegskunst nicht sonderlich bewandert war, dazu, die Kampfkraft seiner Armee zu ueberschaetzen; zweitens hatte Koenigin Maria Karolina ein starkes persoenliches Motiv, Frankreich zu hassen und Rache an den Franzosen zu nehmen. Dieses Motiv nutzte das Ehepaar Hamilton erfolgreich aus. Es spielte keine Rolle, dass Neapel nicht bereit war, allein gegen Frankreich zu kaempfen; fuer England war es wichtig, den Krieg so schnell wie moeglich zu beginnen. Wenn Neapel gegen die franzoesischen Truppen einige Monate durchhielte, bis Oesterreich eingriff, dann koennte man sagen, dass es seine Aufgabe erfuellt hatte.
Nach der Weigerung Thuguts, Truppen zu entsenden, bat der neapolitanische Koenig darum, einen erfahrenen General als Befehlshaber zu entsenden. Er bat um die Entsendung von von Gotz oder von Mack. Wien stimmte dieser Bitte zu, und am 3. Oktober, mitten in den Feierlichkeiten fuer Nelson, traf General Karl Mack von Leiberich in Neapel ein. Der oesterreichische General geriet in eine Atmosphaere, in der ausschliesslich Siegstimmung herrschte, als haette Neapel Frankreich bereits besiegt oder zumindest Rom unterworfen. Nuechterne Stimmen, die darauf hinwiesen, dass das militaerische Potenzial Neapels nicht mit den Moeglichkeiten Frankreichs vergleichbar sei, waren unerwuenscht und sogar irgendwie unschicklich. Mack gab sich zunaechst unwillkuerlich dieser Stimmung hin, als wollte er den Sieg der neapolitanischen Waffen im Voraus feiern, doch eine Inspektionsreise zu den Grenzen des Koenigreichs, zu den Standorten der Truppen, ernuechterte den Befehlshaber ein wenig. Es gelang ihm jedoch nicht, den Hof davon zu ueberzeugen, dass es besser sei, sich gegen die Roemische Republik zu verteidigen oder ihm einige Monate Zeit zu geben, um die Armee in Kampfbereitschaft zu versetzen. Man wollte ihn nicht einmal anhoeren.
Der Krieg war beschlossene Sache. Die Staerke der neapolitanischen Armee betrug 45.000 Mann. Dies war fast doppelt so viel wie die Zahl der Franzosen in Rom. Und dies gab am Hofe des neapolitanischen Koenigs einen weiteren Anlass fuer die rosigsten Traeume.
Am 5. November kehrte Nelson nach einer dreiw;chigen Abwesenheit, waehrend der er einen erfolglosen Versuch unternommen hatte, Malta im Sturm zu erobern, nach Neapel zurueck. Eine Woche spaeter fand ein Kriegsrat statt. An ihm nahmen Nelson und Mack teil. Nichts konnte den Wunsch der Koenigin nach Krieg bremsen, weder die Nachricht aus London, dass sich die Finanzierung des Feldzuges etwas verzoegere (wenn die Sache entschieden war, warum sollte man Geld ausgeben, das man an anderer Stelle brauchen koennte), noch die negative Antwort Thuguts auf eine weitere Anfrage Neapels, doch noch eine Moeglichkeit zu finden, ein oesterreichisches Korps nach Neapel zu schicken. Am 24. November 1798 erklaerte Neapel der Roemischen Republik den Krieg. Einen Tag zuvor hatten die ersten Abteilungen der neapolitanischen Armee die Grenze ueberschritten.
Anstatt mit allen verfuegbaren Truppen auf Rom einzuschlagen, wie es Bonaparte getan haette, teilte Mack die Armee in fuenf Kolonnen auf. Er selbst marschierte mit den Hauptkraeften auf Rom. Die uebrigen Kolonnen marschierten in verschiedene Richtungen.

Die franzoesischen Truppen in der Roemischen Republik wurden von Divisionsgeneral Championnet befehligt, den Bonaparte als Menschen achtete und als Soldaten schaetzte. Unter seinem Kommando standen 19.100 Soldaten. Davon befanden sich 10.200 Mann unter dem Befehl von Divisionsgeneral Macdonald in Rom, 3.350 unter Divisionsgeneral Casabianca waren in Perugia stationiert, die uebrigen Truppen waren in kleinen Abteilungen in verschiedenen Staedten der Republik verteilt. Am 25. November erfuhr der franzoesische Befehlshaber, dass die Hauptstreitkraefte des Feindes auf Rom zumarschierten und dass die neapolitanische Armee in voneinander unabhaengigen Kolonnen vorrueckte. Zweifellos erleichterte diese Truppenbewegung des Gegners die Aufgabe der Franzosen. Championnet zog sich aus Rom auf vorbereitete, gut befestigte Stellungen in Civita Castellana zurueck, das etwa vierzig Kilometer noerdlich von Rom liegt.
Am 27. November besetzten die Neapolitaner kampflos Rom. Bisher entwickelte sich fuer Neapel alles hervorragend. In drei Kriegstagen waren die Hauptstadt des feindlichen Staates und die gute Haelfte seines Territoriums eingenommen worden. Die Armee hatte praktisch keine Verluste erlitten. Die Franzosen flohen vor dem drohenden Schritt der tapferen Soldaten Neapels. Die Skeptiker, die nicht an die hohe Moral der neapolitanischen Armee glaubten, waren beschaemt. In Neapel traf die frohe Nachricht von der Einnahme Roms ein, und das Koenigspaar reiste zusammen mit den Wuerdentraegern und Beamten in die besiegte feindliche Hauptstadt, um dort die Siegesfeiern fortzusetzen. Doch auf dem Weg nach Rom erhielt der Koenig die Nachricht, dass die Franzosen, die am Hofe bereits als besiegt galten, unerwartet angegriffen und in den Kaempfen am 27. und 28. November zwei Kolonnen vollstaendig vernichtet hatten. Aus absoluter Freude verfiel der neapolitanische Hof in absolute Niedergeschlagenheit. Der Hof, der Koenig und die Koenigin eilten zurueck nach Neapel und liessen Mack und die Armee der Vorsehung ueberlassen.
Unterdessen griff Mack am 4. Dezember mit seinen Hauptkraeften die franzoesischen Befestigungen in Civita Castellana an und erlitt nach einem erbitterten Kampf eine empfindliche Niederlage. Mack beschloss, die franzoesischen Stellungen erneut zu stuermen. Doch fuer einen umfassenden Sturm reichten die Truppen nicht aus. Er sandte Adjutanten zu den verbliebenen zwei Kolonnen mit dem Befehl an die Kommandeure, nach Rom zu marschieren, um sich mit den Hauptkraeften zu vereinigen. Wie gross war das Erstaunen des oesterreichischen Generals, als anstelle der Verstaerkungen nur die Adjutanten zurueckkehrten und ihm berichteten, dass sie die Truppen an den fuer sie vorgesehenen Plaetzen nicht gefunden hatten und dass Geruechten zufolge die vierte Kolonne im Gefecht am 9. Dezember aufgerieben worden war und der Grossteil der Soldaten in Gefangenschaft geraten war.
Die letzte, fuenfte Kolonne wurde ebenfalls nicht dort gefunden, wo sie sich haette befinden sollen. Sie wurde von einem franzoesischen General befehligt, einem emigrierten Royalisten. Im Gegensatz zum Koenig hielt dieser Mack weder fuer einen genialen Strategen noch fuer einen herausragenden Feldherrn. Im Gegenteil, er stand sowohl Mack als auch dem gesamten Feldzug aeusserst skeptisch gegenueber. Da er sah, dass die neapolitanische Armee weitgehend geschlagen war, weigerte sich der Kommandeur der fuenften Kolonne, Macks Disposition auszufuehren, und marschierte nicht zur Vereinigung mit den Hauptkraeften nach Rom. Der Kommandeur drehte seine Truppen um und kehrte nach Neapel zurueck, ohne auch nur ein ernsthaftes Gefecht geliefert zu haben. Spaeter erklaerte Mack seine Niederlage mit dem Verrat des Kommandeurs der fuenften Kolonne.
Nach all den Verlusten, welche die neapolitanische Armee erlitten hatte, verblieben Mack unter Waffen nur noch 7.000 Mann. In zwei Wochen Kampf hatte Mack es fertiggebracht, sechs Siebtel der ihm anvertrauten Armee zu verlieren. Man muss schon sagen – das muss man erst einmal koennen. Mit einer solchen Anzahl von Kaempfern den Krieg fortzusetzen, ergab keinen Sinn. Mack zog sich mit den Resten der Armee eilig in das Koenigreich zurueck. Am 22. Dezember, weniger als einen Monat nach Beginn der Kampfhandlungen, ueberschritt Mack die Grenze in entgegengesetzter Richtung. Doch mit dem Rueckzug aus der Roemischen Republik endeten Macks Ungluecke nicht, sie begannen erst richtig.
Die koenigliche Familie entschied, dass ihr kein anderer Ausweg blieb, als nach Sizilien zu fliehen. Am Hof herrschten Niedergeschlagenheit und Angst. Die Koenigin sagte, es sei an der Zeit, dass die Maenner endlich die Sache in die Hand naehmen, anstatt alles auf eine arme, schwache Frau abzuwaelzen. Die Maenner – Koenig Ferdinand, der schon in Friedenszeiten nicht durch besonderen Mut aufgefallen war, war nun voellig am Ende. Der Hof konnte keinen Widerstand gegen die Invasoren organisieren. Irgendwie geriet in Vergessenheit, dass keineswegs die Franzosen die Initiatoren des Krieges gewesen waren. Im Bewusstsein der gekroenten Haeupter kehrte sich die Realitaet auf wunderliche Weise um, und es stellte sich so dar, als haetten die Franzosen ein friedliches Koenigreich angegriffen. In dieser Situation konnte nur die Flucht das Koenigspaar retten. Am 21. Dezember schifften sich die koenigliche Familie und ein Grossteil des Hofes auf englische Kriegsschiffe ein. Zehn Millionen Mark aus der Staatskasse waren zuvor heimlich auf das Flaggschiff verladen worden. Unmittelbar nach Abschluss der Einschiffung legten die Schiffe vom Kai in Neapel ab. Vor der Abfahrt wurden die Schiffe der neapolitanischen Flotte verbrannt oder versenkt. Wie zuvor Koenig und Koenigin die Armee ihrem Schicksal ueberlassen hatten, so handelten sie nun auch mit ihren Untertanen. Am 27. Dezember traf der neapolitanische Hof in Palermo ein.
Waehrend sie die Reste der neapolitanischen Armee verfolgte, ueberschritt die franzoesische Armee die Grenze des Koenigreichs. Die Franzosen stiessen praktisch auf keinen Widerstand der regulaeren Armee. Mehr Muehe bereitete ihnen die einheimische Bevoelkerung. Als Antwort auf die franzoesischen Pluenderungen brachen ueberall spontan Aufstaende aus. Das bergige Gelaende nahe Neapel bot zahlreiche Verstecke, in die sich die Bauern zurueckzogen; sie nahmen so viel Vorraete wie moeglich mit und trieben ihr Vieh fort.
Am 11. Januar 1799 unterzeichneten Mack und Championnet ein Kapitulationsabkommen. Demnach fiel ein wesentlicher Teil des Territoriums von Neapel an die Roemische Republik. Zudem sollte Neapel der franzoesischen Armee eine Kontribution in Hoehe von 10 Millionen Francs zahlen. Es ist etwas seltsam, dass ein so bedeutendes Abkommen auf Seiten Neapels von einem oesterreichischen General unterzeichnet wurde, der nicht einmal die neapolitanische Staatsbuergerschaft besass. Man kann die Franzosen verstehen – es gab sonst niemanden mehr, mit dem man haette unterzeichnen koennen. Alle waren geflohen.
Unterdessen nahm der Widerstand der Bauern stetig zu. Mack war gezwungen, zusammen mit einer Gruppe oesterreichischer Offiziere sein Leben vor den erzuernten Bauern im franzoesischen Lager zu retten, wo sie zu Gefangenen erklaert und nach Paris geschickt wurden. Nur so konnten sie sich vor dem einfachen Volk retten, das darueber empoert war, dass die Oesterreicher ihr Vaterland verraten und verkauft hatten. Tatsaechlich haette man die Vorwuerfe nicht dem ungluecklichen Mack, sondern der eigenen Koenigin und dem Koenig machen muessen. Doch die wahren Schuldigen am Elend des Volkes sind, wie immer, weit weg. Und Mack ist nah, also ist er schuld.
Die unaufhoerlichen Zusammenstoesse mit der einheimischen Bevoelkerung und die Verfolgung Macks gaben dem franzoesischen Kommando den Vorwand, den Vertrag fuer ungueltig zu erklaeren. Die franzoesischen Truppen rueckten weiter auf Neapel vor. Nach einer dreitaegigen Belagerung wurde die Stadt, die von einfachen Neapolitanern – Bauern und Buergern – verteidigt wurde, im Sturm genommen. Die franzoesischen Truppen verloren bei diesem Sturm mehr als 1.000 Mann. Die Verluste auf Seiten der Verteidiger der Stadt wurden von niemandem gezaehlt.
Die Franzosen erlegten der Stadt eine Kontribution von 2,5 Millionen Golddukaten auf sowie weitere 15 Millionen Dukaten fuer das Koenigreich. Dies entsprach etwa 60 Millionen Francs. Zudem musste Neapel alle Beduerfnisse der Armee decken, was weitere Millionen Francs ausmachte. Anstelle des Koenigreichs Neapel wurde die Parthenopaeische Republik gegruendet.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn wurden ueber die englische Diplomatenpost Nachrichten ueber die erfolgreichen militaerischen Operationen Neapels gegen Frankreich an die europaeischen Hoefe versandt, um die Monarchen durch das Beispiel Neapels zu ermutigen. Und tatsaechlich zeigte das Beispiel Wirkung. In der kurzen Zeitspanne zwischen den ersten Siegesmeldungen und der Nachricht von der totalen Niederlage gelang es Neapel unter Vermittlung englischer Diplomaten, zwei Vertraege abzuschliessen.
Der erste wurde in Petersburg mit Russland unterzeichnet. Auf russischer Seite unterschrieben Besborodko, Kotschubej und Rostoptschin die Vereinbarung. Auf neapolitanischer Seite war es Herzog Capriola. Gemaess dem Vertrag verpflichtete sich Russland, Neapel mit Landtruppen in Staerke von 10.000 Mann zu unterst;tzen. Die finanzielle Seite der Angelegenheit (Versorgung der russischen Truppen auf dem Territorium des Koenigreichs, Transportkosten der Armee, Sold fuer Offiziere und Soldaten sowie Zahlungen an die Staatskasse) uebernahm direkt oder indirekt das grosszuegige England. Der englische Botschafter in Petersburg, Sir Whitworth, nahm unmittelbar und leidenschaftlich am Zustandekommen des Vertrages zwischen Russland und Neapel teil.
Der zweite Vertrag wurde mit der muslimischen Pforte geschlossen. Die Tuerkei versprach dem Koenigreich 10.000 Albaner. Wie im Fall Russlands kuemmerte die finanzielle Seite der Angelegenheit Ferdinand und Karolina kaum. Dies war das Problem Englands.

Das von der ganzen Welt vergessene Koenigspaar fristete mit den Ueberresten des Hofes ein klaegliches Dasein auf Sizilien. Fabrizio Ruffo, einer der wenigen Menschen, die ihrem Koenig treu geblieben waren und zu konstruktivem Handeln f;hig waren, schlug einen Plan zur Organisation eines Partisanenkrieges vor. Der Koenig und die Koenigin klammerten sich an Ruffos Plan wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm. Nach Ruffos Plan sollte er mit einer kleinen Abteilung in Kalabrien landen und im Namen Gottes und des Koenigs die Bauern zum Kampf gegen die Gottlosen und Invasoren aufwiegeln. Ende Januar erhielt Ruffo die Vollmachten zur Durchfuehrung des Unternehmens sowie die Titel eines koeniglichen Kommissars und Generalvikars. Geld gab der Koenig jedoch nicht, versprach aber eine Belohnung, falls die Sache erfolgreich enden sollte.
Auf mehreren englischen Schiffen segelte Ruffo mit einer Gruppe von Freiwilligen von den Kuesten Siziliens ab. Am 8. Februar landete seine Abteilung am Kap Rizzuto in Kalabrien. „Gott und der Koenig“ war eine geschickt gewaehlte Losung, und die Grausamkeit der franzoesischen Truppen sicherte Ruffo eine beispiellose Popularitaet. Von ueberall her stroemte das Volk zu ihm, begierig darauf, an der Vertreibung der franzoesischen Besatzer teilzunehmen. Nach einigen Monaten erfolgreicher Partisanenoperationen stand ganz Kalabrien unter der Herrschaft des Koenigs.
Unabhaengig von Ruffo kaempfte auch der Adlige Antonio Micheroux gegen die Unterdruecker. Er lernte russische Seeleute kennen, die zu jener Zeit waehrend der Belagerung von Korfu in Apulien ihre Wasser- und Vorraetsbestaende auffuellten. Vizeadmiral Uschakow, der Korfu (am 20. Februar 1799) eingenommen hatte, erlaubte Freiwilligen von den russischen und tuerkischen Schiffen, sich unter das Kommando des unternehmungslustigen Micheroux zu stellen. Micheroux entfachte einen Aufstand in Apulien. Obwohl die Franzosen wiederholt grosse Abteilungen zur Unterdrueckung von Micherouxs Aufstand entsandten und diese auch Erfolg hatten, wurde diese Meuterei nie ganz niedergeschlagen. In anderen Teilen des Koenigreichs Neapel erreichte die Aufstandsbewegung nicht das Ausmass wie in Kalabrien und Apulien, dennoch fuehlten sich die Besatzungstruppen alles andere als sicher.
Ende Februar berief das Direktorat angesichts der wachsenden Aufstandsbewegung Championnet ab und uebertrug Macdonald das Kommando. In Paris war man der Ansicht, dass die Grausamkeit des Befehlshabers die Ursache fuer die unaufhoerlichen Aufstaende sei. Die franzoesische Regierung erkannte die Ursache richtig: Gewalt erzeugt Gegengewalt. Der neue Befehlshaber versuchte, die Politik seines Vorgaengers zu aendern. Er begann Verhandlungen mit den Anfuehrern der Aufstaendischen. Moeglicherweise haette Macdonald Erfolg gehabt und dem Land die ersehnte Ruhe gebracht, doch es war zu spaet. Die Gesamtlage in Norditalien gestaltete sich mit Beginn des Fruehjahrs 1799 fuer Frankreich aeusserst unguenstig. Anfang Maerz begannen oesterreichische Truppen aktive Kampfhandlungen in der Schweiz. Einen Monat spaeter eroeffnete sich in Norditalien eine zweite Front. Dort kaempften oesterreichisch-russische Abteilungen unter dem Oberbefehl von Suworow gegen die Franzosen. In einer solchen Situation war es fuer Frankreich ein unbezahlbarer Luxus, ein bedeutendes Truppenkontingent im Koenigreich Neapel zu halten. Zudem konnten die franzoesischen Truppen in Neapel im Falle erfolgreicher Operationen der oesterreichisch-russischen Truppen im Piemont von Frankreich abgeschnitten werden, was ihren Verlust fuer die Republik bedeutet haette.
Am 8. April erhielt Macdonald den Befehl des Direktorats, sich auf den Marsch nach Norden vorzubereiten. Einen Monat spaeter, Anfang Mai, verliessen die Franzosen Neapel. Es erwies sich als unmoeglich, das Land in den Haenden zu halten, aber es war wuenschenswert, Neapel fuer Frankreich zu bewahren, um es kuenftig als Aufmarschgebiet fuer die Rueckeroberung des Koenigreichs zu nutzen. In der Stadt blieben eine kleine franzoesische Garnison und die Regierung der Parthenopaeischen Republik zurueck, unterstuetzt von einem Teil der Buerger, welche die revolutionaeren Ideen angenommen hatten. Macdonald versprach der Regierung der jungen Republik nach Zusicherung des Direktorats fest, dass die franzoesische Flotte ihnen gewiss zu Hilfe und Schutz kommen wuerde. Das Direktorat zaehlte auf die Flotte von Admiral Bruix, die zu diesem Zeitpunkt bereits aus Brest ausgelaufen war.
Als die Franzosen das Land verliessen, waren die aus aufstaendischen Bauern gebildeten Abteilungen von Ruffo und Micheroux sowie die aus den Besatzungen russischer und tuerkischer Kriegsschiffe rekrutierten Einheiten kampffaehig. Ruffo marschierte nach der Erlaubnis des Koenigs auf Neapel. Auf dem Weg schlossen sich ihm Micheroux sowie russische und tuerkische Seeleute an. Anfang Juni begannen die Aufstaendischen mit dem Sturm auf Neapel. Mehrere Tage dauerte die blutige Schlacht. Schliesslich nahmen die Aufstaendischen die Stadt ein. Zahlreiche gefangene Republikaner wurden lebendig auf Scheiterhaufen verbrannt. Auf diese schreckliche Weise offenbarte sich die religioese Komponente des Aufstandes.
Ein letzter Schauplatz der neapolitanischen Geschichte: In den Haenden der Republikaner befanden sich noch mehrere gut befestigte Festungen. Um weiteres Blutvergiessen zu vermeiden, dessen beide Seiten ueberdruessig waren, traten die Sieger in Verhandlungen mit den Belagerten. Am 21. Juni unterzeichneten die Parteien ein Abkommen, wonach die Republikaner im Austausch fuer ihr Leben und den Transport nach Frankreich die Festungen und Schloesser in die Haende der Aufstaendischen uebergaben. Das Abkommen unterzeichneten: auf neapolitanischer Seite Ruffo und Micheroux, auf englischer Seite der Fregattenkapitaen Foote, seitens der russischen Flotte der in russischen Diensten stehende Ire Baillie und von tuerkischer Seite Ahmed Bey. Alle Beteiligten an der Eroberung Neapels setzten ihre Unterschriften darunter.
Als bereits die Vorbereitungen zur Uebergabe der Festungen liefen, erschienen auf der Reede von Neapel die Schiffe Nelsons mit dem Ehepaar Hamilton und der gesamten koeniglichen Entourage. Aufgestachelt von der Koenigin und Lady Hamilton, denunzierte Nelson den Vertrag. Trotz eines ernsten Gespraechs mit Ruffo aenderte Nelson seine Entscheidung nicht. Am 26. Juni wurden auf Befehl Nelsons alle ergebenen Republikaner verhaftet. Um der Abrechnung mit den Republikanern einen Schein von Rechtmaessigkeit zu verleihen, uebertrug der Koenig am 28. Juni Nelson die hoechsten militaerischen Vollmachten. Am Abend desselben Tages befahl der frischgebackene Oberbefehlshaber, die Mitglieder der republikanischen Regierung „unter Bewachung und in Ketten“ auf das Flaggschiff zu bringen. Am naechsten Tag liess Nelson Admiral Caracciolo, den ehemaligen Befehlshaber der kleinen republikanischen Flotte, auf sein Schiff bringen. Nach einem mehrstuendigen formellen Verhoer, bei dem sich Caracciolo aeusserst wuerdevoll verhielt, wurde er an der Rah seines eigenen Flaggschiffs – der Fregatte „Diana“ – gehaengt. Diese Hinrichtung war der Beginn eines Schlaechtens. Binnen zwei Tagen wurden mehr als viertausend Republikaner hingerichtet. Die koenigliche Familie ging nun grausam mit ihren juengsten Gegnern ins Gericht. Im Grunde zeigten die gekroenten Eheleute in dieser Geschichte eine selbst fuer Koenige seltene Feigheit und Niedertracht.
Nach den Hinrichtungen begannen, gleichsam als Fortsetzung der Feste des Vorjahres, wieder Baelle und Feuerwerke. Als haette es keinen Krieg gegeben, keine Tausende Toten, Zehntausende Entwurzelte und Obdachlose. Das Ende dieser Geschichte ist ebenso niedertraechtig wie ihr Anfang. Als Retter des Vaterlandes wurde Lord Nelson gefeiert. Durch Dekret des Koenigs wurde ihm der Titel eines Herzogs von Bronte mit einem Jahreseinkommen von dreitausend Pfund Sterling verliehen. Auch die Belohnung seitens seiner eigenen Regierung liess nicht lange auf sich warten. Fuer die erfolgreiche Eroberung Neapels wurde Lord Nelson zum Oberbefehlshaber des oestlichen Teils der Mittelmeerflotte ernannt. Ruffo und Micheroux, jene Menschen, denen die Dynastie tatsaechlich die Rueckkehr auf den Thron verdankte, wurden vergessen. Ihre Anwesenheit am Hof war unerwuenscht.

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Kaiser Paul geerbt ein riesiges Land mit immensen Problemen und einem Komplex innerer Widersprueche, die mit seiner freudlosen Kindheit und dem herrschsuechtigen Charakter der Kaiserin Katharina zusammenhingen, welche jeden Versuch des Grossfuersten, an der Staatsverwaltung teilzunehmen, r;cksichtslos unterdrueckt hatte. Vom ersten Tag seiner Herrschaft an liess der „Einsiedler von Gatschina“ erkennen, dass er beabsichtigte, wesentliche Aenderungen in der Innen- und Aussenpolitik des Landes vorzunehmen. Ueberzeugt davon, dass ununterbrochene Kriege die Hauptursache fuer den unbefriedigenden Zustand der Finanzen waren, widmete Paul bis zum Herbst 1797 sein Hauptaugenmerk den inneren Problemen des Landes. In einer zirkularen Note, die kurz nach seiner Thronbesteigung an die europaeischen Maechte gerichtet wurde, war von dem Wunsch des neuen Kaisers die Rede, Russland die „so notwendige Erholung“ zu goennen. Doch aufgrund der Neigung des Kaisers, jede Angelegenheit zur Vollkommenheit zu fuehren, wuchs die Absicht, Erholung zu gewaehren, zu einer grundlegenden Umgestaltung des staatlichen politischen Systems heran.
In der Aussenpolitik fuehrte der Wunsch, das Ideal zu erreichen, zu schroffen Schwankungen zwischen entgegengesetzten politischen Polen und zu einem staendigen Wechsel im diplomatischen Korps. Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt ernannte Paul Besborodko zum Kanzler. Den Posten des Vizekanzlers erhielt Kurakin, ein Jugendfreund des Kaisers. Im Oktober 1798 wurde Kurakin durch Kotschubej ersetzt, einen Neffen Besborodkos, der zuvor Botschafter in Konstantinopel gewesen war. Weniger als ein Jahr spaeter wurde er, ebenso wie sein Vorgaenger, in den Ruhestand versetzt. Im September 1799 wurde er von Panin abgloest, der zuvor den Posten des Botschafters in Berlin innegehabt hatte. Gemaess dem strengen Reglement, das die Beziehungen des Vizekanzlers zum Kollegium fuer auswaertige Angelegenheiten regelte, hatte Panin kein Recht auf einen direkten Vortrag beim Kaiser. Auf diesem Boden entstanden Reibereien mit Rostoptschin, dem Erstvorsitzenden im Kollegium fuer auswaertige Angelegenheiten, der Panins Berichte an den Kaiser gegenzeichnete. Als Ergebnis der Zwistigkeiten zwischen den Wuerdentraegern wurde Panin im Dezember 1800 durch kaiserliches Dekret aus dem Dienst entlassen. Uebrigens ereilte im Februar 1801 dasselbe Schicksal auch seinen Rivalen Rostoptschin, dem Paul anfangs besonders gewogen war. Eine solche Umbesetzung des diplomatischen Korps konnte nicht anders, als sich aeusserst negativ auf den aussenpolitischen Kurs Russlands auszuwirken.
In zwei Fragen der Aussenpolitik vertraten die Kaiserin und der Thronfolger entgegengesetzte Positionen: in der franzoesischen und in der polnischen Frage. Sieben Jahre vor seiner Thronbesteigung, im Jahr 1789, schlug der Grossfuerst der Kaiserin vor, Truppen nach Frankreich zu entsenden, um die „bestialische Gewalt und das Gift der toedlichen Ideen“ zu unterdruecken. Er sagte seiner Frau, wenn er jemals die Macht haette, wuerde er all seine Kraft aufwenden, um einen „ewigen Frieden in Europa zu schaffen, indem er die siebenkoepfige Hydra der Franzoesischen Revolution vernichtet und allen Intrigen Englands ein Ende setzt“. „Mein Land“, erklaerte er der Grossfuerstin, „wird der Garant des Friedens auf der ganzen Erde sein“. Damals lehnte Katharina den Vorschlag des Grossfuersten mit der Begruendung ab, dass „Ideen nicht mit Kanonen unterdrueckt werden koennen“. Tatsaechlich war damals voellig unklar, wohin diese toedlichen Ideen fuehren wuerden. Sie fuehrten nach sieben Jahren zur Schw;chung der Hauptkonkurrenten Russlands – Frankreich, Preussen und Oesterreich – durch gegenseitige Vernichtung. Sie fuehrten zur relativen Erschoepfung der finanziellen Ressourcen Englands. Nach sieben Jahren erklaerte sich Katharina bereit, Oesterreich und England zu helfen, im Austausch fuer freie Hand im Krieg gegen die Tuerkei. Es schien, als haette Paul nun als Zar alle Mittel zur Hand, den Traeger der bestialischen Gewalt zu bestrafen. Doch weit gefehlt. Gleichsam als Fortsetzung des inneren Streits mit seiner Mutter hob er die Rekrutenaushebung auf, die fuer den Krieg gegen Frankreich bestimmt war, und stoppte sowie loeste das Expeditionskorps auf, das sich auf dem Marsch nach Norditalien befand, um sich mit der oesterreichischen Armee zu vereinigen.
Als Grossfuerst und Thronfolger hatte Paul die Besetzung Polens kritisiert und die Teilung Polens oeffentlich als ungesetzlich bezeichnet. Als Kaiser liess Paul zwar Kosciuszko und andere Fuehrer der polnischen Aufstandsbewegung frei, die nach der Einnahme Warschaus durch Suworow in der Festung Schluesselburg gefangen gehalten wurden, und bot ihnen sogar russische Auslandspaesse und finanzielle Unterst;tzung fuer die Emigration nach Amerika an, doch auf seine Anweisung hin setzten Besborodko und Ostermann die bereits unter Katharina begonnenen Verhandlungen mit Preussen und Oesterreich ueber die territoriale Abgrenzung Polens fort. Diese Verhandlungen endeten am 15. Januar 1797 mit der Unterzeichnung der Konvention ueber die endgueltige Teilung Polens. Der polnische Staat hoerte fuer mehr als hundert Jahre auf zu existieren. In der polnischen Angelegenheit zeigte sich zum ersten Mal in vollem Ma;e die Unlogik in Pauls Handeln, seine Inkonsequenz bei der Loesung aussenpolitischer Aufgaben.
Am deutlichsten zeigte sich die Eigenart Pauls in der sogenannten „maltesischen Epoche“, die zur Achse wurde, um die sich die gesamte Aussenpolitik des riesigen Staates waehrend der gesamten Regierungszeit Pauls drehte. Je nach der Haltung der verschiedenen Staaten gegenueber dem Malteserorden schloss Russland mit ihnen entweder Militaerbuendnisse oder drohte ihnen mit Krieg. Einerseits weigerte sich Paul im ersten Jahr seiner Herrschaft trotz aller Bemuehungen der englischen Diplomatie beharrlich, sich der entstehenden antifranzoesischen Koalition anzuschliessen, und bewies damit eine durchaus nuechterne Einschaetzung der politischen Lage und einen realistischen aussenpolitischen Kurs. Andererseits sah er, als Mystiker durch Charakter und Erziehung, das Hauptmittel zur Bek;mpfung der Ausbreitung revolutionaerer Ideen in der Staerkung des ritterlichen Geistes in Russland und in ganz Europa. Es bestand ein offensichtlicher Widerspruch zwischen einem gesunden Verstaendnis der Aufgaben und den unrealistischen, maerchenhaften Mitteln zu ihrer Umsetzung.
Am 4. Januar 1797 (im Original steht 1796, historisch kurz nach der Thronbesteigung), nur zwei Monate nach Pauls Regierungsantritt, unterzeichneten Besborodko und Kurakin eine Konvention mit dem Orden des Heiligen Johannes von Jerusalem. Die Konvention bestaetigte die Rechte des Ordens in Russland und Polen und brachte ihm erhebliche finanzielle Vorteile. Darueber hinaus sah die Konvention die Schaffung eines Grosspriorats von Russland vor. Prior der russischen Abteilung des Malteserordens wurde Prinz Louis Conde, der Fuehrer der franzoesischen Emigranten-Royalisten in Russland. Ende November 1797 nahm Paul den Titel eines Protektors des Ordens an, womit das orthodoxe Russland dem katholischen Orden Schutz garantierte.
Nach der Besetzung Maltas durch die Armee Bonapartes erklaerte das russische Priorat den Grossmeister Hompesch wegen Tapferkeitsmangel bei der Verteidigung der Insel und der Heiligtuemer des Ordens fuer abgesetzt. Drei Monate spaeter, am 13. November 1798, gab Paul der Bitte der maltesischen Ritter nach (einige Ritter hatten es bis dahin von Malta nach Petersburg geschafft und beschlossen, in Russland zu bleiben, da sie gut aufgenommen wurden) und nahm den Titel des Grossmeisters des Johanniterordens an. Gleichzeitig wurde in Russland ein zweites Priorat gegruendet, in das im Gegensatz zum ersten katholischen russische Adlige orthodoxen Glaubens aufgenommen wurden. Die Petersburger Ritter versicherten Paul, dass die russische Filiale nach dem Fall Maltas zur Hauptabteilung des Ordens geworden sei und man daher den europaeischen Prioraten seinen Willen diktieren koenne. Paul liess sich von den Rittern ueberreden. Alles waere gut gewesen, doch die europaeischen Priorate waren mit diesem Stand der Dinge nicht einverstanden. Die Beziehungen zu Oesterreich, Spanien, Bayern und einer Reihe anderer europaeischer Staaten verschlechterten sich ernsthaft. Die Grosspriorate (sie waren alle gross) von Katalonien, Navarra, Aragon, Kastilien sowie das Grosspriorat von Rom, angestachelt von Papst Pius VI., der im Exil in der Naehe von Florenz lebte, weigerten sich, Paul als Grossmeister anzuerkennen.
Als Antwort erklaerte Paul den spanischen Botschafter in Petersburg zur Persona non grata. Am 15. Juni 1799 veroeffentlichte er, erzuernt ueber die Gegenentscheidung Spaniens, den russischen Geschaeftstraeger Berater Bizow aus Madrid auszuweisen, ein Manifest zur Kriegserklaerung an Spanien. Auch der bayerische Gesandte Baron Rechlin wurde ausgewiesen; die Beziehungen zu Bayern konnten jedoch normalisiert werden, nachdem eine Sondergesandtschaft nach Petersburg geschickt worden war und M;nchen den Beitritt Bayerns zur Zweiten Koalition sowie die Entsendung einer 20.000 Mann starken Armee gegen das revolutionaere Frankreich verkuendet hatte.
Nicht weniger widerspruechlich und dramatisch entwickelten sich Pauls Beziehungen zu anderen europaeischen Maechten. Trotz der beharrlichen Weigerung, Russlands Verpflichtungen aus dem noch unter Katharina geschlossenen Vertrag mit Oesterreich zu erfuellen – waehrend Oesterreich in Norditalien gegen Bonapartes Truppen eine Niederlage nach der anderen erlitt –, bestaetigte Paul Russlands Bereitschaft, gemaess dem Frieden von Teschen von 1779 weiterhin als Garant des Deutschen Reiches aufzutreten. Im Fruehjahr 1797 informierte Besborodko den oesterreichischen Botschafter Cobenzl darueber, dass der Kaiser plane, Repnin nach Berlin zu entsenden. Repnin wurde angewiesen zu erklaeren, dass Russland eine weitere Schwaechung Oesterreichs nicht dulden werde und Preussen auffordere, gemeinsam zur Verteidigung der Verfassung des Deutschen Reiches aufzutreten. Ueber den zweiten, wesentlicheren Teil der Instruktion, der die Moeglichkeit einer Anerkennung der Franzoesischen Republik durch Russland vorsah, falls diese beim Friedensschluss mit Oesterreich „Maessigung“ zeige, wurde Cobenzl nicht informiert. Doch der darauf folgende oesterreichisch-franzoesische Waffenstillstand von Leoben veranlasste Paul, seine Plaene zu aendern. Anstelle von Repnin sandte Paul Panin nach Berlin. Im September trat Nikita Panin unter Vermittlung preussischer Diplomaten in direkten Kontakt mit dem Gesandten des Direktoriums, Gaillard. Als Ergebnis der Verhandlungen wurde ein Entwurf fuer einen Friedensvertrag vorbereit und abgestimmt. Paul ratifizierte diesen Vertrag jedoch nicht aufgrund der Ereignisse des 18. Fructidor und der Verhaftung des russischen Admirals Tsagurijski bei der franzoesischen Besetzung der Insel Zakynthos.
Darueber hinaus entpuppte sich bei den Verhandlungen in Berlin das doppelte Spiel Preussens. Anfang 1796 schloss Preussen mit Frankreich einen geheimen Neutralitaetsvertrag. Keine Regierung in Europa wusste davon. Da er die pazifistischen Stimmungen des russischen Kaisers kannte, schrieb der preussische Koenig, Friedrich Wilhelm II., seinem Freund Paul von diesem Vertrag. Pauls Reaktion war heftig. Wuetend ueber den doppelzuengigen Freund, verriet er das grosse Geheimnis Preussens dem oesterreichischen Botschafter. Das Ergebnis: Wien verfluchte Paris, Paris war wuetend auf Berlin, Berlin aergerte sich ueber Wien – und alle drei auf Kaiser Paul.
Den im Oktober 1797 geschlossenen Frieden von Campo Formio, nach dem Frankreich an das linke Rheinufer vorrueckte, wertete Paul als weiteren Beweis fuer die Unzuverlaessigkeit Oesterreichs. Im Winter stand der russische Kaiser kurz vor dem Abbruch der Beziehungen zu Oesterreich und Preussen, doch zu diesem Zeitpunkt griff die britische Diplomatie aktiv in das Geschehen ein. Whitworth, dem englischen Botschafter in Petersburg, gelang es Ende Februar, die Zustimmung des Zaren zu gewinnen, russische Kriegsschiffe in die Nordsee zur Blockade franzoesischer Haefen zu entsenden. Whitworths Verdienst ist umso bedeutender, wenn man bedenkt, dass Russland keine territorialen oder handelspolitischen Ansprueche gegenueber Frankreich hatte. Wie immer ging Paul weiter, als es die allgemein uebliche diplomatische Praxis erforderte. Am 5. Maerz 1798 (an dem Tag, als das Direktorat den Beschluss ueber die Aegypten-Kampagne fasste) wandte sich Paul, besessen von der neuen Idee der Weltrettung, an Oesterreich, Preussen, England und Daenemark mit dem Vorschlag, eine Koalition zu bilden, „um Europa vor den ihm drohenden Uebeln zu bewahren“. Preussen und Oesterreich reagierten nur traege auf Pauls Wunsch, Europa zu retten. Sie antworteten mit grosser Verzoegerung und in ausweichenden Formulierungen. Paul unternahm einen weiteren Versuch, Europa zu vereinen. Im Mai sandte er den Kabinetten von Wien und Berlin den Vorschlag, ihren Besitz im Deutschen Reich zu veraendern. Beide Kabinette lehnten den Vorschlag des russischen Kaisers ab. Die Beziehungen Russlands zu Preussen und Oesterreich verschlechterten sich in dieser Zeit von Tag zu Tag. Paul neigte sogar dazu, Kriegshandlungen gegen diese Laender zu beginnen. Der besorgte Whitworth zerbrach sich den Kopf auf der Suche nach einem Weg, die Stimmung des streitlustigen Zaren zu aendern. Und er fand ihn.
Am 4. Juli traf der junge Herzog Eugen Friedrich von Wuerttemberg, ein Neffe der Kaiserin Maria Fjodorowna, in Petersburg ein. Er ueberbrachte Paul eine persoenliche Botschaft des oesterreichischen Kaisers. Unter dem Einfluss von Whitworth, der den Zaren davon ueberzeugte, dass nach der ruhmlosen Niederlage Oesterreichs nur er Europa vor der revolutionaeren Pest retten koenne, und unter dem Eindruck des freundlichen Briefes des oesterreichischen Kaisers drehte Paul das Schiff der russischen Diplomatie abrupt um einhundertachtzig Grad. Aus dem Pazifisten, der den Krieg als Methode zur Loesung internationaler Konflikte ablehnte, wurde Paul zu einem leidenschaftlichen Anhaenger einer militaerischen antifranzoesischen Koalition, die als Zweite Koalition in die Geschichte einging. Solche abrupten Wendungen sind charakteristisch fuer die russische Aussenpolitik waehrend der Herrschaft Pauls.
Dem Druck Whitworths nachgebend, so schnell wie moeglich zu beginnen, befahl Paul der Schwarzmeerflotte von Vizeadmiral Uschakow, ins Mittelmeer zu segeln. Mit der Tuerkei, dem traditionellen Feind Russlands, hatte sich England zu diesem Zeitpunkt bereits geeinigt. Im Herbst 1798 lief die vereinigte russisch-tuerkische Eskadre unter dem Oberbefehl von Uschakow aus Konstantinopel in Richtung der von den Franzosen besetzten Ionischen Inseln aus.

Bevor die russischen Truppen oesterreichischen Boden betraten, erlebten die englischen und oesterreichischen Politiker einige unangenehme Momente. Ende Juli erhielt der General der Infanterie Rosenberg den Befehl, die ihm unterstellten Truppen an der Grenze zu Galizien zu konzentrieren. Doch aufgrund der Uneinigkeiten des Kaisers mit den Versorgungsnormen der russischen Armee auf oesterreichischem Territorium und der beharrlichen Weigerung der oesterreichischen Beamten, die Vorschlaege der russischen Seite zur Erhoehung dieser Normen anzunehmen, gab Paul den Befehl an Rosenberg, die Truppen auf ihre frueheren Positionen zurueckzufuehren. Um diese nach Thuguts Meinung zweitrangige Frage zu klaeren, die ploetzlich zu einem Stein des Anstosses geworden war und den Marsch der russischen Regimenter nach Europa zu stoppen drohte, wurde Graf Cobenzl eilends mit einer Sondermission nach Petersburg geschickt. Im August traf der oesterreichische Botschafter nach einer Reise ueber Dresden und Berlin in Petersburg ein. Es bedurfte eines weiteren Monats der Verhandlungen unter unmittelbarer Beteiligung Whitworths, um einen Konsens zu finden. Hier gab die oesterreichische Seite nach, dort lenkte Paul ein. Am 29. September unterzeichneten Besborodko und Cobenzl schliesslich das Abkommen ueber die „Versorgung der russischen Armee auf oesterreichischem Territorium“. Russen und Oesterreicher hatten sich geeinigt, doch zahlen musste letztlich England, weshalb die Zustimmung Londons erforderlich war. Das Problem bestand darin, dass dieser Posten aus dem englischen Topf finanziert wurde, der bereits vor langer Zeit abgestimmt und genehmigt worden war.
Anfang Dezember entsandte Paul Graf Rasumowski nach London, um das russisch-oesterreichische Abkommen ueber die Erhoehung der Versorgungsnormen abzustimmen. Den englischen Aussenminister William Grenville, dessen Unterschrift erforderlich war, damit das Abkommen Rechtskraft erlangte, empoerte eine solche Fragestellung: Oesterreichische und russische Beamte hatten englisches Geld unter sich aufgeteilt. Der Minister weigerte sich, seine Unterschrift zu leisten und den Vertrag anzuerkennen. In einem empoerten Brief vom 25. Januar 1799 an Cobenzl in Petersburg sprach Grenville alles aus, was er zu dieser Frage dachte. Lange wanderte das unglueckselige Dokument noch durch die hoechsten Kabinette von Wien, Petersburg und London, bis alle Parteien einen Kompromiss fanden. Er stellte keine der Seiten zufrieden, doch alle mussten ihm zustimmen, da zu diesem Zeitpunkt die Kriegshandlungen laengst im Gange waren.
Unterdessen gab Paul mit der Unterzeichnung des Versorgungsabkommens den Befehl zum Ausmarsch der Truppen. Nach diesem Befehl schien es, als sei der russische Kaiser mit ganzem Herzen fuer den Krieg gegen Frankreich. Ende Oktober setzten sich die ersten russischen Regimenter in Marsch.

Im Dezember 1798 errang Whitworth in Petersburg neue grosse Siege fuer die britische Krone. Am 23. Dezember wurde der russisch-tuerkische Vertrag geschlossen. „Man muss wohl als solch ein Ungetuem geboren sein, um eine Sache hervorzubringen, die ich nicht nur in meiner Amtszeit, sondern in meinem ganzen Leben nicht zu sehen gehofft hatte, naemlich unser Buendnis mit der Pforte“, schrieb Besborodko in jenen Tagen voller Erstaunen. Nur zwei Tage spaeter, am 25. Dezember, unterzeichneten Russland und England einen Vertrag. Demnach sollte Russland eine Armee von 45.000 Bajonetten nach Oesterreich entsenden, wofuer England sich verpflichtete, waehrend der Dauer der Kriegshandlungen jaehrlich 900.000 Pfund Sterling in die russische Staatskasse zu zahlen. Das macht 20 Pfund Sterling jaehrlich fuer jeden russischen Soldaten. Spaeter, bereits unter Alexander, waehrend des Krieges der Dritten Koalition gegen Napoleon, wurde die Beteiligung eines russischen Soldaten von den Englaendern genau auf dieselbe Summe geschaetzt – 20 Pfund Sterling. Ein englischer Standard. Schliesslich versprach Paul in den letzten Tagen des vergehenden Jahres durch einen Vertrag zwischen Neapel und dem Russischen Reich, dem Koenigreich mit einem Korps von zehntausend Soldaten zu helfen.
Der oesterreichische Generalstab hatte bereits im September 1798 einen strategischen Kriegsplan ausgearbeitet. Im Oktober erhielt das russische militaerische Kommando diesen Plan, und nach der Pruefung billigte ihn der Kaiser. Doch aufgrund der Weigerung des Koenigs von Piemont-Sardinien, Karl Emanuel IV., und in noch staerkerem Masse wegen der Niederlage Neapels, wurde der strategische Plan einer wesentlichen Korrektur unterzogen.
Thugut verstand als erfahrener Politiker und feinsinniger Psychologe, dass Paul nun fest zum Krieg entschlossen war. In einem Brief an Cobenzl in Petersburg vom 31. Januar 1799 gab er dem Botschafter neue Instruktionen. Thugut schrieb, Cobenzl muesse den Zaren davon ueberzeugen, General Rosenberg nicht an den Rhein zu schicken, wie es im strategischen Plan vorgesehen war, sondern nach Norditalien. Mehr noch: Die Neapel versprochenen 10.000 Bajonette von General Hermann, mit denen Oesterreich ueberhaupt nichts zu tun hatte, sollten ebenfalls nach Italien folgen. Um dem Zaren zu schmeicheln, machte Thugut Paul einen Vorschlag, der dem Zaren und Russland Ehre und den Verbuendeten erheblichen Nutzen bringen sollte. Thugut schlug vor, Alexander Wassiljewitsch Suworow zum Oberbefehlshaber der italienischen Armee zu ernennen. Suworow galt zu Recht als einer der besten Feldherrn Europas. Er hatte bereits im Krieg gegen die Tuerkei 1789 erfolgreich vereinigte oesterreichisch-russische Truppen befehligt. Zudem gab es nach Ansicht von Kaiser Franz in Oesterreich nur einen einzigen Feldherrn, der sich mit Suworow messen konnte – Erzherzog Karl, doch dieser sollte die Truppen auf dem deutschen Kriegsschauplatz befehligen.
Pauls Verhaeltnis zu dem Liebling Katharinas war schlecht, wenn nicht gar abscheulich. Seit der Thronbesteigung Pauls befand sich der Feldmarschall im Ruhestand. Er lebte auf seinem Gut im Gouvernement Nischni Nowgorod. Es fiel Paul schwer, eine solche Entscheidung zu treffen, doch die Versuchung, dass ein russischer Feldherr eine oesterreichische Armee befehligen wuerde, war gross. Paul sandte einen Adjutanten nach dem widerspenstigen Feldherrn. Suworow nahm den angebotenen Posten an. Ohne Verzug reiste er nach Petersburg ab.

3

Oesterreich, das den Krieg in Italien verloren hatte, duerstete nach Revanche. England war bestrebt, den Krieg in Europa zu entfachen, um die Gefahr von den Kuesten des Mutterlandes und der Kolonien abzuwenden. So stimmten die Interessen des Wiener und des Londoner Kabinetts im wesentlichen Punkt ueberein. Die Verbindung der Interessen durch englisches Gold machte den Krieg unausweichlich. Nicht ueberein stimmten die Vorstellungen der Kabinette ueber das Datum des Beginns der Kriegshandlungen. England draengte die Monarchen, den Krieg im Sommer 98, spaetestens im Herbst, zu beginnen. Oesterreich, das sich besser vorbereiten wollte, verschob die aktive Phase auf den Herbst 99 oder stimmte allenfalls einem Beginn im Sommer jenes Jahres zu. Somit erstreckte sich die Differenz in den Ansichten ueber das Beginndatum auf bis zu ein Jahr. Tatsaechlich entfesselte Oesterreich den Krieg im fruehen Fruehjahr. Den Herbst und Winter ueber bereitete sich das oesterreichische Kaiserreich vor. Es ruestete auf. Es stellte neue Regimenter und Bataillone auf. Es zog Russland hinzu. Der Generalstab entwarf den Feldzugsplan, waehrend die ersten Persoenlichkeiten Oesterreichs – Kaiser Franz, Kanzler Thugut und Erzherzog Karl – unter anderem einen internen Machtkonflikt loesten.
Oesterreichs bester Feldherr, Erzherzog Karl, genoss in der Armee unangefochtene Autoritaet. Der Erste Minister Thugut besass eine Macht, die der kaiserlichen vergleichbar war. Kaiser Franz achtete darauf, indem er an den Faeden zog, dass weder der eine noch der andere zu viel Macht in Form von Einfluss auf ihn selbst erhielt.
In den Verantwortungsbereich des Ersten Ministers fiel nicht nur die Aussenpolitik, sondern auch das Kriegskonzept, das vom Hofkriegsrat erstellt wurde. Thugut verstand es geschickt, Karl vom Kaiser fernzuhalten, und machte sich in Armee-Kreisen Feinde. Er informierte den Erzherzog nicht nur nicht ueber die diplomatischen Bemuehungen des Reiches, sondern schloss den Oberbefehlshaber der Armee faktisch von der Ausarbeitung des Kriegsplans aus. Bestrebt, Karl vom Hofe fernzuhalten, ueberzeugte Thugut Franz davon, den Oberbefehlshaber zu den Truppen zu schicken, damit dieser alle Kraefte auf die Vorbereitung der Armee konzentrieren koenne. Aus dem Konflikt Karls mit Thugut ergab sich natuerlicherweise ein Konflikt zwischen den Feldkommandeuren, die Karl direkt unterstellt waren, und den Offizieren des Generalstabs, die unter dem Befehl des Ersten Ministers standen. Dies war mehr als die uebliche Abneigung zwischen Front- und Stabsoffizieren; die Armee spaltete sich in zwei feindliche Lager. Man kann nicht sagen, dass der Erste Minister die Verderblichkeit dieser Spaltung nicht begriff, doch in Anbetracht der nahen Verwandtschaft zum Kaiser war es nicht moeglich, Karl einfach abzusetzen und einen anderen General zum Oberbefehlshaber zu ernennen. Im Vorfeld des Krieges, im Herbst 1798, unternahm der Erste Minister einen interessanten Schachzug, von dem er glaubte, er wuerde die Armee unter seiner Leitung konsolidieren. Er beschloss, Karl zu verheiraten. Natuerlich ging diese Entscheidung formal vom Kaiser aus.
Am 6. Oktober rief ein kaiserlicher Befehl Karl in die Hauptstadt, um militaerische Fragen zu eroertern. Doch dies war nur ein Vorwand. Franz schlug seinem juengeren Bruder vor, die Tochter des russischen Kaisers, Grossfuerstin Alexandra, zu heiraten. Thugut hatte alles genau kalkuliert. Brautwerbung und Hochzeit in Petersburg koennten sich gut ein halbes Jahr hinziehen. Waehrend Karls Abwesenheit wuerde ein anderer General die Truppen befehligen, mit dem Thugut, sobald man sich einig waere, die Widerspenstigen im Zaum halten und die Ungehorsamen entfernen wuerde. Dieser Plan sollte jedoch nicht in Erfuellung gehen. Karl weigerte sich rundweg zu heiraten, trotz der beharrlichen Bitten seines Bruders. Zwei Wochen voller Gespraeche und Ueberredungsversuche fuehrten zu nichts. Ende Oktober befahl der Kaiser dem Oberbefehlshaber, zu den Truppen abzureisen. Sein Hauptquartier befand sich in der bayerischen Stadt Friedberg.
Zum Zeitpunkt des Beginns der Kriegshandlungen gegen Frankreich verfuegte Oesterreich ueber eine bedeutende Armee. Fuer die Berichte, von denen die Hoehe der finanziellen Hilfe Englands abhing, betrug die Staerke der Armee 438.000 Soldaten, davon 102.000 Kavalleristen. Tatsaechlich standen jedoch nicht mehr als 250.000 Mann unter Waffen, darunter etwa 50.000 Kavalleristen. Nach der im Winter durchgefuehrten Reorganisation bestand die Armee aus 62 Linien- und 17 Grenzinfanterieregimentern, 15 Bataillonen leichter Infanterie und 42 Kavallerieregimentern. Von der Gesamtstaerke zaehlte die italienische Armee unter dem Kommando des siebzigjaehrigen Feldmarschalls Melas 64.000 Infanteristen und 11.000 Kavalleristen. Weitere 80.000 waren in Polen stationiert. Erzherzog Karl hatte 95.000 Soldaten unter Waffen. Sein Operationsgebiet war Sueddeutschland (Bayern, Wuerttemberg, Baden) und die Schweiz.
Gemaess dem oesterreichisch-russischen Abkommen entsandte Russland zwei Korps nach Norditalien. Das erste Korps mit einer Staerke von 20.000 Mann stand unter dem Befehl von General Rosenberg. Am 16. Dezember 1798 traf Rosenbergs Korps in Bruenn (Brno) ein. Dort inspizierte der oesterreichische Kaiser die Regimenter des Korps und befand den Zustand der Truppen fuer zufriedenstellend. Das zweite Korps, das urspruenglich zur Unterst;tzung der neapolitanischen Armee vorgesehen war, wurde von General Hermann befehligt. Da dieses Korps Russland wesentlich spaeter als das erste verlassen hatte, erreichte es erst am 4. April 1799 den Dnjestr. Die Staerke des Korps betrug 10.000 Mann. Insgesamt entsandte Russland fuer Operationen in Oberitalien Truppen mit einer Gesamtstaerke von 30.000 Soldaten.
Darueber hinaus stellte Russland fuer die Kriegshandlungen am Rhein zwei weitere Korps mit einer Gesamtstaerke von 37.000 Mann bereit. Eines davon, 27.000 Mann stark, stand unter dem Befehl des Generals der Kavallerie Nunsen und befand sich im Fruehjahr 1799 in Brest nahe der oesterreichischen Grenze. Spaeter wurde dieses Korps von Generalleutnant Rimski-Korsakow befehligt. Das andere Korps mit 10.000 Soldaten war dem Prinzen Conde unterstellt. Dieses Korps sollte erst etwas spaeter, bereits auf franzoesischem Territorium, in die Kampfhandlungen eingreifen. Somit stellte Russland 67.000 Mann gegen Frankreich auf.
Waehrend die oesterreichische Armee eine deutlich negative Bilanz aufwies – die Differenz zwischen den von England laut Listen bezahlten und der tatsaechlichen Staerke betrug 188.000 Mann –, besass die russische Armee im Gegensatz dazu eine klar positive Bilanz. Die Differenz zwischen den bezahlten Soldaten und denen, die am Krieg teilnahmen, belief sich auf 22.000 Mann. Die Gruende hierfuer waren: 1. das im russisch-englischen Vertrag unberuecksichtigte Korps von Hermann und 2. das Korps des Prinzen Conde.
Insgesamt waren zu Beginn der Kriegshandlungen an der italienischen und der Rheinfront 257.000 Soldaten (105.000 in Italien und 152.000 am Rhein) konzentriert oder befanden sich auf dem Marsch. Davon waren: Oesterreicher – 170.000 (75.000 in Italien und 95.000 am Rhein); Russen – 67.000 (entsprechend 30.000 und 37.000); Bayern – 20.000 Soldaten. Die in Polen stationierten oesterreichischen Truppen betrachtete der Wiener Stab als strategische Reserve. Unter Beruecksichtigung der Reserve verfuegten die Verbuendeten ueber Truppen in einer Staerke von 337.000 Mann gegen Frankreich.
Einen besonders grossen Vorteil besassen die verbuendeten Truppen bei der Kavallerie.

Die Staerke der franzoesischen Armee war der der Koalitionsarmeen weit unterlegen. Insgesamt zaehlte die Armee Frankreichs 195.000 Mann. Die franzoesischen Truppen waren wie folgt verteilt: In der Roemischen und der Parthenopaeischen Republik standen unter dem Befehl von General Championnet 30.000 Soldaten. In Mittelitalien, vornehmlich in Ancona, waren unter dem Kommando des Kriegsministers Scherer Truppen in einer Staerke von 25.000 Mann konzentriert. In Frankreich selbst standen 50.000 Soldaten unter Waffen. In der Schweiz stand das Korps von General Massena, einem ehemaligen Divisionskommandeur der Bonaparte-Armee im Italienfeldzug, mit einer Staerke von 30.000 Mann. Die Donauarmee unter dem Befehl von General Jourdan war im Raum Strassburg quartiert; sie zaehlte 37.000 Mann. Noerdlich der Donauarmee stand die Division Bernadotte mit 8.000 Mann. In Holland schliesslich befand sich das 15.000 Mann starke Korps von General Brune. Brunes Korps bestand aus den Resten der Bonaparte-Armee, die fuer eine Landung auf den britischen Inseln vorgesehen war. Die Franzosen hatten zudem Verbuendete: Die Regierung Frankreichs konnte fest mit 12.000 Hollaendern sowie 8.000 Piemontesen, Zisalpinern und Polen rechnen. Zusammen mit den Satelliten konnte Frankreich 215.000 Mann gegen die Truppen der Zweiten Koalition aufstellen.
Die numerische Ueberlegenheit erschoepfte die anfaenglichen Vorteile der Koalition nicht. Die franzoesische Armee verteidigte ein riesiges Territorium, weshalb ihre Kommunikationswege stark gedehnt waren. Die Verbuendeten konnten an strategischen Richtungen ein doppeltes oder dreifaches Uebergewicht erzielen. In Norditalien standen der russisch-oesterreichischen Armee von 105.000 Kaempfern nur 55.000 franzoesische Truppen gegenueber, die zudem aus ganz Italien zusammengezogen werden mussten – was bedeutete, das soeben eroberte Koenigreich Neapel, Rom und moeglicherweise Ancona aufzugeben. Am Rhein war die Lage der Franzosen noch schlechter: Gegen die 67.000 Mann starke franzoesische Armee standen 152.000 Koalitionstruppen. Die Truppen im Landesinneren und in Holland konnte das franzoesische Kommando wegen der Wahrscheinlichkeit einer englischen Landung in Holland und wegen der mit Unterstuetzung eben jenes Englands organisierten Royalistenaufstaende nicht nach Sueden verlegen.
Ein unbestreitbarer Vorteil der franzoesischen Armee war ihr Generalskorps. Die franzoesischen Heerfuehrer waren juenger und unternehmungslustiger im Vergleich zu den Generalen der Koalitionstruppen. Wie die weiteren Ereignisse zeigten, erwies sich dies als ein nicht geringer Vorteil.

4

Der Konflikt zwischen Karl und Thugut und, als Folge dieses Konflikts, die Konfrontation zwischen den Feldkommandeuren und den Offizieren des Kriegsrates hoerten angesichts des nahenden Krieges nicht auf, sondern verschaerften sich sogar. Anfang Dezember sandte Karl den von seinem Stab ausgearbeiteten Feldzugsplan nach Wien. Unter Berufung auf die Ungewissheit der Haltung Preussens lehnte der Kriegsrat die Pruefung von Karls Plan ab. Einen Monat spaeter, in den ersten Januartagen 1799, wurde der korrigierte strategische Plan des Hofkriegsrates im Hauptquartier der Armee zugestellt. Die Urheberschaft lag bei Feldmarschall-Leutnant Bellegarde. In Bellegardes Konzept wurde der Verteidigung Tirols besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Zu diesem Zweck wurde aus Karls Deutschland-Armee eine Armee in Staerke von 45.000 Mann ausgegliedert (fast die Haelfte der oesterreichischen Truppen). Obwohl die Karl entzogenen Truppen die Bezeichnung „Avantgarde der Deutschland-Armee“ trugen und formal Karl als Oberbefehlshaber unterstanden, folgten sie faktisch ueber den dem Hofkriegsrat loyalen Kommandeur, Feldmarschall Gotz, den Anweisungen aus Wien. Zudem sah Bellegardes Plan die Verstaerkung der italienischen und schweizerischen Gruppierungen durch russische Divisionen vor, waehrend Karl sich lediglich mit dem bayerischen Korps begnuegen sollte. Auf diese Weise entzog Thugut Karl faktisch das Oberkommando, indem er nur ein Viertel der Truppen in seiner direkten Unterstellung beliess.
Am 28. Januar 1799 erhielt Karl den Befehl, den Fluss Lech zu ueberqueren. Der Kaiser stellte ihm zwei Aufgaben: Erstens, an den Rhein vorzuruecken; zweitens, die Schweiz zu besetzen.
Karl fand sich mit dem Verlust des Kommandos nicht ab. Sein Stab arbeitete fieberhaft an einem Alternativkonzept. Es war am Tag des Abmarschbefehls fertig. Um es vor dem Kaiser und dem Kriegsrat zu verteidigen, entsandte der Erzherzog seinen Stabschef, Generalmajor Schmidt, in die Hauptstadt. Karl bestand auf einer gleichzeitigen Offensive in Italien und Deutschland. Dabei sollte Tirol durch das 25.000 Mann starke Korps von Hotze gedeckt werden, waehrend 20.000 Soldaten unter dem Oberbefehl von Auffenberg in den Bestand der Hauptstreitkraefte der Deutschland-Armee zurueckkehren sollten. Schmidts Ankunft erregte lediglich den Aerger Thuguts, die Empoerung der Offiziere des Kriegsrates und das Missvergnuegen des Kaisers. Karls zweiter Plan wurde ebenso wenig wie der erste geprueft oder diskutiert. Schmidt wurde angedeutet, dass der Befehlshaber und die ihm unterstellten Offiziere durch solche Handlungen die Grundfeste der Armee – die milit;rische Disziplin – untergrueben und damit unfreiwillig dem Feind in die Haende spielten. Bellegardes Plan blieb in Kraft.
Am 14. Februar, nach Schmidts Rueckkehr in das Hauptquartier der Armee, reichte Karl beim Kaiser sein Entlassungsgesuch ein. Da wurde Franz unruhig. Solange Thugut und Karl miteinander stritten, konnte der Kaiser beruhigt sein. Die Schwaechung der Position des einen fuehrte automatisch zur Staerkung der Position des anderen, und das war dem Kaiser voellig unerwuenscht. Franz schrieb seinem Bruder einen zaertlichen Brief, in dem er ihn eindringlich bat, auf dem Posten des Oberbefehlshabers zu bleiben. Der Erzherzog gab nach kurzem Zoegern der Bitte seines Bruders und Kaisers nach. Infolgedessen blieb alles beim Alten.

Ueber Europa wehten die feurigen Winde des Krieges, doch in Rastatt tagte weiterhin der Kongress, ein rudimentaeres Gebilde des Friedens von Campo Formio. Die franzoesischen Diplomaten beschuldigten die Oesterreicher, russische Truppen auf ihr Territorium zu ziehen. Die oesterreichischen Diplomaten ignorierten die Vorwuerfe der franzoesischen Kollegen. Es folgte eine offizielle Erklaerung des Direktoriums, welche die franzoesischen Gesandten in einer der Februarsitzungen verlasen. Sie klang fast wie eine Kriegserklaerung. Das Direktorium beschuldigte Oesterreich nicht etwa deshalb, weil russische Korps ueber oesterreichischen Boden marschierten und damit die Sicherheit Frankreichs bedrohten, sondern weil oesterreichische Truppen im Widerspruch zu den unterzeichneten Vereinbarungen ueber den Fluss Inn vorgerueckt waren. In Europa donnerten die Kanonen, doch der Kongress tagte bis Ende April.
Ende Februar befahl das Direktorium Massena, Jourdan und Bernadotte die Offensive. Am 1. Maerz ueberquerten die Truppen der Donauarmee bei Basel den Rhein. Am selben Tag rueckte auch Bernadotte aus. Die Donauarmee, die bis zum 7. Maerz ungehindert nach Nordosten vordrang, machte auf der Linie Rottweil – Tuttlingen halt und setzte dann den Vormarsch nach Osten fort. Die Division Bernadotte marschierte ebenfalls, ohne auf Widerstand zu stossen. Nach der Ueberquerung des Rheins besetzten Bernadottes Truppen Mannheim und belagerten Philippsburg.
Am 3. Maerz erfuhr Karl vom Vorruecken der feindlichen Truppen. Er gab sofort den Befehl, dem Gegner entgegenzumarschieren. Unterwegs erhielt Karl die Nachricht, dass Frankreich Oesterreich den Krieg erklaert hatte. Langsam vorrueckend, traten die Vorhuten der Oesterreicher am 20. Maerz bei der Stadt Ostrach mit der Avantgarde der Donauarmee in Kontakt. Am naechsten Tag fand die Schlacht statt. Gegen die 37.000 Mann der Donauarmee verfuegte Karl ueber 72.000 Soldaten. Die Oesterreicher griffen in drei Kolonnen an. Die mittlere Kolonne befehligte Karl in der Schlacht selbst. Der Kampf verlief sehr hartnaeckig. Die Franzosen hielten den Angriffen der ueberlegenen oesterreichischen Kraefte zwar nur mit M;he, aber dennoch stand. Bei Einbruch der Nacht zogen sich die Truppen auf ihre Ausgangspositionen zurueck. Sowohl Jourdan als auch Karl beanspruchten den Sieg fuer sich. Doch Jourdans Erklaerung erwies sich als weniger gewichtig, da die Franzosen am naechsten Tag den Rueckzug antraten und erbitterte Arriergarde-Gefechte mit dem nachsetzenden Gegner fuehrten. Drei Tage lang zogen sich die Franzosen zurueck, und am 25. Maerz trafen sie bei der Stadt Stockach erneut in einer blutigen Begegnung auf die Oesterreicher.
iese Schlacht wurde noch erbitterter als die vorangegangene. Lange Zeit schwankte die Fortuna. Erst nach dem Einsatz einer starken Reserve durch Karl – was Jourdan nicht tun konnte, da er alle Reserven erschoepft hatte –, zogen sich die Franzosen unter Beibehaltung ihrer Gefechtsordnung zurueck. Das Schlachtfeld und der Sieg blieben Karl ueberlassen.
Jourdan befahl infolge der hohen Verluste in zwei Schlachten den Rueckzug ueber den Rhein. Die franzoesischen Truppen zogen sich nach Nordwesten zurueck. Ihr Ziel war Strassburg, der Ort ihrer staendigen Dislocation. Nachdem sie in zehn Tagen mehr als 180 Kilometer zurueckgelegt hatten, ueberquerten die Reste der Donauarmee nach blutigen Kaempfen und einem anstrengenden Marsch am 5. April bei Kehl den Rhein. Karl nutzte den Vorteil seiner Kavallerie nicht aus und setzte dem Feind nicht nach. Da er dem strategischen Plan des Hofkriegsrates keinen Erfolg goennte, liess er Jourdan die geschlagenen Divisionen ueber den Rhein fuehren.
Das Direktorat erklaerte Jourdan fuer schuldig am Rueckzug der Armee. Durch Regierungsbeschluss wurde er vom Kommando entbunden. Die Fuehrung der Donauarmee uebernahm General Ernouf. Jourdan jedoch, der mit den Beschuldigungen der Regierung nicht einverstanden war und dem Direktorat seine Handlungen persoenlich erklaeren wollte, reiste nach Paris ab.
Bernadotte hob, nachdem er vom Rueckzug der Donauarmee erfahren hatte, die Belagerung von Philippsburg auf und zog sich ebenfalls ueber den Rhein zurueck. Ebenso wie Jourdan verliess er die ihm anvertrauten Truppen und begab sich in die Hauptstadt.
Massena griff spaeter als Jourdan in das Geschehen ein. Am 5. Maerz erhielt er den Befehl des Direktorats zur Offensive. Beim Vormarsch nach Osten griffen Massenas Truppen die Korps von Hotze und Auffenberg an. In einer Reihe lokaler Zusammenstoesse gelang es Massena, dem Gegner spuerbare Niederlagen zuzufuegen. In diesen Kaempfen verloren die oesterreichischen Truppen 12.000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen. Doch allmaehlich machte sich die numerische Ueberlegenheit der Oesterreicher bemerkbar. Der Vormarsch von Massenas Armee wurde zunaechst gestoppt, und anschliessend zwangen die Oesterreicher die franzoesischen Truppen zum Rueckzug. Massenas Abteilungen zogen sich unter zahlreichen Arriergarde-Gefechten langsam zurueck.
An der italienischen Front begannen die Kriegshandlungen noch spaeter. Am 25. Maerz kam es zur Schlacht zwischen den Truppen von Feldmarschall Melas und den Divisionen von General Scherer. Wie in Deutschland und in der Schweiz besassen die Oesterreicher auch hier in Italien einen doppelten Vorteil. Gegen 58.000 Oesterreicher kaempften nicht mehr als 25.000 Franzosen. Das Gefecht endete ohne eindeutiges Uebergewicht fuer eine der Seiten. Jeder der Feldherren hielt sich fuer den Sieger, was sie nicht versaeumten, ihren Vorgesetzten zu melden: der eine dem Direktorat, der andere seinem Monarchen. Am 5. April kam es bei dem Dorf Magnano zur zweiten Schlacht. Diesmal lag der Sieg auf Seiten der oesterreichischen Armee. Die franzoesischen Truppen traten den Rueckzug an. Scherer, der sich fuer die verlorene Schlacht verantwortlich fuehlte, reichte beim Direktorat sein Entlassungsgesuch ein. Im Gegensatz zu Jourdan und Bernadotte verliess er die Truppen nicht, sondern wartete die Entscheidung der Regierung ab. Eine solche selbstkritische Haltung ist ein seltener Fall in der Kriegsgeschichte; sie macht dem franzoesischen General Ehre.
Der erste Kriegsmonat war vergangen. Obwohl die oesterreichischen Truppen an allen drei Fronten – in Deutschland, in der Schweiz und in Italien – eine Reihe von Siegen errungen hatten, erzielten sie nirgendwo einen strategischen Durchbruch. Auch nennenswerte territoriale Gewinne blieben aus, da die oesterreichischen Truppen in diesem Monat lediglich die Gebiete zurueckeroberten, die die Franzosen infolge ihrer anfaenglichen Offensive besetzt hatten. Es war der schwierigste Kriegsmonat fuer die oesterreichische Armee. Die Verluste in den Truppen beliefen sich auf mehr als 10 % der Gesamtstaerke. Besonders erheblich war der personelle Rueckgang bei den Truppen an der Schweizer Front. Die russischen Korps befanden sich noch auf dem Marsch oder in der Phase der Formierung, und die Oesterreicher mussten (abgesehen vom bayerischen Korps) die gesamte Last des Krieges allein tragen. Die franzoesischen Truppen erlitten in diesem ersten Monat zwar wesentliche, aber dennoch deutlich geringere Verluste. Den franzoesischen Heerfuehrern gelang es, obwohl sie in der Unterzahl kaempften, katastrophale Niederlagen zu vermeiden und ihre Korps vor der Vernichtung zu bewahren. Das Gesamtergebnis des ersten Monats – ein Unentschieden.

Nach zwei grossen Schlachten goennte Karl der Armee eine zweiwoechige Ruhepause. Waehrend die Truppen ruhten und sich neu ordneten, arbeitete der Armeestab fieberhaft. Am 7. April sandte der Befehlshaber einen Brief an den Kaiser, in dem er seine Vision fuer das weitere Vorgehen darlegte. Nach seinen Plaenen sollte Karls Armee, unter Zuruecklassung eines kleinen Teils der Truppen in Deutschland (hauptsaechlich Bayern), in die Schweiz vorruecken und dabei den Rhein ueberqueren, der an dieser Stelle nicht wie auf dem Grossteil seiner Strecke von Sueden nach Norden, sondern von Osten nach Westen fliesst. In der Schweiz sollte sich die Armee mit den Korps von Hotze und Auffenberg vereinigen und nach Schaffung einer vier- bis fuenffachen Ueberlegenheit gegenueber den Franzosen die bereits ziemlich angeschlagene Armee Massenas vernichten. Danach sollte die vereinigte Armee in Ostfrankreich einfallen (die grosse Wasserbarriere des Rheins muesste dann nicht mehr vor den Augen des Feindes ueberquert werden), mit aller Macht in den Ruecken der Donauarmee gelangen und diese vernichten. Danach waere der Marsch auf Paris moeglich. Karl war zuversichtlich, dass sein Plan die allerhoechste Billigung finden wuerde. Diese Zuversicht basierte auf der relativen Einfachheit des Plans. Haette er nicht die Ueberzeugung gehabt, dass der Plan in Wien gebilligt wuerde, haette er nicht an den Kaiser geschrieben, sondern ihn einfach ausgefuehrt. Schliesslich hatte er den Befehl, die Schweiz zu erobern und zu halten. Wie er dies tun wuerde, gehoerte zu den Fragen der Taktik, zu Fragen, die in die Kompetenz des Befehlshabers fielen. Zur bitteren Enttaeuschung Karls lehnte der Kaiser, den Argumenten des Kanzlers folgend, den Plan ab. In seinem Antwortbrief bat Franz seinen Bruder, nichts gegen die Schweiz zu unternehmen. Die allgemeine finanzielle Situation erlaube es nicht, den Krieg bald zu beenden. In Kuerze sollte die zweite und dann die dritte Tranche der englischen Bank eintreffen. Ein schneller Sieg haette die Einstellung der Zahlungen bedeutet, was wiederum die Finanzen des auf Kredit lebenden Landes in eine schwierigste Lage gebracht haette.
Fast jeden Tag trafen in Wien Meldungen ueber Siege ein. In einem Monat hatte die Armee nach den bescheidensten Berechnungen des Hofkriegsrates fuenf grosse Siege errungen und zahlreiche kleine Gefechte gewonnen. Sowohl Kaiser Franz als auch der Erste Minister und der oesterreichische Generalstab waren vom baldigen Sieg ueber Frankreich ueberzeugt. Es wuerde nichts geschehen, wenn man den Offensivdrang Karls etwas zuegelte und der Krieg ein oder zwei Monate laenger dauerte; in dieser Zeit koennte man von England das versprochene Geld erhalten.
Am 14. April, nach der Ablehnung durch den Kaiser, schrieb und sandte Karl im J;hzorn sein Entlassungsgesuch ein. Die Situation war nun ganz anders als vor Beginn der Kampfhandlungen, als Karl zum ersten Mal um seinen Ruecktritt gebeten hatte. Thugut ueberzeugte den Kaiser, dass man jetzt, da der Sieg ueber Frankreich so nahe sei, auch ohne den eigensinnigen Befehlshaber auskommen koenne. Kurz gesagt, der Kaiser nahm den Ruecktritt an. Auf Empfehlung des Kriegsrates ernannte Franz den Feldmarschall von Wallis zum Befehlshaber. Erzherzog Karl, der begriff, dass er zu weit gegangen war, wandte sich bereits am 25. April an den Hofkriegsrat mit der Bitte um Wiedereinsetzung in sein Amt. Zum Missvergnuegen Thuguts stimmte Franz zu. Karl, der sich trotz des offiziellen Ruecktritts weiterhin bei der Armee aufhielt, erhielt am 4. Mai den Befehl zur Wiedereinsetzung sowie einen Brief des Kaisers. Der aeltere Bruder wies den Erzherzog streng zurecht und empfahl ihm trocken, sich kuenftig an die Weisungen aus Wien zu halten.
Mitte Mai beschloss Karl dennoch, seinen Plan auszufuehren. Durch bittere Erfahrung belehrt, fragte er diesmal niemanden und setzte niemanden in Kenntnis, sondern handelte im Rahmen der ihm uebertragenen Befugnisse. Er beschloss es zwar, doch die Zeit, die kostbare Zeit, war vertan. Anstatt den Erfolg auszubauen und zu festigen, waren anderthalb Monate mit Streitigkeiten und Intrigen verschwendet worden.
Massena nutzte die oesterreichische Verz;gerung der Kampfhandlungen aeusserst produktiv. Das Direktorium erhielt ueber diplomatische und geheimdienstliche Kanaele Informationen, dass sich der Ausgang des Feldzuges h;chstwahrscheinlich in der Schweiz entscheiden wuerde. Daher erhielt Massenas Armee trotz der allgemein schwierigen Lage in Frankreich massive Verstaerkung. Von der italienischen Front wurde eine Division in Staerke von 6.000 Mann nach Zuerich verlegt. Er erhielt auch erhebliche Verstaerkungen direkt aus Frankreich. Die Staerke seiner Truppen wuchs in dieser Zeit auf das Dreifache an und betrug 70.000 Mann. Bei Zuerich wurden maechtige Verteidigungsanlagen errichtet. Hier plante Massena, den Oesterreichern eine Entscheidungsschlacht zu liefern.
Am 21. Mai ueberquerte Karls Armee den Rhein, nachdem sie ein bedeutendes Truppenkontingent auf deutschem Territorium zurueckgelassen hatte. Massena sah seine Aufgabe darin, die Vereinigung der beiden oesterreichischen Armeen zu verhindern. Zu diesem Zweck rueckte er von Zuerich aus vor und griff das Korps von Hotze an. In zahlreichen Scharmuetzeln und Gefechten erlitten beide Seiten schwere Verluste. Massena erreichte sein Ziel jedoch nicht. Die Armeen vereinigten sich. Die franzoesischen Truppen zogen sich in die befestigten Stellungen bei Zuerich zurueck.
Karl uebernahm den Oberbefehl ueber die vereinigte oesterreichische Armee. Am 4. Juni griffen die oesterreichischen Truppen von zwei Seiten die franzoesischen Befestigungen an. Die Oesterreicher besassen eine gewisse numerische Ueberlegenheit, doch dieser Vorteil war nicht mehr so gross wie zu Beginn des Krieges. Die Soldaten kaempften mit grossem Mut. 1.700 Mann verloren die Franzosen an diesem Tag an Toten und Verwundeten gegen;ber 2.500 Mann in den oesterreichischen Reihen. Mit Einbruch der Dunkelheit endete die Schlacht. Die Truppen zogen sich zurueck. Obwohl das Schlachtfeld den Franzosen blieb, war dies bei weitem kein Sieg fuer sie. Am folgenden Tag goennte Karl der Armee eine Ruhepause. Am 6. Juni beabsichtigte Karl, die Schlacht wieder aufzunehmen. Doch das Gefecht fand nicht statt. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni zog sich Massena zurueck. Er fuehrte die Armee hinter die zweite Verteidigungslinie. Nach dieser Schlacht ereigneten sich auf der Schweizer Front bis zum Herbst keine wesentlichen Vorfaelle mehr. Beide Seiten nahmen eine abwartende Haltung ein und beobachteten die Entwicklung der Lage auf dem italienischen Kriegsschauplatz. Gewiss kam es in der Schweiz wie auch in Deutschland zu einzelnen Scharmuetzeln und lokalen Kaempfen, doch die allgemeine Lage der gegnerischen Parteien laesst sich als Stellungskrieg charakterisieren.

5

Ganz anders entwickelten sich die Ereignisse in Italien. Entgegen dem strategischen Plan, der die italienische Front als nebensaechlich betrachtete, fanden genau hier die entscheidenden Schlachten des Feldzuges von 1799 statt; in Italien gewannen die verbuendeten Truppen die strategische Initiative. Eben hier errangen die russisch-oesterreichischen Truppen glanzvolle Siege. All dies geschah dank eines einzigen Mannes – Feldmarschall Suworow.
Am 1. Maerz verliess Suworow, nachdem er das Angebot des Zaren angenommen hatte, die russisch-oesterreichischen Truppen in Italien zu fuehren, Petersburg in Richtung Front. Nach einem zehntaegigen Aufenthalt in der oesterreichischen Hauptstadt (vom 25. Maerz bis zum 4. April), waehrend dessen ihn Kaiser Franz empfing, machte er sich anhand der Berichte des Generalstabs mit der Lage an den Fronten vertraut und klaerte die vor der Armee stehenden Aufgaben. Am 14. April traf der Befehlshaber in Verona ein. Bis Mitte April war bereits das erste Kontingent des russischen Korps mit einer Staerke von 11.000 Soldaten in Italien eingetroffen. Die restlichen 10.000 befanden sich auf dem Marsch. Mitte April standen unter Suworows Befehl 60.000 Kaempfer, einschliesslich der russischen Soldaten. Der franzoesische Befehlshaber, General Scherer, verfuegte zu dieser Zeit ueber eine Armee von 28.000 Mann, doch er rechnete mit der neapolitanischen Truppengruppierung von General Macdonald. Kaum in Verona eingetroffen, begann Suworow, die Armee auf eine entscheidende Offensive vorzubereiten.
Einen Teil der Armee, etwa 20.000 Soldaten, rueckte der Feldmarschall an den Fluss Po vor, um zu verhindern, dass sich Macdonald mit Scherer vereinigte. Mit den Hauptkraeften in Staerke von 35.000 Mann griff Suworow am 26. April die Truppen von General Scherer an, die zum Schutze Mailands am Oberlauf des Flusses Adda, einem noerdlichen Nebenfluss des Po, lagerten. Die Franzosen begannen nach Sueden auszuweichen. In der Verfolgung holte Suworow den Feind bei der Stadt Cassano ein und zwang ihm eine Entscheidungsschlacht auf. Die Schlacht endete mit einem ueberzeugenden Sieg der verbuendeten Truppen.
Die Niederlage der franzoesischen Truppen bei Cassano entschied das Schicksal der Zisalpinischen Republik. Sobald diese Nachricht Mailand erreichte, reichten alle fuenf Direktoren der jungen Republik beim Parlament ihr Entlassungsgesuch ein, und die franzoesischen Beamten verliessen eilig Mailand. Am 28. April zogen die Sieger in die bezwungene Hauptstadt ein.
Waehrend des viertaegigen Aufenthalts in Mailand arbeiteten Feldmarschall Suworow und Generalquartiermeister von Chasteler einen neuen Plan aus. In Italien befanden sich zwei grosse operative feindliche Verbaende. Der erste, 25.000 Mann stark unter dem Befehl von General Macdonald, bewegte sich, wie man im russisch-oesterreichischen Stab glaubte, von Neapel nach Oberitalien; der zweite, 20.000 Mann stark unter der Leitung von General Moreau, befand sich am Oberlauf des Po mit dem Zentrum in der Stadt Valenza. Hinzu kamen starke Garnisonen in den Festungen Mantua und Peschiera. Ausgehend von der Aufstellung der feindlichen Kraefte sahen Suworow und Chasteler folgende Massnahmen vor: 1. Fuer die Belagerung von Mantua und Peschiera sowie den Schutz des Unterlaufs des Po wurde eine Abteilung von 25.000 Soldaten unter dem Oberbefehl des oesterreichischen Generals Kray abgestellt. 2. Eine kleine Abteilung wurde nach Venedig entsandt. 3. Gegen Moreaus Truppen wurde ein Riegel in Staerke von 6.000 Soldaten unter dem Befehl von General Vukassovich aufgestellt. 4. Die Hauptkraefte der verbuendeten Armee in Staerke von 38.000 aktiven Bajonetten waren dazu bestimmt, Macdonalds Truppen auf dem Marsch abzufangen. Mobile Kavallerieabteilungen wurden auf die Linie zwischen Pisa und Florenz entsandt, um die Annaeherung Macdonalds festzustellen. Somit beabsichtigte Feldmarschall Suworow, zuerst Macdonald zu schlagen und dann Moreaus Armee zu vernichten.
Der einzige Punkt, in dem sich Suworow bei der Ausarbeitung des Plans irrte, war die Bestimmung des Datums fuer Macdonalds Abmarsch aus Neapel. Nach Agentenberichten, die Suworow aus Wien erhalten hatte, sollte Macdonald Neapel bis zum 20. April verlassen haben. Tatsaechlich verzoegerte er sich. Am 3. Mai erhielt Suworows Stab die Nachricht eines Agenten aus Neapel, dass die Franzosen noch nicht aufgebrochen seien, sondern sich erst auf den Ausmarsch vorbereiteten. Der Feldmarschall wollte nicht zwei bis drei Wochen warten. Er beschloss, die Disposition zu aendern, den langsamen Macdonald fuer spaeter aufzuheben und zuerst Moreau anzugreifen, zumal Vukassovich berichtete, dass die Bauern im Piemont die Waffen gegen die Franzosen erhoben hatten. Insgesamt beschloss Suworow, auf Turin zu marschieren. Die Umgestaltung des Plans rief bei Chasteler und dem gesamten oesterreichischen Stab staerkstes Missvergnuegen hervor. Mit dem Streit gegen die Verbuendeten vergingen mehrere kostbare Tage, waehrend Moreau begann, seine Truppen nach Genua zurueckzuziehen. Als Suworow den Widerstand des Stabes brach, war Moreau nicht mehr einzuholen. Das Einzige, was getan wurde, war die Verlegung des Hauptquartiers von Mailand nach Turin.
Moreaus Truppen wurden von zunehmenden Aufstaenden beunruhigt. Die Bauern, ermutigt durch die Praesenz der verbuendeten Truppen und angelockt durch den franzoesischen Tross mit dem im Piemont und in der Lombardei gepluenderten Gut, fuehrten einen spontanen Krieg. Moreau zog sich ueber Savona nach Genua zurueck, und dieser Weg war aufgrund der Habgier der Bevoelkerung schwierig und langwierig. Erst nachdem sie einen Teil des Gepaecks dem Zorn der Piemontesen ueberlassen hatten, erreichten die Franzosen Genua. Dies geschah am 6. Juni.
Anfang Mai verliessen Macdonalds Truppen schliesslich Neapel. Nachdem sie das Territorium der Roemischen Republik durchquert hatten, vereinigte sich Macdonalds Armee Mitte Mai mit der Division von General Gauthier, den Scherer bereits im Maerz, waehrend der anfaenglichen allgemeinen Offensive der Franzosen, zur Eroberung der Toskana entsandt hatte. Gauthier hatte die Aufgabe bewaeltigt. Er eroberte die Toskana, war aber nicht in der Lage, sie zu halten. Seine Einheiten standen aufgrund haeufiger Aufstaende der Einheimischen unter staendiger Spannung. Zusammen mit Gauthiers Division wuchs Macdonalds Armee auf 28.000 Mann an. Macdonald hielt sich nicht mit der Wiederherstellung der franzoesischen Herrschaft in der Toskana auf, sondern verschob dies auf eine ruhigere Zeit und setzte den Marsch nach Norden fort. Beim Vorbeimarsch an Florenz gliederte Macdonald die 8.000 Mann starke Division Victor ein, die Moreau aus seinem Korps ausgegliedert und Macdonald entgegengefuehrt hatte.
Die Parteien begannen, sich auf die entscheidenden Ereignisse vorzubereiten. Suworow, der sich zu dieser Zeit in Turin befand, erhielt schliesslich die lang ersehnte Nachricht vom Vorruecken der Armee Macdonalds. Er beobachtete die Bewegungen der Franzosen weiterhin aufmerksam, um Ort und Zeitpunkt der Schlacht festzulegen.

Divisionsgeneral Moreau, der durch Dekret des Direktorats anstelle von Scherer zum Befehlshaber der franzoesischen Truppen in Italien ernannt worden war, durchschaute Suworows Absichten. Dem Spiel des russischen Feldmarschalls setzte er sein eigenes Spiel entgegen. Sich selbst gab Moreau die Rolle des Wildes. Macdonald, den Suworow jagte, sollte der Jaeger sein. Waerhend Moreau sich kaempfend nach Genua zurueckzog, versuchte er, als Koeder die Hauptstreitkraefte des Gegners auf sich zu ziehen; waehrenddessen sollte der Jaeger den Feind auf der Linie Bologna – Modena – Parma angreifen und schlagen. Zu diesem Zweck verstaerkte der franzoesische Befehlshaber die Armee Macdonalds maximal. Nach der Vereinigung mit der Division Victor betrug deren Staerke 36.000 Mann. In seiner unmittelbaren Unterstellung behielt Moreau lediglich 14.000 Mann. Moreaus Plan hatte zwei Schwachstellen: Suworow zu taeuschen und die Aktionen der Truppengruppierungen zu synchronisieren, was aufgrund der grossen Entfernung zwischen Macdonalds Armee und Moreaus Truppen nicht einfach war. Beides gelang den franzoesischen Heerfuehrern glanzvoll.
Anfang Juni begannen die Franzosen mit der Umsetzung ihres Plans. Zuerst rueckte Moreau aus. Er verliess Genua und taeuschte eine Bewegung nach Norden, auf Tortona, vor. Als Suworow die Nachricht von der Bewegung von Moreaus Abteilungen erhielt, rueckte er unverzueglich von Turin nach Osten, nach Alessandria, aus. Unter seinem unmittelbaren Befehl befanden sich beim Verlassen von Turin 28.000 Mann. Unterwegs schlossen sich ihm die Division von Vukassovich und einzelne Regimenter an. Bei seiner Ankunft in Alessandria am 12. Juni verfuegte Suworow bereits ueber eine Armee von 38.000 Mann. In dem Glauben, die Hauptstreitkraefte des Gegners vor sich zu haben, zog Suworow Kraefte zusammen. Auf seinen Befehl trafen oesterreichische und russische Einheiten am Standort der verbuendeten Truppen ein. In den naechsten Tagen sollte die Staerke der verbuendeten Armee auf 50.000 Mann anwachsen, und dann beabsichtigte er, Moreaus Truppen anzugreifen und zu schlagen.
Waehrend Suworow nach Alessandria marschierte und Kraefte sammelte, griff Macdonald die verbuendeten Truppen im Ruecken an. Am 9. Juni rueckte Macdonalds Armee in drei Kolonnen von der Toskana nach Norden aus. Macdonald selbst griff mit der ersten Kolonne die Verbuendeten bei Bologna und Modena an. Die zweite Kolonne, die hauptsaechlich aus Polen bestand, griff die oesterreichischen Einheiten bei Reggio an. Die dritte Kolonne, die Division Victor, marschierte auf Parma. In mehreren erbitterten Gefechten warfen die Franzosen die Verbuendeten auf der gesamten Linie zurueck. Danach vereinigten sich die franzoesischen Kolonnen bei Parma und setzten, den weichenden Gegner verfolgend, den Vormarsch nach Westen fort, mit dem Ziel, die verbuendete Armee am Po von ihren Verbindungen abzuschneiden. Bei Piacenza haetten die Franzosen die oesterreichischen Truppen von General Ott fast eingeholt, doch die Oesterreicher entzogen sich der Verfolgung, indem sie den Fluss Trebbia ueberquerten. Ott glaubte, dass das Wasserhindernis den weiteren Vormarsch der Franzosen behindern wuerde. Die Avantgarde-Division Victor setzte jedoch in kuerzester Zeit auf das linke Flussufer ueber und zwang den Oesterreichern am 17. Juni eine Schlacht auf. Der franzoesische Befehlshaber rechnete damit, dass er genuegend Zeit habe, die oesterreichische Division zu schlagen, bevor feindliche Verstaerkung eintraf. Doch noch waehrend der Schlacht trafen die Truppen von General Melas zur Unterst;tzung der Oesterreicher ein und griffen aus dem Marsch heraus in den Kampf ein. In einem erbitterten Gefecht bewiesen beide Seiten hoechste Beispiele an Tapferkeit. Am Abend trennten sich die Gegner, um am Morgen den Kampf wieder aufzunehmen.
Am Abend des 15. Juni erhielt Suworow Nachricht von den Offensivhandlungen der Armee Macdonalds. Als erfahrener Kommandeur begriff er sofort, dass die Franzosen ihn ueberlistet hatten. Angesichts der t;dlichen Bedrohung fuer die verbuendete Armee sandte der Befehlshaber unverzueglich Adjutanten zu den Einheiten von Melas mit dem Befehl, ohne den geringsten Aufschub Ott zu Hilfe zu eilen. Gegen Moreau liess Suworow Truppen in Staerke von 14.500 Mann zurueck und uebertrug General Bellegarde das Kommando. Am Morgen des 16. Juni fuehrte Suworow 24.000 Soldaten (10.000 Russen und 14.000 Oesterreicher) nach Osten. Die verbuendete Armee machte einen grossen Umweg, um Tortona zu umgehen und nicht auf Moreaus Truppen zu treffen, dessen Aufgabe es – wie Suworow nun begriff – war, seine Kraefte in Kaempfe zu verwickeln. Innerhalb von zwei Tagen und Naechten, mit nur kurzen Rasten, legten Suworows Soldaten 120 unertraeglich schwere Kilometer zurueck. Zudem forcierten die Truppen unterwegs drei Fluesse. Spaet am Abend des 17. Juni, als sich Oesterreicher und Franzosen gerade zurueckgezogen hatten, erreichten Suworows Einheiten den Ort des Geschehens. Der Feldmarschall uebernahm den Oberbefehl.
Am naechsten Tag wurde die Schlacht wieder aufgenommen. Doch diesmal tauschten die Teilnehmer ihre Rollen. Nun befahl Suworow den Angriff. Unter den Schlaegen der ueberlegenen gegnerischen Kraefte zogen sich die franzoesischen Truppen langsam zurueck. Gegen Mittag trafen aus Parma die Divisionen von Olivier und Montrichard zur Verstaerkung der Franzosen ein. Mit diesen Verstaerkungen hoerten die Franzosen auf zu weichen, waren aber auch nicht in der Lage, den Gegner anzugreifen. An diesem Tag kaempften die Gegner ebenso erbittert wie am ersten. Mit Einbruch der Dunkelheit fuehrte Macdonald seine Truppen hinter den Fluss zurueck. Er hielt sich nicht fuer besiegt, doch auch Suworow war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Bei Morgengrauen wurde der Marathon der Schlacht trotz der schrecklichen Hitze und der aeussersten Erschoepfung der Armeen fortgesetzt. Die Gegner griffen einander an. Das Gefecht artete in eine Folge von Nahkaempfen aus, in denen eher der Mut und die Kuehnheit einzelner Soldaten als die Kunst der Feldherren den Ausschlag geben konnten. Das beste Beispiel an Tapferkeit zeigte Suworow selbst. Unter einem Hagel feindlicher Kugeln ritt er in nur einem Hemd an seinen Reihen entlang und rief die Soldaten zum weiteren Kampf auf. Auch dieser Tag brachte keiner Seite den Sieg. In der Daemmerung zogen sich die Gegner auf ihre Ausgangspositionen zurueck. Suworow plante bereits den vierten Schlachtentag, doch Macdonald, der im letzten Gefecht eine Verwundung erlitten hatte und den Kampf daher nicht mehr vollstaendig leiten konnte, befahl in der Nacht den Rueckzug.
In die Haende der Verbuendeten fiel ein Lazarett, das die abziehenden Franzosen der Gnade des Gegners ueberlassen mussten. Darin befanden sich 7.500 Verwundete; es ist jedoch unbekannt, wie viele davon in der letzten dreitaegigen Schlacht verletzt worden waren. Vermutlich war es mindestens die Haelfte. Nach Berichten des verbuendeten Armeestabes verloren die Franzosen in der letzten Schlacht die Haelfte ihrer Staerke. Die Russen gaben ihre Verluste mit 700 Gefallenen und 2.100 Verwundeten an. Die Oesterreicher bezifferten ihre Verluste sogar noch niedriger: 250 Gefallene und 1.900 Verwundete, obwohl das Kontingent der oesterreichischen Soldaten wesentlich groesser war als das der russischen. Das Verhaeltnis der Oesterreicher zu den Russen betrug etwa zwei zu eins.
Wie bereits erwaehnt, hatte sich im Mai zwischen Suworow und dem Stabschef Chasteler ein Gegensatz bezueglich des Wunsches des Befehlshabers abgezeichnet, die gerade erst angenommene und bestaetigte Disposition zu aendern. Die Parteien konnten keinen Konsens erzielen. Chasteler bestand darauf, dass diese Aenderungen in Wien vom Kriegsrat bestaetigt werden muessten. Suworow schrieb eine Denkschrift an den Kriegsrat, in der er die Gelegenheit nutzte, nicht nur um eine Aenderung des Operationsplans bat, sondern auch seine Vision des weiteren Feldzuges darlegte. Seiner Meinung nach sollte die verbuendete Armee zu Beginn des Sommers Genua einnehmen, um danach operativen Freiraum nach Frankreich zu gewinnen. Der Stabschef wiederum sandte eine eigene Note in die oesterreichische Hauptstadt, in der er das Wesen des Konflikts darlegte. In den zwanziger Tagen des Juni, bereits nach der Schlacht am Fluss Trebbia, traf die Antwort aus Wien ein. Wien untersagte Suworow unmissverstaendlich die Ausfuehrung seines Plans. Die militaerische Leitung des Feldzuges in Person des Kriegsrates befahl Suworow, die Stellung der verbuendeten Armee in Norditalien zu halten und zu festigen. Ihm wurde befohlen, sich mit der Einnahme der Festungen zu befassen, die sich noch in franzoesischer Hand befanden, allen voran der Festung Mantua. Suworow blieb nichts anderes uebrig, als sich dem Befehl zu fueugen und den Plan der Wiener Strategen auszufuehren. Infolge der Befolgung des Wiener Befehls gelang es den Truppen von Macdonald und Moreau Anfang Juli, sich bei Genua zu vereinigen.
Ende Juni traf schliesslich die lang ersehnte Verstaerkung ein. Es kam das russische Korps unter Generalleutnant Rehbinder. Mit diesem Korps ueberstieg die russische Praesenz in Italien 30.000 Mann. Die Gesamtzahl der verbuendeten Truppen zaehlte Ende Juni mehr als 100.000 Soldaten. Mit der erhaltenen Verstaerkung konnte die vereinigte Armee den Druck auf die belagerten Festungen erhoehen. Am 21. Juli fiel die Festungsstadt Alessandria. Bald darauf, am 28. Juli, folgte ihr Mantua, dessen Garnison von General Foissac-Latour befehligt wurde. Mit dem Fall von Mantua zerfiel die franzoesische Vorherrschaft in Italien wie ein Kartenhaus. Bereits im Juni kam das Ende fuer die Parthenopaeische Republik. Im Juli besetzten die verbuendeten Truppen fast ungehindert das Territorium der Roemischen Republik.
Im Osten Italiens waren die Abteilungen der Verbuendeten ebenfalls erfolgreich. Die Reste der Armee der Zisalpinischen Republik zogen sich unter den Schlaegen ueberlegener feindlicher Kraefte in den Raum der Hafenstadt Ancona zurueck, die Bonaparte fuer den wichtigsten Punkt an der Adria hielt. Von der See her wurde die Stadt durch die Schiffe von Generalleutnant Woinowitsch blockiert, die zum Geschwader von Uschakow gehoerten. Beim Vorruecken entlang der Adriakueste besetzten oesterreichische Truppen am 28. Juli die Stadt Fano; am 2. August nahmen russische Abteilungen die Stadt Senigallia ein, und am 12. August belagerten oesterreichische Landeinheiten sowie russische und tuerkische Seeleute Ancona.
Insgesamt gestaltete sich die Lage fuer Frankreich bis zum Ende des Sommers 1799 sehr unguenstig. Waehrend die Gegner an der deutschen und der schweizerischen Front eine abwartende Haltung einnahmen und Stellungskaempfe fuehrten, war Italien fuer Frankreich verloren.
Das Direktorat zeigte die feste Absicht, die vom Feind besetzten Gebiete zurueckzuerobern. Im Land wurde eine zus;tzliche Rekrutenaushebung angeordnet. Frankreich ruestete eilig auf. Intensiv verlief die Aufstellung von gleich zwei zus;tzlichen Armeen – der Alpenarmee, zu deren Befehlshaber General Championnet ernannt wurde, und der Rheinarmee unter der Leitung von General Moreau. Letzterer sollte nach der Uebergabe der Italienarmee nach Frankreich reisen und sich dort mit der Formierung der Rheinarmee befassen. Zum Befehlshaber der Italienarmee ernannte das Direktorat General Joubert.
Der neue Kriegsminister Bernadotte, der anstelle von Scherer ernannt worden war, tat alles Moegliche, um die Schaffung neuer Einheiten und Verbaende zu beschleunigen. Die formierten Abteilungen wurden sofort in die Brennpunkte geschickt, hauptsaechlich nach Italien. Zum Stand vom 14. August 1799 befanden sich 150.000 Mann in der franzoesischen Armee. Davon 45.000 in Italien, im Landesinneren 15.000 Mann – der Kern der kuenftigen Alpenarmee –, 70.000 Mann in der Schweiz als Teil der Donauarmee und 20.000 Mann in Deutschland im Bestand der sich formierenden Rheinarmee. Nach Berechnungen des Kriegsministeriums waren fuer einen erfolgreichen Widerstand gegen die verbuendeten Truppen weitere 100.000 Soldaten erforderlich.

6

Im Sommer betrat ein alter Akteur die Buehne des Kriegsschauplatzes: die Royalisten. Die Bevoelkerung Frankreichs, die materiellen Nutzen aus der Revolution gezogen hatte, wuenschte keine Rueckkehr der Bourbonen und der alten Aristokratie, die in ihrer Verblendung offen damit drohten, dem Volk die Errungenschaften der Revolution wieder zu entreissen. Ein Anfuehrer der Monarchisten, der als Illegaler durch Frankreich wanderte, schrieb im Fruehjahr an seinen Herrn, den Grafen von Artois in England, dass es derzeit keine Hoffnung auf eine Restauration der Bourbonen-Monarchie gebe. Frankreich wuerde eher einen fremden Fuersten auf dem Thron akzeptieren, wie den Erzherzog Karl oder den Herzog von Braunschweig, als einen eigenen Prinzen; insbesondere die Protestanten seien entschlossen gegen die alte Koenigsdynastie eingestellt, und es bestehe Lebensgefahr fuer hohe Personen im Falle ihrer Ankunft in Frankreich. Um den Kreuzzug gegen die Republik persoenlich anzufuehren, kuendigte der Graf von Artois dreimal seine Ankunft in Frankreich an, kam jedoch nie.
Die Taktik der Monarchisten vom Ende der Ersten Koalition bis zum Erstarken der Zweiten Koalition bestand darin, den inneren Zustand des Landes durch bandenmaessige Ueberfaelle auf Doerfer und das Abfangen der Post zu destabilisieren. Doch die republikanische Regierung stellte allmaehlich die Ordnung wieder her. Die Strassen wurden sicherer. Die Aufstandsbewegung der Aristokraten ohne soziale Basis und ausreichende Finanzierung ersch;pfte sich. Im Mai, als an der deutschen und der italienischen Front Ruhe eintrat, gab das Kabinett von Pitt den franzoesischen Aristokraten das, worum sie lange gebeten hatten: Waffen und Geld.
Im Juni riefen der Graf von Artois und der Graf von Lille (Provence), der aeltere Bruder von Artois und kuenftige Koenig Ludwig XVIII., ihre Anhaenger und alle, denen das tausendjaehrige Frankreich teuer war, zum letzten und entscheidenden Kampf gegen die Usurpatoren auf. Dem Ruf folgten einige Dutzend Priester sowie ein paar Hundert Adlige, die in der Fremde unanstaendig verarmt waren.
Im Juli landeten englische Kriegsschiffe an der franzoesischen Kueste des Departements Aquitanien ein Royalisten-Detachement. Die englische Flotte lieferte zudem Waffen in einer Menge, die ausreichte, um eine vieltausendkoepfige Armee auszuruesten. Die Aristokraten riefen das Volk auf, unter die weissen Fahnen der Befreiungsarmee zu treten, und untermauerten den Aufruf mit dem Versprechen, die Kriegsarbeit ordentlich mit goldenen Louisdor zu bezahlen. Die ersten Franzosen, die den Monarchisten glaubten, erhielten tatsaechlich ein Handgeld. Die Nachricht, dass die Royalisten zahlten, und zwar gut zahlten, verbreitete sich schnell in ganz Aquitanien, und bald stroemten Scharen von Bauern und Buergern aus den umliegenden Doerfern und Staedten zu den Aufstaendischen. Innerhalb eines Monats fanden sich 15.000 bis 20.000 Franzosen ein, die auf das schnelle Geld aus waren. Dieses zweifelhafte Heer wurde von General Roger de Paulo befehligt, einem ehemaligen republikanischen General. Das Ziel der Aufstaendischen war die Einnahme von Bordeaux.


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