Kapitel 5 Bonaparte und Moreau

Kapitel 5: Bonaparte und Moreau

1

Der menschliche Verstand ist so beschaffen, dass er, indem er in der Vergangenheit nach Gleichnissen und Uebereinstimmungen sucht, auf Praezidenzfaelle zurueckgreift. Dazu ist dem Menschen das Gedaechtnis gegeben, das sich entlang des Zeitpfeils in die Vergangenheit erstreckt – nicht nur in die eigene, sondern in die der Gesellschaft. Der Verstand der vertriebenen Koenige stuetzte sich auf den fuer sie bequemen Praezidenzfall Monck und wollte die fuer uns, die fernen Nachfahren, offensichtlichen Unstimmigkeiten zwischen dem edlen Monck und dem machtbesessenen Bonaparte nicht wahrnehmen. Den Grafen von Provence rechtfertigt nur, dass Bonaparte die Rolle des Monck so talentiert spielte, dass er die gesamte koenigliche Partei taeuschte und das gesamte koenigliche Heer hinter das Licht fuehrte. Das Leben ist ein Spiel, und die Menschen darin sind Schauspieler.
Doch greifen wir nicht vor.
Die Pokerpartie mit den Bourbonen wurde weniger durch innere als vielmehr durch aeussere Umstaende diktiert. Das neue Regime hatte Glueck, dass General Massena in der Schweiz einen entscheidenden Erfolg erzielt hatte, indem er die Russen vernichtete, und dass der hitzige russische Kaiser das unzuverlaessige Buendnis mit Oesterreich aufkuendigte. Doch Oesterreich war auch allein in der Lage, einen vernichtenden Schlag zu fuehren. Zeit – diese fluechtige, ungreifbare Substanz, das war es, was von Bedeutung war.
Am 25. Dezember 1799, am zweiten Tag des Konsulats, sandte Bonaparte Botschaften an den Koenig von England – wobei er den Premierminister ignorierte, an den man sich nach etablierter diplomatischer Tradition in solchen Faellen haette wenden muessen – und an den Kaiser von Oesterreich mit der Bitte, Verhandlungen aufzunehmen, da Frankreich im Grunde ein friedliches Land sei und Ruhe und Wohlstand fuer ganz Europa wuensche.
Der Koenig, verwirrt ueber den unerwarteten Gewinn eines Verbuendeten fuer den europaeischen Absolutismus in Gestalt der Regierung des republikanischen Frankreichs, schwieg. Grenville, der britische Aussenminister, antwortete, jedoch nicht an Bonaparte, das Oberhaupt der franzoesischen Regierung, sondern an Talleyrand. Grenvilles Antwort vom 4. Januar 1800 lautete: ein entschiedenes Nein zu den franzoesischen Initiativen. Mit Bonapartes Wissen schrieb Talleyrand einen Brief an Grenville. Darin wiederholte der franzoesische Minister das Angebot des Ersten Konsuls, Friedensverhandlungen zu fuehren. Am 10. Januar lehnte Grenville die Vorschlaege Frankreichs erneut ab.
Etwas aeusserlich Aehnliches geschah auch im franzoesisch-oesterreichischen Schriftwechsel, doch sein innerer Gehalt war ein anderer. Am 25. Januar 1800 antwortete Thugut Talleyrand und stufte damit die Ebene der Korrespondenz herab. In Thuguts vorsichtiger Antwort war die Moeglichkeit von Verhandlungen enthalten. Einen Monat spaeter schrieb Talleyrand dem oesterreichischen Ersten Minister, dass Frankreich den Frieden anstrebe und den Friedensvertrag von Campo Formio als Ausgangsbedingung fuer Verhandlungen betrachte. Angesichts der Tatsache, dass sich zu diesem Zeitpunkt fast ganz Italien in den Haenden der Oesterreicher befand, war diese Bedingung gelinde gesagt masslos. Einen weiteren Monat spaeter, am 25. Maerz, antwortete Thugut mit einer Ablehnung; und die Ablehnung von Friedensverhandlungen mit Frankreich fiel der oesterreichischen Monarchie schwer, denn den gesamten Maerz ueber belagerten Vertreter der Grafen von Artois und der Provence den Wiener Hof.
In den Gespraechen mit den koeniglichen Emissaeren hatte Talleyrand die Position des «Bonaparte-Monck» klar umrissen: Eine Restauration der koeniglichen Macht sei nur unter der Bedingung eines Friedensschlusses mit Oesterreich moeglich. Kein Friede – keine Restauration; dafuer bemuehten sich die Aristokraten des Koenigreichs in Wien. Sie sagten, nach der Restauration wuerden alle Gebiete wieder unter die Herrschaft Oesterreichs zurueckkehren, dies sei nur notwendig, um ein positives Image der Bourbonen in Frankreich zu schaffen. Franz zweifelte. Italien zu besitzen und freiwillig ein gutes Stueck davon abzugeben, so viel Kraft in die Eroberungen gesteckt zu haben und alles auf einen Schlag zu verlieren, war selbst um der ungluecklichen Prinzen von Gebluet willen zu viel. Vor allem gab es keine Garantien. Nur Worte und feierliche Versicherungen, abzugeben aber waren reale Provinzen. Einen Monat lang z;gerte Franz, doch schliesslich siegte die Vorsicht.
Am 7. April, womit er vom monatlichen Rhythmus abwich, sandte Talleyrand Thugut eine Botschaft mit einer deutlich abgemilderten Position Frankreichs. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Englaender dem oesterreichischen Kabinett Informationen geliefert, und auch eigene Agenten berichteten, dass Frankreich aufrueste und bei Dijon die Formierung einer Reservearmee stattfand. Es sei leicht zu erraten, erklaerte der englische Botschafter Franz, fuer wen diese Armee bestimmt sei. Die oesterreichischen Politiker begriffen, dass das Gerede von einer baldigen Restauration nicht mehr als eine Nebelwand war, um Bonapartes wahre Plaene zu tarnen. Auf Talleyrands letzten Appell antwortete Thugut nicht einmal. So wurde klar: Die Franzosen bluffen.
Das Doppelspiel der Franzosen war entlarvt, doch das Wichtigste hatten Bonaparte und Talleyrand erreicht – ohne aeussere Erschuetterungen hatte das Regime die ersten fuenf Monate ueberstanden, und es waren zus;tzliche Streitkraefte geschaffen worden. Nun war Bonaparte nicht mehr so leicht zu beseitigen wie zuvor.

2

Si vis pacem, para bellum. Willst du den Frieden, so bereite den Krieg vor, sprach Cornelius Nepos bereits im ersten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung. Tatsaechlich finden sich, sobald die Armeen erst einmal kriegsbereit sind, hunderte von Gruenden, warum der Friede unmoeglich ist.
Bonaparte bereitete das Land auf den Krieg vor. Indem er zum ersten Mal an der Spitze der groessten europaeischen Nation stand, schien er angesichts der Tragweite der Aufgaben keine Befangenheit zu verspueren, als fl;sse blaues koenigliches Blut in seinen Adern und als haette er sich von Kindesbeinen an auf Grosses vorbereitet. Von der Nordsee bis zum Mittelmeer, am Rhein entlang und ueber die Alpen galt es, die Grenzen der Republik zu schuetzen und eine schlagkraeftige Faust vorzubereiten. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Aufstellung der franzoesischen Armeen.
Im Norden, in der Batavischen Republik, waren Einheiten der Armee von General Brune stationiert, den spaeter General Augereau abloeste. Entlang des linken Rheinufers befanden sich die kampffaehigsten franzoesischen Truppen – die Rheinarmee von General Moreau. Bei Genua stand die durch staendige Kaempfe stark geschwaechte Italienarmee von General Massena.
Bonaparte legte fest, dass Deutschland der Hauptkriegsschauplatz des bevorstehenden Krieges sein sollte. Wenn es den franzoesischen Truppen gelaenge, den Rhein zu ueberqueren und die Oesterreicher in den ersten Schlachten zurueckzuwerfen, bestuende die Moeglichkeit, entlang der Donau in das Herz des oesterreichischen Kaiserreichs vorzudringen und moeglicherweise in Wien die Friedensbedingungen zu diktieren. In Italien war die Lage weitaus schlechter. Hier musste alles von vorn begonnen werden.
Der Beginn der Vorbereitung Frankreichs auf den Krieg wird durch den Befehl des Ersten Konsuls an den Kriegsminister vom 5. Dezember 1799 markiert. Darin ordnete Bonaparte an, Moreau aus dem Standquartier der Truppen herbeizurufen, um einen Plan fuer den Feldzug auf deutschem Boden zu entwerfen. Am selben Tag befahl Bonaparte, mit der Formation einer Reservearmee mit dem Standort Dijon zu beginnen. Je nach Entwicklung der militaerpolitischen Lage konnte die Reservearmee von Dijon aus nach Deutschland geworfen oder nach Italien entsandt werden.
Die Ausarbeitung des Feldzugsplans wurde durch den passiven Widerstand Moreaus erschwert. Dieser fuerchtete, dass der Erste Konsul trotz der Novembervereinbarungen ueber Moreaus selbstaendiges Kommando der Rheinarmee der Versuchung nicht widerstehen wuerde, persoenlich auf der strategischen Hauptstossrichtung zu siegen. Kurz gesagt: Moreau erschien nicht in Paris und berief sich auf unaufschiebbare Angelegenheiten bei den Truppenteilen. Den ganzen Winter ueber rief Bonaparte General Moreau nach Paris. Schliesslich gab Moreau der Beharrlichkeit des Ersten Konsuls nach und entsandte General Dessolles, den Stabschef der Armee, nach Paris. Dessolles brachte einen von ihm und dem Oberbefehlshaber entworfenen Feldzugsplan mit. Wie Moreau bef;erchtet hatte, lehnte Bonaparte dessen Plan aus der Hoehe seiner Position ab und forderte in kategorischer Form die Ausfuehrung des von Berthier und Bonaparte erdachten strategischen Plans.
Nach Erhalt von Dessolles' Bericht erinnerte Moreau den Ersten Konsul in einem Brief an ihre Vereinbarungen vor dem Staatsstreich und stellte Bonaparte eine Bedingung: Entweder mischt sich der Erste Konsul nicht in seine Handlungen ein und gewaehrt ihm die volle Macht und Verantwortung, oder er reicht seinen Ruecktritt ein. Schweren Herzens stimmte Bonaparte zu, sich nicht einzumischen. Ein offener Konflikt zwischen den beiden fuehrenden Feldherren am Vorabend des Krieges haette die Kampfkraft der Armee tatsaechlich mindern koennen. Das verstand der Erste Konsul wie kein anderer. Und schliesslich existierte die Vereinbarung ueber die Nichteinmischung in Moreaus Handeln, und viele hoehere Offiziere wussten davon.
Bonaparte gab nach, knuepfte das Zugestaendnis jedoch an zwei unabdingbare Bedingungen. Erstens: Die Kampfhandlungen der Rheinarmee muessen zwischen dem 10. und 20. April beginnen. Dieses Datum wurde durch den allgemeinen strategischen Plan und die Koordinierung mit der Reservearmee diktiert. Zweitens: Die Reservearmee muss auf Kosten des linken Fluegels der Rheinarmee verstaerkt werden. Sie sollte durch die in der Schweiz stationierten Korps von Lecourbe und Moncey ergaenzt werden. Das Korps von Moncey war Teil der Rheinarmee. Das Korps von Lecourbe gehoerte nicht zur Rheinarmee, wurde aber als deren strategische Reserve betrachtet. Die erste Bedingung akzeptierte Moreau leicht. Er wuerde die Operationen etwas frueher beginnen muessen als geplant, aber bei einer entsprechenden Intensivierung der Vorbereitungen war es durchaus machbar. Die zweite Bedingung missfiel dem Oberbefehlshaber massiv. Doch er konnte sie nicht ablehnen. Er war bereits mit seinem Ultimatum an das Staatsoberhaupt an die Grenze des Zulaessigen gegangen, doch die Korps abzugeben, widerstrebte ihm.
Dieser Punkt wurde zum Gegenstand eines komplizierten, mehrwoechigen Feilschens zwischen Moreau und dem Kriegsminister Berthier, der im Hauptquartier der Rheinarmee in Basel eingetroffen war. Mit der Notwendigkeit, die Schweiz vor dem Feind zu schuetzen, begruendete Moreau, dass er von den zwei Korps nur einige Bataillone fuer die Reservearmee abgeben wolle. Darauf bemerkte Berthier, dass Lecourbe ueberhaupt nicht seinem Kommando unterstehe und dieses Korps nur aufgrund der Umstaende als Reserve der Rheinarmee bezeichnet werde. Der Gegenstand der Diskussion, so Berthier, sei nicht das Korps Lecourbe, sondern das Korps Moncey. Moreau stellte sich stur und weigerte sich, die Korps abzugeben, ohne einen adaequaten Ersatz zu erhalten. Der Kriegsminister erkundigte sich, woher der Kommandeur wohl diesen Ersatz nehmen wolle. «Aus dem Bestand der Reservearmee», antwortete Moreau bescheiden. Da haben wir den Salat. Berthier konnte nicht laenger in Basel bleiben und sinnlose Handelsgespraeche mit Moreau fuehren. Er musste das Kommando ueber die Reservearmee uebernehmen und die ministeriellen Pflichten an Carnot uebergeben. Carnot hatte bereits in der Vergangenheit den Posten des Kriegsministers innegehabt. Berthier verliess Basel, ohne die Uebergabe der Korps von Lecourbe und Moncey oder zumindest eines Grossteils davon an die Reservearmee erreicht zu haben.
Am 5. Mai, als Teile der Rheinarmee bereits Kampfhandlungen fuehrten, erliess der Erste Konsul ein von den drei Konsuln unterzeichnetes Staatsdekret, das den Oberbefehlshaber der Rheinarmee verpflichtete, ein Truppenkontingent in Staerke von 25.000 Mann an die Reservearmee zu uebergeben. Doch selbst ein Dekret mit Gesetzeskraft reichte nicht aus, um die Truppenteile aus Moreaus festem Griff zu entreissen. Mit diesem Dekret begab sich der neue Kriegsminister in Moreaus Hauptquartier. Mit Carnot verband den Oberbefehlshaber eine langjaehrige und gute Beziehung. Nach einem aufrichtigen Gespraech stimmte Moreau zu, das Korps von Moncey an Berthier zu uebergeben. Doch anstelle der im Dekret festgelegten 25.000 erhielt Berthier aus Moreaus Grosszuegigkeit lediglich 14.000 Soldaten.

Die Formierung der Reservearmee verlief viel langsamer als geplant. Den Kern der neuen Armee bildeten im Landesinneren stationierte Einheiten, die teils aus Truppen bestanden, die zuvor fuer die Verstaerkung der Aegypten-Armee vorgesehen waren, und teils aus Regimentern, die nach der Einstellung der Kampfhandlungen durch die Royalisten frei geworden waren. Bonaparte beabsichtigte, eine sechzigtausend Mann starke Armee aufzustellen, wobei er die fehlenden vierzigtausend durch Freiwillige ergaenzen wollte; denn die Ausrufung einer Rekrutenaushebung waere angesichts der aeusseren Kulisse seiner Friedensinitiativen politisch falsch gewesen. Die Hoffnungen des Ersten Konsuls erfuellten sich nicht. Bis zum Ende des Winters hatten sich nur zehntausend Mann freiwillig gemeldet, um ihren Kopf fuer die Rettung der Republik zu riskieren. Anfang Maerz wurde der Sold der Soldaten erhoeht. Im Laufe der Monate Maerz und April lockte dies weitere zehntausend Mann in die Reihen der Reservearmee. Den Rest, mindestens 20.000 Soldaten, versuchte Berthier auf Kosten der Rheinarmee zu decken.
Die Lage in Bezug auf die Ausbildung der Rekruten sowie die Verpflegung und Ausruestung in den Einheiten der neuen Armee war alles andere als glaenzend. Nur durch die titanischen Anstrengungen Berthiers, erst als Kriegsminister und dann als Oberbefehlshaber der Armee, verwandelte sich die Menge der Rekruten bis zum April in ein Heer, das zu Maerschen und Schlachten faehig war.
Die juengst verabschiedete Verfassung untersagte dem Ersten Konsul den eigenhaendigen Oberbefehl. Formal sollte diese Bestimmung das Staatsoberhaupt vor militaerischen Gefahren schuetzen. Die Vernunft dieses Verbots war derart offensichtlich, dass Bonaparte keine Einwaende erhob. Andererseits basierte Bonapartes Macht auf seinen vergangenen militaerischen Verdiensten und seiner Autoritaet in Armee kreisen. Diese Autoritaet galt es zu pflegen und zu festigen. Andernfalls waere die Entstehung eines weiteren talentierten und erfolgreichen Generals denkbar gewesen, der den Ruhm Bonapartes haette wiederholen oder gar uebertreffen koennen. Eben jener Moreau koennte in Deutschland grosse Siege erringen; angesichts der Nichtteilnahme Bonapartes am Feldzug koennte Moreaus Popularitaet in den Truppen die Autoritaet Bonapartes durchaus ueberschatten. Dies wiederum koennte zur Bildung verschiedenster, gegen den Ersten Konsul gerichteter, unerwuenschter Koalitionen fuehren. Am wahrscheinlichsten waere eine Wiederbelebung der alten Allianz zwischen dem gekraenkten Sieyes und Moreau.
Das Grundgesetz untersagte den direkten Oberbefehl; doch zu kaempfen und zu siegen – und zwar in der Rolle des Befehlshabers – war keine Laune, sondern eine Notwendigkeit. Die Verfassung verbot dem Oberhaupt des franzoesischen Staates, die Truppen zu kommandieren, aber sie untersagte es nicht, bei den Truppen zu weilen. Dies machte sich Bonaparte zunutze. Zuerst schuf er durch die Haende Berthiers, der nach seinem Willen das Amt des Kriegsministers bekleidete, eine neue Armee. Indem er anschliessend Berthier zum Oberbefehlshaber dieser Armee ernannte, garantierte er sich die informelle Fuehrung ueber die Streitkraefte der Reservearmee. Berthier seinerseits war derart daran gewoehnt, seinem Idol zu gehorchen, dass er sich nichts anderes wuenschte, als weiterhin unter der Leitung Bonapartes zu stehen.
Mitte April waren die Truppen der Reservearmee einsatzbereit. Die Notwendigkeit fuer schnelles, entschlossenes Handeln wurde durch die aeusserst prek;re Lage Massenas an der Riviera diktiert. Die Oesterreicher hatten die Reste der Italienarmee in Genua eingeschlossen. Die Belagerten litten unter akutem Mangel an Munition und Proviant. Es gab keine Moeglichkeit, Massena beides zukommen zu lassen oder ihm Verstaerkung zu schicken, da die Stadt vom Land her durch oesterreichische Truppen und von der See her durch die britische Flotte blockiert wurde. Bonaparte begriff wohl, dass Massena aufgrund von Hunger zur Kapitulation gezwungen sein wuerde, sollte die Belagerung von Genua nicht innerhalb der naechsten sechs, maximal acht Wochen aufgehoben werden.
Am 24. April sandte der Erste Konsul dem Befehlshaber der Reservearmee den Befehl, unverzueglich zum Entsatz Massenas aufzubrechen. Obwohl Bonapartes Befehl im Widerspruch zu den Instruktionen Carnots stand – welcher gefordert hatte, an Ort und Stelle zu bleiben, da sich positive Fortschritte in den Verhandlungen mit Moreau bezueglich des Korps Moncey ergeben hatten –, trat Berthier den Marsch an.

Am 6. Mai, als die Bataillone der Reservearmee bereits durch die Schweiz marschierten, verliess der Erste Konsul Paris auf der Suche nach dem Sieg. Zwei Tage spaeter holte Bonaparte Berthier in Genf ein. Waehrend er diesem das unmittelbare Kommando ueber die Armee ueberliess, hielt sich der Erste Konsul bis zum 16. Mai in Genf und spaeter in Lausanne auf. Indem er Botschafter europaeischer Staaten traf, Audienzen gewaehrte und an offiziellen Zeremonien teilnahm, trug Bonaparte mit Wuerde die Last des Herrschers einer maechtigen Macht. Zu den inoffiziellen Ereignissen zaehlte das Treffen des Ersten Konsuls mit dem in Genf lebenden, in der gesamten zivilisierten Welt beruehmten Necker, dem Finanzminister des letzten franzoesischen Koenigs. Necker empfand Abneigung gegenueber Bonaparte, jedoch nicht, weil dieser im hoechsten Sinne ein Emporkoemmling war, ein Glueckskind des launischen Schicksals. Er liebte Bonaparte nicht wegen der Verfolgungen seiner Tochter, Anne-Louise Germaine de Stael. Trotz dieser Abneigung musste Necker die Herrschaft Bonapartes als Gegebenheit anerkennen und den Ersten Konsul in seinem Hause empfangen. Doch der Grund fuer Bonapartes Aufenthalt in Genf war weder Diplomatie noch das Treffen mit Necker. Er erwartete Carnot mit Nachrichten von Moreau.
Schliesslich traf am 14. Mai Carnot in Lausanne ein und brachte troestliche Nachrichten von Moreau. Zwei Tage spaeter reiste Bonaparte ab, um den weit vorgerueckten Truppen nachzueilen. Unterwegs, am 19. Mai, erhielt er eine Depesche von Berthier, wonach die Armee auf ein unerwartetes Hindernis gestossen war. Das Fort Bard, an dem die gesamte Armee vorbeiziehen musste, erwies sich – mit seinen Kanonenmuendungen starrend – als uneinnehmbar. Daher sei es wahrscheinlich notwendig, wesentliche Korrekturen am Feldzugsplan vorzunehmen. Diese unangenehme Nachricht veranlasste Bonaparte, sich zu beeilen.
In der Nacht vom 19. auf den 20. Mai erreichte Bonaparte zusammen mit der Garde den Grossen St. Bernhard-Pass. Aus den Erinnerungen von Bonapartes Fuehrer: «General Victor, den ich am Vortag gefuehrt hatte, war schroff; jedes Mal, wenn das Maultier stolperte oder ausglitt, wollte er die Peitsche benutzen oder mich mit dem Saebel schlagen. Er war ein stattlicher, gut gewachsener Mann mit einem sehr strengen Gesichtsausdruck. Bonaparte hingegen war schmal und zerbrechlich. Das Weiss seiner Augen war ebenso wie seine Haut gelb wie eine Zitrone. Sein langes Haar fiel locker auf die Litzen seiner Epauletten. Trotz seiner Jugend war er wortkarg. Er blickte sich oft um, um sicherzugehen, dass seine Truppen vorwaerts kamen. An einer Stelle rutschte das Maultier auf einem nassen Stein so ungluecklich aus, dass der Reiter im Sattel schwankte. Da ich nicht die geringste Ahnung hatte, wer er war, ergriff ich seine Hand und sagte: <Keine Angst, Kapitaen!>. Er laechelte und fragte nach meinem Namen. , antwortete ich. Wir plauderten die restliche Zeit des Aufstiegs. Haette ich seinen Rat befolgt, waere ich sicher in einer besseren Lage, als ich es jetzt bin. Am Ende wollte er wissen, was ich gerne haette. Zuerst wagte ich nicht, um etwas zu bitten, da ich nicht wusste, wer er war. Schliesslich sagte ich, mein Traum sei ein kleines Haeuschen und eine Kuh. <Wie viel kostet das?>, fragte er unvermittelt. <1200 Franken>, war meine Antwort.»
Die Kuh und das Haeuschen erhielt Jean-Baptiste Dorsaz aus der Festung Saint-Pierre vom Ersten Konsul.
Am 25. Mai traf Bonaparte beim Fort Bard ein.

Die aus Dijon abgerueckten Truppen bildeten das Zentrum der Reservearmee. Zur Rechten operierte, ausgehend vom Bergpass Mont-Cenis, die Abteilung von General Turreau, bestehend aus zwei Divisionen mit einer Gesamtstaerke von 8000 Soldaten und Offizieren. Am 9. Mai wurden diese Truppen in die Reservearmee eingegliedert und bildeten deren rechten Fluegel. Zur Linken bewegte sich das Korps von Moncey, das die Reservearmee so muehsam erstritten hatte. Nach dem Plan von Bonaparte-Berthier sollten Turreau, der durch das Tal der Dora Riparia auf Turin vorstiess, und Moncey, der die Paesse St. Gotthard und Simplon besetzen und weiter auf Mailand vorruecken sollte, als Erste beginnen. Die Offensiven an den Flanken sollten die oesterreichischen Truppen binden und so das Zentrum entlasten. Wegen der Laune von General Moreau verzoegerte sich Monceys Operationsbeginn, und Turreau musste allein die Richtung des Hauptstosses vortaeuschen. Bereits zu diesem Zeitpunkt war der strategische Plan nach rechts verrueckt, und nun kam auch noch das Fort Bard hinzu...
Am 10. Mai erhielt General Lannes, Kommandeur der Avantgarde-Division, den Befehl: Spatestens am 13. Mai den Marsch auf den Grossen St. Bernhard-Pass zu beginnen und diesen spaetestens am 16. Mai einzunehmen. An diesem Tag erhielten die Kommandeure der anderen Divisionen Marschplaene mit der Anweisung, diese strikt einzuhalten, um keine Staus auf den engen Bergstrassen zu verursachen. Fuer die Passage der zentralen Divisionen der Reservearmee ueber den St. Bernhard-Pass waren zehn Tage vorgesehen: ein Tag fuer jede Division, ein Tag fuer die Kavallerie und ein Tag fuer die Artillerie.
Die Division Lannes trat den Marsch gemaess Plan an. Am 14. Mai begannen die Hauptkraefte den Marsch. Kavallerie und Artillerie bewegten sich inmitten der Infanterieteile. Die Artilleristen hatten es auf den Bergpfaden am schwersten. Selbst die von den Lafetten getrennten Kanonenrohre wogen bis zu anderthalb Tonnen. Das Schicksal und die Berge verfluchend, schleppten die Soldaten sie auf Schlitten aus zwei Baumstaemmen. Nur mit Hilfe der Infanterie und der mobilisierten Bevoelkerung hielten die Kanoniere den straffen Zeitplan ein. Man eilte und eilte, doch am Fort Bard kam man zum Stehen.
Bis Bard verlief alles nach Plan. Die Division Lannes, die die schwachen Vorhuten der Oesterreicher leicht zurueckwarf, besetzte zum festgesetzten Zeitpunkt den Pass. Am 17. Mai lieferte Lannes zusammen mit einer herangekommenen Division den ersten ernsthaften Kampf. Die Oesterreicher zogen sich zurueck. Am naechsten Tag erreichte Lannes das Fort.
Bard war eine kleine Festung mit einer Besatzung von 600 Mann und einigen Kanonen. Kommandiert wurde die Garnison von von Bernkopf, einem kuehnen und entschlossenen Offizier. Es gab keine Moeglichkeit, das Fort auf einem anderen Weg zu umgehen. Eine tiefe Schlucht trennte das Fort von der in die Felsen gehauenen Strasse. Haetten die Franzosen am hellichten Tag versucht, den schmalen Vorsprung zu passieren, haetten die Kanonen des Forts sie wie bei einer Schiessuebung zusammengeschossen.
Lannes versuchte, den Kommandanten der Garnison zur kampflosen Uebergabe zu bewegen, erhielt jedoch eine entschiedene Absage. Dem Kommandeur der Avantgarde blieb nichts anderes uebrig, als die Belagerung nach allen Regeln der Kunst zu organisieren. Doch das ist nicht die Aufgabe von Avantgarde-Einheiten. Belagerungen fallen den Nachhuten zu, waehrend die Avantgarde, die Faust der Armee, Breschen schlaegt. Am 19. Mai erreichte die Division Dupont, die der Avantgarde folgte, Bard. Lannes uebergab die Belagerung dieser «harten Nuss», waehrend seine Division in der Daemmerung und bei Nacht vorsichtig am Fort vorbeischlich, um ihren Auftrag weiter auszufuehren. So wiederholte es sich mehrmals: Die am Fort stehende Division uebergab die Belagerung der nachfolgenden, w;hrend sie selbst im Dunkeln an der Festung vorbeizog. Alles waere gut gewesen, haette die Armee nur aus Infanterie bestanden. Doch fuer die Kavallerie war dieser Weg muehsam, fuer den Tross mit Munition aeusserst schwierig und fuer die Kanonen gaenzlich unmoeglich.
Vor dem Fort begann sich ein Stau zu bilden. Die Verletzung des Zeitplans drohte die gesamte Operation scheitern zu lassen. Bonaparte entschied sich fuer den Sturm. Am 26. Mai gingen die Bataillone der Division Loison zum Angriff ueber. Der erste Versuch misslang. Die Franzosen wichen unter schweren Verlusten zurueck. Am naechsten Tag entschieden Bonaparte und Berthier, dennoch zu versuchen, die Artillerie vorbeizufuehren. Im Falle einer weiteren Verzoegerung waere der gesamte Feldzugsplan, der ohnehin schon wesentliche Korrekturen erforderte, nicht mehr wert gewesen als das Papier, auf dem er geschrieben stand. Der Befehl an den Artilleriekommandeur wurde erteilt; die Kanoniere schleppten ihre Geschuetze voran und flehten alle Goetter an, dass es gut gehen moege. Es ging nicht gut. Die Besatzung der Festung war wachsam. Von dort flogen Kugeln und Granaten herab. Wer am Leben blieb und nicht in den Abgrund stuerzte, floh vom Pfad. Alle Kanonen fielen in den Abgrund. Es blieben sechs Kanonen uebrig, die nicht auf dem Pfad gewesen waren, da sie fuer den Sturm auf das Fort bestimmt waren. Ein schlechtes Omen: Ein Unternehmen zu beginnen und bereits ohne Kanonen dazustehen. Die Armee zog weiter und liess die Division Loison zur Belagerung zurueck. Das Fort musste so oder so genommen werden. Es steckte wie ein Knochen im engen Hals des St. Bernhard-Passes, ueber den Verstaerkung und Munition aus Frankreich kommen sollten. Die verbliebenen Kanonen schleppten die Franzosen auf die fast senkrechten, fuenfzig Meter hohen Felsen rings um die Festung und beschaedigten von dort aus die Mauern so schwer, dass der Kommandant des Forts die weisse Flagge hisste.
Wegen des Forts Bard verfuegte die franzoesische Armee in der Schlacht bei Marengo ueber nur 25 Kanonen, von denen der Groessteil zur Artillerie des Korps Moncey gehoerte.

3

In Wien erfuhr man Mitte Maerz von der Aufstellung eines grossen Truppenverbandes bei Dijon (diese Information war der Grund fuer Thuguts Weigerung, die Verhandlungen mit Talleyrand fortzufuehren). Umgehend sandte der Kriegshofrat eine Depesche ueber den Verband von Dijon an das Hauptquartier von Feldmarschall Melas, dem Oberbefehlshaber der oesterreichischen Truppen in Italien nach dem Abzug Suworows. Weder der Kriegsrat noch Melas wussten, wie gross die im Aufbau befindliche Armee war und wo die Franzosen diese Truppen einzusetzen gedachten. Theoretisch war ihr Einsatz entweder in Deutschland, als Teil der feindlichen Rheinarmee, oder in Italien zur Entsetzung Genuas moeglich. Falls die Truppen fuer Italien bestimmt waren, stellte sich die Frage: Auf welchem Weg wuerden die Hauptkraefte der Franzosen nach Italien vordringen? Als bequemster und, wie Melas glaubte, wahrscheinlichster Weg galt die Strasse, die von Suedfrankreich durch das Tal der Dora Riparia oder das Po-Tal nach Turin fuehrte. Durch die Alpen konnten die Franzosen aufgrund der extremen Schwierigkeit des Uebergangs nur Ablenkungsmanoever durchfuehren. In der Gewissheit, dass das Ziel der franzoesischen Offensive die Aufhebung der Belagerung von Genua und die Vereinigung mit Massenas Abteilungen war, ueberzeugte sich Melas davon, dass es keine andere Bewegung der feindlichen Truppenmassen geben koenne als die suedliche. Die Oesterreicher sperrten das Tal der Dora Riparia noch enger ab und schwaechten dabei die Posten, die die Paesse sicherten.
Melas war mit der Hauptaufgabe beschaeftigt. Er leitete persoenlich die Belagerung von Genua und unternahm verzweifelte Anstrengungen, die Stadt vor dem Eintreffen der feindlichen Reservearmee auf dem Kriegsschauplatz einzunehmen. Eine Sammelabteilung unter Feldmarschall Jellacic in der Riviera verfolgte die zurueckweichenden Einheiten von General Suchet. In Oberitalien befanden sich fuenf oesterreichische Brigaden mit einer Gesamtstaerke von 30.000 Mann. Von Westen nach Osten waren diese Einheiten wie folgt verteilt: Feldmarschall Kaim sicherte mit zwei Brigaden Turin von Westen her ab, die Brigade von Feldmarschall Haddik sicherte den Grossen St. Bernhard; oestlich von Turin, zwischen den linken Nebenfluessen des Po, Dora Baltea und Sesia, war die Brigade von General Fuerstenberg stationiert; die Paesse St. Gotthard und Simplon wurden von der Brigade von General Wukassovich gesichert.
Das Hauptquartier von Melas erhielt am selben Tag Nachrichten ueber die Vorbereitung einer franzoesischen Offensive entlang der Dora Riparia sowie ueber verdaechtige Bewegungen der Franzosen in der Schweiz hinter dem Grossen St. Bernhard- und dem St. Gotthard-Pass. Diese Nachrichten waren widerspruechlich. Der gesunde Menschenverstand, auf den die Oesterreicher stets h;rten, besagte, dass eine grosse Truppenmasse den bequemsten Weg waehlen muesse. Am 10. Mai entschied Melas, nach Turin zu reisen, um vor Ort zu klaeren, wer mit welchen Kraeften wohin vorrueckte. Doch von Kaim trafen beruhigende Nachrichten ein, wonach die in seinem Abschnitt begonnene feindliche Offensive dem oesterreichischen Verstaendnis entsprach und seine Brigaden diesen Vorstoss aufhielten. Melas, der mit der Beschiessung und den Stuermen auf die Mauern von Genua vollauf beschaeftigt war, schob die Reise nach Turin von Tag zu Tag auf. Als er am 25. Mai schliesslich doch nach Turin aufbrach, war es bereits unmoeglich, noch etwas zu unternehmen. Die Franzosen hatten die Paesse bereits hinter sich gelassen und waren aus den Bergen in das operative Freigelaende hinabgestiegen.

4

Die Avantgarde unter dem Befehl von Lannes rueckte erfolgreich vor. Am 22. Mai besetzte seine Division, nachdem sie die Einheiten Haddiks zurueckgeworfen hatte, die Stadt Ivrea. Mit den herangeeilten Divisionen verfolgte Lannes den weichenden Feind, und bei der Stadt Cuorgne (Corgne) griffen die Franzosen die in Verteidigungsstellung gegangenen Oesterreicher erneut an. Der Angriff war erfolgreich; die Oesterreicher zogen sich hinter den Fluss Orco zurueck. Der Weg zur Hauptstadt des Piemont war frei.
Die Divisionen von Turreau besetzten derweil am selben Tag, dem 22. Mai, die Stadt Susa. Doch nach einer Niederlage im folgenden Gefecht bei Avigliana zogen sich Turreaus Truppen nach Susa zurueck.
Dem franzoesischen Kommando, Bonaparte und Berthier, gestatteten die Umstaende zwei Szenarien. Die Hauptkraefte haetten sich mit den Truppen von General Turreau vereinen und Turin einnehmen koennen, von wo aus ein direkter Weg nach Genua gefuehrt haette, wo Massena verzweifelt kaempfte. Oder man konnte Massenas zerzauste Bataillone Melas zur Zerfleischung ueberlassen, Turreau allein gegen die ueberlegenen Kraefte von Feldmarschall Kaim kaempfen lassen und die Hauptmacht gegen Mailand wenden. Die Taktik erforderte das erste Szenario, die Politik diktierte das zweite. Bonaparte waehlte Mailand.
Am 26. Mai, waehrend Turreaus Divisionen im Westen und die von Bonaparte zurueckgelassene Division von General Watrin im Norden die um Turin stationierte oesterreichische Gruppierung aus drei Brigaden banden, begann das Zentrum der Armee das Linksmannoever. Diesmal ritt Murats Kavallerie an der Spitze. In mehreren Scharmuetzeln durchbrachen Murats Eskadronen den schwachen milandesischen Vorposten aus Kavalleristen der Brigade Fuerstenberg.
Gemaess der geanderten Disposition sollte das am linken Fluegel vorrueckende Korps von Moncey nicht gegen Turin, sondern gegen Mailand marschieren. Bonaparte und Berthier legten die Aufgabe des Korps fest: die Besetzung der Lombardei und die Verteidigung der eroberten Gebiete am Ticino gegen moegliche oesterreichische Angriffe aus dem Sueden oder Suedosten. Das Korps bestand letztlich aus den drei Divisionen der Generale Lapoype, Lorge und Gilly. Am 28. Mai passierten die Divisionen des Korps die Paesse St. Gotthard und Simplon. Die dem Korps gegenueberstehende Brigade Wukassovich war zu schwach, um dem franzoesischen Druck standzuhalten. Kaempfend zurueckweichend, ueberquerte die Brigade Wukassovich die Adda und liess das Wasserhindernis zwischen sich und den drangsalierenden Franzosen.
Indem er Wukassovich in Kaempfe verwickelte, oeffnete Moncey den Weg fuer Berthier nach Mailand. Am 31. Mai forcierte die Avantgarde des Zentrums den Ticino, und am 2. Juni rueckten Murats Eskadronen in Mailand ein. Die Mailaender begruessten die Franzosen mit Begeisterung, die sie vom oesterreichischen Joch befreiten. Ein Jahr zuvor freilich hatten sie mit nicht weniger Begeisterung Suworow empfangen, der die Mailaender aus der franzoesischen Knechtschaft befreit hatte.
Am 2. Juni stellte der Erste Konsul Bonaparte die Cisalpinische Republik wieder her.

Ende Mai erkannte Melas das Ausmass der Invasion; als ihn die Nachricht vom Vormarsch der Franzosen auf Mailand erreichte, was zumindest eine Verlaengerung der Kommunikationswege bedeutete, sah sich der oesterreichische Befehlshaber gezwungen, eine General schlacht anzunehmen. Melas begann, seine Truppen bei Alessandria zusammenzuziehen, wo bereits im Vorjahr zweimal das Schicksal Italiens entschieden worden war und wo Suworow die Franzosen bereits zweimal besiegt hatte. Doch der oesterreichische Kommandeur beschraenkte sich auf Halbmassnahmen. Er liess eine starke Garnison im gerade erst eroberten Genua zurueck. Zu teuer war die Stadt den Oesterreichern zu stehen gekommen, als dass man sie sofort wieder haette aufgeben wollen.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juni traf bei Bonaparte in Mailand ein Kurier mit abgefangener oesterreichischer Post ein. Unter den Briefen befand sich ein am 5. Juni datiertes Memorandum von Melas an den Kriegsrat. Aus diesem Schreiben erfuhr Bonaparte vom Fall Genuas. Die Hoffnungen auf das militaerische Genie Massenas und die Standhaftigkeit der Soldaten hatten sich als uebermaessig erwiesen. Die Franzosen legten die Waffen nieder, sobald bekannt wurde, dass die ihnen zu Hilfe eilende Truppenmasse nach Osten abgeschwenkt war.
Die Zeit fuer entschlossenes Handeln war gekommen. Bonaparte strebte nun nach einer Generalschlacht, um durch einen glaenzenden Sieg den Verlust Genuas zu ueberdecken, der ausschliesslich durch seine Schuld entstanden war. Bereits am Morgen des 8. Juni versandte der Armeestab Richtlinien an die Truppen, die aufgrund des Verlustes von Genua korrigiert worden waren. Seit zwei Tagen rueckten die Franzosen bereits nach Suedwesten vor. Ihr Vormarsch begann mit der Forcierung des Po zwischen den Staedten Pavia und Piacenza, unter einer unerkaerlichen Passivitaet der Oesterreicher, die es nicht wagten, den Uebergang zu verhindern.
Drei Tage lang rueckten die franzoesischen Divisionen auf Alessandria vor, ohne auf Widerstand des Feindes zu stossen. Am 9. Juni traf General Lannes, unter dessen Befehl 13.000 Soldaten standen, bei dem Staedtchen Montebello auf ein siebzehntausend Mann starkes Detachement von Feldmarschall Ott. Lannes stand in jenem Feldzug in hoher Gunst und genoss den verdienten Ruf als bester Feldkommandeur. Furchtlos, kuehn und unermuedlich besiegte Lannes auch dieses Mal den Feind ueberzeugend. Die Oesterreicher wichen zurueck und liessen zweitausend Gefallene sowie ebenso viele Gefangene auf dem Schlachtfeld zurueck. Einige Jahre spaeter, als die Republik in ihrer ganzen duesteren Groesse der Vergangenheit angehoerte, als General Bonaparte zum Kaiser Napoleon geworden war und der Bauernsohn Charles Lannes bereits Marschall des Reiches war, wurde er zudem Herzog von Montebello.
Am Abend erreichte die Division von General Desaix das Lager der Abteilung von Lannes. Die Freunde hatten sich zehn Monate lang nicht gesehen, seit Bonaparte heimlich und leise aus Aegypten geflohen war. Desaix war erst vor wenigen Tagen direkt aus britischer Gefangenschaft bei Bonaparte eingetroffen, in die er geraten war, als sein Schiff auf dem Weg von Aegypten in Livorno anlegte. Unter sein Kommando erhielt Desaix die Divisionen Boudet und Monnier. Im Zelt von Lannes erinnerten sich die Freunde lachend an die aegyptischen Abenteuer, als der Ordonnanzoffizier die Ankunft des Ersten Konsuls meldete. Den Wein raeumten sie weg, die Uniformen knoepften sie zu, und auf ihre Gesichter legten sie die Miene besorgter Feldherren.
– Womit beschaeftigt ihr euch? – fragte Bonaparte froehlich, als er das Zelt betrat. – Betrinkt ihr euch?
– Ich bin mit Louis, ich meine mit General Desaix, zusammen, – antwortete Lannes als Herr des Zeltes, – wir analysieren die Gruende fuer den Erfolg des heutigen Unternehmens.
Bonaparte umarmte den unsicher auf den Beinen stehenden Lannes und klopfte ihm auf den Ruecken.
– Ich gratuliere dir, mein Freund, ein grandioser Erfolg, – er begruesste Desaix herzlich per Handschlag, wandte sich wieder an Lannes und sagte: – Hol raus, was du versteckt hast, und vergiss nicht, das Abendessen zu bestellen.
Nach wenigen Minuten war der Feldtisch gedeckt.
– Also, worin liegt der Grund? – fragte Bonaparte, waehrend er sich setzte.
Lannes zoegerte einen Augenblick wie ein nachlaessiger Schueler, der nicht weiss, ob seine Antwort richtig ist.
– Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass uns der Sieg zuteil wurde, weil ich zwei Divisionen befehligte.
Bonaparte wurde nachdenklich.
– Du hast recht, Charles, die Korpseinteilung muss die Grundlage der Armee werden.
Lannes und Desaix atmeten erleichtert auf. Es war gutgegangen.
Ohne es auf die lange Bank zu schieben, teilte Bonaparte noch an Ort und Stelle unter Mitwirkung von Lannes und Desaix die Reservearmee in Korps auf, die jeweils aus zwei Divisionen bestanden. Die Kommandeure dieser Korps wurden Lannes, Desaix, Victor, Murat und Moncey. Aus irgendeinem Grund vergass Bonaparte General Turreau. Lediglich die Division Loison aus zwei Halbbrigaden wurde nicht in die Korps eingegliedert. Bonaparte behielt Loison als Reserve bei sich.

Bei Montebello verblieb die franzoesische Armee drei Tage lang am selben Ort. Es stand eine Generalschlacht bevor, die entscheiden sollte, ob der Emporkoemmling Bonaparte, der auf dem Wirbelsturm der Revolution in lichte Hoehen aufgestiegen war, Herrscher von Frankreich bleiben wuerde oder ob er die Rolle des Monck bis zum Ende zu spielen hatte, ohne die Maske waehrend des Stueckes zu wechseln. Wie es dem General Bonaparte schon zuvor geschehen war und wie es dem Kaiser Napoleon noch oft widerfahren sollte, verfiel er angesichts des furchteinfloessenden Antlitzes eines schicksalhaften Ereignisses in eine Erstarrung, die fast der Apathie glich. Er befasste sich nicht mit der Vorbereitung der Schlacht und ueberliess es Berthier, eigenhaendig Fehler zu begehen. Am 11. und 12. Juni, den Tagen vor der Schlacht, schrieb er keinen einzigen Brief. Am 13. erliess er einen belanglosen Befehl an Lannes. Erst am 15. Juni, dem Tag nach dem Sieg, normalisierte sich Bonapartes Arbeitsrhythmus mit einer Vielzahl von Befehlen und Briefen wieder. Doch vier Tage, vom 11. bis einschliesslich 14. Juni, fielen gleichsam aus Napoleons Leben heraus.
Obwohl Bonaparte und Melas sich auf eine Schlacht vorbereiteten, rechneten beide Feldherren nicht mit einem Gefecht am 14. Juni.
Am 12. Juni setzte die franzoesische Armee ihre Bewegung nach Suedwesten fort. Den ganzen dreizehnten Juni ueber zog sich die oesterreichische Nachhut zurueck, ohne sich auf einen Kampf einzulassen. Aufgrund dieses Manoever vermutete man im Hauptquartier der franzoesischen Armee, dass der Gegner die Avantgarde und mit ihr die gesamte Armee nach Alessandria locken wolle, um dort die grosse Schlacht zu liefern.
Der Armeebefehlshaber General Berthier und der Generalstabschef General Dupont entschieden aus irgendeinem Grund, dass die Oesterreicher den angreifenden Franzosen nicht mit allen Kraeften entgegentreten wuerden; sie glaubten, der Feind werde versuchen, das Zentrum zu binden, um an den Flanken aus der Falle zu entweichen. Um eine Umgehung der rechten Flanke zu verhindern, befahl Berthier General Lapoype, mit seiner Division an das Nordufer des Po vorzuruecken, um die Uebergaenge zwischen den Staedten Valenza und Casale Monferrato zu kontrollieren. General Desaix befahl Berthier, mit der zweiten Division seines Korps auf die Stadt Novi vorzustossen, um den Feind daran zu hindern, hinter den Fluss Scrivia zurueckzuweichen.
Melas hatte in der Tat zunaechst die Absicht gehabt, einer direkten Konfrontation mit den Franzosen auszuweichen, indem er den Po zwischen Valenza und Casale forcierte; damit wollte er die unterbrochene Verbindung wiederherstellen und seinerseits die franzoesischen Truppen der Gefahr aussetzen, von ihren Versorgungsbasen abgeschnitten zu werden. Diesem Plan war jedoch keine Ausfuehrung beschieden, da am 12. Juni in Melas’ Hauptquartier die Zustimmung des Wiener Kriegshofrates eintraf, den Franzosen bei Alessandria eine Generalschlacht zu liefern. Mit dem Warten auf diese Entscheidung erklaert sich die Langsamkeit und Unentschlossenheit des oesterreichischen Befehlshabers. Melas setzte die Schlacht fuer den 14. Juni an. Nach der Disposition des oesterreichischen Stabes sollten die Truppen in drei Kolonnen angreifen. Die Fuehrung der zentralen Kolonne, der Hauptmacht der Armee, vertraute Melas Feldmarschall Haddik an. Der zentralen Kolonne wurde die Aufgabe gestellt, die Bormida ueber von Pionieren errichtete Bootsbruecken zu ueberqueren und auf San Giuliano zu marschieren. Die linke Kolonne unter dem Befehl von Feldmarschall Ott sollte den Fluss weiter flussaufw;rts ueberqueren und auf Castelceriolo vorruecken. Die rechte Kolonne schliesslich, unter Feldmarschall O’Reilly, sollte die Bormida flussabwaerts forcieren und in Richtung Novi vorstossen.

Frueh am Morgen des 14. Juni brachen die Divisionen von Desaix und Lapoype auf, um ihre Missionen zu erfuellen. Zur selben Zeit ueberquerten die oesterreichischen Kolonnen die Bormida. Um 9 Uhr morgens stiess die zentrale Kolonne beim Dorf Marengo auf die vordersten franzoesischen Einheiten.
Den ersten Schlag fing die Division Gardanne ab, die zusammen mit der etwas suedlicher stehenden Division Chambarlhac das Korps von Generalleutnant Victor bildete. In unmittelbarer Naehe des beginnenden Gefechts befanden sich die Kavalleriebrigaden Kellermann und Duvignau. Viel weiter oestlich hinter den Vorhuten, an der Strasse von Marengo nach Tortona, standen das Korps von Generalleutnant Lannes, die Kavalleriebrigade Champeaux, die Division Monnier und die Konsulargarde. Noch weiter entfernt, bei Sale, befanden sich zwei Kavalleriebrigaden und das erste Husarenregiment. Schliesslich lag oestlich von Sale beim Dorf Scrivia die 9. leichte Halbbrigade.
Die Einheiten des Korps Victor hielten dem Ansturm der weit ueberlegenen feindlichen Kraefte nur mit Muehe stand. Nach zwei Stunden Kampf eilten Teile des Korps Lannes Victor zu Hilfe. Die Kavalleristen von Kellermann und Duvignau waren bereits etwas frueher in das Geschehen eingegriffen.
Beim Angriff der ersten oesterreichischen Linie (die erste Linie befehligte Feldmarschall Haddik, die zweite Feldmarschall Kaim, die dritte Feldmarschall Morzin, und die Kavallerie wurde von Feldmarschall Jellacic gefuehrt) wurde Haddik getoetet. Hinter der ersten Linie trat die zweite in Aktion. Ihr Angriff traf das herangeeilte Korps von Lannes.
Zu Beginn der Schlacht waren die Kommandeure der franzoesischen Korps auf sich allein gestellt. In keiner Quelle findet sich ein Hinweis darauf, dass Bonaparte, Berthier oder Dupont in der ersten Phase der Schlacht irgendwelche Befehle erteilten. Bonaparte befand sich in einer duesteren Stimmung, die einer Analyse nicht foerderlich war; Berthier und Dupont, die fest davon ueberzeugt waren, dass sich die Hauptereignisse an den Flanken abspielen wuerden, erwiesen sich als unvorbereitet auf einen direkten und massiven Frontalangriff. Selbst die bereits begonnene Schlacht betrachteten Bonaparte und sein Stab geraume Zeit als ein Ablenkungsmanoever der Oesterreicher. Das franzoesische Kommando blieb lange in der Ueberzeugung, dass sie nicht von der Hauptmacht der Oesterreicher angegriffen wuerden, sondern von deren rechtem oder linkem Fluegel, waehrend die Hauptmacht zur selben Zeit bei Novi gegen Desaix zuschlage oder versuche, den Po zu forcieren, den die vorsorglich dorthin entsandte Division Lapoype bewachte. Erst gegen 12 Uhr mittags, angesichts der vom Schlachtfeld eintreffenden Meldungen ueber den nicht nachlassenden, sondern im Gegenteil wachsenden Druck der Oesterreicher (gegen 12 Uhr griff die Kolonne von Feldmarschall Ott aus dem Marsch heraus in die Schlacht ein), erkannte Bonaparte den Fehler Berthiers.
Nach der Inspektion der Garde und der Bataillone der Division Monnier galoppierte Bonaparte zusammen mit Berthier und Victor, umgeben von Adjutanten und Ordonnanzen, zur Villa Basaluzzo, von wo aus das Schlachtfeld gut einsehbar war und die Schlacht geleitet werden konnte. Die Garde und Monnier folgten und griffen um zwei Uhr nachmittags auf dem bereits nachgebenden rechten Fluegel in den Kampf ein. Doch der Einsatz der letzten Reserven und selbst der Garde vermochte die allgemeine Lage nicht mehr zu aendern. Die franzoesischen Truppen zogen sich zurueck, und an einigen Stellen glich dieser Rueckzug eher einer Flucht.
Gegen vier Uhr hielt Melas die Schlacht fuer gewonnen. Er sandte noch direkt vom Schlachtfeld eine kurze Nachricht ueber den Sieg in der Generalschlacht nach Wien.
Bonaparte und seine Armee haette nur noch ein Wunder retten koennen. Und das Wunder geschah tatsaechlich in Gestalt der auf das Schlachtfeld zurueckkehrenden Division von Desaix.
Die Rueckkehr von Desaix ist der Grund fuer den wenig ueberzeugenden Sieg der Franzosen in der Schlacht beim Dorf Marengo; daher gilt es, dieser wundervollen Ankunft besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Die Division von Desaix brach noch vor Sonnenaufgang in Richtung Novi auf. Wegen der schlechten Strassen hinkte sie ihrem vorgeschriebenen Marschplan etwas hinterher. Gegen 12 Uhr sammelten sich die Truppen beim Dorf Rivalta. Desaix ordnete an, nach einer kurzen Rast mit der Ueberquerung der Scrivia zu beginnen. Er sandte einen Adjutanten ins Hauptquartier, um moegliche Korrekturen des Plans aufgrund seiner Verspaetung einzuholen. Fast gleichzeitig traf bei Desaix ein Ordonnanzoffizier ein, den Bonaparte um 9 Uhr – unmittelbar nach Erhalt der Nachricht vom Beginn des Gefechts – mit der Anweisung entsandt hatte, in Richtung Pozzolo Formigaro zu marschieren. Weiter besagt die offizielle Version, dass, als Desaix bereits die notwendigen Befehle zur Ausfuehrung dieser letzten Stabsrichtlinie gegeben hatte, ein Adjutant von Bonaparte mit dem Befehl eintraf, sofort nach Marengo zurueckzukehren.
Tatsaechlich glaubte Bonaparte mindestens bis 11 Uhr, dass die sich entwickelnde Schlacht ein Ablenkungsmanoever sei, und haette unmoeglich unmittelbar nach dem ersten Befehl einen zweiten zur Aufhebung des ersten erteilen koennen. Die Division von Lapoype erhielt den Befehl zur Rueckkehr erst um sechs Uhr abends, was bedeutet, dass der Befehl an ihn nicht vor Mittag abgesandt wurde – also erst, nachdem Bonaparte persoenlich die Leitung der Schlacht uebernommen und erkannt hatte, dass dies die Generalschlacht war. Der formalen Logik folgend kann man mit grosser Sicherheit sagen, dass Bonaparte gleichzeitig, und nicht vor Mittag, die Befehle an beide Divisionen absandte. Den zweiten Adjutanten gab es gar nicht, und Desaix kehrte auf eigene Initiative nach Marengo zurueck, womit er den Befehl des Oberbefehlshabers missachtete. Eine andere Version der Wirklichkeit besagt, dass Desaix umkehrte, als er den Kanonendonner im Westen hoerte. Die Kanonen droehnten bei Marengo seit neun Uhr, und Desaix’ Division hatte sich drei Stunden lang vom Kampf entfernt. Wie dem auch sei – ob Adjutant, Kanonendonner oder ein anderer Grund – kurz nach eins befahl Desaix die Umkehr, um im Kampf zu fallen, ohne jemals jemandem seine Motive offenbart zu haben.
Dies war kein gewoehnlicher Marsch. Die Division marschierte so schnell wie moeglich. Die Soldaten rannten beinahe. Hatten die Truppen fuer den Weg nach Rivalta etwa acht Stunden benoetigt, so legten sie den Rueckweg in weniger als vier Stunden zurueck. Desaix trieb seine Regimenter voran, als ob er nicht nur vermutete, sondern genau wusste, wie dringend er jetzt auf dem Schlachtfeld gebraucht wurde.
Unterdessen befand sich das Schlachtfeld bei Marengo gegen vier Uhr nachmittags in den Haenden der Oesterreicher. Es galt nur noch, die Fruechte des Sieges zu ernten, die Franzosen zu verfolgen und sie nach Moeglichkeit zu vernichten. Melas wartete das Ende der Schlacht nicht ab. Er ging, um sich auszuruhen und seinem Kaiser einen detaillierten Siegesbericht zu schreiben. Angesichts der Anspannung der letzten Tage war dies einem Mann seines Alters wohl zu verzeihen. Die Vollendung der Niederlage der Franzosen ueberliess der Oberbefehlshaber seinen Untergebenen – den Feldmarschalkaeutnanten Kaim und Zach.
Um vier Uhr befanden sich Bonaparte und die franzoesische Armee in einer aeusserst misslichen Lage. Die Armee war in einem gleichschenkligen Dreieck eingeschlossen, dessen Basis die oesterreichische Armee bildete, waehrend die linke Seite von Bormida und Po und die rechte Seite vom Fluss Scrivia begrenzt wurde. Mit anderen Worten: Es gab keinen Rueckzugsweg. Genua war verloren, und die Generalschlacht, die die Macht des Ersten Konsuls haette festigen sollen, neigte sich einem traurigen Ende zu. Die Truppen hielten noch stand, doch die Katastrophe konnte jeden Augenblick eintreten. Mit diesen Gedanken, und um das Schlachtfeld besser ueberblicken zu koennen, stieg General Bonaparte auf einen Kirchturm und sah, wie sich von Sueden her in Schlachtordnung die ersten Abteilungen von Desaix in Eile n;herten. Bonaparte stieg sofort herab. In diesem Moment ritt Desaix selbst am Kommandoposten vor. Eine kurze Besprechung der Generale Bonaparte, Berthier, Dupont, Desaix und Marmont kam zu dem unerwarteten Schluss, dass in der gegebenen Situation kein planmaessiger Rueckzug, sondern ein entschlossener Gegenangriff notwendig sei. Bonaparte setzte alles auf die Karte des Gegenangriffs. Entweder die vollstaendige Vernichtung oder der Sieg. Die Chancen auf einen Sieg waren allerdings gering.
Hatte Bonapartes Feldherrentalent bis dahin versagt, so entfaltete sich in der letzten Phase der Schlacht seine Gabe, grosse Menschenmassen zu vernichten, in ihrem ganzen todbringenden Glanz. Die unerwartete, unvorhersehbare Rueckkehr von Desaix schien ihn wachgeruettelt zu haben.
Waehrend sie Verteidigungskaempfe fuehrte, ordnete die franzoesische Armee ihre Formationen fuer den Gegenangriff neu. Gegen 5 Uhr konzentrierte sich im Zentrum, hinter dem Ruecken der kaempfenden Einheiten des Korps Victor, die Division Boudet, die zweite Division des Korps Desaix. Zur Linken sammelte sich die Division Monnier, die erste Division des Korps Desaix. Zur Rechten, im Norden, formierten sich die zu dieser Stunde noch lebenden 600 Kavalleristen Kellermanns zur Schlacht. Hinter der ersten Linie sammelten sich die noch kampffaehigen Teile des Korps Lannes. Die noch schussfaehigen Kanonen liess Bonaparte an Boudet uebergeben.
Der Angriff der Divisionen Boudet im Zentrum und Monnier am linken Fluegel wurde, unterstuetzt durch die wiedererwachte franzoesische Artillerie, zu einer grossen Ueberraschung fuer die Oesterreicher. Ungluecklicherweise wurde Desaix gleich zu Beginn des Angriffs von einer Kugel toedlich getroffen. Der Tod von Desaix blieb zunaechst unbemerkt und uebte keinen negativen Einfluss auf den Verlauf der Schlacht aus.
Kurze Zeit spaeter griff auf dem rechten Fluegel auch die Kavallerie Kellermanns den Feind an. Dabei attackierte Kellermann ohne Befehl, allein aus seinem eigenen Verstaendnis der Situation heraus. Dieser Angriff brachte die oesterreichischen Schlachtordnungen, die bereits zuvor durch die wie aus dem Nichts aufgetauchten frischen franzoesischen Bataillone erschuettert worden waren, voellig durcheinander. Die Kavallerieattacke erwies sich als ausserordentlich glueckliche Ergaenzung zum Vormarsch der Infanterie im Zentrum und am linken Fluegel. Die weit vorgerueckte oesterreichische Kavallerie, die sich bereits auf die Verfolgung des fliehenden Gegners vorbereitet hatte, wandte sich unter dem Hagel von Kart aetschen und Kugeln der unerwartet in die Offensive uebergegangenen Franzosen um und erdrueckte beim Rueckzug die eigene Infanterie. Diese verlor die Formation sowie die Fuehrung und stroemte in Panik vom Schlachtfeld. Die Ordnung der Zinnsoldaten zerfiel, und die Menschen, wieder zu Menschen geworden, retteten fliehend ihr Leben, wobei sie zu Tausenden in Gefangenschaft gerieten. Feldmarschall Zach wurde gefangen genommen.
Nach zwei Stunden gelang es den oesterreichischen Kommandeuren mit grosser Muehe, die Panik zu unterdruecken; durch den Einsatz von Reserven stoppten sie den siegreichen Vormarsch von Boudet und Monnier. Bis zum Einbruch der Dunkelheit beschossen sich die zum Aussersten erschoepften Gegner gegenseitig mit Kanonen und Gewehren, doch weder die Franzosen noch die Oesterreicher wagten einen Bajonettangriff. Die Nacht fand die Gegner in etwa an jener Stelle wieder, an der um 9 Uhr morgens alles begonnen hatte.
Die Verluste der Oesterreicher in dieser Schlacht beliefen sich auf etwa 10.000 Mann, von denen 3.000 gefangen genommen wurden. Die Verluste der Franzosen gehen in den verschiedenen Quellen weit auseinander. Laut Berthiers Bericht vom 15. Juni verlor die Reservearmee in der Schlacht 600 Gefallene, 1.500 Verwundete und 500 Gefangene. In einer Proklamation der Reservearmee war von 3.900 menschlichen Verlusten die Rede. Viel spaeter errechnete Hermann, dass die franzoesische Armee in diesem Gefecht etwa 8.000 Mann verloren hatte.
Am 15. Juni standen die Armeen regungslos auf ihren Positionen. Melas hatte mehrere Moeglichkeiten: erstens – die Schlacht unter denselben Umstaenden fortzusetzen; zweitens – auf Genua zu marschieren, um sich dort mit den Truppen Hohenzollerns zu vereinen und eine Belagerung aufzunehmen; drittens – nach Mailand zu ziehen und sich hinter der Adda mit den Truppen Wukassovichs zu vereinigen.
Obwohl die Oesterreicher trotz der grossen Verluste in der Schlacht noch immer einen geringen zahlenmaessigen Vorsprung an lebender Kraft und eine bedeutende Ueberlegenheit an toter Kraft – also an Artillerie – besassen, war die moralische Verfassung der oesterreichischen Armee derart schlecht, dass Melas die Moeglichkeit einer grossen Schlacht ausschloss. Er dachte nicht daran, den Kampf fortzusetzen. Auch das zweite Szenario lehnte Melas ab. Die Armee hinter den Mauern von Genua einzuschliessen, haette frueher oder spaeter bedeutet, das Schicksal Massenas zu wiederholen. Der oesterreichische Befehlshaber neigte der dritten Moeglichkeit zu. Bei Valenza hatten oesterreichische Pioniere das Errichten von Uebergaengen geuebt, und bei Casale Monferrato existierte eine feste Bruecke. Bei einer Vereinigung mit den bei Casale stehenden Truppen waere die Staerke der oesterreichischen Armee wieder auf die urspruenglichen 30.000 Soldaten angewachsen. Da die franzoesischen Abteilungen zwischen den Fluessen Sesia und Agogna nur sehr schwach waren, waere dieses Manoever durchaus machbar gewesen.
Am Morgen des 15. Juni berief Melas einen Kriegsrat ein, auf dem er diese drei Moeglichkeiten darlegte und eine vierte hinzufuegte – einen Waffenstillstand mit den Franzosen fuer mindestens zwei Tage zu unterzeichnen. Der Kriegsrat waehlte die vierte Moeglichkeit.
Parlamentaere wurden mit dem Vorschlag eines zweitaegigen Waffenstillstands zu den franzoesischen Truppen entsandt. Bonaparte nahm den Vorschlag der Oesterreicher sofort an und unterbreitete einen Gegenvorschlag, der weit ueber einen zweitaegigen Waffenstillstand hinausging. Da die Parlamentaere jedoch keine Vollmachten besassen, etwas anderes als die Vereinbarung eines kurzen Waffenstillstands zu unterzeichnen, entsandte Bonaparte Berthier in das in Alessandria befindliche Hauptquartier von Melas. Am Abend desselben Tages fanden vertrauliche Verhandlungen zwischen Berthier und Melas statt. Der niedergeschlagene oesterreichische Befehlshaber akzeptierte fast alle Forderungen Bonapartes. Er unterzeichnete das Abkommen, das unter dem Namen Alessandrinische Konvention bekannt ist. Ihr zufolge:
1. Im Besitz Oesterreichs verbleibt das von den Fluessen Mincio und Po begrenzte Gebiet sowie die Toskana und Ancona. Die Franzosen besetzen den Raum zwischen den Fluessen Oglio und Po. Das Territorium zwischen Oglio und Mincio bleibt neutral.
2. Die Festungen Tortona, Alessandria, Mailand, Turin, Pizzighettone, Arona und Piacenza werden zwischen dem 16. und 20. Juni an die Franzosen uebergeben. Fuer die Festungen Cuneo, Ceva, Savona und Genua wurde die Frist bis zum 24. Juni verlaengert. Die Uebergabe des Forts Urbino muss spaetestens am 26. Juni erfolgen.
3. Festungsartillerie oesterreichischer Herkunft verbleibt in den Haenden der oesterreichischen Armee. Die uebrigen Kanonen gehen an die Franzosen ueber. Die Munition wird zu gleichen Teilen zwischen den Armeen aufgeteilt.
4. Die oesterreichischen Garnisonen der zu uebergebenden Festungen ziehen mit Waffen und Gepaeck auf dem kuerzesten Weg nach Mantua ab.
5. Unabhaengig davon, ob der oesterreichische Kaiser das Abkommen anerkennt oder nicht, bleibt die Konvention mindestens zehn Tage ab dem Tag ihrer Unterzeichnung in Kraft.
Die Reservearmee hatte ihre Hauptaufgabe erfuellt. Am 23. Juni wurde sie aufgeloest, und die Truppen der Reservearmee wurden der Italienarmee unter dem Oberbefehl von General Massena unterstellt, der sich diesen Posten durch die heroische Verteidigung von Genua verdient hatte.
Obwohl Bonapartes Plaene zur Vernichtung der oesterreichischen Armee nicht in vollem Masse verwirklicht wurden, konnte er mit dem Ergebnis – in Anbetracht der Zweifelhaftigkeit des Sieges bei Marengo – mehr als zufrieden sein.
Zwei Tage nach der Unterzeichnung der Konvention verliess der Erste Konsul das Lager der Italienarmee und hielt sich bis zum 25. Juni, dem Zeitpunkt der automatischen Verlaengerung der Konvention, in Mailand auf. In Mailand erfuhr Bonaparte, dass der oesterreichische Kaiser die Bedingungen der Konvention akzeptiert hatte.
Am 2. Juli hielt der Erste Konsul seinen triumphalen Einzug in Paris.

5

Gemaess dem franzoesischen Feldzugsplan des Jahres 1800 sollten zwei Armeen die Standfestigkeit der oesterreichischen Kriegsmaschine auf die Probe stellen: in Italien die Reservearmee und in Deutschland die Rheinarmee unter General Moreau. Das Konzept betrachtete die italienische und die deutsche Front als gleichberechtigt, obwohl die Kraefte der Armeen nicht vergleichbar waren.
Die Staerke der Rheinarmee belief sich, ohne das nach Italien abgegebene Korps Moncey, auf bis zu 120.000 Kaempfer, wovon ein Viertel Kavalleristen waren. Der Artilleriepark bestand aus 116 Geschuetzen. Das war nicht viel, doch zur Jahrhundertwende war die Artillerie in allen Armeen noch nicht so schlagkraeftig, wie sie es ein Jahrzehnt spaeter werden sollte. Zudem unterstanden Moreau fuenf sogenannte Divisionen mit festem Standort von insgesamt 20.000 Mann. Sie waren in Metz, Strassburg und Mainz quartiert und zur Unterdrueckung monarchistischer Aufstaende bestimmt. Moreau hatte das Recht, diese Divisionen im aeussersten Notfall fuer Operationen der Rheinarmee heranzuziehen.
Die Moreau unterstellten Truppen standen entlang des Rheins vom Bodensee bis Strassburg und umschlossen von drei Seiten den Schwarzwald-Vorsprung. Nach der neuen Einteilung, die Moreau mit Zustimmung des Ersten Konsuls vorgenommen hatte, bestand die Rheinarmee aus vier Korps. Den rechten Fluegel, gestuetzt auf den Bodensee, bildete das Korps von General Lecourbe, bestehend aus fuenf Infanteriedivisionen. Lecourbe schlug das Hauptquartier des Korps in Zuerich auf. Jenseits des Flusses standen dem Korps Lecourbe oesterreichische Truppen von insgesamt 31.000 Mann unter dem Befehl der Feldmarschallleutnante Reuss und Kospoth gegenueber. Im Zentrum der Rheinarmee befanden sich zwei Korps – das Zentrumskorps und das Reservekorps. Das Hauptquartier des Zentrums befand sich in Basel. Jedes dieser Korps umfasste drei Infanterie- und eine Kavalleriedivision. Das Zentrumskorps wurde von General Saint-Cyr kommandiert. Das Reservekorps unterstand direkt dem Oberbefehlshaber. Dem franzoesischen Zentrum standen oesterreichische Brigaden unter dem Befehl der Feldmarschallleutnante Baillet (Hauptquartier in Villingen), Kolowrat (Hauptquartier in Singen), Nauendorf (Hauptquartier in Stuehlingen) und des Generalmajors Gyulay (Hauptquartier in Freiburg) gegenueber. Die Gesamtstaerke des oesterreichischen Zentrums betrug 52.000 Mann. Den linken Fluegel der Rheinarmee bildete das aus vier Infanteriedivisionen bestehende Korps von Generalleutnant Sainte-Suzanne. Das Hauptquartier des Korps befand sich in Strassburg. Gegenueber dem Korps Sainte-Suzanne standen 28.000 oesterreichische Soldaten unter Feldmarschallleutnant Starhemberg (Starray). Das Hauptquartier des oesterreichischen rechten Fluegels befand sich in Heidelberg.
Zusaetzlich zu den genannten oesterreichischen Truppen lagen in den Festungen Philippsburg, Wuerzburg, Ingolstadt und Ulm Garnisonen von insgesamt 11.000 Mann. Wie man sieht, waren die Kraefte der Rheinarmee und der ihr gegenueberstehenden oesterreichischen Truppen in etwa gleich stark.
Den Oberbefehl ueber die oesterreichischen Truppen vertraute der Kaiser Feldmarschall Kray an, der am 18. Maerz den in Ungnade gefallenen Erzherzog Karl abloeste. Kray hatte sich im Italienfeldzug von 1799 durch die Einnahme der Festung Mantua ausgezeichnet.

Am 24. April schloss die Rheinarmee ihre Vorbereitungen ab. Am 25. April begann das Korps Sainte-Suzanne mit der Forcierung des Rheins bei Kehl den Feldzug. Die Einheiten des Korps rueckten nach Nordosten in Richtung Offenbach vor. Am naechsten Tag brachen das Zentrumskorps und das Reservekorps aus ihren angestammten Quartieren auf. Nach der Ueberquerung des Rheins rueckten die Divisionen des Zentrums nach Osten in Richtung St. Blasien vor. Die Divisionen des Korps Lecourbe am rechten Fluegel verzoegerten ihren Aufbruch ein wenig. Erst am 1. Mai begann der Uebergang der Korpsteile nahe der Stadt Schaffhausen. Die Pioniere arbeiteten so gut und reibungslos, dass bereits um 9 Uhr morgens vier der fuenf Divisionen des Korps am Nordufer des Flusses standen. Lecourbe entfernte sich nur wenig vom Fluss, da er die Anweisung des Oberbefehlshabers hatte, nach dem Uebergang auf weitere Befehle zu warten. Insgesamt verlief die Ueberquerung aller Armeeteileaeusserst erfolgreich. Lediglich die Divisionen des Reservekorps blieben etwas hinter dem vorgesehenen Zeitplan zurueck. Den Effekt der Ueberraschung nutzend, forcierten die Korps den Rhein, ohne auf Widerstand oesterreichischer Einheiten zu stossen. Der gefaehrlichste Teil der Operation endete gluecklich.
Fuer den oesterreichischen Befehlshaber kam die ploetzliche Offensive der Franzosen in der Tat vollkommen ueberraschend. Tatsache ist, dass Moreau Kray getaeuscht hatte. Er hatte ihn im grossen Stil getaeuscht. Weniger als zwei Wochen vor der Offensive (am 13. April) trafen im Hauptquartier der oesterreichischen Armee franzoesische Parlamentaere mit einem Vorschlag von Moreau ein, den wiederum Talleyrand bevollmaechtigt hatte, Verhandlungen ueber einen Waffenstillstand aufzunehmen. Kray antwortete Moreau, dass er nicht ueber die notwendigen Vollmachten verfuege, sandte aber Eilkurier nach Wien und erwartete die Antwort des Kaisers auf die franzoesischen Friedensinitiativen. Natuerlich befand sich Kray in dem Irrglauben, dass Moreau bis zum Erhalt der Antwort aus Wien keine aktiven Schritte unternehmen wuerde, da die Initiative zu den Verhandlungen von den Franzosen ausging und Moreau zudem zugestimmt hatte, die Antwort abzuwarten. Darin – in der tatenlosen Beruhigung des oesterreichischen Befehlshabers – bestand die von Talleyrand erdachte und von Moreau ausgefuehrte Kriegslist.
In den ersten Tagen des franzoesischen Angriffs konnte Kray – wie es im Kriege oft geschieht und wie es wenig spaeter Melas in Italien widerfahren sollte – die Richtung des Hauptstosses nicht bestimmen. Nach einigem Zoegern entschied Kray, dass das franzoesische Zentrum die groesste Gefahr darstelle. Im Zentrum hatte der Feind zwei Korps konzentriert, und es war unwahrscheinlich, dass die Franzosen innerhalb von zwei oder drei Tagen eines dieser Korps an den rechten oder linken Fluegel haetten verlegen koennen; dies bedeutete, dass die Wahrscheinlichkeit eines Hauptstosses durch das Zentrum am hoechsten war. Gegen die Truppen des franzoesischen Zentrums gelang es Kray, innerhalb weniger Tage ein starkes Truppenkontingent zu einer Faust zusammenzuziehen. Am 2. Mai fuehrte der Oberbefehlshaber die versammelten Truppen dem Feind entgegen.
Am 3. Mai traten die Gegner in Kontakt. Die Divisionen des Zentrumskorps und zwei Divisionen des Reservekorps stiessen nahe der Stadt Engen, etwa 80 Kilometer von der Uebergangsstelle der Korps entfernt, auf die oesterreichischen Truppen. Am selben Tag traf das Korps von Lecourbe bei Stockach auf die neuntausend Mann starke Abteilung von Feldmarschall Karl von Lothringen, die zur Vereinigung mit der Hauptmacht nach Engen marschierte. Die an jenem Tag ausgetragenen Schlachten uebertrafen nach ihrem Ausmass und der Anzahl der auf beiden Seiten beteiligten Soldaten die Schlacht bei Marengo bei weitem. In der ersten Schlacht bei Engen kaempften 40.000 franzoesische Soldaten gegen 45.000 Oesterreicher. Diese Schlacht endete ohne sichtbare Vorteile fuer eine der Seiten. Ganz anders entwickelten sich die Ereignisse bei Stockach. Gegen 9.000 Oesterreicher kaempfte der Gro;teil (25.000 Soldaten) des Korps Lecourbe. Mit einer fast dreifachen Ueberlegenheit brachen die Franzosen leicht den oesterreichischen Widerstand. Beim ueberstuerzten Rueckzug nach Norden, in Richtung Messkirch, verlor die oesterreichische Abteilung zwei Drittel ihrer Staerke.
Nach der Schlacht bei Engen befahl Kray den Rueckzug nach Nordosten, zur 25 Kilometer von Engen entfernten Stadt Messkirch. Der Rueckzug wurde durch die Unmoeglichkeit, Verstaerkungen zu erhalten, und vor allem durch die Wahrscheinlichkeit einer Umgehung der oesterreichischen Positionen von Suedwesten her durch Teile des rechten gegnerischen Fluegels diktiert. Am Abend des 4. Mai konzentrierten sich die oesterreichischen Truppen in Messkirch.
Nachdem er vierundzwanzig Stunden gewartet hatte, erhielt Lecourbe den Befehl des Oberbefehlshabers, auf Messkirch vorzuruecken, die feindlichen Truppen in Kaempfe zu verwickeln und sie bis zum Eintreffen der Hauptmacht zu binden. Am 5. Mai griff das Korps Lecourbe die Oesterreicher aus dem Marsch heraus an. Obwohl die Oesterreicher den Franzosen zahlenmaessig fast doppelt ueberlegen waren, dachte Kray nicht einmal daran, Lecourbe zu schlagen. Er kaempfte nur gerade so viel, wie es die Umstaende erforderten, um die Moeglichkeit zum weiteren Rueckzug zu erhalten. Nachdem sie Lecourbe muehsam abgewehrt hatten, setzten die Oesterreicher ihren Rueckzug fort. Innerhalb von fuenf Tagen hatten die Oesterreicher in drei Schlachten ein Viertel ihrer Truppen verloren. Es bestand die dringende Notwendigkeit, sich vom drangsalierenden Gegner abzusetzen, um Verstaerkungen von dem am rechten Fluegel operierenden Starray zu erhalten und die in den Kaempfen zerzausten Einheiten neu zu ordnen. Beides war nur moeglich, indem man ein grosses Wasserhindernis zwischen sich und den Feind brachte: die Donau.
Noch vor Einbruch der Dunkelheit setzte Kray seine Armee ueber die Bruecken von Sigmaringen ueber die Donau. Doch bald erkannte der oesterreichische Befehlshaber, dass er einen Fehler begangen hatte. Die Franzosen, die am suedlichen Donauufer entlang nach Nordosten auf Ulm vorrueckten, wuerden ihn unweigerlich von seinem rechten Fluegel abschneiden. Zudem befanden sich in Biberach (50 Kilometer oestlich von Sigmaringen) die Armeedepots mit Munition und Proviant, welche die Franzosen sicher einnehmen wuerden, sollte man keine Sofortmassnahmen ergreifen.
Hinter der Donau erhielt Kray tatsaechlich Verstaerkung durch Starray. Unmittelbar nach dem Eintreffen der frischen Truppen befahl der Kommandeur den Aufbruch. Den gesamten Nachmittag des 6. Mai und den ganzen 7. Mai marschierten die oesterreichischen Regimenter am noerdlichen Donauufer entlang. In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai ueberquerte die Armee bei den Staedten Riedlingen und Daugendorf die Donau erneut nach Sueden. Das Ziel der oesterreichischen Armee war es, Biberach zu decken.
Kaum waren die Oesterreicher in Biberach eingetroffen und hatten noch nicht einmal Zeit gefunden, sich ordnungsgemaess zur Verteidigung einzurichten, als die Franzosen vor der Stadt erschienen. In seiner Annahme, dass Moreau die Armee auf Biberach fuehren wuerde, hatte Kray vollkommen recht behalten. Er irrte sich lediglich in den Details. Die Franzosen bewegten sich schneller, als Kray es wahrhaben wollte. Statt des vom Stab berechneten Vorsprungs von einem Tag erhielt Kray lediglich drei Stunden. Die Oesterreicher hatten noch Glueck, dass die Franzosen nicht in der einbrechenden Dunkelheit angriffen und ihnen die Moeglichkeit gaben, die gesamte kurze Sommernacht hindurch die Depots zu evakuieren. Doch am Morgen des 9. Mai schlugen die Franzosen mit aller Entschlossenheit zu. An Kugeln und Geschossen, Pulver und Kartaetschen sparten die Oesterreicher nicht. Je mehr man davon auf den Gegner abfeuerte, desto leichter wuerde der Rueckzug fallen. In den franzoesischen Bataillonen und Batterien hingegen machte sich ein Mangel an todbringendem Kriegsspielzeug bemerkbar, da wie immer bei einem schnellen Marsch der Tross zurueckgeblieben war. Dieser Umstand erlaubte es den Oesterreichern, den franzoesischen Ansturm aufzuhalten.
Den ganzen Tag tobte die Schlacht; den ganzen Tag ueber brachten die Oesterreicher unter dem Schutz des Gefechts den Tross nach Ulm an die Donau. In der Nacht liess Kray eine starke Nachhut in Biberach zurueck und fuehrte die Armee nach Osten, um sich mit den Truppen von Reuss zu vereinigen und eine Umgehung des linken Fluegels zu verhindern, sollten die Franzosen ein solches Manoever wagen. Und wieder behielt der Feldmarschall vollkommen recht. Auf dem Marsch vereinigte er sich mit den Brigaden von Reuss, und bei der Stadt Memmingen (knapp 40 Kilometer von Biberach entfernt) stoppte die nun vereinigte Armee das Vordringen des unermuedlichen Lecourbe, der versucht hatte, die Oesterreicher am Fluss Iller abzuschneiden. Nachdem sie Lecourbe aufgehalten hatte, setzte die Armee ihren Rueckzug fort. Am spaeten Abend des 11. Mai erreichten die aeusserst erschoepften Truppen Ulm.
Auch die Nachhut aus Biberach traf in Ulm ein. Die Aufmerksamkeit der franzoesischen Soldaten war durch die Pluenderung der Depots und das Durchstoebern des reichen Biberach nach Beute abgelenkt worden, weshalb die Verfolgung der Regimenter der Nachhut nur halbherzig gefuehrt wurde.
Innerhalb von zwei Wochen war die franzoesische Armee 200 Kilometer tief in oesterreichisches Territorium eingedrungen, doch Kray hatte trotz des ungluecklichen Beginns des Feldzuges eine vernichtende Niederlage im eigentlichen Sinne des Wortes vermieden.
In Ulm, geschuetzt hinter der Donau, konnte die oesterreichische Armee aufatmen. Mit mobilen Kavallerieabteilungen und berittenen Batterien errichteten die Oesterreicher eine Verteidigung des noerdlichen Ufers ueber gut hundert Kilometer rechts und links von Ulm. Kundschafter berichteten ueber die geringste Bewegung der Franzosen; mobile Trupps bewachten wachsam die Wassergrenze und unterbanden jegliche Vorstossversuche des Feindes. In dieser Lage wollte Kray verharren, bis der Konflikt anderswo geloest wuerde: in Wien, in Paris oder in Italien.
Moreau war natuerlich nicht mit der von Kray geschaffenen Patt-Situation zufrieden, doch er konnte wenig ausrichten. Aufgrund des Mangels an Belagerungsartillerie, vor allem aber, weil Ulm am noerdlichen Donauufer liegt, konnten die Franzosen keine Belagerung der Stadt nach allen Regeln der Kriegskunst organisieren. Sie konnten auch nicht auf Muenchen vorruecken, obwohl der Weg dorthin offen war. Eine Armee, die einen Feldzug beginnt, schleppt die Faeden ihrer Versorgung hinter sich her – die Kommunikationswege. Die ganze Kraft des Heeres liegt in diesen Faeden, so wie die Kraft des legendaeren Simson in seinen sieben Locken verborgen war. Man musste kein genialer Feldherr sein, um zu begreifen: Sobald die Franzosen auf Muenchen marschierten, wuerden die Oesterreicher wie Delila ihre Versorgungszoepfe abschneiden.
Mehr als einen Monat dauerte die fast tatenlose Konfrontation der Armeen. In diesem Monat versuchte Moreau die Oesterreicher mit List aus Ulm herauszulocken, indem er die Armee demonstrativ nach Osten abzog, doch aus dieser List wurde nichts Brauchbares. Die Oesterreicher unternahmen Ausfaelle, sobald sich die Konzentration der Franzosen am rechten Ufer lockerte, um die Staerke des Gegners zu betasten. Doch bei der ersten ernsten Gefahr wurden die oesterreichischen Fuehler wieder nach Ulm eingezogen.
Moreau wollte die Donau nur ungern angesichts eines kampfbereiten Gegners forcieren, doch Kray liess ihm keine andere Moeglichkeit, den Feind zu erreichen. Und keine Kriegslist, dank derer die Franzosen den Rhein ueberquert hatten, half in dieser spezifischen Situation. Die Oesterreicher waren auf der Hut. Es war die Klassik der Kriegskunst – die Taeuschung eines Schlags und der eigentliche Schlag. Wenn man einen Schlag mit der rechten Hand vortaeuscht, sollte man mit der linken zuschlagen. Manchmal, je nach Erwartung des Gegners, muss man nach der Taeuschung mit der rechten Hand auch tatsaechlich mit der rechten zuschlagen. Fuer den Gegner ist es schwer, die Taeuschung vom Schlag zu unterscheiden, ebenso wie es fuer den Angreifer schwierig ist, die Erwartung des Gegners zu bestimmen. Darin bestand die Komplexitaet beider Parteien. Es war eine Frage des Gluecks.
Die Franzosen organisierten zwei Uebergaenge: einen in der Stadt Donauwoerth, die 90 Kilometer flussabwaerts von Ulm liegt, und einen zweiten in Dillingen, auf halbem Weg zwischen Ulm und Donauwoerth. Am 18. Juni begann die Ueberquerung in Dillingen. Die Oesterreicher, die in Dillingen bedeutende Kraefte konzentriert hatten, verhinderten den Uebergang im Kampf. Waehrend die Kanonen an der Stelle des – aufgrund der oesterreichischen Bereitschaft – falschen Uebergangs noch droehnten, besetzten an der Stelle des echten Uebergangs einige Infanteriebataillone per Boot einen Brueckenkopf; die Pioniere stellten mit fieberhafter Hast die zerstoerten Bruecken von Donauwoerth wieder her. Am Mittag des 19. Juni hatten bereits zwei franzoesische Divisionen das noerdliche Donauufer erreicht.
Das Aussitzen hinter der Donau war gescheitert. Die Franzosen hatten sie ueberlistet, und folglich galt es zu kaempfen, was fuer Kray bedeutete, so schnell wie moeglich nach Muenchen zu fliehen. Am 20. Juni verliess die oesterreichische Armee Ulm unter Zuruecklassung einer starken Garnison und zog nach Norden in die Stadt Noerdlingen. Nach drei Tagen und 80 Kilometern Marsch erreichte die Armee, verfolgt von den Divisionen des unermuedlichen Lecourbe, Noerdlingen. Bei der Stadt lieferte die oesterreichische Nachhut den Divisionen Lecourbes ein Gefecht. In Noerdlingen wandte die Armee ihren Lauf nach Osten. Nach weiteren vier Tagen Marsch und 85 Kilometern erreichten die Oesterreicher Ingolstadt. Lecourbe blieb ihnen dabei dicht auf den Fersen und biss die oesterreichische Armee gleichsam in die Hacken. In Ingolstadt liess Kray eine Abteilung von 6.500 Soldaten zurueck, die groesstenteils aus Bayern, Wuerttembergern und Schweizern bestand. Die Abteilung sollte Lecourbe aufhalten, um der Armee den ungehinderten Weg nach Muenchen zu ermoeglichen. Am 30. Juni zog die oesterreichische Armee nach zehn Tagen ununterbrochenen Marsches und 250 zurueckgelegten Kilometern in Muenchen ein und versperrte den Franzosen den Weg nach Salzburg und Wien.
Noch von Noerdlingen aus sandte Kray an Moreau den Vorschlag, Verhandlungen ueber einen Waffenstillstand nach dem Vorbild des in Italien zwischen Melas und Bonaparte geschlossenen Abkommens aufzunehmen. Moreau beeilte sich nicht mit der Antwort. Zuerst wollte er Augsburg einnehmen und danach, falls moeglich, Muenchen. Waehrend des Vormarsches nach Osten erhielt Moreau von Kray, der bereits vor Muenchen stand, ein weiteres Angebot fuer einen Waffenstillstand. Da die Oesterreicher Muenchen als Erste erreicht hatten und die Stadt nicht ohne Schlacht aufgeben wuerden, und eingedenk der Weisung Talleyrands, nicht zu tief nach Deutschland vorzudringen, nahm Moreau Krays Vorschlag an. Am 15. Juli unterzeichneten die Parteien in Parsdorf ein Abkommen ueber einen Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit, mit der Vereinbarung einer zwoelftaegigen Kuendigungsfrist im Falle einer einseitigen Beendigung des Abkommens. Gemaess der Vereinbarung beschrieb die Demarkationslinie ein von den Franzosen besetztes Dreieck, dessen Spitze auf das Herz Oesterreichs, auf Wien, gerichtet war. Der suedliche Scheitelpunkt des Dreiecks befand sich in Balzers am Rhein, an der Grenze zwischen der Schweiz und Tirol. Die Suedseite verlief ueber Ebersberg (30 Kilometer oestlich von Muenchen). Die Spitze ruhte bis auf Weiteres an der Muendung des Flusses Vils in die Donau. Die Nordseite verlief entlang der Donau und des Mains bis zur Muendung des Mains in den Rhein. Die gewundene Linie des Rheins bildete die Basis des Dreiecks.


6

Verlassen wir fuer eine Weile die Schlachtfelder. Erheben wir uns ueber sie in die hoeheren Sphaeren der Herrscher und ihrer treuen Helfer – der vielweise Diplomaten.
In England loeste die Nachricht von der oesterreichischen Niederlage in der Schlacht beim Dorf Marengo einen wahren Schock aus. London – im Sinne von maechtigen und einflussreichen Personen – nahm diese Nachricht tragischer auf als Wien selbst. Das Kabinett hatte bereits seit geraumer Zeit die Kriegsmuedigkeit Wiens bemerkt und fuerchtete laengst, dass Oesterreich es wagen koennte, Separatverhandlungen mit den Franzosen aufzunehmen. Sollte Oesterreich die Koalition verlassen, bliebe im Buendnis mit England nur die Tuerkei zurueck, von der auf dem Kontinent jedoch kaum Nutzen zu erwarten war. Den Weg zur Verhinderung dieser Entwicklung sah London in der uebernahme der oesterreichischen Kriegsausgaben. Die Verhandlungen ueber Subsidien zwischen Thugut und dem britischen Botschafter Elliot Minto hatten bereits im Mai begonnen. Sie gestalteten sich schwierig, da Thugut, die Ausnahmestellung Oesterreichs ausnutzend, masslose Forderungen stellte – sowohl hinsichtlich der Betraege als auch der Fristen. Am 20. Juni erreichte Wien die traurige Kunde vom Unglueck des oesterreichischen Heeres bei Marengo. Am 20. Juni wurde der Subsidienvertrag unterzeichnet. Minto stimmte allen Forderungen Thuguts zu, sowohl bei den Summen als auch bei den Fristen. Als Antwort auf diese Liebenswuerdigkeit verpflichtete sich Oesterreich schriftlich, innerhalb von acht Monaten ab Inkrafttreten des Subsidienvertrags keine Separatabkommen mit Frankreich zu schliessen. Es verging weniger als ein Monat, und Oesterreich brach mit der Unterzeichnung des Separatabkommens in Parsdorf sein wichtigstes Versprechen. Minto setzte Thugut schweren Herzens ueber die Ausweglosigkeit der Lage in Kenntnis: Sollten dennoch oesterreichisch-franzoesische Friedensverhandlungen beginnen, so wuesche Grossbritannien daran teilzunehmen. Thugut versicherte, solche Verhandlungen nicht zuzulassen. Doch so maechtig der Erste Minister auch war, nicht alles im Kaiserreich unterstand seinem Willen. An jenem Tag, als Thugut in Wien Minto versprach, Verhandlungen zu verhindern, begannen in Paris die separaten oesterreichisch-franzoesischen Gespraeche.

7

Am 21. Juni, kurz nach der Unterzeichnung der Alessandrinischen Konvention, bat der Erste Konsul Bonaparte den oesterreichischen Generalmajor Joseph von Saint-Julien, der in Mailand mit Berthier an einzelnen Bestimmungen der Konvention arbeitete, dringend nach Wien abzureisen, um Kaiser Franz einen Brief zu ueberreichen. Bonaparte wiederholte den Vorschlag Talleyrands, den dieser bereits im Fruehjahr, vor den traurigen Ereignissen in Italien, geaeussert hatte: einen Friedensvertrag zu unterzeichnen, der dem Geiste des Friedens von Campo Formio nahekam. Der Erste Konsul saete, gemaess Talleyrands Konzept, Zwietracht zwischen England und Oesterreich.
Saint-Julien fand Kaiser Franz in einer duesteren Stimmung vor. Die Franzosen waren ueber die Donau durchgebrochen und jagten Krays Armee wie ein Wolfsrudel einen Hirsch. Einige Tage lang zauderte der Kaiser, doch als bekannt wurde, dass Kray eine Stellung bei Muenchen bezogen hatte, entschied er sich. Ohne Thugut mit einem Wort einzuweihen, antwortete Franz Bonaparte mit seiner Zustimmung.
Am 6. Juli eilten Saint-Julien und Graf Neipperg – der als zweiter Ehemann der Kaiserin Marie-Louise in die Geschichte eingehen sollte – nach Paris zu Verhandlungen mit dem zukuenftigen ersten Ehemann Marie-Louises. In seiner Reisetasche fuehrte Saint-Julien vage Instruktionen des Kaisers mit sich, die selbst bei freiester Interpretation nicht als Vollmachten gelten konnten. Der Sinn der Instruktionen beschraenkte sich auf die Formel: Verhandlungen fuehren, aber nichts unterzeichnen. Am 20. Juli trafen die oesterreichischen Offiziere, die durch eine Laune der Vorsehung zu Gesandten eines maechtigen Kaiserreichs geworden waren, in der Hauptstadt Frankreichs ein.
Am Abend des folgenden Tages empfingen der Erste Konsul und der franzoesische Aussenminister die Gesandten. Am 22. Juli begannen die Verhandlungen. Auf franzoesischer Seite fuehrte Talleyrand selbst die Gespraeche.
Die geopolitische Lage unterschied sich zu dieser Stunde stark von der politischen Situation im Fruehjahr. Kaiser Paul hatte die Position Russlands erneut bis zur Unkenntlichkeit veraendert. Er empfand ploetzlich aufrichtigen Respekt fuer den Ersten Konsul und die franzoesische Republik. Ein moegliches Buendnis mit Russland eroeffnete einen schwindelerregenden Pfad, an dessen Ende die vollstaendige Niederlage Englands leuchtete. Als Stein des Anstosses auf diesem Weg stand Oesterreich. Talleyrand ueberredete Bonaparte, die Verhandlungen mit den unerfahrenen oesterreichischen Gesandten so milde wie moeglich zu fuehren. Man solle auf alle ihre Bedingungen eingehen und im Vertragstext verborgene Moeglichkeiten zu dessen Denunziation anlegen. Franz werde den Vertrag nicht ratifizieren – ueberzeugte Talleyrand –, da die Finanzlage Oesterreichs einen Verzicht auf die Subsidien nicht erlaube, doch die Existenz des Vertrages werde die Beziehungen zu England grundlegend ruinieren. Der Erste Konsul stimmte den Argumenten des Aussenministers zu, wie Bonaparte den Argumenten Talleyrands stets zustimmte. Nachgeben, um zu siegen – unter diesem Motto begann Talleyrand sein Spiel.
Junge Leute, die zum ersten Mal hinter die Kulissen der gro;en Politik gerieten, wo sich jeder Wert in boesen Spott verwandelt, waren zun;chst ueberrascht von der Nachgiebigkeit der Franzosen. Alle Forderungen der Oesterreicher stie;en bei Talleyrand auf volles Verstaendnis. Saint-Julien und Neipperg schrieben diesen Umstand der Staerke Oesterreichs, der Schwaeche Frankreichs und ihrem eigenen diplomatischen Geschick zu. Ihnen kam nicht einmal der Gedanke, dass man mit ihnen wie die Katze mit der Maus spielte. Obwohl ihre Instruktionen besagten, nichts zu unterschreiben, war die Versuchung so gross, dass die Gesandten nicht widerstehen konnten. Sechs Tage dauerten die Verhandlungen an. Am 28. Juli wurde der Entwurf des Friedensvertrages unterzeichnet. Am naechsten Tag unterschrieb der Erste Konsul den Entwurf.
Am 30. Juli verlie;en die gluecklichen Gesandten Paris, in dem Glauben, ihrem Vaterland einen riesigen Dienst erwiesen zu haben und ueberzeugt davon, dass dieser Vertrag der Beginn ihrer glanzvollen Karriere sei. Begleitet wurden sie von Oberst Duroc, dem Adjutanten des Ersten Konsuls, der den Text des ratifizierten Vertrages und eine persoenliche Botschaft des Ersten Konsuls an den Kaiser mit sich fuehrte. Solange die Gesandten auf franzoesischem Territorium reisten, verlief alles bestens, doch kaum betraten sie oesterreichischen Boden, begannen Ereignisse, die Saint-Julien erste Sorgen bereiteten. In Altoetting, an den oesterreichischen Vorposten, wurde Duroc festgehalten. Man erklaerte ihm, dass seine Weiterreise nach Wien unmoeglich sei. Vergeblich versuchte Julien dem uneinsichtigen Major klarzumachen, wer sie seien und mit welch wichtiger Mission sie in die Hauptstadt eilten. Sie mussten ohne den Oberst weiterreisen. Saint-Julien schrieb dieses unangenehme Missverstaendnis den Intrigen von Feinden und Neidern zu, von denen jeder General in der Armee mehr als genug hat – erst recht angesichts seines unerwarteten Aufstiegs in die hoechsten Sphaeren der europaeischen Politik. Doch weder Feinde noch Neider waren der Grund fuer das aergerliche Zwischenfalle an der Grenze. Die Ursachen fuer das Unglueck des Generals waren seine eigene Naivit;t und die Haltung des Ersten Ministers.
Nachdem sie Duroc der Obhut der Armeeoffiziere ueberlassen hatten, eilten die Gesandten nach Wien. Wie bereits vor der Reise mit dem Ersten Minister vereinbart, erschien Saint-Julien noch vor der kaiserlichen Audienz bei Thugut. Hier erwartete den gluecklosen Gesandten die groesste Enttaeuschung seines Lebens. Thugut empfing Saint-Julien, nahm ihm den Text des Vertragsentwurfs ab und schickte den vermeintlichen Retter des Vaterlandes unter einer Eskorte, die bereits im Voraus bestellt worden war, in die Festung Karlsburg. Hier bewahrheitete sich in der Tat: „Unternehmen von Belang und Nachdruck entfremden so sich ihrer Stroemung Bahn und verlieren den Namen.“
Waehrend seines langen Aufenthalts in den hoechsten Etagen der oesterreichischen Macht ueberstand Thugut viele Stuerme, doch der Sturm, der durch das unvorsichtige Verhalten Saint-Juliens und die hinterlistige Berechnung Talleyrands ausgeloest wurde, liess den scheinbar unsinkbaren Kreuzer auf den Grund gehen. Dieser Sturm setzte der langen und erfolgreichen Karriere Thuguts ein Ende.
Der Erste Minister erschoepfte sich darin, den Kaiser davon zu ueberzeugen, dass man die Buendnisverpflichtungen erfuellen muesse; dass die Franzosen sie nur mit den Englaendern zerstreiten wollten, mit denen erst kuerzlich ein fuer Oesterreich sehr vorteilhaftes und notwendiges Abkommen ueber die Finanzierung der Kriegskosten unterzeichnet worden war. Dass dieser Vertrag nichts anderes als eine Provokation sei; dass Saint-Julien mit der Unterzeichnung des Vertrages seine ihm uebertragenen Vollmachten ueberschritten habe. Franz stimmte den Argumenten Thuguts zu, aber dennoch... dennoch hatte der Krieg zu lange gedauert. Da erinnerte Thugut Seine Majest;t daran, dass Seine Majest;t den Vertrag mit England eigenhaendig unterzeichnet hatte. Wenn es Seiner Majestaet gefalle, Verhandlungen mit Frankreich zu fuehren – so fuhr Thugut fort zu ueberzeugen – dann muessten diese gemaess dem Geist und dem Buchstaben des letzten Vertrages gemeinsam mit England gefuehrt werden, indem man Frankreich als einheitliche Front gegenuebertrete. (Am 9. August erhielt Thugut durch Minto die Zustimmung des englischen Kabinetts, an den Verhandlungen mit Frankreich teilzunehmen).
Der Kaiser war gezwungen, Thugut zuzustimmen, und er bat den Ersten Minister, die Angelegenheit mit Saint-Julien so zu regeln, wie der Erste Minister es fuer richtig halte. Der Kaiser war gezwungen zuzustimmen, aber die Tage des Ersten Ministers waren gezaehlt. Diesmal hatte Thugut, indem er dem Kaiser die Rolle eines Statisten zuwies, eine unsichtbare rote Linie ueberschritten, die ein Politiker niemals, unter keinen Umstaenden, ueberschreiten sollte.
Mit Zustimmung des Kaisers schrieb Thugut am 11. August einen Brief an Talleyrand, in dem er mitteilte, dass der von Saint-Julien unterzeichnete Vertrag denunziert wurde, und schlug dreiseitige Verhandlungen vor. Am 15. August ueberbrachte Duroc Thuguts Botschaft nach Paris, dem die Oesterreicher nach einer einwoechigen Verzoegerung erlaubt hatten, erst nach Wien und von dort nach Paris zu reisen.
Nachdem Bonaparte und Talleyrand den Brief Thuguts erhalten und Duroc ausfuehrlich ueber die Geruechte, den Klatsch und die Stimmung am kaiserlichen Hof befragt hatten, erkannten sie, dass die Intrige mit Saint-Julien ihr Ziel gewissermassen erreicht hatte. Der Vertrag wurde zwar nicht ratifiziert, aber der englischen Partei am Wiener Hof hatten sie einen unersetzlichen Schaden zugefuegt. Thuguts Vorschlag fuer dreiseitige Verhandlungen war indes das Letzte, was der Erste Konsul und der franzoesische Aussenminister wuenschten. Viel mehr liess sich erreichen, wenn man mit jedem der Korrespondenten einzeln intrigierte. Als Naechstes stand die Intrige mit England an.
Der Erste Konsul beauftragte Otto, den franzoesischen Geschaeftstraeger in England, der sich seit Jahresbeginn in London aufhielt, Kontakt mit Baron Grenville, dem englischen Aussenminister, aufzunehmen, um Friedensverhandlungen einzuleiten. Pitt, selbst ein grosser Spezialist in solchen Angelegenheiten, erkannte in Ottos Beharrlichkeit das wahre Ziel der Franzosen. Die Englaender verhielten sich klueger und umsichtiger als die Oesterreicher. Grenville liess sich nicht auf einen persoenlichen Kontakt mit Otto ein, sondern kommunizierte mit ihm ueber rangniedrige Mitarbeiter des Ministeriums, wobei der Gespraechspartner jedes Mal wechselte. Mit jedem neuen Partner aenderte sich die Position der englischen Seite geringfuegig, wobei der neue Partner sich stets auf ein falsches Verstaendnis der Instruktionen Grenvilles durch seinen Vorgaenger berief. Nach einem Monat solcher "Verhandlungen" begriffen Bonaparte und Talleyrand, dass ihr Manoever durchschaut war und es keinen Sinn ergab, die Bemuehungen zur Zerschlagung der Koalition in London fortzusetzen.
Mit England hatte es nicht funktioniert. Man musste erneut versuchen, das Gewuenschte in Wien zu erreichen. Unterdessen ging die von Talleyrand gesaete Saat der Zwietracht auf. Thuguts Lage wurde immer unsicherer. Franz verzieh ihm den Vorfall mit Saint-Julien nicht. Am 28. September wurde Thugut von allen seinen Aemtern enthoben. Den Platz des Ersten Ministers nahm Graf Cobenzl ein, der zuvor als Botschafter in St. Petersburg gedient hatte. Von nun an sollte Cobenzl Oesterreich bei den Verhandlungen mit Frankreich in Paris vertreten. Im Grossen und Ganzen hatten Talleyrand und Bonaparte ihr Ziel erreicht. Sie hatten die Koalition gesprengt. Oesterreich brachte fest seine Bereitschaft zu Verhandlungen ohne England zum Ausdruck.

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