Kapitel 6. Attentate
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"Der Koenig ist tot. Lang lebe der Koenig!". Diese einfache Formel der Alleinherrschaft hat die Franzoesische Republik mit Fuessen getreten und durch das vage Prinzip der Volkssouveraenitaet ersetzt. Es wurde schwieriger, Machtwechsel an der Spitze zu begruessen. Man ruft ja auf der Strasse nicht: "Die Amtszeit des Parlaments ist abgelaufen. Lang leben die Wahlen!". Das ist langatmig und irgendwie nicht ueberzeugend. Doch darum geht es nicht.
Die Republik hat den Thron als solchen abgeschafft, aber die Thronpraetendenten blieben. Der vorletzte Koenig, Ludwig der Vielgeliebte, hatte zehn von der Koenigin geborene Kinder. Sieben erreichten das fortpflanzungsfaehige Alter: sechs Toechter und ein Sohn. Ludwig Ferdinand, der Dauphin von Frankreich, zeichnete sich im Gegensatz zu seinem Vater durch Froemmigkeit aus. Von zwei Ehefrauen hatte er zehn Kinder. Die ersten fuenf starben im Infanteriealter. Die zweite Fuenfergruppe (drei Jungen und zwei Maedchen) ueberlebte dank der Gebete des Vaters und der Spenden an die heilige Kirche. Der Dauphin starb waehrend der Herrschaft seines Vaters an Tuberkulose. Neun Jahre spaeter, als es an der Zeit war, die magische Formel "Der Koenig ist tot. Lang lebe der Koenig" auszusprechen, stand der 20-jaehrige Enkel Ludwigs des Vielgeliebten an erster Stelle der Liste. Er wurde als Ludwig der Sechzehnte Koenig. Zeitgenossen beschrieben ihn als weichen, unentschlossenen Menschen ohne despotische Neigungen. Nicht zuletzt deshalb geschah das Unglueck, das spaeter die Grosse Franzoesische Revolution genannt wurde. Aufgrund seiner Milde und Unentschlossenheit verlor Ludwig XVI. nicht nur den Thron, sondern auch seinen Kopf auf dem Schafott. Mehr noch, die Koenigin Marie-Antoinette wurde guillotiniert, und der Sohn Ludwigs XVI., Louis Charles, starb im Temple-Gefaengnis an Entkraeftung und Krankheiten. Wahrlich, die Macht vertraegt keine guten Menschen. Nur ein Despot kann sie fest in den Haenden halten.
Doch wir sind etwas abgeschweift. Nach dem Tod des kleinen Louis Charles, der vom monarchischen Europa als Koenig Ludwig XVII. von Frankreich proklamiert worden war, wurde die Liste der Thronpraetendenten von den beiden Bruedern Ludwigs XVI. angefuehrt: dem in Mitau lebenden Grafen von Provence und dem in London befindlichen juengeren Bruder, dem Grafen von Artois. Die Chancen des Aelteren standen viel besser, weshalb der Juengere viel aktiver war, um den Thron zu besteigen. Im Sommer 1799 schlichen sich die Emissaere des Grafen von Artois, der bretonische Mueller Georges Cadoudal und der Graf de Neuville, heimlich nach Paris. In Erwartung des Begraebnisses der Republik gruendeten sie ein monarchisches Komitee.
Die Monarchisten liebten es, monarchische Komitees zu gruenden. Dem Komitee gehoerten neben Cadoudal, Neuville und dem formalen Fuehrer der Royalisten, de Coigny (Pseudonym: Chevalier Coigny), auch Dierhoff (Deckname Duperon) an, der ehemalige Chef der koeniglichen Konterpolizei, ferner Dierhoffs Geliebte Madame Chalmet, Surenne (Deckname Banville), der Abt Ratel, der Abt Codard, ehemals Generalvikar von Toulouse, der ehemalige Offizier der koeniglichen Armee Chevalier de Magradel (Deckname Joubert) sowie de la Rue, ein kuerzlich ausgeschiedener Abgeordneter des Rats der 500 und Schwiegersohn von Neuville. Eine bunte Gesellschaft, wie wir sehen.
Russische und oesterreichische Bajonette sollten die Republik zu Grabe tragen. Doch daraus wurde nichts. Massena versetzte den Russen bei Zuerich einen solchen Schlag, dass sie sich mit den Oesterreichern zerstritten und aus dem Krieg ausschieden. Das monarchische Komitee war ratlos. Die oesterreichischen Bajonette steckten in der Schweiz und in Italien fest, die monarchistischen Aufstaende in der Bretagne und der Normandie verkamen zu Raeuberueberfaellen, und die Macht des Direktoriums festigte sich nach einigem Wanken. Das Komitee stand kurz vor der Selbstaufloesung, doch dann kehrte General Bonaparte aus Aegypten zurueck und entriss dem Direktorium die Macht. Das Komitee fasste neuen Mut. Die Leichtigkeit und Eleganz, mit der Bonaparte den Umsturz vollzog, verblueffte alle.
Mit jeder Woche des Konsulats wurde das Streben des Generals nach Alleinherrschaft deutlicher. Zum ersten Mal seit zehn Revolutionsjahren wurde die Macht in Frankreich personifiziert. Allein dieser Umstand weckte im Komitee rosige Hoffnungen. Der zweite Umstand war Talleyrand. Er traf sich regelmaessig mit Coigny, Neuville und Cadoudal. Den Worten des Ministers fuer Auswaertiges zufolge war jede Handlung General Bonapartes darauf ausgerichtet, die Monarchie mit einem legitimen Monarchen auf dem Thron wiederherzustellen. Die Komitee-Mitglieder fragten schuechtern nach, was General Bonaparte unter dem Ausdruck "legitimer Monarch" verstehe. Darauf antwortete Talleyrand: Legitimer Monarch werde derjenige Prinz sein, den Bonaparte anerkennt. Jedoch, so Talleyrand weiter, sei eine Restauration nur unter der Bedingung der Ruhe an den Aussengrenzen Frankreichs moeglich.
Die Emissaere der Prinzen in Paris buhlten um Bonapartes Gunst. Der Graf von Artois in London ueberzeugte die englische Regierung, keine unfreundlichen Handlungen gegen Frankreich zu unternehmen. Die Zurueckhaltung Wiens uebernahm der Graf von Provence. Im Februar schrieb der Graf einen Brief an Bonaparte: "Retten Sie Frankreich vor seinen eigenen Rasereien, und Sie werden den Wunsch meines Herzens erfuellen; geben Sie ihm seinen Koenig zurueck, und kuenftige Generationen werden Ihr Andenken segnen". Bonaparte antwortete nicht, denn das Stueck "Restauration" sollte ohne schriftliche Belege gespielt und wieder vergessen werden.
Im April, als die Aufstellung der Reservearmee abgeschlossen war, gab Bonaparte Guy de Neuville und Georges Cadoudal eine letzte Audienz. Bis April war er zweimal mit beiden Emissaeren und einmal separat mit Cadoudal zusammengetroffen. Nach einigem Smalltalk verblueffte der Erste Konsul seine Gespraechspartner mit der Erklaerung, dass die Umstaende es ihm nicht erlaubten, ihren Herrn als legitimen Monarchen Frankreichs anzuerkennen. Die niedergeschlagenen Neuville und Cadoudal verliessen bald darauf Paris und begaben sich nach London.
Bonapartes Erklaerung hatte zwei Folgen. Erstens: Der Graf von Provence schoepfte Mut. Trotz der Warnungen seiner Vertrauenspersonen, dass die Position des Ersten Konsuls einen Briefwechsel nicht zulasse, konnte der Graf von Provence nicht an sich halten und schrieb Bonaparte einen zweiten Brief: "Nein, der Sieger von Lodi, Castiglione und Arcole, der Eroberer Italiens und Aegyptens, kann unmoeglich den wahren Ruhm einem eitlen Bekanntheitsgrad vorziehen. Unterdessen verlieren Sie kostbare Zeit; wir koennen die Ruhe Frankreichs sichern. Ich sage 'wir', denn ich brauche Bonaparte, und er kann ohne mich nicht auskommen. General, Europa beobachtet Sie, und der Ruhm erwartet Sie, waehrend ich vor Ungeduld brenne, meinem Volk den Frieden zurueckzugeben." Auch dieser Brief blieb unbeantwortet.
Und die zweite Folge: Der Graf von Artois schlug den Weg der Konfrontation ein. Seine Position kehrte sich ins Gegenteil um. Er verkuendete der englischen Regierung, dass nur entschlossene militaerische Massnahmen Frankreich retten koennten. Das Kabinett Pitt reagierte mit Verstaendnis auf die Appelle des Grafen. Es fand eine Reihe von Treffen zwischen Aussenminister Grenville und dem Grafen von Artois statt, und am 16. Mai kamen die Parteien zu einer Einigung. Die englische Regierung verpflichtete sich, ein Expeditionscorps in Staerke von 25.000 Mann nach Frankreich zu entsenden.
Der Plan sah wie folgt aus: Zuerst wird von Dover aus eine Einheit von drei- bis viertausend Mann entsandt. Durch einen Doppelschlag – eine englische Landung von See aus und royalistische Truppen vom Land her – sollte Calais eingenommen werden. Danach erfolgt die Anlandung der Hauptstreitkraefte, mit denen der Graf selbst eintreffen sollte, um den Marsch auf Paris persoenlich anzufuehren. Die Fuehrung der Truppen uebertrug der Graf General Pichegru, einem republikanischen General, der auf die Seite der Royalisten uebergelaufen war. Schliesslich sollte in Paris selbst das monarchische Komitee einen Aufstand der den weissen Lilien treuen Menschen anzetteln. Der gesamte Plan basierte auf der Annahme, dass die Oesterreicher nicht versagen wuerden. In Italien und Deutschland sollten die Oesterreicher die franzoesischen Truppen besiegen, waehrend die Englaender und die dem Grafen von Artois treuen Aristokraten die Fruechte ihrer Siege ernten sollten. Typisch fuer die Englaender, die danach streben, die Kastanien durch fremde Haende aus dem Feuer zu holen.
Bei der Planung und Unterzeichnung des Vertrages ahnten der Graf von Artois und Sir Grenville nicht, dass das monarchische Komitee bereits zerschlagen war. Die Polizei hatte die Hauptfiguren des Komitees laengst beschattet, ohne sie zu behelligen. Den Winter und das Fruehjahr ueber tastete Fouche vorsichtig die Faeden ab, die von den Hauptakteuren zu den Nebenfiguren und von diesen zu den Sympathisanten der Monarchisten fuehrten. Im Januar ging bei der Pariser Polizei ein anonymes Schreiben ein, dessen Autor riet, auf einen gewissen Codard zu achten, der sich, wie sich spaeter herausstellte, als Sekretaer des monarchischen Komitees entpuppte. Der Polizeiminister persoenlich uebernahm die Kontrolle ueber den Fall. Die Polizei richtete eine Agentenueberwachung fuer Codard ein, die bald zum Haus von Madame Mercier fuehrte. Bei einer Durchsuchung entdeckten die Agenten Dokumente des Komitees, die fuer eine sofortige Verhaftung aller Mitglieder ausreichten, doch niemand wurde festgenommen.
Im April erhielt Fouche den Befehl des Ersten Konsuls, den Fall des monarchischen Komitees in die aktive Phase zu ueberfuehren. Es verging keine Woche, bis Fouche dem Ersten Konsul einen Bericht ueber die aufgedeckte Verschwoerung der Royalisten vorlegte. Und wieder wurde niemand verhaftet. Am 6. Mai, dem Tag von Bonapartes Abreise in den Krieg, veroeffentlichte der "Moniteur" Materialien ueber die royalistische Verschwoerung. Deutlicher haette man den Komit;e-Mitgliedern nicht sagen koennen, dass es Zeit war, Frankreich zu verlassen. Im Anschluss an die Veroeffentlichung wurde eine Spezialkommission aus vier Staatsraeten eingesetzt, um die Umstaende umfassend zu untersuchen. In ihrem Abschlussbericht wies die Kommission auf die Beteiligung der Englaender hin, die vor keinem Mittel zur Erreichung ihrer Ziele zurueckschreckten.
Bald darauf nahm die Polizei den Fuehrer des Komitees, Chevalier Coigny, fest, doch auf Bitte Bonapartes wurde er freigelassen. Im Mai wurde in Calais beim Versuch, nach England zu entkommen, Duperon verhaftet. Da er sofort alles gestand, was fuer die Ermittlungen wichtig war, verhaengte das Gericht eine so milde Strafe wie moeglich. Ein Jahr spaeter wurde Duperon freigelassen. Ein ganz anderes Schicksal erwartete den ungluecklichen Neuville. Zu seinem Unglueck kehrte er im Sommer, bereits nach Marengo, nach Frankreich zurueck. In Calais wurde Neuville fast umgehend gefasst und in den Kerker geworfen, wo er viele Jahre verbrachte.
Schliesslich gelang es der Polizei im Oktober, Magradel aufzuspueren – die wichtigste Schlagkraft der Gruppe. Am 29. Oktober leistete Magradel bei einem Festnahmeversuch Widerstand und wurde unabsichtlich erschossen. Er war das einzige Todesopfer unter den Mitgliedern des monarchischen Komitees.
2
In der Geschichtswissenschaft herrscht die feste Meinung vor, dass fuer Bonaparte nach der Novemberrevolution Zeiten intensiver, aber ruhiger Arbeit zum Wohle Frankreichs anbrachen. In Wirklichkeit wurde Bonaparte erst nach Marengo zum Herrscher Frankreichs. Nicht der Sieg selbst, sondern die Konvention von Alessandria sicherte General Bonaparte die oberste Macht im Lande. In der Uebergangszeit von November bis einschliesslich Juni bedrohten zahlreiche Gefahren, sowohl interne als auch externe, die Macht des Generals. Zu den aeusseren Gefahren gehoerten die oesterreichischen Armeen. Die Monarchisten koennen als externe und interne Bedrohung betrachtet werden. Die groesste Gefahr ging jedoch vom engsten Umfeld des Ersten Konsuls aus, das General Bonaparte bis Marengo vorzog, als eine Uebergangsfigur zu betrachten.
Sieyes, der kein Konsul mehr war, verlor seinen Einfluss in den Pariser politischen Kreisen nicht. Talleyrand ragte in diesen Kreisen wie ein unzugaenglicher Fels empor, bewachsen mit Verbindungen und der Erfahrung politischer Intrigen. Der dritte Hauptakteur war Lucien Bonaparte, der Held des 19. Brumaire. Neben den Hauptakteuren standen die Zweitrangigen. Roger-Ducos verbuendete sich mit Sieyes, Polizeiminister Fouche hielt sich fest an Talleyrand. Lucien genoss die Unterstuetzung seiner Verwandten: seines Bruders Joseph und seines Schwaegers, General Leclerc. Kriegsminister Carnot nahm eine unklare Position ein. Aus dem hoeheren politischen Bomonde blieb nur Cambaceres Bonaparte bedingungslos treu, und das auch nur deshalb, weil Sieyes zutiefst beleidigt auf ihn war.
General Bonaparte zog in den Krieg nach Italien. Ganz Europa verfolgte diesen Feldzug. In London beobachtete man ihn, um rechtzeitig das Signal fuer die Landung in Calais und den Aufstand in Paris zu geben. In Mitau beobachtete der Graf von Provence die Aktionen der franzoesischen Truppen mit zwiespaeltigen Gefuehlen. Er wusste nicht, ob er sich ueber moegliche Siege freuen oder betrueben sollte. Wahrscheinlich sollte er sich dennoch freuen. In Petersburg verfolgte man die Ereignisse mit Interesse. Paul neigte bereits zu dem Gedanken, dass eine Zusammenarbeit mit den Franzosen doch moeglich sei, zumal mit den Englaendern in letzter Zeit alles schiefging. In Berlin sah man zu. Unnoetig zu erwaehnen, dass man in Wien die Aktionen der Franzosen aufmerksamst verfolgte. Doch am genauesten beobachtete das politische Paris die Ereignisse in Italien.
Koalitionen und Gegenkoalitionen entstanden und verschwanden. Allianzen bildeten sich und zerfielen. Ein und derselbe Akteur konnte verfeindeten Gruppierungen angehoeren. Am naechsten Tag loesten sich diese Gruppierungen auf, und an ihrer Stelle entstanden neue. Die treibende Kraft bei der Verteilung des Fells des noch nicht erlegten Baeren war Talleyrand. Doch er allein war nicht stark genug. Sieyes wollte unter keinen Umstaenden mit Talleyrand zusammenarbeiten. Lucien schwankte zwischen zwei Polen. Nach langwierigen Konsultationen einigten sich die Akteure darauf, dass General Carnot Erster Konsul werden sollte, falls Bonaparte in Italien etwas zustossen sollte. Als Uebergangsloesung stellte Carnot Sieyes, Talleyrand und Lucien zufrieden.
Bonaparte fiel nicht, er wurde nicht einmal verwundet; er schaffte es zu siegen. Die Mitstreiter zogen den Schwanz ein. Ausser Talleyrand, Fouche und Joseph hatten alle Teilnehmer der Juni-Aufteilung, einschliesslich der Generale Carnot, Moreau und Leclerc, im Ersten Kaiserreich kein politisches Gewicht mehr.
Zwei Monate nach seiner Rueckkehr nach Paris fand der Erste Konsul schliesslich die Moeglichkeit, dem Grafen von Provence zu antworten. Die Emissaere des Grafen, ermutigt durch die Vorschuesse aus der Vorkriegszeit, liessen Bonaparte buchstaeblich keine Ruhe und belaestigten beharrlich Josephine.
Am 7. September 1800 schrieb Bonaparte an den Grafen: "Ich habe Ihren Brief erhalten. Ich danke Ihnen fuer die ehrenvollen Worte, die Sie mir schreiben. Sie sollten Ihre Rueckkehr nach Frankreich nicht herbeisehnen; Sie muessten ueber einhunderttausend Leichen hinwegschreiten. Opfern Sie Ihre Interessen der Ruhe und dem Glueck Frankreichs. Die Geschichte wird es Ihnen danken. Ich bin nicht unempfindlich gegenueber dem Unglueck Ihrer Familie... Ich moechte gerne zur Ruhe Ihrer Abgeschiedenheit beitragen." In der ersten Fassung schrieb der Erste Konsul: "Ich werde stets mit Freude dazu beitragen, den Schutz Ihrer Ruhe zu foerdern."
Dieser Brief markiert das Ende der Taendeleien General Bonapartes mit den franzoesischen Prinzen; er markiert zugleich den Beginn der Vorbereitungen fuer das Attentat auf das Leben des Ersten Konsuls.
3
Die franzoesische Geschichte behauptet, dass der Anschlagsversuch auf das Leben des Ersten Konsuls im Oktober auf das Gewissen der jakobinischen Opposition geht. Das ist ebenso wahr wie die Tatsache, dass an der Verschwoerung Menschen beteiligt waren, die persoenliche Gruende fuer ein Attentat auf Bonaparte hatten.
Im Fruehjahr 1800 bildete sich in Paris eine Gruppe mit dem Ziel der physischen Eliminierung des Ersten Konsuls. Geleitet wurde die Gruppe von dem Korsen Joseph Arena, einem ehemaligen Kommandeur einer Gendarmenbrigade. Josephs aelterer Bruder, Barth;lemy, erlangte zweifelhafte Beruehmtheit durch sein Verhalten in Saint-Cloud am 19. Brumaire. Nach der offiziellen Version war er es, der an jenem denkwuerdigen Tag versuchte, Bonaparte mit einem Dolch zu erstechen. Barth;lemy und Josephs zweiter Bruder, Philippe, wurden verhaftet und sassen einige Zeit im Gefaengnis. Angesichts der korsischen Herkunft der Arenas und der persoenlichen Motive nahm das Unternehmen die Farbe einer Vendetta an.
Neben Arena war an der Sache der Bildhauer Ceracchi beteiligt, der auf General Bonaparte toedlich beleidigt war. Jedem, der bereit war zuzuhoeren, erzaehlte Ceracchi die Geschichte, wie er eines Nachts dem Leutnant Napoleon Bonaparte geholfen hatte, zwei Banditen abzuwehren. Der Erste Konsul erinnerte sich gut an diesen Vorfall und empfing den Bildhauer anfangs bereitwillig. Doch Ceracchis Vertraulichkeit kannte keine Grenzen. Es ist nicht gut, das Oberhaupt Frankreichs wie einen Saufkumpan zu behandeln, noch dazu vor den Augen zahlreicher, heimlich kichernder Mitstreiter. Die in Kuenstlerkreisen ueblichen Umgangsformen uebertrug der unbeherrschte Ceracchi automatisch auf das Umfeld der hoechsten Wuerdentraeger. Die Freundschaft mit Ceracchi schadete dem Image des Ersten Konsuls erheblich, und bald wurde ihm der Zutritt zum Haus verwehrt. Die besten Pariser Haeuser, die Ceracchi noch gestern untertaenig empfangen hatten, schlossen ihre Tueren. Die Verehrung fuer Bonaparte, die allerdings recht spezifisch zum Ausdruck gekommen war, schlug in der sensiblen Seele des Kuenstlers in Hass um. Alle Lebensfehlschlaege, alle Kraenkungen – und davon hatten sich viele angesammelt – erhielten eine persoenliche Verkoerperung: General Bonaparte, der die Erwartungen des Bildhauers enttaeuscht hatte.
Als Arena sich mit Ceracchi einigte, war die kriminelle "Gruppe" komplett. Ceracchi zog seinen Freund, einen Schueler des beruehmten Malers David, den Maler Baptiste Topino-Lebrun, in die Verschwoerung hinein. Die uebrigen rekrutierte Arena. Die prominentesten unter ihnen waren der ehemalige Angestellte Demerville und der ehemalige Notar Joseph Diana.
Da die Verschwoerer die Liebe des Ersten Konsuls zum Theater kannten, hielten sie die Oper fuer den am besten geeigneten Ort fuer das Attentat. Der Plan sah wie folgt aus: Ceracchi naehert sich mit einem oder mehreren Komplizen der Loge des Ersten Konsuls, angeblich um sich fuer sein unwuerdiges Verhalten zu entschuldigen, und dort... der Dolch, das Blut, der Tod des Tyrannen, Ceracchis Platz in der Geschichte. Der Bildhauer hoffte, dass man ihn ein letztes Mal im wahrsten Sinne des Wortes an den Koerper Bonapartes heranlassen wuerde. Darauf stuetzte sich der gesamte Plan.
Es war der Vorsehung gefaellig, dass der ehemalige Oberst Harel von der Verschwoerung erfuhr und seinem Freund, dem Polizeikommissar Lefebvre, davon berichtete, der seinerseits Fouche informierte. Am Abend des 10. Oktober 1800 verhafteten Polizeibeamte im Opernhaus die mit Dolchen bewaffneten Ceracchi und Diana. Sie warteten auf die Ankunft des Ersten Konsuls. Vor Mitternacht wurde der voellig verkuehlte Demerville gefasst (was auch der Grund war, warum er nicht zur Aktion erschienen war), und zwei Tage spaeter, am 12. Oktober, verhaftete die Polizei auch Arena selbst. Bald sassen im Zusammenhang mit dem Attentatsversuch auf den Ersten Konsul 19 Personen hinter Gittern. Die Voruntersuchung brachte nicht die erwarteten Ergebnisse. Es gab kein verzweigtes Agentennetz. Es gab keine Faeden, die ins Ausland fuehrten. Es gab keine geheime, maechtige Organisation, die sich darauf vorbereitete, schmutzige Dolche in den Ruecken der Revolution zu stossen. Es gab auch keine Verschwoerung im traditionellen Sinne, sondern nur einige von Bonaparte persoenlich gekraenkte Menschen, die nun voller Angst auf ihr Schicksal warteten. Nur unter Folter machten sie die fuer die Ermittlungen notwendigen Aussagen. Und selbst diese Aussagen waren fragwuerdig; Widersprueche und Ungereimtheiten begegneten einem auf Schritt und Tritt. Am 7. Januar 1801 fand der Prozess statt. Die Anklage wurde nur gegen acht Personen erhoben. Die vier Haupttaeter – Arena, Ceracchi, Demerville und Topino-Lebrun – wurden fuer schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Am 31. desselben Monats wurde das Urteil vollstreckt. Die anderen vier wurden vom Gericht freigesprochen. Eine Beteiligung der uebrigen elf Personen an der Verschwoerung konnte die Untersuchung nicht feststellen.
4
Der Sieg bei Marengo schuf in Europa eine einzigartige politische Lage. Russland, die finsterste Tyrannis des Kontinents, und Frankreich, noch immer eine Republik, n;herten sich an.
Kaiser Paul war von seinen Verbuendeten enttaeuscht. Von den Oesterreichern war er wegen der Niederlage des Korps von Korsakow bei Zuerich und wegen Suworows Alpenueberquerung enttaeuscht, die die russische Geschichte als glorreich bezeichnet, die aber in Wirklichkeit eine Flucht vor Massena war. Von England war Paul aus vielen Gruenden enttaeuscht. Die Spannungen begannen damit, dass die Englaender sich weigerten, bestimmte finanzielle Verluste auszugleichen, die Russland in einem ihm fremden Krieg erlitten hatte. Als Antwort auf den britischen Geiz initiierte Kaiser Paul den Prozess zur Schaffung eines Handels- und Politikbuendnisses namens "Zweite Liga der bewaffneten Neutralitaet zur See", das gegen die Dominanz Englands in der Ostsee gerichtet war. In London zeigte man sich aeusserst unzufrieden mit den Schritten Russlands zur Annaeherung an Preussen, Daenemark und Schweden.
Kaiser Paul begruesste den Umsturz des 18. Brumaire. Er war ueberzeugt, dass Bonapartes Revolution letztlich auf die Restauration der Monarchie abzielt. Letzten Endes behielt er recht. Die Aeusserung des Zaren, er sei "erfuellt von Respekt fuer den Ersten Konsul und dessen militaerische Talente", die zeitlich mit Bonapartes Sieg ueber die schwerfaelligen Oesterreicher zusammenfiel, wurde in London gehoert. Man zog die entsprechenden Schluesse, und als es an der Zeit war, die Rechnungen zu begleichen, verweigerten die Englaender den Russen die Zahlung. Ich meine Malta.
Im Jahr 1798 hatte die englische Regierung dem Zaren schriftlich Malta versprochen, um Russland in die antifranzoesische Koalition zu locken. In jenem Jahr haetten die Englaender sogar den Mond versprochen, haette Paul einen so seltsamen Wunsch geaeussert. Am 5. September 1800, nach fast zweijaehriger englischer Blockade, fiel Malta, und bei Paul war alles bereit, um die Insel unter seine Herrschaft zu nehmen. Er hatte bereits im Fruehjahr den Kommandanten von Malta bestimmt. Es war – oder besser: es wurde nicht – Generalleutnant Graf Wolkonski. Wolkonski kreuzte auf Uschakows Flaggschiff um Malta herum und wartete darauf, dass die Englaender ihn riefen, um die Insel in Besitz zu nehmen. Petersburg wartete auf die Nachricht von der Uebergabe der Insel gemaess dem Vertrag von 1798, erhielt aber stattdessen die Nachricht von Wolkonski, dass die Briten einen Militaergouverneur ernannt und eine eigene Verwaltung aufgebaut hatten. Am Tag nach Erhalt dieser traurigen Nachricht nahm das Schiff der russischen Diplomatie endgueltig Kurs auf die Annaeherung an Frankreich.
Genau zu dieser Zeit vollzog der Erste Konsul Bonaparte eine edle Geste. Ohne eine Gegenleistung zu verlangen, befahl der Erste Konsul einseitig, die waehrend der Zerschlagung von Korsakows Korps gefangengenommenen russischen Kriegsgefangenen freizulassen, neu einzukleiden und auf Kosten Frankreichs nach Hause zu schicken.
Ende September wurde Kanzler Panin, bekannt fuer seine pro-englische Haltung, entlassen, und die russischen Wuerdentraeger wetteiferten in ihren Fantasien dar;ber, wie man England, das den Zaren so schaebig betrogen hatte, am schmerzhaftesten zusetzen und gleichzeitig dem Ersten Konsul Bonaparte danken koennte. Den Sieg in diesem Wettbewerb errang Graf Rostoptschin. Seinen Worten zufolge nahm Russland an der Zweiten Koalition "einzig und allein teil, um sich von der Treulosigkeit Pitts und Thuguts zu ueberzeugen und Europa von der Unsterblichkeit Suworows zu ueberzeugen". Am 2. Oktober 1800 billigte Paul das Memorandum Rostoptschins ueber die Aufteilung des "hoffnungslos kranken" der Tuerkei, etwa so, wie Katharina seinerzeit mit einem anderen hoffnungslos Kranken – Polen – abgerechnet hatte. Zur Aufteilung schlug Rostoptschin vor, Frankreich als Hauptverbuendeten sowie Oesterreich und Preussen als zweitrangige Partner heranzuziehen, um diese Maechte endgueltig von England loszureissen. Damit nicht genug: Rostoptschin sah als Belohnung fuer Bonaparte einen russisch-franzoesischen Feldzug nach Indien vor.
Mit wachsender Besorgnis beobachtete Pitt die Annaeherung zwischen Russland und Frankreich. Als die Nachrichten ueber das Memorandum Rostoptschins London erreichten und der Text des Memorandums ueberbracht wurde, beauftragte die Regierung die Geheimpolizei, mit allen Mitteln die Freundschaft zwischen dem Ersten Konsul Bonaparte und dem russischen Kaiser Paul I. zu verhindern.
Zu allen Zeiten verfuegte jede Geheimpolizei ueber drei ueberzeugende Argumente: Bestechung, Erpressung und Mord.
5
Im Dezember traf aus London ein gewisser Picot de Limoelan in Paris ein, Pseudonym: Bourmont. In Paris nahm Bourmont Kontakt zu seinem Waffengefaehrten aus dem Buergerkrieg, Saint-Rejant, und zu seinem ehemaligen Diener Carbon auf. Zwei weitere Personen, deren Namen die Ermittlungen nicht feststellen konnten, sowie Carbons Schwester waren zumindest indirekt mit den Verschwoerern verbunden. Diese Menschen bildeten eine Gruppe zur Ermordung des Ersten Konsuls. Je weniger Personen an einer Operation beteiligt sind, desto groesser sind die Chancen, die Vorbereitung der Aktion geheim zu halten, und desto geringer sind die Chancen der Polizei, das Attentat zu verhindern. Die Aktionen im April, Oktober und November scheiterten bereits in der Vorbereitungsphase auch deshalb, weil zu viele Personen darin verwickelt waren. Um einen Menschen zu toeten, genuegt ein gezielter Schuss, es genuegt ein entschlossener Mann, aber die technischen Mittel jener Zeit erlaubten es nicht, eine solche Aktion im Alleingang vorzubereiten und durchzufuehren. Bourmont brauchte Helfer. Drei unmittelbare Taeter und zwei bis drei Personen zur Absicherung waren die notwendige und ausreichende Anzahl fuer eine erfolgreiche Umsetzung des Vorhabens.
Zuerst planten die Moerder, den Ersten Konsul auf dem Weg von Paris nach Malmaison zu erschiessen, indem sie vorab entlang der Fahrtroute mehrere Feuerstellungen vorbereiteten. Bei der Beobachtung der Bewegungen des Ersten Konsuls stellten die Killer jedoch fest, dass Bonaparte immer in einer geschlossenen Kutsche und in Begleitung einer zahlreichen Eskorte reist. Aus diesem Umstand folgte, dass den Moerdern nur ein einziger Schuss gewaehrt bliebe, und im Falle eines Fehlschusses wuerde man ihnen keine Gelegenheit geben, die Lage durch einen zweiten Schuss zu korrigieren. Angesichts dessen lehnte Bourmont eine Operation unter Verwendung von Langwaffen ab. Traditionelle Mordwerkzeuge wie Dolch oder Pistole waren ungeeignet, da es unmoeglich war, nah genug an die Zielperson heranzukommen. Um die Polizei zu ueberrumpeln, musste man sich etwas Neues ausdenken, etwas bisher nie Dagewesenes.
Einen Monat zuvor hatte die Polizei eine Gruppe von Jakobinern verhaftet. Diese Gruppe bereitete Attentate auf Bonaparte vor. Als Mordwerkzeug beabsichtigten die Jakobiner eine „Hoellenmaschine“ zu verwenden, eine Erfindung des jakobinischen Ingenieurs Alexandre Chevalier. Sie bestand aus einem mit Pulver und Schrot gefuellten Eisenfass mit einer Hoehe von 40 und einem Durchmesser von 20 Zentimetern. Die „Hoellenmaschine“ beschloss Bourmont anzuwenden, der dem technischen Fortschritt nicht fremd gegenueberstand, und legte damit den Grundstein fuer eine neue Mordmethode – durch Explosion. Woher wusste Bourmont von Chevaliers Erfindung? In den Zeitungen wurde darueber nicht geschrieben. Informationen ueber die jakobinische Verschwoerung waren streng geheim und konnten nicht in Form von Geruechten nach aussen dringen. Royalisten und Jakobiner hatten keinen Kontakt untereinander. Sie konnten keine Informationen austauschen und taten dies auch nicht. Dennoch war Bourmont die Konstruktion der „Hoellenmaschine“ in Details bekannt, die fuer ihre praktische Umsetzung ausreichten. Dies fuehrt zu der durchaus vernuenftigen Annahme, dass Bourmont die Bombe waehrend seines Aufenthalts in London studierte. Diese Annahme wiederum fuehrt zu dem folgerichtigen Gedanken, dass die englische Geheimpolizei nicht nur die Verschwoerungen der Royalisten, sondern auch die der Jakobiner kontrollierte.
Nachdem sie die Mordwaffe gewaehlt hatten, mussten die Verschwoerer genau berechnen, wo sie die Bombe platzieren und wann sie die Explosion ausloesen sollten. Im Oktober hatten Arena und Ceracchi diese Berechnungen erfolgreich durchgefuehrt. Da sie die Vorliebe des Ersten Konsuls fuer das Theater kannten, konnten sie Zeit und Ort von Bonapartes Erscheinen genau bestimmen – in der Oper waehrend der Premiere. Zwei Monate spaeter nutzte Bourmont die Idee von Ceracchi. Nur waehlte Bourmont als Ort der Aktion nicht das Theatergebaeude, sondern den Weg dorthin.
In ganz Paris waren Plakate angebracht, die verkuendeten, dass am Abend des 3. Nivose (24. Dezember) in der Oper die Premiere der „Schoepfung“ des oesterreichischen Komponisten Haydn stattfinden wuerde und dass die unvergleichliche Giuseppina Grassini die Partie der Eva singen werde. In jenen fernen Zeiten befand sich das Theater in der Rue de la Loi. Von den Tuilerien, wo der Erste Konsul seit einigen Tagen lebte, fuehrte der Weg zur Oper ueber den Place du Carrousel und die enge Rue Saint-Nicaise. An der Muendung der Rue Saint-Nicaise in den Place du Carrousel bereiteten die Moerder den Hinterhalt vor.
Am 21. erwarb Carbon am Stadtrand von Paris ein Pferd, einen zweiraederigen Karren, ein mit Eisenreifen beschlagenes Fass, Pulver und andere notwendige Requisiten. Am 22. fertigte Bourmont die Bombe an, der 23. Dezember vergeht mit vorbereitenden Massnahmen. Am 24., sobald es zu daemmern begann, machten sich die Moerder, gekleidet in die blauen Kittel von Strassenarbeitern, an die Arbeit. Sie bewegten sich die Strasse entlang und gaben vor, Steine und Schutt zu raeumen, bis sie den Place du Carrousel erreichten.
Es herrschte ein echter Pariser Winter, feucht und neblig. Eine graue Wolke, die mit ihrem Bauch am Kreuz von Notre-Dame h;ngen geblieben war, streute einen feinen, unangenehmen Regen aus. Sie erreichten die Rue Saint-Nicaise, stellten den Karren so auf, dass er die Fahrbahn ein wenig blockierte, und stritten lautstark. Ein Strassenarbeiter forderte seine Kameraden auf, die Reinigung der Strasse fortzusetzen, ein anderer wollte unbedingt ein Glas Wein in einer Schenke am Place du Carrousel trinken. Der dritte Strassenarbeiter wollte ebenfalls Wein, aber nicht ganz so dringend. Der Streit endete damit, dass der erste Strassenarbeiter blieb, um den Karren zu bewachen, der zweite sich zur Schenke begab und der dritte ihm folgte, aber in der Mitte des Platzes unschl;ssig stehen blieb.
Bourmont sollte das Signal f;r die Ann;herung der Kutsche des Ersten Konsuls geben. Sofort sollte Saint-Rejant die Zuendschnur entz;nden und schnell, aber unauffaellig verschwinden. Nur zehn Sekunden waren Saint-Rejant zugestanden worden, um aus der Gefahrenzone in ein vorbereitetes Versteck in einem der H;user zu entkommen, wo Carbon ihn erwarten sollte. Bourmont bemerkte die Ann;herung der Kutsche rechtzeitig und gab Saint-Rejant das Signal, doch dieser konnte die Zuendschnur wegen des Regens nicht sofort entzuenden. Zudem fuhren die Kutsche und die Eskorte, wiederum wegen des Regens, etwas schneller, als die Moerder angenommen hatten. Moeglicherweise brannte die Zuendschnur selbst aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit etwas langsamer. Kurz gesagt, die „Strassenarbeiter“ hatten sich um fuenf bis sechs Sekunden verrechnet.
Bonaparte passierte den Tod in nur zwei Metern Entfernung und war bereits 50 Meter entfernt, als eine furchtbare Explosion erdroehnte. Die Druckwelle erreichte die Kutsche und zertruemmerte die Scheibe des R;ckfensters, wobei sie Bonapartes Uniform und Josephines Pelzmantel mit Splittern ;berschuettete. Die Kutsche wurde heftig erschuettert, blieb aber auf den Raedern stehen.
Der Erste Konsul und Josephine blieben unverletzt. Die Eskorte forderte eindringlich, den Tatort sofort zu verlassen und in die Tuilerien zurueckzukehren. Bonaparte bestand jedoch auf seinem Erscheinen in der Oper, um Unruhen in der Stadt zu vermeiden, falls diese von den Jakobinern geplant sein sollten.
Die Explosion verursachte schwere Zerstoerungen, schrieb der „Moniteur“ am folgenden Tag; Reste von Fenstern mitsamt Rahmen, Tueren und verschiedene Waren aus den umliegenden Laeden flogen ueber den gesamten Platz. Die Explosion toetete 8 Personen und verletzte 28. 46 Haeuser wurden beschaedigt. Den Schaden bezifferte die Zeitung erstaunlich genau auf 123.654 Francs.
Bonaparte war ausser sich vor Wut. Zum ersten Mal entwich ihm jener Zorn, vor dem waehrend seiner gesamten Herrschaft das ganze Kaiserreich erzittern sollte. Das dritte Attentat innerhalb von drei Monaten. Die Jakobiner waren zu weit gegangen. Es war an der Zeit, ihnen zu zeigen, dass das erste Oberhaupt des Staates keine Puppe fuer Schiessuebungen war. Sie sollten die kollektive Verantwortung tragen. Bonaparte zweifelte keine Minute daran, dass die Linken dieses Attentat vorbereitet hatten. Darauf deutete die Mordwaffe hin. Nur die Jakobiner konnten von der hoellischen Erfindung des Alexandre Chevalier wissen. Die Gewissheit war so vollkommen, dass Bonaparte, ohne den Abschluss der Ermittlungen abzuwarten, dem Polizeiminister befahl, eine Liste der profiliertesten Jakobiner zu erstellen. Die Liste enthielt 130 Namen. Am 4. Januar 1801 billigte der Senat und verabschiedete der Staatsrat ein Gesetz, das es erlaubte, Verdaechtige aus Frankreich auszuweisen. 70 Personen wurden auf die Seychellen geschickt, die uebrigen nach Guayana.
Der allwissende Fouche war sich von Anfang an sicher (es ist interessant, worauf sich diese Gewissheit stuetzte), dass die Organisatoren des letzten Attentats keineswegs die „unschuldigen“ Laemmer-Jakobiner waren, sondern Monarchisten. Als die Polizei Saint-Rejant und Carbon verhaftete und Fouches Version ueber die Unschuld der Linken bestaetigt wurde, war es zu spaet. Der Transport mit den Fuehrern der Jakobiner befand sich bereits auf offener See.
Trotz zahlreicher Zeugen konnte die Ermittlung kein zufriedenstellend genaues Bild des Geschehens zusammensetzen. Nach den Aussagen von Saint-Rejant rannte er, als die Zuendschnur endlich brannte, in ein Versteck und warf unterwegs den Kittel des Strassenarbeiters in die Seine. Durch die Explosion wurde er verletzt, jedoch nicht lebensgefaehrlich. Mit Bourmonts Hilfe gelang es Saint-Rejant, sich recht lange verborgen zu halten. Doch nachdem er sich etwas erholt hatte, hielt er es nicht mehr aus, sich weiter zu verstecken. Er begann auszugehen und wurde am 18. Januar auf der Strasse erkannt und von der Polizei gefasst. Am selben Tag wurde Carbon verhaftet. Bald nahm die Polizei viele Verdaechtige fest, darunter Freunde und Verwandte der Moerder. Wie die Ermittlung spaeter feststellte, hatten sie nichts mit dem Attentat zu tun und wurden freigelassen. Zehn Tage nach Carbons Verhaftung gelang es der Polizei, die Spur des Hauptverdaechtigen aufzunehmen, doch Bourmont konnte dank seiner hervorragenden koerperlichen Verfassung der Verfolgung entkommen. Fuenf Monate lang hielt er sich in geheimen Ersatzwohnungen versteckt, und im Mai 1801, als sich die Lage etwas beruhigt hatte, gelang es Bourmont, Paris unbemerkt zu verlassen, die Bretagne zu erreichen und von dort nach Amerika auszureisen.
Am 1. April, dem Tag, an dem die Nachricht von der Ermordung Kaiser Pauls die franzoesische Hauptstadt erreichte, verurteilte das Pariser Strafgericht Carbon und Saint-Rejant zum Tode. Am 6. April wurde das Urteil vollstreckt.
6
Der Herbst des letzten Jahres des vergehenden galanten Jahrhunderts war fuer Bonaparte durch die Freundschaft mit Kaiser Paul und die Sorge um die Erhaltung seines eigenen Lebens gekennzeichnet. General Moreau bereitete sich in jenem Herbst auf die Fortsetzung des Krieges gegen die Oesterreicher vor.
Am 26. August enthob Kaiser Franz den Feldmarschall Kray seines Postens als Oberbefehlshaber der Truppen in Deutschland und ernannte Feldmarschall Kollowrat zum Armeekommandanten. Zwei Wochen spaeter, am 8. September, vertraute Franz das Kommando seinem achtzehnjaehrigen Bruder, Erzherzog Johann, an, der ueber seine Ernennung am meisten erstaunt war. Erzherzog Karl befand sich wegen des Vorfalls mit Suworow noch immer in Ungnade, und zwei andere Brueder, die Erzherzoege Ferdinand und Joseph (an die der Kaiser zuerst gedacht hatte), waren klug genug, diesen Posten abzulehnen. Die Niederlage in Italien trotz numerischer Ueberlegenheit gegenueber dem Feind sowie der unglueckliche Verlauf der Kaempfe in Deutschland bei gleichen Kraeften fuehrten Kaiser Franz zu einem kuriosen Schluss. Die Kommandanten, sowohl Kray als auch Melas, haetten sich aufgrund ihrer Nichtzugehoerigkeit zur herrschenden Familie nicht ausreichend mit den Interessen der Habsburgkrone identifiziert. Daher geschahen Niederlagen dort, wo sie nicht haetten geschehen duerfen. So musste die Leitung der Truppen einem Jungen anvertraut werden. Johann leitete die Armee jedoch nur formal. Er sollte sein gewichtiges Wort sprechen, falls die Interessen der Krone beruehrt wuerden. In Wirklichkeit wurde die Armee von Thuguts Schuetzling, Feldmarschall Lauer, gefuehrt. Die Armeefuehrung erfuhr angesichts drohender Pruefungen einige Veraenderungen. Lauer entfernte den talentierten, aber eigensinnigen Feldherrn – Feldmarschall Fuerst Reuss-Plauen – aus der Armee. Die im Dienst verbliebenen ruhmreichen Generaele waren gezwungen, die Ueberlegenheit Johanns und seines Gehilfen, Feldmarschall Lauer, anzuerkennen.
Waehrend der Saeuberung des Kommandos von zweifelnden und zoegernden Personen erhielt die Armee massive Verstaerkungen. Bis zum Ablauf des Waffenstillstands zaehlte die deutsche Armee der Oesterreicher 120.000 Mann. 93.000 befanden sich in Deutschland, der Rest sicherte Tirol gegen den Feind ab.
Am 21. August, als in Paris die Nachricht eintraf, dass Thugut den von Graf Saint-Julien unterzeichneten Vertrag nicht anerkannt hatte, sandte Kriegsminister Carnot an General Augereau, den Befehlshaber der Batavischen Armee, und an General Brune, den Befehlshaber der Italienischen Armee, eine Richtlinie zur Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gegenueber Oesterreich in der ersten Septemberdekade. General Moreau befahl Carnot, die Kampfhandlungen in Deutschland zwischen dem 10. und 20. September wieder aufzunehmen. Am 13. September uebermittelte Carnot an Moreau die Anweisung des Ersten Konsuls, dass der Waffenstillstand um einen Monat verlaengert werden koenne, falls Oesterreich zustimme, die Festungen Ingolstadt, Ulm und Philippsburg in den Besitz Frankreichs zu uebergeben. Moreau informierte die oesterreichische Militaerfuehrung ueber den Vorschlag der franzoesischen Regierung. Am 19. September beschloss Kaiser Franz, der sich zu dieser Zeit gerade im Hauptquartier von Johann aufhielt, die Forderungen der Franzosen anzunehmen. Am 20. September unterzeichneten die Parteien in Hohenlinden die Verlaengerung des Waffenstillstands um 45 Tage.
Ende September verlegte Moreau das Hauptquartier der Armee von Muenchen nach Augsburg, und in den ersten Oktobertagen reiste er nach Paris, um mit dem Ersten Konsul den Plan fuer den bevorstehenden Feldzug abzustimmen.
Die Beziehungen zwischen den Generalen waren zu jener Zeit sehr herzlich. Bonaparte kehrte im Herbst zu der Idee zurueck, die er seit dem 18. Brumaire gehegt hatte: sich mit Moreau zu verschwaegern, indem er ihn mit seiner Stieftochter Hortense verheiratete. Einen wertvollen Menschen zu binden, indem man ihn in die Familie aufnimmt, war typisch fuer Bonaparte. Waehrend er seine Macht staerkte, schuf er konsequent eine neue herrschende Dynastie. Einen einzelnen Menschen vom Sockel zu stuerzen ist leicht, das beste Beispiel dafuer ist Barras; einen Clan zu verdraengen ist viel schwieriger, denn ein Clan ist, egal welche Kaempfe im inneren Kreis stattfinden, vielarmig und gnadenlos gegenueber aeusseren Feinden. Doch bei Moreau erlitt der Erste Konsul einen Fehlschlag, vielleicht den einzigen in seiner Karriere als Heiratsvermittler.
General Decaen schrieb in seinen Memoiren: Eines Tages sah Moreau, als er allein in einem Zimmer im Schloss Malmaison war, eine Zeitung auf dem Kaminsims liegen. In der Zeitung war eine Notiz ueber seine bevorstehende Vermaehlung mit Hortense abgedruckt. Kaum hatte der erstaunte Moreau diese Nachricht gelesen, trat Bonaparte ein. Als er die Zeitung in der Hand des Generals bemerkte, blinzelte er ihm verschwoererisch zu, nach dem Motto: Und wann haben Sie es geschafft, sich mit Hortense abzusprechen? Moreau stieg nicht auf Bonapartes Spiel ein. Er warf die Zeitung auf den Boden und bemerkte kuehl, dass er nicht die Absicht habe zu heiraten, da die Ehe einem kampferprobten General Unglueck bringe; zur Bestaetigung seiner Worte fuehrte er das Beispiel von Joubert an (Joubert fiel bei Novi kurz nach seiner Hochzeit). Dennoch heiratete Moreau kurz nach diesem Gespraech eine 19-jaehrige Kreolin, und dies brachte ihm tatsaechlich Unglueck. Moreau zerstritt sich mit Bonaparte, und dies entschied sein Schicksal.
Es scheint jedoch, dass trotz des verletzten Stolzes von Bonaparte die Beziehungen zwischen den Generalen gut blieben. Nach den Erinnerungen desselben Decaen antwortete Moreau in Augsburg auf Fragen zu seiner Reise nach Paris, dass alles gut verlaufen sei und dass Bonaparte der einzige Mensch sei, der das Land aus der schwierigen Lage herausfuehren koenne.
Im Herbst 1800 war die Lage der franzoesischen Truppen an den Ostgrenzen der Republik recht stabil.
Im Norden, zwischen Offenbach und Aschaffenburg, stand die Batavische Armee von General Augereau mit einer Staerke von 16.000 Mann. Sie wurde als Reserve der Rheinarmee betrachtet. Sollten die Umstaende es erfordern, koennte Augereau den rechten Fluegel der Oesterreicher angreifen.
In Deutschland, zwischen den Fluessen Isar und Inn, befand sich der Hauptteil von Moreaus Armee mit 106.000 Soldaten.
In Italien standen unter dem Kommando von General Brune, der im Herbst Massena als Oberbefehlshaber der Italienischen Armee abgeloest hatte, 100.000 franzoesische Soldaten.
Schliesslich war als Bruecke zwischen den zwei grossen Verbaenden an der Grenze zwischen Oesterreich und Italien die 18.000 Mann starke Armee von Macdonald stationiert.
Kurz nach seiner Rueckkehr aus Paris setzte Moreau das oesterreichische Militaerkommando ueber die Beendigung des Waffenstillstands in Kenntnis.
Infolge des Sommerfeldzugs stellten die franzoesischen Eroberungen in Deutschland einen recht schmalen Keil mit der Spitze in Muenchen dar, der an der Basis 150 Kilometer breit und 300 Kilometer tief war.
Zum Zeitpunkt der Beendigung des Waffenstillstands waren die gegnerischen Truppen in Deutschland wie folgt aufgestellt. Das aus drei Divisionen bestehende Korps von Sainte-Suzanne, stationiert zwischen den Fluessen Donau und Altmuehl, bildete den aeussersten linken Fluegel der Rheinarmee. Gegenueber dem Korps von Suzanne, jenseits des Flusses Regnitz zwischen den Staedten Bamberg und Forchheim, stand das oesterreichische Korps von Feldmarschallleutnant Simbschen.
Den eigentlichen linken Fluegel der Franzosen bildete das Korps von General Grenier (drei Divisionen und eine Brigade). Das Korps stand etwa 60 Kilometer oestlich von Muenchen zwischen den Staedten Vilsbiburg und Hohenlinden. Die Truppen des Korps Grenier waren wesentlich dichter aufgestellt als ihre Nachbarn zur Linken. Ungefaehr 40 Kilometer oestlich der Franzosen stand das oesterreichische Korps von Feldmarschall Kienmayer. Das Hauptquartier des oesterreichischen Korps befand sich in Rosenheim.
Im Zentrum der Rheinarmee, an der Strasse von Muenchen nach Wasserburg, befand sich ein aus drei Infanterie- und einer Kavalleriedivision bestehendes Korps unter dem direkten Kommando von Moreau. Die Truppen des Korps befanden sich in unmittelbarer Naehe zu den Divisionen des linken Fluegels. Gegenueber dem franzoesischen Zentrum standen zwei oesterreichische Korps unter dem Kommando von Feldmarschall Graf Klenau und Feldmarschall Herzog Wilhelm von Birkenfeld. Das Hauptquartier des oesterreichischen Zentrums befand sich in Regensburg.
Den rechten Fluegel der franzoesischen Armee bildete schliesslich das aus vier Divisionen bestehende Korps von Lecourbe. Die Einheiten des Korps erstreckten sich vom Bodensee bis zum Fluss Isar. Gegenueber den Einheiten des Korps Lecourbe stand zur Deckung von Tirol das ebenfalls weit auseinandergezogene Korps von Feldmarschall Hiller.
m Oktober bestatigte Kaiser Franz unter Umgehung des Kriegsrates den vom Obersten Weyrother, dem Stabschef von Erzherzog Johann, ausgearbeiteten strategischen Feldzugsplan. Diesem Plan zufolge sollten die oesterreichischen Truppen zwischen den Fluessen Isar, Donau und Inn im Staedtedreieck Passau, Braunau und Deggendorf aus den Verbaenden des Zentrums und des rechten Fluegels bis zum 25. November die Bildung einer Stossgruppe abschliessen. Von der Donau aus sollte die Gruppierung nach Suedwesten ueber Landshut in Richtung Augsburg vorstossen und den feindlichen linken Fluegel (das Korps von Sainte-Suzanne) vom Zentrum abschneiden. Nach der Einnahme von Augsburg sollten die Truppen der Stossgruppe alle Kommunikationswege des Gegners entlang des Lechs unterbrechen, waehrend das Korps von Kienmayer zu dieser Zeit die Linie am Inn kontrollieren sollte. Somit waeren die Korps von Moreau und Grenier vom Westen her durch den Lech, vom Norden durch die Donau, vom Osten und teilweise vom Sueden durch den Inn eingeschlossen. Der einzige von Wasserhindernissen freie Rueckzugsweg des Gegners waere nach Suedwesten ueber die Lechtaler Alpen geblieben.
Die erste Phase der oesterreichischen Operation verlief durchaus erfolgreich. Wie geplant war die Stossgruppe am 25. November abmarschbereit. Doch danach begannen die Stoerungen. Nach Weyrothers Plan sollte die Avantgarde am 27. November, nachdem sie in zwei Tagen fast 70 Kilometer zurueckgelegt hatte, Vilsbiburg erreichen. Unter winterlichen Bedingungen war dieser Zeitplan praktisch nicht einzuhalten. Wie sich die Oesterreicher spaeter rechtfertigten, geschah die Verz;gerung, weil am Vortag, dem 26. November, starke Regenfaelle die Strassen aufgeweicht hatten und aufgrund der grossen Anzahl von Rekruten, die nicht an schwierige Maersche gewoehnt waren. Am 29. November, zwei Tage hinter dem Zeitplan, befand sich die oesterreichische Avantgarde 15 Kilometer von Vilsbiburg entfernt. Angesichts des hoffnungslosen Rueckstands beschlossen Erzherzog Johann und Feldmarschall Lauer, nicht nach Landshut vorzuruecken, sondern den Feind in Richtung Ampfing mit dem Ziel der Strasse Ampfing – Haag – Muenchen anzugreifen. Damit gab die Armeefuehrung die Ausfuehrung ihres eigenen strategischen Plans auf.
Am 30. November besetzten die oesterreichischen Truppen die in der neutralen Zone liegenden Staedte Landshut, Vilsbiburg, Ampfing und Wasserburg. Die Truppen der Gruppierung dehnten sich ueber eine Front von mehr als 70 Kilometern aus und erinnerten nun keineswegs an die geplante maechtige Faust, sondern eher an gespreizte Finger. Am 1. Dezember kamen die oesterreichischen Truppen in Kontakt mit dem Gegner. An diesem Tag fanden die Kaempfe bei Aschau und Rattenkirchen statt. Die den Oesterreichern gegenueberstehenden Teile des Korps Grenier zogen sich zurueck und verloren in den Kaempfen einige Kanonen sowie 800 Gefangene. Weyrothers Plan war endgueltig begraben. Die Armee bewegte sich an einer breiten Front direkt auf die Spitze des franzoesischen Keils zu. Genau dorthin, wo die Dichte der franzoesischen Truppen am hoechsten war.
Der erste leichte Erfolg verdrehte dem jungen Kommandanten und seinem unerfahrenen, aber ehrgeizigen Gehilfen den Kopf. Schmeichler, von denen es an jedem grossen Stab immer genug gibt, versicherten dem Erzherzog, dass die oesterreichischen Banner sich vor Muenchen mit Ruhm bedecken wuerden und nicht bei der nichtsnutzigen Patrouillierung von Wasserhindernissen.
Nur ein Fauler oder ein Dummer haette in einer solchen Situation nicht gesiegt, und Moreau war weder faul noch dumm.
Nach den ersten Kaempfen, in denen die Oesterreicher sich offenbart und ihre Absichten gezeigt hatten, vermutete der Kommandant der franzoesischen Armee vollkommen richtig, dass das Ziel des Gegners Muenchen war. Aufgrund der Aufstellung der feindlichen Truppen, die Moreau aus der Analyse der stattgefundenen Kaempfe ableitete, nahm er an, dass die Hauptkraefte der Oesterreicher auf der Strasse von Haag ueber Hohenlinden nach Muenchen marschieren wuerden. Am Abend des 1. Dezember bestimmte Moreau nicht nur den Ort der bevorstehenden Schlacht – Hohenlinden –, sondern auch den Tag der Schlacht – den 3. Dezember. Am Abend des 1. Dezember gab Moreau den Truppen die notwendigen Befehle zur Vorbereitung auf die Schlacht. Am Abend des 1. Dezember verloren die Oesterreicher die Schlacht und mit ihr den gesamten Feldzug.
Den ganzen 2. Dezember ueber konzentrierten sich die Franzosen in einem Gebiet, dessen Zentrum Hohenlinden war. Bis zum Abend befanden sich an einer Front von nicht mehr als 40 Kilometern mindestens 60.000 franzoesische Soldaten – mehr als die Haelfte der Staerke der Rheinarmee. Vorzeitig trafen zwei der drei Divisionen des Korps von Suzanne im Operationsgebiet der Hauptkraefte ein.
Die Oesterreicher schienen Moreau dabei zu helfen, sie zu besiegen. Am 2. Dezember, waehrend die Umgruppierung der franzoesischen Armee im Gange war, stand die oesterreichische Armee still. Im Hauptquartier der oesterreichischen Armee in Haag, nur 15 Kilometer vom Ort der morgigen Katastrophe entfernt, feierte man den ganzen 2. Dezember ueber den gestrigen Erfolg.
Um 5 Uhr morgens am 3. Dezember setzte die sechzigtausend Mann starke oesterreichische Armee ihren Marsch auf Muenchen fort. Die Schmeichler im Stab prophezeiten die Einnahme der Stadt fuer den Abend oder spaetestens morgen. In vier Kolonnen marschierte die oesterreichische Armee dem ersehnten Ziel entgegen. Die n;rdliche Kolonne (rechter Fluegel) fuehrte Feldmarschall Kienmayer, die beiden mittleren fuehrten die Feldmarschalle Baillet und Kollowrat, die suedliche Kolonne (linker Fluegel der oesterreichischen Armee) marschierte unter dem Kommando von Feldmarschall Riesch.
Um 7 Uhr morgens stiess die Kolonne Kienmayers im Norden von Hohenlinden auf die bereits wartenden Divisionen Legrand und Ney aus dem Korps Grenier. Welle um Welle rollten die oesterreichischen Angriffe gegen die franzoesischen Redouten. Legrand und Ney gelang es, wenn auch mit Muehe, aus eigener Kraft und ohne Verstaerkung anzufordern, den oesterreichischen Ansturm abzuwehren.
Unterdessen rueckten gem;ss der Disposition die Divisionen des rechten Fluegels (Korps Moreau) von Ebersberg dem Feind entgegen. Als erste setzte sich die Division Richepanse in Richtung Maitenbeth in Bewegung, gefolgt von der Division Decaen. Bald kam die Vorhutdivision Richepanse in Kampfberuehrung mit den Brigaden der Kolonne Kollowrat. Richepanse griff die Oesterreicher mit aller Entschlossenheit an, und sein Schlag war erfolgreich. Die Oesterreicher begannen auf Hohenlinden zurueckzuweichen.
Im Zentrum entwickelten sich die Ereignisse planmaessig. Gegen 10 Uhr kaempften an den Zugaengen zu Hohenlinden bereits zwei oesterreichische Kolonnen: die Kolonne Kienmayer und die noch nicht am Kampf beteiligte Kolonne Baillet. Sobald der Druck der oesterreichischen Truppen am linken Fluegel nachzulassen begann, befahl Moreau den Divisionen Ney und Grouchy, den Feind im Zentrum anzugreifen. Dieser Angriff loeste Verwirrung in den Reihen der Kolonne Baillet aus. Fast gleichzeitig versuchten Einheiten Kienmayers, die franzoesischen Verteidigungsredouten von Norden her zu umgehen, doch hier erwartete sie ein Misserfolg. Beim Umgehungsversuch stiessen die Oesterreicher auf die Division Bastoul, und als der Division Bastoul die schwere Kavalleriedivision unter dem Kommando von General d'Hautpoul zu Hilfe kam, griffen die Franzosen an und warfen den Gegner zurueck.
Der Angriff im Zentrum und der gleichzeitige Gegenangriff am linken Fluegel, der von der Division Legrand erfolgreich unterstuetzt wurde, entwickelten sich zu einer allgemeinen Offensive der Franzosen. Die Oesterreicher wankten, wichen zurueck, und als sich durch den schnellen Rueckzug der vorderen Einheiten ihre Schlachtordnungen vermischten und die Fuehrbarkeit der Truppen verloren ging, flohen sie und liessen Waffen, Ausruestung und Munition zurueck.
Am rechten Fluegel stiess die Division Decaen, die Richepanse folgte, auf Teile der noerdlichen Kolonne. Nach einem kurzen Gefecht schlug auch Decaen die Oesterreicher in die Flucht.
Noch vor Einbruch der Dunkelheit, um drei Uhr nachmittags, waren die oesterreichischen Truppen an allen Abschnitten vollstaendig geschlagen. Nach Berichten des franzoesischen Stabs wurden an diesem Tag 11.000 Gefangene und 100 Kanonen erbeutet. Die Franzosen bezifferten ihre eigenen Verluste auf 1.200 Tote und Verwundete sowie 500-600 Gefangene. In den folgenden 20 Tagen verfolgten die Franzosen die fliehenden, versprengten und unterwegs ihre Artillerie zuruecklassenden oesterreichischen Einheiten. In diesen Tagen nahmen die Franzosen weitere 25.000 oesterreichische Soldaten gefangen und erbeuteten weitere 140 Geschuetze. Der Verfolgung entkamen nur einige tausend Oesterreicher, einzeln oder in versprengten Trupps.
Fuer Oesterreich wurde diese Schlacht zu einer wahren Katastrophe.
Sobald die Nachricht vom Sieg bei Hohenlinden in Paris eintraf, sandte der Erste Konsul Moreau einen Glueckwunsch zum Sieg. Doch als ihm die Einzelheiten der Schlacht bekannt wurden und die Tatsache, dass die oesterreichische Armee praktisch aufgehoert hatte zu existieren, aenderte sich Bonapartes Einstellung zu Moreau.
General Bonaparte beneidete General Moreau um seinen unbestreitbaren Erfolg. Und aus Neid warf er Moreau vor, er habe die Armee nichts Geringerem als einem unnoetigen Risiko ausgesetzt und nur ein Wunder habe sie vor der vollstaendigen Vernichtung gerettet. Die Vorwuerfe bezogen sich vor allem darauf, dass Moreau zwei Divisionen des Korps von Sainte-Suzanne abgezogen und damit den linken Fluegel entbloesst hatte. Haetten die Oesterreicher – so argumentierte Bonaparte seine Position – dem urspruenglichen Plan folgend Augsburg angegriffen, haette die franzoesische Armee in eine sehr schwierige Lage geraten koennen, und eine Niederlage waere moeglich gewesen. Bonaparte verstand wie kein anderer, dass der Konjunktiv im Krieg unangebracht ist. Er selbst war mehr als einmal in aehnlicher Weise fuer „falsche“ Handlungen kritisiert worden. Jedes Mal antwortete Napoleon seinen Opponenten etwa folgendes: Haette der Gegner anders gehandelt, als er es tat, so haette er adaequate Gegenmassnahmen ergriffen. Hinter der Kritik der zahlreichen Gegner Napoleons steckte der Neid der Verlierer auf den Sieger. Hinter Bonapartes Kritik an Moreaus Handeln steckte der Neid des Ersteren auf das militaerische Talent des Letzteren – ein Talent, das in der Schlacht von Hohenlinden seinen hoechsten Ausdruck fand.
Bonapartes Sieg bei Marengo war eher ein militaerischer Gluecksfall als ein Ausdruck feldherrlicher Begabung. Zweifellos ist Marengo in der Reihe von Napoleons grossen Siegen das haessliche Entlein, das durch Propaganda in einen praechtigen Schwan verwandelt wurde. Waehrend Bonaparte in Italien einen eher blassen Feldzug fuehrte, errang Moreau in Deutschland einen Sieg nach dem anderen, die zwar fuer die Oesterreicher nicht vernichtend, aber dennoch vollkommen ueberzeugend waren und im totalen Sieg bei Hohenlinden gipfelten. Bonaparte beneidete den Rivalen um den beruflichen Erfolg, der den Ruhm des besten Feldherrn beanspruchte. Zwei militaerische Genies waren zu viel fuer Frankreich. Das Land wuerde nicht beide ertragen.
Mit der Niederlage bei Hohenlinden war die allgemeine Niederlage der Oesterreicher vorherbestimmt. Am 9. Dezember gingen Einheiten des rechten Fluegels der Rheinarmee durch die Forcierung des Flusses Inn bei Rosenheim zur Offensive ueber. Die gegenueberstehenden oesterreichischen Einheiten des Korps Hiller zogen sich eilig zurueck, ohne sich auf Kaempfe mit dem Gegner einzulassen. Am 22. Dezember ueberquerte die Rheinarmee den Fluss Enns. Bis Wien verblieben noch 150 bis 200 Kilometer.
Der Stern von Erzherzog Johann sowie der seines Gehilfen Feldmarschall Lauer ging unter, noch bevor er aufleuchten konnte. Die Armee benoetigte dringend einen neuen Kommandanten, der in der Lage war, die Landesverteidigung zumindest halbwegs zu organisieren. Der Kaiser wandte sich an Erzherzog Karl mit der Bitte, das Kommando zu uebernehmen und das Vaterland zu retten. Karl stimmte zu. Am 17. Dezember traf er im Hauptquartier der Armee ein, das sich zu dieser Zeit in Schwanenstadt befand, und uebernahm das Kommando von seinem ungluecklichen Bruder. Karl fand den Zustand der Truppen weit schlimmer vor, als er erwartet hatte. Ungarische Einheiten wollten kategorisch nicht am weiteren Krieg teilnehmen, und nur die Androhung von Artilleriebeschuss zwang sie, die Kasernen zu verlassen und an die Front zu ziehen, doch die Desertion in diesen Einheiten nahm massenhafte Ausmasse an.
Nach der Inspektion der Truppen schrieb Karl dem Kaiser, dass an weiteren Widerstand nicht zu denken sei und ein Waffenstillstand, besser noch ein Friede, notwendig sei. Karl sandte Moreau Vorschlaege zur Aufnahme von Verhandlungen ueber einen Waffenstillstand. Moreau stimmte zu. Am 25. Dezember unterzeichneten die Parteien in Steyr einen Waffenstillstand zu fuer die Oesterreicher sehr unvorteilhaften Bedingungen.
Die Ereignisse an der italienischen Front in der zweiten Haelfte des Jahres 1800 hatten keinen grossen Einfluss auf die Gesamtsituation.
Unter dem Kommando von General Massena, dem Befehlshaber der Italienischen Armee, befanden sich 70.000 Mann. Die Armee war in 5 Korps unterteilt: die Korps von Soult, Suchet und Moncey mit jeweils drei Divisionen, ein Reservekorps aus zwei Divisionen unter General Duhesme und das Kavalleriekorps von Davout, das ebenfalls aus zwei Divisionen bestand.
Massena wollte in Italien nach denselben Regeln spielen wie Moreau in Deutschland. Er wollte selbstaendig, ohne Einmischung aus Paris, einen eigenen Plan entwerfen und ausfuehren. Aber Massena war nicht Moreau. Ungeachtet der Verdienste Massenas in den Kaempfen gegen die russischen Truppen im Herbst des vergangenen Jahres und der heroischen Verteidigung von Genua wurde der zu selbstaendige General auf Befehl des Ersten Konsuls vom Kommando entbunden. Den Posten des Oberbefehlshabers der Italienischen Armee erhielt General Brune, der sich im Vorjahr in Holland gegen die englisch-russischen Truppen hervorragend bewaehrt hatte.
In der oesterreichischen Armee gab es ebenfalls einen Wechsel im Oberkommando. Ab dem 15. September uebernahm Feldmarschall Bellegarde den Posten, der ebenso wie Feldmarschall Lauer in Deutschland ein Schuetzling Thuguts war.
Am 13. Oktober benachrichtigte Brune das oesterreichische Kommando, dass die franzoesische Armee ab dem 26. Oktober, nach Ablauf der vertraglich vorgesehenen 12-taegigen Vorwarnfrist, die Kampfhandlungen wieder aufnehmen werde. Doch wie in Deutschland wurde der Waffenstillstand zweimal verlaengert. Zuerst bis zum 4. November und dann bis zum 13. November.
Zu Beginn der Kampfhandlungen erhielten beide Armeen Verstaerkungen. Die franzoesische Armee wuchs auf 95.000 Mann an. Fuer operative Einsaetze verfuegte Brune ueber 70.000 Mann. Die restlichen 25.000 befanden sich in den Garnisonen der Festungen. Die oesterreichischen Truppen hatten in etwa die gleiche Staerke, waren aber ueber ein wesentlich groesseres Gebiet verteilt.
Auf Befehl des Ersten Konsuls begann Brune am 19. Dezember die Offensive. Bellegarde, der bereits von der Niederlage bei Hohenlinden wusste, befahl den Rueckzug. Die oesterreichischen Einheiten zogen sich zurueck, ohne sich auf wesentliche Scharmuetzel einzulassen, und bezogen Verteidigungsstellungen am Nordufer des Mincio suedwestlich von Verona zwischen den Staedten Villafranca und Valeggio sul Mincio.
Am 20. Dezember forcierte Brune bei den Staedten Pozzolo und Volta Mantovana den Mincio. An den Uebergaengen kam es zu erbitterten Kaempfen. Zwei Tage nach der Forcierung des Mincio besetzten franzoesische Abteilungen Verona. Bellegarde, dem es nicht gelungen war, den Gegner an den Uebergaengen aufzuhalten, zog sich ohne weitere Schlachten hinter den Fluss Brenta zurueck. Den weiteren Vormarsch der Franzosen stoppte der am 16. Januar geschlossene Waffenstillstand von Treviso.
7
Graf Cobenzl, der vom Kaiser mit Vollmachten fuer die Friedensverhandlungen mit Frankreich ausgestattet worden war, traf Mitte Oktober in Luneville ein. Die Bemuehungen von Talleyrand und Bonaparte, die Koalition zu zerschlagen, waren von Erfolg gekroent. Die pro-englische Partei am Wiener Hof war besiegt, Thugut seines Amtes enthoben, und Oesterreich trat getrennt von England in die Verhandlungen ein.
In Luneville sollte Cobenzl Verhandlungen mit Joseph Bonaparte fuehren, doch bei seiner Ankunft wurde er von General Clarke mit der Forderung des Ersten Konsuls empfangen, nach Paris zu reisen. Die „Einladung“ Cobenzls nach Paris war Bonapartes Gegenzug auf Thuguts Verhalten im August – eine Art Bestrafung des unschuldigen Cobenzl fuer die Nichtanerkennung des Friedensvertrags vom Juli durch den Kaiser und fuer das Festhalten (faktisch die Verhaftung) von Duroc. Fuer den oesterreichischen Aussenminister war die dringende Bitte, nach Paris zu kommen, eine unangenehme Ueberraschung. Was wuerde man in Wien sagen, und was in London? Cobenzl entschied sich zu fahren. Unterwegs traf er Joseph, der ebenfalls ueber die Entscheidung des Ersten Konsuls erstaunt war, da sie den juengsten Vereinbarungen widersprach. Joseph kehrte sofort um, ueberholte Cobenzl und begab sich nach seiner Ankunft in der Hauptstadt unverzueglich zu Napoleon, um Erklaerungen zu verlangen. Er erhielt sie und beruhigte sich.
Der Erste Konsul empfing den Gesandten des Kaisers herzlich. Sie kannten sich bereits aus dem Italienfeldzug von 1797. Bonaparte schaetzte Cobenzl weniger als General, sondern vielmehr als faehigen Diplomaten. Nach der Audienz, die nichts einbrachte und auch nichts einbringen konnte, da Bonapartes Ziel die angemessene Demuetigung des oesterreichischen Kaisers in der Person seines Gesandten war, kehrte Cobenzl nach Luneville zurueck. Bald darauf traf auch Joseph dort ein.
Joseph machte im Schatten seines juengeren Bruders eine recht erfolgreiche Karriere. Bereits auf Korsika, im Jahr 1792, ueberredete Napoleon ihn, als Abgeordneter fuer das Parlament des Konsulats von Paoli zu kandidieren. Wegen Paolis Hinwendung zu England war die Familie Bonaparte gezwungen, Korsika zu verlassen. Joseph ging fuer immer auf das Festland. Waehrend des Italienfeldzugs, im Fruehjahr 1797, ernannte das Direktorium Joseph zum Botschafter in Rom. Nach dieser fuer Joseph nicht ganz erfolgreichen Mission plante die Regierung, ihn als Botschafter nach Berlin zu schicken, doch Joseph zog dem diplomatischen Posten das Mandat eines Abgeordneten im Rat der Fuenfhundert vor.
Napoleon liebte und schaetzte seinen aelteren Bruder und weihte ihn in seine Herzensangelegenheiten ein. Als Napoleon nach Afrika aufbrach, bat er seinen Bruder, ein Auge auf seine unruhige Frau zu haben. Joseph bemuehte sich, doch Josephine schenkte den Belehrungen ihres Schwaegers wenig Beachtung.
Nach dem 18. Brumaire erlebte Joseph, genau wie Lucien, eine grosse Enttaeuschung. Er hatte geglaubt, dass Napoleon sie, oder zumindest einen von ihnen, zu Konsuln ernennen wuerde. Im Gegensatz zu Lucien war Joseph nicht lange auf seinen Bruder sauer. Er wurde in den Staatsrat gewaehlt. Napoleon nutzte Joseph manchmal als Alternative zu Talleyrand. Unmittelbar vor den Verhandlungen in Luneville hatte Joseph Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten gefuehrt, die mit der Unterzeichnung eines Memorandums endeten.
Am 8. November begannen die Verhandlungen in Luneville, um jegliche Missverstaendnisse zu vermeiden, wie sie im Sommer mit Saint-Julien aufgetreten waren, mit der offiziellen gegenseitigen Vorlage ihrer Vollmachten, die vom oesterreichischen Kaiser und dem Ersten Konsul unterzeichnet worden waren.
Im Vergleich zum Sommer hatte sich die Position Frankreichs erheblich verschaerft. Die territorialen Ansprueche der franzoesischen Seite lagen unter dem, was Frankreich gemass dem Abkommen von Campo Formio besessen hatte, aber sie ueberstiegen die sogenannten natuerlichen Grenzen Frankreichs, das heisst, sie ueberstiegen das Territorium Frankreichs vor Beginn der revolutionaeren Expansion. Im Norden wollte die franzoesische Seite Belgien und alle Gebiete westlich des Rheins bis zur Batavischen Republik in Besitz nehmen. Im Sueden, in Italien, sollte Oesterreich nach dem franzoesischen Entwurf Venedig bis zu den Fluessen Mincio und Po behalten. Der Infant von Parma, Ferdinand III., sollte das Grossherzogtum Toskana erhalten. Das Koenigreich Piemont sollte in den Grenzen bis zum Fluss Sesia wiederhergestellt werden.
Die oesterreichische Seite wollte, dass sich ihre Besitzungen in Italien bis zum Fluss Adda erstreckten. Mit anderen Worten: Im Norden stimmten die Positionen der Parteien weitgehend ueberein, und der Streit drehte sich, wie bei franzoesisch-oesterreichischen Verhandlungen ueblich, um Italien.
Nach zahlreichen Vorschlaegen und Gegenvorschlaegen gerieten die Parteien in eine Sackgasse. Beide Seiten warteten auf die Ergebnisse der Kampfhandlungen, die bald beginnen sollten.
Mitte Dezember erhielt Cobenzl die Nachricht von der Niederlage der oesterreichischen Armee bei Hohenlinden. Auf unbegreifliche Weise milderte er die Position Oesterreichs nicht nur nicht ab, sondern verschaerfte sie im Gegenteil. Als bevollmaechtigter Vertreter Oesterreichs forderte Cobenzl neben den ueblichen Territorialanspruechen auch die Wiederherstellung des Grossherzogtums Toskana und des Herzogtums Modena. Forderungen, die angesichts der oesterreichischen Niederlagen hoechst absurd waren, aber sie zeigen, was die oesterreichische Seite im Falle eines militaerischen Sieges bei den Verhandlungen gefordert haette. Warum stellte der stets fuer seinen gesunden Menschenverstand bekannte Cobenzl wissentlich unerfuellbare Forderungen? Hoechstwahrscheinlich lag der Sinn der neuen Territorialansprueche gerade in ihrer Unerfuellbarkeit. Hoechstwahrscheinlich war Cobenzl trotz all seiner Vollmachten auf eine solche Wendung der Ereignisse ueberhaupt nicht vorbereitet. Fuer den Fall einer vernichtenden Niederlage der oesterreichischen Armee besass er schlichtweg keine entsprechenden Instruktionen. Vollmacht hin oder her – er wollte das Schicksal des ungluecklichen Saint-Julien nicht wiederholen. Fuer Cobenzl war es offensichtlich, dass er auf die Anweisungen des Kaisers warten und versuchen musste, Zeit zu gewinnen. Betrachtet man das Verhalten des oesterreichischen Ministers aus dieser Perspektive, so ist die Unlogik seiner Forderungen durchaus logisch.
Joseph erhielt Ende Dezember angesichts der entstandenen Lage neue Anweisungen aus Paris. Frankreich und Russland – so lauteten die Instruktionen – vertreten die einheitliche Position, dass Oesterreich sich in Italien mit der Grenze am Fluss Etsch begnuegen m;sse. Falls die franzoesischen Truppen den Mincio ueberqueren sollten (dies geschah am 26. Dezember), wuerde Oesterreich von der Cisalpinischen Republik ueberhaupt nichts erhalten. Sollten die franzoesischen Truppen weiter vorruecken und die Etsch ueberqueren, muesste auch Venedig von der oesterreichischen Monarchie abgetreten werden.
Unterdessen beendete der Waffenstillstand von Steyr die Kampfhandlungen an der deutschen Front. Am letzten Tag des Jahres erhielt Cobenzl die Nachricht von diesem Waffenstillstand und neue Instruktionen des Kaisers. Der Sinn der kaiserlichen Anweisungen war in etwa folgender: alles zu bewahren, was noch bewahrt werden kann, aber nicht mehr auf eine militaerische Loesung zu setzen.
Das Warten hatte ein Ende, die Positionen der Parteien waren endlich bestimmt, und am 2. Januar begann das eigentliche Feilschen. Nach einem Monat Verhandlungen, in denen der oesterreichische ausserordentliche Botschafter wie ein Loewe um jede Ortschaft gekaempft hatte, uebergab Joseph Cobenzl ein Ultimatum. Fuenf Tage spaeter folgte ein zweites Ultimatum. Sollte die im Ultimatum gesetzte Frist fuer den Abschluss der Verhandlungen nicht eingehalten werden, wuerde die franzoesische Seite diese abbrechen und die Kampfhandlungen wieder aufnehmen. Das zeigte Wirkung. Die Angelegenheit kam wesentlich schneller voran. Am 9. Februar unterzeichneten die Parteien in Josephs Wohnung den Entwurf des Friedensvertrags.
Gemaess dem Vertrag verlief die Ostgrenze Frankreichs wie zuvor entlang des Rheins. Die Aenderung im Vergleich zum Abkommen von Campo Formio bestand darin, dass die Festungen Breisach, Kehl, Duesseldorf und Philippsburg am rechten Flussufer an Frankreich fielen. Dies war eine Bestrafung der deutschen Verbuendeten Oesterreichs. Die Batavische (Holland) und die Helvetische (Schweiz) Republik wurden wiederhergestellt. In Italien wurden die Ligurische und die Cisalpinische Republik wiederhergestellt. Wobei letztere auf Kosten Oesterreichs erheblich gewachsen war. In Italien verblieben nur Venedig, Istrien, Dalmatien und die venezianischen Inseln im Adriatischen Meer im Besitz Oesterreichs.
Spanien, der treue Verbuendete Frankreichs, der es in der schwersten Zeit nicht verraten hatte, erhielt ebenfalls ein Stueck von Italien, obwohl es nicht direkt am Krieg gegen Oesterreich teilgenommen hatte. Der Infant, der Sohn des Herzogs von Parma, erhielt die Toskana zum Besitz. Der neue Monarch nannte sich Ludwig I., Koenig von Etrurien. Der ehemalige Grossherzog der Toskana sollte eine Entschaedigung in Deutschland erhalten. Ihm wurde der Breisgau versprochen.
Drei Tage nach der Unterzeichnung des Entwurfs ratifizierte der Erste Konsul den Friedensvertrag. Gegen Frankreich stand, wie schon 1797, nur noch England allein. Doch dessen Tage waren, wie man in Paris glaubte, gezaehlt. Das Buendnis mit Russland gegen Grossbritannien versprach Fruechte von ungeahntem Ausmass.
8
Grossbritannien waere niemals zu Grossbritannien geworden, wenn es sich einzig auf so unzuverlaessige Mittel wie das geheime Treiben seiner Agenten in Paris und Petersburg verlassen haette. Zu den zuverlaessigen Mitteln zaehlte die englische Regierung die koenigliche Flotte. Seit September, sobald die Annaeherung zwischen dem Ersten Konsul Bonaparte und Kaiser Paul offensichtlich wurde, begann die Vorbereitung einer umfassenden Flottenoperation. Die Ziele der Operation: den Seebund der Nordmaechte zu vernichten, Kopenhagen mit Zerstoerung zu drohen, Stockholm zu drohen, Petersburg zu drohen.
Die Beherrscherin der Meere wollte vom wilden Russland im Grunde nicht so viel. Sie wollte Russland von einer unvernuenftigen Verbindung mit Frankreich abhalten; sie wollte, dass Russland seine Divisionen und Kriegsschiffe dorthin schickte, wohin es empfohlen wurde. Fuer diese Kleinigkeit war England bereit, einen Haufen Wohltaten zu gewaehren. Es war bereit, in vernuenftigem Rahmen zu zahlen; es erlaubte Russland, im Rahmen des englischen gesunden Menschenverstandes einen freien Seehandel zu fuehren.
Schon lange, seit dem Scheitern der englisch-russischen Landung in Holland, missfiel Paul die Rolle, die England ihm aufzwang. Von einem offenen Bruch hielt den Ritterkaiser weniger die Aussicht auf einen Rueckgang des Handelsumsatzes ab, als vielmehr die Aussicht, Malta zu erhalten, die letzte Zitadelle des Rittertums. Im September 1800 schwand diese Aussicht, und somit stand der Beendigung des fuer Russland ruinoesen Buendnisses mit Britannien nichts mehr im Wege. Der gesunde Menschenverstand und das Beispiel Englands legten dem Zaren nahe, dass man seinen Seehandel mit der eigenen Flotte schuetzen muesse. Aus dieser einfachen Formel ergab sich eine einfache Entscheidung – die Schaffung eines Buendnisses der Nordmaechte.
Drei Monate lang bemuehte sich die russische Diplomatie beharrlich um die Umsetzung der Richtlinie des Zaren. Und sie hatte Erfolg. Am 16. Dezember 1800 unterzeichneten in Petersburg bevollmaechtigte Vertreter Russlands, Daenemarks und Schwedens den Vertrag ueber die Schaffung der Liga der Bewaffneten Neutralitaet, welche die nordische Neutralitaet von 1780 wiederbelebte. Am 18. Dezember trat Preussen der Liga bei. Die Ziele der Liga: Schutz der Handelswege in der Ost- und Nordsee vor den Anspruechen Dritter; gemeinsame Abwehr von Seeaggressionen Dritter. Unter den Dritten war natuerlich einzig England gemeint.
Die vereinigte Flotte der Liga stellte eine furchteinfloessende Macht dar, die in der Lage war, der Flotte dritter Laender zu widerstehen. 123 Linienschiffe. Davon befanden sich 82 im Dienst Russlands, 18 Linienschiffe steuerte Preussen zum gemeinsamen Pool bei, 10 Schweden und 13 Daenemark. Zwar befanden sich 21 russische Schiffe in Reparatur, und 31 Linienschiffe segelten als Teil der Schwarzmeerflotte. Von den 30 einsatzfaehigen Schiffen der Baltischen Flotte konnten sich nur 20 in Bezug auf Bewaffnung und Ausbildung der Besatzungen mit den englischen Schiffen messen. Die russischen Geschwader lagen in den Haefen von Reval, Kronstadt und Petersburg.
In einem weitaus besseren Zustand befanden sich die schwedischen Linienschiffe, und die daenischen Kriegsschiffe uebertrafen die Englaender in einigen Belangen sogar.
Der Name des neuen Militaerbuendnisses der Nordmaechte – Liga der Bewaffneten Neutralitaet – taeuschte die englische Regierung nicht. In London verstand man gut, dass die Liga heute neutral, morgen aber ein Verbuendeter Frankreichs und folglich ein Feind Englands sein koennte. Aufgrund der Annaeherung zwischen Frankreich und Russland und der Tatsache, dass Bonaparte ein leicht verstaubtes Skelett aus dem Schrank holte – die Landung auf den Britischen Inseln –, stellte die Liga eine reale Bedrohung fuer die Sicherheit Englands dar.
Die Regierung verpflichtete die Admiralitaet, so schnell wie moeglich alle notwendigen Massnahmen zur Vernichtung der Flotten potenzieller Gegner zu ergreifen. Die Admiralitaet plante die Operation fuer den Zeitpunkt, an dem die russischen Geschwader durch das Eis in ihren Haefen blockiert sein wuerden.
In kuerzester Zeit entwarf die Admiralitaet den Operationsplan. Zuerst vernichtet die koenigliche Flotte die daenischen Schiffe in Kopenhagen, dann verbrennt sie die russischen Geschwader in Reval, Kronstadt und Petersburg. Auf dem Rueckweg versenkt sie die Seestreitkraefte Schwedens. Mit der Ausfuehrung dieses Plans betraute der Erste Lord der Admiralitaet Admiral Parker, den Befehlshaber der Nordflotte. Ihm unterstellte die Admiralitaet Vizeadmiral Nelson. Mit Unterstuetzung des Ersten Lords wurde zwischen Parker und Nelson eine Vereinbarung getroffen: Parker uebte die Gesamtleitung aus, waehrend in den Schlachten das Kommando auf Nelson ueberging.
In den letzten Februartagen des Jahres 1801 brachen auf Befehl Kaiser Pauls vom 12. Januar desselben Jahres 22.700 Kosaken des Don-Heeres unter dem Kommando von Ataman Wassili Orlow zum Feldzug nach Indien auf. In den ersten Maerztagen begannen die Franzosen in Boulogne eine Flottille kleiner Schiffe zusammenzuziehen, damit im April die franzoesische Armee, geschuetzt durch die Flotte der Nordischen Liga, auf den Britischen Inseln landen konnte. Somit war erneut Bonapartes Plan von vor drei Jahren im Gange – ein gleichzeitiger Angriff auf das Mutterland und auf Indien. Daher war es unmoeglich geworden, die Flottenoperation, die Bonapartes Plaene durchkreuzen sollte, laenger aufzuschieben.
Am 12. Maerz 1801 lief die englische Flotte aus den suedlichen Haefen des Mutterlandes aus und nahm Kurs auf Daenemark. Die daenische Regierung wusste von dem Krieg, der gegen sie vorbereitet wurde. Alle wussten, wie die Englaender ein Jahr zuvor mit dem benachbarten Holland verfahren waren. Jeder in Daenemark wusste, dass das Ziel der Aggressoren die Vernichtung des Stolzes Daenemarks, seiner Kriegsflotte, war. Die Bevoelkerung der Hauptstadt zeigte die feste Entschlossenheit, sich mit allen verfuegbaren Mitteln zu verteidigen. An nur einem Tag meldeten sich mehr als 1.000 Freiwillige. Fast alle Studenten der Hauptstadtuniversitaet traten freiwillig in die Armee ein. Aus den Freiwilligen wurde sogar ein neues Korps gebildet.
Bereits im Februar waren alle 13 Linienschiffe in voller Gefechtsbereitschaft. In den Werften von Kopenhagen lief die eilige Vorbereitung von drei weiteren Schiffen. Man erwartete das Eintreffen von acht schwedischen Kriegsschiffen. Kopenhagen bereitete den Englaendern zahlreiche Fallen vor. Im Norden des Hafens legten die Daenen zwei Linienschiffe ohne Masten an die Kette und bestueckten sie maximal mit Artillerie. Am suedlichen Ende des Hafens errichteten sie eine starke Kuestenbatterie. In der Mitte, gegenueber dem Hafen, ankerten sie alle verfuegbaren Kriegsschiffe.
9
Doch bevor der erste Schuss fiel, loeste sich das Problem der Liga, der Don-Kosaken und der flachboedigen Flottille in Boulogne auf andere Weise.
Kaiser Paul wurde in Petersburg nicht geliebt. Man liebte ihn nicht wegen seiner Kleinlichkeit, seiner Nachtraeglichkeit und vor allem wegen seiner preussischen Punktlichkeit, mit der der Zar Friedrich dem Grossen gleichkommen wollte und die dem russischen Menschen wie ein scharfes Messer im Herzen war. Kaum den Thron bestiegen, verbot Paul per Erlass das Tragen von runden Hueten, Fraecken, Stiefelletten und langen Hosen. Fuegt man hinzu, dass er bei Strafen keinen Unterschied zwischen einem General und einem einfachen Soldaten machte, wird die Abneigung der Petersburger Gesellschaft und der hauptstaedtischen Offiziere gegen ihren Gebieter verstaendlich.
Wenn Paul ploetzlich in einer Kaserne erschien und der diensthabende Offizier nicht schnell genug „Stillgestanden!“ rief, bestrafte ihn der Zar streng, bis hin zur Entlassung aus der Armee. Dem Damenkorps preussische Disziplin aufzuzwingen, fiel Paul schwerer, doch auch hier gab es Erfolge. Ob im klirrend kalten Winter, im trueben Herbst oder im stroemenden Sommerregen – den Damen war vorgeschrieben, aus der Kutsche zu steigen und sich in ehrfuerchtiger Verbeugung zu neigen, falls der Zar ihnen auf dem Weg begegnete. Als er einmal mit der Fuerstin Jewdokija Golizyna unzufrieden war, befahl der Zar dem Grafen Pahlen, der zu dieser Zeit kein Geringerer als der Militaergouverneur von Sankt Petersburg war, ihr „den Kopf zu waschen“ – und zwar ohne jeden literarischen Beigeschmack. So musste der Wuerdentraeger des Reiches mit Zuber, Seife, Waschlappen und Handtuch bei der Fuerstin erscheinen. Der Graf wusch der Fuerstin den Kopf und meldete Paul die Ausfuehrung des Befehls.
Ein andermal bemerkte Paul beim Vorbeifahren am hoelzernen Gebaeude der Italienischen Oper gegenueber Graf Araktchejew: „Dieses Haus muss verschwinden.“ Bis zum Einbruch der Dunkelheit ebneten 500 Soldaten die Oper dem Erdboden gleich. Sie arbeiteten bei Fackelschein und waren innerhalb von vierundzwanzig Stunden fertig.
Vielerlei solcher Anekdoten kursierten in der Hauptstadt. Das hofnahe Petersburg fieberte waehrend der gesamten Regierungszeit Pauls. Der Hof lebte im Heute. Kein Mensch in der Umgebung des Kaisers konnte sich des morgigen Tages sicher sein – im buchstaeblichen Sinne der Worte „morgiger Tag“. Eine Laune des Kaisers konnte einen Beamten oder Offizier um mehrere Stufen erhoehen, eine Laune des Kaisers konnte einen Menschen bis an den Fuss der Adelspyramide stuerzen. Vor diesen Launen konnten sich selbst die Guenstlinge von Kaiser Paul nicht in Sicherheit bringen.
Der Einsiedler brachte drei Guenstlinge aus Gattschina in den Winterpalast mit: Araktchejew, Rostoptschin und Kutaisow. Die Schicksale aller drei waeren eine eigene Erzaehlung wert. Sie hatten etwas Gemeinsames. Paul hob sie alle aus dem Staub empor, verherrlichte sie und stuerzte sie kurz vor seinem Ende herab.
„Gott ist hoch oben, der Zar ist weit weg“ – besagt die Volksweisheit. Das gesamte unermessliche Russland, einschliesslich Moskau, Nowgorod, Kiew, dem Ural und Sibirien, war den Stimmungsschwankungen des jaehzornigen Kaisers nicht unterworfen. Dort floss das Leben schlaefrig in der eingefahrenen, holperigen Spur dahin. Doch Petersburg erzitterte vor dem Kaiser, und deshalb fiel es dem englischen Botschafter Whitworth nicht schwer, unter den Wuerdentraegern und Offizieren Freunde Englands und Feinde Pauls zu finden.
„Der Kaiser ist buchstaeblich um den Verstand gekommen“, schrieb Whitworth im Maerz 1800 nach London. Als ob er nicht noch ein Jahr zuvor den Verstand und das Talent Kaiser Pauls bewundert haette, als ob er nicht Wunder an Wendigkeit vollbracht haette, damit Russland in den Krieg gegen Frankreich zog.
Im selben Maerz entband Kaiser Paul den Admiral de Ribas, einen neapolitanischen Untertanen in russischen Diensten, von der Leitung des Forstdepartements. De Ribas zog sich nicht auf sein Gut Deribassowka zurueck (das Land im Gouvernement Cherson und die darauf befindlichen Sklaven hatte ihm Katharina fuer seine Dienste fuer das Haus Romanow bei der Gefangennahme der Prinzessin Tarakanowa und fuer Verdienste im Krimfeldzug geschenkt), wie es in Ungnade gefallene russische Groesse taten, sondern blieb in der Hauptstadt. De Ribas war beleidigt auf Paul. Er stahl nicht mehr als andere, doch die strafende Hand des Zaren beruehrte ihn auf Anstiften Rostoptschins.
Allmaehlich bildete sich um Whitworth ein Kreis von Personen, die von Paul gekraenkt worden waren. Die Brueder Subow, Platon und Walerian, sowie de Ribas waren die bedeutendsten Mitglieder von Whitworths Zirkel. Die Gesellschaft versammelte sich im Haus von Olga Scherebzowa, der leiblichen Schwester der Subows, und tratschte ueber Pauls Wunderlichkeiten. Uebrigens tratschte man in allen Petersburgerhaeusern ueber die Launen Kaiser Pauls. In diesem Sinne unterschied sich Whitworths Zirkel nicht von anderen Gesellschaften. Die kuenftigen Ereignisse hoben ihn aus der Masse hervor. So beeinflusst die Zukunft die Vergangenheit.
Im Mai wurde Whitworth aus Petersburg ausgewiesen. Er liess sich als Botschafter in Kopenhagen nieder. Die Gesellschaft zerfiel nicht, wie es oft beim Verschwinden eines Fuehrers geschieht. Sie vereinte sich um Scherebzowa und Whitworths Briefe an sie. Denn durch die Briefe kamen die Mitglieder des Zirkels mit den hoechsten Staatsgeheimnissen Russlands und Englands in Beruehrung. So verging der Sommer.
Im September verabschiedete die britische Regierung ein Geheimprogramm zur Verhinderung des Buendnisses zwischen Frankreich und Russland, das aus drei Elementen bestand: einer Flottenoperation, der Ermordung Bonapartes und dem Austausch des russischen Zaren. Fuer jedes Element legte die Regierung einen Hoechstbetrag fuer die Finanzierung fest. Zum dritten Element sprechen einige Historiker von zwei Millionen Rubel, die Scherebzowa nach dem Mord in London erhalten haben soll. Zum Vergleich: Suworows beruehmter Feldzug kostete die englische Staatskasse fuenfieinhalb Millionen Rubel. Andere Historiker bezweifeln die Glaubwuerdigkeit dieser Information mit der Begruendung, dass es fuer die Englaender keinen Sinn ergeben haette, fuer bereits getane Arbeit zu zahlen, und dass die Russen leeren Versprechungen nicht glaubten. Ich neige dazu, mich den anderen Historikern anzuschliessen.
Wie dem auch sei, im September erhielt der Whitworth-Scherebzowa-Zirkel eine solide finanzielle Basis und wurde um zwei neue Mitglieder bereichert: den Vizekanzler Graf Panin und den Militaergouverneur von Sankt Petersburg, Graf Pahlen. Mit dem Beitritt der zwei hoechsten Staatsbeamten verwandelte sich der Zirkel fuer Klatsch und das Waschen schmutziger Waesche in einen Geheimbund von Verschwoerern. Doch den Verschwoerern fehlte das wichtigste Element. Ab Oktober fuehrte Graf Panin vorsichtige Gespraeche mit dem Thronfolger Grossfuerst Alexander. Alles lief gut: Man traf sich regelmaessig im Haus der Scherebzowa, Spielschulden wurden beglichen und Konten bei auslaendischen Banken gefuellt, mit einer Ausnahme. Alexander tat so, als verstehe er die feinen Anspielungen des Grafen Panin nicht.
Am 30. Oktober wandelte sich Pauls Zorn gegenueber de Ribas ploetzlich, wie es bei Paul immer der Fall war, in Gnade. Er setzte den Admiral wieder in sein frueheres Amt als Leiter der Holzbeschaffung fuer die Flotte ein, beauftragte ihn wenig spaeter mit dem Entwurf eines Plans zur Rekonstruktion von Kronstadt und ernannte ihn am 12. November fuer die Zeit von Kuschelews Krankheit dazu, dem Kaiser direkt ueber die Angelegenheiten der Admiralitaet Bericht zu erstatten. Aus Dankbarkeit fuer diesen Gnadenregen beabsichtigte de Ribas, dem Kaiser die Augen ueber die ihm drohenden Gefahren zu oeffnen, wobei er natuerlich seine Rolle im Verschwoererkreis aenderte. Diese Absicht war umso aktueller, als zeitgleich mit dem Aufstieg von de Ribas Graf Panin fiel. Mitte November entzog Paul Panin das Vizekanzleramt und warf ihm wie einen Knochen eine Sinekur im Senat hin. Von den Schwankungen und Zweifeln des de Ribas erfuhr Graf Pahlen rechtzeitig.
Am 2. Dezember starb Admiral de Ribas im bluehenden Alter von fuenfzig Jahren an einem Herzinfarkt.
Zwei Wochen spaeter befahl der Kaiser dem Grafen Panin, sich auf sein Gut Dugino zu begeben und dort auf weitere Anweisungen zu warten.
Die Verschwoerer hielten sich verborgen, aus Furcht, de Ribas koennte sich dem Kaiser doch noch offenbart haben. Doch Panins Sturz stand in keinem Zusammenhang mit der Verschwoerung. Dafuer hatte Rostoptschin gesorgt, Panins bitterster Feind.
Es ist gut moeglich, dass sich die Verschwoerung von selbst aufgeloest haette, waere da nicht dieses schmachvolle Haarewaschen der Fuerstin Golizyna gewesen. Die spoettische Jugend der Petersburger Gesellschaft liess Pahlen seine Demuetigung nicht vergessen. Mal verfasste einer schaebige Verse und liess sie in den Haeusern kursieren, mal erschien ein anderer mit einer eingeseiften Peruecke zum Ball, mal ein dritter... Die gesetzten alten Herren rieten dem Grafen, den dummen Streichen keine Beachtung zu schenken, und tadelten ihre Sproesslinge. Vergebens. Denn fuer einen jungen Juengling gibt es keine suessere Beschaeftigung, als einen aufgeblasenen alten Knacker zu necken. Selbst Liebesintrigen mit verheirateten Damen mittleren Alters rueckten im internen Ranking der hochmuehtigen jungen Adligen an die zweite Stelle. Wer kann schon der Hetzjagd einer Meute von Teenagern standhalten? Wie viele Duelle ereigneten sich deswegen, wie oft schoss man aufeinander oder focht mit Degen...
Im neuen Jahr hielt Graf Pahlen die Zuegel der Verschwoerung fest in seinen Haenden. Er gewann die Kommandeure der Garderegimenter fuer das Komplott: Depreradowitsch (Semjonowski), Uwarow (Kavaliergarde), Talysin (Preobraschenski), Jankowitsch (Leibgarde zu Pferd); Generalmajor Werderewski, den Chef des in Warschau stationierten Kexholmer Regiments, Generalmajor Pawel Tutschkow, den Chef des 1. Artillerieregiments, und Oberst Uschakow, den Chef der Senatsbataillone. Die Generale brachten Offiziere niederen Ranges in die Verschwoerung ein, deren Zuverlaessigkeit sie sich absolut sicher waren, wie etwa Leutnant Argamakow, Leutnant Tatarinow und Rittmeister Titow.
Im Februar war die Verschwoerung personell gereift, doch wie zuvor fehlte das wichtigste Element – Grossfuerst Alexander zoegerte.
Am 1. Maerz entzog Kaiser Paul dem Grafen Rostoptschin alle Aemter und schickte ihn im Rang eines Wirklichen Geheimrats in den Ruhestand. Graf Araktchejew war bereits im September 1800 vom Hof entfernt worden. Somit blieb im Umfeld des Kaisers kein treuer Mensch mehr uebrig, der die Verschwoerer haette aufhalten koennen. Andererseits konnte sich Alexander einfach nicht entscheiden, und das Unternehmen konnte nicht lange unentschieden bleiben. Zu viele Menschen waren beteiligt, jeden Tag konnte ein Verrat geschehen, und dann haette die Verschwoerer im besten Fall lebenslange Zwangsarbeit erwartet, im schlimmsten die Erschiessung. Um Alexander zur gewuenschten Entscheidung zu draengen, griff Graf Pahlen zu einer Kriegslist.
Am 6. Februar traf in Petersburg ein dreizehnjaehriger Knabe ein, Herzog Eugen von Wuerttemberg, ein Neffe der Kaiserin Maria Fjodorowna. Trotz seines zarten Alters bekleidete Eugen den Rang eines Generalmajors der russischen Armee. Kaiser Paul, enttaeuscht von seinen eigenen Kindern, liebte Eugen wie einen leiblichen Sohn. Pauls Gunst, wie auch seine Missgunst, war eine Sache fuer sich. Gestern erhob er jemanden, heute stuerzte er ihn, und in ein paar Tagen konnte er ihn wieder erhoehen. Doch im Februar war Paul sehr guetig zum Prinzen von Wuerttemberg. Auf der Gunst des Kaisers fuer Eugen fusste die Kriegslist des Grafen Pahlen. Er vertraute Alexander den geheimen Plan des Kaisers an: den Soehnen das Thronfolgerecht zu entziehen, Maria Fjodorowna im Kloster Cholmogory einzusperren, die Schauspielerin Chevalier zu heiraten, Alexander in der Festung Schluesselburg und Konstantin in der Peter-und-Paul-Festung zu inhaftieren, Eugen mit der Grossfuerstin Maria Pawlowna zu verheiraten und Eugen zum Erben des russischen Throns zu erklaeren. Selbst fuer den unberechenbaren Paul war das wahrlich zu viel. Alexander glaubte diesen Unsinn nicht, und er tat recht daran. Pahlen ersann eine andere Kriegslist. Sie nannte sich: „Die Verschwoerung ist fast aufgedeckt“.
Am Morgen des 21. Maerz (dem 9. nach dem in Russland geltenden julianischen Kalender (im Folgenden j.K.)) sagte der Kaiser beim Bericht zu Graf Pahlen:
– Man sagt, es gaebe eine Verschwoerung gegen mich.
– Es gibt sie, – antwortete der Graf und blickte dem Tyrannen mutig in die Augen, – und ich bin einer der Verschwoerer.
Paul zog erstaunt die Brauen hoch ob dieses unerwarteten Gestaendnisses, doch Pahlen beeilte sich mit der Erklaerung.
– Dies ist notwendig, um alle Raedelsfuehrer und Faeden zu identifizieren, damit man sie mit der Wurzel ausreissen kann.
Der Kaiser beruhigte sich vollkommen und verlangte vom Grafen keine Details seiner Spionagetaetigkeit, wie es nicht nur ein misstrauischer, sondern jeder normale Mensch getan haette.
Einige Stunden spaeter erzaehlte Graf Pahlen dieses Maerchen dem Grossfuersten. Alexander war nicht geneigt, dem Grafen zu glauben, doch die folgende Bemerkung liess ihn nachdenklich werden.
– Der Kaiser hat Lindener und Araktchejew in die Hauptstadt gerufen, – bemerkte der Graf.
Das bedeutete, Araktchejew kehrt zurueck. Dieser unbestechliche Zerberus des Throns wuerde alles sehen, erriechen und unterbinden. Wie man es auch drehte, um ihn, den Grossfuersten, scharten sich Verschwoerer. Und er, der Thronfolger, hatte dem Kaiser nicht davon berichtet. Folglich war auch er ein Verschwoerer, und sein Leben war in Gefahr.
– Wann? – fragte Alexander.
– Die Ankunft Araktchejews wird erwartet, – antwortete Pahlen, nur muehsam seine Erregung unterdrueckend, – am 12. (24. nach gregorianischem Kalender) Maerz.
– Ich koennte Ihren Argumenten zustimmen, – sagte Alexander langsam, – unter einer unabdingbaren Bedingung.
– Welcher?
– Sie muessen mir Ihr Ehrenwort geben, dass dem Vater nichts Boeses geschieht.
Pahlen gab sein Ehrenwort und fragte:
– Wann?
– Vor Araktchejews Ankunft.
Und... es kam ins Rollen.
10
Den ganzen Tag des 23. Maerz war der Kaiser in einer seltenen guten Stimmung. Bei der morgendlichen Parade schlug er keinen der Soldaten oder niederen Offiziere, den ganzen Tag ueber degradierte er niemanden, schickte niemanden nach Sibirien und liess niemanden ins Gefaengnis werfen. Er erlaubte Alexander und Konstantin, die unter Hausarrest standen, mit ihm zu speisen. Beim Abendessen war er heiter, scherzte mit seinen Soehnen, seiner Frau und den Hoeflingen. Etwas spaeter als gewoehnlich zog sich der Kaiser in seine Privatgemaecher zurueck.
Paul pflegte um zehn Uhr schlafen zu gehen, doch an jenem Abend besuchte er gegen zehn Uhr die Fuerstin Gagarina, geborene Lopuchina. Die physische Beziehung hatte Paul vor einem Jahr abgebrochen, als Lopuchina den Fuersten Gagarin heiratete. Den Platz der Lopuchina im Bett des Kaisers hatte Mademoiselle Chevalier eingenommen, doch die geistige Verbindung zwischen Paul und Anna war nicht abgerissen.
Um Gagarina zu gefallen, schrieb Paul eine kurze Notiz an den kranken Kriegsminister Fuerst Liwen: „Eure Krankheit dauert zu lange, und mit Senfpflastern ist der Sache nicht beizukommen. Uebergebt das Portefeuille des Kriegsministers dem Fuersten Gagarin.“
Gegen Mitternacht betrat Kaiser Paul sein Schlafzimmer.
Waehrend Paul zu Abend ass, die Posten des Michajlowski-Schlosses inspizierte und der Fuerstin Gagarina sowie ihrem Mann, dem Fuersten Gagarin, den Hof machte, verbarg sich sein Tod in Talysins Wohnung wie Kaschtschejs Nadel im Maerchen-Ei.
In Talysins Wohnung, die direkt an die Kaserne des ersten Bataillons des Preobraschenski-Regiments angrenzte, hatten sich 60 Verschwoerer versammelt. Nicht jedes Jahr und nicht einmal jedes Jahrzehnt wird in Russland ein Zar gewaltsam ausgetauscht. Seit dem letzten Fall waren bereits vierzig Jahre vergangen. Es war unheimlich. Was, wenn es schiefginge? Zur Staerkung tranken die Offiziere Champagner, Wein und Wodka und mischten die Getraenke in voelliger Unordnung. Gegen elf Uhr erinnerten sich die Offiziere an alle Kraenkungen, die ihnen und dem Land durch den unberechenbaren Kaiser zugefuegt worden waren, und betranken sich masslos. Um elf Uhr betrat Graf Pahlen den Saal. Er war nuechtern und wuetend wie tausend Teufel. Pahlen riet General Bennigsen, weniger zu trinken.
Bennigsen. Seine Rolle bei der Ermordung Pauls ist raetselhaft und widerspruechlich. Die russische Geschichte unterteilt die Verschwoerer in drei Klassen. Die Inspiratoren: Panin, Pahlen, die Brueder Subow. Whitworth wird von der russischen Geschichtsschreibung oft ausgeklammert, doch ich wage es, ihn an die erste Stelle der Inspiratoren zu setzen. Also: Whitworth, de Ribas, Panin, Pahlen, die Brueder Subow und Scherebzowa. Die Organisatoren: Pahlen, Talysin, Depreradowitsch, Uwarow, Jankowitsch, Tutschkow, Uschakow, Werderewski. Alle anderen sind die Ausfuehrenden.
Die Geschichte rechnet Bennigsen zu den Organisatoren. „Anfang 1801 rief Graf Pahlen (der an der Spitze der Verschwoerung stand) Bennigsen nach Petersburg zurueck. Zu Beginn wurde Bennigsen von Paul I. gut aufgenommen, doch bald darauf sprach letzterer nicht einmal mehr mit ihm. Es liegt nahe, bei Graf Bennigsen zumindest die Angst vor einer erneuten Verbannung zu vermuten, wenn nicht gar Schlimmeres“, schreibt Makarzew unter Berufung auf die Aufzeichnungen des Grafen Langeron. Andere schreiben, dass Bennigsen, der illegal in Petersburg eintraf, untergetaucht war. Dabei konnte er sich natuerlich keinesfalls mit Paul treffen. Der deutsche Historiker Kircheisen schreibt: „Bennigsen traf am Morgen des 11. Maerz in Sankt Petersburg ein.“ Das heisst, am Vorabend des Mordes. Aus diesem Grund koennte er nicht zu den Organisatoren gezaehlt werden. Ich denke, dass Bennigsen zufaellig in die Verschwoerung hineingezogen wurde, moeglicherweise sogar erst in Talysins Wohnung, wohin er durch einen ungluecklichen Zufall geriet. Es gibt viele Versionen, die Erinnerungen der Zeitgenossen sind unzuverlaessig. Um die Vergangenheit zu verstehen, sollte man sich auf die Zukunft stuetzen und betrachten, wie sich das Schicksal der Beteiligten waehrend Alexanders Herrschaft entwickelte. Die Karriere aller Inspiratoren endete im ersten Monat von Alexanders Regentschaft. Talysin starb zwei Monate spaeter; der Aufstieg in Raengen und Orden bei Jankowitsch, Tutschkow, Uschakow und Werderewski wurde unterdrueckt. Depreradowitsch blieb zehn Jahre lang Generalmajor und Kommandeur des Kavaliergarde-Regiments. Erst 1814 erhielt er den Rang eines Generalleutnants. Uwarow, der den Rang eines Generalleutnants noch von Paul erhalten hatte, war bis 1810 Chef des Kavaliergarde-Regiments und unterstand damit dem rangjuengeren Depreradowitsch. In dieser traurigen Reihe sticht Bennigsen scharf hervor. Seine Karriere entwickelte sich rasant wie der Flug einer Hoover-Rakete. Bereits 1802 wurde er zum General der Kavallerie befoerdert (darueber steht nur der General der Infanterie), und 1807 vertraute Alexander ihm das Kommando ueber die Armee an, die gegen Napoleon operierte. Bennigsens Karriere deutet indirekt auf seinen zufaelligen Eintritt in den Kreis der Verschwoerer hin. Doch wir sind zu weit abgeschweift.
Graf Pahlen riet Bennigsen, weniger zu trinken.
„Alles bereit?“, fragte Pahlen die Offiziere, ohne sich an jemanden Bestimmten zu wenden.
„Bereit! Bereit!“, hallten betrunkene Stimmen wie ein Echo aus verschiedenen Ecken des Saals wider.
„Aufbruch!“, rief Pahlen.
Doch die Offiziere bestanden darauf, ein letztes Glas Champagner auf den Erfolg des Unternehmens zu trinken. Waehrend sie tranken, versammelte Pahlen die nuechternsten Maenner um sich: Uwarow, Bennigsen, Platon Subow, Depreradowitsch und Talysin. Alle Offiziere wurden in zwei Kolonnen aufgeteilt. Die erste Kolonne wurde von Pahlen und General Uwarow angefuehrt, die zweite Kolonne fiel General Bennigsen und Platon Subow zu. Die Generaele Depreradowitsch und Talysin sollten ihre Truppen zum Michajlowski-Schloss fuehren. Sofort wurde der Plan erstellt. Die Kolonne Bennigsen-Subow, gefuehrt von Argamakow als Lotsen durch das Schloss, sollte die Verhaftung Pauls vornehmen, waehrend die Kolonne Pahlen-Uwarow alle Ausgaenge des Schlosses besetzen sollte. Den aeusseren Perimeter sollten Depreradowitsch und Talysin sichern.
– Der Vogel ist ausgeflogen, – sagte Platon Subow wehmuetig.
Dies bedeutete, dass der rachsuechtige Vogel alle, die das Zimmer betreten hatten, einem grausamen Tod ausliefern wuerde. Jeder verfluchte sich mit den schlimmsten Worten, dass er zugestimmt hatte, an diesem Verbrechen teilzunehmen; jeder dachte nur daran, wohin und wie schnell er fliehen koennte. Nur Bennigsen verlor nicht die Fassung. Er trat an das Bett und beruehrte mit der Hand das Kissen.
– Das Nest ist noch warm. Der Vogel ist nicht weit.
Die Moerder-Apostel versteckten in ihren Evangelien den veraengstigten Kaiser hinter dem Wandschirm, hinter dem Vorhang oder im Kamin. Bleiben wir beim Kamin. Jemand sah Beine, die aus dem Kamin ragten.
– Da ist er!
Der Schrecken schlug in Freude um, die durch den Alkohol in Aggressivitaet verwandelt worden war. Man zog den Zaren an den Beinen heraus; er leistete Widerstand, was jemandem beleidigend erschien, und man begann, ihn zu schlagen. Was in der Schlafkammer des Kaisers tatsaechlich geschah, weiss niemand, da die Erinnerungen der Moerder aeusserst widerspruechlich sind. Da ist die Rede von einem langen Gespraech unter vier Augen zwischen Bennigsen und dem Kaiser, vom Verlassen des Gemaechs durch Bennigsen und Subow, von Subows Rueckkehr, von einer vom Kaiser unterzeichneten Abdankungsurkunde, von einer nicht unterzeichneten Abdankungsurkunde, von Subows goldener Tabaksdose, einem Schlag gegen die Schlaefe und dem Schal, mit dem jemand Paul erwuergte.
So war es. Man kam fuer die Abdankung und endete damit, ihn einfach zu toeten. Russland. Trunkenheit.
Grossfuerst Alexander hatte beschlossen, in dieser Nacht nicht zu schlafen, doch der Schlaf uebermannte ihn. Alexander wurde durch das Eintreffen von Graf Pahlen und General Bennigsen geweckt.
– Was ist mit Vater? – fragte der verschlafene Alexander und erhob sich vom Sofa.
– Der Kaiser ist tot, – antwortete Pahlen, den Blick abwendend, – ein apoplektischer Schlag.
– Wie, tot? – stammelte Alexander mit blassen Lippen und sank leise auf das Sofa zurueck.
Alexander sass da, unfaehig sich zu bewegen, waehrend in seinem Kopf nur ein Gedanke hallte: „Vater ist tot, tot, tot ist Vater.“
– Eure Majestaet, – raeusperte sich Pahlen, – Sie sollten sich den Truppen zeigen.
– Ja, ja, – sagte Alexander mechanisch, machte aber keine Anstalt sich zu bewegen.
Zehn quaelende Minuten vergingen.
– Eure Majestaet...
– Wurden Mutter und Bruder benachrichtigt? – unterbrach Alexander Pahlen mit einer Frage.
– Sie wurden benachrichtigt. Eure Majestaet, die Zeit draengt.
Pahlen und Bennigsen hoben Alexander fast mit Gewalt hoch, fuehrten ihn aus dem Michajlowski-Schloss, das voll von betrunkenen Offizieren war, und setzten ihn in eine Kutsche, in der bereits Grossfuerst Konstantin sass.
Auf dem Platz vor dem Winterpalais waren das Semjonowski- und das Preobraschenski-Regiment aufgestellt. Alexander und Konstantin, mit Pahlen und Uwarow an den Flanken, erschienen vor der Formation. Die Soldaten riefen uneinheitlich, aber immerhin: „Lang lebe Kaiser Alexander!“
Die magische Formel war ausgesprochen. Grossfuerst Alexander war nun Kaiser Alexander.
Das Verhalten von Maria Fjodorowna in jener Nacht kann man nicht als tadellos bezeichnen. In der Familie war niemand krank, doch Maria Fjodorowna behielt den Leibarzt Beck, der die Handschrift des Kaisers gut kannte, ueber Nacht in ihren Gemaechern. Dreimal versuchte sie, in das Schlafzimmer ihres toten Mannes zu gelangen; boese Zungen behaupteten, um dort das Testament des Kaisers zu finden, das ihr die Herrschaft uebertrug. Bennigsen, der im Michajlowski-Schloss geblieben war, unterband entschlossen alle Versuche der Kaiserwitwe. Bis sechs Uhr morgens weigerte sie sich, ihren Sohn als Kaiser anzuerkennen. Erst als man ihr mitteilte, dass die Truppen Alexander anerkannt hatten, akzeptierte auch sie ihn als Zar. Bennigsen erlaubte ihr und den aeltesten Grossfuerstinnen, Pauls Schlafzimmer zu betreten. Danach brachte man sie zum Winterpalais.
Kaum sah Maria Fjodorowna ihren Sohn, fragte sie vorwurfsvoll:
– Sascha, bist du schuldig?
– Nein, Mama, nein, – antwortete Alexander muede und resigniert.
Bevor Alexander sich zurueckziehen und seinem Schmerz hingeben konnte, erliess er seinen ersten kaiserlichen Erlass. Ataman Orlow wurde angewiesen, den Feldzug nach Indien abzubrechen und die Kosaken an den Don zurueckzufuehren.
11
Ein Krieg, ob zu Lande oder zu Wasser, besitzt eine merkwuerdige Eigenschaft – die Traegheit. Es ist schwer, ihn zu beginnen, und kompliziert, ihn zu stoppen. Selbst wenn waehrend des Krieges der Hauptgrund fuer sein Entstehen verschwindet, geht er weiter und weiter und fordert das Leben tausender Menschen.
Am 21. Maerz erreichte die britische Flotte die Insel Anholt. Am Sammelpunkt der Flotte traf auf einer Fregatte der englische Geschaeftstraeger in Kopenhagen ein, mit der Nachricht, dass die daenische Regierung die Forderung des Kabinetts, aus der Koalition auszutreten, abgelehnt habe und eine politische Loesung der Frage unmoeglich sei. Es blieb nur die militaerische Operation.
Zwischen Parker und Nelson entstanden Meinungsverschiedenheiten ueber das weitere Vorgehen. Parker bestand auf der strikten Einhaltung der Anweisungen der Admiralitaet, waehrend Nelson zuerst nach Reval gehen und dort das russische Geschwader vernichten wollte. Es ist ungewiss, wie die Sache ausgegangen waere, haette Parker Nelsons Argumenten zugestimmt. Waere die Flotte nach Reval gegangen und haette dort sogar die Schlacht gewonnen, haette die geschwaechte Flotte auf dem Rueckweg auf die vereinigte daenisch-schwedische Flotte treffen koennen, deren Kampfkunst in der Summe die der Englaender uebertroffen haette.
In der Zwischenzeit setzten der englische Geschaeftstraeger Drummond und der Sonderbeauftragte der englischen Regierung Vansittart den herrschenden Prinzen und die daenischen Minister unter Druck. Der Prinz blieb standhaft, die Minister liessen sich nicht durch das Versprechen hoher Belohnungen verlocken; Flotte und Armee Daenemarks waren bereit fuer die Schlacht.
Die Schlacht wurde unumgaenglich. Wie in der Admiralitaet vereinbart, gab Parker Nelson volle Entscheidungsfreiheit und zwoelf Linienschiffe. In den Naechten vom 30. Maerz bis zum 1. April erkundeten Nelsons Offiziere auf kleinen Booten vorsichtig die Kuestengewaesser von Kopenhagen. Am 1. April lief Nelsons Eskadre, bestehend aus zwoelf Linienschiffen, sieben grossen Fregatten und 19 kleinen Fahrzeugen, zum Einsatz aus. Indem er sich so nah wie moeglich an die schwedische Kueste hielt, gelang es Nelson, die Eskadre ohne Verluste an den daenischen Batterien vorbeizufuehren, die am Ufer des recht schmalen Oeresunds lagen.
Am 2. April um halb zehn Uhr morgens liefen die britischen Schiffe in die Bucht von Koenigstief ein. Der Angriff begann. Die Lage der Gegner war dieselbe wie bei Abukir. Die daenischen Schiffe lagen fest vor Anker. Jedes Schiff der daenischen Linie wurde nacheinander von den vorbeiziehenden englischen Schiffen angegriffen. Der Unterschied bestand darin, dass die Daenen den Angriff erwartet hatten und gut darauf vorbereitet waren. Die englischen Schiffe griffen von Sueden an. Um 10:30 Uhr gab der daenische Kommandeur der Verteidigung den Befehl an die Suedbatterie, das Feuer auf die herannahenden feindlichen Schiffe zu eroeffnen. Bald war die Schlacht in vollem Gange. Gleich zu Beginn des Kampfes wurden das vierte und fuenfte Linienschiff der britischen Kampflinie durch das Feuer der Kuestengeschuetze beschaedigt. Die Beschaedigungen waren nicht toedlich, doch auf Nelsons Befehl hin zogen die Kapitaene ihre Schiffe aus der Gefahrenzone zurueck und gingen vor Anker. Zudem fuehrte das unzureichend erkundete Fahrwasser dazu, dass das erste Linienschiff auf Grund lief. Parker, der Nelson mit den verbleibenden Schiffen gefolgt war, sandte Nelson drei Linienschiffe als Verstaerkung. Er selbst versuchte, den Hafen von Norden her anzugreifen, konnte dies jedoch aufgrund unguenstiger Winde nicht tun. In der Hoffnung auf eine Aenderung der Windrichtung lagen Parkers Linienschiffe ausserhalb der Reichweite der daenischen Kanonen vor Anker.
Beide Seiten kaempften mit erstaunlicher Beharrlichkeit. Um zwei Uhr nachmittags feuerte ein Teil der daenischen Schiffe nicht mehr. Das Flaggschiff „Dannebrog“, das von gleich drei englischen Schiffen angegriffen wurde (und in diesem Punkt besteht voellige Identitaet mit der Schlacht bei Abukir), stand in Flammen. Auch die Briten erlitten fuer Nelson unerwartet hohe Verluste. Die Haelfte der Schiffe der ersten Angriffslinie schickten die Daenen auf den Meeresgrund, und waere nicht die staendige Verstaerkung der schwindenden Eskadre gewesen, haette die Schlacht zugunsten der Daenen geendet. Besonders die Kuestenartillerie setzte ihnen zu, welche die Englaender durch Gegenfeuer nicht versenken konnten.
Thomas Graves schrieb am Tag nach der Schlacht: „Sir Hyde (Parker) gab das Signal, den Kampf einzustellen, da zwei Stunden des Gefechts vergangen waren und er glaubte, dass all unsere Schiffe vernichtet seien, doch unser kleiner Held sagte erhaben: ‚Ich werde nicht weichen, bis wir gesiegt haben oder bis der Oberbefehlshaber mir einen Offizier mit dem Befehl zum Rueckzug schickt‘“.
Nelsons Lage wurde kritisch. Er wusste nicht mehr, wie er ehrenhaft aus der Schlacht hervorgehen sollte. Zu seinem Glueck sandte der Kronprinz eine Delegation fuer Verhandlungen. Haette der Kronprinz die Verluste der englischen Flotte gekannt, haette er zweifellos den Kampf fortgesetzt, und Nelsons Katastrophe waere unausweichlich gewesen.
Auf dem Flaggschiff „Elephant“ unterzeichneten die Vertreter des Kronprinzen und Nelson ein Waffenstillstandsabkommen fuer die Dauer von 24 Stunden. Parker bestaetigte den Waffenstillstand. Die Parteien nutzten die Atempause, um zu reparieren, was noch zu reparieren war, beschaedigte Kanonen zu ersetzen, Munitionsvorraete aufzufuellen und die Toten zu bestatten. Den Englaendern gelang es nicht, einige ihrer halb versenkten, manoevrierunfaehigen Schiffe aus der Reichweite der Artillerie abzuziehen. Zweifellos waren die Daenen in einer besseren Lage. Hinter ihnen standen alle Ressourcen des Landes, waehrend die englische Flotte nur sehr begrenzte Moeglichkeiten hatte, ihre Verluste auszugleichen.
Am naechsten Tag, dem 3. April, wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Parker entsandte Nelson zu den Gespraechen nach Kopenhagen. Die englische Seite stellte Forderungen – den Austritt Daenemarks aus der Koalition, die Oeffnung der daenischen Haefen fuer englische Schiffe und die Demilitarisierung der daenischen Flotte. Das waren extrem harte Bedingungen, wenn man bedenkt, dass die Schlacht nicht mit einem Sieg der Englaender geendet hatte. Im Gegenteil, sie endete mit einem gewissen Vorteil fuer die Daenen. Die Verhandlungen auf solchen Anfangsbedingungen fuehrten, wie zu erwarten war, zu nichts. Nelson zeigte erneut seine Untauglichkeit fuer diplomatische Taetigkeiten. Er fuehrte die Verhandlungen aus einer Position der Staerke heraus, so als haette er gestern einen vollstaendigen, ueberzeugenden Sieg errungen. Der Waffenstillstand wurde nicht verlaengert. Die Parteien bereiteten sich auf die Fortsetzung der Schlacht vor. Die daenische Regierung hoffte auf baldige Hilfe der Verbuendeten.
Doch anstelle russischer oder – worauf die Daenen mehr hofften – schwedischer Schiffe erreichten Nachrichten aus Petersburg Kopenhagen: dass der russische Kaiser Paul I. verstorben sei, dass Alexander Zar geworden sei und dass der neue Zar den Feldzug nach Indien gestoppt habe. Die traurigen Nachrichten aus Russland machten die Daenen gespraechsbereit. Am 9. April unterzeichneten die Parteien einen Waffenstillstand fuer die Dauer von 14 Wochen. Fuer die daenische Regierung war der Waffenstillstand eine Notwendigkeit, um herauszufinden, wie sich Russland gegenueber England und dem Nordischen Bund verhalten wuerde.
Am 11. April lichtete die englische Flotte die Anker. Alle einsatzfaehigen Schiffe liefen in die Ostsee aus. Als naechste standen Schweden und Russland an.
Waehrend der Schlacht von Kopenhagen lichtete die schwedische Flotte, die bei der daenischen Insel Bornholm lag, die Anker und zog sich in ihren Hafen Karlskrona zurueck. Parker, der Informationen ueber den letzten Liegeplatz der Schweden hatte, rueckte mit den verbleibenden 16 Linienschiffen gegen Bornholm vor. Zur Ueberraschung des Befehlshabers war die feindliche Flotte nicht mehr dort. Parker segelte weiter, und am 19. April traf die englische Flotte in den Gewaessern von Karlskrona ein. Die Schweden, befluegelt durch den daenischen Erfolg, bereiteten sich intensiv auf die Verteidigung vor. Der Koenig von Schweden, Gustav IV. Adolf, befand sich bereits in Karlskrona. Zwischen ihm und Parker begannen in der Stadt Verhandlungen, die jedoch zu keinem Ergebnis fuehrten – aus demselben Grund wie die gescheiterten Gespraeche mit den Daenen: Die englische Seite forderte zu viel. Unterdessen erhielt Parker eine Mitteilung vom russischen Gesandten in Kopenhagen, in der dieser den englischen Admiral offiziell ueber das Ableben Pauls I. informierte und darueber, dass Alexander I., der neue Kaiser des Russischen Reiches, beabsichtige, eine englandfreundliche Politik zu verfolgen. Aufgrund dieses Briefes entschied Parker, an die Suedkueste der Insel Seeland zurueckzukehren, um neue Direktiven des Kabinetts abzuwarten. Dort traf Parker am 23. April ein, und am 5. Mai erhielt er die Anweisung der Admiralitaet, das Kommando an Nelson zu uebergeben und selbst nach London zurueckzukehren.
Der Grund fuer diese personellen Veraenderungen war, dass Ende Februar Admiral St. Vincent Erster Lord der Admiralitaet geworden war, der in juengster Vergangenheit Befehlshaber der Mittelmeerflotte gewesen war und unter dessen Kommando Nelson gedient hatte. Das hoechste Marineamt hatte St. Vincent fuer seine erfolgreichen Operationen gegen die franzoesische Flotte im Fruehjahr und Sommer 1799 erhalten, als Talleyrand als Marineminister die franzoesische Flotte leitete. Nelson gehoerte zur Partei von St. Vincent, waehrend Parker noch vom vorherigen Ersten Lord, Spencer, ernannt worden war. Nachdem er sich an seinem neuen Platz umgesehen hatte, versuchte St. Vincent, seine Position in der Regierung zu staerken, und begann, seine eigenen Proteges in Kommandopositionen zu hieven.
Die Ernennung Nelsons zum Oberbefehlshaber wirkte sich sofort auf die Aktionen der Nordflotte aus. Nelson bedurfte der Rehabilitation fuer seinen relativen Misserfolg in der Schlacht von Kopenhagen; er musste seinen Ruf als bester Flottenfuehrer Britanniens bestaetigen. Kurz gesagt: Er brauchte einen ueberzeugenden Sieg. Nelson hatte mehrere Moeglichkeiten – die schwedische Flotte in Karlskrona oder eines der russischen Geschwader. Die Schweden waren zweifellos ein starker Gegner, moeglicherweise ebenso stark wie die Daenen. Karlskrona anzugreifen bedeutete, ein zweites Kopenhagen zu erleben. Kronstadt und Petersburg lagen nah beieinander. Das Kronstaedter und das Petersburger Geschwader haetten sich vereinigen koennen, und der Ausgang einer Schlacht gegen zwei russische Geschwader garantierte, ebenso wie im Falle der schwedischen Flotte, keineswegs den Erfolg. Es blieb der schwaechste Gegner – das Revaler Geschwader. Es wurde entschieden: Die Russen sollten das Opfer werden; sie waren dem Vizeadmiral schon im Mittelmeer auf die Nerven gegangen. Uschakow war ihm staendig vor den Fuessen, oder besser gesagt: vor dem Kiel herumgelaufen und hatte ihm die Fruechte der Siege weggeschnappt, die der ruhmreichen englischen Flotte gebuehren sollten.
Wie Nelson seine Handlungen spaeter erklaerte, diente als Vorwand fuer den Angriff der Umstand, dass das noch von Paul eingefuehrte Embargo gegen britische Schiffe in Kraft geblieben war. So befahl Nelson, ungeachtet der sich rasch erwaermenden Beziehungen zwischen England und Russland, den Marsch auf Reval. Am 7. Mai lief die englische Flotte aus Koege aus. Er liess unterwegs einen Teil der Flotte zur Blockade der Schweden in Karlskrona zurueck und segelte selbst mit zehn Linienschiffen und zwei grossen Fregatten nach Reval.
Die Russen, die fruehzeitig vor der Annaeherung der Englaender gewarnt worden waren, konnten entkommen. Die Matrosen schlugen das zwei Meter dicke Eis auf, welches die Hafenausfahrt versperrte, und das Geschwader lief wenige Tage vor Nelsons Ankunft nach Kronstadt aus. Da er die Russen in Reval nicht vorfand, nahm Nelson Kurs auf Kronstadt.
Nach einem Briefwechsel zwischen Nelson und dem russischen Aussenminister Graf Panin zog sich die englische Flotte von Kronstadt zurueck. „Seine Majestaet hat mir befohlen“, schrieb Panin an Nelson, „Ihnen, Mylord, zu erklaeren, dass die einzige Gewaehr fuer die Ehrlichkeit Ihrer Absichten im unverzueglichen Abzug der Ihnen unterstellten Flotte besteht und dass Verhandlungen nicht beginnen koennen, solange die englischen Streitkraefte der russischen Flotte Auge in Auge gegenueberstehen.“ So sehr der tapfere Flottenfuehrer nach einem Sieg lechzte, konnte selbst er das Offensichtliche nicht uebersehen: Russland hatte sich vom Feind in einen Freund Englands verwandelt. Die Politik hinderte den Vizeadmiral daran, jene Tapferkeit an den Tag zu legen, die eines echten englischen Seemanns wuerdig gewesen waere.
Sofort nach Erhalt dieser Botschaft setzten die englischen Schiffe Segel und kehrten zu ihrer Basis in Koege zurueck. Auf dem Weg nach Koege begegnete die Flotte einer englischen Fregatte auf Kurs nach Petersburg, an Bord der neue englische Botschafter, Baron Fitzherbert. Die Aufgabe des Botschafters war simpel und klar – die „Missverstaendnisse“ zwischen Russland und England so schnell wie moeglich aus der Welt zu schaffen.
Mit der Ermordung Pauls war die Liga der Nordischen Neutralitaet am Ende. Die anti-englische Koalition, in die der Erste Konsul Frankreichs so grosse Hoffnungen gesetzt hatte, fiel wie ein Kartenhaus zusammen. Am 27. April 1801 beschlossen Russland und Preussen, die alten Beziehungen zu Grossbritannien wiederherzustellen. Am 17. Mai hob Alexander das Embargo auf und gab das von Paul beschlagnahmte englische Eigentum zurueck. Am 4. Juni gaben die Englaender Daenemark und Schweden die von ihnen gekaperten Schiffe zurueck. Schliesslich unterzeichneten Panin und St. Helens am 17. Juni 1801 den russisch-englischen Vertrag, der alle Fragen zwischen den Staaten regelte, ausser der maltesischen. Am 23. Oktober 1801 trat Schweden dem Vertrag bei, am 30. Maerz 1802 Daenemark.
Am 3. August 1801 griffen Nelsons Schiffe Boulogne an. Die Franzosen waren wachsam; eigentlich hatten sie diesen Angriff erwartet. Nelson erlitt zum wiederholten Male in diesem Jahr ein Fiasko. Zwei Wochen spaeter war ein neuer Versuch der Englaender nicht viel erfolgreicher. Nelson gelang es nicht, den Auftrag der Admiralitaet zu erfuellen. Weitere Versuche wurden nicht unternommen.
Sowohl England als auch Frankreich erkannten, dass ein schlechter Friede derzeit besser war als ein guter Krieg.
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