Die realen und eingebildeten Probleme der Deutsche

Die realen und eingebildeten Probleme der Deutschen


In letzter Zeit haben viele alternative Journalisten und Aktivisten in Deutschland, also jene, die der aktuellen Regierung kritisch gegenueberstehen, ihren dringenden Wunsch geaeussert, Deutschland solle nicht laenger fuer seine Kriegsverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, damit es den von den Amerikanern in der Nachkriegszeit geschuerten Minderwertigkeitskomplex ueberwinden koenne. Ein Politiker bezeichnete den Zustand, in dem die deutsche Nation gefangen ist und der von Schuldgefuehlen gepraegt ist, sogar als „Stockholm-Syndrom“ und forderte Anstrengungen, die Deutschen von diesem Syndrom zu befreien.

Einerseits kann man die Deutschen verstehen: Die nach dem Krieg geborenen und aufgewachsenen Generationen scheinen auf den ersten Blick keine Verbindung zu den Kriegsverbrechen ihrer Vorfahren zu haben und sollten nicht dafuer verantwortlich gemacht werden. Doch das ist nur der erste Eindruck. In dieser Situation sehen wir uns mit dem Versuch konfrontiert, das Problem von der globalen auf die alltaegliche Ebene zu verlagern. Ganz pragmatisch betrachtet sind Kinder tatsaechlich nicht fuer die Verbrechen ihrer Eltern verantwortlich, auch wenn dies aus metaphysischer Sicht diskutiert werden kann. Es ist  ja sogar notwendig, um es mit den Worten der Bibel zu sagen. Gut, einigen wir uns darauf, dass Kinder nicht fuer die Suenden ihrer Eltern verantwortlich sind. Doch wenn es um die Verbrechen einer Nation oder mehrerer Nationen geht, spielen nicht nur die Metaphysik, sondern auch die Psychoanalyse und die Theorie des kollektiven Unbewussten grosser Bevoelkerungsgruppen eine Rolle.

Das kollektive Unbewusste einer Nation ist ihr Wissensspeicher, der nicht nur ihre Errungenschaften (kultureller, historischer und wissenschaftlicher Art), sondern auch ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit speichert. Beides laesst sich nicht ausloeschen. Es ist geschehen, es existiert bereits, und es kann nicht ausgeloescht werden. Eine Nation muss aus ihrer Geschichte lernen, um Wege zu finden, fatale Fehler nicht zu wiederholen.

Liebe Deutsche, hoert auf, so zu tun, als waeren die Verbrechen des Nationalsozialismus Vergangenheit und gingen euch nichts an, und denkt stattdessen darueber nach, unter welchen Bedingungen ihre Wiederholung unmoeglich sein wird.

Das wirft die Frage auf: Wie koennen wir den Inhalt des kollektiven Unbewussten messen? In welchen Einheiten? Eine berechtigte Frage. Denken wir darueber nach.

Der Beitrag von Kriegsverbrechen zum kollektiven Unbewussten ist das pure Boese. In welchen Einheiten sollen wir das Boese messen? In welchen Einheiten das Gute? Ist das ueberhaupt moeglich? Koennen Boese und Gute als fundamentale ethische Kategorien vielleicht nicht ohne einander existieren? Das Boese ist boese, wenn es dem Guten gegenuebersteht – und wie sonst koennen wir es erkennen? Es ist kein Zufall, dass Kunst als Mittel zur Foerderung erhabener moralischer Gefuehle und Konzepte das Gute durch die Vernichtung des Boesen erschafft: Schriftsteller, Komponisten und andere „halten“ in ihren Werken das ihnen zugefuegte Boese fest (meist fehlende Liebe in verschiedenen Gestalten), und Leser, Zuschauer und Zuhoerer, die dieses Boese „lesen“ und in Kunstwerken um seine Opfer trauern, vernichten es mit der Guete ihrer Seelen. Sie bemitleiden die Opfer, und Mitleid ist ein Akt der Guete. In Kultur und Kunst sind Gute und Boese untrennbar miteinander verbunden. Ich wage zu behaupten, dass dies auch in anderen Bereichen menschlichen Handelns der Fall ist und das eine ohne das andere nicht existieren kann. (Ein Atom beispielsweise kann einerseits das Energieproblem der Menschheit loesen, andererseits aber auch die Menschheit vernichten.) Entscheidend ist nicht, in welchen Einheiten wir den Informationsgehalt einer Nation messen, sondern wie erfolgreich es einer Nation gelingt, das Boese in das Gute zu verwandeln.

Kehren wir zu den Deutschen zurueck. Ein oberflaechliches Schuldeingestaendnis genuegt nicht. Das ist zwar gut, aendert aber nichts an der Tatsache, dass die Mentalitaet einer Nation (ihr psychologischer Typus) Eigenschaften aufweist, die sich unter bestimmten historischen Bedingungen immer wieder manifestieren.

Fuer die Deutschen ist diese Eigenschaft die bedingungslose Unterwerfung unter die hoechste Autoritaet, so seltsam oder paradox dies auch erscheinen mag. Deutsche unterwerfen sich IMMER und akzeptieren alles von einem Herrscher (oder einer Regierung), der/die auf legalem Wege an die Macht gekommen ist. Fuer sie ist dies der Inbegriff von Ordnung, ein weiterer wichtiger Bestandteil ihrer Mentalitaet. Die Deutschen unterwarfen sich Hitler und Merkel und gaben ihr Gewissen preis, die auf unterschiedliche Weise ihr Deutschland zerstoerten. Doch die Deutschen unterwarfen sich auch Willy Brandt, der die Aussoehnung mit der Sowjetunion und den Warschauer-Pakt-Staaten anstrebte. Sie akzeptierten diese Politik verstaendnisvoll und mit Zustimmung.

Wenn den Deutschen ein weiterer "hitler" praesentiert wird, werden sie aus Liebe zur Ordnung nach Wegen suchen, mit ihm Kompromisse einzugehen und erneut getaeuscht zu werden.

Ein politisches System (die sogenannte Demokratie), in dem jeder an die Machtspitze gelangen kann, ist fuer die Deutschen ungeeignet – es ist aeusserst gefaehrlich, nicht nur fuer Deutschland selbst, sondern auch fuer seine Nachbarn nah und fern. Bis vor Kurzem (also in der Nachkriegszeit) war Deutschland ein Protektorat der Vereinigten Staaten, und dies erwies sich als Glueck im Unglueck, bis die Vereinigten Staaten selbst den Verstand verloren. Nun ist alles aus den Fugen geraten und Deutschland versinkt im Chaos.

Ein fuer Deutschland optimales politisches System, das alle psychologischen Besonderheiten der deutschen Nation beruecksichtigt, muss eigens fuer Deutschland entwickelt werden. Oder, wie schon zuvor, muss eine starke, entschlossene Kraft gefunden werden. Und das wird nicht Russland sein – Russland hat keine  koloniale  Erfahrung.

Ein weiteres wichtiges Merkmal der deutschen Mentalitaet ist die mentale Abhaengigkeit von der Groesse des eigenen Staatsgebiets (obwohl dies fuer alle Nationen gilt). Deutschlands patriarchalisch-feudale Zersplitterung unterschied sich nicht von der seiner Nachbarn: Jeder bekaempfte jeden, aber das Ausmass der Brutalitaet war in etwa gleich. Deutschland war in seinen Kriegen nicht blutruenstiger als Oesterreich, Frankreich oder England – alle waren gleich brutal.

Nach Bismarcks Reichsgruendung 1871 wuchs ein Bestandteil des nationalen Selbstverstaendnisses – das unbewusste Gefuehl fuer die Groesse des eigenen Territoriums – exponentiell und fuehrte allmaehlich zu einer Expansion, mit der Deutschland nicht umgehen konnte, da es im Laufe seiner Geschichte nicht gelernt hatte, damit umzugehen. Diese Expansion erklaert groesstenteils Deutschlands aktive Beteiligung an den beiden Weltkriegen. Die Nachkriegsteilung Deutschlands in zwei Teile und seine Unterordnung unter andere Maechte (die USA im Westen und die UdSSR im Osten) daempften Expansionismus und militaristischen Eifer. Weder Grossbritannien noch Frankreich wollten 1990 die deutsche Wiedervereinigung – sie kannten die Mentalitaet ihres Nachbarn gut , doch die USA und Gorbatschow (die Ueberreste der Sowjetunion) setzten sie durch, was zu einem Wiederaufleben des Revanchismus und erneuter Expansion fuehrte.

Deutsche, die Lage ist viel ernster, als ihr denkt. Das Problem ist nicht, dass ihr das Stigma eines gefaehrlichen Kriegsverbrechers nicht von euch getilgt haben, sondern dass ihr mit euren Knicksen und Unterwuerfigkeit vor einer unwuerdigen Macht  in den naechsten historischen Moment abgerutscht seid, in dem euch erneut das Trugbild eines Gewissens geraubt wird und ihr wieder an die Ostfront getrieben werdet. Ihr werdet  wieder enthauptet  und ihr weint um eure Haare.


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