Staffellauf

     Einst hatte ich eine Freundin,
     Die liebte einen jungen Mann.
     Sie liebten sich von ganzem Herzen,
     Und auch der Sport trieb beide an.

     Wenn Wettk;mpfe bevorstanden,
     Dann nahmen sie auch mich stets mit:
     „Dein Einsatz wird sich reich belohnen,
     Wenn Krankheit nicht mehr mit dir zieht.“

     Wie gl;cklich waren ihre Gesichter,
     Wenn Medaillen gl;nzten auf der Brust.
     Marina hasste jede Niederlage,
     Und Wladimir siegte mit Genuss.

     Ich dachte lange ;ber meine Gesundheit nach:
     Hier schmerzt es, dort bedr;ckt das Herz…
     Mal h;mmert es furchtbar im Kopfe,
     Mal schwimmt vor Augen die ganze Welt.

     Nein, nein — zu lang darf man nicht z;gern,
     Ich wage nun den Marathon!
     Freunde, nehmt auch mich mit euch zusammen —
     F;rs Leben k;mpfen ist doch keine Schmach davon!

     Wladimir schlug mir auf die Schulter:
     „Du bist zwischen B;chern ganz verweicht.
     Man sollte l;ngst schon Sport betreiben
     Und sp;ren, wie der Sieg sich zeigt.“

     „Sieh dich doch an — und auch Marina,
     Die modernen Frauen heut’ dazu.
     Wo ist die Sch;nheit, die wir M;nner liebten,
     F;r die wir litten bis zur Ruh’?“

     „Ich seh bei euch kaum wei;e Z;hne,
     Keine langen Z;pfe bis zum Knie.
     Wir schauen schief auf eure Generation
     Und hoffen still auf Wandel irgendwie…“

     „Ach h;rt doch auf!“ — so fiel Marina ein —
     „Die M;nner sollen erst sich selber sehn!
     So blass und schwach, kaum breit die Schultern —
     Und dennoch wollt ihr Prinzen spielen gehn.“

     Wladimir hat recht — wie fern die alten Zeiten,
     Dachte ich leise still bei mir.
     Vielleicht sind wir nicht mehr wie Mona Lisa,
     Doch Sport geh;rt von nun an auch zu mir.

     …Und pl;tzlich steh’n wir auf dem Sportplatz,
     Die Augen aller M;dchen gl;h’n.
     Ich trage wie die andern Trainingskleidung,
     Nur auf der Wange bleibt eine Tr;ne stehn.

     Der erste Lauf. Marina steht bereit,
     Auch ich steh Schulter an Schulter dort.
     Ein Schuss erklingt — wir st;rmen los,
     Und ich flieg mit aller Kraft nach vorn.

     Doch was ist das? Niemand neben mir,
     Und vor mir ist auch niemand mehr.
     Ich blick zur;ck — die ganze Reihe
     Schritt ruhig hinterher, geschniegelt sehr.

     Oho — vielleicht kann ich die Erste werden?
     Was f;r verborgne Kr;fte leben hier!
     Doch warum zittern so die Nerven
     Und schl;gt das Herz wie ein Vogel am Fensterglas in mir?

     Der Atem stockt, ich ringe nach der Luft.
     An Sieg zu denken wag ich kaum.
     Wohl werd ich gehend das Ziel erreichen —
     Wie alle lachen werden, glaub ich schon.

     Da h;rte ich das Pfeifen von den R;ngen —
     Die andern waren l;ngst im Ziel.
     Und pl;tzlich fiel mir ein Gebot ins Herz:
     „Komm als Letzte an — doch komm ans Ziel!“

     Und wieder st;rmte ich nach vorne,
     Lief weiter mit der letzten Kraft.
     Da stand das Publikum von den Trib;nen auf
     Und l;chelte mir voller W;rme nach.

     „Du bist gro;artig!“ — lachten Menschen —
     „Genau so geht man bis zum Schluss.
     Vielleicht bist du die Erste unter Letzten —
     Doch jeder Schritt hat seinen Wert und Muss.“

     …Dann setzte ich mich wieder an die B;cher —
     Denn jedem ist sein Weg bestimmt:
     Dem einen, Staffeln weiter zutragen,
     Dem andern, wer zur Feder greift und schreibt.
                1991


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