Zwischen M rchen und Realit t
Zwischen M;rchen und Realit;t
Die Protagonisten des Romans erleben mitunter surreale Abenteuer und magische M;rchen, doch manchmal wird alles allt;glich und banal.
Kapitel 1. Aus vertr;umten M;rchen
Wenn das Leben ein gew;hnliches M;rchen ist … Ein wei;es Auto fuhr langsam an schwarzen Autos vorbei. Eine elegante Frau sa; am Steuer und warf verstohlene Blicke auf die M;nner in den schwarzen Wagen, in der Hoffnung, ihrem Idol zu begegnen. Eine schwarz-wei;e Lederjacke unterstrich ihre geheimnisvolle Ausstrahlung. Eine schwarz-wei;e Tasche passte dazu. Der wei;e Teil der Jacke harmonierte mit ihrem Pferdeschwanz. Der schwarze Teil der Jacke passte zu ihrer schwarzen Lederhose. Der Duft von Parf;m vermischte sich mit den Benzind;mpfen der Autobahn.
An einer Ampel hielt ein schwarzes Auto mit einem jungen Mann am Steuer neben dem wei;en Wagen. Die Blicke der beiden Verfolger trafen sich, und ihnen wurde klar, dass sie einander gefunden hatten. Die beiden Autos fuhren nebeneinander weiter. Die Autos schienen aneinanderzukleben und bildeten einen Cabrio-Katamaran auf der Stra;e. Ein junger Mann und eine Frau hielten H;ndchen. Der eine Wagen war rechtsgelenkt, der andere links. Sie hielten ihre Lenkr;der fest und unterhielten sich gleichzeitig, was nicht empfehlenswert ist. Der junge Mann hatte seine Fr;hlingsabenteuerjagd in einer kirschroten Lederjacke und schwarzer Lederhose begonnen. Unzufriedene Autofahrer umfuhren sie. Die beiden J;ger trafen sich auf der Autobahn. Aber wo war das Wild? Der Katamaran bog auf einen Parkplatz ein, als w;ren die Cabrios zusammengeklebt. Die jungen Leute stiegen aus, um sich zu begr;;en. Er war einen halben Kopf gr;;er als sie, sein Oberk;rper von der Taille bis zum Kopf war genauso lang wie ihrer, aber seine Beine waren deutlich l;nger. Sie stiegen in ihre Cabrios, aber ihre Autos ;berholten sich nicht. Sie fuhren mit der gleichen Geschwindigkeit, was in einer gesch;ftigen Fr;hlingsstadt, wenn alle Autos aus ihrem Winterschlaf erwacht sind, sehr schwierig ist. Sie hielten auf einem anderen Parkplatz an, auf den zwei Autos gleichzeitig einfahren konnten. Apollo wusste bereits, dass er die Frau im wei;en Auto nicht weiter verfolgen wollte, glaubte es aber nicht. Er wusste das eine, dachte aber das andere. Agnes war der Meinung, dass dieser junge Mann nicht der Richtige f;r sie war, doch er wusste ganz sicher, dass er es war. Sie stiegen wieder aus ihren Cabrios, ;berzeugt davon, dass sie von der Gr;;e her perfekt zueinander passten.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Apollo und spielte mit dem Ring vor den Augen der jungen Frau.
„Wir lassen die Autos stehen und nehmen ein Taxi“, antwortete Agnes ruhig und deutete auf eine gro;e Diamantbrosche an ihrem Revers.
„In verschiedene Richtungen?“, fragte Apollo, ohne den Blick von der Brosche zu wenden.
„Nach Hause“, erwiderte Agnes unerwartet hochm;tig und zog ihre Jacke enger um ihre nackte Brust. Apollo zeigte seinen Diamantring, w;hrend er sein Handy herausholte. Und jetzt kommt der Clou! Sie ;nderten erneut ihre Meinung und beschlossen, ihre Suche nach solchen funkelnden Steinen fortzusetzen. Apollo bestellte zwei Taxis. Doch die beiden Taxis verschmolzen zu einem einzigen … Die anderen Fahrer waren v;llig verwirrt. Apollo lachte nerv;s. Sie standen ratlos neben den vier Wagen. Apollo rief einen Krankenwagen, doch zwei weitere trafen ein und fuhren zusammen. Agnes trug hochhackige Plateauschuhe. Lachend gingen sie nebeneinander her. Sie betrachtete den Diamanten genauer, doch er war unecht. Er sah sich die Brosche an und hielt sie f;r Modeschmuck. Doch der Haken war ihnen egal! Die Sonne blendete sie, und ihre K;rpergr;;e war perfekt f;r ein Gespr;ch. Sie l;chelten sich an und k;ssten sich.
Wie lange standen sie so da, in einen langen Kuss vertieft? Keine Sekunde. Die Autos blieben paarweise geparkt, und niemand konnte sie trennen oder abschleppen. Niemand konnte sie ausschlachten, denn wer sie ber;hrte, w;rde verkleben und einschlafen. Der schreckliche Anblick lag mitten in der Stadt. Die Stadtverwaltung hatte beschlossen, die Autos zu ;berdachen und diesen seltsamen Ort vor Menschen, V;geln und Tieren abzuschirmen …
Agnes wachte auf, konnte sich aber nicht erkl;ren, was mit ihr geschehen war. Der Traum hatte sich real angef;hlt. Da sie nach S;den fliegen musste, fuhr sie mit ;ffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen. Unterwegs erinnerte sie sich an ihren seltsamen Traum …
Agnes besuchte Ilyas Haus am Silvesterabend. Im Eingangsbereich sah sie eine wei;lich-blaue Wolke. Das Schneem;dchen sa; nachdenklich auf den Stufen der Eingangshalle – zumindest schien es den Vorbeigehenden so. Ihr langer, wei;er Zopf lag regungslos ;ber ihrer Brust. Agnes blickte das Schneem;dchen an. Es schien ihr, als atme es, und sie ging ruhig an ihr vorbei. Das Gesicht des Schneem;dchens war ruhig und leicht ;berrascht, ihre Augen geschlossen, was den Eindruck von Schlaf und Frieden vermittelte. Ihre Kleidung war blutleer; sie sah aus wie eine schlafende M;rchenprinzessin.
Leute gingen mit ihren Neujahrst;ten vorbei, ohne anzuhalten. Vielleicht wartete Snegurochka auf den Frost und war vor Ersch;pfung eingeschlafen. Oder vielleicht schlief sie gar nicht, sondern hatte nur die Augen geschlossen. Ilja trat ein. Er war sehr ;berrascht, Snegurochka schlafend vorzufinden. Er zupfte an ihrem wei;en Zopf. Der Zopf verschob sich und gab eine Spur von Blutstropfen darunter frei. Dann hob er ihn an und sah eine kleine goldene Hand, die aus Snegurochkas Brust ragte.
Ilja steckte den Zopf wieder an und rannte nach Hause. In der Wohnung waren alle gro;en Gegenst;nde umgeworfen: Jemand hatte etwas gesucht. Die Wohnung war leer, bis auf Agnes. Sie ging zum Sofa, hob den Sitz an und erstarrte vor Staunen: In der Holznische des Sofas lag ein riesiges Schwert mit einem durchbrochenen Goldgriff, und daneben ein kleiner Dolch mit einem mit Steinen besetzten Goldgriff. Der Stahl der Schwertklinge gl;nzte im Dunkeln des Sofas. Sie klappte rasch die Sofalehne herunter und setzte sich mit der Nachdenklichkeit eines Schneem;dchens darauf. Ilya rannte zu Agnes und zerrte an ihrer Hand.
Sie kam nur mit M;he wieder zu sich:
„Warte, Ilya …“
„Agnes, was hast du auf dem Sofa gesehen? Wer hat alles auf den Kopf gestellt?“
„Ich wei; es nicht. Alles war auf den Kopf gestellt, und die Haust;r stand einen Spalt offen.“ Jemand h;mmerte heftig gegen die T;r. Agnes ging, um sie zu ;ffnen. Ein besorgter V;terchen Frost stand dahinter:
„Wo ist mein Stab? Ich habe ihn vergessen! Er stand doch neben der T;r! Ah, ich sehe das Papier, in das der Stab eingewickelt war, aber wo ist, was in dem Papier war?“
„Ich wei; nicht, was du meinst“, sagte Agnes langsam. „Wei;t du, M;dchen, sag mir, wo du gewesen bist!“
„Brauchst du ein Schwert?“, fragte Agnes beil;ufig.
„Das wei;t du ganz genau, aber du sagst, du wei;t es nicht.“ Ilja stand vor der T;r im Nebenzimmer, als er jemanden ;ber ein Schwert reden h;rte. Er versuchte, das Sofa anzuheben, schaffte es aber nur ein St;ck weit. Als er das Schwert glitzern sah, trat er vom Sofa zur;ck. V;terchen Frost betrat den Raum. Agnes hob die Sofalehne an. V;terchen Frost betrachtete Schwert und Dolch und schrie:
„Wo ist das andere goldene Messer?!“
„Hier war kein Messer“, erwiderte sie.
„Ich habe den goldenen Griff des Messers in Snegurotschkas Herzen gesehen. Du bist doch gerade an ihr vorbeigegangen! Sie sa; auf der Treppe!“, rief Ilja.
„Wo ist Snegurotschka? Wurde sie get;tet?“ V;terchen Frost klappte das Sofa automatisch zu und setzte sich. Er erstarrte einen Moment.
„Wo ist Snegurotschka?“, fragte V;terchen Frost.
„Im Eingangsbereich, im ersten Stock“, antwortete Agnes.
„Ich kam gerade vom obersten Stockwerk.“ Als Snegurochka und ich uns trennten, lebte sie noch. Oh, wie alles hier verstreut ist! Aber als wir die Wohnung verlie;en, war alles in bester Ordnung!
„Vater Frost, Sie waren schon einmal hier, aber wer hat Ihnen die T;r ge;ffnet?“, fragte Ilja.
„Ein Mann im Morgenmantel hat mir die T;r ge;ffnet. Als Snegurochka ihn sah, rief sie: ‚Oh, Sie sind es!‘“
Vater Frost fuhr fort:
„Anscheinend kannten sich Snegurochka und der Mann. Ich sah, dass meine Eltern nicht da waren und beschloss, einen weiteren Anruf im obersten Stockwerk anzunehmen. Snegurochka sagte, sie w;rde hierbleiben und sp;ter nachkommen.“ „Ich habe die Geschenkt;te genommen, aber in der Hektik habe ich meinen Gehstock in der Ecke deines Flurs vergessen.“
„Also war es Schurik!“, rief Agnessa. „Dann ergibt alles Sinn.“ „Ja, so scheint es.“ Snegurochka griff nach dem Stock, und Schurik wollte ihn ihr abnehmen. Ich hatte ein sehr teures Geschenk darin versteckt, f;r einen Jungen, der Klingenwaffen sammelt.
„Ach so! Warum hast du das Geschenk nicht in die T;te gesteckt?“
„Man kann kein Messer in einer T;te verstecken, und hier ist ein ganzes milit;risches Arsenal an Klingenwaffen! Ja, aber wir tragen alle die Schuld: Ich war nachl;ssig, und dein Schurik hat Snegurochka get;tet. Wir m;ssen besprechen, was wir dem Detektiv sagen. Wo ist er jetzt?“ „Und warum sa; Snegurochka im Eingangsbereich?“, begann V;terchen Frost zu plaudern.
„Lass den Detektiv das kl;ren“, und Agnessa rief den Detektiv.
Der Detektiv traf recht schnell ein und fragte Agnessa:
„Hast du den Detektiv gerufen? Hat der Mord hier stattgefunden? Zeig her.“
„Bist du nicht an der ermordeten Snegurochka vorbeigegangen? Komm schon, sie sa; im Eingangsbereich.“ Alle gingen ins Erdgeschoss hinunter, aber Snegurochka war nicht da!
„Ein Fehlalarm an Silvester, und dann auch noch mit V;terchen Frost! Witze so fr;h am Morgen!“
„He! Wer weint denn hier?“, rief eine wundersame Frauenstimme von oben. Snegurochka kam gerade vom obersten Stockwerk herunter! Stille. Alle sahen Snegurochka ;berrascht an.
„Erkl;ren Sie, was hier los ist?“, fragte der Detektiv streng. Und Snegurochka sagte:
„Ach, Herr Detektiv, es war alles ein Unfall. Wir sahen den Stock des Frostvaters in der Ecke, das Papier ;ffnete sich, und darin waren ein Schwert, ein Dolch und ein Messer – alles aus Gold. Wir spielten mit den scharfen Gegenst;nden, dann versteckte ich sie. Schurik sah Ilja und Agnessa nach Hause kommen und rief mich zu sich. Also gingen wir hin. Schurik nahm Tomatensaft, spritzte ihn mir auf die Brust, stach mir das Messer zwischen Brust und Achselh;hle, lie; mich aufstehen und deckte alles mit einer Sense zu. Ich bin begeisterter Schwimmer und kann lange die Luft anhalten. Wir haben nur gescherzt!“ „Gute Scherze!“, sagte der Detektiv und verlie; das Geb;ude.
„Ich habe das ermordete Schneem;dchen selbst gesehen“, sagte Ilja nachdenklich.
Schurik mochte Lera und schenkte ihr eine wei;e Nerzmaus als Zeichen seiner Zuneigung. „Warum eine Nerzmaus?“ Fr;her fertigte man aus diesen entz;ckenden kleinen wei;en M;usen Nerzm;tzen. Das Fell der wei;en M;use ;hnelte dem Bauchfell wei;er Nerze, ein Umstand, den K;rschner zu ihrem Vorteil nutzten. Im Nachbarhaus bewohnten M;use ein ganzes Zimmer, komplett mit K;figen. Die M;use wurden wie Kaninchen in den K;figen gehalten. Sie wurden gef;ttert, getr;nkt und durften nie heraus. Die M;use vermehrten sich sehr schnell, wuchsen gut und verwandelten sich schlie;lich in wei;e Nerze. Dies war das Familiengesch;ft von Shuriks Freund. Vielleicht wollte der Junge, indem er dem M;dchen die wei;e Nerzmaus schenkte, sehen, ob sie als seine zuk;nftige Frau das Gesch;ft ;bernehmen k;nnte. Obwohl die Aussicht zu diesem Zeitpunkt sehr unwahrscheinlich war. Was geschah in Leras Familie, nachdem die wei;e Maus aufgetaucht war? Alle spielten Katz und Maus mit ihr. Die Maus versteckte sich, aber ihre Energie lie; sie nicht stillsitzen, und schon bald sprang sie aus jedem Versteck hervor. Lera mochte die Maus sehr; sie war flink und unterhielt die ganze Familie. Niemand in Leras Familie z;chtete M;use. Und die Maus war einfach ein Zeitvertreib f;r alle. Anders als ihre M;usekollegen, die zu H;ten verarbeitet werden sollten, f;hrte die Maus ein freies Leben.
Was konnte die Maus sonst tun? Sie spazierte auf Leras Schulter die Stra;e entlang, und Katzen und Hunde, die von ihren Besitzern befreit waren, liefen ihr mit Miauen und Bellen entgegen. Die Maus konnte Telefonleitungen durchbei;en. Sie konnte hoch ;ber Hindernisse springen. Man gab ihr einen Koffer, und sie sprang dar;ber. Da die Maus ein kleines Tier war, konnte sie im Zug problemlos Grenzen ;berqueren, und ihre Bilder sind in Leras Fotografien erhalten geblieben. Doch dann wuchs die Maus, sprang weniger und nagte mehr an allem, was sie finden konnte. Die Maus wurde ihrer Freiheit beraubt. Man setzte sie in ein Glasaquarium, das mit einer Glasscheibe abgedeckt wurde, wobei ein Spalt f;r die Luft blieb. Man f;tterte das Aquarium. Wie traurig die wei;e Maus doch wurde! Manchmal schaffte sie es, die Scheibe zu bewegen und aus dem Aquarium zu springen. Sie huschte durch die Wohnung, bis sie jemand aufhielt. Sie h;rte auf, auf Leras Schulter zu reiten. Die wei;e Maus hatte sich ver;ndert. Jemand hatte ein St;ck Brot mit M;usegift getr;nkt und es in ihrem Lieblingsversteck versteckt. Bei ihrem letzten Ausbruchsversuch knabberte die Maus an dem Brot und wurde krank. Sie sprang nicht mehr aus dem Aquarium; sie hatte nicht mehr die Kraft dazu; sie verweigerte die Nahrung und starb.
Lera weinte lange um die Maus. Schurik bot ihr eine andere Nerzmaus als Geschenk an, aber das M;dchen lehnte ab. Sie hatte Mitleid mit der Maus; sie wusste ja, dass eine Maus im Haus nicht immer nur Freude bereitete, und sie wollte keine M;use f;r H;te z;chten. Leras Familie verabschiedete die Maus mit allen Ehren, schlie;lich hatte sie ein ganzes Jahr bei ihnen gelebt und alle hatten sich an sie gew;hnt. Wer hatte das Gift gebracht? Das bleibt bis heute ein R;tsel.
Auf der Heimfahrt im Taxi kamen Lera Kindheitserinnerungen in den Sinn.
„Eines Tages brachte mir mein Vater einen Igel aus dem Wald“, sagte Lera, als k;me sie nicht in den Sinn. „Der Igel sa; wie ein K;nig in einem Korb mit Honigpilzen. Es waren nur wenige Pilze, und der Igel konnte sich darin frei bewegen. Der Korb war mit Gaze abgedeckt.“
„War der Igel stachelig?“, fragte der Taxifahrer, der es gewohnt war, von den Geschichten seiner Fahrg;ste nicht ;berrascht zu werden.
„Der Igel hatte seltsame Stacheln. Es waren viele, und sie standen dicht – sehr dicht, und die Farbe variierte leicht entlang der Stacheln. Der Igel war dunkelgrau. Sein Verhalten unterschied sich kaum von dem der Schildkr;ten, die immer in unserem Haus lebten. Ein Igel ist klein und hat dichte Stacheln, w;hrend eine Schildkr;te zwar auch klein ist, aber einen Panzer hat. Der Igel rannte ;ber den Boden, kroch unter die Sofas und flitzte dann in die K;che, um sich einen Snack zu holen. Darin ;hnelte er den Schildkr;ten. Nur einen Unterschied gab es: Der Igel war tags;ber ruhig, schlief irgendwo in einer Ecke, und nachts wachte er auf.“ Nachts war der Igel am aktivsten. Wenn alle schliefen, schnaubte er und flitzte durch die Wohnung. Er weckte alle auf, und ich lief st;ndig Gefahr, im Dunkeln auf seine Stacheln zu treten. Wir sperrten ihn nicht in K;fige oder Kisten; er war ein kleiner, verspielter Einbrecher. Ich habe ihn nicht angefasst, aber ich habe ihn beobachtet und wie schnell er mit seinen winzigen Pfoten unter einem riesigen Nadelhaufen hindurchhuschte. Ich wollte ihm gelbe Ahornbl;tter auf die Stacheln streuen, wie in einem Bilderbuch. Aber ich hatte Angst, ihn nach drau;en zu bringen, also nahm ich die Bl;tter mit hinein und warf sie ihm zu. Doch die gelben Bl;tter rutschten ab. Sie klebten einfach nicht an ihm.
„Warum haben Sie einen Igel mit nach Hause gebracht?“, fragte der Taxifahrer.
„Als Kind liebte ich ein gro;es Bilderbuch. Auf den ersten Seiten war ein lustiger Igel. Er war nicht allein; es waren noch andere Tiere da, aber der Igel, der sich zwischen den Bl;ttern und auf den Stacheln versteckte, war der bezauberndste. Mein Vater las mir ein Buch ;ber einen Igel vor. Ich bl;tterte so lange darin, bis die Bilder ganz zerfleddert waren. Der Igel war mein literarisches Idol. Als mein Vater also im Wald Pilze sammelte, wo Igel und Schlangen leben, erinnerte er sich an meine Begeisterung f;r den Igel auf dem Bild. Mein Vater wanderte etwa zehn Kilometer durch den Wald und das Sumpfgebiet.
„Wo es Schlangen gibt, findet man auch Igel“, sagte er. „Pilze, besonders Hallimasch, findet man nicht in der N;he der Stra;e.“ Pilze in der N;he von Stra;en werden von den Bewohnern dieses Waldgebiets gesammelt. Mein Vater fand kleine Hallimaschpilze an einem Baum, der auf einer Lichtung lag. Ein Igel huschte durch das Gras neben dem Baum. Mein Vater verga; die Pilze und jagte den Igel. So besiegte der Igel die Hallimaschpilze und landete in einem Korb bei mir, weil ich den Igel auf den Bildern im Buch so mochte.
„Wie lange hat dieser unruhige Igel bei Ihnen zu Hause gelebt, obwohl alle Bilder von ihm zerrissen sind?“, fragte der Taxifahrer.
„Wahrscheinlicher nicht als ja.“ Der Igel lebte ein paar Wochen. Mein Vater sah, dass ich verstand, was ein Igel ist, und dass es Zeit war, ihn in seinen nat;rlichen Lebensraum zur;ckzubringen. An seinem n;chsten freien Tag setzte mein Vater den Igel in einen leeren Korb, deckte ihn mit Gaze ab, bestieg einen Zug mit Pilzsammlern und fuhr in den fernen Wald. Er brachte den Igel an die Stelle zur;ck, wo er ihn gefunden hatte; die Hallimaschpilze waren vom Baum verschwunden. Der Igel wollte nicht Er rannte sofort weg; er hatte sich an das warme Leben gew;hnt. Auch Vater war traurig, den s;;en Igel gehen zu lassen, aber er verstand, dass das Leben in einer Wohnung schwierig f;r einen Igel war und dass die Familie sich nur schwer an den nachtaktiven Lebensstil des Igels gew;hnen w;rde. Vater und der Igel sahen sich an und gingen auseinander. Der Igel rannte ins gelbe Gras.
Ich begr;;te Vater mit den Worten:
„Papa, wo ist der Igel?“
„Ja, er war der k;nigliche Igel.“ Er war der K;nig der Igel und Schlangen auf der Lichtung neben dem Moor.
Ich beruhigte mich und las weiter in dem Igelbuch, aber es bereitete mir keine Freude mehr. Der Igel im Buch war kein K;nig. Ich betrachtete die Bilder in einem anderen Buch.
Der Taxifahrer sagte nichts. Sie waren angekommen. Aber wohin?
Ein Flughafen ist eine wunderbare menschliche Erfindung, die sich st;ndig weiterentwickelt und technologischen Innovationen in allen Bereichen folgt. Die neueste Innovation war eine Plastikwanne f;r Kleidung. Das M;dchen zog ihre Schuhe aus und legte sie in die Plastikwanne. Sie legte ihre Jacke und ihre Tasche in die n;chste Wanne, stellte dann alles zusammen mit ihrem Koffer auf das F;rderband und ging durch das Drehkreuz. Koffer und Tasche wurden bei der Sicherheitskontrolle angehalten.
„Fr;ulein, Sie haben eine Schere in Ihrer Tasche. Packen Sie sie in Ihren Koffer. Sie haben Wunderkerzen in Ihrem Koffer.“ „Nehmen Sie sie aus dem Koffer“, sagte eine strenge Frau in Uniform. Agnessa befolgte die Anweisungen. Man fertigte sogar einen Bericht ;ber ihre Wunderkerzen an, bevor man sie in den Warteraum lie;. Sie war im Winter gesch;ftlich geflogen, hatte aber nicht alles aus ihrem Koffer ger;umt, der unz;hlige F;cher hatte. Nachdem sie ihre Sachen sortiert hatte, ging sie ans Fenster und beobachtete die Flugzeuge. Das Glas im Warteraum war so dick, dass der L;rm der Flugzeuge sie nicht erreichte. Flugzeuge, Busse und Lastwagen fuhren ;ber das Flugfeld, und alle bewegten sich in vollkommener Stille. Der Warteraum diente dazu, dass sich die Passagiere vor ihrem Flug dort aufhielten. Viele holten ihre Laptops heraus und vertrieben sich die Zeit. Kinder rannten um die Kioske herum und suchten nach Spielzeug, das sie noch nie zuvor besessen hatten. Die Leute kauften ihnen Spielzeug, um die angenehme Stille hinter dem dicken Glas nicht zu st;ren. Der Aufruf zum Einsteigen erfolgte. Agnessa ging zum n;chsten Kontrollpunkt. Die ordentliche Schlange bildete sich schnell und verwandelte sich ebenso schnell in eine lange Menschenmenge, die den Abstieg hinunterging. Um in den Bus einzusteigen. Die Busse hier sind wunderbar, man kann nur stehen, da die Fahrt zum Flugzeug kurz ist. Die Fahrer fahren direkt unter den Flugzeugnasen entlang, und die ungewohnte Situation macht ihnen Angst. Jetzt hei;t es nur noch die Treppe hochsteigen, in die Kabine gehen, sich zu seinem Platz durchzw;ngen und sich fallen lassen. Herrlich. Man sitzt da und wartet auf den Start. Am Vordersitz ist ein Netz mit einer Zeitschrift befestigt, in der man bl;ttern kann; so etwas hat man zu Hause bestimmt nicht. Agnessa beobachtete, wie die Flugbegleiterin die Schutzausr;stung handhabte, zog eine Zeitschrift aus der Tasche und vertiefte sich darin, um ihre Gedanken w;hrend des Fluges abzuschirmen. Wie angewiesen, schaltete sie ihr Handy aus. Sie verstaute den Laptop, der in ihrer Umh;ngetasche war, im Gep;ckfach.
Durch das Fenster erstreckte sich ein strahlend blauer Himmel. Die Wolken verschwanden schnell unter dem Flugzeug und gaben den Blick auf einen klaren Himmel frei. Nach einer Weile brachten junge Flugbegleiterinnen Getr;nke. Kurz darauf servierten weitere Flugbegleiterinnen das Mittagessen. Agnessa a; alles auf, um nicht gleich zu Beginn ihres neuen Lebens nach Essen suchen zu m;ssen. Pl;tzlich verst;rkten sich die Ersch;tterungen. Die Kontrollleuchte ;ber den T;ren leuchtete auf. Das Flugzeug flog ;ber Luftl;cher. Die Passagiere rutschten auf ihren Sitzen hin und her wie B;ren in ihrer H;hle. Agnessa dachte in diesem Moment nicht an die Probleme des Cabrio-Katamarans; sie war einfach in Gedanken versunken… Agnessa ist eine Frau von durchschnittlicher Gr;;e, eine grau;ugige, goldhaarige Sch;nheit mit schlanker Muskulatur. Sie trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Nicht jeder junge Mann kann sich ihr n;hern. Man kann sie nicht einfach so angreifen – sie beherrscht Selbstverteidigungstechniken. Es ist an der Zeit, zu sagen: So sind sie ausgestorben. Der Ankunftsflughafen war schw;l und warm. Die Palmen wiegten langsam ihre riesigen Bl;tter, die an f;cherf;rmige Schlitze erinnerten. Sie glichen gewiss nicht zitternden Espen. Taxifahrer umringten die ankommenden Fahrg;ste von allen Seiten; sie sahen sich alle irgendwie ;hnlich. Ein Mann sprach Agnes mit einem Schild an, zu dem sie gebracht werden sollte. Der silberne Wagen bog gem;chlich auf die K;stenstra;e ein. Die zweispurige Stra;e lag etwas h;her als die R;ckstra;e. Zwischen den Fahrbahnen huschten pr;chtige Palmen in einer einzigen Reihe vorbei. Stellenweise standen bl;hende Magnolien majest;tisch am Stra;enrand. Der Taxifahrer kommentierte die Landschaft, durch die sie fuhren. Er half ihnen, das Gep;ck ins Zimmer zu tragen.
Agnes blieb allein zur;ck. Vom Fenster aus sah man das t;rkisfarbene Meer, dessen Farbe so gar nicht an die Farben in Filmen und Gem;lden erinnerte. Zwischen dem Hotel und dem Meer erstreckte sich eine Fu;g;ngerzone, die mit ;ppiger s;dlicher Vegetation bewachsen war. Der Abstand vom Hotelbalkon zu den hohen Pflanzen war deutlich geringer als der Meeresspiegel. An diesem Abend sa; ein M;dchen am Hoteleingang, nippte an einer lokalen Spezialit;t – einem schaumigen Eiskaffee – und beobachtete die vorbeigehenden Leute. Alle anst;ndigen jungen Leute befanden sich in Begleitung ihrer Familien. Ihren Beobachtungen zufolge verbrachten Familien ihren Urlaub im S;den: er, sie und ihre Kinder (ein bis drei). Das M;dchen suchte einen jungen Mann. Aber es gab keinen! Sie bereute es schon, allein gefahren zu sein.
Am n;chsten Tag sa; ein kr;ftiger junger Mann an einem Tisch im Hotelcaf;. Die Rezeptionistin fl;sterte Agnes zu, er sei mit einem Motorrad angereist, das so viel wert sei wie ein gutes Auto. Das M;dchen war begeistert. Das war es! Es war gef;hrlich, aber was sollte sie tun? Sie ging zum Parkplatz, um sein Motorrad zu begutachten, doch es war abgedeckt. In diesem Moment kam der Besitzer des Zweirads auf sie zu.
„Junges Fr;ulein, suchen Sie ;rger?“, fragte der sehr attraktive junge Mann. „Junger Mann, ich fand dich schon auf dem Motorrad attraktiv. Ich habe dich vom Fenster aus gesehen, als du vor dem Hotel vorgefahren bist“, erwiderte Agnes etwas entschuldigend.
„Interessierst du dich f;r mich?“, fragte der gutaussehende Mann sp;ttisch.
„Ja. Ich brauche jemanden, der mich bei Ausfl;gen in die Umgebung unterh;lt“, sagte Agnes mit festerer Stimme.
„Da ist was dran“, sagte der junge Mann nachdenklich und musterte das M;dchen. „Ich wollte mit meinem Motorrad hierherfahren und dann weiterreisen. Ich schlage dir eine andere M;glichkeit vor: Du begleitest mich auf die Ausfl;ge, und das Motorrad steht erst mal unter der Plane. Dann fahren wir damit, wenn wir die Gegend besser kennengelernt haben.“
„Ich sage dir, du bist perfekt f;r mich“, sagte Agnes und strahlte.
„Dann bin ich immer bei dir.“
„Ausgezeichnet“, lachte Agnes. „Der erste Ausflug beginnt in einer Stunde.“ Wir gehen den Fu;weg entlang zum Bahnhof, wo der Bus wartet. Bring eine Jacke mit. Es soll windstill sein.
Es war vielleicht nicht windstill, aber der Reisebus vom Hotel zum Bootsanleger war f;nfmal langsamer als der silberne Wagen des einheimischen Taxifahrers. Apollon wurde ungeduldig wegen des z;hflie;enden Verkehrs, aber er war ja schlie;lich der junge Mann aus Agnes' Traum. Auf dem wei;en Boot hatte die Musik noch nicht begonnen. Das Boot schaukelte z;gig auf den Wellen. Passagiere, die von der ganzen K;ste gekommen waren, str;mten langsam zum Anleger. Apollon und Agnes setzten sich unten hin, tranken etwas Kaltes und gingen dann an Deck. Die meergr;nen Wellen rollten in kleinen Brechern stetig vom Boot weg. Die K;stenlinie zog langsam an ihnen vorbei, oder sie zogen an ihr vorbei. Es war angenehm. Ein Schauspieler in alter Seemannskleidung flanierte auf dem Schiff entlang. Urlauber posierten eifrig f;r Fotos mit ihm. Sobald das Schiff wieder am Ufer anlegte, verdunkelte sich der Himmel. Der Mond erschien. Der Bus beschleunigte die R;ckfahrt erheblich. Apollo blickte aus dem Fenster und pr;gte sich die Stra;enschilder ein, die f;r die bevorstehende Motorradtour n;tzlich sein w;rden.
Agnes betrachtete die Natur vom Hotelbalkon aus und sog den Anblick in sich auf. Ein Zypressenhain, so hoch wie zehnst;ckige Geb;ude, verdeckte m;helos alle anderen H;user. Die Magnolien, die zwischen den Zypressen wuchsen, erinnerten sie an junge Frauen in gebl;mten Kleidern. Die Palmen verrieten ihr, dass sie im S;den war. Die ;ppige Vegetation war neu und ungewohnt zugleich. Die Luft war warm und schw;l, sodass sie ihre Kleidung auf das N;tigste reduzieren konnte.
Am Morgen ging Agnes auf dem Asphaltweg zum Meer, aus dem vereinzelt Kieselsteine hervorlugten. Der Strand, dem sie sich n;herte, war so flach, dass er von Fu;g;ngern, einer Einschienenbahn und einer Fu;g;ngerbr;cke genutzt wurde. Sie ging durch einen Steg unter dem Bahndamm zum Ufer. Wenige Schritte weiter, und sie stand am Strand, der sich als kleines St;ckchen Ufer mit gro;en Kieselsteinen entpuppte. Nach einem langen, ziellosen Leben ;berkam sie ein Gef;hl der Leichtigkeit. Sie f;hlte sich, als sei der Krieg vorbei. Wenn man genauer dar;ber nachdachte, hatte sich in ihrem Leben nichts ver;ndert, und das war eigentlich gut so.
Kapitel 2. Hubschraubermission
Am Vortag war Agnes an der zentralen K;ste der Stadt entlanggelaufen, die in eingez;unte Bereiche unterteilt war. Sie betrachtete die zug;nglichen Str;nde und entschied sich f;r diesen, dessen Stra;e am sch;nsten erschien und an der sich die vielf;ltigen Einkaufsm;glichkeiten des kleinen Badeortes aneinanderreihten. Das M;dchen setzte sich an den Rand des Asphalts, bevor sie auf die Kiesel trat, und blickte auf das azurblaue Meer hinaus. Am Ufer angekommen, breitete sie ein Handtuch auf den Kieselsteinen aus. Der Anblick vor ihr war grandios: Rechts ein Berg, links eine Seebr;cke, vor ihr erstreckte sich das Meer, und Schiffe segelten am Horizont entlang. Die Menschen am Strand hatten eine rosige Br;une, da das Wetter bis dahin bew;lkt gewesen war, und so hatte auch Agnes' blasser K;rper begonnen, sich zu br;unen. Apollo kam allein an den Strand und legte sich neben sie, damit Agnes ihn bemerkte. Er liebte Gesellschaft, war vielseitig und konnte sich eine Reise nach Rom leisten. Apollo bot Agnes, deren Pferdeschwanz unter einem Loch in ihrer wei;en Kappe hervorlugte, einen Ausflug in die Berge an. Nach einer Weile bestiegen sie ein Milit;rfahrzeug, das von einem gut gelaunten Mann gefahren wurde. Er brachte sie zu den Bergwiesen, wo echte Pferde grasten.
Das junge Paar stieg aus und stand vor der Kulisse der Berge und Pferde. Den Rest der Fahrt legten sie im Fond des Wagens zur;ck, der eine kurvenreiche Stra;e hinauf zum Gipfel fuhr. Gl;cklicherweise oder ungl;cklicherweise war der Skilift au;er Betrieb. Das M;dchen schrie vor Angst, als sie am Stra;enrand entlangfuhren, mit Blick auf die tiefen Schluchten unter ihnen. Sie stand im Wagen und klammerte sich an das Gel;nder, das gleichzeitig als Dachreling diente. Ein Lied ;ber Liebe und Alkohol dr;hnte aus dem Inneren des Wagens und heizte die Stimmung der Reisenden an.
Agnes' Herz raste vor Adrenalin, als der Fahrer anhielt und auf ein Anwesen auf einem kleinen Plateau deutete. Der Fahrer fl;sterte den Namen des Besitzers. Hier wohnte der Herr der Berge! Sie hatte von ihm geh;rt, seine Portr;ts gesehen, ihn aus dem Fernsehen wiedererkannt. Der Wagen fuhr weiter die Serpentinen hinauf, auf einer seltsamen Stra;e ohne Betonleitplanken, ;ber Schotter und Felsen, wo ein paar stehende oder umgest;rzte B;ume ihn vor dem Abgrund bewahrten. Der Abstand zwischen den R;dern und dem Abgrund war manchmal so gering, dass Agnes lieber zum Berg hin;berblickte, der sicherer und friedlicher wirkte.
Der Wagen erreichte einen Wasserfall, der in einen Sommergletscher st;rzte. Und gerade als die R;der den Gipfel erreichten, begann es heftig zu hageln, gefolgt von kaltem Regen. Die Touristen mussten sich warm anziehen, und der Fahrer verriegelte schnell den Wagen. Der Regen wich Hagel, und der Hagel einem kalten Wolkenbruch, der die Stra;e wegsp;lte und spiegelglatt machte. Die Bergstra;en waren st;ndig von Schneewolken durchn;sst, die am Fu;e der Berge fehlten, und so glatt, dass die Angst der Fahrg;ste fast ununterbrochen anhielt. Jede falsche Bewegung des Fahrers und der Wagen k;nnte den Berghang hinab in den Abgrund st;rzen. Unbewusst nistete sich Angst unter die Oberfl;che von Agnes' Sch;del ein.
Die Wolken teilten sich. Ein Hubschrauber schwebte ;ber dem M;dchen, und eine Leiter mit Tentakeln, die von innen gesteuert wurde, fuhr aus. Agnes wurde langsam in den Hubschrauber gesogen. Sie f;hlte sich wie in einer Show, denn sie sah niemanden im Inneren. Panik ergriff sie und schn;rte ihr die Kehle zu. Pl;tzlich leuchtete vor ihr ein Bildschirm auf, der das Bild eines m;chtigen Mannes zeigte. Er sprach einen seltsamen Satz:
„Ich bin der Herr der Berge. Agnes, dein L;segeld f;r die ewige Freiheit sind zwei Diamanten von der Gr;;e einer Walnuss. Ich wei; nicht, wo sie sind, aber ich wei; mit Sicherheit, dass sie existieren! Deine Aufgabe, Agnes, ist es, die beiden Artefakte zu finden. Du hast alle Zeit der Welt, aber nicht mehr als ein Jahr!“
„Herr der Berge, welche Zeit?! Ich suche nicht nach verschollenen Diamanten!“ Niemand antwortete Agnes. Die Tentakel des Hubschraubers setzten sie auf einer Plattform vor einem Wasserfall ab. Apollo bemerkte Agnes’ Abwesenheit nicht oder tat so. Er versp;rte keine Angst in den Bergen. Er glaubte felsenfest an die Sicherheit des Milit;rfahrzeugs. Die Reisenden stiegen den Berg deutlich schneller hinab, als sie ihn hinaufgestiegen waren. Agnes sah mehrere schwarze Zelte auf dem Berg! Was konnte das bedeuten? Die Zelte standen genau an der Stelle, von der aus man den Palast des Herrn der Berge sehen konnte! Die Zelte waren schwarz, sehr seltsam …
„Agnes, wach auf!“, rief Apollo und r;ttelte das M;dchen.
„Wegen der schwarzen Zelte“, antwortete Agnes wie aus der Pistole geschossen. „Warum stehen da schwarze Zelte auf dem Berg?“
„Touristen wohnen darin“, erwiderte er gelassen.
„Und was haben Zelte auf 1900 Metern H;he zu suchen?“
„Die Leute leben dort und essen Brot; man kann ja nicht alle Zelte abbauen“, bemerkte Apollo weise. Agnes hatte andere Vermutungen – sie glaubte, die schwarzen Zelte seien die Behausung der Leibw;chter des Bergmeisters. Sie schauderte bei der Erinnerung an seinen Befehl. Sie wollte unbedingt glauben, dass alles nur ein Scherz war. Ein wilder Scherz der Reiseveranstalter. Doch irgendetwas sagte ihr, dass es nicht so war, dass es kein Witz war, sondern ein Auftrag, f;r den Bergmeister Diamantartefakte zu finden, die Lebensenergie ausstrahlten.
Woher kannte der Bergmeister ihren Namen? Und ihr wurde klar, wie einfach es war, den Namen eines Menschen herauszufinden. Und wer war Apollo? Zum ersten Mal musterte sie ihre Reisebegleiterin misstrauisch. Wer war sie dann? Warum hatte der Bergmeister sie mit einer so seltsamen Bitte angesprochen?
Nach der Bergstra;e raste der Wagen mit solch halsbrecherischer Geschwindigkeit ;ber die glatte K;stenstra;e, dass Agnes sonst vor Angst erstarrt w;re. Doch hier war sie einfach nur froh, nicht in den Bergen, sondern in der Ebene zu sein. Bl;hende Str;ucher, die an riesige Zimmerpflanzen erinnerten, huschten am Fenster vorbei. Die Grashalme wirkten so gewaltig, dass es fast unwirklich schien. In den Bergen erscheint jeder Aufstieg nat;rlich, und aus dieser Perspektive war der Aufstieg zur sechsten Etage des Hotels nichts Ungew;hnliches. Agnes hatte online ein Hotel gebucht und sich f;r ein modernes Geb;ude entschieden, bemerkte aber erst sp;ter, dass es keinen Aufzug gab. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass Aufz;ge in den Bergen nicht gerade beliebt sind, doch die oberste Etage bot eine wundersch;ne Lobby und einen gro;en Balkon, auf dem sie sich manchmal sonnte. Insgesamt war das Hotel tadellos, und die Aussicht aus den beiden Zimmern war so unterschiedlich, dass man aus dem einen Fenster einen wolkenlosen Himmel und das endlose Meer sah, w;hrend man aus dem anderen die in Wolken geh;llten Berge erblickte.
Agnes verstand nicht, warum sie Apollo brauchte. Ohne ihn w;re sie nie in die Berge gefahren! Sie wollte sofort nach Hause, nachdem er vorgeschlagen hatte, die Strecke mit dem Motorrad zu wiederholen. An diesem Abend sa;en Agnes und Apollo in einem Caf; an der belebtesten Stra;e der Stadt. Pl;tzlich begannen Wunderkerzen um sie herum wie Gl;hw;rmchen zu funkeln. Agnes dachte, ihre Wunderkerzen, die man ihr am Flughafen abgenommen hatte, seien zur;ckgekehrt. Sie f;hlte sich unwohl; sie hatte das Gef;hl, in der Gewalt eines sehr m;chtigen und noch viel mehr unbegreiflichen Menschen zu sein. Sie wollte unbedingt zur;ck zu ihrer Mutter, die vielleicht wusste, wo man eine Diamantwalnuss f;r den Herrn der Berge finden konnte.
Am Morgen stand Agnes auf dem Balkon im Flur und betrachtete die Zypressen – alte, blattlose B;ume, die von Weinreben umwuchert waren. Sie h;rte das Telefon im Zimmer klingeln, r;hrte sich aber nicht, um ranzugehen. Was f;r ein ungezogenes M;dchen! Und das alles nur, weil ihre Nachbarin aus demselben Stockwerk auf den Balkon gekommen war und sie sich ;ngstlich neben das niedrige Gel;nder geduckt hatte. Wessen Idee war es blo; gewesen, ein Balkongel;nder in H;fth;he anzubringen?! Sie stand allein auf dem Balkon, die Knie angewinkelt, und h;ngte ihren Badeanzug und ihr Handtuch auf die Leine. Als ihr Nachbar Apollon auf den Balkon kam, setzte sie sich tats;chlich auf den Boden. Angst stieg in ihr auf. Wovor hatte sie Angst inmitten der strahlenden Sch;nheit der s;dlichen Landschaft?
Ja, sie war berauscht vom blo;en Anblick der ;ppig bl;henden Str;ucher an den K;stenh;ngen. Sie kannte die Namen der Blumen und B;ume nicht wirklich; Magnolien, Kastanien, Zypressen und Palmen konnte sie benennen. Sie war verzaubert von den H;usern, die sich in die Berge schmiegten, verborgen im Gr;nen. Der Balkon bot einen himmlischen Ausblick, gekr;nt vom t;rkisfarbenen Meer. Sie sog alles um sich herum mit stiller Bewunderung in sich auf. Doch ihr Nachbar hatte alles ruiniert. Er h;tte in seinem Zimmer bleiben und nie auf den gemeinsamen Balkon gehen sollen, der an den Flur angrenzte.
„Die Fliesen sind so sch;n, aber man kann nicht lange darauf sitzen“, dachte Agnes und blickte vom Boden zu dem Mann hinauf. Er bemerkte sie gar nicht, sondern starrte in die malerische Ferne. Das Balkongel;nder reichte bis zu seinen Fu;leisten, aber er setzte sich nicht aus Angst auf die Fliesen. Er stand einfach da! Agnes verstand es ;berhaupt nicht! Das Telefon h;rte auf zu klingeln. Sie h;tte unm;glich vor so einem mutigen Mann auf Knien vom Balkon kriechen k;nnen! Pl;tzlich hob Apollo beide H;nde, als wolle er ins Wasser tauchen. Agnes eilte zu dem jungen Mann und packte sein Bein. Erschrocken knickten seine Beine ein, und er setzte sich neben sie.
„Agnes, haben sie dich gebeten, meine Beine zu packen? Ich wollte dich doch nicht daran hindern, dich auf die Fliesen zu setzen!“
„Ich habe dich vor dem Sturz vom Balkon gerettet!“, platzte Agnes heraus.
„Was glaubst du eigentlich, wer ich bin? Lass mein Bein los! Ich wollte nicht fallen, ich habe ganz normal geatmet. Die Luft hier ist fantastisch!“
„Das Gel;nder hier ist nicht hoch genug f;r dich! Ich hatte Angst um dich und auch um mich selbst“, sagte sie und lie; das Bein des Mannes los.
„Was f;r eine nette Bekanntschaft! Wir setzen uns beide auf den Boden. Das sp;rliche Eisengel;nder wird uns die Sicht nicht versperren.“ „Es ist zwar eine gute Idee, auf dem Boden zu sitzen, aber du h;ttest auch eine Rettungsweste oder eine Luftmatratze auf die Fliesen legen k;nnen. Ich hole sie sofort!“, rief Apollo, richtete sich auf und verschwand hinter der Balkont;r aus Plastik mit ihren wei;-wei; gestreiften Vorh;ngen im B;rostil.
Agnes nahm ihren Badeanzug und ihr Handtuch von der Leine und verlie; mit gebeugten Knien den pr;chtigen, aber gef;hrlichen Balkon. Der Mann klopfte nicht an ihre T;r. Sie hatte ihn nicht erwartet, obwohl ihr Gespr;ch ein paar wunderbare Minuten gewesen war. Schlie;lich fiel ihr das Telefon ein, aber es war stumm. Sie legte sich auf das Doppelbett, doch als sie die seidene Tagesdecke unter sich sp;rte, sprang sie auf und bewunderte die exquisite, plissierte Tagesdecke erneut. Sie lie; sich in den Stuhl unter dem Fenster sinken. Die Aussicht aus dem Fenster war nicht schlechter als vom Balkon, aber viel sicherer. Sie blickte zu den offenen Schrankt;ren; der Wunsch, sie aufzur;umen, kam auf, doch ihre guten Vors;tze wurden durch ein Klopfen an der T;r zunichtegemacht.
„Lass den Mann herein, den du gerettet hast!“ Die Stimme ihrer Nachbarin ert;nte hinter der T;r.
Agnes warf einen Blick in den Kleiderschrank, schob die T;ren zu, r;umte schnell auf und ;ffnete ihrer Nachbarin die T;r. Apollo schritt ungehindert ins Zimmer, die seidene Tagesdecke leicht verrutscht.
„Agnes, du hast ein wundersch;nes Zimmer! Wir werden beide gern in diesem Bett schlafen.“
„Verzeiht, aber ich habe euch nicht in mein Bett eingeladen!“, protestierte Agnes.
„Junges Fr;ulein, wenn ihr mich gerettet habt, dann nehmt mein Leben in eure H;nde! Ich bin heute gut gelaunt. Ich bleibe acht Tage hier, und ihr habt mir die abendliche Meeresluft geraubt.“ „Ich denke dar;ber nach, heute abzureisen“, sagte Agnes. „Ich hatte nur Zeit f;r ein Abschiedsbad im Meer. Und es war ziemlich kalt.“
„Was f;r ein Zufall! Habt ihr noch einen Drink f;r die Reise?“, fragte der junge Mann verschmitzt.
„Wenn ich verreise, brauche ich nichts. Alkoholische Getr;nke habe ich noch nie getrunken!“, rief Agnes aufgebracht und ;ffnete die T;r, um ihren Nachbarn hinauszulassen. „Ich gehe nach Hause! Tsch;ss!“, rief sie mit zitternder Stimme und versuchte, ihn zu verscheuchen.
„Einen Moment! Ich m;chte in Ihrem Zimmer bleiben; mir gef;llt die Aussicht“, sagte der junge Mann und setzte sich auf einen Stuhl am Fenster. „H;ren Sie! Ihr Zimmer ist tadellos aufger;umt! Ich k;nnte unsere Zeit hier verbringen!“
Agnes war sprachlos; sie hielt sich die Hand vor den Mund und lehnte sich gegen den T;rrahmen. Der Anblick des Mannes auf dem Stuhl gefiel ihr gar nicht. „Ich rufe den Sicherheitsdienst“, sagte sie mit metallischer Stimme.
„Die Sicherheitsleute rennen und fallen im sechsten Stock ohne Aufzug!“, bemerkte der junge Mann sarkastisch. „Wo wir gerade von M;wen sprechen, haben Sie welche ;ber dem Meer gesehen? W;rden Sie mir vielleicht etwas Tee anbieten?“, fragte er unterw;rfig. Agnes seufzte, holte einen Wasserkocher hervor – was laut Anweisung verboten war –, f;llte ihn mit Wasser und steckte ihn ein. Sie holte Teebeutel aus ihrem Gep;ck, Sandwiches aus dem K;hlschrank und Gl;ser vom Nachttisch. Es wurde ein leichtes Fr;hst;ck mit einem dreisten, gepflegten jungen Mann.
„Werde ich jemals freundliche Worte von meinem Erl;ser h;ren?“, fragte der junge Mann und griff sofort zum Telefon. Er wandte sich abrupt zu Agnes um. „Ich habe keine Zeit! Ich muss gehen.“
„Auf Wiedersehen, ich habe lange auf diesen Moment gewartet“, hauchte Agnes erleichtert, dass Apollo bald gehen w;rde. Der junge Mann musterte Agnes von oben bis unten. Sie war schlank, lieb, z;gerlich, unerfahren und so weiter und trug ein leichtes, figurbetontes Kleid. Er mochte sie wieder.
„Wie leid ich es bin, dass du immer wegl;ufst. Du hast mir den Grund nicht genannt – und das musst du auch nicht!“, sagte der Mann unerwartet schnell und schloss die Haust;r hinter sich.
Agnes rannte zur T;r und schloss ab. Von drau;en h;rte sie Schritte, die auf den Fliesen verstummten. Sie h;rte, wie er die Treppe herunterkam. Dann verstummten die Ger;usche. Das M;dchen sah den Tee in den Gl;sern an und nahm eines. Aus irgendeinem Grund ber;hrte sie mit der Hand das zweite Glas, seufzte und ging ans Fenster, um an ihrem Tee zu nippen. Sie wusste genau, dass sie von dort aus die Hotelt;r nicht sehen konnte, aber den Weg, der vom Hotel zum Meer f;hrte. Ein paar Passanten mit langen Schatten gingen den Weg entlang.
Die W;rme der s;dlichen Nacht brachte kaum Abk;hlung. Agnessa trat vom Fenster zur;ck, suchte die Fernbedienung der Klimaanlage, schaltete einen kalten Luftstrom ein, aber sofort wieder aus. Unruhig zappte sie durch die lokalen Fernsehkan;le, blieb bei einem Nachrichtenbeitrag ;ber die Immobilienpreise h;ngen und schaltete den Fernseher schnell wieder aus. Das M;dchen warf die Bettdecke auf einen Stuhl und legte sich hin, die H;nde hinter dem Kopf verschr;nkt. Ihr Kopf war leer und traurig. Sie sp;rte, dass neben ihr ein Mann sa;, den sie kaum kannte, der aber eine besondere Bedeutung f;r sie hatte. Sie h;tte nicht schlecht von ihm denken sollen; sie h;tte diesen Gedanken nicht einmal f;r einen Augenblick zulassen d;rfen! Und pl;tzlich begriff sie, dass er jemandem auf dem Balkon ein Zeichen gab! Stimmt! Er wollte etwas mitteilen, egal wer ihn sehen konnte. Schlie;lich stand er ja direkt an der beleuchteten Balkont;r. In dieser Gegend war der sechste Stock fast ein Berg. Was f;r ein dummes M;dchen, ihm so schnell zu Hilfe zu eilen! Aber er war ja auch nett! Sie drehte sich auf die Seite, stand aber schnell wieder auf, machte sich zurecht und ging ins Bett. Sie schlief friedlich bis zum Morgen.
Am Morgen zog sich Agnes f;r den Strand an; es gab nichts anderes, was sie tun konnte. Sie betrachtete sich im Spiegel und beschloss, dass ein Hut mit breiter Krempe sie vor den neugierigen Blicken sch;tzen w;rde, die bei sonnenbadenden Touristen kaum zu ;bersehen waren. Agnes freute sich aufs Sonnenbaden und Schwimmen, aber der steinige Strand bot ihren Seiten und Beinen wenig Komfort. Die Steine bohrten sich in ihre F;;e, als w;ren es keine vom Meer angesp;lten Kieselsteine. Sie versuchte, in ihren Flip-Flops zu schwimmen, aber auch das bereitete ihr keine gro;e Freude. Agnes fand ein Pl;tzchen mit kleinen Kieselsteinen und legte sich b;uchlings hin, den Blick auf die t;rkisfarbenen Wellen und M;wen gerichtet. Von Apollo war keine Spur, auch sein Motorrad fehlte. Am letzten Morgen hatte sie ihre Nachbarin nicht auf ihrer Etage gesehen. Sie glaubte, ihre Mutter h;tte sie am Vortag angerufen, als sie auf dem Balkon sa;.
Im Hotel kam Agnes endlich wieder zu sich. Sie wollte einfach nur weg. Ihre Zehenn;gel lugten unter ihren Sommersandalen hervor, deren d;nne Lederriemen ihre schlanken F;;e umschlossen. Sie trat aus dem eleganten Hotel. Ihr Kleid aus vielen Stoffstreifen flatterte in der sanften Brise, lange Haarstr;hnen schwangen kunstvoll ;ber ihre nackten Schultern. Ein Korsett bildete das Oberteil des Kleides. Es hatte keine ;rmel.
Agnes musterte den Parkplatz. In ihrem Kopf hallte die Bestellung des Meisters der Berge nach zwei Diamanten wider, die sie nie gesehen hatte. Sie wollte unbedingt nach Hause. Sie bemerkte Apollos Motorrad nicht auf dem Parkplatz. Ihre Traurigkeit verdoppelte sich. Ein Auto stand mit angelehnter T;r da, der Schl;ssel hing neben dem Lenkrad. Der Befehl d;mmerte ihr wieder.
Das Hotel lag am Fu;e des Berges, vom Parkplatz bis zu ihrem Zimmer war es nur ein Stockwerk. Sie rannte hinein, warf ihre Sachen in die Tasche, stieg ins Auto und fuhr los. Nach einer Weile ging ihr der Sprit aus. Sie hatte das Wichtigste im Zimmer vergessen – ihre Geldb;rse. Sie hatte ;berhaupt kein Geld mehr! Ein fremdes Auto ohne Benzin. Eine Weggabelung. Ein kalter Wind. Sie hatte die warmen Sachen, die neben ihrer Geldb;rse gelegen hatten, nicht eingepackt. So war sie vor dem Befehl geflohen!
Ein junger, eleganter Mann mit feinen Gesichtsz;gen stieg aus dem Auto. Schwarze Spitzschuhe gl;nzten an seinen F;;en, und unter einem schwarzen Sakko blitzte ein wei;es Hemd ohne Krawatte hervor. Unter einem offenen schwarzen Umhang war eine weitere Jacke zu sehen. Die Luft eines herannahenden Gewitters war sp;rbar. Das M;dchen fr;stelte. Der junge Mann begann entschlossen, seinen schwarzen Umhang abzulegen. Unbewusst griff sie danach und nahm es. Er blickte ;berrascht auf seinen Umhang und bemerkte erst jetzt das schlankbeinige M;dchen, das statt Kleidung nur mit Stoffstreifen bekleidet war.
„Entschuldigen Sie, das ist mein Mantel; ich habe ihn ausgezogen, weil es hier so warm ist.“
„Entschuldigen Sie, aber mir ist so kalt, dass ich den Mantel einfach mitnehmen musste.“
„Ich hoffe, Sie geben mir meinen Mantel zur;ck?“
„Aber ich habe nichts Warmes; ohne Ihren Mantel erfriere ich.“
„Was haben Sie sich nur dabei gedacht, in Streifenhemd statt in Kleid herumzufahren?“
„Es ging alles so schnell, dass ich mich noch gar nicht von der Fahrt erholt habe. Au;erdem kam ich aus dem S;den.“ Der junge Mann versuchte, dem M;dchen seinen schwarzen Mantel abzunehmen, aber sie hatte ihn mit ihren gl;nzenden Fingern;geln so fest umklammert, dass sie ihn nicht loswurde.
„Junges Fr;ulein, bezahlen Sie den Mantel und nehmen Sie ihn zur;ck.“
„Junger Mann, woher habe ich das Geld?“
„Fahren Sie allein und mit leeren Taschen?“
„Mein Herr, wo haben Sie denn Taschen an mir gesehen?“
„Ich bin hilflos, nehmen Sie den Mantel!“ Der junge Mann sagte das und stieg in sein Auto. Das M;dchen ;ffnete ihm schnell mit ihrem Sandalenfu; die T;r.
„Du! Du bist frech!“, rief der junge Mann.
„Junger Mann, mir ist das Benzin ausgegangen, ich fahre mit dir.“
„Kann ich dich loswerden?“
„Ich bezweifle es. Das Auto, mit dem ich hierher gekommen bin, geh;rt mir nicht.“
„Du bist auch noch eine Autodiebin! Wohin soll ich dich bringen? Wie hei;t du?“
„Das ist etwas anderes. Ich bin Agnes. Bring mich nach Hause. Vier Stunden mit dem Auto, dann bin ich da.“
„Bist du von deinen Freunden weggelaufen?“
„Kann ich das nicht erkl;ren?“
„Erkl;re nichts. Hast du jemanden zu Hause?“
„Meine Mutter ist zu Hause. Sie ist nett. Meine warmen Sachen sind da. Nimm mich mit, und ich gebe dir gern meinen Mantel.“
„Mach ich. Mach die T;r zu.“ Sie fuhren schweigend. Agnes schlief auf dem R;cksitz, ;ffnete aber gerade noch rechtzeitig die Augen. „Danke, wir sind da. Zieh deine Jacke an. Das ist das Haus meiner Mutter.“
„Ich zeig’s dir. Ich hei;e Denis.“
Agnes’ Haus war von dichtem Laubwerk umgeben. Ihre h;bsche Mutter stand auf der Veranda des Wohnhauses. Das M;dchen sprang aus dem Auto und huschte an ihrer ;berraschten Mutter vorbei ins Haus. Kurz darauf kam sie wieder heraus, in Hose und Pullover, wei;en Turnschuhen und mit einer Tasche ;ber der Schulter.
„Mama, hallo! Ich erz;hl’s dir sp;ter!“, rief sie und verschwand wieder im Auto.
Das Gesicht ihrer Mutter verriet keine Regung. Sie beobachtete ihre Tochter interessiert und ging dann genauso ruhig ins Haus. Die Mutter freute sich still ;ber die R;ckkehr ihrer Tochter, aber irgendwie auch wie gel;hmt, als w;re sie von deren unerwarteter Ankunft wie erstarrt.
„Agnes, du hast Mama beigebracht, so abrupt aufzutauchen und zu verschwinden! Sie hat dich nicht mal gefragt.“ „Junge, ganz ruhig. Du hast deinen Mantel, aber ich habe meine Jacke vergessen! Mir ist schon warm, obwohl meine Turnschuhe nicht zu deinen Stiefeln passen.“
„Ich bin schon ein Mann! So hat mich noch nie jemand genannt! Ich bin gerade auf dem R;ckweg von einer Gesch;ftsreise! Ich muss jetzt arbeiten. Wo soll ich dich denn unterbringen?“
„Ich habe ein paar Wochen Urlaub, noch eine ganze Woche! Bring mich nach Hause und geh arbeiten.“
„Mir fehlen die Worte! Ich wohne nicht allein! Ich habe Vater und Mutter! Ich wohne bei meinen Eltern!“
„Das l;sst sich ;ndern. Wie viele Zimmer habt ihr denn?“
„Wir haben eine Vierzimmerwohnung.“
„Ich bin dann das vierte Zimmer! Glaubst du wirklich, ich lasse einen Kerl wie dich allein bei deinen Eltern? Niemals! Du geh;rst mir! Hast du keinen Bruder?“ „Gen;ge ich dir etwa nicht mehr? Ich habe keinen Bruder.“
„Ich m;chte wissen, wie gro; dein Erbe ist.“
„Wir sind da.“ „Das ist mein Haus, mein Erbe ist darin“, erwiderte der junge Mann. Drau;en vor dem Autofenster war ein pr;chtiges Wohnhaus zu sehen. Auf dem Parkplatz davor standen riesige Autos. Agnessa betrachtete das Haus, die Autos und den jungen Mann mit Respekt.
„Denis, dein Haus passt perfekt zu mir.“
„Agnes, passt es auch zu dir?“
„Absolut! Ich bin das Ebenbild deines Hauses.“
Die Mutter des jungen Mannes ;ffnete die Wohnungst;r.
„Guten Morgen. Sohn, wer ist denn da?“
„Ich werde deine Schwiegertochter!“, rief Agnes fr;hlich.
„Denis, stimmt das? Ist sie deine Verlobte?“
„Mama, k;mmer dich selbst um sie. Ich hatte keine Gelegenheit dazu“, erwiderte Denis und ging, um nach seiner Reise aufzur;umen.
„Ich hei;e Agnes und bin f;r eine Woche bei euch!“, platzte das M;dchen heraus.
„Wei; Denis davon? Kennt ihr euch schon lange?“
„Er wei; es nicht, aber er kann es sich denken. Wir kennen uns erst seit vier Stunden.“
„Mein Sohn war immer ein braver Sohn und hat nie M;dchen mit nach Hause gebracht.“
„Und ich bin selbst gekommen, um bei euch zu wohnen!“
„Ist doch klar! Aber da du nun schon mal hier bist, gebe ich dir ein Handtuch und zeige dir das G;stezimmer.“
Das G;stezimmer enthielt einen Kleiderschrank, ein Bett und eine Kommode mit Spiegel – alles in Wei;. Agnes setzte sich auf die Kante des einzigen Stuhls, musterte den Raum noch einmal, stellte ihre Tasche in den Schrank und holte ein kurzes Kleid und ein Paar Sandaletten mit Absatz heraus. Dann, nach kurzem ;berlegen, zog sie ihre Unterw;sche aus, seufzte und verlie; das Zimmer. Denis schloss gerade die Badezimmert;r.
„Denis, alles gut! Und du hattest Angst!“
„Ich habe immer noch Angst vor dir, Agnes.“ Agnes, in ihrem Kleid und den Sandaletten, sah recht h;bsch aus und rief mit ihrem Aussehen keinerlei Protest hervor. Ihre lackierten Fingern;gel wirkten nicht absto;end. Sie passten perfekt zu ihrer Pers;nlichkeit.
„Agnes, du siehst gut aus! Ich habe nicht gefragt, wo du studiert hast oder was du beruflich machst. Ich bin Ingenieurin und Managerin in einer Firma; ich arbeite im B;ro meiner Mutter.“
„Jetzt verstehe ich die Gelassenheit deiner Mutter.“ Denis' Mutter konnte nicht anders, als das Gespr;ch der beiden aus der K;che zu belauschen, w;hrend sie sich langsam von dem Anblick der fremden Frau erholte. Jetzt konnte sie das M;dchen besser sehen. Ihre Angst war verflogen, aber sie war immer noch nerv;s.
„Denis, du hast Gl;ck, so ein aufgewecktes M;dchen kennenzulernen“, sagte seine Mutter leise.
„Mama, ich bin immer noch ganz durcheinander von ihrem pl;tzlichen Auftauchen. Ich habe sie nicht einmal ber;hrt, und schon ist sie in unserer Wohnung.“
„Sie trauern, aber ich mag dich!“, sagte Agnessa und umarmte ihren Sohn und ihre Mutter.
„M;dchen, was willst du von uns?“, fragte Denis' Mutter niedergeschlagen.
„Ich verbringe eine Woche Urlaub mit dir und fahre dann nach Hause.“
„Das glaub ich nicht“, sagte Denis, nahm seine Aktentasche und ging zur Arbeit. Agnessa sah die traurige Frau an, ging ins Zimmer, schaltete den Fernseher ein und sah einen Werbespot ;ber eine Hellseherin, die von Wundern mit zwei seltsamen Diamanten erz;hlte, deren Energie das menschliche Leben verl;ngern k;nne. Sie schaltete den Fernseher aus, zog sich um und rannte mit ihrer Tasche aus der Wohnung. Dann ging sie zur Bushaltestelle und machte sich auf den Heimweg.
„Mama, ich bin wieder da!“, rief Agnessa von der T;r aus.
„Jetzt bist du also wirklich zur;ck, sonst w;rst du ja wie eine Motte mit einem neuen Kerl angeflogen.“
„Mama, ich mochte Denis. Er hat mich nach Hause gebracht.“
„Du h;ttest mit deinem Temperament zu Hause bleiben und deine Taschen nicht vergessen sollen.“
„Denis’ Mutter leidet wegen mir. Sie hat Angst vor mir.“
„Willkommen zur;ck, Tochter! Komm morgen zur Arbeit. Agnes, du hast so viel auf deiner Reise in den S;den geleistet, jetzt solltest du auch arbeiten gehen. Sie haben dich gehen lassen, also geh zur Arbeit. Wenn du weiter so heruml;ufst, bekommst du mit deinem auff;lligen Aussehen nur ;rger. Binde dir einen Pferdeschwanz, setz eine Brille auf, zieh einen dezenten Anzug an, dann erkennt dich niemand. Du solltest ins B;ro gehen.“
An diesem Abend hielt ein Auto vor Agnes’ Haus. Ein gutaussehender junger Mann in offenem Mantel stieg aus und trug einen Strau; Kirschrosen an sehr langen Stielen. Seine gl;nzenden Stiefel trugen ihn die Treppe hinauf. Er klingelte. Agnes’ Mutter ;ffnete die T;r.
„Agnes ist nicht da!“, sagte sie und be;ugte den jungen Mann neugierig.
„Wie kann ich sie finden? Wo kann sie nur sein?“
In diesem Moment hielt ein Auto vor, und Agnes stieg aus.
„Denis! Hallo! Weint deine Mutter immer noch, weil ich eure Ruhe gest;rt habe?“
„Nein, ich habe einen Vorschlag!“ Denis reichte Agnes einen Ring mit einem quadratischen Diamanten.
„Denis, ich bin besch;ftigt! Dein Topas ist ein M;nnerdiamant. Der ist mir zu klein!“
„Der Diamant wiegt Tausende von Karat, vielleicht sogar noch mehr! Habe ich das richtig verstanden, dass du nur gescherzt hast, als du sagtest, der Diamant sei klein?“ „Mama, magst du Denis?“
„Wird er mir ein neues Programm auf meinem Computer installieren?“
„Ich werde alles f;r dich tun“, versicherte der junge Mann der Frau.
„Okay“, und Agnes nahm die Rosen entgegen.
Kapitel 3. Auf der anderen Seite
Denis war kein Mustersch;ler, sondern ein Mann mit unb;ndigem Abenteuergeist. Er ;ffnete das Internet und las, dass die Stadt eines Milliard;rs an der K;ste niedergebrannt war. Er schloss die Augen wie eine Katze. Seltsame Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
In diesem Moment rief Apollo Denis an, als h;tte er seine Gedanken gelesen:
„Denis, ich muss los! Widersprich nicht! Lass uns fliegen. Mach dich bereit! Wir m;ssen heute noch ins Ausland.“
„Apollo, ich muss los! Ich kann nicht mitfliegen“, versuchte Denis zu protestieren und dachte an Agnes und ihr Treffen.
„Eine Stunde Zeit, um sich fertig zu machen. Keine Einw;nde. Du hast bestimmt ein Treffen mit Agnes. Denis, danke, dass du Agnes an der Grenze abgeholt hast. Ich habe das Auto abgeholt, mit dem sie vor mir geflohen ist. Ich warte in zwei Stunden am Flughafen auf dich. Zwei Pl;tze sind f;r uns reserviert.“ Und tats;chlich, zw;lf Stunden sp;ter befanden sie sich auf der anderen Seite der Welt. Sobald die Morgend;mmerung anbrach, machten sie sich in Rettungsuniformen auf den Weg, um unter dem Vorwand, nach ;berlebenden zu suchen, die Asche anderer Menschen zu durchsuchen. Apollo hatte pl;tzlich eine Karte der fremden Stadt vor Augen. Er wusste, wo die H;user ber;hmter Pers;nlichkeiten standen, aber er hatte noch nie zuvor in der Asche nach Diamanten gesucht. Denis folgte ihm mit missmutigem Gesichtsausdruck.
Apollo wiederholte immer wieder, dass der gesuchte Safe in einer Mauer versteckt sei, die in der Asche bleiben m;sse, und dass diese Mauer schneller gefunden werden m;sse als die anderen. Am Vortag hatte die Suche nach den Toten unter flie;endem Wasser stattgefunden, sodass die Glut ringsum noch glimmte, und er war bereits auf dem Weg zu seinem Traum vom Diamantenfund. Er kannte einen Diamantensammler, der in genau dieser Stadt lebte, und er wusste, wo dessen Haus stand! Aber wie man das Haus eines Diamantensammlers in der Asche finden sollte, konnte er sich nicht vorstellen.
Apollo blieb stehen, als er die Leute sah, und sagte: „Denis, denk mal nach! Du kennst dich doch mit dem Stadtplan aus! Wo, glaubst du, ist das Haus des Sammlers? Die Zeit dr;ngt, Fremde werden den Schatz nicht finden. Der Hausbesitzer war nicht da, habe ich geh;rt. Au;erdem tr;gt man Diamantensammlungen nicht einfach so mit sich herum, und nicht jeder bewahrt seine Sch;tze in Banken auf.“
– Der Sammler hat seine Sammlung wahrscheinlich in einer teuren Bank deponiert.
– Nein, mein Lieber, er hat den Schatz in der Bank deponiert, aber nur einen Teil davon, als Ablenkungsman;ver. Ich kann es riechen – ein Safe mit Diamanten in der Asche, der auf uns wartet.
– Du bist ein Unruhestifter, Apollon, auf Diamantensuche zu gehen, sogar ohne die Diamantenh;ndlerin Agnes. Sie h;tte die Diamanten in der Asche gefunden. Ich habe im Autoradio eine Sendung ;ber sie geh;rt, und dann habe ich sie erst kennengelernt, und du hast mir mit dieser Reise die Gelegenheit dazu genommen.
– Du hast recht, tausendmal recht. Agnes tut mir leid, dass ich sie gesch;ftlich mitgenommen habe. Ich wusste schon von ihr, bevor du es wusstest. Ich habe eine Fernsehsendung ;ber ihre ;bersinnlichen F;higkeiten gesehen, und als ich sie am Strand sah, bin ich sofort zu ihr gegangen! Und vergiss nicht, ich war es, der dich zu Agnes geschickt hat, als sie mit meinem Auto weggefahren ist! Ruf Agnes an! Sie wird zu dieser Asche herbeifliegen! Du brauchst mich hier ;berhaupt nicht, au;er um schwere Sachen zu tragen, und mit dem Safe werden sie uns schon aufhalten.
„Ruf an, ruf an, ohne sie gibt es kein M;rchen“, sagte Denis und pustete in seine Hand. „Morgen wird es hier weniger gl;hende Kohlen geben, und was f;r pr;chtige Villen standen hier einst! Und was ist mit ihnen geschehen … Apollo, da ist es – die Villa des Sammlers! Sieh mal, jemand war schon hier, sie haben schon nach dem Safe gesucht!“ „Ja, sie haben das ganze Wasser hier abgelassen – der Boden ist matschig. Und warum bauen sie hier so wackelige H;user? Reiche Leute, und ihre H;user sind wie Kartenh;user, was mich immer wieder erstaunt.“ Was f;r H;user bauen die hier eigentlich, wenn Tornados sie anheben und von einem Ort zum anderen wirbeln? Sieh mal, da ragt ein St;ck Mauer mit einem Griff heraus. Sieh mal, Denis, ein Tresor!
„Gut gefunden: Hier waren Leute, und der Tresor ist noch da.“
„Die Leute haben ein Feuer gel;scht, und wir suchen nach etwas, das wir aus Sammlerkatalogen kennen.“ Apollo und Denis versuchten, den Tresor aus dem Mauerfragment zu heben, aber es gelang ihnen nicht. Apollo versuchte das Schloss, doch der Tresor hatte sich offensichtlich verformt und lie; sich auch mit der Kombination nicht ;ffnen. Aha! Sie hatten schon versucht, den Tresor aufzubrechen, aber es war ihnen nicht gelungen, und sie konnten ihn auch nicht aus der Mauer entfernen! Die beiden Schatzsucher setzten sich wortlos auf das Mauerfragment und begannen, den Tresor zu untersuchen. Denis, mit einem L;cheln durch seinen ascheverschmierten Mund, schwieg. Zwei M;nner mit einem Schwei;ger;t n;herten sich ihnen und begannen wortlos, den Safe zu ;ffnen. Mehrere Geldscheine kamen zum Vorschein. Apollo jubelte freudig. Die beiden M;nner mit dem Schwei;ger;t sahen ihn ;berrascht an, nahmen das Geld und schoben das Ger;t auf Rollen weg.
„Apollo, alles super! Die kommen nicht wieder, wir k;nnen unsere Schatzsuche fortsetzen!“, rief Denis fr;hlich.
„Ich frage mich, was wir in diesen Ruinen finden k;nnen. Kannst du dir das vorstellen?“, fragte Apollo niedergeschlagen.
„Ganz einfach! Agnes fliegt hierher! Ich habe dir gar nicht gesagt, dass sie heute ankommt. Setz dich hier hin, ich bringe sie“, sagte Denis, winkte zum Abschied und ging zur Stra;e, wo mehr Menschen und somit mehr Autos unterwegs waren.
Denis stieg problemlos in ein Auto und fuhr zum Flughafen. Agnes war angekommen.
Denis hatte sie gebeten, in Trainingsanzug und dicksohligen Schuhen zu fliegen. Nach einer kurzen Besprechung fuhren sie eilig zu der Ruine. Vorsichtig musterte sie die ;berreste des Herrenhauses, die Nebengeb;ude, die Garage und den Pool, die mit verkohlten Tr;mmern ;bers;t waren.
„Jungs, ich bin froh, dass ihr mich hierher gerufen habt! Aber ihr h;ttet mich auch fr;her anrufen k;nnen, als das Resort noch intakt war! Okay, ich suche die Diamanten im Safe. Kommt bitte mit“, sagte Agnessa und betrachtete die zerst;rte Garage eingehend. Etwas war ihr aufgefallen, vermutlich weil ihre W;nde stabiler waren als die des Hauses, als h;tte jemand sie mit Brandschutzmittel behandelt.
Ja, die Garage war mit Ru; bedeckt, aber fast intakt; sie war lediglich von anderen Tr;mmern bedeckt. Agnessa ging auf die Garage zu und umrundete sie. Ihr erster Verdacht best;tigte sich: Die Garage war praktisch unversehrt. „Apollo, komm her. Wei;t du, wie man diese Wand – die T;r – anhebt?“
„Das Geheimnis des Tresors. Solche T;ren bauen wir nicht. Aber geh jetzt spazieren, meine Liebe, und ich versuche, eine L;sung und eine Antwort auf deine Frage zu finden.“
Agnesa ging auf Denis zu, und gemeinsam betrachteten sie den ramponierten Tresor und versuchten, die Tricks der Besitzer zur Aufbewahrung von Wertsachen zu ergr;nden. Pl;tzlich h;rten sie Apollos Ruf. Was er getan hatte, war unbekannt, aber die T;r war einen halben Meter hochgebogen. Die drei breiteten sich auf den sch;n verlegten Fliesen aus und begannen, in die Garage zu schauen.
Pl;tzlich wurden sie von einer Frage abgelenkt:
„Leute, wo schaut ihr denn hin?“
Sie drehten sich um; zwei stattliche M;nner standen ;ber ihnen, die Beine breitbeinig, die H;nde an ihren Maschinengewehren.
Agnesa erkannte es und antwortete:
„Wir haben einen Hund bellen h;ren und wollen ihn retten.“
Die M;nner winkten ihnen zu. „Apollon, Wache halten“, sagte Denis und folgte Agnesa unter das Garagentor.
Drinnen stand ein Auto. Alle Materialien und Gegenst;nde in der Garage waren feuerhemmend behandelt. Das war interessant. Eine ganze Garage stand inmitten der Ruinen teurer Villen; das konnten sie als Augenzeugen bezeugen.
„Denis, wenn es Diamanten gibt, dann sind sie in dieser Garage, ganz sicher.“
„Agnes, finde sie! Ich kann reden, aber ich kann sie nicht finden.“
Die Garage war innen mit feuerfesten Ziegeln ausgekleidet. Agnes ging an den W;nden entlang, betrachtete die Decke und dann das Auto – sie fand keine offensichtlichen Hinweise auf ein Versteck. Denis sah es ihr an, sagte aber nichts. Sie bat ihn, aus der Garage zu kriechen, und untersuchte den gefliesten Boden. Sie fand nichts Auff;lliges und stand v;llig verwirrt in der feuerfesten Garage. Agnessa hatte Angst; sie sp;rte, dass sie beobachtet wurde, obwohl niemand in der Garage war.
„Denis“, rief sie mit zitternder Stimme, „jemand beobachtet mich.“
Denis kroch in die Garage und suchte in jeder Ecke nach einem Guckloch. W;nde und Decke waren makellos, ohne jegliches Guckloch. Er n;herte sich dem Auto, ging um es herum und erkannte, dass es nie gefahren worden war, dass es gar kein Auto war, sondern nur eine Attrappe. Ihm lief es kalt den R;cken runter, er sp;rte, wie ihn jemand beobachtete. Denis riss die T;r auf, aber sie ging nicht auf. Die get;nten, verspiegelten Scheiben schienen ihn auszulachen. Er konnte das Lachen des Glases fast h;ren. Unheimlich. Denis kroch aus der Garage.
„Apollo, bist du mutig? Sieh dir das Auto an, und wir warten drau;en.“
Apollo kroch in die Garage, aber ohne aufzustehen, kroch er unter der T;r hervor:
„Ich kann nicht! Ich sp;re jemanden, der mich beobachtet, und er hindert mich daran, in die Garage zu gehen.“
„Genau, mir l;uft ein Schauer ;ber den R;cken. Lass uns ein paar Leute mit einem Schwei;ger;t rufen, die sollen die Garage aufbrechen und nach der Sammlung suchen“, schlug Denis vor.
„Nein, wir d;rfen nichts ;berst;rzen, wir m;ssen nachdenken. Ich habe solche Angst, dass ich gar nicht mehr klar denken kann“, sagte Agnes und zitterte. Ein Hund bellte keuchend in der Garage.
„Da ist ein Hund im Auto!“, rief Denis freudig.
„Hast du vielleicht eine Wasserpistole dabei?“, fragte Apollon.
„Ich habe Pfefferspray. Okay, mach dir nichts draus, ich gehe in die Garage.“ In diesem Moment brach ein riesiger Hund aus der Garagenwand. Agnes ging zu der Wand, aus der der Hund gekommen war. Sie hatte ein Loch, das von einer asbestbeschichteten Klappt;r verschlossen war. Sie hob die T;r an und erkannte, dass das nur ein sehr gro;er Hund geschafft haben konnte. Sie wagte es nicht, sich durch das Loch zu zw;ngen, und kroch unter dem Garagentor hindurch, das sich pl;tzlich hob. Die d;stere Stimmung in der Garage wich einem helleren, freundlicheren Raum. Der schwere Blick war verschwunden. Die Autot;r stand weit offen und gab den Blick auf die Hundeh;hle im Inneren frei.
Apollo grinste und sagte: „Zwei Geheimnisse gel;st, aber wo ist das dritte?“ „Apollo, sieh dir den Boden dieses Wagens an; da ist eine T;r zum Keller“, sagte Agnes.
„Agnes, du bist fantastisch! Da ist definitiv eine Luke zum Keller. Denis, du bist der Schlankste, also solltest du da runtergehen.“ Dieser Hund musste also dem Feuer im Keller entkommen sein.
Die Kellert;r, schr;g neben dem zweiten Stuhl, lie; sich in beide Richtungen ;ffnen, sodass sich der Hund darin bewegen konnte. Denis duckte sich, beugte sich vor und rutschte die Rampe hinunter in den Raum. Sobald seine H;nde den Boden ber;hrten, ging das Licht an. Der kleine Keller sah recht ordentlich aus. Denis rief Agnes. Sie stieg in den Keller hinab und sah ein Portr;t von sich selbst, das zwei Jahre alt war. Hinter dem Portr;t befand sich ein Geheimfach in der Wand. Darin lag eine leere, kirschrote Schachtel, die mit schwarzem Samt ausgekleidet war.
Agnes sah sich noch einmal im Raum um, setzte sich auf einen Stuhl und sagte:
„Das ist eine Autofalle. Wir m;ssen hier weg.“
Das Garagentor schloss sich. Das Licht ging aus.
Apollo stand auf und blickte hinaus aufs Meer. In Gedanken versunken, dauerte es einen Moment, bis er bemerkte, dass es in der Garage still war. Er drehte den Kopf zu den Garagentoren, aber sie waren fest verschlossen. Er ging auf das Hundeloch zu, aber auch dieses war fest verschlossen. „Wir sollten besser den Notarzt rufen“, dachte Apollo. Er wusste instinktiv, dass die Lage f;r die Menschen im Garagenkeller sehr ernst war. Er suchte nach ihnen, aber sie waren alle verschwunden. Stille herrschte inmitten des Feuers, das vom Wasser durchn;sst war.
Denis und Agnes sa;en in der Dunkelheit.
„Denis, wir sitzen in der Falle!“, rief ich. „Ich sehe einen Eimer mit Trockenfutter und einen Eimer mit Wasser, aus dem Wasser in einen Trinknapf tropft. Das sollte uns eine Weile ;ber Wasser halten.“
„Agnes, ich bin kein Hund und esse kein Hundefutter.“
„Wei;t du, Liebes, du hast keine Wahl. Du musst einen Weg finden, die Kellert;r zu ;ffnen. Wenn du es wissen willst: Ich habe den Stuhl, auf dem ich sitze, gesp;rt. Ich wette, da ist eine Eisenkiste darunter, vielleicht ein Tresor.“
„Du bist ein taffes M;dchen! Wenn du auf etwas sitzt, sind da bestimmt Diamanten so gro; wie Waln;sse drin! Und ich liege auf der Rutsche, die wir in den Keller runtergerutscht sind, und ich sp;re nirgends Diamanten. Und au;erdem, was macht Apollo da oben – unser Anf;hrer? Er soll uns doch retten.“
„Denis, h;r auf zu reden, kletter die Rutsche hoch und versuch nochmal, die T;r zu ;ffnen.“ „Ich hab versucht, die T;r zu ;ffnen, aber ich konnte nicht. Es ist zu dunkel hier drin, v;llig abgeschottet von L;rm, Licht, Feuer und Wasser. Das ist einfach nur so ein Bunker!“
„Und wenn es ein Bunker ist, muss es eine Verbindung zur Au;enwelt geben. Diese Verbindung hat kein Hund hergestellt. Lass Apollo den Hund finden, dann wird er uns retten. Ich habe das Schloss an der Metallbox gesp;rt. Denis, komm her und versuch, sie zu ;ffnen.“
„Ich kann dich nicht sehen.“
„Ich singe, und du folgst der Stimme. Dann kannst du den Code des Schlosses aus dem Klang ableiten.“
„Bring mir nichts bei, ich bin ein Experte f;r Schl;sser.“
„Dann wird es dir nicht schwerfallen, auf Hundefutter umzusteigen“, sagte Agnes in die Stille hinein. Apollo n;herte sich der Garage und untersuchte die T;r, aber sie schien zu klemmen, zumindest sollte sie das. Die T;r war bis auf den letzten Spalt geschlossen. Er begann, alle Erhebungen an der T;r zu dr;cken, in der Hoffnung, den Knopf zu finden, der sie ;ffnen w;rde. Wenn es ein offensichtliches Schloss gegeben h;tte, h;tte er sie ge;ffnet, aber er konnte nichts entdecken, was einem Schloss ;hnelte. Er konnte sich nicht erkl;ren, wie er die T;r beim ersten Mal hatte hochbekommen, oder ob der Hund sie schon angehoben hatte. Aber wo sollte er den Hund finden?
Eine unheilvolle Stille senkte sich ;ber das Meeresufer.
Apollo schauderte und verga; die Leute im Keller. Er ging um die Garage mit ihren ru;geschw;rzten W;nden herum und schleppte verschiedene Gegenst;nde zusammen, um eine Leiter zu bauen. Er kletterte ;ber die Tr;mmer aufs Dach, wo er in der Mitte ein Rad entdeckte. Als er n;her kam, bemerkte er einen Regenwasserablauf, der von einem Filter verstopft war, der verhindern sollte, dass gr;;ere Gegenst;nde hineingelangten. Er setzte sich auf das Rad und sp;rte, wie die Garage bebte. Er stand auf und sah die T;r, die sich vollst;ndig ge;ffnet hatte. Schnell kletterte er herunter, rannte in die Garage und sah die verschlossene Kellert;r. Apollo fand ein ;hnliches Rad auf dem Autodach und ;ffnete damit die Kellert;r ohne Schl;ssel. Agnes kam als Erste heraus. Denis folgte ihr. Er hielt einen schwarzen Ball in der Hand. Wortlos gingen sie auf eine ziemlich verlassene Stra;e zu. Eine Minute sp;ter schloss sich das Garagentor. Bulldozer und ;hnliche Baumaschinen fuhren die Stra;e entlang. Der Brandherd war erkaltet, und ganze Bautrupps r;ckten dorthin aus. Deshalb waren keine Menschen oder Autos zu sehen – jeder wusste etwas, was die drei nicht wussten. Sie verlie;en die Stra;e und fuhren Richtung K;ste. Am Ufer hatten die drei mehr Gl;ck; sie bestiegen ein Boot und fuhren zum Hotel.
In ihrem Zimmer ;ffnete Denis die schwarze Kugel. Darin fand er einen Gummiball. Er schnitt ihn auf und entdeckte eine Plexiglaskugel. Agnes drehte die Kugel, und in ihren H;nden hielt sie einen Diamanten, genauer gesagt, einen brillantgeschliffenen Diamanten von der Gr;;e einer Walnuss. Seltsame Gedanken erschienen vor ihrem inneren Auge:
„Magst du mich? Welch ein Wunder inmitten von Schutt und Spiel. Wir lieben das Leben, selbst einen Schilling. Es gibt Tiere, die unter Menschen leben …“
Im Flugzeug fragte Agnes Apollo:
„Apollo, wir haben also alle nach diesem besonderen, walnussgro;en Diamanten gesucht? Daf;r haben wir all die Zeit und das Geld ausgegeben? Was ist so wertvoll daran?“
„Agnes, ja, wir haben nach diesem besonderen Artefakt gesucht. Aber die Suche ist noch nicht vorbei; irgendwo wartet eine weitere Walnuss auf uns, oder besser gesagt, ein gew;hnlicher Diamant von ungew;hnlicher Gr;;e. Und wir werden ihn ganz bestimmt finden. Der Herr der Berge hat dir und mir eine Aufgabe gegeben: Finde zwei gro;e Diamanten von der Gr;;e einer Walnuss. Wozu braucht er sie? Wenn du die Diamanten in deinen Handfl;chen h;ltst und ihr Licht gen Himmel richtest, dann wird Gott dir im Gegenzug 50 zus;tzliche Lebensjahre schenken.“
„Oh, wo warst du denn? Also, lege dieses eine Wunder in deine Handfl;che, zeige es Gott, und du wirst 25 zus;tzliche Lebensjahre erhalten.“ Du hast genug. Hast du mich etwa an den Bergmeister verraten? Deshalb hast du mich also auf den Gipfel gebracht?
„Agnes, wie es der Zufall will, bist du jetzt bei mir. Stell dir nur vor, was h;tte ich 25 Jahre lang ohne dich tun sollen?“
Agnes war ;bergl;cklich, denn erst ein paar Tage waren vergangen, und sie hatten bereits einen Diamanten von der Gr;;e einer Walnuss! Wie hatte sie es nur geschafft, die Abenteurer Denis und Apollon kennenzulernen? Oder waren sie ihr vorgestellt worden? Aber dar;ber wollte sie nicht nachdenken.
Denis ergriff als Erster das Wort:
„Liebe Freunde, wir haben die Aufgabe f;r den Bergmeister erf;llt, der keinen Spa; versteht. Seid nicht ;berrascht, wir drei haben nur eine Aufgabe: ein Artefakt finden. Ich bringe es dem Bergmeister pers;nlich, und ihr k;nnt euch eine Pause g;nnen.“ Und nach der Reise kehre ich zur Arbeit zur;ck…
Ja, Agnessa erhielt den Auftrag nach nur einer Reise…
Kapitel 4. H;henflug
Denis setzte seine Suche fort, sprach den Hubschrauberpiloten an und fragte ihn:
„Wann startet der Flug zu den Berggipfeln?“
„Nach der vom Konstrukteur entworfenen und auf Papier festgehaltenen Idee haben sorgf;ltige Arbeiter den H;henhubschrauber zusammengebaut. Er ist nun flugbereit. Die Piloten tragen neue Lederkombis; es wurde eine neue Pilotenbekleidung entwickelt, die die Bewegungsfreiheit nicht einschr;nkt. Wir haben Lebensmittel und Wasser f;r zwei Wochen. Die Kommunikation wurde ;berpr;ft.“
„Entschuldigen Sie, aber was hat die Hubschrauberbesatzung in den Snowy Mountains vor? Was ist der Zweck Ihres Fluges?“, fragte Denis eindringlich.
„Man munkelt, dass es auf dem Snowy Mountain Trockeneis gibt, und wir werden es schmelzen.“
„Sie weichen meiner Frage aus.“ Der Berg ist unbewohnt, bietet keinerlei Annehmlichkeiten und ist f;r Erholung ungeeignet. Und eigentlich ist er gar kein richtiger Berg, sondern ein alter Vulkan.
— Ja, da stimme ich zu, jeder Ort auf der Erde ist besser als der Schneeberg.
— Entschuldigen Sie, aber wozu brauchen Sie diesen Gipfel?
— Was meinen Sie mit „wozu“? – Der Pilot konnte nicht widerstehen. — In den Bergen wurden Diamanten entdeckt, in uralter Lava.
— W;re es nicht einfacher, Diamanten im Boden abzubauen?
— Dann ist alles am Boden unter Kontrolle, und all unsere Diamanten befinden sich in den Bergen!
— Vielleicht sind Sie ja wirklich bereit f;r den Flug, und das hat seinen Grund. Haben Sie keine Angst vor der langen Reise und dem rauen Klima?
— Solange es keine Konkurrenz gibt! Bergdiamanten sind h;rter als die auf der Erde.
— Wer zwingt Sie, Diamanten so hoch in den Bergen abzubauen?
— Meine Frau zwingt mich dazu! Meine geliebte Frau, die nicht viel Geld hat, l;sst mich nicht an sich heran, aber in zwei Wochen bin ich bei ihr!
— Vielen Dank f;r das Interview. sagte Denis und betrachtete den neuen H;henhubschrauber mit gro;em Respekt. Er wusste, der Pilot w;rde sich an die letzte Frage erinnern, nicht an seine Frage nach dem Zweck des Fluges. Ohne den Hubschrauber zu verlassen, rief Denis seinen Freund Apollo an. Apollo kicherte:
„Wir holen die Diamanten ab, wenn der Hubschrauber von den Bergen zur;ckkommt. Wollen wir wirklich selbst so hoch fliegen? Denis, du bist ein guter Junge, du hast das super gemacht.“
Der Hubschrauber erreichte den Gipfel der Snowy Mountains und landete mit bemerkenswerter Erfolg. Die Besatzung betrat das Plateau; alle Schritte f;hlten sich leichter an, doch das Atmen war ungewohnt. Die neue Ausr;stung behinderte ihre Bewegungen in den Bergen nicht. Mit den Handschuhen konnten sie kleine Gegenst;nde aufheben. Der Hubschrauber beschleunigte deutlich, w;hrend sie den Berg hinaufstiegen. Der Navigator rief freudig:
„Trockeneis! Es glitzert, und es sieht aus wie glitzernder Schnee!“
Als sie sich der Eismasse n;herten, entdeckte die Besatzung glitzernde feste Gegenst;nde. Sie hoben gl;nzende Kieselsteine auf, die sich als kirschgro; herausstellten; etliche davon waren im Eis eingeschlossen.
„Wie sind die Diamanten in die Eisader gelangt?!“, fragte der Pilot.
„Das Eis war einst Wasser, und die Diamanten wurden aus uralten Lavaschalen ausgewaschen“, antwortete der Navigator. Die Besatzung des H;henhubschraubers hatte Diamanten praktisch an der Oberfl;che der Snowy Mountains gefunden. Die Diamanten mussten aus dem Eis gewonnen werden. Dies war vermutlich der gr;;te Lavastrom in der fernen Vergangenheit der Erde. Eine Taschenlampe mit au;ergew;hnlich hellem Lichtstrahl lag in der Hand des Piloten und leuchtete gehorsam dorthin, wo er sie hinrichtete. Die Hubschrauberbesatzung legte keine Pause ein und begann sofort mit dem Einsammeln der Diamanten. Die Abgesandten des Meisters der Berge warteten noch nicht am Fu;e des Berges auf sie.
Denis h;rte ;ber seine Kopfh;rer, dass die Diamanten geborgen worden waren. Er hatte w;hrend des Gespr;chs des Piloten ein Abh;rger;t im Hubschrauber platziert. Ein strenger Frost hatte die Natur heimgesucht, doch er hatte es nicht bemerkt. Die K;lte raubte ihm den Atem, als er gegen den Wind ank;mpfte. Selbst ohne Reisen zu anderen Planeten gibt es immer wieder unerwartete Ph;nomene in der eigenen Heimat. Der Schnee knirschte unter seinen F;;en und glitzerte.
Denis ging weiter und dachte, dass die Juwelen am besten au;er Reichweite aufbewahrt werden sollten. „Manchmal ist es besser, mit einem Lichtstrahl zu reisen als mit einem Menschen“, dachte Denis, w;hrend er mit der Taschenlampe hinter dem Aktenkoffer des Piloten herstapfte. Er betrachtete den Lichtstrahl der Taschenlampe und erfand eine kleine Geschichte dazu. Ein Lichtstrahl ist lautlos. Ein Lichtstrahl wird niemals gebrochen, aber er kann sich beim ;bergang von einem Medium in ein anderes brechen. Der stolze Lichtstrahl glitt ;ber das eiskalte Wasser, ungehindert vom Eisloch; er konnte in die Tiefen der K;lte eintauchen.
Der Schnee glitzerte vor K;lte und bemerkte den Strahl nicht, der ;ber das Wasser wanderte. Der Schnee war so funkelnd und stolz auf seine Bedeutung, sein undurchdringliches Wei;, dass er nicht mit dem Lichtstrahl kommunizieren konnte. Der Strahl f;hlte sich beleidigt und brannte ein kleines Loch in den Schnee. F;r den Schnee war es wie ein Nadelstich. Beide trennten sich, unzufrieden miteinander. Der Strahl ging im Glitzern des Schnees verloren; niemand bemerkte ihn einfach. Dann beschloss der Strahl, in den Kern des Lasersystems einzudringen. Seine Kraft war so gro;, dass er beim Durchgang durch das Prisma ein Muster hinterlie;, wie das Muster, das ein flacher Stein im Wasser hinterl;sst. Dem Strahl gefiel dies. Stolz erschien der Strahl in einem der Prismen des Lasersystems und durchdrang den Rubin.
Der fr;hliche Lichtstrahl machte sich auf die Suche nach Gl;ck. Als er eine gew;hnliche Stra;enlaterne erblickte, bemerkte er so viele Strahlen darin, dass er beschloss, nicht hineinzugehen. Der Strahl erkannte, dass er nachts besser sichtbar war als tags;ber und seine Bedeutung dadurch enorm zunahm. Tags;ber gab es so viel Sonnenlicht, dass er wie ein Sandkorn in der W;ste war, unsichtbar f;r alle. Dem Strahl gefiel seine Wichtigkeit in dunklen R;umen, wo er sofort ins Auge fiel; er durchdrang den Raum wie ein Faden, so stark, dass man Spielzeug daran aufh;ngen und ihn dann mit geschlossenen Augen mit einer Schere durchschneiden konnte.
Ja, es war ein wunderbares Gef;hl, ein wichtiger Lichtstrahl in der Dunkelheit zu sein. Der Lichtstrahl bemerkte auch, dass er doppelt erscheinen konnte, wenn er von einem Spiegel oder einer Wasseroberfl;che reflektiert wurde. Er am;sierte sich ;ber sein Spiegelbild, und wenn er direkt hineinsah, verwandelte er sich in einen Punkt, der ihm nicht gefiel. Und so setzte der Strahl seine Reise durch den Raum fort. Er folgte den Scheinwerfern eines Autos, erhellte die dunklen Stra;en und erreichte schlie;lich den Bahnhof. Gro;e Z;ge standen in der N;he, Lokomotiven fuhren davor, ihre Scheinwerfer durchdrangen die Dunkelheit der Nacht.
Der Strahl richtete seinen Blick zum Himmel. Die Sterne – wie weit entfernt? Wie konnte er sie erreichen? Der Strahl prallte immer wieder ab, erreichte die Sterne aber nicht. Er leuchtete wie ein d;nner Lichtfaden, doch niemand bemerkte es. Der Strahl blickte zu den fernen Lichtern der Stadt und flog auf sie zu. Er sehnte sich nach Licht, nach viel Licht. Auch andere Strahlen sollten dort leuchten, doch er mochte es nicht, der einzige Strahl in der Dunkelheit der Nacht zu sein.
Der Strahl wollte Publikum. Er bemerkte, dass viele Strahlen hinter Glas verborgen waren und matt und schwach leuchteten, doch sie wirkten ruhig. Ein Strahl versteckte sich hinter der get;nten Scheibe eines Autos und leuchtete in den Innenraum; niemand blinzelte, niemand bemerkte ihn. „Interessant“, dachte der Strahl, „so kann ich mich verstecken, wenn n;tig.“ Pl;tzlich bemerkte er, dass das Auto, durch dessen Scheiben er geschaut hatte, vor dem Theater hielt. Vor dem Theater bildeten sich kleine Menschengruppen, die dann schnell wieder im Inneren verschwanden. Der Lichtstrahl folgte ihnen in den Zuschauerraum. Das Licht der riesigen Kronleuchter an der Decke dimmte und tauchte den Saal in Halbdunkel. Der Strahl zuckte, und die Leute begannen, ihn verstohlen anzusehen, als wollten sie fragen, was er da eigentlich ausstrahlte.
Zum Gl;ck regneten helle Lichtstrahlen aus allen Richtungen auf die B;hne. Der einzelne Strahl verschwand. Das Publikum blickte in Richtung der Scheinwerfer. „Die Strahlen sind also schlauer als die Menschen, da sie gehorsam in Richtung des Lichts blicken“, dachte der Strahl und schwebte aus dem Saal. Auf der Hauptstra;e holten unz;hlige Autos den Strahl mit ihren Scheinwerfern ein. Der Strahl beschloss, das h;chste Geb;ude zu erklimmen, um den unergr;ndlichen Sternen n;her zu sein. In der weiten, dunklen Nacht lag die Stadt erleuchtet von ihren Stra;en und den wenigen Fenstern ihrer H;user.
Jenseits der Stadt vertiefte sich die Dunkelheit. Die Sterne schienen n;her. Der Strahl prallte ab und blieb stehen. Der Schnee auf dem Dach des Hauses glitzerte schelmisch; er streckte sich nicht nach den Sternen, er glitzerte einfach nur, und das war alles. Der Strahl kannte den Schnee und stritt sich nicht mit ihm dar;ber, wer heller war. Auch ohne ihn gab es unz;hlige Schneeflocken, die im Dunkel der Nacht glitzerten, erleuchtet vom Schein der Lichter. Der Lichtstrahl senkte sich zum Boden. Ein einsamer Passant streckte seine Hand nach dem Strahl aus. Der Strahl nahm die ausgestreckte Hand an. Die Hand dr;ckte den Knopf einer hellen Taschenlampe. Der Strahl verbarg sich und schlief ein, tr;umend von Edelsteinen und Diamanten, mit denen es so sch;n zu spielen war. Der Lichtstrahl der Taschenlampe traf das Cockpit des Hubschraubers, in dem sich Menschen befanden. Die Dunkelheit der Nacht, durchschnitten vom Hubschrauber und dem Lichtstrahl der Taschenlampe, erwachte zum Leben.
Denis setzte eine Gasmaske auf, und als die Besatzung aus dem Cockpit kam, h;llte er sie in Schlafgas ein. Die M;nner w;rden noch gebraucht werden, aber im Moment waren ihm die Diamanten wichtiger. Er riss dem schlafenden Piloten den versiegelten Beh;lter aus der Hand, stieg in ein Gel;ndefahrzeug und verschwand. Die Retter entdeckten die Hubschrauberbesatzung erst eine Stunde sp;ter und waren ;berrascht, sie schlafend vorzufinden, nachdem sie gerade erst aus dem Cockpit gekommen waren. Der Meister der Berge wusste, dass Agnes' Team dahintersteckte und war sich fast sicher, dass die Diamantwaln;sse nicht auf dem Gipfel der Schneebedeckten Berge gefunden worden waren.
Einige Zeit sp;ter sa;en Agnes und Denis in Liegest;hlen an einem traumhaften Strand. Das hei;e Land auf den s;dlichen Inseln lebte noch immer. Oder wurde es etwa zum Atmen angeregt? Die Inseln erstreckten sich in den warmen Wellen des Ozeans. Palmen wiegten ihre Wipfel. Urlauber aus aller Welt kamen auf die Inseln. Touristen aus dem hei;en Land sonnten sich das ganze Jahr ;ber.
Agnes legte sich unter dem azurblauen Himmel auf den sauberen Sand. Sie war traurig, dass sie schon wieder einen Tag damit vergeudete, nach einem Diamanten von der Gr;;e einer Walnuss zu suchen. Ihre Haut hatte eine goldene Br;une angenommen, und sie selbst wurde zum Objekt der Begierde eines gutaussehenden Mannes namens Denis. Sie beschloss, dass sie cool war und auf die Inseln gekommen war, die von einem traumhaften Ozean umsp;lt wurden. Denis kaufte sich eine Per;cke statt eines Sonnenhuts, damit ihn die anderen Urlauber nicht erkannten.
Nachdem Apollo die Bergdiamanten dem Herrn der Berge ;bergeben hatte, kehrte er nach Hause zur;ck und fand Agnes nicht vor. Ja, er fand die Frau seines Herzens nicht! Apollo fragte Agnes' Mutter am Telefon:
„Entschuldigen Sie, k;nnten Sie mir sagen, wo Agnes jetzt ist?“
„Agnes ist gerade im hei;en Land. Sie hat zu viele Sendungen ;ber den letzten Helden gesehen und ist auf die Inseln unter dem azurblauen Himmel gefahren.“
„Danke!“, sagte Apollo und f;gte leise hinzu: „Ich werde ihr auf den Inseln eine ordentliche Portion Teufelszeug verpassen.“ Ohne zu z;gern, kontaktierte Apollo ;ber seine Kan;le das hei;e Land, das sonnige Herz des Planeten, und erfuhr, dass Agnes die Frau eines harten Kerls geworden war. Die azurblaue Insel ihrer Liebe lag inmitten einer Inselkette, die sich von Norden nach S;den erstreckte. Die Inseln hatten auf der einen Seite goldene Sandstr;nde und auf der anderen Seite ein buntes Durcheinander von Str;nden, wie die Gassen einer Stadt. Apollo hatte eine Idee: Er wollte seine Geliebte schockieren, damit sie es nicht wagte, ohne ihn in die sonnigen Gefilde zu reisen. Seit seiner Jugend hatte er Missionen in diesem Teil des Planeten durchgef;hrt und die Inseln stets in seiner N;he. Er beschloss, einen kleinen Tsunami auf der kleinen Insel auszul;sen.
Ein U-Boot des Herrn der Berge befand sich in K;stenn;he; Taucher stiegen regelm;;ig mit einer kleinen Ladung aus dem versiegelten Abteil. Die Hauptladung wurde gegen;ber der Insel platziert, auf der sich Agnes befand. Die Taucher waren so begeistert von ihrer Arbeit, dass sie eine Welle erzeugen wollten, die alle Inseln erreichen w;rde. Der Herr der Berge war von der Idee v;llig angetan, und die Taucher erhielten die Erlaubnis, die gef;hrliche Fracht entlang der gesamten Inselkette zu verteilen. Die Vorfreude auf das bevorstehende Spektakel fesselte die U-Boot-Besatzung, w;hrend sie langsam an den Inseln entlangfuhr und so die Arbeit der Taucher erleichterte. Alle installierten Unterwasserbomben wurden automatisch gesteuert. Nachdem die gesamte gef;hrliche Ladung an den Inseln abgeladen war, verlie; die U-Boot-Besatzung, im sicheren Glauben, ihre Mission erf;llt zu haben, die K;ste und brachte sich in Sicherheit. Nun musste nur noch der Meister der Berge den Knopf dr;cken und die Bomben z;nden.
Bevor er die Druckwelle ausl;ste, warf Apollo noch einen letzten Blick auf Agnes. Das junge M;dchen lag mit ihrem Partner Denis im Sand und vergn;gte sich pr;chtig. Das beunruhigte ihn sehr, und er berichtete dem Meister der Berge, was er gesehen hatte. Agnes lag, anstatt nach den Diamanten zu suchen, von denen das Leben des Meisters der Berge abhing, am Strand!
Apollo ging zum U-Boot und dr;ckte den Knopf am Bedienfeld der Unterwasser-Sprengstoffwolke. Das U-Boot tauchte steil in die Tiefen des Ozeans hinab, obwohl es bereits weit vom Ufer entfernt war – man wei; ja nie. Die erste Explosion ereignete sich gegen;ber der Insel, auf der Agnes Urlaub machte. Dann ersch;tterte eine Kettenreaktion die Sprengstoffwolke. Das Unterwasserreich erwachte zum Leben. Eine Felsplatte verschob sich und bildete eine hunderte Kilometer lange Senke, in der eine gigantische Welle entstand. Diese Welle, mit ihrer gesamten H;he von zwanzig Metern, brach an Land.
Was war daran so besonders? Es war doch nur Wasser, eine Welle. Niemand trug die Schuld. Der Planet war schuld; es war die Verschiebung der Unterwasserplatten in seinem Inneren. Aber wer h;tte ahnen k;nnen, dass der Tsunami so gewaltig sein w;rde! Hundertf;nfzigtausend Menschenleben und ein M;dchen verschwanden in den Wellen eines warmen und angenehmen Ozeans. Oder etwa nicht? Der aufmerksame Denis schien die Gefahr vorausgesehen zu haben; ein paar Minuten bevor die Welle eintraf, brachte er Agnes in einem Jeep zum Flughafen. Doch um ehrlich zu sein, war er wegen Agnes' Sicherheit vor der Gefahr gewarnt worden, von der das unsterbliche Leben des Herrn der Berge abhing. Die Reisenden kehrten vom Schiff zur;ck, um am bevorstehenden Ball teilzunehmen.
Der Herr der Berge beschloss, die Bergdiamanten auf dem Ball der ;ffentlichkeit zu pr;sentieren. Er dachte, die Herrin der Berge selbst solle in einem Diamantkleid erscheinen.
Apollo setzte den Plan des Herrn der Berge um und sagte zu Agnes:
„Agnes, du musst ein Kleid n;hen, an dem Diamanten befestigt werden, sehr gro;e Diamanten. Der Stoff muss sch;n sein, aber an den N;hten leicht rei;en k;nnen, die F;den m;ssen sehr fein sein. Oder wir m;ssen uns einen anderen Verschluss ausdenken.“
„Warum so d;nn an den N;hten?“
„Zur Sicherheit. Das Kleid wird ein Verm;gen kosten, und es k;nnte n;tig sein, es schnell wieder auszuziehen.“
„Ich habe Angst vor diesem Kleid!“
„Das Kleid ist f;r die Herrin der Berge bestimmt. Du bist Einheitsgr;;e.
Du wirst das Kleid nur bei der Pr;sentation der Bergdiamanten tragen.“ Der Herr der Berge sagte zu Agnes:
„Du wirst der besten Tanzkompanie beitreten und lernen, in einem Kleid zu gehen, sodass niemand deine Schritte sieht! Unsere Schneiderin wird dein Kleid n;hen; wir brauchen keine weiteren Helfer.“
Die wei;-goldenen T;ren des Festsaals ;ffneten sich. Ein schillerndes Funkeln erstrahlte im T;rrahmen. Agnes schritt geschmeidig, fast unsichtbar, in den Saal. Die ungekr;nte K;nigin funkelte mit Tausenden von Diamanten, die ;ber ihr Kleid verstreut waren. Ihre Diamantschleppe hing noch im T;rrahmen, als sie den Saal betrat. Der Gang einer T;nzerin des ber;hmten Ensembles, dem sie erst seit wenigen Tagen angeh;rte, schm;ckte sie hundertfach.
„G;ttliche Agnes“, fl;sterte es durch den Saal.
Ihr ;ppiges Haar, wie eine seidene Schar, umrahmte das sch;ne und intelligente Gesicht des M;dchens.
„Oh-oh-oh!“, ert;nte ein unwillk;rlicher Ausruf aus dem Publikum.
„Meine Liebe, du bist bezaubernd!“, rief der Herr der Berge und fuhr fort: „Meine Herren, vor Ihnen ist ein Neuzugang – die Diamanten der Schneebedeckten Berge!“
„Wunderbar!“, rief Tatjana, Agnes’ Freundin, mit einem diamantbesetzten Schal ;ber der Schulter.
Tatjana sah wundersch;n aus, wirkte aber im Vergleich zu Agnes etwas blass. Sie wurde eingeladen, die Bergdiamanten im Neonlicht zu betrachten. Der Tisch empfing die G;ste mit dem Glanz der Speisen. Alles auf dem Tisch war gl;nzend und wei;: das Speiseservice, die undurchsichtigen Gl;ser mit Glitzer, der wei;e Fisch, der Wei;wein in Flaschen mit silbernen Etiketten, die Vorspeisen, das Eis, die Kuchen – alles sah aus wie schneebedeckte Berggipfel.
„Meine Liebe, alles ist leicht, alles ist f;r dich!“, sagte der Herr der Berge.
Eine S;ngerin in einem strahlend wei;en Gewand erschien auf der schneewei;en B;hne. „Prinz Silber“, verk;ndete Apollo.
Zwei Schritte hinter der S;ngerin stand eine kleine S;ngerin und versuchte zu singen.
„Bringt sie zum Schweigen!“, flehte Agnes.
Die S;ngerin wurde sofort an den Ellbogen von der B;hne gezogen. Das Konzert st;rte das Essen nun nicht mehr. Die S;ngerin baute die Worte „Agnes“ und „Herr der Berge“ in fast jedes Lied ein, was den Applaus der gelangweilten G;ste hervorrief.
Apollo, in einem schwarzen Anzug und mit einem Diamanten in der Krawatte, sprang auf Agnes zu und forderte sie zum Tanz auf. Sie n;herten sich der B;hne und stellten Prinz Silber unwissentlich in den Schatten. Apollo bewegte sich ;berraschend elegant neben Agnes.
Wei;e Girlanden, wei;e Kugeln und wei;e Weihnachtsb;ume funkelten, doch noch strahlender war das Kleid von ;berirdischer Sch;nheit. Der Herr der Berge, mit einer gewaltigen Kette um den Hals, an der eine Plakette mit einem gro;en schwarzen Diamanten hing, sa; pomp;s da, zufrieden mit allem. Es war ihm gelungen, sich die Diamanten aus den Bergen vorzustellen. Es k;mmerte ihn nicht im Geringsten, dass die Hubschrauberpiloten leer ausgegangen waren. Was z;hlte, war, dass Agnes mit Diamanten funkelte. In Momenten des Triumphs versp;rte der Herr der Berge das Verlangen, eine Frau zu lieben; er freute sich bereits auf eine Liebesnacht mit der Ballk;nigin. Eine erotische Finsternis ;berkam ihn. Der Preis der Nacht war ein Schwall von Diamanten.
Wenn die letzten K;nige Ballerinen geliebt hatten, so beschloss der Herr der Berge, dass sich irgendwo in der N;he eine T;nzerin befand, doch sie war sch;ner als eine Ballerina, und ihre Proportionen waren schlank, aber nicht klein oder d;rr. Die Liebe wurde von einem Mann diktiert. Er ;berlegte noch, ob er sie lieben sollte oder nicht, und er nahm Ablehnungen nicht leicht; die W;nsche einer Frau waren ihm v;llig gleichg;ltig. Doch Agnes zog ihn magisch an. Der Herr der Berge wollte das Kleid nach der Pr;sentation der Herrin der Berge pers;nlich ;berreichen.
Agnes war es nicht gewohnt, in Unterw;rfigkeit zu leben, aber nun hatte sie keine Wahl, und in letzter Zeit stand sie st;ndig unter Bewachung. So wurde ihr befohlen, dieses diamantbesetzte Kleid zu tragen. Wie sehr sie Diamanten an sich f;rchtete! Sie liebte Kleider; sie wurden ihr nach Hause gebracht, und Schneiderinnen kamen zu ihr nach Hause. Alle ihre Massagen wurden zu Hause arrangiert. Sie weigerte sich, in einem Diamantkleid zum Ball zu gehen. Aber wer w;rde ihr schon zuh;ren! Der Herr der Berge hatte es so befohlen! Es musste so sein. Jenseits der Mauern des strahlend wei;en Festsaals stand eine Menschenmenge in dunkler Kleidung.
„Wir greifen die Leute im Saal nicht an; lasst sie nach drau;en gehen, wir zerstreuen uns und beobachten!“, rief der Hubschrauberpilot. „Wir bringen Agnes im Diamantkleid fort; den Rest brauchen wir nicht. Wir m;ssen Tatjana den Schal abnehmen, aber lasst sie in Ruhe!“, rief der Navigator des H;henhubschraubers.
Das Abendessen endete mit dem Gesang von Prinz Serebrjany. Die Wachen stellten sich in zwei Reihen auf. Agnes passierte die improvisierte Wachenreihe und ging zu dem riesigen Fahrzeug. Und in diesem Moment passierte etwas Unerwartetes. Eine solche Menge fremder Leute tauchte wie aus dem Nichts auf, dass niemand verstand, was vor sich ging. Tatjana, mit blonder Per;cke, stieg in den Hubschrauber. Ihre Diamanten funkelten nicht unter ihrem Zobelpelzmantel, und die Wachen hatten ihr bereits den Schal abgenommen, ohne es sofort zu bemerken.
Agnes wurde federleicht durch die Menge getragen und in den H;henhubschrauber gesetzt. Nur ihr Kleid funkelte in den Augen der Anwesenden mit einem Glanz, den sonst niemand sah. Die Besatzung des H;henhubschraubers ;bergab das Diamantkleid dem Herrn der Berge, was ihn sehr erfreute. Agnes kehrte ohne das Diamantkleid nach Hause zur;ck.
Kapitel 5. Tatjanas Gefangenschaft
Denis mochte Tatjana. Er arbeitete in der Werbung und war durch die Fernsehnachrichten bekannt. Manchmal reiste er gesch;ftlich ins Meeresland. Bei seiner n;chsten Reise nahm er Tatjana mit, die ihn auch schon immer mochte. Das alte Land wurde von K;nig Albert regiert.
Alle K;nige heirateten M;dchen aus reichen und ber;hmten Familien, was sich nicht immer positiv auf die St;rke des k;niglichen Blutes auswirkte. Es wurde dadurch geschw;cht. Der junge K;nig sah zuf;llig ein h;bsches M;dchen mit einem langen Pferdeschwanz an seinem Schloss vorbeigehen. Sie gefiel ihm sehr.
„Bringt mir dieses M;dchen!“, befahl der K;nig der Wache.
„Jawohl, Eure Majest;t!“, rief Tatjana ;berrascht. Sie wurde angehalten und gebeten, das alte Schloss zu betreten. Sie ging auf den K;nig pers;nlich zu! Er war unglaublich attraktiv. K;nig Albert lud das M;dchen zu einem prunkvollen Ball seiner Familie ein. Tatjana lie; sich von dem K;nig nicht einsch;chtern und sagte zu.
Denis machte das nichts aus, denn er hatte nun die Gelegenheit, den Palast zu besuchen. Der Ball im ;ltesten Schloss des Landes beeindruckte alle stets mit seiner Feierlichkeit und den uralten Wurzeln seiner Zeremonien. Das M;dchen trug ein langes Kleid. Ihr Haar war zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden. Sie war bezaubernd. K;nig Albert beobachtete die junge, attraktive Frau aufmerksam, zumal ihre Frisur der k;niglichen Mode der Nachbarl;nder entsprach. Er hatte sich verliebt!
Die regelm;;ige Ballbegleiterin des K;nigs, Herzogin Ada, knabberte an ihren sch;nen, gepflegten Ellbogen. Sie wusste nicht, wie sie die neue Favoritin des K;nigs loswerden sollte! Ihre Treue hatte ihren Preis. St;ndig wurden Intrigen um den K;nig gesponnen. Sie h;tete ihre Macht ;ber ihn.
Die Gesetze des Landes verboten dem K;nig die Heirat mit der Herzogin, da sie keine Jungfrau mehr war. Das Gesetz besagte: Der K;nig hat nur das Recht, eine Jungfrau zu heiraten! K;nig Albert war sich sicher, dass Tatiana Jungfrau war, doch dies musste diskret ;berpr;ft werden – nicht von ihm selbst, sondern unter dem Vorwand einer harmlosen medizinischen Untersuchung. ;rzte untersuchten das M;dchen und best;tigten ihre Jungfr;ulichkeit.
Die Hochzeitsvorbereitungen begannen. Die ungleiche Ehe versetzte die ganze Welt der Rivalen des ber;hmten Landes in Erstaunen. Doch beim ersten Anblick der pr;chtigen Frisur der Braut verstummten alle und hielten die Entscheidung des K;nigs f;r die einzig richtige. Hochzeiten hochrangiger Pers;nlichkeiten wurden stets im Fernsehen ;bertragen, da sie ein so wichtiges und bedeutsames Ereignis darstellten.
Das mit echten Diamanten besetzte Diadem im Haar der Braut wirkte so nat;rlich, dass es f;rmlich danach schrie, in allen Medien weltweit gezeigt zu werden. K;nstler begannen, die Gemahlin des K;nigs des Meereslandes zu skizzieren, sie zu fotografieren, Bilder mit allen m;glichen Handys zu machen und sie in jeder Zeitschrift und Zeitung zu ver;ffentlichen. Tatiana wurde schnell zum Symbol des Landes und zu einem zweiten Aschenputtel aus einem M;rchen.
Der Reporter Denis reiste zur k;niglichen Hochzeit an. Es gelang ihm, Tatiana, die nun die Prinzessin des Meereslandes war, pers;nlich kennenzulernen. Denis' gepflegtes und attraktives Gesicht erschien nur einen Steinwurf von dem der Prinzessin entfernt. Das war manchmal sein Job: ein bekanntes Gesicht zu sein, die Kulisse f;r die n;chste Werbung f;r ;berfl;ssige G;ter. Was hatte er davon? Seine Firma erhielt neue Auftr;ge.
Ein attraktives M;nnergesicht ist viel wertvoller als ein sch;nes Frauengesicht, da es seltener ist. M;nner sind zwar attraktiv, aber einfach weniger gepflegt. Denis war sehr zufrieden mit dem Ausflug. Sein Gesicht tauchte sofort in einer weiteren Werbung auf, und das reichte ihm, um neue M;bel f;r seine neue Wohnung im Turm zu kaufen.
Prinzessin Tatiana stand nun im Mittelpunkt des Medieninteresses. Doch nachdem sie den Thronfolger zur Welt gebracht hatte, verschlechterte sich ihr Leben rapide. K;nig Albert verlor jegliches Interesse an ihr, dank der hartn;ckigen Intrigen seiner ehemaligen Lebensgef;hrtin, Herzogin Ada. Die Herzogin, eine Meisterin der Hofintrigen, hetzte Journalisten und Fotografen aus aller Welt auf Prinzessin Tatiana.
Tatianas Leben wurde zur H;lle. Ihr Sohn wurde gr;;er. Und sie w;hlte ihre Bekanntschaften unter den M;nnern, die Herzogin Ada ihr schickte, nicht sorgf;ltig genug aus. Prinzessin Tatiana telefonierte weiterhin mit Denis, und eines Tages konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, einen sagenhaft reichen Verehrer, den jungen Shah Mah, zu treffen. Unvorsichtig verlie; sie das Anwesen ihres Mannes. Dank Herzogin Adas Bem;hungen gelangten umgehend Fotos ihrer vermeintlichen Untreue in den Besitz von K;nig Albert.
Prinzessin Tatiana erlangte durch die st;ndigen Filmaufnahmen ihres Lebens immense Popularit;t im Meeresland und weltweit. Doch sie verlor rasch den Einfluss auf K;nig Albert. Und das war gef;hrlich f;r sie. Durch ihre Popularit;t wurde sie etwas arrogant und verlor ihre Vorsicht. Der K;nig – er war ein geborener K;nig, und sie war ein M;dchen aus dem Cranberry-Land! Sie h;tte lieber auf dem Sofa lesen sollen, anstatt Wohlt;tigkeitsarbeit zu leisten. Wohlt;tigkeitsarbeit hat eine doppelte Bedeutung: Einerseits ist sie eine gute Tat, andererseits ein Mittel, um Popularit;t zu erlangen. Doch beim Lesen eines Buches wird niemandem geschadet, auch nicht der Popularit;t. Prinzessin Tatiana war nicht bescheiden. Sie erw;hlte Shah Mach aus dem Sandland zu ihrem neuen G;nstling und tauschte deshalb ihren Palast im Meeresland gegen einen Palast im Sandland. Sie begann ihre Beziehung zu Shah Mach fast offen. K;nig Albert lie; sich von Prinzessin Tatiana scheiden, die nie den Rang einer K;nigin erreichte. Prinzessin Tatiana stand unter st;ndiger Beobachtung von Herzogin Adas M;nnern und K;nig Alberts Geheimdiensten. Ihr Leben war in Gefahr, doch sie bemerkte es nicht.
Shah Mah wusste alles. Sie hatte ihn getroffen. Tatiana, als Dienerin verkleidet und mit gef;lschten Papieren, wurde vom Meeresland ins Sandland geschmuggelt. Dort fand sie sich in einem s;dlichen Paradies wieder. Das Interesse am Meeresland ohne die sch;ne Prinzessin lie; nach. Herzogin Ada erhob Anspruch auf die Rolle der First Lady des Meereslandes. Niemand erhob Einspruch mehr gegen sie, da K;nig Albert einen Thronfolger hatte und nun die Herzogin heiraten konnte.
Denis durfte nicht mehr ins Meeresland. Herzogin Ada hatte nicht die Absicht, mit ihm zu drehen, schlie;lich war er mit Prinzessin Tatiana gesehen worden! Also reiste Denis mit einem Ziel ins Sandland: in einem Video an der Seite von Shah Mah aufzutreten. Dank seines au;ergew;hnlichen Aussehens und seines nat;rlichen Charmes gelang es ihm, mit einem Fernsehteam unter dem Vorwand, f;r eine Nachrichtensendung zu drehen, in den Palast einzudringen. Der Prunk des Palastes spiegelte sich in der Vielzahl der Zimmer, der Unmenge an Teppichen und den kleinen Innenh;fen mit B;umen und Springbrunnen wider. Die g;ttlichen Gemahlinnen des Schahs, denen es verboten war, das Palastgel;nde zu verlassen, empfanden es als Freude, innerhalb des riesigen Palastgel;ndes neue Leute kennenzulernen, sofern der Schah es ihnen erlaubte.
Der Schah hatte Denis aus einem einzigen Grund erlaubt, sich seinen Gemahlinnen anzuschlie;en: Er war au;erordentlich gutaussehend, was bedeutete, dass seine Gemahlinnen sich in ihn – den Schah – verlieben w;rden. Denis wurde mit dem Schah vor der Kulisse seines Palastes fotografiert. Er hatte seine Mission erf;llt. Der Schah schenkte ihm zwei pr;chtige Teppiche. Denis begann, teure Stylisten, Kosmetiker, Masseure und Schneider aufzusuchen. Er kaufte sich ein neues Auto. Er verkehrte in der High Society, besuchte elegante Soireen, war bei allen Veranstaltungen eine bekannte Pers;nlichkeit und entfremdete sich allm;hlich Tatiana.
Der Hauptpalast des Sandlandes war ein wahres Paradies vor der Kulisse des Sandes jenseits des Palastzauns. Tatiana rettete ihr Leben, doch sie empfand die Gem;cher des Schahs als unertr;glich hei;. Sie wurde eine der vielen Frauen in der Villa, eine Ehefrau ohne Rechte. Prinzessin Tatiana verblasste im Vergleich zum wohlhabenden Shah Maha. Sie wechselte erneut ihre Rolle, doch sie langweilte sich ein wenig.
Die Sandstadt war bei Touristen stets beliebt. Shah Maha regierte diese Stadt. Denis wusste aus seinen Quellen, in welchem Maha-Anwesen Tatiana lebte, und wollte eigene Nachforschungen anstellen, da sie seine Werbekarriere im Meeresland beendet hatte.
In der Sandstadt herrschte br;tende Hitze und Sonnenschein. Morgens konnte man sich noch in den engen Gassen bewegen, doch tags;ber war es unertr;glich hei;, und er zog es vor, sich in der N;he der Klimaanlagen aufzuhalten.
Das Hotel mit seinem Swimmingpool und den Palmen war eingez;unt; dahinter erstreckte sich nichts als Sand. Denis wusste nicht sofort, als wen er sich ausgeben sollte, um in den richtigen Palast eingelassen zu werden. Er beschloss, die Wahrheit zu sagen: Aufgrund des Verschwindens von Prinzessin Tatiana war die Macht im Meeresland an Herzogin Ada ;bergegangen, und ihm wurde die Einreise ins Land verboten.
Denis traf sich mit Shah Maha und erz;hlte ihm durch einen Dolmetscher seine Geschichte. Daraufhin durfte er Prinzessin Tatiana sehen. Sie war ;bergl;cklich ;ber die kurze Begegnung mit jemandem aus ihrem fr;heren Leben. Das Leben vor Ort war ihr zur Last geworden. Sie bat Denis um eines: sie aus dieser sandigen Stadt wegzubringen. Er hatte es satt, von Werbekampagnen abgewiesen zu werden, und beschloss, seine Popularit;t wiederzuerlangen, denn sein attraktives Gesicht schien geradezu danach zu schreien, auf den Fernsehbildschirmen der Welt zu erscheinen.
Denis beschloss, Agnes, die Diamantenj;gerin, zu engagieren, um Tatiana aus Shah Makhs Palast zu befreien. Agnes verstand seinen Wunsch; sie erinnerte ihn an die Palastwachen mit ihrer jahrtausendealten Erfahrung. Die Befreiung aus dem Palast war eine schwierige Aufgabe. Sie riet Denis, die Goldringe mitzunehmen. Denis legte sich Goldringe an und verkleidete sich als Frau. Er plante, mit ein paar Ringen die Wachen zu bestechen, und es gelang ihm. Er betrat den Palast mit den Frauenwaren durch das Tor, das auch von verschiedenen Lieferanten benutzt wurde.
Schon bald befanden sich Denis und Tatiana vor den Palasttoren, wo Agnes in einem Mietwagen auf sie wartete. Prinzessin Tatianas Papiere waren vorbereitet und die Flugtickets gekauft. Das junge Paar verlie; das Anwesen umgehend und fuhr zum Flughafen. Prinzessin Tatiana, als Dienerin verkleidet, verlie; Sandy City. Im Flugzeug erkannte sie eine Stewardess, beschloss aber zu schweigen und keinen Alarm zu schlagen. Auch im Palast wurde nicht sofort Alarm geschlagen; ein Harem ist ein Harem: Shah Mah mag nicht jeden auf einmal. Denis brachte Prinzessin Tatiana zu ihrem Vater, lie; sie sich ausruhen, kaufte ihr dem Wetter angepasste Kleidung und meldete sie K;nig Albert.
Der K;nig vermisste die Prinzessin. Die Herzogin hatte ihn v;llig ersch;pft. K;nig Albert beschloss, Prinzessin Tatiana zu treffen. Ein Journalistenzug folgte ihm und erreichte das Haus, in dem sich Prinzessin Tatiana vor;bergehend aufhielt. Denis lud K;nig Albert zu einem seltenen Blaubeerwein ein. Das Treffen wurde von Journalisten festgehalten. Die Sensation verbreitete sich augenblicklich im ganzen Land. K;nig Albert selbst dankte Denis daf;r, dass er Prinzessin Tatiana gerettet hatte. Das K;stenland war eine ganze Woche lang in aller Munde, Denis erhielt ein Dutzend Filmangebote und seine Firma Auftr;ge. Neben den positiven Aspekten gab es jedoch auch einen negativen: Der Fernsehjournalist geriet sofort ins Visier der ;rtlichen Beh;rden, die gro;es Interesse an dem Treffen des K;nigs mit der Prinzessin zeigten.
Denis erkl;rte ihnen:
„Ich habe Prinzessin Tatiana rein zuf;llig aus Peschany Gorod geholfen, da ich zuvor nur gesch;ftlich dort war. Ich behaupte, dass ich nicht mit den Geheimdiensten anderer L;nder zusammengearbeitet habe.“ Denis wurde ;berpr;ft und mit der Auflage, sich nicht in die Angelegenheiten anderer L;nder einzumischen, freigelassen. Shah Mah wurde auf Denis aufmerksam; er hatte das Treffen zwischen K;nig Albert und Prinzessin Tatiana in den Nachrichten gesehen. Seine Geheimdienste bemerkten Denis' Gesicht. Zwei Angestellte des Schahs traten an den Fernsehjournalisten heran und boten an, die Prinzessin in den Palast zur;ckzubringen. Denis' Kopf dr;hnte von all den globalen Problemen, die sich aufgetan hatten. Zum ersten Mal begriff er, dass Ruhm etwas Schlechtes war. Sie sprachen zwar weiterhin taktvoll mit ihm, aber nur, weil niemand so recht wusste, wer er war.
Ihm kam ein am;santer Gedanke, und er sagte zu Schah Mahs Gesandten:
„Meine Herren, der Schah selbst sollte ins Meeresreich reisen und mit Herzogin Ada sprechen. Sie wird ihm gern helfen. Und er wird Prinzessin Tatiana in seinem Palast empfangen.“ Schah Mahs Gesandte verbeugten sich vor Denis und zogen majest;tisch fort, um ihrem Herrn ihren weisen Rat zu ;berbringen.
Die Meereshauptstadt beherbergte das pr;chtigste Stadion, oder besser gesagt, einen Tennisplatz. Auf diesem Platz wurde das wichtigste Tennisturnier ausgetragen. Hier wurden mit riesigen Diamanten besetzte Silberm;nzen verliehen. Die Anwesenheit von Zuschauern auf dem Platz war ein fester Bestandteil des Turniers, und viele prominente Pers;nlichkeiten waren unter ihnen zu sehen.
Schah Mah beschloss, die Gelegenheit zu nutzen und lud Prinzessin Tatiana auf den Platz ein. Jede Liebe hinterl;sst Spuren in der Seele. Die Prinzessin, nicht gerade f;r ihre Zur;ckhaltung bekannt, folgte Shah Mahs Bitte. Kenner wissen, dass das Spiel und die Zuschauer auf dem Platz gefilmt werden. Selbstverst;ndlich waren prominente Zuschauer wie Prinzessin Tatiana und Shah Mah sofort auf den Fernsehbildschirmen zu sehen, da das Turnier live ;bertragen wurde.
K;nig Albert war an diesem Tag nicht beim Turnier anwesend; er erschien erst am Tag des Finales, um den Siegern die Preise zu ;berreichen. Er war ;berrascht, seine Ex-Frau neben Shah Mah stehen zu sehen.
„Und das ist meine Frau?!“, rief K;nig Albert aus. „Ada!“
Die Herzogin erschien sofort.
„Eure Majest;t, was ist passiert? Ihr wolltet mich schon so lange nicht mehr sehen.“
„Ada, Tatjana ist schon wieder mit Makh zusammen! Sie blamiert mich vor dem ganzen Land! Vor der ganzen Welt! Sieh dir den Bildschirm an, sie werden st;ndig gefilmt, und sie merken es nicht einmal!“
„Liebe macht blind, sie sehen nur einander!“
„Was soll ich nur tun, Ada?“
„Du hast mir nicht zugeh;rt und meine Liebe zu dir nicht bemerkt …“
„Ada, lass Tatjana zur;ck nach Sandstadt gehen. Sie hat mir das Herz gebrochen! Untreu!“
„Schah Makh wird Tatjana nur allzu gern mitnehmen, schlie;lich war sie nie ein Mitglied deiner Familie, sie ist nur eine Ex-Frau …“
„Ja, es war eine gute Idee, dass eine Frau nach der Heirat eine Prinzessin wird und erst nach f;nf Jahren K;nigin!“ Ada, lass sie den Rest des Spiels zusehen; wir werden sie nicht st;ren, aber sie wird nicht in meinen Palast zur;ckkehren. Verschlie;t diesem Paar alle T;ren!!!
—Jawohl, Eure Majest;t!
Herzogin Ada ;berbrachte den Wachen K;nig Alberts Befehl. Offen gesagt, war es ihre Idee gewesen, Tatiana und Shah Maha am Hofe zusammenzubringen.
W;hrend Tatiana ein unstetes Leben zwischen K;nig und Shah f;hrte, lebte Denis ein unstetes Leben zwischen verschiedenen L;ndern. Shah Maha lud Tatiana ein, in seinen Palast zur;ckzukehren. Von innerem Zwiespalt geplagt, wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Hier hatte sie ein Kind und einen Ex-Mann – den K;nig –, doch das Kind war stets bei Kinderm;dchen und Privatlehrern, und Albert war ihr gegen;ber recht k;hl. Sie hatte sich in seinem Palast nie zu Hause gef;hlt, und in Shah Mahas Palast f;hlte sie sich nicht als einzige Ehefrau. Seit ihrer Heirat hatte sie kein Gef;hl von Heimat versp;rt. Ein Mann n;herte sich Shah Mah und sagte leise etwas. Shah Mah sagte zu Prinzessin Tatiana:
„Mir wurde gesagt, K;nig Albert habe uns befohlen, seinen Palast nicht zu betreten. Was sagst du dazu, Tatiana?“
„Das ist mir egal …“, sagte Shah Mah zu seinem Diener. Shah Mahs Wagen wartete am Ausgang des Hofes. Ohne am Palast anzuhalten, fuhren die Wagen zum Flughafen. Denis erfuhr aus den Abendnachrichten, dass Shah Mah Prinzessin Tatiana in seine Sandstadt gebracht hatte.
Als Agnes die Nachricht sah, sagte sie zu Denis:
„Ich werde Tatiana nicht mehr retten; sie soll in Shah Mahs Palast bleiben.“
Einige Zeit sp;ter stand Denis erneut im Mittelpunkt des internationalen Geschehens. Herzogin Ada heiratete K;nig Albert. Denis und seine Begleiterin waren zu den Feierlichkeiten eingeladen, und er lud Agnes, Tatianas Freundin, als seine Begleiterin ein.
Agnes war schon immer eine gro;e Kosmetikliebhaberin gewesen. Nach ihrem ersten Anblick von Herzogin Ada schloss sie daraus, dass es dort keine Haarf;rbemittel oder Kosmetik f;r sie gab und dass es nur Friseursalons gab, die sich auf dezente Frisuren spezialisiert hatten. Dies, so ihre Ansicht, verband Sand City und Sea City.
Warum? Das Ziel dieser L;nder ist es nicht, ihre Frauen zur Schau zu stellen, und wenn sie der ;ffentlichkeit gezeigt werden, dann nur sehr zur;ckhaltend.
Im letzten Film aus Sea Country, den sie gesehen hatte, war die Hauptfigur so zur;ckhaltend, dass es unertr;glich war, zuzusehen – nach ein paar Minuten wechselte sie das Thema. Agnes ging aus sportlichem Interesse zur Hochzeitsfeier. Denis hingegen wollte in Sea Country f;r Schlagzeilen sorgen. Die Rolle des gutaussehenden Mannes ist stets bescheidener, aber umso beliebter. Wer kennt Denis? Jeder, der den Fernseher einschaltet. Shah Mah bemerkte das Paar Denis und Agnes unter den G;sten. Sie gefiel ihm sehr. Als Sammler weiblicher Sch;nheit konnte Shah Mah seine Augen nicht von Denis’ neuer Begleiterin lassen. „Ist das Denis’ neue Frau?“, fragte Shah Mah seinen t;chtigen W;chter. Der W;chter nickte stumm und verbeugte sich vor seinem Herrn.
„So eine unabh;ngige Frau zu mir!“
„Ich h;re und gehorche“, sagte der W;chter, verbeugte sich und trat zur;ck.
„Frau, mein Herr ruft dich“, sagte der W;chter zu Agnes.
„Komm, W;chter meines Herrn“, sagte Agnes und wandte sich an Denis. „Denis, kommst du mit?“
„Nein, ich kann mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, in den Nachrichten zu sein.“
„Wie du w;nschst. Verlier nicht, Denis!“ Agnes ging auf Shah Makh zu.
„Frau, ich mag dich. Ich wei;, du bist eine freie Frau. Ich bin bereit, dich zu meiner neuen Frau zu nehmen.“
„Herr Makh, Sie haben bereits viele andere Frauen. Ich bin nicht die Richtige f;r Sie! Sie werden nie an meine Stelle kommen.“
„Frau Agnes, Sie werden Ihre Videos mit uns drehen. Ich bezahle alle Ihre Drehs.“ Journalisten eilten herbei und begannen eifrig, das Gespr;ch f;r die Fernsehnachrichten aus dem Meeresland aufzuzeichnen.
„Herr Makh, ich muss Ihnen absagen. Ich habe einen Mann. Er ist meine Familie. Ich habe eine Arbeit. Ich liebe mein Klima. Es ist mir in Sand City zu hei;.“
„Frau, f;r eine Nacht mit Ihnen bezahle ich eines Ihrer Videos ;ber uns beide. Ich bin ohne meine Frauen gekommen. Ihnen ist hier kalt.“
Die Journalisten reckten neugierig die H;lse und Gesichter.
„Ich h;tte nichts gegen ein Treffen. Aber ich genie;e heimliche Aff;ren, und bei Ihnen, Herr Makh, kommt alles schnell ans Licht.“
„Frau, wir haben hier eine kleine Villa.“
„Komm, wir gehen.“ Die Neugier trieb Agnes in den Bann von Shah Makhs Liebe.
Eine Autokolonne verlie; die Hochzeitsfeier und fuhr zu Shah Makhs Landhaus. Ventilatoren waren in der K;lte ;berfl;ssig, sodass die Zeugen der neuen Liebe vor dem Schlafzimmer warten konnten. Statt einer Badewanne wurde Agnes ein kleiner, aber pr;chtiger Pool angeboten. Shah Makh folgte ihr ins Wasser. Er entpuppte sich als schlanker, muskul;ser Mann mit einem etwas dunkleren Teint, der sehr attraktiv war. Sein strahlendes L;cheln war von einer einnehmenden W;rme.
„Ja, solche M;nner sind eines Harems w;rdig“, dachte Agnes, deren Zeit in seinem Harem niemals kommen w;rde, und sagte:
„Makh, du bist wundersch;n!“
„Ich freue mich, dass du mich magst, meine bezaubernde, schneewei;e Sonne.“ Agnes war eine junge Frau, wirkte aber im selben Alter wie Shah Makh. Sein Gefolge war ;berrascht, dass er f;r ihre Verh;ltnisse eine so reife Frau gew;hlt hatte, doch niemand sagte etwas. Agnes, schlank und zart, verbl;ffte Shah Makh mit ihrem Bauchtanz und sp;ter mit ihrer Zuneigung.
Im Bett hatte er normalerweise das Sagen, doch hier war es umgekehrt. Sie beherrschte die Kunst der Liebe, sei es von Natur aus oder durch ihre umfassende Lekt;re der entsprechenden Literatur. Er f;hlte sich neben ihr wie ein Sch;ler und war ;bergl;cklich, die Schneefrau zum Liebesspiel ;berredet zu haben. Agnes war wie ein Goldfisch im Wasser: Sie tauchte, tauchte wieder auf, wechselte die Position, wand sich und passte sich Machs Bewegungen so subtil und leidenschaftlich an, dass er in den s;;en Momenten nur st;hnte.
Es gab praktisch keine K;sse, doch zwischen zwei ebenb;rtigen Partnern war eine leidenschaftliche Liebe entstanden. Agnes gab ihre Erfahrung an den Harem weiter. Sie bescherte ihr viele neue, angenehme Momente im Tanz der Liebe und des Vergn;gens. Sie trennten sich friedlich. Das Komischste war, dass Agnes ;berhaupt keine Erfahrung hatte; dies war ihre erste Magie.
Denis wusste, dass Agnes immer Recht hatte. Das M;dchen war mit Shah Makh gegangen, also musste es so sein, es w;rde ihm nicht schaden. Und tats;chlich, kurz nach Agnes' Abreise n;herte sich ihm eine kichernde Frau und sagte: „Mein Herr, meine Herrin erwartet Sie.“
„Herrin“ ist eine Untertreibung. Denis wurde von der K;nigin der Schneebedeckten Berge, Mirra, erwartet. Die Hochzeit war fast ausschlie;lich von K;nigen besucht, und er war eingeladen worden, sie zu unterhalten, da man um seine Sch;nheit und sein unberechenbares Verhalten wusste und wusste, dass alles, was er sah, zu einem Werbespot werden w;rde.
Denis erschien vor den Augen der zeitlosen Blondine. Er hatte sie in den Nachrichten gesehen und wusste, dass sie die K;nigin der Schneebedeckten Berge war. Die Blondine war nicht f;r ihr abenteuerliches Verhalten bekannt, aber eine Hochzeit zwischen zwei au;ergew;hnlichen Menschen weckte bei den Anwesenden den Wunsch nach Heldentaten.
K;nigin Mirra kannte Denis' Gesicht aus den j;ngsten Fernsehnachrichten. Sie beschloss, ihn f;r ein pers;nliches Gespr;ch ;ber das Leben auszuw;hlen. Die ihr zugewiesene bescheidene Villa zeichnete sich durch ihre strahlende Sauberkeit und ihr Wei; aus. Das Haus war mit den neuesten Materialien und Technologien renoviert worden. Ein Wintergarten, ein Tisch f;r zwei, zwei Sessel, Vogelgezwitscher – das war wohl alles, was K;nigin Mirra und den weltgewandten, gutaussehenden Denis umgab. Denis war eine Augenweide. Die Unterhaltung mit ihm war unkompliziert. Seine Gegenwart war entspannend. Er strahlte Ruhe aus. Seine leicht l;ssige Art zog aktive Frauen magisch an. Er ;berst;rzte sich nicht mit K;ssen oder Liebeserkl;rungen. Er verpasste den ersten Schritt. K;nigin Mirra war allein auf der Hochzeit, ohne ihren Mann, den sie zwar respektierte und in ihrer N;he hielt, aber Empf;nge lieber allein besuchte. Sie wusste, dass das Volk einen der beiden liebte, und sie beschloss, sich selbst und nicht ihren Mann lieben zu lassen. Denis' Sch;nheit war atemberaubend anziehend; er war kein aufdringlicher Kavalier, sondern besa; eine W;rde, die dem Mann der K;nigin deutlich fehlte. Denis spielte nicht mit dem Feuer; er war von Natur aus so. K;nigin Mirras Hand verweilte ganz beil;ufig auf Denis' Hand. Sanft strich sie mit den Fingern ;ber sein Handgelenk. Ihre Hand glitt seinen Arm hinauf, als w;rde sie einen Berg erklimmen.
Der Plastikmanschettenknopf an seinem schneewei;en Hemd funkelte pr;chtig. Sie nahm ihn ab. Eine dreikugelige Brosche funkelte an seiner Krawatte. K;nigin Mirra entfernte sie geschickt und l;ste die Krawatte.
„Komm mit, Denis“, sagte die K;nigin und f;hrte ihn in ihr Badezimmer. „Zieh deine Sachen aus und bade. Niemand wird dir etwas wegnehmen.“
Die Marmorbadewanne war mit rosa Schaum und Rosenbl;ttern gef;llt. Das Wasser blubberte sanft unter dem Gew;lbe der Marmorhalle. K;nigin Mirra stieg in einem leichten, transparenten rosa Neglig; ins Becken. Denis’ silberne Badehose funkelte. Seine Figur, gest;hlt durch Fitnessstudio und Massagen, gebr;unt im Solarium und im Sand Country, wirkte vor dem Hintergrund der Rosenbl;tter pr;chtig. In eine Wolke aus rosa Stoff geh;llt, stieg die Frau in die Wanne. Von bl;tenblattbesetztem Schaum bedeckt, legte sie den transparenten Morgenmantel ab und legte ihn auf den Rand der riesigen Wanne. Denis hatte es nicht eilig, sich der K;nigin anzuschlie;en. Er lie; sich gem;chlich auf der anderen Seite des Pools nieder.
Die Frau stie; sich vom Beckenrand ab und schwamm einige Meter regungslos in den rosa Bl;tenbl;ttern. Sie glitt durch das Wasser. Dann strich sie sanft mit der Hand an Denis' Arm entlang, vom Ellbogen aufw;rts. Sie legte ihre Hand um seinen Hals, fuhr mit ihr seinen R;cken hinunter bis zu seiner Taille und legte sie dann ;ber seinen Bauch und seine Brust. Denis lauschte den Bewegungen der Frau und r;hrte sich nicht. K;nigin Myrrha legte ihre andere Hand um seinen Oberk;rper. Ihre Arme hoben sich erneut. Sie umschloss ihn wie ein kostbares Gef;; und presste sich unwillk;rlich an ihn. Denis entspannte sich, strich mit den Fingern ;ber ihre Schultern, seine H;nde wanderten ihren K;rper hinab. Er f;hlte einen festen und zugleich weichen K;rper, eindeutig das Werk von Masseuren und Kosmetikerinnen.
K;nigin Myrrha f;hlte sich angenehm an, umh;llt von Schaum. Die Bl;tenbl;tter schmiegten sich an ihren K;rper und bildeten einen w;ssrigen Schmuck.
Die beiden, in Rosenbl;tter geh;llt, erkundeten einander. Pl;tzlich, von gegenseitiger Leidenschaft ;berw;ltigt, pressten sie sich aneinander, und seine Lippen senkten sich auf ihre. Denis versank in der Magie der Liebe, ohne jegliche Tr;gheit; er war gebannt von dieser einnehmenden Frau, die ihn z;rtlich und kraftvoll mit ihrem ganzen Wesen in ihren Bann zog.
In einem Moment intensiver Gef;hle stie; sie sich von ihm ab und schwebte zwei Meter auf dem R;cken zu ihrem Morgenmantel. Es waren zwei. Sie nahm einen, warf ihn sich ;ber die Schultern und verlie; ruhig die Badewanne. Denis stieg ebenfalls heraus. Die Frau winkte ihm zu. Beide traten in die Regenstrahlen – die Dusche war so konstruiert, dass die von der Decke herabflie;enden Strahlen wie Regen fielen. Der Morgenmantel hing an der Wand. Die Gestalt der Frau war von Wasserstrahlen umh;llt. Sie funkelte im Wasser wie eine polierte Skulptur. Denis blieb unter den Strahlen stehen und n;herte sich ihr nicht. Sie warf ihm noch einen Blick zu und kam auf ihn zu. Seine Badehose hatte zwei steile, schmale B;gel. Die Frau zupfte an den Enden der B;gel, und ein Stoffdreieck erschien zu ihren F;;en.
Hinter einer Wand aus aquatischer Pracht, unter zwei weichen Handt;chern, befand sich das Paar in einem behaglichen Schlafzimmer. Die Handt;cher hingen an ihren Haken. Das runde Bett lockte die beiden, die sich auf das aquatische Idyll vorbereitet hatten. Sie lie;en sich hineinfallen. Die Erkundung ihrer K;rper setzte sich fort. Ihre Lippen vereinten sich in einer magischen Ouvert;re. Ruhig und anmutig neckten sie einander mit ihren Gef;hlen.
Sie passten zueinander. Sie mochten einander und verschmolzen gl;cklich zu einem einzigen, gemeinsamen Gl;ck. Jeder von ihnen ging in eine eigene Dusche: eine kirschrot, die andere blau. Zwei Badem;ntel lagen auf den Nachttischen bereit. In ihren Badem;nteln setzten sie sich an einen Tisch und tranken ein Glas spritzigen Wein. Dann trennten sich ihre Wege wieder. Als Denis sich bis auf seine Plastikdiamanten ausgezogen hatte, reichte ihm K;nigin Mirra einen weiteren Ring – einen mit einem quadratischen Diamanten.
„Wir kennen uns nicht mehr. Man wird es dir zeigen“, und die K;nigin verschwand durch eine der vielen T;ren.
Denis ging nach Hause. Er lag regungslos da, reagierte auf niemanden; er war immer noch bei K;nigin Mirra vom Schneegebirge. Die Taubheit hielt eine Woche an, dann begann er zu sprechen, und allm;hlich erschien ein fl;chtiges L;cheln auf seinem Gesicht. Bald darauf suchte Denis Prinzessin Tatiana auf, um sie abzulenken, mit ihr zu sprechen, wenn m;glich, ein Drehbuch f;r einen Werbespot f;r ihre Produkte zu schreiben – und dann verga; er sie. Prinzessin Tatiana alterte im Harem, aber nicht so sehr ;u;erlich, sondern vielmehr durch die Leere in ihren Augen. Sie wirkte wie erstarrt inmitten des sengenden Sandes vor Shah Mahas Palast.
Tatiana und Denis sprachen ;ber das Leben. Sie wurde munterer und bat darum, aus dem Palast gef;hrt zu werden, um die Stadt zu erkunden. Shah Mah erlaubte ihnen, zu tun, was sie wollten, verbot ihnen aber, seine Stadt zu verlassen. Prinzessin Tatiana schl;pfte in Jeans und Bluse, fuhr sich durchs Haar und rannte, ;bergl;cklich ;ber die neu gewonnene Freiheit, aus dem Palast. Am liebsten w;re sie im Meer gebadet, nicht im Pool. Lange, sanfte Wellen umsp;lten die K;ste. Tatiana und Denis gingen ins Wasser und genossen das Leben und die Freiheit. Dann legten sie sich auf den hei;en Sand und erfreuten sich am Himmel, am Meer und an ihren Gespr;chen. Drei Tage lang schlenderten sie friedlich am Meer entlang; am vierten Tag blieben zwei M;nner neben ihnen stehen. Einer von ihnen stammte aus dem Meeresland und war von K;nig Albert zu Tatianas ehemaliger Prinzessin geschickt worden. Der zweite Mann kam aus dem Preiselbeerland; er hatte Fragen an Denis. Die Freude ;ber Tatianas Besuch verflog. K;nig Albert bat Prinzessin Tatiana, ihn und ihren Sohn zu besuchen, und versprach ihr, sie nach dem Besuch frei w;hlen zu lassen. Sie wurde zu einem Gespr;ch eingeladen, nicht ohne die Unterst;tzung zahlreicher G;nner. Tatiana und Denis waren niedergeschlagen und erkannten, dass es ihnen im Palast am Pool besser ginge als am Meer. Doch dann kam Shah Mah ihnen zu Hilfe. Wie sich herausstellte, beobachteten ihn seine M;nner, wagten es aber nicht, sich ihnen zu n;hern – aus Angst vor der Illusion von Freiheit. Prinzessin Tatiana wollte nat;rlich ihren Sohn sehen, aber sie kannte Herzogin Ada und wusste, dass sie dort nicht willkommen war und keine Gelegenheit bekommen w;rde, sich zu am;sieren. Denis sagte zu seinem Freund, er sei wie ein Magnet f;r Eisen; die Arbeit ziehe ihn magisch an. Tatiana wurde aufgefordert, ins Meeresland zur;ckzukehren, doch sie versteckte sich hinter den Mauern von Shah Mahs Palast.
Denis und Tatiana gingen zum Au;enpool, tranken einen Schluck Wein und lachten: Sie hatten nichts mehr zu verlieren! Shah Mah war mit seinen Frauen, Kindern und seinem Land besch;ftigt und k;mmerte sich nicht um sie. Denis selbst kehrte nach Hause zur;ck und erkannte, dass die ganze Geschichte um Schahs und K;niginnen nun endg;ltig vorbei war. Agnes nickte zustimmend. Und nun hatte Shah Mah sie wieder an seine Anwesenheit erinnert. Agnes hatte einen Brief von ihm erhalten, in dem er sie daran erinnerte, dass er sich einen Film ;ber sein Leben w;nschte und dass auch einige seiner Frauen darin vorkommen k;nnten. Der Film sollte Werbung f;r die gesamte Region Sandy County sein. Sie biss sich auf die Lippe, denn sie hatte bereits die Dreharbeiten f;r einen Werbespot der Firma „Blesk“ beworben, und nun zerrten sie sie an den Ohren zur;ck in die s;dliche Sonne.
Makh – er war der Schah ;berall; er unterdr;ckte die Autonomie der Frauen vollst;ndig. Sie dachte einen Moment nach und erwiderte, dass sie angesichts der j;ngsten Ereignisse ein Drehbuch ;ber ihn und seine Frauen schreiben w;rde. Daf;r m;sse sie jedoch die Dreharbeiten zu einem ganz anderen Film unterbrechen und nach Sand City kommen, um das Drehbuch fertigzustellen. Schah Makh erwiderte, dass er sich immer freue, Agnes zu sehen. Sie bat Denis, alle Beteiligten der Dreharbeiten erneut anzurufen und ihnen mitzuteilen, dass alles auf Wunsch von Schah Makh verschoben werde.
Kapitel 6. Schwarzer Brie
Agnes verfolgte gebannt die Sendung ;ber schwarze Diamanten und schaffte es in der Pause gerade noch, einen Gem;sesalat zuzubereiten. Was faszinierte sie an den teuersten Steinen? W;hrend sie die gro;en schwarzen Diamanten betrachtete – noch nicht durch die Sendung gewusst, dass sie k;nstlich waren –, glaubte sie nicht, dass diese schwarzen Kn;pfe Diamanten sein sollten. Echte Diamanten strahlten eine innere Glut aus, die sich w;hrend der Dreharbeiten nur noch verst;rkte, w;hrend ihre aus Gusseisenresten gefertigten Imitationen eher wie eine Ansammlung von Spiegeln aussahen. Ein echter Diamant ist transparent, w;hrend synthetische Diamanten im Gegenlicht dunkle Punkte offenbaren. Wie sie f;r Millionen verkauft werden konnten, war Agnes v;llig unverst;ndlich, aber faszinierend. Sie kaufte Tischschleifmaschinen, damit der Schleifer die besten Steine ausw;hlen konnte.
Die CNC-Maschine vereinfachte den Schleifprozess beim Diamantenschneiden und war perfekt f;r diese Aufgabe. Aus irgendeinem Grund war alles, was mit den funkelnden Steinen zu tun hatte, immer mit Verbrechen behaftet, weshalb sie h;ufiger versteckt als getragen wurden. Diese eklatante Ungerechtigkeit ;rgerte Agnes st;ndig, aber sie konnte ihr Leben nicht ;ndern. Und doch, schwarze Diamanten sind wundersch;n; sie besitzen eine verborgene W;rde! Aber wo kann man sie bekommen, vor allem die Millionen, die sie wert sind? Agnes selbst strahlte wie ein schwarzer Diamant: Sie wollte dieses Wunder der Wunder sehen. Vielleicht besa; Shah Maha einen schwarzen Diamanten in seiner Sammlung? Was w;re, wenn er ein Diamantschmuckset gegen einen einzigen schwarzen Diamanten tauschen w;rde? Die Idee, den Preis eines schwarzen Diamanten in gew;hnlichen Diamanten zu bemessen, erschien ihr unglaublich interessant und machbar. Agnes kontaktierte Shah Maha und bot ihm scherzhaft an, fertige Diamanten gegen seinen schwarzen Diamanten einzutauschen, falls er einen bes;;e. Und siehe da! Shah Maha besa; tats;chlich einen schwarzen Diamanten! Er willigte ein, da er viele Frauen, darunter auch T;chter, hatte, die alle Diamantohrringe oder -ringe ben;tigten, und der schwarze Diamant ungenutzt in seinem Safe lag. Fremde M;nner brachten den schwarzen Diamanten zu Agnes' Haus. Sie nahmen ihr den fertigen Diamantschmuck ab, der von der Firma ihrer Eltern hergestellt worden war.
Das Aussehen dieser M;nner, Shah Mahas Boten, war so unauff;llig, dass sie kaum auffielen; ihre Aufgabe war es, unsichtbar zu bleiben und keine Aufmerksamkeit zu erregen, wenn sie gro;e Mengen an Wertgegenst;nden transportierten. Daher waren sie rasiert, gewaschen, gepflegt und in der ;blichen Mode der L;nder gekleidet, durch die ihre Lieferroute f;hrte. Wie und wohin sie die Juwelen transportierten, war ihre Lebensaufgabe. Agnes starrte den schwarzen Diamanten lange an. Er k;nnte zu einem Herrenring oder einer Damenbrosche verarbeitet werden. „Was soll ich daraus machen und f;r wen?“ Sie betrachtete den pr;chtigen schwarzen Diamanten, der sie selbst in seiner Rohform mit einer unergr;ndlichen Kraft in seinen Bann zog. Der Gedanke kam ihr wie immer unerwartet: Sie sollte einen Ring f;r K;nig Albert anfertigen, an den sie sich erinnerte. Zugegeben, das w;rde Shah Maha kaum gefallen, vielleicht sogar gar nicht, und er w;rde ihr einen anderen schwarzen Diamanten schenken. Oder eine Brosche f;r Herzogin Ada? Wer sonst k;nnte sich ein solches Prachtst;ck leisten? Gesch;ftsleute? Und warum nicht? Agnes rief den Buchhalter an. Sie wollte wissen, ob es Kunden gab, die des schwarzen Diamanten w;rdig waren.
W;hrend sie ;ber m;gliche K;ufer sprachen, kam Apollo. Als er den schwarzen Diamanten sah, rief er ohne zu z;gern:
„Agnes, ich kaufe ihn! Ich mag den schwarzen Diamanten!“
„Nein, ich verkaufe ihn nicht! Gebt uns die Chance, einen schwarzen Diamanten daraus zu machen! Lasst mich diese Sch;nheit bewundern!“
„Agnes, kein Problem! Macht einen schwarzen Diamanten daraus und fertigt dann diesen Ring f;r meinen Finger an. Ich habe einen W;chter, der f;r meine Sicherheit und die des Rings sorgt.“
„Das ist gut. Apollo, ich habe ein Preisverh;ltnis f;r einen schwarzen Diamanten im Vergleich zu einem normalen Diamanten. Wenn dir der Preis zusagt, dann ist es ein Gesch;ft.“
„Mir ist alles recht. Ich nehme es! Und falls du jemals an schwarze Diamanten kommst, verkaufe ich sie dir. Ich habe vertrauensw;rdige Kunden im Diamantenhandel.“
„Apollo, das ist wunderbar!“, rief Agnes aus. „Wir k;nnen heute noch mit dem Schleifen anfangen.“
Apollon konnte es kaum erwarten, den schwarzen Diamanten in den H;nden zu halten.
„Alle, jetzt alle, schnell auseinandergehen und Stillschweigen ;ber dieses schwarze Wunder bewahren! Nennen wir ihn ‚Schwarzer Brie‘!“
„Agnes, einverstanden!“, rief Apollon und fragte: „Brie – ist das ein Diamant?“
Apollon ging auf Agnes zu:
„Agnes, ich h;tte eine Bitte: Sag den Filmdreh nicht ab. Ich habe Diamanten so gro; wie Kirschkerne. Wegen ihnen wurde ich nach Cold City verbannt, und zwar wegen eines Diamanten, den man bei mir fand, als ich die Fabrik verlie;. Ich wollte lange nicht an die anderen denken, aber jetzt ist die Zeit gekommen, sie zu benutzen.“
„Apollo, wie viele Jahre sind vergangen! Und wo sind sie?“
„Es klingt komisch, aber ich habe sie in einer Leuchtstoffr;hre versteckt. Eine Gl;hbirne in meiner Schreibtischlampe ist kaputt – sie ist gef;lscht.“ Die Lampe ist innen wei; beschichtet und enth;lt eine wei;e Kapsel mit den Diamanten. Die Lampe l;sst sich schnell auseinandernehmen. Man muss nur wissen, was man auseinandernehmen muss.
— Was, wenn die Lampe zerbricht?
— Unm;glich, die Lampe hat eine Schutzkappe.
— Ja, aber Diamanten zu verkaufen ist gef;hrlich; f;r dich sind sie alle gleich.
— Stimmt, aber vergiss nicht: Ich habe drei Jahre als Diamantschleifer gearbeitet, und die Steine sind v;llig anders geschliffen als in der Fabrik. Ich habe sie alle vor langer Zeit nachbearbeitet, und du kannst sie an Shah Maha verkaufen.
— Wie? Wie soll ich sie transportieren?
— In der Lampe. Sie ist klein. Sag einfach, du tr;gst eine Lampe; du bist es gewohnt, unter einer zu arbeiten. Sag, Shah Maha hat dich herausgefordert, ein Drehbuch f;r ihn zu schreiben.
— Es ist gef;hrlich, aber ich werde es versuchen, obwohl ich nicht die Mittel f;r zwei Filme habe.
— Du schreibst die Drehb;cher; andere Leute verfilmen sie. Mach dich nicht verr;ckt. Shah Mahas M;nner trafen Agnes am Flughafen. Seltsamerweise war ihre Lampe unversehrt; das Metall im Inneren klimperte nicht. Der Schah war von Agnes' Mut und den Diamanten in der Lampe beeindruckt. Er lachte lange und herzlich ;ber ihren Einfallsreichtum und kaufte alles ab.
Agnes hatte lange nichts mehr geschrieben, doch nachdem sie das Funkeln des geschliffenen schwarzen Diamanten gesehen hatte, versp;rte sie erneut den Wunsch, ein Drehbuch ;ber das schwarze Wunder zu verfassen. Sie war wieder voller Tatendrang und guter Dinge. Diamanten und die Tr;ume von einem neuen Film befl;gelten sie schon immer. Apollos Wunsch, sich einen „Schwarzen Brie“ zu kaufen, erschien ihr merkw;rdig, doch dann beschloss sie, dass er wohl einen Kunden hatte.
Sie verlangte den H;chstpreis f;r den schwarzen Diamanten – schlie;lich wollte auch sie an dem Gesch;ft verdienen. Er bezahlte das t;ckische Schmuckst;ck mit Diamanten in bar. Bald las Agnes in der Zeitschrift „Diamond News“, dass K;nig Albert einen „Schwarzen Brie“-Ring erworben hatte! Also ihm hatte Apollo den Ring verkauft! Ihr erster Gedanke hatte sich bewahrheitet! Es war schon seltsam, wie schnell und p;nktlich er auftauchte! F;r wen arbeitet Apollo eigentlich?
Apollo wusste das Wichtigste: Agnes lie; sich nicht von F;lschungen t;uschen. Sie konnte Steine ohne Hilfsmittel sp;ren und ihre Reinheit mit einem einzigen Atemzug bestimmen. Also bat er um eine Fernsehdokumentation ;ber echte und gef;lschte Diamanten. Agnes sah sich den Film nat;rlich an. Er h;rte sich anschlie;end ihre Kommentare an, da er ihre Meinung und Reaktion h;ren wollte, und sie erz;hlte dem Buchhalter alles. Apollo stellte Agnes' Wissen ;ber echte Diamanten erneut auf die Probe. Er h;tte sich vertippen k;nnen, aber sie nicht. Nachdem sie also gesagt hatte, der „Black Brie“ sei echt, kaufte er ihn sofort und machte einen guten Gewinn. In der Diamantenwelt galt er als anerkannter Diamantensachverst;ndiger – ein Titel, der ehrenvoll und zugleich gef;hrlich bis hin zum Wahnsinn war. Ein Diamant ist sch;n, und ein schwarzer ist mit dem Funkeln seiner Facetten einfach prachtvoll. Agnes war von Apollo ;berrascht. W;hrend sie noch ;ber sein Vorgehen staunte, kam er aus dem Nebenraum, ;ber und ;ber mit Diamanten beh;ngt. Diamantene Haarb;nder funkelten an seinen Handgelenken und seinem Kopf.
„Apollo, woher hast du dieses Wunder?“
„Es war immer da, aber ich habe es dir nie gezeigt, und jetzt sieh mich an!“ Agnes hatte beschlossen, sich nicht in zwielichtige Gesch;fte einzulassen. Shah Mahas junger Sohn kam zu ihr und sagte, sein Vater habe sie gebeten, ihm eine Ladung kleiner Diamanten f;r Handys anzufertigen. ;berrascht sah sie Mahas Sohn an:
„Warum brauchen Handys Diamanten?“
Der ;bersetzer ;bersetzte die Antwort:
„Shah Maha hat beschlossen, Diamanthandys f;r seine Frauen herzustellen und die Diamanten in die LEDs einzufassen.“ Der junge Mann zeigte ihr die LED, ;ber der die Diamanten das Licht des Handys streuen w;rden. Agnes war leicht ;berrascht und erfreut ;ber den Auftrag. Das Leben hielt Einzug in die Welt der Diamanten. Ihre Stimmung hob sich, und das bedeutete, dass alle gl;cklich waren. Apollo schlug einen neuen Diamantschliff f;r LEDs vor, und alle waren einverstanden.
„Der Schah ist clever“, dachte Agnes und zeigte auf die Diamanten, die f;r die Bestellung verwendet werden sollten. Tatiana war stillschweigend aus Sand City zur;ckgekehrt. Nach ihren Abenteuern in der Fremde war sie verblasst und kraftlos. Apollon sah Agnes nach ihrem Besuch beim Schah, aber nicht gerade erfreut. Beide beruhigten sich etwas. Nach einer Weile rief der Schah an und sagte, seine Frauen w;nschten sich Diamanten an einer Platinkette. K;nig Albert rief an und ben;tigte dringend Diamantanh;nger f;r Herzogin Ada. K;nigin Mirra rief an und verlangte dringend, dass Thor pers;nlich zu ihr komme.
Agnes nahm st;ndig Anrufe entgegen. Pl;tzlich brauchte jeder ihre Gesellschaft! K;nigin Mirra vom Schneegebirge hatte sich ein Spiegelschlafzimmer eingerichtet: W;nde und Decke waren mit Spiegeln bedeckt. Ihre Figur war nicht perfekt, aber die Spiegel waren raffiniert gefertigt. Dank digitaler Bearbeitung spiegelten alle Spiegel perfekte Menschen mit erkennbaren Gesichtern wider.
Als K;nigin Mirra Denis' vergessenes Gesicht auf dem Bildschirm sah, beschloss sie, das Schlafzimmer in Aktion zu testen. Es traf sich, dass Agnes ihr Gespr;ch mitbekam. Ihr wurde klar, wer nach Denis fragte. Sie musste antworten, dass Denis nicht da sei. Shah Mah rief Agnes zur;ck und sagte, ihre kristallklare Stimme habe seine Liebe neu entfacht, und dass sie zwar nicht mehr jung seien, aber Wunder in der Neujahrszeit geschehen. Kunden von K;nig Albert trafen in der Firma ein. Ihr neues Aussehen wurde K;nig Albert umgehend per Video zugespielt. Er bat darum, eine Bestellung f;r Diamantanh;nger dringend zu erf;llen und ihm pers;nlich zuzustellen. Agnes fertigte Skizzen der Anh;nger an und stimmte sie mit den Kunden ab. Das war ihre Aufgabe.
Das Leben ist nicht immer langweilig, eines Tages … Vorsicht, ein M;rchen! Eine wahrhaft magische Geschichte erwartete Agnes. Sie beschloss, ihre Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Valentina Savelyevna war ger;hrt von der unerwarteten Aufmerksamkeit ihrer Tochter Agnes. Sie erinnerte sich an die ferne Stadt, das kleine Haus, die gro;en Kissen auf dem Bett ihres Vaters Savely und das Bett seiner zweiten Frau. Sie erz;hlte ihrer Tochter, wie ihre Mutter, Aurora Pawlowna, es liebte, den Marmorpalast in der Hauptstadt der Wei;en N;chte zu besuchen. Sie nahm sie auch mit und sagte immer, sie selbst sei in diesem Palast geboren. Doch die kleine Valentina hielt all die Geschichten ihrer Mutter f;r ein einziges wundersch;nes M;rchen.
Agnes unterbrach ihre Mutter und holte tief Luft:
„Mama, wie hie; deine Mutter?“
Das sage ich dir doch, meine Mutter hie; Aurora Pawlowna oder Aurora Pawlowna; sie ;nderte ihren Vatersnamen.
Und sie ;nderte ihren Namen nicht? Hat sie dir denn gar nichts erz;hlt?
Nein, hat sie nicht, sagte mein Vater Savely. Er nannte sie Aurora.
Mama, erinnerst du dich noch, was dein Vater, mein Gro;vater, gesagt hat?!
Agnes, warum bist du so aufgebracht? Du hast mich nie als Menschen betrachtet, und jetzt qu;lst du mich?! „Ist dir etwa zu hei;?“ Agnes goss sich kaltes Wasser in ein Glas und biss ihrer Mutter, wie ein Hund mit geweiteten N;stern, ins Gesicht.
„Na gut, Tochter, was soll’s, ich erz;hl’s dir! Vater sagte, meine Mutter sei Prinzessin Aurora, die der Hinrichtung entkam, oder vielleicht nannte sie sich Gro;herzogin Anastasia …“
„Na, Mutter! Warum hast du denn nichts gesagt?“
„H;r mal, Agnes, wenn ich dir sage, dass meine Mutter die Tochter des letzten Zaren ist, wo versteckst du mich dann? Oder soll ich in deinem Haus im Sumpf wohnen?“
„Mutter! Mein Gott!“ „Ich bin die Enkelin des Zaren?!“
„Oh, jetzt hat sie es endlich kapiert!“, sagte ihre Mutter und fiel auf die Seite. Agnes starrte ihre Mutter mit gro;en Augen an und schwieg. Vertr;umt stellte sie sich vor, ihre Gro;mutter sei Aurora selbst, also Gro;herzogin Anastasia!
„Mama, was ist los mit dir?“
Mama ;ffnete die Augen:
„Ich habe dir gerade etwas erz;hlt, das mein Leben f;r wertlos h;lt.“
„Was f;r ein Unsinn! Mama, hat Prinzessin Aurora im Marmorpalast nach Diamanten gesucht?“
„Du wei;t alles! Ja, ihr seid wie Zwillinge! Mutter hat mir immer von Diamanten erz;hlt, und du bist genau wie sie!“
„Sag mir einfach, hat Gro;mutter Aurora Diamanten im Palast gefunden? Wenn sie vor der Revolution im Palast lebte und die J;ngste der Schwestern war, k;nnte die Lieblingstochter ihres Vaters dann etwas entdeckt haben, was die anderen Schwestern nicht wussten?“
„Tochter, wach auf! Willst du etwa die Hallen des Marmorpalastes durchsuchen?“ „Jeder kennt es in- und auswendig.“
„Mama, kannst du mir die S;le zeigen, in die Oma Aurora dich mitgenommen hat?“ „Ja, ich kann. Ich war schon lange nicht mehr dort. Mir f;llt das Laufen schwer.“
„Nehmen wir einen Rollstuhl.“
„Du brauchst nicht mitzukommen! Wei;t du was? Ich dachte immer, alle Geschichten meiner Mutter w;ren M;rchen.“
„Mama, erz;hl schon!“
„Du bist so schnell! Ich will schlafen.“
„Du wirst noch schlafen! Du hast Zeit!“
„Agnes, meine Mutter hat mir erz;hlt, dass mein Vater einen Tresor mit pers;nlichen Geschenken hatte. In dem Tresor waren Diamanten, die dem Zaren au;erhalb offizieller Empf;nge ;berreicht wurden.“
„Das ist ja wunderbar! Genau wie ich!“, rief Agnes aus, ihre Augen funkelten vor Freude.
„Das Problem ist, dass der Palast nur von einem einzigen Heizraum beheizt wurde. Die Luft zirkulierte durch die Rohre und erw;rmte den gesamten Marmorpalast. Von den Gem;chern des Zaren f;hrte ein geheimer Ausgang in die unterirdischen Versorgungsanlagen. Der Zar selbst ging nie dorthin; das tat sein Adjutant. Aurora suchte nach diesem Ausgang, konnte ihn aber nicht finden. Die Restaurierungsarbeiten haben die Palasthallen etwas ver;ndert.“
„Mama, es wurde tats;chlich alles im Palast untersucht, aber k;nntest du mir wenigstens einen Hinweis geben, wo Gro;mutter gesucht hat? Und warum hie; sie Aurora? Es gab keinen solchen Namen in der K;nigsfamilie. Ich habe ein Lied ;ber die K;nigsfamilie geh;rt; darin wurden alle Namen aufgez;hlt. Es gibt auch eine Touristenroute, die den Spuren der K;nigsfamilie folgt. Alles ist dokumentiert. Ich habe mir alle Fotos angesehen. Alle jungen Prinzessinnen sind anmutig und liebensw;rdig. Ja, wie soll ich mich nach solchen Neuigkeiten verhalten?“ „Agnes, ist dir eigentlich klar, worauf du hinauswillst?! Die Prinzessinnen werden alle auf Ikonen verehrt. Vergiss es. Ich habe in meinem ganzen Leben nie an sie gedacht. Au;erdem haben wir kein Recht, ihre wahren Namen zu nennen, aber wir k;nnen indirekt das Interesse an der Erinnerung an die K;nigsfamilie aufrechterhalten.“
„In den Zeitungen steht, dass die Diamanten der K;nigsfamilie, getarnt als Pralinen, ins Meeresland geschickt wurden. Anscheinend sind alle Juwelen gefunden. Es gibt nichts mehr zu suchen. Ich war im Meeresland, aber man hat mich die Familienjuwelen nicht sehen lassen.“
„Das ist doch nicht dein Ernst! Erz;hl mir als N;chstes, dass die Perlen und Diamanten verkauft und das Geld der Zeitung gegeben wurde, die die Schokoladenente erfunden hat!“, rief die Mutter emp;rt.
„Ich erz;hle dir eine Geschichte ;ber zwei Ringe!“
Kapitel 7. Eine magische Vergangenheit
Zwei Prinzessinnen traten an den Zaren heran und baten ihn, ihren Streit zu schlichten. Sie trugen Diamantringe an ihren Fingern. Der eine Ring schimmerte gelb, der andere leuchtete in transparenten Strahlen. Die Damen stritten dar;ber, wessen Ring wertvoller sei. Die Diamanten sahen sich ;hnlich, doch der Ring der einen Prinzessin war aus Gold, der der anderen aus Platin. Der Zar betrachtete die charmanten Streith;hne, nahm ihre Finger, an denen jeweils ein Diamantring hing, und sprach:
„Meine Damen, ich bin kein Juwelier, aber die Farbe eines Diamanten mindert seinen Wert. Das hei;t, der in Platin gefasste ist wertvoller.“
„Eure Majest;t“, sagte eine Prinzessin, beleidigt von ihrem Ring, „wir haben identische Diamanten gekauft; sie haben denselben Schliff!“
„Meine Damen, wenn die Diamanten identisch sind, dann ist das Metall, in dem sie gefasst sind, unterschiedlich. Von nun an empfehle ich, Diamanten in Platin zu fassen!“
Und Platin wurde in den Kreisen des Zaren in Mode. Die jungen Damen belebten den Zaren, er war voller Freude ;ber seine weise Berufung als Richter, und neun Monate sp;ter bekamen er und die Zarin eine Tochter, die wundersch;ne Aurora. Als Gro;herzogin Aurora 16 Jahre alt war, hatte das Land, das der weise Zar einst regiert hatte, den Besitzer gewechselt. Vor dem Machtwechsel hatte der Zar sieben Medaillons f;r seine Familie anfertigen lassen. Die Medaillons waren aus Silber, damit sie bei Bedarf Wasser desinfizieren konnten. In jedem Medaillon befand sich das Portr;t eines Mitglieds der Zarenfamilie, verziert mit einem speziell geschliffenen Diamanten.
Einige Zeit sp;ter wurde die gesamte Familie des Zaren ans Ufer des Flusses Bolschaja verbannt. Sie wurden in einem zweist;ckigen Haus untergebracht und von Menschen bewacht, die eine Fremdsprache sprachen. Gro;herzogin Aurora erinnerte sich an die Geschichte der beiden Prinzessinnen und ihren Streit seit ihrer Geburt; sie trug stets einen Platinring mit einem Diamanten bei sich und verbarg ihn geschickt unter ihren Kleidern. Prinzessin Aurora ahnte das Schicksal ihrer Familie. Sie erkundete jeden Raum, in dem sie sich bewegen durfte; bald waren ihre Bewegungsfreiheiten so stark eingeschr;nkt, dass es kein Entrinnen mehr gab. Lebensmittel f;r die k;nigliche Familie wurden aus einem nahegelegenen Ort, eher einem einfachen Dorf, gebracht. Ein M;dchen aus dem Dorf sah Aurora so ;hnlich, dass die Prinzessin, die sie durch ein Fenster beobachtete, beschloss, mit ihr die Rollen zu tauschen. Aurora h;ngte dem M;dchen, Nastya, ihr Medaillon um den Hals.
Dann ging sie auf die Wache zu, zog ihren Ring hervor und sagte:
„Herr Offizier, hier ist ein Ring von unsch;tzbarem Wert. Ich habe eine Bitte: Tauschen Sie mich gegen dieses M;dchen; sie bringt uns Lebensmittel aus dem Dorf. Sie tr;gt mein Medaillon um den Hals; sie ;hnelt mir ein wenig.“
„Zieht euch schnell um“, sagte der mutige Offizier, der den Wert von Diamanten und Platin kannte und seine wahre Herkunft vor der neuen Regierung verbarg. Die M;dchen tauschten im Nu die Pl;tze, und alles f;gte sich. Am n;chsten Tag wurde die Familie des Zaren hingerichtet. Das endg;ltige Exil der Zarenfamilie war von Geheimnissen umwoben, doch man kann jedes Geheimnis, wie einen dichten Nebel, durchdringen und die Wahrheit entdecken. Aurora, die die Rolle des M;dchens Nastja spielte, kam ins Dorf. Die Dorfbewohner hielten sie aufgrund der Hinrichtung der Zarenfamilie f;r wahnsinnig, obwohl sie ihnen Essen gebracht hatte. Aurora war das einzige ;berlebende Mitglied der Zarenfamilie. Die Dorfbewohner waren sehr taktvoll; sie mischten sich nicht in die Angelegenheiten anderer ein. Die Prinzessin sah kleine, von der Zeit geschw;rzte Holzh;user. Die wenigen Gem;seg;rten waren mit d;nnen, ineinander verschlungenen Zweigen umz;unt. Der Hochsommer im Kupfergebirge konnte mitunter warm sein.
Das M;dchen war allein, ohne ihre Hofdamen und ohne Schutz. Sie folgte einem Pfad vom Dorf in den Wald, wo sie zwischen den B;umen verschwand. Die Dorfbewohner suchten nach ihr und verga;en sie; die Ereignisse waren so schrecklich gewesen, dass sie selbst verschont geblieben w;ren. Aurora beschloss, den schrecklichen Ort zu verlassen, an dem die Menschen leise von der Hinrichtung der Zarenfamilie sprachen. Sie folgte dem Pfad tiefer in den Wald und entdeckte zu ihrem Gl;ck eine Winterh;tte eines J;gers. Drinnen lagen Streichh;lzer, Salz und einige Zwiebacke in einem Leinensack auf einem Regal. Aurora schlief auf einer Holzbank ein, zugedeckt mit einer Decke aus Baumwollresten, die nach Lagerfeuerrauch roch. Am Morgen wollte sie die H;tte verlassen, wusste aber nicht, wohin oder warum. Ein wackeliges Dach ;ber dem Kopf war besser als gar keins. Tags;ber ging sie um die H;tte herum und entfernte sich immer weiter davon. Aurora a; ein paar Beeren, trank etwas Wasser und knabberte an einigen Zwiebacken. Aber was sie nun tun sollte – sie wusste es nicht. M;nnerstimmen waren zu h;ren. Das M;dchen versteckte sich unter der Bank und warf eine Flickendecke dar;ber. Zwei junge M;nner betraten die H;tte.
„Evdokim, ich bin es leid, nach deiner Nastya zu suchen, wie nach der Nadel im Heuhaufen. Die Frauen sagten, sie k;me von einem zweist;ckigen Haus zur;ck, wo sie Essen gebracht hatte“, sagte einer der M;nner.
„Die Frauen werden dir Geschichten erz;hlen, h;r ihnen zu. Nastya ist fort! Und die, denen sie Essen gebracht hat, sind auch fort! Sie wurden alle get;tet. Ich habe geh;rt, dass sie sich beim letzten Mal, als man sie sah, seltsam verhalten hat und in den Wald gegangen ist, in diese Richtung. Wir hatten unsere Hochzeit f;r den Herbst geplant, ich wollte Heiratsvermittler zu ihr schicken, aber sie ist nirgends zu finden“, erwiderte Evdokim. Prinzessin Aurora schluchzte unter der Bank. Die M;nner sprangen auf. Einer von ihnen hob den Rand der Flickendecke an.
„Komm schon, M;dchen, steh auf, ich sehe, dein Zopf guckt raus“, sagte Jewdokim. Aurora kroch unter der Bank hervor.
„Jewdokim, sieh mal, sie sieht aus wie Nastja!“, rief der zweite Junge.
„Savelij, sie sieht aus wie Nastja.“
„Wer bist du?“, fragte Savelij.
„Ich hei;e Nastja, ich bin Waise“, antwortete Prinzessin Aurora schluchzend und sah die Jungen an.
Die M;nner entpuppten sich als junge M;nner in Stiefeln und russischen Hemden.
„Savelij, sieh mal, sie tr;gt Nastjas Kleider, aber sie ist nicht meine Nastja.“
„Jewdokim, du hast sie einfach vergessen; sie ist gro; geworden, w;hrend wir in der Lehre waren.“
„Herr Jewdokim, Sie haben mich vergessen; „Ich bin deine Nastja“, erkannte Prinzessin Aurora.
„Evdokim, wenn du deine Nastja nicht erkennst, nehme ich sie dir weg“, sagte Saveliy. „Nastja hat nicht mit mir gesprochen“, bemerkte Evdokim und musterte Auroras Kleidung. „Die Kleidung, die sie tr;gt, geh;rt Nastja, aber sie ist nicht Nastja.“
„Ich bin Nastja, die Kleidung, die ich trage, geh;rt mir“, erwiderte die Prinzessin selbstbewusst. „Du hast mich vergessen, und daf;r werde ich dich bestrafen, indem ich dich nicht heirate.“
„Nastja, lass uns in die Stadt gehen“, schlug Saveliy der Prinzessin vor.
„Okay, Saveliy! Ich bin einverstanden, mit dir zu gehen, aber ich habe eine Bedingung: Ich gehe nicht zur;ck ins Dorf.“
„Es ist kein Dorf, es ist eine Stadt.“
„F;r mich ist es ein Dorf.“ „Such dir eine richtige Stadt, mit vielen Menschen und Steinh;usern.“
„Nastja, ich habe noch etwas Geld, aber es ist zu Hause. Warte du am Stadtrand auf mich; ich nehme das Geld, die Stute und den Wagen mit.“
„So sei es. Und du, Jewdokim, behalte unsere Abreise f;r dich.“
„Und wo ist Nastja?“ Jewdokim quetschte sich heraus und setzte sich auf die Bank.
„Ich bin deine Nastja!“
„Nein, du bist es nicht, deine Haut ist weicher.“
„Jewdokim, ich habe mir das Gesicht mit Milch gewaschen, ich habe auf dich gewartet.“
„Nur mit Milch! Du bist sehr sch;n, du hast einen Pony, und meine Nastja hat glattes, ungeschnittenes Haar.“
„Savelij, Jewdokim erkennt mich! Aber ich gehe mit dir und lasse ihn denken, ich sei zu gut f;r ihn!“
„Lasst uns ins Dorf gehen, es wird bald dunkel“, dr;ngte Savelij.
Die jungen Leute gingen in Richtung Dorf. Aurora wusste nicht, wo Nastja wohnte, mit der sie die Kleider getauscht hatte. Die Jungen brachten sie selbst nach Hause. Sie winkte ihnen zu und schlief in der Scheune ein. Sie ging nicht hinein. Dort lag ein Haufen frisches Heu. Sie legte sich darauf und schlief ein. Am Morgen holte Savelij Aurora ab. Sie brachen zur Hauptstadt des Kupfergebirges auf.
„Savelij, nenn mich bei einem anderen Namen“, flehte Aurora.
„Was soll der Witz? Wer bist du wirklich?“
„Gro;f;rstin Aurora!“
„Wer bist du wirklich?“
„Ich bin Nastja.“
„Machst du Witze?“
„Aurora Pawlowna.“
„Und ich bin Savelij, aber warum tr;gst du Nastja Jewdokims Kleider?“
„Wir haben die Kleider getauscht, sie hat einen Offizier geheiratet und ist weggegangen.“ „Das klingt plausibel. Evdokim wird ;ber ihren Verrat sehr ver;rgert sein.“
„Savely, besorg mir einen Welpen; ich liebe Hunde.“
„Ich werde einen finden, aber wir m;ssen erst ein Zimmer mieten. Wir werden in einer Wohnung leben.“
„Was ist eine Wohnung?“
„Ein Zimmer in einem fremden Haus.“
Am Stadtrand hatten Aurora und Saveliy ein Zimmer in einem kleinen zweist;ckigen Haus gemietet. Das Erdgeschoss war aus Stein, das Obergeschoss aus Holz. H;hner und ein einzelner Hahn liefen im Hof herum. Drei Kissen waren pyramidenf;rmig auf dem Bett angeordnet. Die unter der Tagesdecke hervorschauende Gardine war geh;kelt. Saveliys Schritte lie;en die Dielen knarren. Aurora sa; auf einem Hocker am Tisch und blickte aus dem Fenster. Sie zog die schmalen wei;en Vorh;nge mit einer Schnur zur;ck, die an den R;ndern mit wei;em Faden zusammengebunden waren. Zwei Tr;nen entkamen den Augen des M;dchens, die sie mit ihren h;bschen Fingern wegwischte.
„Nastya-Aurora, wein nicht, ich kauf dir eine Kalatsch. Wenn du weinst, kauf ich dir einen Bastschuh.“
„Nenn mich Aurora.“
„Wie du sagst“, sagte Saveliy. „Aurora, was kannst du?“
„Ich kann Franz;sisch; ich kann Musik machen.“ „K;nnen Sie Kindern Musikunterricht geben?“
„Ich kann Klavier spielen.“
„Wir finden Ihnen einen Lehrling, und ich arbeite in der Uhrmacherwerkstatt.“
„Saveliy, sind Sie Uhrmacher?“
„Yevdokim und ich waren bei einem Uhrmacher in der Lehre, und so haben wir Nastya aus den Augen verloren.“
Die Hausherrin, eine gepflegte, h;bsche Frau, betrat das Zimmer.
„Wie geht es Ihnen? Wann heiraten Sie?“
„Danke, gut. Wir sind uns noch nicht sicher, was wir mit der Hochzeit machen sollen. Die Kirche genie;t bei der neuen Regierung kein hohes Ansehen. Aurora m;chte einen Sch;ler f;r den Musikunterricht finden“, antwortete Saveliy.
„Ich werde Ihnen einen Sch;ler finden, und bitte zahlen Sie im Voraus; es sind unruhige Zeiten.“
Saveliy bezahlte die Hausherrin, und sie verlie; das Zimmer. Das Haus lag abseits der Hauptstra;en der Stadt; ab und zu drang der Knall von Sch;ssen an ihre Ohren. Die Hausherrin hatte einen Sch;ler gefunden. Aurora brachte dem kleinen M;dchen Marinka zu Hause das Spielen eines Instruments bei; die Prinzessin besa; selbst kein Klavier. Ihr angeborenes Taktgef;hl und ihr Sinn f;r Angemessenheit bewahrten Aurora in schwierigen Zeiten vor der Ruhe. Sie wusste, wie man Gefahren ausweicht, als w;re sie von allen Widrigkeiten des Lebens fasziniert. Savely brachte eine Zeitung mit, in der ein Artikel ;ber die Hinrichtung der k;niglichen Familie stand. Er wollte Aurora damit beweisen, dass sie nicht Gro;herzogin Aurora sein konnte, da diese zusammen mit ihrer Familie hingerichtet worden war. Einer seiner Kunden hatte die Zeitung in seinem Uhrmachergesch;ft vergessen. Aurora presste die Lippen zusammen und schwieg, w;hrend sie den Artikel ;ber die Hinrichtung der k;niglichen Familie las.
„Savely, danke f;r die Zeitung“, seufzte sie. „Sie wurden irgendwo in der N;he get;tet …“
„Was ist los mit dir? Aurora, du siehst so blass aus! Tut mir leid, es f;llt mir schwer, solche Artikel in der Zeitung zu lesen. Warum bist du nicht beim Milit;r?“, fragte sie und wechselte das Thema. „Ich entziehe mich dem Wehrdienst auf dem Pferd meines Vaters, mal in den Wald, mal in die Stadt. Und jetzt bin ich Uhrmacher und sitze hier in Weste und Hut. Die Leute halten mich f;r einen alten Mann.“
„Aha, du bist kein Offizier.“
„Und nicht einmal Soldat.“
Es herrschte Stille. Aurora lag auf dem Bauch im Bett und verschr;nkte die H;nde ;ber dem Kopf. Savely setzte sich neben sie:
„Du bist so sch;n! Du bist selbst eine Prinzessin!“ Sie wandte sich Savely zu:
„Wei;t du alles ;ber mich?“
„Nicht alles, aber ich kann es mir denken. Du sprichst nicht wie wir. Du sprichst seltsam; die Leute hier sprechen nicht so.“
„Wirst du mich den Roten ausliefern?“
„Nein, ich liebe dich. Wir werden heiraten.“
„Wir sollten von hier weg.“
„Ich bin nicht weiter gereist; ich kenne keine anderen L;nder.“
„Savely, lass uns gehen! Sofort!“
„Nein, wir gehen nicht.“ Vater nahm das Pferd. Wir beide haben hohe Ausgaben; wir m;ssen einfach hierbleiben.
– Ich nehme eine andere Sch;lerin auf.
– Nimm die Sch;lerin.
Die Hausbesitzerin starb v;llig unerwartet; sie hatte keine Verwandten. Saveliy begrub sie und wurde der Hausherr. Aurora bekam ein eigenes Zimmer. Eines Tages wurde Saveliys goldene Uhr zur Reparatur gebracht, doch ihr Besitzer wurde bald darauf get;tet. So wurde Saveliy unmerklich reicher und kaufte Aurora bei der ersten Gelegenheit ein Klavier von der Mutter seiner ersten Sch;lerin, Marinka.
Der Vater des M;dchens starb bei einer Schie;erei in der Stadt. Alles passte zusammen. Das Leben in der Stadt verbesserte sich. Auch Auroras und Saveliys Leben verbesserte sich. Sie heirateten. Aurora erhielt neue Papiere auf den Namen Aurora Pawlowna. Sie lie; sich die Ponyfransen wachsen und schnitt sie nie wieder. Vergessene Kartoffelkeime sprossen aus den Ritzen im Dielenboden. Saveliy ;ffnete den Keller und sah ein Dickicht wei;er Kartoffelkeime. Sie hatten gar nicht gewusst, dass es Kartoffeln im Keller gab. Aurora stieg mit Saveliy in den Keller und half, das Dickicht aus Wurzelgem;se zu entfernen.
In einer Ecke des Kellers stand eine alte Truhe. Der Mann hatte ihr Schloss mit einer Axt aufgebrochen. Darin lagen alte Pelzm;ntel, bedeckt mit einem dicken Wollteppich. Aurora und Saveliy niesten herzhaft und lachten zum ersten Mal so fr;hlich und ansteckend, dass sie sich innig umarmten. Sie f;hlten sich so wohl zusammen in diesem Keller! Sie stiegen wieder heraus, und das Bett gab unter ihren K;rpern leise nach, begleitet von einem leisen Knarren der Metallhaken, die die Federn unter der Federmatratze hielten.
Savely, ein flei;iger Arbeiter und vorbildlicher Familienvater, erhielt die Gelegenheit, der Bolschewistischen Partei beizutreten. Er sprach mit Aurora, die ihm jegliche politische Bet;tigung verbot. Savely hatte nichts dagegen. Sie erwarteten ein Kind. Sie nannten das M;dchen Valentina. Auroras erste Sch;lerin, Marinka, wuchs heran und half bei der Betreuung des Babys. Im Gegenzug f;r ihre Hilfe gab Aurora ihr Musikunterricht.
Die fr;hliche Marinka flirtete mit Savely, und er schenkte ihr eine Uhr. Aurora bemerkte, wie ihre Beziehung inniger und mutiger wurde. Zum ersten Mal in ihren langen Jahren im Versteck sehnte sie sich nach Freiheit. Ein starkes Verlangen, in die Hauptstadt der Wei;en N;chte zur;ckzukehren, erwachte in ihr. Aurora wusste, dass sie ihrem Schicksal ein weiteres Mal entfliehen musste. Savely war bei der Arbeit. Marinka war mit Valentina unterwegs. Aurora beschloss, noch einmal in die Truhe zu schauen. Sie nahm eine Kerze und ging in den Keller hinunter. Sie verband sich die Nase mit einem Handtuch, um nicht vom Tabak niesen zu m;ssen.
In der Truhe unter den Pelzm;nteln lagen Papiere und eine kleine dunkle Holzkiste. Die Schachtel enthielt einen goldenen Ring mit einem Diamanten und eine Notiz: „Ich bin Prinzessin (Name durchgestrichen). Der Zar sagte mir einst, dieser Diamant sei wegen des gelblichen Schimmers des Goldes billig. Mein Mann wurde nach Sibirien verbannt. Ich landete in dieser Stadt im Kupfergebirge. Ich besitze nichts, nur diesen Ring aus meinem fr;heren Leben. Mein Mann ist gestorben.“ Aurora nahm den Ring und die Notiz und r;umte alles andere zur;ck. Sie packte einen kleinen Koffer, wartete auf Marinka und Valentina, k;sste ihre Tochter und sagte:
„Marinka, bleib bei dem M;dchen, bis Savely kommt. Es gibt Essen in der K;che, ich habe heute Unterricht und habe ein neues Kost;m f;r die Auff;hrung einer Sch;lerin vorbereitet.“ Marinka nickte zustimmend und freute sich innerlich, dass Aurora nicht zu Hause sein w;rde, wenn Savely ankam. Aurora ging zum Bahnhof. Sie kaufte Fahrkarten in die Hauptstadt der Wei;en N;chte. In der Gro;stadt fand sie sich schnell im gesch;ftigen Treiben wieder. Die Leute str;mten ins Stadion, um Fu;ball zu schauen. Ein Mann setzte sich in der Stra;enbahn neben sie und sagte – selbst zu Auroras ;berraschung:
„Ich bin der Schiedsrichter f;r das heutige Spiel, Blinov. Kommen Sie doch mit zum Fu;ballspiel. Das wird bestimmt interessant!“
„Lass uns zum Fu;ballspiel gehen. Ich hei;e Aurora!“
„Wunderbar. Also, fahren wir?“
„Aber ich nehme meinen Koffer mit. Ich bin heute aus Sibirien angekommen.“
„Ich nehme meinen Koffer mit, und dann fahren wir zu mir!“
„Meine Eltern haben f;r den Sommer eine Datscha gemietet.“
Im Auto h;rte man Franz;sisch. Aurora antwortete wie aus der Pistole geschossen.
„Aurora, sprichst du Franz;sisch? Unsere Fu;ballmannschaft braucht eine ;bersetzerin. K;nntest du uns den Sommer ;ber unterst;tzen?“
„Sehr gern.“ Sie l;chelten sich an. Aurora f;hlte sich in der Wohnung des Fu;ballschiedsrichters einfach wunderbar. Sie h;tte am liebsten gesungen und getanzt. Es war, als w;re sie nach einer langen Reise endlich wieder zu Hause. Blinov, etwa 33 Jahre alt, beobachtete Aurora mit Vergn;gen. Er mochte die junge Frau ganz offensichtlich! Pl;tzlich runzelte sie die Stirn, und drau;en setzte ein leichter Sommerregen ein.
„Aurora, was ist los?“
„Es regnet.“
„Wirklich?“
„Ich bin traurig“, antwortete Aurora. Sie dachte, Blinov br;uchte ihre Dokumente, und dann w;rde sie sie verlieren, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben.
„Ich dachte, ich h;tte meine Dokumente verloren.“
„Du musst nichts verlieren. Komm, Aurora, wir gehen ins Kino!“ „Im Kino l;uft eine Kom;die!“ Sie a;en und gingen ins Kino, wo die ersten Tonfilme liefen. Dort kam Aurora die Idee, zu heiraten, ihren Pass zu verlieren und einen neuen ohne die Stempel f;r Heirat und Kind zu beantragen. Genau das tat sie. Blinow heiratete Aurora. Und sie erhielt neue Dokumente. Aurora atmete erleichtert auf. Ihr Gewissen plagte sie nicht; es hatte sich von ihrem Gehirn abgekoppelt. Der Traum der Prinzessin war der Marmorpalast; sie sehnte sich danach und f;rchtete die Begegnung mit der Vergangenheit. Doch wer w;rde sie dort schon erkennen? Sie war erwachsen geworden und hatte sich ver;ndert. Auch das Land hatte sich ver;ndert. Aurora ;berredete ihren neuen Ehemann zu einer Palastf;hrung. Er willigte ein, wie ein wahrer B;rger seiner Stadt, ihr die Sehensw;rdigkeiten zu zeigen. Vertraute Treppen. Vertraute Stra;en. Doch etwas lastete schwer auf Auroras Schultern, besonders auf ihrer Brust. Die Begegnung mit der Vergangenheit lie; sie sich schwerer f;hlen, nicht leichter. Prinzessin Aurora setzte sich auf eine Marmorbank und bat darum, einen Moment allein gelassen zu werden. Die Haush;lterin sa; auf einem Stuhl in der N;he. Ein Ring funkelte am Finger der ;lteren, aber attraktiven Frau. Aurora betrachtete den Ring der Frau aufmerksam und zog einen weiteren Diamantring aus ihrer Tasche. Ihr Ring blitzte auf. Sein Glanz erregte die Aufmerksamkeit der Haush;lterin.
Die Haush;lterin err;tete:
„Frau, woher haben Sie diesen Ring?“
„Woher stammt dieser Ring?“, antwortete Prinzessin Aurora.
„Ich habe meinen Ring. Der Zar sah ihn und lobte seinen kostbaren Stein.“
„Sie haben einen wundersch;nen Diamanten in Platin gefasst!“, rief Aurora aus.
„Mein Gott, die erste Frau, die seinen Wert erkennt! Und ich sage allen, es sei Glas in Silber gefasst, und sie glauben mir und nehmen ihn mir nicht weg. Und doch, junge Dame, halten Sie den Ring meiner Freundin in der Hand – nennen wir ihren Namen lieber nicht.“
„Sie haben Recht, ich habe diesen Ring in Sibirien gefunden.“
„Oh mein Gott! In Sibirien! Lebt die Besitzerin des Rings noch?“
„Sie starb vor etwa drei Jahren. Ich hatte ein Zimmer bei ihr gemietet, und nach ihrem Tod fand ich diesen Ring und eine Notiz in einer Truhe.“ Aurora zeigte der Haush;lterin ein altes St;ck Papier.
„Mein Gott! Das ist ihre Handschrift! Die meiner geliebten Freundin!“, rief die ;ltere Dame aus und wischte sich mit ihrem Taschentuch eine Tr;ne aus dem Augenwinkel.
„Sie haben mir das Leben gerettet! Vielen Dank!“ Aurora platzte es unerwartet heraus und biss sich auf die Zunge, als ihr klar wurde, dass sie nicht sagen konnte, dass sie eine Prinzessin war und dass sie aus der Ber;hrung zweier Prinzessinnen an der Hand ihres Vaters, des Zaren, geboren worden war. Er hatte ihr dies selbst vor ihrer Flucht noch einmal gesagt, und dass ein solcher Ring sie vor der Hinrichtung bewahrt hatte…
„Was, meine Liebe, habe ich dein Leben gerettet?“
„Ja, das habe ich gesagt.“ Aurora kam nach Hause und gestand ihrem Mann, dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hatte, indem sie ihre Tochter Valentina in Sibirien zur;ckgelassen hatte. Blinow sagte nur:
„Bring meine Tochter her!“ Savely erhielt ein Telegramm von Aurora: „Gib mir meine Tochter.“ Er schimpfte nicht mit ihr, sondern, da er genau wusste, dass seine Frau eine komplizierte Person war, schickte er ein Telegramm: „Komm.“ Aurora nahm ihre Tochter Valentina Savelyevna mit nach Hause. Der Fu;ballspieler freundete sich mit dem M;dchen an und bedauerte, dass sie kein Junge war und nicht Fu;ball spielen konnte. Die Geschichte von Agnes’ Mutter endete dort…
Einige Zeit sp;ter… Agnes hatte die Vorstellung, dass im Marmorpalast der n;rdlichen Hauptstadt echte Diamanten auf sie warteten. Sie packte ihren Koffer und reiste in die Hauptstadt der Wei;en N;chte, denn sie vermisste ihren Geliebten genauso sehr wie die Diamanten.
Ein gewisser Ilja Lwowitsch rief Agnes an.
„Agnes, ich habe dein Leben im Auge behalten.“
„Ich wei;, dass du immer in der N;he bist.“
„Ich wei; nicht. Wenn es dir keine Umst;nde macht, komm mich besuchen.“
„Okay. Ich komme.“
Das Gespr;ch wurde von mehreren Abh;rger;ten aufgezeichnet.
„Deine Mutter hat dir vor ihrem Tod alles erz;hlt, und ihre Geschichte ist aufgezeichnet. Verzeih mir, aber dein Haus war mehrmals verwanzt.“
„Okay, aber wie kannst du beweisen, dass du der Enkel eines Wachmanns bist? Wie?“
„Ich habe den Ring, den deine Gro;mutter meinem Gro;vater geschenkt hat.“ „Aber ich habe diesen Ring nicht gesehen.“ „Du kannst mir jeden beliebigen Ring zeigen, und ich werde deine Version der Ereignisse nicht widerlegen k;nnen.“
„Du musst es glauben.“ Ilya ;ffnete den Schreibtisch und holte den Ring heraus. Agnes brauchte den Ring, genauer gesagt den in Platin gefassten Diamanten, nur anzusehen, und ihr Herz verriet sie. Respektvoll nahm sie den Ring zwischen ihre Finger, drehte ihn und reichte ihn zur;ck.
„Ich glaube dir, Ilya. Dieser Ring geh;rte meinen Vorfahren. Was bedeutet das?“
„Es bedeutet, dass du, deine Mutter und deine Gro;mutter von unserem Volk gef;hrt wurden. Ja, ich war nicht der Einzige, der deiner Familie zugeteilt war. Glaubst du wirklich, dass alle Verbrechen belohnt und ungestraft bleiben? Aber f;r dich war alles in Ordnung. Ich wei;, wo dein Diamantenfonds ist. Er steht unter meiner Kontrolle.“ „Willst du es sehen?“ Ilja schaltete den Monitor ein. Er zeigte Agnes’ Zimmer: ein Regal mit einem Korallenbusch, an dem ein Diamant hing.
„Cool.“ Ich wusste gar nicht, dass in unserem armseligen Zimmer eine ;berwachungskamera ist. Mir ist das etwas unangenehm, schlie;lich ist das hier ein Wohnzimmer.
„Agnes, das ist doch l;cherlich. Du hast ein Zuhause und lebst trotzdem in so einem erb;rmlichen Zustand. Wozu brauchst du das?“
„Ilja, sei doch anst;ndig! Mach mich nicht fertig! Hab Mitleid mit mir!“
„Ich kann nicht, ich muss etwas sagen. Versteh mich, die Machtverh;ltnisse haben sich ;ber drei Generationen so oft ge;ndert, dass ich niemandem mehr Rechenschaft schuldig bin! Ich bin schon lange nicht mehr untergeordnet, und das ist traurig. Wir beide wissen, wer du bist!“
„Sehr gut“, Agnes kam wieder zu sich, „meine Gro;mutter verdankt also deinem Gro;vater ihr Leben. Meine Mutter hat mir die Wahrheit ;ber den Fund des gro;en Diamanten erz;hlt. Was soll ich denn jetzt mit dieser Wahrheit anfangen?“ „Wozu diese ;berwachung?“
„Fast nichts. Ich hoffe, es geht dir gut und deine ganze Diamanten-Leidenschaft hat sich gelegt.“
„Hoffen wir es.“ „Sieh dir jetzt den Bildschirm an.“
Agnessa blickte auf den Bildschirm und sah drei maskierte M;nner, die ihr Zimmer betraten. Sie gingen zu dem Regal mit ihrer Diamantensammlung, nahmen die Sch;tze heraus und packten sie in eine Reisetasche.
„Nein! Warum raubt ihr mich aus?“, rief Agnessa mit heiserer Stimme. Agnessa hatte das Interesse an Ilya verloren; wenn ihre Gro;mutter seinen Gro;vater ;berlistet hatte, musste sie die ganze Situation noch einmal durchspielen. Langsam griff sie in ihre Tasche und dr;ckte den Knopf an dem funkgesteuerten Ger;t. Das Bild auf dem Bildschirm blieb stehen. Die T;ren schlossen sich. Die drei Einbrecher konnten ihre Wohnung nicht verlassen. Sie n;herten sich dem Fenster, doch Metallgitter senkten sich herab. Die Einbrecher sa;en in der Falle.
„Ich bewundere eure Weisheit!“, rief Ilja Lwowitsch aus, v;llig unbeeindruckt von der Situation.
„Jetzt bist du am Zug, Ilja!“, sagte Agnes majest;tisch.
„Ich verstehe, warum du deine Sch;tze so offen verbirgst. Schlie;lich ist dies dein Diamantaltar! Keine Sorge, die drei geh;ren zu mir, sie werden niemandem etwas erz;hlen. ;ffne ihnen die T;ren.“
„Nein, ich glaube dir nicht, Herr Fuchs. Dies ist mein Diamantaltar, und ich f;hle mich in seiner N;he wohl. Hier im Raum steht eine Ikone meiner Mutter. Es ist ein heiliger Ort f;r mich.“
„Agnes, du bist in die Defensive gegangen, doch einst warst du offensiv. Einst suchtest du den Diamanten der Jugend, und nun bewachst du ihn! Was ist los?“
„Was ist los? Ich brauche nicht viel, aber ich will nicht aufgeben, was ich habe.“
„Und was, wenn die drei dir sechs H;nde voll Diamanten hinterlassen? L;sst du sie dann aus deiner Falle?“ „Ganz einfach.“ Sie sollten die Diamanten wie Eisw;rfel auslegen, dann w;ren sie frei.
Ilya z;ckte sein Handy und rief die R;uber an. Gehorsam leerten sie ihre Taschen auf den Tisch. Die Diamanten t;rmten sich hoch auf. Agnes dr;ckte den Knopf. Die T;ren ;ffneten sich. Das Trio verlie; den Raum, ohne Agnes’ Schatz mitzunehmen. Die T;ren schlossen sich hinter ihnen.
Kapitel 8. Auf der Suche nach der Vergangenheit
Apollo sa; neben Agnes im Schnellzug. Er war so gutaussehend, es h;tte nicht besser sein k;nnen. Was sonst? Er war ihr Ehemann und hatte sie als ungew;hnlicher Leibw;chter begleitet. Sie hatten ein Hotelzimmer gemietet.
„Apollo, ich muss den Palast erkunden“, sagte Agnes gelassen.
„Wenn es sein muss, dann muss es sein, wovon redest du?“, sagte Apollo und bestellte Zimmerservice.
„Apollo, du wirst pleitegehen!“, fuhr Agnes ihn an.
„Ich habe Geld f;r dich bekommen. Iss und entspann dich!“ Ich k;mmere mich um alles.
– Apollo, zieh bequeme Schuhe an, wir werden viel laufen. Und pass auf, dass du keine Blasen bekommst.
– Wir bereiten uns gr;ndlich vor. Wozu das hier?
– Frag nicht. Geh neben mir her. Wenn ich es dir erkl;ren muss, tue ich es.
– Ich lerne immer gern von dir!, rief Apollo fr;hlich und zog seine Sommerm;tze hoch.
– Nimm au;erdem eine Umh;ngetasche mit; pack Sandwiches und Wasserflaschen hinein.
– Wohin fahren wir? Zum Marmorpalast. Es sieht so aus, als w;rden wir in den Wald fahren, sagte Apollo ;berrascht.
– Die Stra;en dort sind lang.
– Mach ich. Kann ich ein Taxi rufen?
– Ja, aber es w;re besser, wenn du selbst f;hrst.
– Ich habe hier kein Auto. Wir h;tten mit dem Auto kommen k;nnen, aber du bist mit dem Zug hier gelandet.
– Miet dir ein Auto f;r eine Woche.
Ich habe noch nie ein Auto gemietet. Okay, gib mir das Geld, ich finde eins. Ein gewisser Herr Feofan hatte sich im Nebenzimmer eingerichtet. Sein Team war in den angrenzenden R;umen auf dieser Etage stationiert. Agnes wurde ;berwacht, aber niemand n;herte sich ihr. Sie wurde von allen Seiten belagert wie eine Kartoffel. Agnes ;berschritt die Schwelle des Marmorpalastes und rief unwillk;rlich aus:
„Was f;r ein gro;er Palast!“
„Jeder hat einen Palast, nicht nur du!“, knurrte Apollo, unzufrieden mit der Tasche ;ber seiner Schulter.
Sie gingen seltsam durch den Palast. Apollo betrachtete Gem;lde, Statuen – kurzum, Antiquit;ten. Agnes schaute unter Gem;lde, hinter Statuen.
Apollo konnte nicht widerstehen zu fragen:
„Agnes, wo schaust du hin?“
„Auf die Ausstellungsst;cke.“
„Eher hinter die Ausstellungsst;cke. Es ist offensichtlich, wo du hinschaust. Ein paar Leute folgten uns und schauten dorthin, wo du hinschautest.“ „Hast du bemerkt, dass dir jemand folgt? Zeig her! Folgt dir etwa Herr Feofan?“
„Woher kennst du so eine wichtige Pers;nlichkeit? Gut, setz dich sofort auf die n;chste Bank und dreh dich um.“
Agnes setzte sich, drehte den Kopf und sah Feofan direkt in die Augen! Feofan trat an Agnes heran:
„Hallo, Agnes!“
„Hallo, Feofan.“
„Wieso, kennen wir uns?!“ Apollon tat ;berrascht.
„Und ich frage mich, warum?“, sagte Agnes n;chtern. „Was willst du von mir?“
„Du bist eine weltber;hmte Diamantenlady, und es ist offensichtlich, dass du ohne Diamanten nicht leben kannst. Und da du dich im Marmorpalast befindest, bedeutet das, dass der Diamantenglanz ganz in der N;he ist!“
„Feofan, hier glitzert alles: das Parkett, die Spiegel, die Vergoldungen!“ „Du bist doch kein Vogel zum Zwitschern! Wo im Palast sind die Diamanten? Deine Mutter ist vor Kurzem gestorben, und wahrscheinlich hat sie es auf dem Sterbebett verraten, schlie;lich bist du ja direkt nach ihrer Beerdigung hierher geflogen!“
„Fast richtig. Ich verrate es dir – du wirst mich nicht umbringen? So viele Leute um dich herum, es ist, als w;rst du auf einer Tournee.“
„Ich werde dich nicht t;ten – sag schon. Agnes, warum schweigst du? Verstehst du denn nicht, wer ich bin?“
„Agnes, du solltest es mir besser sagen“, sagte Apollon. Er wollte seinen Rucksack ;ffnen, um eine Flasche Wasser herauszuholen, doch zwei streng dreinblickende M;nner stellten sich neben ihn.
„Soll ich es durch den ganzen Saal rufen oder es mir einfach sagen?“, fragte Agnes Theophan.
„Alle sind aus dem Saal gegangen“, sagte Theophan und winkte gebieterisch. Alle waren gegangen, sogar die W;chter; sie wurden leise und plaudernd hinausgef;hrt.
„Ich h;re zu“, sagte Theophan mit zusammengebissenen Z;hnen.
„Mutter sagte, das Versteck des Zaren mit den inoffiziellen Geschenken sei neben seinen Gem;chern. Ein Geheimgang f;hre dorthin.“
„So scheint es. Aber ihr sucht am falschen Ort. Die Gem;cher des Zaren waren nicht hier, aber ich wei;, wo sie waren. Kommt, ich zeige euch, wo die Zaren schliefen.“ Geht neben ihnen her und l;chelt.
Agnes und Theophan verlie;en den Saal. Eine Menschenmenge folgte ihnen. Ein Teil des Palastes war f;r Besucher gesperrt, sodass sie den ben;tigten Saal nicht betreten konnten. Sie blieben vor verschlossenen T;ren stehen. Hinter diesen T;ren, irgendwo an einem geheimen Ort, erwarteten sie die k;niglichen Diamanten – oder vielleicht auch nicht: Die T;ren zu den geheimen Orten der Vergangenheit waren verschlossen.
Ein M;dchen kam auf sie zu und fragte:
„Seid ihr Theophan und Agnes? Drehen sie hier einen neuen Film?“
Agnes und Theophan sahen sich aufmerksam an. Das M;dchen hatte recht; sie sahen ber;hmten Schauspielern ;hnlich, aber im wahren Leben war Agnes, nicht Theophan, die Regisseurin, obwohl das durchaus m;glich gewesen w;re.
„Ja, hier wird gerade ein neuer Film gedreht, mit dem Arbeitstitel ‚Die Diamanten des Zaren‘“, erwiderte Agnes. „Nur zu, aber st;rt nicht den kreativen Prozess.“
Die neugierigen Zuschauer entfernten sich.
„Agnes, meinen Aufzeichnungen zufolge hattest du bei deiner Diamantensuche noch nie einen Fehlschlag!“, rief Feofan.
„Das mag stimmen, aber ich suche Diamanten nur allein oder mit zwei anderen.“
„Ich schicke alle weg und bin mit dir allein!“, rief Feofan aufgebracht.
„Feofan, du hast mir gesagt, wo ich suchen soll! Ich suche ohne dich weiter!“
„Findet sie und flieht!“
„Danke f;r den Vorschlag. Apollo und ich gehen zusammen. Ihr wartet drau;en am Ein- oder Ausgang des Marmorpalastes.“ Feofan ging zum Ausgang. Seine M;nner folgten ihm. Agnes und Apollo blieben allein zur;ck.
„Apollo, ich sp;re Diamanten! Kommst du mit?“
„Ja, Agnes!“
„Du siehst ;brigens aus wie ein Schauspieler! Aber wir gehen nicht heute; wir bleiben noch ein bisschen hier. Morgen fangen wir mit der Suche an.“ „Das Auto wartet auf uns.“
Am n;chsten Tag trug Agnes Jeans, einen dunklen Pullover und hatte die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Apollo erschien vor ihr in Jeans und einem braunen T-Shirt. Sie freuten sich ;ber den Anblick der Menschenmenge. Sie stiegen ins Auto und fuhren zum Marmorpalast. Sie ;berholten die Besucherschlange. Agnes schlenderte ein St;ck durch die Korridore und f;hrte Apollo dann zur T;r, die in den Palast f;hrte. Sie ging, als tr;ge sie einen Faden, der um einen gro;en Diamanten gewickelt war. Apollo konnte kaum mit Agnes Schritt halten. Sie gingen an Rohren vorbei, die sich in die Unendlichkeit von Zeit und Raum erstreckten. Agnes blieb abrupt stehen. Apollo rempelte sie an.
Sie drehte sich zu ihm um:
„Da sind wir, Apollo! Wir m;ssen hier suchen!“ „Da sind Rohre, W;nde. Wo sollen wir suchen?“
„Wir stehen neben dem B;ro des K;nigs; er ist hinter der Wand. Siehst du die Nische?“ Ich kann sie nicht erreichen. Klettere hinauf und klopfe an die Wand; das Ger;usch der Leere sollte die Antwort sein.
Apollo zog sich hoch, kletterte die Rohre hinauf, trat auf die Nische zu und klopfte. Als Antwort war das Ger;usch metallischer Leere zu h;ren.
„Ich habe Recht, dort m;ssen wir suchen!“, rief Agnes.
In diesem Moment ert;nte das Geschrei einer ganzen Bisonherde. Theophanes und seine M;nner erschienen um die Ecke.
„Agnes, wir sind direkt hier!“, rief Theophanes.
„Wer h;tte daran gezweifelt!“, erwiderte Agnes.
„Apollo, komm aus der Nische; meine M;nner kommen herauf!“, rief Theophanes.
Apollo stieg hinab. M;nner aus Theophanes’ Gefolge nahmen seinen Platz ein.
„Sind wir frei?“ Agnes fragte Theophanes. „Wie soll ich das sagen? Wir haben noch nichts gefunden“, erwiderte Feofan und rief: „Sundukow, mach auf!“
Sundukow zog ein gro;es Klappmesser hervor und schnitt die ;u;ere Schicht aus Farbe, Gips und Kalk ab. Tr;mmer fielen herab. Er klopfte an die Metallt;r und hob eine Schicht Kalk und Gips an. Eine Metallt;r kam zum Vorschein. Sie war verschlossen. Ein paar weitere Umdrehungen des Dietrichs, und die T;r schwang auf. Im Inneren des Tresors befanden sich zwei F;cher und zwei weitere T;ren.
Feofan beobachtete seinen Mann bei der Arbeit:
„Truhe, runter! Die Peitsche wird sie ;ffnen.“
Sundukov, kreidebleich vom Kalk, sprang aus der Nische auf das Rohr und dann auf den Boden. Er begann zu niesen und sch;ttelte den wei;en Staub der Zeit ab. Feofan knackte ein Schloss. Im Tresor lagen gelbe Papiere. Er ;ffnete das zweite Schloss. Licht brach hervor. Diamanten funkelten in allen Farben des Regenbogens.
„Feofan, wir sind weg“, sagte Agnes.
„Du wolltest uns verraten, aber wir bringen dir Diamanten zum Schleifen!“, sagte Herr Feofan, hocherfreut ;ber sein Schicksal.
Agnes und Apollon gingen in die andere Richtung.
„He, wo geht ihr hin?!“, rief Feofan, winkte ihnen aber zu. Seine Freude machte ihn desorientiert, und er fiel – oder zumindest halfen sie ihm beim Fallen. Unter Feofans M;nnern brach ein Handgemenge aus. Sie k;mpften mit Vergn;gen und schleuderten sich gegenseitig gegen die Rohre. Die M;nner wurden kreidebleich vom alten Kalk und rot vom Blut. Die W;nde waren von oben gestrichen, doch unter der Farbe verbargen sich der Staub der Zeit und der Glanz vergangener Jahrhunderte. Drei M;nner gingen als Sieger aus dem Kampf hervor: Feofan, Sunduk und Khlyst. Sechs M;nner lagen in verschiedenen Positionen zwischen den Rohren und dem Kalk. Feofan nahm Diamanten aus dem zweiten Safe. Einer wog f;nfzig Karat, die anderen zehn bis zwanzig. Feofan nahm den gro;en Diamanten, die ;brigen wurden zwischen Sunduk und Khlyst aufgeteilt. Das Trio kehrte auf dem gleichen Weg zur;ck.
Ein Detektiv und zwei Wachm;nner kamen ihnen entgegen.
„Was f;r Leute!“, rief Ilja Lwowitsch und versperrte Feofan den Weg.
„Hat Agnes ihn verkauft?“, fragte Feofan.
„Nein, Agnes wei; nichts von uns. Wir haben nach ihr gesucht und dich gefunden. Feofan, warum hast du solche Angst? Hast du sie nicht get;tet?“
„Sie lebt, aber sie ist einen anderen Weg gegangen.“
„Du musst untersucht werden!“ „H;nde hoch und an die Wand!“, rief Ilja Lwowitsch.
Feofan und seine beiden Komplizen rannten in verschiedene Richtungen davon. Die Wachen verfolgten Sunduk und Chlyst. Ilja jagte Feofan. Bei der Schie;erei um die Diamanten wurden die Wache und Feofan verwundet. Feofan wurde vom Detektiv mit Hilfe seiner Partnerin gefasst. Sie half ihm im richtigen Moment, Feofan zu ;berw;ltigen. Die Palastwache erwartete die G;ste am Ausgang. Der Direktor des Marmorpalastes war entsetzt ;ber die Sch;tze, von denen er nie etwas geahnt hatte. Doch andere Machtkreise griffen ein, und die Diamanten flossen in den nationalen Diamantenfonds.
Agnes und Apollon gingen hinaus. Sie verlie;en den Marmorpalast, stiegen in ein Auto und fuhren, ohne im Hotel anzuhalten, in unbekannte Richtung davon. Agnes seufzte w;hrend der Fahrt.
„Warum seufzt du, Agnes?“, fragte Apollon.
„Diese Diamanten – und ich habe sie nie ber;hrt! Ich habe nur ihr Funkeln gesehen, mehr nicht.“
„Werden wir nicht bestraft?“
„Wof;r? Wir verlassen jetzt die Autobahn und fahren abseits der Hauptstra;e. In 24 Stunden sind wir wieder im Hotel.“
„Und ist Feofan f;r den Tod deiner Mutter verantwortlich? Er hat sie doch erstochen?“
„Die Wunden waren nicht tief; sie starb an einem Herzinfarkt, nachdem sie mir ihre Vergangenheit gestanden hatte. Unter dem Schmerz ihrer Wunden erz;hlte sie mir von sich. Feofan wurde freigesprochen; er kam ungeschoren davon. Er ist wie ein unsichtbarer Mann.“ Agnes geriet au;er sich. Sie setzte sich selbst ans Steuer und fuhr mit angemessener Geschwindigkeit von der Autobahn der Hauptstadt weg. Apollon beobachtete Agnes fassungslos; er wusste so viel ;ber sie, und doch hatte er sie noch nie so verzweifelt gesehen. Und dennoch entwickelte sich eine Anziehung zwischen Agnes und Apollon. Sie beschlossen, gemeinsam auf Gesch;ftsreise zu gehen. Sie blickte ihren Begleiter ;berrascht an. Der Mann war au;ergew;hnlich gutaussehend.
Zugegeben, Apollos Beliebtheit war im Keller; einst war er ber;hmt gewesen, doch nun hatte ihn jeder vergessen. Sie schwiegen, aus Angst, die zarte Anziehungskraft zu zerst;ren. Ein Hotel in einer Kleinstadt hie; sie willkommen. Agnes hatte zwei Zimmer reserviert, doch sie bezogen beide ihres. Apollo lie; sich auf einen kleinen, harten Stuhl fallen und fragte:
„Agnes, warum ranken sich so viele magische Geschichten um dich? Bist du die Diamantenlady oder gar die Prinzessin selbst?“
„Es ist Schicksal, aber gr;b nicht weiter nach. Ich habe panische Angst vor allem, was mir widerf;hrt.“
„Was werden wir in diesem Hotel tun?“
„Uns ausruhen, Kraft sch;pfen, dann kehren wir in die Stadt zur;ck.“ Agnes schlief sofort ein, als sie das Kissen ber;hrte. Sie war es so leid, sich Sorgen zu machen! Und hier, fernab vom turbulenten Leben, fand sie Frieden. Apollo verlie; das Zimmer und schloss die T;r mit einem Klicken ab. Neben dem Hotel befand sich ein kleines Buffet. Sein Blick auf die Auslage lie; ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Die Verk;uferin l;chelte ihn freundlich an.
Apollo kaufte etwas, das er unter anderen Umst;nden nie gekauft h;tte, schnappte sich dann Tee- und Kaffeebeutel und ging auf sein Zimmer. Er nahm eine Teekanne aus dem verspiegelten Buffet, dazu zwei Tassen mit Untertassen. Er bereitete Tee und Kaffee zu, servierte das Essen, a;, ging aber nicht zur;ck auf sein Zimmer und schlief auf dem Sofa ein.
Agnes wachte auf, sah das Essen an, a;, bemerkte Apollo und erstarrte. Es f;hlte sich an, als l;ge ihr geliebter Mann vor ihr! Sie setzte sich neben ihn und strich ihm ;ber den Kopf. Pl;tzlich zog sie ihre Hand von ihrem geliebten Mann zur;ck und ging ins Badezimmer. Statt einer Badewanne gab es eine Dusche. Sie wusch sich und erinnerte sich dann, dass sie keine saubere Kleidung hatte.
Agnes wickelte sich in ein Hotelhandtuch und ging in ihr Zimmer. Sie legte sich aufs Bett und schlief ein. Auch Apollo schlief. Er ;ffnete die Augen, und neben ihm, fast direkt neben ihm, lag eine wundersch;ne Frau, die auf dem Bett schlief. Ihr feuchtes, welliges und ungek;mmtes Haar umrahmte ihr intelligentes, freundliches Gesicht. Sie trug ein Handtuch. Das Handtuch ;ffnete sich und gab den Blick auf leicht gebr;unte Haut frei. Unwillk;rlich griff Apollo nach ihr, um sie damit zu umwickeln, und ber;hrte ihre Haut. Schl;frig umarmte sie ihn, die Augen noch geschlossen. Er l;ste sich aus ihrer Umarmung und ging in sein Zimmer, wo seine Handt;cher lagen. Apollo stieg in die Dusche, stellte sich unter den k;hlen Strahl, nahm Seife, seifte sich ein und sp;lte sich ab. Er trocknete sich mit einem Handtuch ab, wickelte sich in das zweite und schnappte sich die Schl;ssel. Dann huschte er in Agnes' Zimmer. Das Hotel war klein, mit wenigen Zimmern und fast keinen G;sten. Apollo fasste sich ein Herz und legte sich neben Agnes. Halb im Schlaf umarmte sie seinen sauberen K;rper, ihre Hand glitt langsam unter das Handtuch.
Eine angenehme Tr;gheit lie; ihn sich strecken und an seine Geliebte lehnen. Sie l;chelte, kicherte, warf das Handtuch beiseite und schmiegte sich an seine Ber;hrungen. Die Ber;hrungen lie;en nicht lange auf sich warten. Er sp;rte die Z;rtlichkeit der Frau neben sich. Langsam ver;nderte sie ihre Position und ber;hrte ihn mit so vielen Hautschichten wie m;glich. Agnes schmiegte sich an ihn, ahmte die Kurven seines K;rpers nach und bot sich ihm schmeichelnd an.
Apollo genoss die Geschmeidigkeit der Frau und die angenehme Tr;gheit ihrer sauberen K;rper. Sie verga;en alles andere, ihre langsamen Bewegungen, wie ein langsamer Liebestanz, wichen abrupten Bewegungen, die aber auch bald sanft und z;rtlich wurden. Die Handt;cher glitten zu Boden. Das Einzelbett im Hotel knarrte kl;glich. Sie hielten inne und genossen einander. Drau;en hielt ein Auto.
Sie zuckten zusammen und setzten sich auf. Agnes hatte Angst. Endlich erwachte sie aus ihrer Liebes-Tr;umerei und zog sich hastig an. Sie griff nach der Diamantpistole, warf sie aber gleich wieder in ihre Handtasche. Apollos Kleidung war in seinem Zimmer. Agnes ging, um sie zu holen. Unten h;rte man Schritte. Agnes hob die verstreuten Kleidungsst;cke auf und kehrte ins Zimmer zur;ck. Apollo sa; auf einem Handtuch auf einem Stuhl. Schnell schl;pfte er in Jeans und T-Shirt.
„Apollo, wir m;ssen weg.“
„Verstehe, los geht’s.“
Sie stiegen aus und ins Auto. Ein Reifen war platt. Apollo begann, ihn zu wechseln. Agnes kaufte Lebensmittel ein. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie weder wusste, wohin noch warum sie ;berhaupt gehen musste! Sie hatte den Kontakt zur Au;enwelt verloren, war dem Trubel und der Jagd entflohen. Apollo wechselte den Reifen und setzte sich selbst ans Steuer. Agnes sa; auf dem R;cksitz und dachte, sie h;tte den Mann gefunden, nach dem sie gesucht hatte. Nur ein Ehemann konnte f;r eine Diamantenk;nigin Freund und Feind zugleich sein.
Vergessen! Vergessen wurde der Sohn von Tatjana und K;nig Albert. Was war aus ihm geworden? Ein Lebemann, ein Prinz und der Ehemann einer Schauspielerin. Es war die Schauspielerin, die neugierig wurde und Tatjana fand.
Und so nahm die Geschichte fast ihr Ende … Ja, Savely und Marinka hatten einen Sohn, Vasek, in Sibirien; er war der Bruder von Valentina Savelyevna, Agnes’ Mutter. Vasek Savelyevich wurde von Agnes’ Verwandten nicht anerkannt, ging aber seinen eigenen Weg. Nat;rlich war er nicht Prinzessin Auroras direkter Erbe, da Aurora und Savely Valentina Savelyevna gezeugt hatten.
Vasek war im Herzen ein Komiker; er moderierte Veranstaltungen in der Schule wie die „Stunde der Spa;wettbewerbe“. Darin war er sehr erfolgreich. Er moderierte diese Wettbewerbe in der Schule, an der Universit;t und im lokalen Fernsehen. Er besa; Organisationstalent und Charme, was keine Selbstverst;ndlichkeit war. Doch er blieb in seiner sibirischen Heimatstadt.
Tatiana, Georges' Tochter, K;nig Alberts Gemahlin und Schah Mahas Geliebte, ist wohlauf. Doch ihren Sohn von K;nig Albert sah sie nie wieder und bekam keine weiteren Kinder. Wo ist sie? Ihre Jugend war vergangen, niemand k;mmerte sich mehr um sie. Ihr Vater, Georges, starb an einer Vergiftung durch einen Weihnachtsbaum. Da sie aber finanziell gut dastand, lebte sie recht ungeniert in gesellschaftlichen Kreisen.
Und was noch? Der Herr der Berge. Hatten ihm walnussgro;e Diamanten geholfen? Das klingt wie ein M;rchen. Und wer ist dieser Herr der Berge? K;nnen Sie es erraten? Es war derselbe Humorist, Wassek Saweljewitsch, der Vater von Boris, dem Diamantenh;ndler.
Anscheinend dienen Diamanten als Fassung f;r Saphire, Rubine und Smaragde, die sorgf;ltig behandelt werden, um ihr Karatgewicht zu erhalten. Im 17. Jahrhundert waren diese Steine bei den Zaren sehr beliebt. Man muss die Zarin tats;chlich vom Adel und den Adel vom einfachen Volk unterscheiden. Gut, dass gute Steine Jahrhunderte halten; man kann sich sogar Bilder der Juweliere vergangener Zeiten ansehen.
Und womit konnten sich Damen sonst noch vergn;gen? Nur mit Schmuck, aber heutzutage g;nnen sie sich alle m;glichen elektronischen Ger;te. Warum erw;hnt der Detektiv Edelsteine in den Titeln seiner B;cher? Es stellt sich heraus, dass er daf;r nicht bezahlt wird, sondern sich einfach gerne mit Bildern von Schmuck besch;ftigt. Er erw;hnt sie gern, obwohl er selbst gar keinen Modeschmuck besitzt. Und wenn er doch mal welchen von Klienten bekommt, schenkt er ihn Tatjana.
Die Wohnung war ;berall renovierungsbed;rftig. Die Fensterrahmen mussten restauriert, Teile der Sanit;ranlagen erneuert, die Fu;b;den, die Wasserh;hne, der Herd, die M;bel und vieles mehr ausgetauscht werden. Vlad staunte ;ber all die Arbeiten, die in seiner Wohnung durchgef;hrt wurden. Angelina hielt sie makellos sauber und ordentlich. Sie hatte bescheidene Anspr;che, trug ihr Haar glatt frisiert, war aber liebensw;rdig und freundlich. Er war zufrieden. Er hatte genug zu essen, Kleidung, wurde geliebt, und alles um ihn herum verbesserte sich stetig.
Agnes blickte zum Himmel: Was w;re, wenn ein diamantbesetzter Meteorit vorbeifl;ge? Doch der Himmel hielt nie solche ;berraschungen f;r sie bereit, obwohl man sagt, Diamanten fielen entweder aus dem Weltraum, aus dem Erdinneren bei Vulkanausbr;chen oder w;rden k;nstlich hergestellt. Agnes wusste genau, dass die Zeit unaufhaltsam voranschritt. Die Diamantenindustrie war ihrer Zeit weit voraus, w;hrend sie mit ihren Geschichten hoffnungslos hinterherhinkte.
Agnes blickte zum Himmel: Was w;re, wenn ein diamantbesetzter Meteorit vorbeifl;ge? Das Leben ist wie die Moskauer Ringstra;e: f;nf Spuren in die eine Richtung, f;nf in die andere, und man muss im richtigen Moment anhalten. Es war sinnlos, mit Tatjana zu streiten oder Frieden zu schlie;en. Sie waren durch Seelenbande verbunden, st;rker als famili;re Bindungen. Die Zeit der Eifersucht war mit den Jahren vergangen, und damit auch die Zeit der Liebe. Sie arbeiteten nun an verschiedenen Orten und telefonierten nur noch gelegentlich.
Es gibt Menschen, die keine Diamanten brauchen, und solche, die ohne Diamanten nicht leben k;nnen; ihr Leben ist von Abenteuer und Leidenschaft durchdrungen, wie Diamanten vom Licht. Sie finden Diamanten oder werden von Diamanten gefunden; wer wen findet, ist unbekannt, aber selbst wenn sie verlieren, finden sie etwas, und nicht immer ihr eigenes Leben. Es gab einmal einen Detektiv namens Ilja in unserer Zeit. Er spielte eine seltsame Rolle in der Geschichte der Diamanteneiche; er war praktisch der pers;nliche Detektiv der Diamantenmenschen.
Nein, sie hatten keine hohen Positionen inne; sie hatten ein diamantenes Schicksal und eine abenteuerlustige Natur. Die Helden finden Diamanten in der Diamantenfabrik, in einer hohlen Eiche, auf einem gew;hnlichen Dachboden in einer kleinen Wohnung, in Eichenwurzeln, in einem Bankbein, in einem Kronleuchter, in Kletten. Was? Wachsen etwa Dornen an Kletten? Nein, in dieser Geschichte leben Diamanten sogar in Pfosten mit Katzen. Die Schicksale zweier Freunde kreuzen sich immer wieder, doch wenn diese Kreuzung gegen moralische Normen verst;;t, explodieren Inseln, stirbt ein Liebender, heiraten Bruder und Schwester, und einer der Elternteile verschweigt die Wahrheit.
Eines Tages kam eine interessante Frau zu Zoya und sagte, sie hei;e Tatjana Turina und ihr Mann, Denis Turin, eine bekannte Pers;nlichkeit im Land, sei im Treppenhaus ihres Wohnhauses ermordet worden.
Ilja Lwowitsch hatte bereits im Fernsehen von diesem tragischen Fall geh;rt.
„Tatjana, soweit ich wei;, ermittelt ein Ermittler in Ihrem Fall. Wie k;nnen wir Ihnen helfen?“
„Finden Sie die T;ter!“ Es ist unwahrscheinlich, dass der Ermittler die M;rder meines Mannes findet. Der Fall wird einfach vertuscht, um Klarheit zu schaffen.
—Sie verstehen doch, dass die besten Leute der offiziellen Polizei nach dem M;rder suchen!
—Das verstehe ich sehr wohl! Und Sie, die inoffiziellen Ermittler, k;nnen die Verbrecher finden!
—Wir werden versuchen, Ihnen zu helfen!
Die Frau ging.
Ilya Lvovich erw;hnte nicht, dass er bereits am Tatort gewesen war. Alles verlief wie so oft. Zoya wusste Bescheid.
Interessanterweise wurde Vlad nie ein gro;er Fernsehmoderator, obwohl eigens eine Sendung f;r ihn geschaffen wurde, da er sich als Sohn des Juweliers Apollon herausstellte. Doch auch Juwelier wurde er nicht, da man versucht hatte, ihn zum S;nger zu machen. Nach der Heirat mit der Krankenschwester Nina, die in Professor Lux verliebt war, verschwand er v;llig von der Bildfl;che.
Angelina, Apollons Tochter, heiratete Nikita, Professor Lux’ Sohn. Zuerst versuchte sie, wie die Tochter ihrer Mutter Agnes, Diamantenexpertise vorzut;uschen, doch Nachahmung wurde ihr irgendwann langweilig. Sie gab es auf. Auch das Tanzen, das sie als Kind und Teenager so geliebt hatte, wurde ihr mit der Zeit etwas eint;nig. Was fand Frieden? Angelina und Nikita gr;ndeten eine anst;ndige, man k;nnte sogar sagen, eine gute Familie. Da beide Autos liebten, er;ffneten sie eine eigene Autowerkstatt mit angeschlossenem Autoteileladen. Sie lebten komfortabel, bauten sich aber zus;tzlich ein Sommerhaus, schafften sich ein paar reinrassige Hunde und einige anst;ndige Autos an. Sieben Jahre sp;ter bekam die Familie einen Sohn, den Enkel von Professor Lux, der seinem Gro;vater deutlich nacheiferte. Gro;mutter Agnes sah ihren Enkel nur gelegentlich und spielte keine direkte Rolle in seinem Leben. Der Junge erhielt eine gute Ausbildung, war intelligent und umsichtig. Eine Zeit lang trieb er verschiedene Sportarten.
Tatjana, Agnessas Freundin, wurde eine liebevolle Gro;mutter. Ihr Sohn Vlad und Nina bekamen Zwillinge. Aus diesem Grund brach Tatjana Petrowna den Kontakt zu Agnessa Iwanowna fast vollst;ndig ab.
Agnessa und Apollon erlebten Phasen intensiver Liebe und tiefen Verrats. Sie lie;en sich nieder, und ihr Lieblingsheim wurde eine Datscha neben dem Haus ihrer Tochter Angelina, die sich ideal f;r den Lebensabend eignete.
Sie verga;en Boris, den Manager und Schauspieler in Agnessas Filmen, der kurzzeitig von zwei Freundinnen, Tatjana und Agnessa, angezogen war. Dort liegt der Hund begraben. Dieser Boris entpuppte sich als Sohn von Wassili Saweljewitsch. Und Sie dachten, er sei ein Fremder in dieser Geschichte? Nein, Zuf;lle sind meistens ganz nat;rlich.
Kapitel 9. Doktor Lux
An den Universit;ten fielen keine Vorlesungen aus. Ein gewisser Dr. Lux hielt eine Vorlesung…
„Die Facetten der Wissenschaft sind, wie die Facetten von Edelsteinen, hochspezifisch. Sie sind entweder f;r die Einf;ltigen oder die Wohlhabenden bestimmt – kurzum, f;r die Au;ergew;hnlichen“, erkl;rte Dr. Lux den Studenten im H;rsaal w;hrend seiner Einf;hrungsvorlesung, gekleidet in dem f;r Universit;tsprofessoren typischen grauen Anzug.
Es war so, dass Dr. Lux im Gegenzug f;r seine Arbeit mit den Studenten nie Bestechungsgelder f;r Noten annahm, praktisch immer denselben Anzug trug und dank seines intelligenten, gutaussehenden Gesichts eine elegante Erscheinung hatte. Er war so ehrlich zu sich selbst und zu sich selbst, seiner Familie und der Gesellschaft im Allgemeinen, dass er zu Lebzeiten wie ein Heiliger wirkte. Die Studenten erhoben sich, wann immer er einen H;rsaal betrat, und lauschten ihm mit stiller Bewunderung. Alle Professoren, M;nner wie Frauen, waren ein wenig in ihn verliebt.
Eine Studentin, die sich in ihn verliebt hatte, ging nach ihrem Abschluss in den Norden, um Diamanten zu sch;rfen. Geld war damals knapp; Arbeit wurde mit allem M;glichen bezahlt, nur nicht mit Geld. F;r seine Arbeit erhielt Dr. Lux Diamanten f;r wissenschaftliche Zwecke. Nachdem er einige Rohdiamanten erworben hatte, ver;nderte er sich merklich, zog sich zur;ck und begann, sich selbst und seinen Mitmenschen zu misstrauen.
Deshalb suchte Dr. Lux die Firma „Blesk“ auf. Er gab den Auftrag, eine Reihe von Diamanten f;r Laser zu bearbeiten. Die Facetten der Diamanten waren in seinen Zeichnungen klar definiert. Der Wissenschaftler traute seinen Assistenten die Diamanten nicht an und beschloss, den Auftrag selbst zu ;berwachen.
Frau Agnessa Ivanovna Arkina profitierte von den Regierungsauftr;gen nicht, au;er in einem Punkt: Sie reduzierte ihren Steuersatz. Das Unternehmen wurde, zumindest f;r die Dauer des Auftrags, teilweise in Staatsbesitz, als ob der Staat selbst als Schutzschild fungierte.
Sie besprach alle Aufgaben in guter Stimmung mit Dr. Lux. Agnessa Ivanovna war die offizielle Gesch;ftsf;hrerin des Unternehmens, was sie in den Augen des Doktors aufwertete. Sie bemerkte seine Blicke und stellte fest, dass sie noch keinen Doktortitel besa;. Der promovierte Ingenieur Lux ging davon aus, dass Agnessa Ivanovna ledig war. Er h;tte sich nie vorstellen k;nnen, dass der Diamantschleifer ihr Ehemann war; sie trug weder Ringe noch Schmuck. Ein promovierter Naturwissenschaftler mit gro;em intellektuellem Potenzial verf;gte nicht zwangsl;ufig ;ber ein Verm;gen; seine B;cher waren nur unter Spezialisten seines Fachgebiets bekannt.
In Agnessa Lux erkannte er die Intelligenz und den Charme einer Frau, die ihn nicht bewundernd, sondern mit einer verschmitzten, geheimnisvollen Art ansah, wenn sie einen Auftrag entgegennahm – so schien es dem Doktor zumindest. Vor allem wollte er die Kosten f;r das Diamantschleifen senken. Agnessa wusste, was der Doktor wollte, und verhandelte geschickt mit den Preisen.
Nach Verhandlungen stellte der Doktor fest, dass der Direktor ihm einen Rabatt gew;hrt hatte. W;hrenddessen betrachtete sie erstaunt die alte Krawatte an seinem alten Hemd, den zwanzig Jahre alten Anzug, und er war versucht zu fragen: „Lux, haben Sie eine Familie?“ Doch sie erwiderte:
„Sie sehen gut aus f;r Ihr Alter! Wann gehen Sie in Rente?“
„Ich bin zwar im Ruhestand, aber ich werde danach noch zehn Jahre arbeiten, und ich kann einfach nicht mehr.“
„Ob Polizisten wohl fr;her in Rente gehen?“
„Dann sind wir nicht vergleichbar.“
Dr. Lux’ Auftrag wurde vorzeitig erledigt, und er kam nicht mehr ins B;ro. Agnessa dachte, die Zeit mit ihm h;tte ihr etwas Abwechslung von ihrer Arbeit verschafft. Dann langweilte sie sich und dachte, Angelina h;tte recht gehabt, als sie sagte, Diamanten seien nutzlos. Sie betrachtete sich im Spiegel und beschloss, nichts an ihrem Aussehen zu ;ndern. Nur der alte Anzug des Doktors der technischen Wissenschaften stand lange vor ihren Augen.
Kurz darauf betrat eine unglaublich gro;e Frau das B;ro. Sie trug einen prachtvollen Pelzmantel aus sehr kostbarem Pelz. Ihr Haar, zu einer kolossalen Frisur frisiert, umrahmte ihr h;bsches Gesicht. Diamanten funkelten an ihren H;nden und Ohren. Sie lie; sich in einen gro;en Sessel sinken.
Die Frau sah Agnessa an:
„Entschuldigen Sie, aber wer ist Agnessa Iwanowna?“
„Agnessa Iwanowna – das bin ich.“
„Sind Sie die Gesch;ftsf;hrerin der Firma?“
„Ja, ich bin die Gesch;ftsf;hrerin der Firma „Blesk“.“
„Haben Sie etwa meinen Mann, Dr. Lux, angeflirtet?“
„Dr. Lux hat uns seine Bestellung gebracht, und wir haben sie bereits erledigt.“
„Agnessa, sind Sie verheiratet? Mein Name ist Sophia Lux, nur damit Sie es wissen …“
„Ja. Er arbeitet gerade im Nebenzimmer.“
„Okay, ich glaube Ihnen. Ich habe eine Bestellung f;r Ihre Firma. Ich brauche ein paar Ringe.“ „Das Problem ist, dass man in Gesch;ften selten Ringe f;r meine Finger findet.“ Hier sind ein paar Diamanten f;r Ringe; sie m;ssen zu Brillanten geschliffen und in Wei;gold gefasst werden. Ich m;chte Wei;goldringe mit Diamanten. Haben Sie Ringmuster oder einen Katalog?
„Nat;rlich haben wir Kataloge, aber wir k;nnen Ringe auch nach Ihrer Skizze oder Ihrer m;ndlichen Beschreibung anfertigen.“
„Hier sind die Diamanten“, sagte die korpulente Frau und hielt eine rote Schachtel hoch. Agnes betrachtete die Diamanten und erkannte sofort, dass es dieselben waren, die Dr. Lux bestellt hatte. Sie wollte fragen: „Warum kaufen Sie Ihrem Mann nicht einen neuen Anzug?“, fragte aber stattdessen: „Wann ben;tigen Sie Ihre Bestellung? Haben wir noch Zeit, neue Skizzen anzufertigen?“
„Skizzen anfertigen? Eine Woche reicht aus?“
„Mehr als genug.“ „Und eine Woche f;r die Produktion.“
„Einverstanden“, sagte die umwerfende Frau in Diamanten und erhob sich. Der Duft ihres geheimnisvollen, schwer zu entfernenden Parfums hing noch lange im B;ro. Gold verringert den Kontaktwiderstand zwischen Mann und Frau, weshalb Ringe f;r Menschen aus Gold gefertigt werden. Aus diesem Grund hatte Dr. Lux einer gewissen Nina einen goldenen Spitzenring geschenkt. Silber erh;ht die Oberfl;chenleitf;higkeit, daher legte der Mann silberne L;ffel und Gabeln auf den Tisch, um die Hautempfindlichkeit zu steigern. Bronze verl;ngert die Lebensdauer rotierender Maschinen, und Dr. Lux stellte einen bronzenen Kerzenst;nder mit einer flackernden Kerze auf den Tisch, in der Hoffnung auf eine langfristige Beziehung mit Nina. In der Ecke des Zimmers funkelte ein Weihnachtsbaum mit unz;hligen kleinen Lichterketten und wetteiferte mit den bronzenen Kerzen um den Anspruch, ein Zeichen des gegenseitigen Verst;ndnisses zwischen Mann und Frau zu sein. Nina betrat das funkelnde D;mmerlicht des Zimmers, das vom Duft flauschiger Fichten erf;llt war. Sie hatte das Gef;hl, ihr Parfum werde vom Duft junger Fichten v;llig ;berdeckt. Und ihr schimmerndes Kleid… Es funkelte weniger als der Baum in der Ecke. Nina mochte keine Rivalen und auch nicht die Sch;nheit des Waldes. Sie runzelte die Stirn. Lux, der ihr gefallen wollte, schenkte der jungen Frau eine Malachitdose mit einem einzelnen Goldring. Nina betrachtete die kleine Dose und den schlichten gelben Ring, legte das Geschenk unter den Baum und sagte:
„Gr;n passt zu Gr;n“, richtete sich neben dem Baum auf und f;gte hinzu: „Ich trage keine schlichten Goldringe!“
Dr. Lux bat Nina an den Tisch, der, passend zur Neujahrsdekoration, in der Mitte des Raumes unter einer Kristallkaskadenlampe stand. Nina betrachtete die silbernen L;ffel und Gabeln und sagte:
„Warum so altes Besteck auf dem Tisch? Konnten Sie nicht neue Gabeln kaufen?“
Der Mann ;berlegte kurz, nahm einen silbernen L;ffel und l;schte damit die Kerzen in einem bronzenen Kerzenst;nder. Nina kommentierte seine Handlung:
„Sie haben die alten Kerzen gel;scht – z;nden Sie den Kronleuchter an.“ „Es mag alt sein, aber es ist neuer als deine Kerzenst;nder!“
„Die Kerzenst;nder sind aus Bronze.“ „Sie sind trotzdem alt. Worin hast du den Salat angerichtet? Was ist das f;r ein Gewicht darunter?“ „Salatsch;sseln aus Kristall, was ist denn mit denen los?“ „Sie sind mir zu schwer, Plastikteller sind leichter.“ Der Mann der Fremden atmete tief durch, schwieg aber.
„Lux, warum steht diese schwere Flasche auf dem Tisch?“
„Champagner, um das neue Jahr zu feiern.“
„Willst du ihn trinken? Aus diesen dreieckigen Kristallgl;sern?“
„Ja, ich schenke mir gern Champagner in ein Kristallglas ein, in den letzten Minuten des alten Jahres.“
„Unsinn! Mach einfach die Dose auf und trink! Das ist einfach und du musst sie nicht abwaschen.“
„Nina, wozu brauchst du mich? Ich bin schwer und alt! Ich habe mich an dich gew;hnt, als du als Krankenschwester zu mir kamst!“
„Unsinn!“ H;lt dein Ottoman dich aus? Und lass ihn das aushalten, ich will dich damit nicht belasten! Du bist um einiges ;lter als ich, ich hab's versucht, mit dem Taschenrechner auszurechnen, aber ich hab's vergessen.
„Verzeih mir, Nina, warum bist du zu mir gekommen?“
„Du Spinnerin! Du bist ber;hmt! Ich erinnere mich an deinen Namen aus der Schule, er stand in allen B;chern, die hier in der Wohnung rumlagen. Ich habe dein Gesicht immer mit einem Filzstift in mein Schulbuch gemalt! Wegen dir werde ich ber;hmt!“
„Wie meinst du das? Wof;r wirst du denn ber;hmt?“
„Ich schreibe jeden Bl;dsinn, und jeder Verlag ver;ffentlicht ihn, wenn du ihn mir empfiehlst! Und ich verdiene damit Tantiemen, bis ich hundert bin!“
„Geh nach Hause, M;dchen!“
„Niemals! Du hast hier zwar jede Menge Kram, aber ich lasse alles stehen und liegen und gehe!“
„Du hast vergessen, dass ich einen Sohn habe. Du hast einen Mann.“
„Na und? Wo ist er denn? Du sitzt hier mit mir unter dieser Laterne!“
„Du wirktest so nett auf mich!“
„Und du bist darauf reingefallen? Du bist so alt, du hast mich nicht durchgelassen!“ „Ich habe mich geirrt, ich kann Sie zur T;r begleiten.“
„Nein!“ Neujahr steht vor der T;r!
Die T;rglocke klingelte. Dr. Lux ging zur T;r. Nina eilte unter den Baum und nahm die Malachit-Schachtel mit dem Ring. Sie steckte ihr Haar mit zwei Strassnadeln hoch und gab so ihren zarten, wei;en Hals frei, der von den Locken im Nacken betont wurde.
Dr. Lux kehrte mit einem jungen Mann ins Zimmer zur;ck:
„H;r mal, mein Sohn, dein Vater hat sich schon wieder f;r die falsche Frau entschieden, und du sagst …“
„Papa, was ist denn mit ihr? Sie ist ein liebes M;dchen.“ Tats;chlich sa; eine h;bsche junge Frau mit hochgesteckter Frisur, einer hohen Stirn und aufmerksamen Augen den M;nnern gegen;ber am Tisch.
„Guten Abend, Sohn von Lux“, sagte Nina ruhig.
„Ich hei;e Nikita. Und du bist Nina. Lass uns kennenlernen“, sagte Nikita und setzte sich auf den leeren Stuhl neben Nina. „Nikita, ;bertreib es nicht! Ihr gef;llt hier nichts!“, sagte Dr. Lux.
„Es ist einfach alles wunderbar hier! Ich liebe es!“, sagte die junge Frau leise und mit klangvoller Stimme.
„Frohes Neues Jahr!“, sagte Nikita feierlich und hob sein mit Champagner gef;lltes Kristallglas.
„Nikita, warum bist du zu mir gekommen? Warum bist du nicht bei Mutter Sophia?“, fragte der Vater seinen Sohn.
„Vater, im Leben kann alles passieren. Ich bleibe bei dir! Mutter macht eine seltsame Di;t. Sie m;chte schlank sein, wie Agnessa Iwanowna, die Besitzerin der Firma Blesk.“
„Ich kenne diesen Wunsch. Komm und bleib bei mir. Nina mochte mich nicht, also wirst du ihr nicht im Weg sein.“ „Okay, frohes neues Jahr!“
„Frohes neues Jahr!“, rief Nina und ber;hrte Nikitas Kristallglas mit ihrem eigenen. In diesem Moment klingelte es an der T;r. Lux, der Hausherr, ging zur T;r. Angelina st;rmte in die Wohnung:
„Nikita, du machst mich wahnsinnig! Du musst unbedingt an Silvester vorbeikommen! Die anderen trinken schon, aber mich lassen sie nicht! Ein Glas f;r mich!“ Man reichte ihr ein Glas. Die Glocken l;uteten ein letztes Mal. Angelina schaffte es, ihr Glas mit den anderen auszutrinken.
„So, geschafft! Jetzt h;r mal zu: Du …“ Angelina zeigte mit einem Finger mit einem langen, gemusterten Nagel auf Nikita: „Du hast mich verlassen!“
„Angelina, ich habe dich nicht verlassen! Du bist selbst von der Insel Wostotschny weggeflogen.“
„Das ist lange her“, bemerkte Angelina, „und heute haben wir Silvester in einem Restaurant gefeiert.“ Nikita hat mich allein gelassen!
Nicht allein, sondern mit deinem Mann! Du hast ihn keine Stunde allein gelassen!
Was, wenn Vlad mich mit Gewalt festgehalten hat?
Braucht er dich?!
Fass ihn blo; nicht an! Er hat mich eine Stunde lang mit vorgehaltener Waffe festgehalten, weil er eifers;chtig auf Nikita war! Vater, meine Frau ist so gerissen, die k;nnte h;chstens Krimis in Restaurants schreiben!
Vlad hielt mich wie einen Schutzschild vor sich, damit die, vor denen er Angst hatte, auf mich schie;en konnten!
Angelina, ich habe keine Pistole in seiner Hand gesehen!
Die Pistole war in seiner Jackentasche!
Warum nicht in seiner Hose? Du klebst ja an ihm wie Schnee an einem Baum!
Du hast einfach weitergetanzt, w;hrend du sie festgehalten hast. Oh, da sitzt ein M;dchen, und ich wurde ihr noch nicht einmal vorgestellt. „Nikita, ist das die, zu der du vor mir weggelaufen bist?“, lenkte Angelina das Gespr;ch auf ein anderes Thema.
„Angelina, das ist Nina, meine Freundin“, sagte Dr. Lux ruhig.
„Du bist aber alt und ber;hmt, und ich dachte, sie w;re mit Nikita zusammen! Moment mal, ich habe sie schon mal gesehen; sie ist die zuk;nftige Frau meines Ex-Mannes!“
„Frau, h;r auf, wegen der Pistole zu l;gen!“, sagte Nikita bedrohlich, als w;re sie eine Waffe. „Als ich sah, dass Nikita weg war, rammte ich ihm mein Knie in seine Dienstpistole. Der Schlag lie; Vlad sich vor Schmerzen kr;mmen. Ich krallte mich in ihn und kratzte ihn heftig. Er hielt sich das Gesicht. Dann rannte ich weg. ;brigens, unten warten sie auf meine Fahrg;ste!“ „Zeig mir deine Fingern;gel; darunter sollte die Haut des Opfers sein, dann bezahle ich deine Fahrt“, sagte Nikita.
Angelina zeigte ihm ihre H;nde. Nikita sp;rte unter seinen Fingern;geln Hautreste einer anderen Person, stand auf und ging hinaus. Ein gelbes Taxi parkte im Hof. Der Fahrer nahm den Taxameter und fuhr los. Ein quadratischer, dunkler Wagen hielt an seiner Stelle, und f;nf Personen sprangen heraus.
Einer von ihnen schrie:
„Er ist es! Seine Frau hat mich ausgeraubt! Hinterher!“ Nikita, noch im Anzug, zuckte unwillk;rlich zusammen und wich dann unter dem Druck seiner kr;ftigen H;nde zur;ck.
Der Besitzer der kr;ftigen H;nde sagte:
„Mann, bring mich zu deiner Frau; sie hat unserem Mann die Waffe abgenommen.“
„Ich habe sie gesehen, aber sie hatte die Waffe nicht.“
„Wenn sie sie irgendwohin geworfen hat, soll sie sie zeigen, sonst lassen wir sie t;ten. Die Waffe ist wertvoll, befohlen.“
„W;re es nicht besser, wenn sie hierher k;me? Mein Vater ist da, er hat einen Herzinfarkt …“
„Z;gere nicht, fahr schnell!“ Nikita betrat das Geb;ude in Begleitung zweier M;nner. Die Wohnungst;r stand einen Spalt offen; niemand hatte sie hinter ihm geschlossen. Die drei stolperten in die Wohnung und erstarrten: Das Zimmer war in einem furchtbaren Zustand. Der Weihnachtsbaum funkelte mit seinen Lichterketten auf dem Boden, Kristallsalatsch;sseln ragten unter der Tischdecke hervor und lagen ebenfalls auf dem Boden, Weingl;ser standen herum, und der Raum war leer. Aber niemand hatte das Geb;ude verlassen! Nikita hatte niemanden gesehen!
Dann bemerkte er, dass die Dachbodent;r zur Wohnung im n;chsten Stock offen stand. Eine steile Treppe in einer Ecke des Zimmers f;hrte in den zweiten Stock des zweist;ckigen Hauses. Man konnte den zweiten Stock auch durch die Haust;r erreichen, aber da diese im Stockwerk dar;ber lag, wurde die Innent;r selten benutzt.
Lyuks Frau, Nikitas Mutter Sophia, wohnte dort, aber Dr. Luks Mutter hatte sich in letzter Zeit nicht bei ihr gemeldet. Die drei M;nner stiegen die wackelige Leiter zur Dachbodent;r hinauf. Nikita erreichte als Erster die Spitze. Die Wohnung war leer, es gab kaum sichtbare Sch;den, aber keinen Weihnachtsbaum, keine Spur von einer Silvesterfeier! Nikitas Verfolger waren so fasziniert von den Ereignissen in der Wohnung, dass sie verga;en, warum sie ;berhaupt da waren. Einer klopfte Nikita auf die Schulter:
„Ja, du hast es gut mit so einer Frau. Wo glaubst du, ist deine Frau jetzt? Wir brauchen sie in unserem Team! Sonst verlieren wir uns alle.“
„Schon verloren“, sagte der zweite und blickte in den Innenhof. „Unser Auto ist weg.“ Die Wohnungst;r stand einen Spalt offen, und die M;nner traten auf den Treppenabsatz. In der Eingangshalle des alten Geb;udes herrschte Stille; sie waren vom dritten Stock auf die Stra;e hinuntergegangen. Schnee bedeckte die Spuren der Autos.
„Alter, geh nach Hause! Wir finden deine Frau schon noch, und jetzt fahren wir zum Restaurant“, und sie gingen. Nikita ging in den zweiten Stock. Die Wohnungst;r war verschlossen. Er ging in den dritten Stock, aber auch dort war sie verschlossen. Er klopfte. Er klingelte. Niemand ;ffnete. Nikita fand eine Geldb;rse voller Geld in seiner Tasche und ging hinunter auf die Stra;e. Er wollte nachts nicht im Anzug durch die winterliche Stadt laufen. Das alte dreist;ckige Haus stand einsam hinter einem Eisenzaun, weit und breit keine anderen H;user. Er blickte nach oben; in den Fenstern brannte kein Licht.
Nikita beschloss, an der Wohnungst;r im ersten Stock zu klingeln. Er klingelte.
Eine hagere alte Frau ;ffnete die T;r:
„Liebling, warum bleibst du nicht zu Hause? Es ist Silvester! Hast du dich verlaufen? Ich wohne hier seit ;ber siebzig Jahren, und ich habe noch nie einen so r;stigen Mann in meinem Haus gesehen.“
Da er nichts Besseres zu tun hatte, ging Nikita in die Wohnung der alten Frau.
„Entschuldigen Sie die St;rung, ich bin Nikita, der Sohn von Dr. Lux.“
„Gott sei Dank, Nikita, ich habe dich gar nicht erkannt! Was ist denn passiert?“ Warum gehst du nicht zu deinem Vater oder deiner Mutter?
„Habe ich doch, sie sind alle spurlos verschwunden.“
„Wie schade! Aber es ist Silvester! Morgen fr;h sind sie wieder da. Lass uns Tee trinken gehen.“
Nikita setzte sich an den mit einer alten Wachstuchdecke bedeckten Tisch. Ein Kiefernzweig stand in einer Vase auf dem Tisch, an dem mehrere Str;nge aus Glasperlen hingen. Ein alter Fernseher stand im Zimmer. Nikita f;hlte sich wie in eine andere Zeit versetzt, beschloss dann aber, dass er sich das alles nur eingebildet hatte.
„Nikita, nimm dir eine Tasse Tee, ich habe nichts Alkoholisches.“
Er nahm einen gro;en Aluminiumbecher, der ihm die H;nde verbrannte. Schnell stellte er den Becher auf die Wachstuchdecke. Der Raum roch nach Kr;utern und Staub.
„Oma, erz;hl mir von dir!“
„Nein, alles ;ber mich ist schon gesagt und erz;hlt worden. Ich verbringe Tag und Nacht allein hier. Du wirst bald gehen, aber mein Leben wird bei mir bleiben.“
„Dann gehe ich jetzt!“ Danke, jetzt bin ich warm. Ich dachte, ich h;tte da oben Leute gesehen.
„Geh und schau nach, da ist niemand – geh zur;ck.“
Nikita stand allein im Eingangsbereich. Er fr;stelte und begann erneut, die Treppe zum zweiten Stock hinaufzusteigen. Die T;r war angelehnt. Vorsichtig sp;hte er in die Wohnung. Angelina, Nina und sein Vater sa;en am Tisch. Alles in der Wohnung war an seinem Platz.
„Nikita, warum hast du so lange gebraucht, um den Taxifahrer zu bezahlen?“, fragte Angelina.
„Wo wart ihr?“, fragte Nikita und blickte zum Weihnachtsbaum: Er stand noch.
„Wir sitzen hier und warten auf dich.“ Nikita blickte zur Decke; die T;r zum zweiten Stock war geschlossen.
„Wo ist Mama? Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen.“
„Bist du noch ein Kind? Nikita, deine Mutter wohnt schon lange nicht mehr dort. Hast du das etwa vergessen? Sie ist tot! Sie ist verhungert; sie hat niemanden reingelassen, sie wollte abnehmen, und dann ist sie gestorben.“ „Ich erinnere mich nicht“, sagte er und fasste sich an den Hinterkopf; an seiner Hand war Blut. „Sieh mal, Blut!“
„Das ist ernst!“, schrie Angelina und blickte auf Nikitas Hinterkopf.
„Wo ist die Pistole?“, fragte Nikita.
„Welche Pistole?“
„Die, die du im Restaurant genommen hast.“ Angelina ging auf Nikita zu.
„Nina, jemand hat ihm heftig auf den Kopf geschlagen, wir m;ssen einen Krankenwagen rufen“, sagte Angelina.
„Nicht n;tig, ich schaffe das. Ich habe alles f;r einen Verband in meiner Tasche. Ich bin Krankenschwester. Hast du das etwa vergessen?“
„Wo hat Lux dich gefunden?“
„Ich bin Gemeindeschwester; ich war hier, um ihm Spritzen zu geben, so haben wir uns kennengelernt.“ Sie legten Nikita mit verbundenem Kopf auf das Sofa. Nina gab ihm die Spritze. Er schlief ein. Die Frauen setzten sich an den Tisch. Die drei stie;en auf ein gl;ckliches neues Jahr und auf seine Gesundheit an. Es klopfte an der T;r. Doktor Lux ging zur T;r und schaute durch den T;rspion: Zwei M;nner standen im Eingang.
„Wer seid ihr?“, fragte Doktor Lux durch die T;r.
„Ist Nina da? Lasst sie herauskommen.“
„Nina, es ist f;r dich.“
Nina ging zur T;r und schaute durch den T;rspion:
„Fritur, warum folgst du mir?“
„Nina, komm heraus, ich bitte dich inst;ndig. Komm heraus!“
„Ich ziehe mich an und komme dann zu euch.“
„Wir warten f;nf Minuten, dann brechen wir die T;r auf!“ Nina zog sich an und ging auf die M;nner zu, doch diese packten sie an den Armen und f;hrten sie in die Wohnung.
„Seht her, sie hat schon ihren Ehering, und gestern war er noch nicht da!“, sagte Fritur.
„Fritur, hat Nina den Ring ;ber Nacht vom Arzt bekommen oder von den Spritzen?“
„Leute, seid nicht unh;flich! Als ich mit euch getanzt habe, habe ich meinen Ring vorsichtshalber abgenommen.“
„Fritur, ist das Angelina, die dich mit dem Knie getroffen hat?“ „Hier ist ihr Mann, der, den du mit deinem Schlagring geschlagen hast!“ „Fritur, lass uns an den Tisch setzen. Sie haben das ganze Essen f;r uns aufgehoben.“
Die M;nner setzten sich, schenkten sich schnell Wodka in Schnapsgl;ser ein und tranken ihn in einem Zug aus. Angelina, in einen Pelzmantel geh;llt, hockte auf der Sofakante, wo Nikita lag.
Angelina zog eine Pistole aus ihrer Manteltasche und stellte sich den M;nnern gegen;ber, die gerade a;en.
„Fritur, wir haben deine Pistole gefunden!“, jubelte der zweite Mann.
„Esst und seid still“, sagte Nina. „Angelina wird euch nicht ;rgern!“
Am n;chsten Tag betrat Angelina den X-Club und ging zu Vlads Tisch.
„Vlad, darf ich mich zu dir setzen?“
„Setz dich, Angelina. Ich sehe, du tr;gst einen zweiten Ehering?“
„Verheiratet, aber nicht offiziell.“
„Mit dem Sohn des ber;hmten Dr. Lux – Nikita? Warum bist du dann hier?“ „Sieh mir in die Augen und sag mir, dass Nina ein braves M;dchen ist!“
„Ein Besch;tzer ist erschienen! Ich habe noch nichts falsch gemacht.“
„Ich bin nicht hier, um dich zu sehen. Ich habe hier ein Treffen.“
„Mit Fritur? Ist dein zweiter Ehemann zu Hause?“
„Fass ihn nicht an! Hallo, Nina!“ Fritur betrat den Raum. Er trug eine gr;ne Krawatte ;ber einem rosafarbenen Hemd. Nina und Fritur setzten sich ans andere Ende des Raumes. Sie stellte eine Tasche vor ihn.
„Behalt deine Waffe fest. Sie kennen uns hier nicht!“
„Deshalb bist du still. Danke, dass du sie zur;ckgegeben hast. Sag mir einfach, warum hast du diesen Vlad geheiratet? Er war mit Angelina verheiratet!“
„Wegen der Annehmlichkeiten. Sein Vater hat uns eine Wohnung gekauft, und ich bin eingezogen! Die Wohnung ist hervorragend, die Einrichtung ist, wie gesagt, hervorragend! Und bei Ihnen hatten wir nur ein Restaurant f;r uns beide, und wir hatten keine Wohnung. Und Vlad und ich haben eine feste Beziehung.“
„Stimmt! Mein Leben ist hart. Ich bin es gewohnt. Wozu brauchen die eine Krankenschwester?“
„L;cherlich! Hausmittel sind ungemein lebensrettend! Man muss dem Arzt gehorchen, aber die Krankenschwester gehorcht sich selbst. Sehr praktisch f;r Diamantenmenschen.“
„F;r welche Menschen?“
„F;r Menschen mit einer guten Basis.“
„Ich verstehe nicht. Hast du gegessen? Dann verschwinde, die Leute kommen zu mir.“ Nina ging auf Vlad zu, unsicher, wie sich die Sache entwickeln w;rde. Drei kr;ftig aussehende M;nner betraten den X-Club, jeder in gr;ner Kleidung. Sie gingen zu Friturs Schreibtisch, und er reichte ihnen eine Tasche. Sein Partner holte eine Pistole aus der Tasche, hielt sie ;ber die Hand, schob etwas beiseite, und Diamanten regneten auf seine Hand herab.
„Fritur, alles in Ordnung. Angelina wusste nichts von den Diamanten und hat nicht geschossen. Bring sie zu Agnessa Arkina zur Bearbeitung.“ Da tanzte ihr Ex-Schwiegersohn, den Blick schon auf das Funkeln der Diamanten gerichtet.
„Vlad ist mit Nina hier“, neckte Fritur.
„Er kann nicht mit Angelina zu uns kommen, ich wei; schon alles.“
An diesem Abend erhielt Frau Agnes eine neue Lieferung gro;er Diamanten zur Weiterverarbeitung. Ohne einen Anflug von Gier in den Augen ;bergab sie sie ihrem Mann.
Dr. Lux betrat das B;ro der Firma, setzte sich auf den Stuhl, auf dem einst seine verstorbene Frau gesessen hatte, wischte sich den Schwei; von der Stirn und sagte:
„Liebe Agnes Iwanowna, warum hast du mir Nina weggenommen?“
„Gott segne dich, Dr. Lux!“, winkte sie ab. „Aber“, f;gte sie hinzu, „es ist eine S;nde, und zwar eine schwere, und es ist besch;mend, sie auszusprechen. Deine Nina hat die ganze Wahrheit ;ber Vlad ans Licht gebracht, und jetzt k;nnen wir nicht mehr weitermachen.“
„Ich habe von Wlad geh;rt, aber er hat mir Nina weggenommen.“ Nat;rlich ist er jung, und was soll ich nur tun?
„Wovon soll man denn sonst leben?“
„Wovon leben Sie denn?“
„Ich bin Rentner, ohne Frau, ohne Nina. Aber ich habe noch Diamanten, mein Lieber.“
„Ausgezeichnet, was machen wir jetzt damit?“
„Verkaufen. Das k;nnen Sie besser als ich.“
„Sollen wir daraus Schmuck machen?“
„Ja, nat;rlich, das sind Industriediamanten, und ich brauche das Geld. Ohne mich will niemand meine Maschinen. Ich werde sie auseinandernehmen und die Steine herausholen.“
„Verstanden, bringen Sie sie her.“
„Sie sind bei mir.“
Das sachliche Gespr;ch wurde durch Boris’ Besuch unterbrochen.
„Agnes Iwanowna, meine Hochachtung! Nehmen Sie die Ware entgegen?“
„Boris Borisowitsch, seien Sie ein Mensch und bringen Sie Tatjana Petrowna zur;ck an ihren Arbeitsplatz!“ „Ich bin ihr nicht b;se; sie soll kommen und an die Arbeit gehen.“
„Danke.“ Tatjana ist wegen Vlad v;llig ersch;pft. Was f;r Neuigkeiten!“ Er konnte ihr kaum widerstehen. „Nimmst du die Ware?“
„Nicht ohne Tatjana, ruf deine bessere H;lfte!“ Boris ging ins Nebenzimmer und rief Tatjana. Es spielte keine Rolle, wor;ber sie gesprochen hatten, denn sie erschien etwa zwanzig Minuten sp;ter bei der Arbeit. Apollon folgte ihr ins B;ro.
„Seid gegr;;t, ehrenwerte Gesellschaft“, sagte der ;belt;ter der j;ngsten Ereignisse.
„Hallo, Apollon! Ich habe Arbeit f;r dich, du kommst wie gerufen“, sagte Boris.
„Und ich bin immer p;nktlich.“
„Besonders die Kinder“, warf Agnes ein.
„Agnes, sei nicht so traurig, lass mich die gute Nachricht erst einmal verarbeiten“, sagte Apollon nerv;s. Apollon und Boris gingen in die Werkstatt.
Kapitel 10. Handlungsplan
Mit zitternder Hand ;berreichte Dr. Lux Schwester Nina einen Karton, auf dem in gro;en Buchstaben „100 Karat“ stand. Darauf waren verschiedene Gegenst;nde abgebildet, und ein Kreuz prangte darauf. Der Patient starb, nachdem er der Schwester den Karton gegeben hatte, so schnell, dass er keine Zeit mehr hatte, sein Kreuzwortr;tsel zu erkl;ren.
Der Schwester wurde klar: „100 Karat“ bedeuteten etwas. Aber was? Sie erinnerte sich an eine gewisse Diamantenh;ndlerin namens Agnes Arkina. Sie beschloss, ihr den Karton zu geben und sie damit leiden zu lassen. So kam Agnes zu einem Karton mit der Aufschrift „100 Karat“. Das sind 100.000 Dollar. Es lohnte sich, dar;ber nachzudenken, wo der Diamantenschatz lag. Sie betrachtete den Karton und lachte.
Die Karte zeigte ein ovales Stadion, Reihen von B;nken und Kreise von B;umen. Einen Moment lang dachte sie, der Karton geh;re dem alten Mann mit dem Hund, den sie im verlassenen Stadion gesehen hatte. Nun galt es nur noch, den mit einem X markierten Schatz zu finden. Der Diamantensucher begab sich zum verlassenen Stadion. Unkraut wucherte auf dem Fu;ballfeld. Die B;nke wirkten mit ihrem abbl;tternden Lack furchterregend. Stille lag in der Luft. Es wurde unheimlich. Die Seele des verstorbenen Schatzbesitzers schwebte ;ber dem Stadion und verbreitete eine Atmosph;re des Grauens; sie bewachte den Schatz.
Agnes ;nderte ihren Plan immer wieder. Sie versp;rte den Drang, sich der Eiche zu n;hern. Und sie tat es. Eine Katze sprang schnaubend aus dem hohlen Baumstamm. Die Frau sprang zur Seite. Ein weiteres Paar gr;ner Scheinwerfer leuchtete im Baumstamm. Unwillk;rlich machte sie ein paar Schritte in Richtung Laufbahn und beobachtete die B;ume, die am niedrigen Zaun des Stadions wuchsen. Hier und da gab es L;cken im Zaun. Ein kurzer Schatten huschte hinter einem Baum hervor. Die Dame mit dem Diamanten war bereit, zum Auto zu rennen.
Pl;tzlich h;rte sie die Worte:
„Agnes! Ich bin da!“
Agnes sah sich um und entdeckte niemanden. Ihr Herz raste. Ihre H;nde zitterten. Ihre Beine gehorchten ihr nicht. „Tr;ume ich vielleicht?“, dachte Agnes. Eine weitere Katze sprang aus dem Baumstamm.
„Agnes, Agnes …“, kam es aus den B;umen.
Agnes drehte sich abrupt um. Hinter sich h;rte sie Schritte.
Sie h;rte die Worte:
„Agnes, Agnes …“
Sie riss die Autot;r auf. Sie ging nicht auf. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter.
„Agnes, ich rufe dich, ich rufe dich.“
Agnes wirbelte herum. Tisha, das kleine Brownie-M;dchen, stand hinter ihr.
„Ugh, wie du mich erschreckt hast!“, rief Agnes. „Tisha, wo kommst du denn her? Ich dachte, du w;rst tot!“
„Agnes, ich habe dich ewig nicht gesehen! Und ich h;nge hier nur nach dem Regen herum und sammle Pilze f;r die Suppe.“
„Tisha, hilf mir, Diamanten zu finden, nicht Pilze. Diamanten wachsen irgendwo hier. Ich habe einen Plan. Und der Ort ist markiert. Ich kann meine Orientierungshilfe nicht finden.“
„Agnes, du hast die Leute reingelegt, und jetzt suchst du Diamanten in Pilzen! Gib mir den Plan.“ Du bist gr;;er als ich. Ich kann es nicht ertragen, hinzusehen.
Sie setzten sich auf eine Bank. Tisha betrachtete den Plan in Agnes' H;nden.
„Agnes, es ist definitiv dieses Stadion! Aber das Kreuz ist in einer leeren Fl;che. Und es gibt keinen Ma;stab. Vielleicht sollten wir Linien zeichnen? Der Diamantenschatz liegt im Schnittpunkt der Linien.“
„Genau, Tisha! Du bist klein, also brauchst du einen Stock. Nimm den Stock und zeichne Linien auf den Boden. Wenn nicht auf dieser Seite des Stadions, dann auf der anderen. Sieh mal, da ist ein Pfeil auf dem Kreuz. Wenn du diesen Pfeil anschaust, zeigt er nach Norden. Aber im Norden ist ein Kreuz mit einem Pfeil. Und der zeigt auf die gegen;berliegende Bank, wo wir sitzen. Es sieht so aus, als ob dem Planer nicht gut ging. Er sa; auf dieser Bank. Er hat die Kreuze und Pfeile nur so gezeichnet. Und er hat den Schatz unter der Bank vergraben“, sagte Agnes mit ihren weisen Gedanken. Sie hielt kurz inne und sagte dann: „Tisha, ich habe einen Spaten im Kofferraum. Bring ihn.“ Tisha ging zum Auto. Jemand hinter ihr hielt Agnes den Mund zu und klebte ihn mit Klebeband zu. Ein Mann sprang hinter dem Auto hervor und klebte auch Tisha den Mund zu. Sie fesselten ihnen die H;nde und setzten sie auf eine Bank. Zwei M;nner betrachteten die Gefangenen und l;chelten, wobei ihre ungleichen Z;hne sichtbar wurden.
„Oh, Frau Agnes! Rufen Sie mich an, wenn Sie einen Auftrag annehmen, sonst erfahre ich alles ;ber meine Ohren“, sagte einer der M;nner und bedeutete dem anderen, unter der Bank zu graben.
Der Mann begann zu graben. Die drei Zuschauer sahen zu, wie Erde ;ber die Schaufel wirbelte. Agnes bemerkte, dass der Schatz nicht da war, irgendwo auf der dritten Schaufel. Sie sp;rte, dass der Schatz in der N;he war, aber nicht vergraben, konnte es aber nicht genau sagen. „Agnes, meine Liebe! Ich h;re dein Handy ab. Deshalb habe ich dich entdeckt. Ich kann den Schatz einfach nicht ausgraben. Wei;t du, was los ist?“, fragte der erste Mann.
Agnes wusste es nicht, aber sie war sich sicher, dass der Schatz unbemerkt im Bankbein verborgen lag. Der Mann grub um das Bankbein herum. Das Bein ragte ;ber ein recht gro;es Loch. Die harte Erde lie; vermuten, dass es nie tiefer gegraben worden war.
„Hier ist kein Schatz“, meldete Fritjur.
„Ich sehe ihn doch selbst, und Agnes h;tte ihn gefunden! Ich sehe es ihr an den Augen an, sie wei;, wo der Schatz ist. Fritjur, h;r auf zu graben, f;ll das Loch zu und verdichte die Erde. Befreie den Diamantensucher und ihren Verehrer mit den Pilzen.“
„Agnes, tsch;ss! Wenn du den Schatz findest, ruf mich an!“, rief Fritjur und verschwand so leise, wie er gekommen war. Agnes beschloss, die Suche aufzugeben. Sie versuchte, den Pappplan zu finden, aber er war nirgends zu finden; Fritjur musste ihn mitgenommen haben. Dann bot sie Tisha an, sie in die Stadt zu fahren. Er lehnte ab und sagte, er w;rde Pilze sammeln gehen – die seien weniger giftig als Diamanten – und ging den gleichen Weg zur;ck, den er gekommen war. Agnes griff hinter die Bank … Sie fuhr mit der Hand ;ber die R;ckseite des Holzbeins, f;hlte eine Unebenheit – einen Knoten – und zog ihn wie einen Korken heraus. In ihren H;nden hielt sie einen Metallbeh;lter, der in eine Plastikfolie eingewickelt war, die Holz ;hnelte. Sie steckte ihn in ihre Jackentasche, setzte sich einen Moment hin und ging dann schnell zum Auto, stieg ein und fuhr davon. Niemand folgte ihr.
Zuhause untersuchte Agnes die Diamanten. Sie stammten nicht aus Boris' Firma, sie geh;rten jemand anderem, aber jetzt waren sie ihr Eigentum! Sie pr;fte die Diamanten auf F;lschungen, doch sie waren alle echt. Agnes holte einen Regenschirm aus ihrer Tasche, drehte den Griff, und das Gef;; mit den Diamanten passte hinein, als w;re es daf;r gemacht. Alles war in Ordnung; sie konnte die Diamanten zur Firma bringen. Gerade als sie die K;che betrat, klingelte es an der T;r. Agnes schaute durch den T;rspion und sah Fritjur. Sie ;ffnete die T;r.
„Agnes, du hast einen Schatz gefunden! Wir sind dir zur Bank gefolgt. Ich bin auf dem Boden entlanggekrochen und habe mir die Bankbeine angesehen. Ich habe eine Vertiefung in einem Bein gefunden, aber sie war leer, und als ich gegraben habe, habe ich keine solchen L;cher gesehen. Wo sind die Diamanten?“
„Fritjur, warum bist du so nerv;s? Die Diamanten geh;ren dir nicht. Atme ruhig.“
„Atme!“ Wo hast du die Diamanten versteckt? Du bist nicht bei der Firma vorbeigekommen, sondern hast sie zu Hause versteckt. Meine Leute werden jetzt deine ganze Wohnung auf den Kopf stellen – oder gib sie mir selbst.
– Gib mir etwas zu essen, ich habe Hunger.
– Was f;r eine Frau! Ich habe Hunger! Wenn die Diamanten an die Oberfl;che treiben, gib sie mir sofort, ich bringe sie dir sp;ter zur Bearbeitung.
– Setz dich und trink einen Tee.
– Okay, wir gehen jetzt, kommen aber wieder.
Am n;chsten Tag schnappte sich Agnes ihre Tasche und ihren Regenschirm und ging in ihr B;ro. Der blaue Himmel drau;en fiel ihr ins Auge, und seltsame Gedanken durchfluteten sie. Sie beschloss, ein Denkmal f;r den Diamanten zu errichten, genauer gesagt, ein Denkmal f;r all jene, die wegen dieser Steine gestorben waren. Sie zeichnete eine sechseckige S;ule und malte einen riesigen, leuchtenden Diamanten darauf. Dann wurde ihr klar, dass man daf;r einen Park br;uchte, und sie verlor die Lust daran. Die Diamanten aus dem Bein der Stadionbank hatten sich als n;tzlich erwiesen. Nun galt es nur noch herauszufinden, wer den Karton gezeichnet und wer die Diamanten hineingelegt hatte.
Dr. Lux war gestorben. Er hatte Industriediamanten hinterlassen, und Agnessa erkannte sie. Da sie die Diamanten erkannte, beschloss sie, sie Vlad, Angelina und Nina zu spenden, die Lux alle gekannt hatte. Mit reinem Gewissen gab sie einen Teil des Geldes seinem Sohn Nikita, von dem Angelina ihr erz;hlt hatte. Ihre Gedanken an ein Denkmal waren nicht unbegr;ndet; sie errichtete ein Denkmal f;r den Doktor der Ingenieurwissenschaften – genau wie sie es sich vorgestellt hatte, nur mit einem Portr;t von Dr. Lux. Leute kamen in ihre Wohnung und durchsuchten alles nach dem Beh;lter, aber sie konnten ihn nicht finden.
Zoya blickte aus dem Fenster; Schnee lag auf den B;umen. Sie durfte sich nicht ausruhen.
Ein M;dchen st;rmte ins B;ro:
„Hallo, arbeiten Sie hier oder schlafen Sie?“
„Hallo! Nehmen Sie Platz. Haben Sie ein Problem? Wer sind Sie? Was f;hrt Sie zu uns?“ Mein Name ist Zoya, und ich bin die Assistentin der ber;hmten Kommissarin Lis.
– Zoya! Mein Name ist Zhanna. Mein Vater ist tot! Wurde er mit einer Lichterkette get;tet?
– Verstehst du das nicht? Hat er die Lichterkette gegessen?
– Wovon redest du? Er hat sich mit einer Lichterkette gestochen, die mit einem starken Gift pr;pariert war. Ich will wissen, wer f;r den Tod meines Vaters Georges verantwortlich ist.
– Hast du einen Verdacht?
– Ja! Agnes Arkina! Mein Vater war in sie verliebt.
– Warum sollte sie deinen Vater vergiften?
– Wenn nicht sie, dann ihr Mann Apollon. Er ist ein bemerkenswerter Mann.
– Schreiben Sie eine Aussage, damit wir mit den Ermittlungen beginnen k;nnen. Bezahlung bei Erhalt.
Zoya nahm die Aussage des Opfers entgegen. Noch bevor sie aus dem Fenster schauen konnte, erschien ein junger Mann auf der Schwelle.
– Guten Tag! Mein Name ist Vlad. Ich m;chte wissen, wer meinen Vater, Denis Turin, get;tet hat. Er ist ein ber;hmter Mann!
„Vlad, ich wei;, wer Denis Turin ist. Wen verd;chtigst du?“
„Ich verd;chtige nur Agnes Iwanowna Arkina!“
„Bitte schreib auf, was du wei;t.“ Zoja k;mmerte sich nicht mehr um die ;fen aus dem 17. Jahrhundert. Ilja Lwowitsch kam hinzu.
„Ilja Lwowitsch, es liegen zwei Aussagen von Opfern vor, und Agnes Arkina gilt als T;terin.“
„Zoja, fangen wir mit dem Ofen an, oder besser gesagt, mit Agnes’ Bekanntschaft mit Denis. Ich wei; schon einiges ;ber sie. Der Punkt ist: Das ist die wahre Geschichte, die die Ermittler aufgedeckt haben. Wenn du mir nicht glaubst, ;berpr;fe es selbst.“
Ilja Lwowitsch und Zoja lie;en sich Zeit, die Geschichte zusammenzufassen.
Georges, der Denis Turin geschlagen hatte, wurde von einem Dornenkranz get;tet. Denis, der einen Geldsack versteckt und die Diamanten mit einer Puppe bezahlt hatte, wurde von zwei Angreifern get;tet. So bestraft man sich eben selbst. Und der tote Juwelier? Was wei; der Detektiv ;ber ihn? Wahrscheinlich wei; er etwas. Apollo? Er sa; wegen Diamantendiebstahls in Cold City im Gef;ngnis. Agnes? Sie prallt an ihr ab wie Wasser an einer Ente. Die Diamantenlady.
Aber das Juweliergesch;ft „Silberner Huf“ war umgezogen, und Ilja Lwowitsch hatte seine kleine Agentur l;ngst aufgegeben.
Vlad und Krankenschwester Nina. Vlad hatte das Interesse an Diamanten verloren; er trat in die Fu;stapfen seiner Frau, schloss sein Medizinstudium ab, absolvierte die Ausbildung zum Rettungssanit;ter und begann bei einer Rettungswache zu arbeiten. Nina folgte ihm.
Angelina und Nikita. Beide hatten einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften. Nikita er;ffnete sein eigenes Restaurant, doch die Pl;ne stammten von Angelina, die alles durchdacht hatte. Agnessa und Apollon. Sie werden ;lter, geben aber nicht auf und sehen sich nur selten. Ihre Leidenschaft f;rs Handwerk l;sst sie nicht los.
Das Leben hat sich fast wieder normalisiert.
Kommissar Ilja Lwowitsch beschloss, Berufliches mit Privatem zu verbinden – sprich: Liebe und Arbeit. Er f;hlte sich wie ein reifer Kommissar und beschloss, sich im Online-Dating zu versuchen.
„Wenn man die Nachrichten ;ber die Gasbranche liest, sind die Probleme so tief in finanziellen Schwierigkeiten verstrickt, dass wir sie gar nicht ansatzweise begreifen k;nnen“, schrieb er und heizte die Stimmung weiter an.
„Ach, sprich es blo; nicht an, ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan und nur Nachrichten gelesen: Ist das Gas jetzt da oder nicht? Als Frau denke ich, dass die Gasfrage nur wegen des ;ls so viel Aufsehen erregt!“, schrieb Nina selbstbewusst.
„Da hast du recht. Die ;lpreise werden steigen und die Staus werden sich aufl;sen, was bedeutet, dass dein Haus nicht abgerissen wird, um die Autobahn zu verbreitern“, schrieb der Mann selbstgef;llig.
„Das sagst du so! Obwohl ich mir das auch schon gedacht habe“, schrieb Nina im Chor. „Ich sage noch mehr: Ein Gasverlust von f;nfzehn Prozent entlang einer Pipeline ist nicht viel.“
„Schatz, du bist klug! Und ich denke auch, dass bei der Produktion immer etwas Produkt fehlerhaft ist; Hauptsache, man scheidet es rechtzeitig aus. Wahrscheinlich brauchen sie das Gas selbst, deshalb verkaufen sie es nicht.“
„Ich habe online nachgeschaut, wo Gas gef;rdert wird: kalte, unwegsame Orte, weitab von St;dten. Gas ist nicht so leicht zu bekommen, wie es scheint.“
„Ich stimme dir vollkommen zu, ich denke, wir k;nnen uns treffen! War es umsonst, dass ich mit dir telefoniert habe? Nein! Diese Online-Partnervermittlung ist gut darin, Paare zusammenzubringen.“
„Welche Partnervermittlerin? Ich habe dir eine SMS geschickt, damit du ganz oben auf der Seite stehst, und du bist auf mich reingefallen, nur damit du nicht zahlen musst!“
„Mir gefiel dein Profilbild, also habe ich dir ein Kompliment gemacht, und du hast geantwortet und mir deine Nummer geschickt. Wor;ber soll ich mit dir reden? Nur ;ber Benzin. Bist du verheiratet oder nicht?“
„Er war verheiratet, aber er ist weg“, sagte Nina beleidigt und meldete sich von der Dating-Seite ab. Nina hatte ihren Bekannten von der Dating-Seite vergessen, aber er hatte sie nicht vergessen. Pl;tzlich tauchte ein Mann von der Seite auf und traf sie pers;nlich. Sie erkannte den vertrauten Klang seiner samtweichen Stimme, den sie schon am Telefon geh;rt hatte. Sein Name war Ilya, und sie erinnerte sich an seinen Namen. Sie erinnerte sich an sein Foto auf der Seite, und jetzt sah sie ihn in echt. Er war genau das, was sie brauchte, aber sie brauchte ihn nicht im Moment. Ilya Lvovich nahm Scherze oder Abfuhren nicht auf die leichte Schulter. Nina war ihm aufgefallen; er erinnerte sich an sie unter den vielen Frauen, die ihn auf der Website bel;stigt hatten. Er wollte sie unbedingt, doch sie wollte noch nichts. Der Versuch, Ilya mit einem Lachen abzuwimmeln und zu gehen, scheiterte.
Der Fr;hling hatte sein Netz ausgeworfen, und Nina und Ilya Lvovich waren darin gefangen. Von seiner Zur;ckweisung getroffen, wollte er ihn nicht ernst nehmen. Nina machte sich gro;e Sorgen. Sie standen drau;en, doch die Situation verlangte nach einer konkreten L;sung. Sie wollte ihn ohne Erkl;rung verlassen. Er verstand nicht, und mit einer pl;tzlichen Bewegung packte er ihre Hand und zog sie an sich. Nina sp;rte, wie sie von der echten Leidenschaft eines Mannes ergriffen wurde.
„Nina, ich verstehe das nicht! Du hast mich selbst verf;hrt, du hast nach einem Telefonat einem Date zugestimmt, und jetzt gehst du mir aus dem Weg! Das ist nicht gut“, sagte der Mann mit furchteinfl;;ender Stimme. „Ilya, verzeih mir, aber ich wusste nicht, dass du verheiratet bist!“, versuchte Nina zu widersprechen.
„H;r mal, dachtest du etwa, die Leute w;rden auf Dating-Seiten nur rumalbern? Nein, die sind besch;ftigt und gestalten ihr Leben selbst.“
„Aber du bist verheiratet!“, murmelte Nina erneut.
„Du wirkst zwar intelligent, aber du redest totalen Unsinn.“
„Aber du hast doch selbst gesagt, dass du verheiratet bist.“
„Ich bin nicht gerade ein Mathegenie, aber bis drei kann ich z;hlen. Wenn ich eine Frau f;r mich suche, geht sie der Rest nichts an. Wer wei; schon, was andere ;ber die Ehe denken. Ich bin Single und biete dir meine Beziehung an, Nina. Ich mag dich.“
„Aber ich bin nicht ganz Single. Ich habe einen Mann, und als ich dir geschrieben habe, war er nicht da.“
„Das geht so nicht!“, br;llte der Mann. „Du wirst f;r deine Worte geradestehen; du warst es, die versucht hat, mich zu verf;hren. Ich bin hier!“ Ruf mich ruhig weiter an! Ich lasse mich nicht abwimmeln!
Zum Gl;ck kam ein Mann vorbei, und Nina rannte einfach weg von Ilja Lwowitsch und der Dating-Seite.
In dieser Nacht stand ein Stern vor ihrem Fenster. Nina machte sich die M;he, hinauszuschauen, konnte aber weder den Sternenhimmel noch den Mond sehen. Doch der Stern hing da: War sie heute allein spazieren gegangen? Sie griff nach ihrer Brille und setzte sie sich auf die Nase. Der Stern kam nicht n;her. Durch die Brille war ein Dunst zu sehen. Dann griff sie nach ihrem Fernglas. Doch durch das Fernglas sah sie keinen Stern am Himmel, sondern einen Minivan, und darin brannte Licht! Was sollte ein Van am Himmel? Er sah nicht wie eine fliegende Untertasse aus. Wie peinlich! Weglaufen von einer Dating-Seite, um die Sterne zu sehen.
Aber beim n;chsten Mal hatte Ilja Lwowitsch mehr Gl;ck; inzwischen war er von seiner Frau geschieden.
Ilja Lwowitsch ging auf die Dating-Seite und sah ein ganz normales Foto einer Frau, Nina. Es war offensichtlich, dass der Fotograf an diesem Foto nichts ver;ndert hatte. Sein Gesichtsausdruck war ernst, sein Haar kurz, und er trug eine Brille. Auch er selbst hatte einen Pony und trug eine Brille. Er hatte ihr geschrieben. Sie hatte ihn ins Theater eingeladen. Sie trafen sich am Theatereingang. Das Theater ist ;brigens ein hervorragender Ort f;r ein erstes Treffen: sicher und gut besucht. Ein Theaterbesuch kann die Gro;z;gigkeit eines Menschen und seinen Geldbeutel gleicherma;en auf die Probe stellen. Drau;en war Winter, die B;ume kahl, das Gras gefroren, aber kein Schnee lag.
Die Frau erschien ganz in Wei; gekleidet zu ihrem Date: wei;e Stiefel, eine wei;e Jacke mit wei;em Kragen. Als sie Jacke und Stiefel ablegte, zeigte sie sich als gepflegte Frau, bei der alles perfekt sa;. Ihre Str;mpfe waren hautfarben, nicht schwarz wie bei den anderen! Ihre Schuhe mit mittelhohem Absatz sa;en bequem an ihren F;;en. Ihr gerader Rock umspielte ihre H;ften. Ein d;nner Pullover lie; die silberne Kette um ihren Hals funkeln. Die zarten silbernen Ohrringe passten zu dem Anh;nger an einer silbernen Kette. Schlicht und geschmackvoll.
Der Mann war von der Erscheinung dieser wundervollen Frau hingerissen. Er selbst war anst;ndig gekleidet, aber nicht so, dass es ihn beschreiben w;rde. Er konnte den Gedanken nicht fassen: Wie konnte eine solche Frau ohne Mann sein? Bald erfuhr er, dass ihr Mann gestorben war. Warum? Sie wusste es nicht.
Eine Zeit lang lebte sie allein, also ohne Mann, aber mit ihren Kindern. Dann ging sie eines Tages auf eine Dating-Seite und sah sofort Ilja. Er gefiel ihr, und er wohnte in der N;he.
Nach dem Theater sa; er allein zu Hause und a; Orangen. Er trank nicht, rauchte nicht und brachte keine Frauen mit nach Hause. Ilja Lwowitsch war der ideale Mann f;r eine alleinstehende Frau namens Nina. Der Mann war geschieden, seine Kinder lebten getrennt von ihm. Seine Ex-Frau lebte allein, also ohne ihn und ohne die Kinder. Ob es sich so zugetragen hat oder nicht, dar;ber schweigt die Geschichte.
Am Morgen lag Frost ;ber dem Gras. Der Rasen bildete gleichm;;ige Grashalme, ;berzogen mit wei;em Reif. Nichts anderes erinnerte an den Winter, obwohl seit einer Woche eine aus einzelnen k;nstlichen Zweigen gefertigte Fichte auf dem Platz stand.
Die Nachrichtenwelt berichtete ;ber Ereignisse, die den Journalisten nicht entgangen waren. Doch das Leben ist so, dass nicht alle Nachrichten im Fernsehen oder online zu finden sind. Meistens bezog Ilya seine Nachrichten morgens aus dem Internet und abends sah er sie sich vergn;gt auf seinem Flachbildfernseher an, der sich zwar leicht in einen Computerbildschirm h;tte verwandeln lassen, aber dazu hatte er keine Lust.
Nein, er war nicht faul; er war erst zwei Tage zuvor aus einer wundersch;nen Stadt zur;ckgekehrt. Er hatte seine Gro;mutter besucht. Er war dorthin gereist, um die lebensver;ndernde Aufgabe zu bew;ltigen, sie umzusiedeln. Er war zu ihr geflogen und mit dem Zug zur;ckgefahren, wo er vor Ersch;pfung fast die ganze Zeit geschlafen hatte. Er konnte seine Gro;mutter nicht mitnehmen, da diese in einer fremden Wohnung lebte. Seine gesamte Wohnung bestand aus einem f;nfzehn Quadratmeter gro;en Raum mit Schlafzimmer, K;che und einem Badezimmer mit Dusche und WC. Eine erschreckend kleine Wohnung, die f;r keine anderen Verwandten als ihn selbst ausreichte. Das Ergebnis einer Scheidung.
Bei ihrem n;chsten Treffen, einem Spaziergang im Park, erz;hlte Nina Ilya, was sie ;ber den Tod ihres Mannes wusste. Damals arbeitete sie in der Hauptstadt und pendelte mit der S-Bahn. Wie sich herausstellte, war sie auf dem Weg zur Arbeit an der Leiche ihres Mannes vorbeigefahren, ohne es zu wissen. Sie fuhr mit einem schweren Gef;hl der Ungewissheit, da ihr Mann nicht von der Arbeit nach Hause gekommen war.
Auf der Arbeit konnte Nina aufgrund der inneren Anspannung nicht arbeiten; sie sa; da und rief in Krankenh;usern an. Dann rief pl;tzlich die Polizei an und teilte ihr mit, dass ihr Mann, Vitold, nachts beim ;berqueren der Gleise von einem Zug erfasst und get;tet worden war. Ihre Telefonnummer hatten sie aus der Stadtbibliothek. Es stellte sich heraus, dass der Mann das Bibliotheksbuch seiner Frau bei sich hatte, was ihnen half, die Witwe zu finden.
Dieses kurze, aber geschickte Man;ver der Polizei lieferte keine Erkl;rung f;r den Tod eines n;chternen Mannes, der unter den R;dern eines Zuges, ganz in der N;he einer Unterf;hrung ;ber die Bahngleise, ums Leben gekommen war. Niemand hatte die Todesursache von Ninas Ehemann untersucht, doch Ilya war von der Frage fasziniert; er wollte die Ursache seines Todes erfahren. Es gibt „schwarze Witwen“, und Nina war eine „wei;e Witwe“! Aber stimmte das wirklich?
Er wollte ein langes Leben f;hren, und daf;r musste er wissen, was vor ihm im Leben dieser so tadellosen Frau geschehen war.
Ilya und Nina trafen sich weiterhin, w;hrend er im Stillen die Gr;nde f;r den Tod ihres Lebensgef;hrten aufdeckte.
Das tragische Ereignis um Ninas Ehemann Vitold ereignete sich in der Silvesternacht, als am Eingang eines alten unterirdischen Ganges St;nde mit Spielzeug und Girlanden aufgebaut waren. Dort h;tten sie auch Sonnenblumenkerne, Socken, Blumen und Christbaumschmuck verkaufen k;nnen. Auf der anderen Seite des Ganges wurden Zeitschriften und Zeitungen angeboten.
Vitold trug ein Bibliotheksbuch bei sich, was bedeutete, dass er an seinem Arbeitsplatz keinen Internetzugang hatte und nicht viel Geld besa;, wenn er sich kein neues Buch leisten konnte. Er war ein Familienmensch, gab sein Geld an seine Familie ab und lebte ein mehr als bescheidenes Leben, was bedeutete, dass er den unterirdischen Gang problemlos h;tte passieren k;nnen; er hatte nichts zu verbergen.
In seinem Blut wurde kein Alkohol nachgewiesen. N;chtern, ehrlich, arm – und warum hatte er die Bahngleise ;berquert? Er h;tte ohne besondere Bed;rfnisse weiterleben k;nnen, niemandem zur Last fallen und seiner Familie so gut wie m;glich helfen k;nnen. Nach und nach verlagerten sich Ninas und Iljas Treffen von Parks und Theatern in ihre Wohnungen. Zuerst trafen sie sich in seiner kleinen Wohnung, dann in ihrer, wo sie mit ihrer Tochter Angela lebte. Hier begegnete Ilja Ninas Tochter zum zweiten Mal. Sie trafen sich auf Ninas Geburtstagsfeier. Ilja be;ugte Angela mit ;bertriebenem Misstrauen; irgendetwas an ihr kam ihm seltsam vor. Nun konnte er mit Sicherheit sagen, dass Nina keine Schuld am Tod ihres Mannes trug, aber ihre Tochter weckte Misstrauen. Angela war genauso gro; wie ihre Mutter, und damit endeten die ;hnlichkeiten auch schon. Nina strahlte Ruhe aus, Angela hingegen Nervosit;t. Nina rauchte nicht. Angela schon. Nina k;mpfte mit dem Muttersein, w;hrend Angela f;r Videospiele sparte. Es war die Zeit der Spielautomaten, und dort gab Angela ihr Geld aus. Eine abenteuerlustige junge Frau – so hielt Ilya sie. Im Prinzip betrachtete er Nina bereits als potenzielle Partnerin. Sie war wahrlich eine „wei;e Witwe“, eine Witwe ohne eigenes Verschulden. Doch er hatte nicht das Gef;hl, dass die Suche nach dem Schuldigen beendet war.
Die Stadtbewohner schm;ckten die B;ume mit LED-Lichterketten – sie leuchteten nicht nur, sondern erstreckten sich von der Spitze bis zum Stamm. Ein sch;ner Anblick. Ilya kam der Gedanke, dass der verstorbene Vitold versucht hatte, Angela vor dem Gl;cksspiel zu bewahren. Er war ;ber die Bahngleise zu einer Bar mit Spielautomaten gerannt, die an der Strecke lag, die er zum ;berqueren der Gleise genommen hatte. Er war zu voreilig gewesen, um seine Tochter vor ihren Schulden zu retten, und war gestorben, weil er den Zug in der Nacht nicht bemerkt hatte. Diese Bar existiert nicht mehr, aber in dem Jahr, in dem Vitold starb, lag sie auf seinem Weg. Das ist die ganze Antwort.
Ilya Lvovich sa; zufrieden da und a; Salzstangen, um nicht zuzunehmen. Doch dann rief Nina an und sagte, sie m;ssten Vitolds Mutter besuchen. Ilya st;hnte, willigte aber ein, an seinem freien Tag hinzugehen. Vitolds Mutter entpuppte sich als lebhafte, aber m;rrische Gro;mutter. Sie lebte mit Vitolds Stiefvater zusammen.
Ein bemerkenswertes Paar.
Vitolds Mutter n;rgelte st;ndig an seinem Stiefvater herum. Der ;ltere Herr ignorierte die Ermahnungen seiner Frau gekonnt; so kamen sie seit vierzig Jahren miteinander aus. Und dem Detektiv kam ein Gedanke: „Wie hat Vitold auf seine leibliche Mutter reagiert? Hat sie ihn in den Wahnsinn getrieben?“ Und er antwortete sich: „K;nnte.“ Es gibt Menschen, die st;ndig moralisieren und belehren. Seine Mutter war eine von ihnen.
Nun glaubte Ilya fest daran, dass seine Mutter Vitold in diesen Wahnsinn getrieben hatte, und er versuchte, sich mit allen Mitteln vor ihren Moralpredigten zu sch;tzen. Wenn beispielsweise alle Verwandten von Nina zu einer Familienfeier kamen, traf er als Letzter ein, nachdem Vitolds Mutter bereits gegangen war. An diesem Punkt gab er seine Suche nach der Wahrheit ;ber Ninas verstorbenen Mann auf.
Einmal tauschten sie ihre Wohnung gegen zwei Zimmer, und schlie;lich erhielten sie die gr;;ere Wohnung, sodass sie als Zwischenl;sung in der Tauschkette ;brig blieb. Aber das war vor etwa drei;ig Jahren. Zwei riesige Zimmer, je sechsundzwanzig Quadratmeter gro;, bargen einen riesigen, uralten Kleiderschrank, den die Besitzer nicht mitnehmen wollten – er war zu schwer, ein Antiquit;t. Und im zweiten Zimmer lebten V;gel in zwei K;figen und blickten aus dem Fenster auf die Moskwa. Nina hatte diese Wohnung v;llig vergessen, und gestern …
Ein Gesch;ftsmann mit einem von Sch;nheitsoperationen gezeichneten Gesicht, ;hnlich dem eines bekannten Schwarz-Wei;-S;ngers aus ;bersee, zeigte im Fernsehen einen Vogel im K;fig, und die Wohnung kam ihr so bekannt vor! Auch den begehbaren Kleiderschrank, den sie so vehement abgelehnt und bei dessen Tausch sie nicht teilgenommen hatte, erkannte sie wieder. Zehn Jahre lang hatte sie von diesem Tausch getr;umt und war jedes Mal entsetzt aufgewacht: Hatte sie nun getauscht oder nicht? Dann blickte sie auf die niedrige Decke und beruhigte sich.
Diese Wohnung hatte vier Zimmer, eine K;che und, kurz gesagt, sie konnte zu einer Wohnung umgestaltet werden, auf die ein Gesch;ftsmann und Stylist stolz gewesen w;ren.
Nina musste sich unter den goldenen Bl;ttern einer Birke Geschichten ;ber Winter und Sommer anh;ren. Manchmal wehte ein kalter Windsto;, und sie h;llte sich ein. Pl;tzlich hatte sie das Gef;hl, in diesem Jahr v;llig das Zeitgef;hl verloren zu haben.
Das Leben wird von einem Ball aus Erlebnissen bestimmt. Der wichtigste Ball des Winters ist Neujahr. Ilya schauderte vor Vorahnung; Er f;rchtete das Treffen von Ninas Verwandten an dem gemeinsamen Tisch, den sie auf ihre Kosten gedeckt hatte. Er f;rchtete dieses Treffen. Innerlich beschuldigte er bereits Angela und Vitolds Mutter. Was ging in Nina vor? Das war die Frage.
Die Stadt war dicht mit Weihnachtsb;umen und Girlanden geschm;ckt. Unter der Eisenbahnbr;cke verkauften Leute Spielzeug und kleine Weihnachtsb;ume. Ilya ;berquerte die Br;cke. Dort sa; eine freundliche Gruppe von zwei Verk;ufern und einem Musiker. Sie verkauften Unterw;sche und Blumen. Ein Akkordeonspieler sa; neben den Verk;ufern und spielte gelegentlich ein Lied, das der ganzen Gemeinde bekannt war. Ilya blieb bei der bunten Gruppe stehen. Ihm schien, als kenne diese Gruppe Ninas Mann.
Nun wusste Ilya, dass Vitold k;rzlich als Schwei;er auf einer Baustelle gearbeitet hatte. Die H;user wurden mit neuer Technologie gebaut, daher war das Schwei;en f;r den Montageprozess unerl;sslich. Er baute H;user in einem Neubaugebiet, aber sie wohnten in der Altstadt. Schwei;arbeiten erzeugen so wundersch;ne Lichtreflexe, dass sie aus der Ferne wie ein Feuerwerk aussehen.
Und wann hatte ein Schwei;er jemals Zeit, w;hrend der Arbeit zu lesen? Oder las er in der Mittagspause? Beim Schwei;en kann man definitiv nicht lesen. Warum trug er ein Bibliotheksbuch bei sich? Ilyas Kopf war voller Fragen.
„Hey, was stehst du denn da?“, fragte eine mollige Frau mit einem bunten Kopftuch, die Blumen verkaufte.
„Ich wei; nicht, wie ich dich ansprechen soll. Ich h;tte da eine Frage“, sagte Ilya Lvovich verwirrt.
„Stell deine Frage“, erlaubte der Akkordeonspieler.
„Also, ich heirate eine Frau, deren Mann vor einem Jahr beim ;berqueren der Gleise von einem Zug ;berfahren wurde.“
„Du willst Vitolds Frau heiraten?“ Die Frau mit dem gebl;mten Kopftuch war ;berrascht.
„Kanntest du Vitold?“, fragte Ilya ebenfalls ;berrascht.
„Nat;rlich nicht, er kam st;ndig vorbei.“ Vitold pflegte unserem Musiker Georgievich Geld f;r seine Musik in den Hut zu werfen. Er kaufte sogar meiner Frau Nina Blumen. Er unterhielt sich mit uns, denn manche Leute bezahlen ja nicht einmal f;r ihre Musik“, erwiderte die Frau.
„Und Sie wissen zuf;llig nicht, warum Vitold ;ber die Bahngleise ging, anstatt durch die Unterf;hrung? Und ;berhaupt ist unklar, woher Sie wissen, dass er gestorben ist?“, fragte Ilja verzweifelt.
„Wer wei; schon, warum er ;ber die Gleise ging?!“, protestierte der Akkordeonist. „Sie sind nicht der Erste, der nach Vitold fragt! Wir wurden schon vor einem Jahr st;ndig danach gefragt.“ „Wir wissen gar nichts.“ Ilja steckte dem Akkordeonspieler einen Geldschein in die M;tze und ging weiter den Gang entlang, begleitet von den fr;hlichen Rufen des Musikers. Er wollte die H;user sehen, die Vitold baute. Sie waren alle identisch und bereit f;r neue Bewohner. Ilja hatte drei m;gliche Erkl;rungen im Kopf. Es war ein Zufall. Er rettete seine Tochter Angela vor der Spielsucht. Seine Mutter, die gern jeden anrief, hatte ihn mit ihren Vorw;rfen und Predigten in den Wahnsinn getrieben. Irgendwie geh;rte Nina nicht dazu. Ilja mochte die Frau und konnte es sich nicht einmal vorstellen, ihr Vorw;rfe zu machen. In der N;he eines neuen Hauses bemerkte Ilja eine kleine Gruppe Arbeiter. Er ging auf sie zu und musterte sie eingehend.
„Wen suchen Sie hier?“, fragte ein Arbeiter in einer blauen Jacke, die einer Steppjacke ;hnelte.
„Ich suche jemanden, der Vitold, den Schwei;er, kannte. Er ist vor einem Jahr gestorben.“
„Wir kannten ihn“, antwortete der Bauarbeiter. „Er war ein guter Mann. Ein flei;iger Arbeiter. M;ge er in Frieden ruhen. Es w;rde nicht schaden, sich an ihn zu erinnern; ein Jahr ist vergangen.“
„Wissen Sie zuf;llig, warum er gestorben ist? Warum ist er nicht durch die Unterf;hrung gegangen?“
„Keine Ahnung! Ich wei; nicht, warum zum Teufel er die Gleise ;berquert hat!“, rief der Arbeiter w;tend. „Vielleicht war er m;de! Oder ihm war kalt! Oder er war krank! Schwei;er arbeiten manchmal drau;en!“
„Verzeihen Sie“, sagte Ilja und trat zur;ck. „Hier, denken Sie an Vitold, den Schwei;er“, sagte er und gab dem Arbeiter den Schein. Die Arbeiter nickten dankbar. Ilja ging zur;ck zu der ber;chtigten Unterf;hrung. Er war nicht reich; er kaufte sich sein Leben einfach vom Zufall ab, indem er Geld verteilte.
„Warten Sie!“ Er h;rte einen ged;mpften Schrei. Ilja blieb stehen und blickte zur;ck: Ein junger Mann folgte ihm schnell.
„Ich muss mit dir reden“, hauchte der junge Mann nerv;s.
„Ich h;re zu“, antwortete Ilja Lwowitsch ruhig.
„Ich habe mit Witold zusammengearbeitet; ich bin sein Lehrling. Nach seinem Tod fiel seine ganze Arbeit auf der Baustelle an mich. Ich wei;, wie schwer es f;r ihn war. Er hatte ernsthafte Augenprobleme; er schaute oft beim Schwei;en zu, trug aber nicht immer die richtige Schutzbrille. Ich habe mir eine Schwei;erbrille gekauft, und er hat an seiner gespart.“ „Vielleicht hat er den Zug einfach nicht bemerkt.“
„Aber er muss ihn geh;rt haben!“, rief Ilja.
„Auf der Baustelle ist es so laut, dass man kaum noch etwas h;rt“, erwiderte der junge Schwei;er.
„Vielen Dank!“, sagte Ilja und sch;ttelte dem Mann die Hand. Eine Frau mit einem bunten Kopftuch wartete an der Unterf;hrung auf Ilja. „Hey, was muss ich dir erz;hlen?“, fl;sterte sie. Doch bevor sie ausreden konnte, schubste sie jemand von ihm weg, denn pl;tzlich tauchte eine Menschenmenge aus dem Pendlerzug auf. Die Frau verschwand in der Menge, oder l;ste sich in Luft auf. Langsam ging er auf die Haltestelle zu, doch die Frau mit dem bunten Kopftuch versperrte ihm den Weg, als w;re sie aus dem Nichts erschienen.
„Hey, mir ist gerade etwas eingefallen: Vitold hatte Sehprobleme. Er war ein h;flicher Mann, ich mochte ihn sehr. Er hat mir eine Geschichte erz;hlt. Als er ungef;hr neun Jahre alt war, war er schon ein h;bscher Junge, und in der Schule wurde sein Sehverm;gen getestet.“ Ein Sanit;ter gab ihm Augentropfen, die seine Pupillen erweiterten, aber sie schlossen sich nie wieder. Der Junge konnte kaum sehen. Man behandelte seine Augen lange Zeit, aber sie heilten ihn nicht wirklich. Er trug immer eine Brille. Er arbeitete auch als Schwei;er, schwei;te Schwei;st;be und trug verschiedene Brillen, die sein Sehverm;gen noch verschlimmerten. „So“, hauchte die Frau und verschwand in der D;mmerung.
Ilya kam nach Hause. Seine kleine Wohnung war blitzblank. Es roch nach leckerem Essen. Nina, in T-Shirt und Shorts, sa; auf dem Heimtrainer und trat in die Pedale.
„Ist das Essen fertig? St;re ich dich, wenn ich trete?“, fragte Nina.
„Tritt ruhig. Du st;rst mich nicht“, antwortete Ilya und begann sich umzuziehen.
Unbemerkt blickte der Mann zu der eleganten Frau auf dem Fahrrad, erinnerte sich an die Frau mit dem Kopftuch und erkannte, dass sie f;r Vitold aufgrund seiner Sehschw;che gleichgestellt waren. Er wollte Nina ein Geschenk machen.
„Nina, was f;r eine Brille tr;gst du? Sind sie eher Vor- oder Nachteile?“
„Ich habe eine Brille f;r die Arbeit und eine f;r die Fernsicht, deshalb habe ich immer zwei dabei.“
„Schreib mir einfach deine Daten auf, damit ich nichts durcheinanderbringe.“
Kapitel 11. Glitzer mit Hintergrundbeleuchtung
Ilya bestellte f;r Nina eine teure, modische Brille mit allen n;tigen Korrekturen f;r normales Sehen. Eine Woche sp;ter schenkte er ihr die Brille. Nina war ger;hrt, k;sste ihren Liebsten und brach in Tr;nen aus, beruhigte sich aber schnell und sagte:
„Ilya, ich habe ein Problem, von dem ich dir noch nichts erz;hlt habe. Angela hat seit ;ber einem Jahr eine Wohnung von einem Musiker gemietet; er spielte in der U-Bahn-Passage. Vitold hat diese schreckliche Wohnung f;r Angela besorgt.“
„Warum eine schreckliche Wohnung?“, fragte Ilya misstrauisch.
„Es ist eine Einzimmerwohnung, sie sieht ganz okay aus, aber der Herd ist verbrannt. Ich habe versucht, ihn selbst zu reinigen, aber ich habe ihn nicht sauber bekommen. Die Toilette haben wir kaum sauber bekommen. Die Fliesen im Badezimmer l;sen sich ab. Es riecht furchtbar.“
„Und was ist jetzt passiert?“
„Der Musiker wohnte mit einer Frau zusammen und hat seine Wohnung an meine Angela vermietet.“ Und dann ist er v;llig ausgerastet. Er hat sie angeschrien und sie aufgefordert, die Wohnung sofort zu verlassen. Angela ist aus der Wohnung gerannt, und als sie zur;ckkam, fand sie den Musiker im Badezimmer. Er hing an der Duschstange. Angela war unglaublich gestresst.
— Lebte Angela allein in dieser Wohnung?
— Nein, mit ihrem Lebensgef;hrten, der erst vor einem Monat, nachdem er ausgezogen war, eine eigene Wohnung bekommen hatte. Jetzt k;nnen sie heiraten und in seiner Wohnung leben.
„Wie konnte Vitold ihr nur so eine Wohnung empfehlen?“
„Das habe ich dir nicht erz;hlt. Vitolds Sehverm;gen ist seit seiner Kindheit schlecht, und in letzter Zeit konnte er nicht einmal mehr Ger;che unterscheiden. Er war in dieser Wohnung, aber es prallte einfach an ihm ab. Niemand sonst h;tte seiner Tochter so eine Wohnung vermietet.“
Ilyas Herz sank ihm in die Hose und h;mmerte dann wieder. Ihm war ;bel. Nina bemerkte es:
„Keine Sorge, Ilya, Angela ist aus dieser verdammten Wohnung ausgezogen. Sie und ihr Mann wohnen jetzt auf seinem Grundst;ck.“
„Nina, hatte dein Mann Vitold Feinde?“
„Was redest du da? Er war doch nett.“
„Oder sehr nett“, sagte Ilya und blickte zu den schneebedeckten Tannen vor dem Fenster. „Nina, wie geht es deiner zweiten Tochter?“
„Lyuba ist nicht meine Tochter!“
„Ich dachte, sie w;re deine; ihr seid ja gleich gro;.“ „Vitold hat Lyuba aus der Unterwelt geholt, genauer gesagt aus einem unterirdischen Gang. Er ist ein netter Mann. Wir waren gerade erst geheiratet, ich hatte gerade mit dem Studium angefangen. Und dann brachte er ein kleines M;dchen mit nach Hause. Es war in den 90er-Jahren. Ihr Vater hatte sich verschuldet oder alles verspielt. Zwei M;nner kamen zu ihnen nach Hause und erschossen ihre Eltern. Lyuba versteckte sich im Kleiderschrank unter ihren Kleidern; sie bemerkten sie nicht.“
„Lebte sie allein?“
„Nein, sie hat eine Tante; die verkauft Blumen im unterirdischen Gang.“
Ilya sah Shura erstaunt an, sprachlos angesichts dieser Kette von Zuf;llen.
„Wundere dich nicht, sie hat ihre Spielsucht von ihrem leiblichen Vater geerbt. Als Vitold starb, hat sie ihre Schulden verspielt! Aber sie liebte Vitold wie einen Vater. Sein Tod hat sie sehr mitgenommen.“
„Warum lebt sie nicht bei ihrer Tante?“ „Die Frau ist, gelinde gesagt, eine seltsame Person.“
„Aber Lyuba ist doch erwachsen. Plant sie zu heiraten?“
„Sie hat einen Bauarbeiter; er arbeitet als Schwei;er auf einer Baustelle. Er ist ;brigens Vitolds Lehrling.“
In diesem Moment setzte sich Ilya, hielt sich die Hand vor den Mund und kr;chzte:
„Ich habe einen Klo; im Hals.“
„Ich schenke dir Tee ein.“
„Und sie irrt ohne Wohnung herum, obwohl sie eine eigene hat?“
„Ilya, alles wird gut, aber nicht jetzt. Trink etwas Tee.“ Vitold hatte Angst um Lyuba und wollte nicht, dass sie in der Wohnung ihrer Eltern lebte.
„Und vor wem hatte er Angst?“
„Ich wei; es nicht!“, rief Nina und vergrub ihr Gesicht an der Schulter des Mannes.
Ilya wurde klar, dass auch er nicht alle Antworten auf diese Fragen kannte. Also war er zu einer Schulter zum Ausweinen geworden. Und wozu brauchte er ;berhaupt seinen Kopf? Alle Personen in dieser Geschichte waren miteinander verbunden und vom Schicksal aneinandergekettet. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass der Schwei;er Vitold, der Akkordeonspieler Georgievich und Ljubas Eltern Glieder derselben Kette waren. Aber welcher Kette? Wie und wem hatten sie geschadet? Ihm wurde auch klar, dass er nicht durch die Unterf;hrung gehen wollte. Er sollte nachsehen, was dort vor sich ging.
Also ging er durch die Unterf;hrung, durchquerte sie und fand niemanden. Eine ganze Menschenmenge kam vom Pendlerzug, aber niemand spielte oder verkaufte etwas. Er ging auf die neuen Geb;ude zu, aber auch dort waren keine Bauarbeiter zu sehen. Alle unwissenden Zeugen der tragischen Ereignisse waren spurlos verschwunden.
Was wusste Ilja? Dass Ljubas Eltern vor vielen Jahren ermordet worden waren, dass Vitold vor einem Jahr gestorben war und dass sich der Akkordeonspieler erst vor Kurzem erh;ngt hatte. Also! Aber war Vitold selbst gestorben? Hatte sich der Akkordeonspieler erh;ngt? Wo war die Frau mit dem bunten Kopftuch geblieben? Sie war nicht in der Unterf;hrung. Was, wenn der M;rder von Lyubas Eltern sich an Orten aufgehalten hatte, wo es Holzplanken statt Asphalt gab? Warum nicht? Also wurde der M;rder vor einem Jahr freigelassen und hat Lyubas zweiten Vater umgebracht?! Was hatte der Akkordeonspieler verbrochen? Er lebte bei Lyubas Tante, also war er ihr Onkel …
Ob es nun stimmte oder nicht, da lebte noch ein armer Mann. Wer war dieser R;cher? Ilyas Gedanken waren wie leergefegt. Er hatte panische Angst! Schlie;lich war er jetzt Lyubas Lebensgef;hrte! Er hatte panische Angst! Hatte er etwa im Internet nach einer Frau suchen m;ssen?! Was sollte er tun? Wohin sollte er fliehen? Vor wem sollte er sich f;rchten? Das Bild eines Bauarbeiters in einer blauen, wattierten Jacke blitzte vor seinem inneren Auge auf. Wurde dieser junge Mann also auch angegriffen? Ilyas Nerven lagen blank; er f;rchtete nicht mehr um sich selbst – er f;rchtete um den Schwei;er, den er nicht kannte. Ninas Worte kamen mir in den Sinn: Angela und ihr Freund wohnten in der Wohnung, in die Vitold sie nicht gelassen hatte! Der Weihnachtsbaum auf dem Platz war endlich aufgestellt. Leuchtender Lametta schm;ckte die Schaufenster. Das neue Jahr stand vor der T;r. Nina wollte nicht trauern, also bestellte sie von der Arbeit aus vier Theaterkarten und bezahlte sie online. Sie wollte, dass ihre T;chter und deren Freunde ihre traurigen Gedanken verga;en. Doch Angela weigerte sich mit der Begr;ndung, es gehe ihr nicht gut. Also lud Nina Ilya ein, sie zu begleiten. Er freute sich sehr, als er erfuhr, dass Lyuba und ihr Freund auch kommen w;rden.
Alle vier sa;en in einer Reihe. Ilja sa; wie auf Nadeln. Er sp;rte den kalten Blick eines anderen im R;cken. Neben ihm sa; ein junger Mann. Ihm war, als w;rden sie beide von derselben Schlinge umschlungen. Beinahe h;tte er vor Entsetzen geschrien. Im D;mmerlicht des Saals sp;rte er sein eigenes Verh;ngnis. Ilja konnte nicht auf die B;hne schauen, oder er schaute hin, verstand aber nichts. Er wollte sich umdrehen: Es schien, als s;;e ein Mann in einer Steppjacke hinter ihm. Aber das konnte nicht sein – niemand tr;gt in einem warmen Theater Arbeitsjacken.
Eine Hand ber;hrte seine Schulter. Ilja zuckte vor Angst zusammen. Unwillk;rlich warf er Lyuba einen Blick zu, dann traf ihn eine Hand von hinten am Hals. Er presste sich in seinen Sitz. Er wollte zu Boden rutschen, drehte aber den Kopf zur;ck und erwartete den Schlag. Vor ihm sa; eine Frau mit einem bunten Schal ;ber den Schultern. Sie zischte ihm ins Ohr:
„Schau meine Lyuba nicht an!“
Ilya atmete erleichtert auf: Eine Frau in einem Schal bewachte ihn. Er hatte es nicht geschafft, mit dem M;dchen oder ihrem Freund zu sprechen.
Am n;chsten Tag dachte er, er h;tte sich all seine ;ngste und Probleme nur eingebildet. Es bestand keine Gefahr f;r ihn.
Der Mann in der blauen Jacke unter seiner wattierten Jacke arbeitete seit ;ber einem Jahr als Kranf;hrer auf der Baustelle. Sein Name war Zurab. Er wirkte wie ein ganz normaler Mensch, aber manchmal konnte er schnell w;tend werden, oder genauer gesagt, verbittert. Seine Kollegen hatten sich daran gew;hnt und bemerkten es nicht weiter. Vitold sprach in ruhigen Momenten ;fter mit ihm als mit irgendjemand anderem. Sie begegneten sich selten auf der Arbeit, konnten sich aber trotzdem unterhalten.
Zuf;llig, bei ein paar Wodka-Drinks zu seinem Geburtstag, ;ffnete sich Zurab. Er erz;hlte Vitold, dass er als Bulldozerfahrer in einer Goldmine arbeitete. Eines Tages hatte sein Ersatzmann frei genommen. Zurab war allein. W;hrend der kurzen Mittagspause, als der Bulldozer stillstand, w;re er beinahe eingeschlafen. Normalerweise schlief Zurab nie beim Mittagessen, doch nun ;berkam ihn ein seltsamer Traum. Er d;ste kurz ein und sp;rte dann, seinem wolfsartigen Instinkt folgend, etwas Merkw;rdiges. Aus dem Augenwinkel blickte er aus dem Fenster und sah zwei M;nner, die etwas Gl;nzendes fast direkt auf die Bulldozerspitze warfen. Er glaubte, zu tr;umen, und tat so, als schliefe er und bemerke nichts. Er ging nicht hinaus, um die Geschenke der Leute anzunehmen, sondern wartete, bis die Goldgr;ber weg waren, und machte sich dann an die Arbeit. Nat;rlich schaufelte er das, was sie ihm zugeworfen hatten, in die Schaufel des Bulldozers. Die Schaufel enthielt riesige Goldbarren. Zurab fragte sich, ob die Barren k;nstlich waren, verwarf den Gedanken aber schnell wieder. Ein Barren wog ;ber zehn Kilogramm, und f;nf weitere wogen weniger als ein Kilogramm. Er wickelte die Barren in einen ge;lten Lappen und versteckte sie in der Fahrerkabine des Bulldozers. Er nahm die wertvolle Fracht nicht mit. Bald darauf versteckte Zurab das Gold und tr;umte von einem neuen Leben.
Zu dieser Zeit erreichte das Ministerium bereits eine Nachricht unbekannter Herkunft, in der von einem ausstellungsw;rdigen Goldnugget die Rede war, dessen Verbleib jedoch unbekannt sei. Detektive trafen in der Mine ein und suchten nach den Nuggets.
Doch niemand ahnte, dass die Nuggets von erfahrenen Handwerkern bearbeitet worden waren, um den Goldpreis in die H;he zu treiben. Der Auftrag des Auftraggebers war simpel: Goldnuggets herstellen, sie aus der Erde holen und sie dann als solche auf der Ausstellung in der Hauptstadt pr;sentieren.
Zurab wurde mit den Nuggets erwischt, als er in seiner Naivit;t versuchte, sie aufs Festland zu schmuggeln. Genau darauf hatten die Auftraggeber dieses Projekts spekuliert. Er wurde inhaftiert. Der Goldklumpen wurde auf der Hauptausstellung des Landes gezeigt und anschlie;end in einem Lagerhaus eingelagert, von wo er spurlos verschwand. Lyubas Eltern arbeiteten in einer Goldmine. Sie waren an der Herstellung gef;lschter Goldklumpen beteiligt und wurden deshalb get;tet.
Als Vitold versehentlich starb, verlor Nina v;llig den Verstand. Sie war wie von Sinnen und glaubte nicht, dass er tot war; sie nahm nicht an seiner Beerdigung teil. Als man ihr sagte, er sei begraben und der Sargdeckel zugenagelt, zeichnete sie seine gro;en, l;nglichen Augen. Sie zeichnete seine gerade, schmale Nase, seine au;ergew;hnlich sch;nen Lippen.
Eines Tages entf;hrten sie die D;monen zu einem Kaufhaus drei Bahnstationen entfernt, und sie sah ihn! Lebendig! Doch als sie n;her kam, sah sie nur eine einfache Schaufensterpuppe. Sie blickte auf und sah sein riesiges Portr;t! Aber wieder war es nicht er! Es war eine Werbung, aber der Mann in der Werbung sah aus, als w;re er kopiert worden; sie kannte seine Gesichtsz;ge auswendig. Sie hoffte, er w;rde zum Leben erwachen!
Nina rannte aus dem Laden und sah ein riesiges Werbeplakat! Darauf prangte ihr Portr;t in dem roten Kleid, das sie bei ihrem Date mit Vitold getragen hatte. Es war eine Zigarettenwerbung. Sie geriet v;llig in Panik. Eine Woche lang irrte sie zu Fu; durch die Hauptstadt und hatte das Gef;hl, als w;rden alle Ampeln sie mit ihren gr;nen Augen anstarren. Sie lief und lief am Ufer entlang. Sie betrat den Central Park, schlenderte durch die Alleen, blieb an Durovs Corner stehen, sah Durova auftreten und konnte sich weder beruhigen noch sich auf eine Bank setzen; sie f;hlte sich, als w;rde der Wind sie verwehen, wie ein vom Baum gerissenes Blatt.
Ninas Freunde mieden sie; sie versuchte, sie mit der Aussage, Vitold lebe noch, zu ;berw;ltigen. Sie schlief schlecht, a; kaum etwas und war v;llig ersch;pft. Wahrscheinlich rief er sie zu sich, ersch;pft vom Leben auf dieser Erde. Eines Tages sp;rte sie, wie ihre Kr;fte schwanden; sie konnte nicht mehr arbeiten, sie hatte keine Kraft mehr. Sie konnte nicht mehr denken, sie konnte nichts mehr tun.
Also ging Nina zum Arzt. Dieser ;berwies sie an einen anderen. W;hrend eines vertraulichen Gespr;chs mit dem Arzt brach sie in Tr;nen aus, weinte zum ersten Mal und redete wirres Zeug, sodass ihr eine Spritze gegeben werden musste. Sie schlief auf einer Liege in einer fremden Klinik ein; als sie aufwachte, sah sie zwei kr;ftige Krankenschwestern neben der Liege stehen. Sie nahmen sie an den Armen und f;hrten sie zu einem Krankenwagen.
Nina wurde ins Krankenhaus gebracht. Drinnen waren alle T;ren verschlossen, aber es war ihr egal, wo sie war oder was sie dort erwartete. Sie wollte schlafen, doch als sie erwachte, sah sie eine sehr sterile Station, komplett gefliest vom Boden bis zur Decke. Die Betten hatten halbrunde Kopfteile aus Metall. Ihr Mund war ungew;hnlich trocken, sie hatte ;berhaupt keinen Speichelfluss.
Nina zog sich die Decke mit dem wei;en Bezug ;ber das Gesicht und blieb liegen, bis man sie sich hinlegen lie;. Man rief sie zum Fr;hst;ck. Ein Tisch, vier St;hle, L;ffel, Haferbrei. Die Tabletten gab man ihr direkt in den Mund. Hier traute niemandem etwas. Es war kaum zu glauben, aber langsam kam sie wieder zu sich. Sie dachte nicht an ihn. Seltsamerweise kamen ihr keine Gedanken an ihren verstorbenen Angeh;rigen in den Sinn! Sie befolgte die Anweisungen des Arztes und ging in die K;che, um etwas zu essen zu holen, denn nur diese Leute durften in ihren Sweatshirts und derben Schuhen an die frische Luft.
Nina war nicht auf die Anforderungen des Lebens au;erhalb des Krankenhauses vorbereitet. Sie klebte Kartons zusammen, n;hte an der N;hmaschine, nahm alle Tabletten und litt unter Mundtrockenheit. Eines Tages kam ihr Chef und war ;berrascht, dass Nina selbst in diesem Krankenhaus so gut aussah und ruhig und w;rdevoll mit ihm sprach.
Eine Krankenschwester brachte ihr Wollkn;uel und Stricknadeln. An diesem Abend, als die einzige diensthabende Krankenschwester noch auf der Station war, strickte sie einen gr;nen Pullover. Nach anderthalb Monaten wurde Shura an einen Professor ;berwiesen; die Assistenten f;hrten verschiedene Tests durch, und sie wurde f;r gesund erkl;rt. Sie wurde aus dem gelben Krankenhaus entlassen … Sie sprach nie wieder mit jemandem ;ber ihren Mann Vitold; sie hatte deutlich gelernt, dass dieses Thema das gr;;te Tabu von allen war.
Die T;r zu ihrem Herzen schloss sich in ihrer Seele, ganz oder fast ganz. Nina begegnete anderen Menschen mit halbherzigem Zuh;ren, halbherzigen Gedanken, halbherzigen Worten. Sie k;hlte gegen;ber ihren Freunden ab, ihre Kontakte zu ihnen reduzierten sich auf ein Minimum. Sie verbrachte ein Jahr im Halbschlaf – nein, sie lebte und arbeitete, aber alles geschah in einem halbbewussten Zustand. Sie nahm die verschriebenen Tabletten weitere drei Monate oder l;nger und wurde von ;rzten hypnotisiert.
Ein Jahr sp;ter wurde Nina angesprochen und gebeten, ein Gedicht zu schreiben. Sie verfasste das erste Gedicht dieses halbschlafenden Jahres und geriet in eine tiefe Krise. Erinnerungen an ihren verstorbenen Geliebten ;berfluteten sie, ein Zusammenbruch, der sie in eine seltsame Klinik f;hrte. Dort erhielt sie eine weitere Injektion, wurde aber nicht ins Krankenhaus eingeliefert, und sie erholte sich auf dem Weg dorthin. Sie kam regelm;;ig zu ihren Injektionen. Nach dieser Behandlung begann sie etwas zu verstehen: Die Angst vor den Erinnerungen war verschwunden! Sie begann, Gedichte ;ber ihren Mann zu schreiben! Jeden Tag schrieb sie ein Gedicht; ein ganzes Jahr lang schrieb sie ihm Gedichte! Es war das zweite Jahr nach Vitolds Tod, und er hatte unz;hlige Gedichte verfasst. Pl;tzlich schrieb Nina ein Gedicht f;r den Dichter, der neben ihr im Zug sa;. Der Dichter heilte die Dichterin. Sie fuhren Zug und schrieben sich gegenseitig Gedichte. Von diesem Moment an lebte sie nicht mehr in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart.
Sie wanderte mit dem Dichter am Ufer der Wolga entlang. Tag und Abend schlenderten sie durch die Stadt. Beide waren auf Gesch;ftsreise, doch das hielt sie nicht davon ab, in den goldenen Farben des Altweibersommers durch die Stadt zu flanieren. Sie betrachteten das Denkmal f;r den Anf;hrer, doch sie durfte das Museum nicht betreten. Die Stadt, in goldenes Laub geh;llt, und die gewaltige Wolga erweckten sie schlie;lich wieder zum Leben. Ihre Erinnerungen verblassten; gebannt betrachtete sie die Landschaft, den Dichter – sie lebte!
Nein, sie hatte sich nicht in den rundlichen Dichter mit seiner leicht sch;tteren Glatze verliebt, aber sie f;hlte sich in seiner N;he wohl. Er war so sanft, liebensw;rdig und gem;tlich! Er war freundlich und unglaublich gutaussehend! Sie ging neben ihm, an den Stra;enbahnschienen entlang, und war beinahe gl;cklich. Doch sobald sich ihre H;nde ber;hrten, begannen Probleme, Vorw;rfe und allerlei Unsinn. Aber so war das Leben, das gegenw;rtige Leben, nicht ein vergangenes, in Vergessenheit geratenes Leben. Ein paar Monate sp;ter nahm der Dichter eine neue Stelle an; Er konnte nicht mit Nina zusammen sein, aber das spielte keine Rolle mehr. Ihr Leben begann eine Zeit, in der sie die Herzen der Menschen ber;hrte; sie verliebte sich in einen Mann nach dem anderen, schrieb jedem f;nf Gedichte und wechselte ihre Partner, sogar platonische. Lange Zeit, vielleicht sogar ein ganzes Jahr lang, bis zum n;chsten November, ging sie keine ernsthafte, enge Beziehung ein; sie hatte Angst zu verlieren. Sie trug ein dunkelblaues Kleid mit wei;em Kragen, ihr fast wei;es Haar war kurz geschnitten. Sie war bei allen M;nnern beliebt, von Studenten bis zu weisen, die graue Haare hatten, schrieb jedem beil;ufig Gedichte und war lange Zeit niemandem nahe.
Nina gewann an Popularit;t und wurde zu einem Auftritt auf einer Silvesterparty eingeladen. Sie trug kirschrote Stiefeletten mit hohen Abs;tzen, einen kirschroten Anzug und eine wei;e Bluse oder einen d;nnen schwarzen Pullover. So trat sie auf, doch offenbar war es nicht ihre Berufung.
Ein paar Jahre vergingen nach dem Verlust, und sie fand immer noch keinen Partner – ja, sie fand einfach keinen! Alle Poesie und alle Dichter, aber Dichter lieben mit Worten, nicht mit dem Herzen. Die poetische Liebe geriet in eine langwierige Phase. Die Jahre vergingen.
Viele attraktive Dichter besuchten den Literaturverein, und sie verkehrte einige Jahre in dieser angenehmen Gesellschaft, doch eines Tages erreichte sie die Grenze des Akzeptablen. Nina kehrte der realen Dichterwelt den R;cken und wechselte zur virtuellen Kommunikation. Was ist das Ende dieser Geschichte? Eine Dichterin findet Schutz vor Kummer in der Poesie, doch damals, vor langer Zeit, konnte sie ihren Kummer nicht sofort in der Poesie ertr;nken.
Nina sch;ttelte den Kopf und erinnerte sich an Ilya. Nat;rlich hatte sie ihn schon einmal getroffen. Nat;rlich hatte sie noch Visitenkarten aus besseren Zeiten, als Vitold und Zurab noch lebten. Und sie hatte nicht immer als Reinigungskraft gearbeitet. Sie erinnerte sich, dass Angela ihr etwas ;ber Mukhin erz;hlt hatte; die beiden kannten sich offensichtlich gut. Sie dachte an Ilya, an seine Nachricht, und diese Nachricht selbst war ihr pl;tzlich v;llig gleichg;ltig. Wer zum Teufel war er?! Sie kannte ihn ja gar nicht; er hatte sich in ihre Lebensumst;nde eingemischt, warum also um ihn trauern?
Gedanken schossen Nina durch den Kopf und verflogen wieder. Sie fuhr Ilya nach Hause, nahm dann die SIM-Karte aus ihrem Handy und kaufte eine neue, als wollte sie mit der ganzen Sache abschlie;en. Mit der neuen Nummer w;hlte Nina Angelas Nummer. Ihre Tochter freute sich riesig ;ber ihren Anruf. Nina hatte den Lebensweg ihres Mannes vollendet; von nun an wollte sie nur noch f;r ihre Tochter leben. Und Angela informierte ihre Mutter Nina sofort, dass Lyuba und ihr Mann zu ihren Eltern geflogen waren, die dort Gold sch;rften.
Woher hatte Nina ihren F;hrerschein? Sie hatte ihn vor Vitolds Tod gemacht. Ihr Gehirn, das pl;tzlich auf Hochtouren lief, ratterte, und sie beschloss, auch ihre Adresse zu ;ndern. Lyuba war weit weggezogen. Angela lebte mit ihrem Lebensgef;hrten auf seinem Grundst;ck. Shuras Hausmeisterwohnung reizte sie nicht mehr. Ilya hatte ihr eine SMS geschickt. Sie hatte mit einer SIM-Karte Schluss gemacht. Lyuba? Die wollte ihr ihre Nummer nicht geben. Zurab? Dieser Dorf-Kraftprotz auf dem Traktor? Das w;rde schon gehen; er war sowieso schon der Gr;;te im Dorf.
Irgendwie hatte Ilya Lvovichs Interesse an Nina nachgelassen.
Kapitel 12. Manchmal ;ndert sich das Leben
Agnes reiste auf eine teure Ferieninsel, in ein fernes Land. Sie war von der Reise so begeistert, dass sie fast wahnsinnig wurde. Und nun zum Gesch;ftlichen. F;nf Milliarden Rubel waren w;hrend des Baus des ;stlichen Weltraumbahnhofs verschwunden. Vielleicht lag das Geld ja irgendwo in der Wohnung von jemandem herum? Nicht in ihrer. Die Wunder menschlicher Verantwortungslosigkeit. Zwei Tage lang hatte sie sich anst;ndige Filme angesehen; gestern hatte sie eine ganze Serie am St;ck verschlungen. Eine Handlung, ein Spannungsaufbau, ein langsamer Aufbau.
Aus Agnessas Sicht lebten die Leute f;r die sp;ten 1950er-Jahre gut. Und jetzt, zu Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, lag sie auf dem Kindersofa, die F;;e auf der Armlehne, und schrieb von vier bis zehn Uhr, bis ihr Gehirn schlappmachte. Oder sie wanderte mit ihrem Handy durch die Wohnung und erz;hlte Tatjana von ihren Aufgaben. Was waren ihre Aufgaben? Zucchini und Kartoffeln.
Jetzt sa; Agnessa da und schrieb an ihrem Laptop, da es seit gestern keine Internetverbindung gab. Sie rief nicht an, denn es war klar, dass Eisregen gefallen war, der die ;ste unter dem Eis schwerer gemacht und ihre Flugbahn ver;ndert hatte, sodass sie auf Stromleitungen und Stra;en fielen. Sieben Uhr morgens. Drei Fenster im Haus gegen;ber waren erleuchtet. Es war Samstag, sonst w;ren l;ngst mehr Leute wach gewesen. Drau;en heulte der Wind. Sie ging zum Fenster; drau;en lag frischer Schnee, der die Eisdecke vom Vortag bedeckte. Schnee hatte sich auf den ;sten der B;ume, auf dem Eis, gebildet. Welch eine Sch;nheit im Winter!
Agnessa ging in die K;che, setzte den Wasserkocher auf, und Kaffee mit Crackern war nach wie vor beliebt. Fr;her a; sie Joghurt oder K;se zum Fr;hst;ck, aber jetzt a; sie lieber Cracker; die verderben nicht, und man kann nicht zu viele davon essen. F;r ein erstes Fr;hst;ck reichten sie v;llig. Kaffee mit Milch, warum nicht?! Wenn sie tags;ber Kaffee trank, gab sie geriebenen Ingwer statt Milch hinzu. Ihre Fenster gingen zu zwei Seiten des Hauses: Ein Fenster blickte auf das Haus, das andere auf eine weite Landschaft mit H;usern und Wald in der Ferne. Drau;en vor dem Fenster verlief eine Stra;e, und daneben stand ein einst;ckiges Gesch;ft. Nat;rlich war der gesamte Ausblick durch schneebedeckte ;ste versperrt.
Agnessa beneidet Frauen, die Auto fahren, aber sie kann sich nicht einmal vorstellen, selbst zu fahren. Sie geht zu Fu;, f;hrt Bus und Bahn. Sie wohnt in einem Haus ohne Aufzug, fliegt nicht gern und besitzt keinen Reisepass.
Agnessa kam mit wenigen Taschen in das Dorf, doch Herbst und Winter brachten Ver;nderungen mit sich, und ihr Gep;ck wuchs deutlich. Im ersten Monat f;hlte sie sich unwohl und etwas ;ngstlich, allein in der Wohnung zu sein. Nach und nach wandelten sich die negativen Aspekte in positive, und sie gew;hnte sich daran, allein zu leben, selbst zu kochen, selbst einzukaufen und Geld zu sparen. Sie ist v;llig autark. Es ist sch;n, aus ihrem Hotelzimmerfenster auf das Meer, Palmen, Magnolien und Zypressen zu blicken. Doch meistens sieht man aus dem Fenster Schnee, B;ume, eingeschneite Autos und H;user mit geschlossenen Fenstern. Und gestern gab es Eisregen, die ;ste der B;ume verwandelten sich in verdrehte Eiszapfen, Stra;en und Gehwege waren von einer atemberaubenden Eiskruste bedeckt, unter der man den Sand erkennen konnte, den die Stra;enkehrer am Vortag verstreut hatten.
Der vor;bergehende Umzug ins Dorf ging schnell, innerhalb eines einzigen Tages. Jetzt ist der alte Freund, der Laptop, der beste Freund. Es herrscht absolute Einsamkeit. Agnes ist im Dorf. Drau;en rauscht die geliebte Landstra;e, die Uhr tickt ;ber dem Fernseher. Es ist dunkel im Zimmer; ein Film ;ber einen Mann mit einem ausgepr;gten Geruchssinn ist gerade zu Ende gegangen. Und heute ist ihre Nase verstopft. Es ist kalt drau;en geworden, und sie hat sich die Haare gewaschen, ohne die Fenster zu schlie;en. Das ist die erste M;glichkeit; die zweite wurde durch den Staub der Wohnung gest;rt, in der sie erst seit Kurzem wohnt, obwohl sie diese Wohnung schon lange haben.
Man k;nnte sagen, Agnes ist im lokalen Exil, oder man k;nnte sagen, sie ist im Urlaub. Sie ist wahrscheinlich schon ;ber das arbeitsf;hige Alter hinaus. Sie sieht gut aus, ihre Haare sind lang, sie hat sie seit Januar nicht mehr geschnitten, und es ist Ende August. Die Bl;tter sind noch alle gr;n. Heute ging sie auf die Bank; alle Frauen hatten sich die Haare schneiden lassen, nur sie nicht. Sie war zufrieden, obwohl sie sie manchmal am liebsten wieder schneiden w;rde. Au;erdem ist sie Rentnerin, mit einer eher durchschnittlichen Pension. Jetzt muss sie von ihrer Rente leben, also hat sie sich Grenzen gesetzt. Man kann nicht spa;en.
Die Mieter zogen aus der Wohnung aus, und Agnessa zog ein. Am ersten Abend putzte sie ein Zimmer und wusch die einzige Tagesdecke; alles andere brachte sie mit: Bettw;sche, Geschirr und Kleidung f;r August und Oktober. Am zweiten Tag nahm sie die Vorh;nge ab, wusch sie und h;ngte sie nach dem Waschen wieder auf. Drei Fenster, sechs Vorh;nge – eine Menge Arbeit. Man muss auf einem Drehstuhl stehen, die Arme ;ber den Kopf heben und alle Schritte mit den Haken an den Ringen durchf;hren.
Am dritten Tag ;berlegte sie, wie sie die Lecks abdichten k;nnte. Das Geld war knapp. Sie dachte nach und erinnerte sich an das kleine Zwischengeschoss und daran, dass die Wohnung vor drei Jahren renoviert worden war. Tats;chlich enthielt der karierte Sack Tapetenreste. Es gab Tapeten, aber keinen Kleber. Im Dorf gab es keinen Baumarkt, aber Lebensmittell;den. Tapetenkleister wird traditionell aus St;rke, Mehl und Wasser hergestellt. Es stellte sich heraus, dass es eine dicke Paste war. Zwei Tage verbrachte sie mit kleineren Reparaturen in den Zimmerecken. Sie entfernte die Tapete an den undichten Stellen, desinfizierte den Schimmel, klebte die dickste Tapete neu an und anschlie;end die an den Hauptw;nden.
Es gibt zwar einen M;llschlucker im Haus, aber der funktioniert nicht, also musste sie den M;ll drau;en zu den umz;unten Containern bringen. Wie sich herausstellte, hatten sich wegen des M;llschluckers Ratten eingenistet, und deshalb wurde er geschlossen. Jetzt muss jeder mit M;lls;cken spazieren gehen. Praktisch: M;ll rausbringen und einkaufen gehen; Alles ist unterwegs. Sie kommt gut mit den L;den zurecht. Sie kocht nur das N;tigste. Sie hat nur wenige Gerichte mitgenommen; man hatte sie beim Packen aufgehalten, also macht sie das Beste daraus. Abends ist es k;hl im Zimmer.
Wolken ziehen vom Westen her auf. Der Herbst h;lt Einzug. Die Ahornb;ume verf;rben sich gelb, die Birken verlieren ihre Bl;tter. Agnessa verliert ihre vertraute Umgebung. In dieser Situation muss sie sich selbst wiederfinden, ihren Platz im Leben, verstehen, was in diesem Moment am wichtigsten ist, und nicht verzweifeln, sondern einen realistischen Ausweg aus der Lage suchen. Deshalb ziehen sich auch die Nachbarn etwas zur;ck. Sie selbst hat nichts mehr, woran sie sich erinnern k;nnte, und nirgendwohin zu gehen.
Die Heizung h;lt sie warm, und der Stromverbrauch ist gering, sonst w;rde sie v;llig erfrieren. Ihr K;rper friert leicht, und der W;rmeaustausch ist sehr eingeschr;nkt. Das Leben wird besser, und sie ist mit dem Gedanken aufgewacht, dass der Verkauf der Wohnung zwar schwierig ist, sie aber einen Kredit darauf aufnehmen kann. Sie versuchte, eine SMS zu schicken, aber ihr Handy meldete, dass der Speicherplatz knapp sei. Sie rief ihre Tochter an, die antwortete:
„Dann nimm einen Kredit auf.“
„Die Wohnung zu verkaufen ist schwierig, aber sie kann einen Kredit darauf aufnehmen“, wiederholte sie.
Und was sollte sie ihr sonst sagen? Dass die Wohnung nicht zum Verkauf steht? Sie sprach diesen Gedanken aus. Sie hatte keine Lust, sich ;ber ihr Leben zu beklagen; sie lebte wie im siebten Himmel. ;brigens, es gab ein neues Glas Schokoladenk;se im K;hlschrank. Sie wollte kein Abendessen kochen. Sie a; das letzte St;ck Barsch zum Mittagessen; die Suppe war zu schwer zu schlucken, also a; sie sie zwei Stunden sp;ter kalt. Kalte Fischsuppe schmeckt besser als warme. So lebt sie, indem sie sich ihren eigenen Speiseplan zusammenstellt. Sie t Das Leben nimmt eine andere Richtung, und die Liebe zu einem Mann ver;ndert sich. Es gab eine Zeit, da ging sie, als sie noch die Kraft zum Lieben hatte. Ihre Beine werden immer schwerer zu bewegen, ihr Gang verliert an Leichtigkeit. Agnessa dachte: „Manche Patienten brauchen keine Aufsicht durch einen Arzt oder Angeh;rigen, sondern durch ein Ungeheuer mit einer Peitsche, das sie neben sich schl;gt, um sie aus ihren St;hlen zu bekommen.“ Kurz gesagt, sie litt unter einem weiteren Schmerzsyndrom; jedes Aufstehen aus jeder Position war unertr;glich schmerzhaft, doch sie brauchte fast eine Stunde, um aufzustehen und zu gehen. Ein Albtraum. Das ist keine Leistung, das ist Folter.
Warum sagte sie das? Manche Rentner leben in Kliniken, und ihretwegen kann sie nicht in die Klinik. Es sollte eine Begrenzung f;r Klinikbesuche geben! Es gibt Menschen, die zwanzig Tage im Jahr keinen Arzt aufsuchen; das ist ihr Urlaub. Die restliche Zeit sitzen sie vor den Arztpraxen. Und sie kann nicht ohne Termin zum Arzt! Jahrelang! Wenn wir Online-Arzttermine anbieten, sollten wir die Anzahl der Arztbesuche pro Monat auf eine Person beschr;nken. Ich habe die Nase voll von diesen „professionellen Patienten“ … Woher kommen die eigentlich? Meistens sind es Fr;hrentner; sie k;nnten zwar noch hart arbeiten, aber sie wurden quasi in den Ruhestand geschickt. Ihnen ist langweilig und sie m;ssen ihre Rente rechtfertigen, also h;ngen sie in Kliniken rum. Schluss damit! Wenn sie in Kliniken gehen, hei;t das, dass sie alles wissen, also sind sie die Richtigen, wenn man krank ist. Sie sagen einem, wo man Medikamente kaufen soll und was man kaufen soll.
Morgen. F;nf Uhr morgens. Ein monotones, verschlafenes Gemurmel ist zu h;ren. Es ist Jegor, der online mit jemandem chattet, der die ganze Nacht gespielt hat und noch nicht eingeschlafen ist. Agnessa hat sich Kaffee und ihrem Enkel Tee gemacht. Er hat die K;sekuchen gegessen, zu denen er die ganze Nacht nicht gekommen war. Stille. Anscheinend ist der Spieler eingeschlafen. Und sie ist aufgewacht. Sie hatte keine Lust zu stricken.
Wovon tr;umst du? Agnessa lebte in einem Partisanenunterstand im Brjansker Wald. Etwa dreizehn Jahre sp;ter verschwand ihr Mann. Ein paar Jahre sp;ter tr;umte sie, ihr Mann ging im Unterstand umher und zeigte auf die Stelle, wo er krank gelegen hatte. Lange Zeit erschien er nicht mehr in ihren Tr;umen, und es gab keine Neuigkeiten von ihm, und es gibt sie immer noch nicht.
Sie tr;umte oft von der Universit;t. In ihren Tr;umen lernte Agnessa st;ndig und musste immer Pr;fungen bestehen. Sie hatte unz;hlige Tr;ume, und selbst in ihren Tr;umen sagte sie immer, sie studiere, obwohl sie schon lange ihren Abschluss hatte. Sp;ter stellte sich heraus, dass der Vater ihres Enkels an der Hochschule studierte, und bis zu seinem Abschluss verfolgten sie diese Tr;ume von Pr;fungen. Jetzt erz;hlt Jegor jedem, sein Vater habe an einer renommierten Hochschule studiert. Ja, sie tr;umt oft von der Arbeit; sie tr;umt st;ndig von der Arbeit, aber meistens kann sie sich nicht an die Tr;ume erinnern. Das ;rgerlichste war, dass im Traum jeder f;r sich vergn;gte, begleitet von modernen, geschlechtsneutralen T;nzen, w;hrend die Menge, jeder in seinem eigenen Rhythmus, umherstampfte. Die Blonde mit der amphorenartigen Figur war zu faul f;r feste Beziehungen. Platonische Liebe gab es in ihrem Umfeld nicht. Auch die Liebe um des Geldes willen mit einem Partner war langweilig geworden.
Drau;en vor dem Fenster huschten gelbe Bl;tter vorbei, so hell im Sonnenlicht, dass sie fast unwirklich wirkten. Das riesige Bl;tterdach des Ahorns lichtete sich immer mehr, wie das Haar eines Mannes. Der erste Schnee wirbelte in gro;en Flocken ;ber dem Boden. Im Zeitalter von H;chstgeschwindigkeit und Informationstechnologie erlebt man Geschwindigkeit am besten, indem man mit dem Schlitten einen H;gel hinunterf;hrt. Agnes' Tochter sauste mit dem Schlitten den H;gel hinunter; ihr Handy passte problemlos in die Taschen ihrer Jogginghose, an denen der Schnee nicht kleben blieb.
Warum ist das Leben sch;n? Agnessa, heute Morgen allein in ihrer Wohnung, stie; mit ihrem Nachbarn zusammen und ging nun mit einem gutaussehenden Mann mittleren Alters die Treppe hinunter. Seine Ausstrahlung war in jeder Bewegung sp;rbar. Doch sein Hund wartete drau;en auf ihn, also ging er mit ihm.
Sie kam an ihrem Ziel an und traf einen weiteren gutaussehenden Mann. Sie sp;rte, dass er ihr heute Aufmerksamkeit schenkte, obwohl er mit etwas anderem besch;ftigt war. Wunderbar. Nur fing er an, sich selbst die Schuld f;r sein Alter und sein ;bergewicht zu geben. Sie kehrte nach Hause zur;ck und traf einen weiteren Vertreter derselben Generation, der sie mit ihrem Vornamen ansprach. Das Leben ist wunderbar, wenn man die Orientierung verliert, wie der Chef. Noch bevor diese Worte ausgesprochen waren, tauchte ein weiteres Hindernis auf.
Die silbernen Regentropfen, die stacheligen Girlanden und die glitzernden Kugeln an den gr;nen Zweigen des Weihnachtsbaums zogen kaum Beachtung. Die Neujahrsdekoration stand auf einem bl;ulichen Plastiknachttisch, auf dem Weihnachtstruhen voller S;;igkeiten standen. Eine Girlande aus f;nf Dr;hten mit bunten L;mpchen hing ;ber dem halben Meter hohen Weihnachtsbaum. Nur die durchsichtigen Lichter flackerten; die anderen blieben unbeleuchtet. Der festliche Glanz des Silvesterabends lag unaufdringlich auf dem Kindertisch, neben dem ein Hochstuhl stand.
Auf dem Tisch standen eine Flasche Champagner und ein Getr;nk f;r die Kinder. Der festlich gedeckte Tisch war mit vier Gl;sern und vier Tellern geschm;ckt. Ein Hering unter einem Pelzmantel, angerichtet auf einem l;nglichen Teller, lag auf einem Hocker daneben. Silvester r;ckte n;her. Nachdem sie drau;en die Wunderkerzen genossen hatten, kehrten die Bewohner des Zimmers zur;ck und bereiteten sich auf die Silvesterfeier vor. Was sie da z;ndeten, ist unbekannt, aber einer der Zimmerbesitzer hatte sich den Finger verbrannt.rank Honig und a; K;rbiskerne. Ist das nicht das Leben?
Das Leben nimmt eine andere Richtung, und die Liebe zu einem Mann ver;ndert sich. Es gab eine Zeit, da ging sie, als sie noch die Kraft zum Lieben hatte. Ihre Beine werden immer schwerer zu bewegen, ihr Gang verliert an Leichtigkeit. Agnessa dachte: „Manche Patienten brauchen keine Aufsicht durch einen Arzt oder Angeh;rigen, sondern durch ein Ungeheuer mit einer Peitsche, das sie neben sich schl;gt, um sie aus ihren St;hlen zu bekommen.“ Kurz gesagt, sie litt unter einem weiteren Schmerzsyndrom; jedes Aufstehen aus jeder Position war unertr;glich schmerzhaft, doch sie brauchte fast eine Stunde, um aufzustehen und zu gehen. Ein Albtraum. Das ist keine Leistung, das ist Folter.
Warum sagte sie das? Manche Rentner leben in Kliniken, und ihretwegen kann sie nicht in die Klinik. Es sollte eine Begrenzung f;r Klinikbesuche geben! Es gibt Menschen, die zwanzig Tage im Jahr keinen Arzt aufsuchen; das ist ihr Urlaub. Die restliche Zeit sitzen sie vor den Arztpraxen. Und sie kann nicht ohne Termin zum Arzt! Jahrelang! Wenn wir Online-Arzttermine anbieten, sollten wir die Anzahl der Arztbesuche pro Monat auf eine Person beschr;nken. Ich habe die Nase voll von diesen „professionellen Patienten“ … Woher kommen die eigentlich? Meistens sind es Fr;hrentner; sie k;nnten zwar noch hart arbeiten, aber sie wurden quasi in den Ruhestand geschickt. Ihnen ist langweilig und sie m;ssen ihre Rente rechtfertigen, also h;ngen sie in Kliniken rum. Schluss damit! Wenn sie in Kliniken gehen, hei;t das, dass sie alles wissen, also sind sie die Richtigen, wenn man krank ist. Sie sagen einem, wo man Medikamente kaufen soll und was man kaufen soll.
Morgen. F;nf Uhr morgens. Ein monotones, verschlafenes Gemurmel ist zu h;ren. Es ist Jegor, der online mit jemandem chattet, der die ganze Nacht gespielt hat und noch nicht eingeschlafen ist. Agnessa hat sich Kaffee und ihrem Enkel Tee gemacht. Er hat die K;sekuchen gegessen, zu denen er die ganze Nacht nicht gekommen war. Stille. Anscheinend ist der Spieler eingeschlafen. Und sie ist aufgewacht. Sie hatte keine Lust zu stricken.
Wovon tr;umst du? Agnessa lebte in einem Partisanenunterstand im Brjansker Wald. Etwa dreizehn Jahre sp;ter verschwand ihr Mann. Ein paar Jahre sp;ter tr;umte sie, ihr Mann ging im Unterstand umher und zeigte auf die Stelle, wo er krank gelegen hatte. Lange Zeit erschien er nicht mehr in ihren Tr;umen, und es gab keine Neuigkeiten von ihm, und es gibt sie immer noch nicht.
Sie tr;umte oft von der Universit;t. In ihren Tr;umen lernte Agnessa st;ndig und musste immer Pr;fungen bestehen. Sie hatte unz;hlige Tr;ume, und selbst in ihren Tr;umen sagte sie immer, sie studiere, obwohl sie schon lange ihren Abschluss hatte. Sp;ter stellte sich heraus, dass der Vater ihres Enkels an der Hochschule studierte, und bis zu seinem Abschluss verfolgten sie diese Tr;ume von Pr;fungen. Jetzt erz;hlt Jegor jedem, sein Vater habe an einer renommierten Hochschule studiert. Ja, sie tr;umt oft von der Arbeit; sie tr;umt st;ndig von der Arbeit, aber meistens kann sie sich nicht an die Tr;ume erinnern. Das ;rgerlichste war, dass im Traum jeder f;r sich vergn;gte, begleitet von modernen, geschlechtsneutralen T;nzen, w;hrend die Menge, jeder in seinem eigenen Rhythmus, umherstampfte. Die Blonde mit der amphorenartigen Figur war zu faul f;r feste Beziehungen. Platonische Liebe gab es in ihrem Umfeld nicht. Auch die Liebe um des Geldes willen mit einem Partner war langweilig geworden.
Drau;en vor dem Fenster huschten gelbe Bl;tter vorbei, so hell im Sonnenlicht, dass sie fast unwirklich wirkten. Das riesige Bl;tterdach des Ahorns lichtete sich immer mehr, wie das Haar eines Mannes. Der erste Schnee wirbelte in gro;en Flocken ;ber dem Boden. Im Zeitalter von H;chstgeschwindigkeit und Informationstechnologie erlebt man Geschwindigkeit am besten, indem man mit dem Schlitten einen H;gel hinunterf;hrt. Agnes' Tochter sauste mit dem Schlitten den H;gel hinunter; ihr Handy passte problemlos in die Taschen ihrer Jogginghose, an denen der Schnee nicht kleben blieb.
Warum ist das Leben sch;n? Agnessa, heute Morgen allein in ihrer Wohnung, stie; mit ihrem Nachbarn zusammen und ging nun mit einem gutaussehenden Mann mittleren Alters die Treppe hinunter. Seine Ausstrahlung war in jeder Bewegung sp;rbar. Doch sein Hund wartete drau;en auf ihn, also ging er mit ihm.
Sie kam an ihrem Ziel an und traf einen weiteren gutaussehenden Mann. Sie sp;rte, dass er ihr heute Aufmerksamkeit schenkte, obwohl er mit etwas anderem besch;ftigt war. Wunderbar. Nur fing er an, sich selbst die Schuld f;r sein Alter und sein ;bergewicht zu geben. Sie kehrte nach Hause zur;ck und traf einen weiteren Vertreter derselben Generation, der sie mit ihrem Vornamen ansprach. Das Leben ist wunderbar, wenn man die Orientierung verliert, wie der Chef. Noch bevor diese Worte ausgesprochen waren, tauchte ein weiteres Hindernis auf.
Die silbernen Regentropfen, die stacheligen Girlanden und die glitzernden Kugeln an den gr;nen Zweigen des Weihnachtsbaums zogen kaum Beachtung. Die Neujahrsdekoration stand auf einem bl;ulichen Plastiknachttisch, auf dem Weihnachtstruhen voller S;;igkeiten standen. Eine Girlande aus f;nf Dr;hten mit bunten L;mpchen hing ;ber dem halben Meter hohen Weihnachtsbaum. Nur die durchsichtigen Lichter flackerten; die anderen blieben unbeleuchtet. Der festliche Glanz des Silvesterabends lag unaufdringlich auf dem Kindertisch, neben dem ein Hochstuhl stand.
Auf dem Tisch standen eine Flasche Champagner und ein Getr;nk f;r die Kinder. Der festlich gedeckte Tisch war mit vier Gl;sern und vier Tellern geschm;ckt. Ein Hering unter einem Pelzmantel, angerichtet auf einem l;nglichen Teller, lag auf einem Hocker daneben. Silvester r;ckte n;her. Nachdem sie drau;en die Wunderkerzen genossen hatten, kehrten die Bewohner des Zimmers zur;ck und bereiteten sich auf die Silvesterfeier vor. Was sie da z;ndeten, ist unbekannt, aber einer der Zimmerbesitzer hatte sich den Finger verbrannt.
Vier Kristallfl;ten klangen ;ber dem Kindertisch aneinander und wurden jeweils von ihrem Besitzer geleert. Damit war der offizielle Teil der Feierlichkeiten dieses unvergesslichen Jahres beendet. Hering unter einem Pelzmantel war das Letzte, was man sich zu Champagner w;nschen konnte, und wurde bald durch Kuchenst;cke ersetzt. Die farblosen Lichter der Girlande flackerten l;ssig ;ber einem Schuhkarton mit etwa sechzig unverpackten Kinderfilmen und -spielen.
Die Anwesenden nahmen ihre Pl;tze ein und hofften, die Silvestershow auf dem Bildschirm genie;en zu k;nnen. Agnes war unruhig. Nerv;s sa; sie auf ihrem Sofa und warf einen Blick auf die Uhr; noch zwanzig Minuten w;rden vergehen, bis sie das Haus verlassen konnte, um die traditionelle Silvesterfeier zu beginnen. Sie ging zum Spiegel, spr;hte Haarspray in ihr Haar, gab ihren Teil an Duft hinzu und verlie; das Haus, um das Festmahl mit Freunden fortzusetzen. Es ist erstaunlich, aber Jahr f;r Jahr waren die Silvesterprogramme auf allen Sendern nach einem Glas Champagner kaum noch zu ertragen. Sie musste schlafen. Dann aufwachen und sich ein paar Lieder der Silvestervorstellungen ansehen. Agnessa schloss die T;r, r;umte das schmutzige Geschirr weg und ging in ihr Zimmer. Sie schaltete den Fernseher ein, aber nach zwei Liedern schlief sie ein. Drau;en vor dem Fenster ein ferner Waldstreifen, Schnee und Sonne – in einer Stunde w;rde er hinter dem neuen Horizont verschwinden.
Letztes Silvester hatte Agnessa die Gelegenheit, bei einem Treffen von Dichtern und Barden mit einem Mann zu tanzen. Nach ihrem ersten Tanz, vor zwanzig Jahren, schrieb sie ihm ein wundersch;nes Gedicht, man k;nnte sogar sagen sinnliches. Nach ihrem zweiten Tanz, zwanzig Jahre sp;ter, blieben ihr nur noch die Erinnerung an den Bauch ihres Partners und ein Foto, auf dem sie beim Tanzen festgehalten waren, und Agnessa auf dem Foto, klein und alt. Die Zeit vergeht wie im Flug. Gestern wurde sie neunundsechzig. Man sollte meinen, diese alte Frau denke auch noch an M;nner. Nat;rlich! Agnessa war noch jung.
Agnessa erinnerte sich … Sieben Uhr morgens. Im Haus gegen;ber waren drei Fenster erleuchtet. Es war Samstag, sonst w;ren l;ngst mehr Leute wach gewesen. Drau;en war ein leichter Wind zu h;ren. Sie ging zum Fenster; drau;en lag frischer Schnee, der die eisigen Stellen vom Vortag bedeckte. Schnee hatte sich auf den ;sten der B;ume, auf dem Eis, gebildet. Die Sch;nheit der Winternatur.
Agnes ging in die K;che, setzte den Wasserkocher auf, und Kaffee und Cracker geh;rten nach wie vor zu ihrem Fr;hst;ck. Fr;her a; sie Joghurt oder K;se zum Fr;hst;ck, aber jetzt a; sie Cracker; die verderben nicht, und man kann nicht zu viele davon essen. F;r ein erstes Fr;hst;ck reichte es v;llig. Kaffee mit Milch, warum nicht?! Wenn sie tags;ber Kaffee trank, gab sie geriebenen Ingwer statt Milch hinzu. Ihre Fenster gingen zu zwei Seiten des Hauses hinaus. Ein Fenster bot einen Blick auf das Haus, w;hrend das andere eine weite Landschaft mit H;usern und Wald in der Ferne offenbarte. Drau;en verlief eine Stra;e, daneben ein einst;ckiges Gesch;ft, und nat;rlich war der gesamte Ausblick durch die schneebedeckten ;ste der B;ume hindurch sichtbar.
Agnessa beneidet Frauen, die Auto fahren, aber sie selbst denkt nie daran, ans Steuer zu gehen. Sie geht zu Fu;, f;hrt Bus und Bahn. Sie wohnt in einem Haus ohne Aufzug, fliegt nicht gern und hat keinen Reisepass. Und sie ist nicht mehr mit M;nnern zusammen.
Das Telefon klingelte, und sie wurde aus ihren Notizen gerissen; die Nummer war ihr bekannt.
„Agnessa, was ist mit dir los? Warum bist du nicht zur Massage gekommen?“
„Die Schmerzen sind schlimmer geworden, und ich war heute auch nicht auf der Arbeit. Ich komme bestimmt erst in zwei Wochen wieder.“
Die Masseurin seufzte entt;uscht, und Agnessa legte auf. Die Stimme der Masseurin war schmeichelhaft, aber eine tiefe Tr;gheit hatte Agnessa von Kopf bis Fu; erfasst, und sie hatte nicht vorgehabt, das Haus zu verlassen. Sie fragte sich auch, woher die Masseurin ihre Telefonnummer hatte.
Am dritten Tag ihrer Bewegungslosigkeit begannen die Schmerzen nachzulassen. Agnes lehnte jede k;rperliche Aktivit;t ab, obwohl ihr im Stillen Aufgaben zugewiesen wurden. Man kann sich nicht vor allen Verpflichtungen dr;cken; sie m;ssen erf;llt werden. Danach w;re Agnes bereit, sich an die Arbeit zu machen. Statt Groll empfand Agnes nur eines: die ber;chtigte Einsamkeit. Da sie nichts Besseres zu tun hatte, meldete sie sich auf einer Dating-Plattform an und begann, Menschen anzusprechen. Der Erfolg lie; nicht lange auf sich warten. Ein Mann meldete sich, und es entwickelte sich ein Briefwechsel. Sie telefonierten. Als sie die Stimme des Mannes h;rte und sein Gest;ndnis, verheiratet zu sein und nach Abwechslung zu suchen, zog sie sich zur;ck. Das Leben ist sch;n, aber es gibt keinen Platz f;r Faulheit oder Hektik; der Weg ist es, der das Leben erf;llt. Ist es schwer, diese einfache Logik zu verstehen? Nein, sie hat ihre eigenen Auswirkungen auf das Leben und das Wohlbefinden der Menschen. Das Wohlbefinden eines Menschen h;ngt nicht von seinem finanziellen Status ab, sondern von seinem k;rperlichen Zustand, der zwar nicht gekauft, aber verbessert werden kann.
Agnes sa; auf einem Stuhl und flog nirgendwohin. Niemand brachte ihr Essen; sie brachte selbst einen schwarzen Teller mit und a; auf ihrem Scho;. Sie schrieb sogar auf ihrem Laptop, da sie weder Tisch noch Stuhl hatte. Man stelle sich vor: auf einem einfachen Stuhl sitzen und mit einer Gabel von einem schwarzen Teller essen. Zwei Zwergterrier kamen von beiden Seiten angerannt, die Nasen in den Teller gesteckt. Sie sagte ihnen, dass das, was auf ihrem Teller war, „kein Fleisch“ sei, woraufhin ihre Nasen hingen, aber sie wichen Agnes nicht von der Seite, bis sie mit dem Essen fertig war.
Sie brachte den Teller in die K;che und tippte weiter, w;hrend die Hunde ihrer Wege gingen. Bis zum Abendessen war es noch eine ganze Stunde. Die Hunde bekamen abends Trockenfutter und morgens und nachmittags st;ndlich Nassfutter. Sie wurden von einer jungen Katze begleitet, die gr;;er war als die Hunde. Eine pr;chtige Katze. Vor zwei Monaten war eine Katze aus dem Fenster gefallen und hatte dabei ein Moskitonetz mitgerissen, war aber sicher in einem Busch gelandet. Die Katze hat ;berlebt. Eine Woche sp;ter sprang sie schon wieder auf die Schr;nke; so wischt sie den Staub weg, der sich bei ihren Streifz;gen gar nicht erst ansammeln kann.
Agnessas Hunde sind faul; sie wuchsen mit einer Katze auf und leben nun mit einem Kater zusammen. Das Ergebnis sind Haushunde mit d;nnen Beinen, die auf Kissen schlafen und ihr Gesch;ft in Schalen mit st;ndig gewechselten Windeln verrichten. Sie haben einen Nachteil: Sie bellen Fremde an, weshalb Agnessa seit ihrer Ankunft nicht viele Besucher empfangen hat, da G;ste nicht von Hunden angebellt werden m;chten.
Und das ist noch nicht alles: W;hrend die Rosen in einer Vase einen Meter rechts von Agnessa stehen, befindet sich vor ihr ein W;schest;nder. Er ist momentan fast leer, aber st;ndig h;ngt W;sche darauf zum Trocknen. Gr;;ere Teile werden im Flur getrocknet. Neben dem W;schest;nder steht ein komplett aufgebautes B;gelbrett. B;geln ist eine st;ndige Aufgabe. Man stelle sich Agnes' Gef;hle vor, als sie die Villen und Pal;ste der Ber;hmtheiten sah. Nichts Besonderes, jeder hat seinen eigenen Geschmack. Sie hatte schon genug zu tun.
Es traf sich, dass Victor Agnes nicht zu Hause antraf.
Agnes hatte einen Onkel, einen K;nstler, den j;ngeren Bruder ihrer Mutter, der bei den ;larbeitern arbeitete! Er bohrte nach ;l. Er reiste, um Geld zu verdienen, und Agnes' Vater besuchte ihn wie auf einer Exkursion und brachte ihm Farben mit.
Der K;nstler kehrte aus dem Norden zur;ck und schenkte ihr eine Brosche mit drei Steinen – Amethysten. Wurden dort auch Amethyste abgebaut? Was war die Verbindung zwischen dem Vater und dem K;nstler? Der Vater ist l;ngst tot, und alle Spuren des K;nstlers sind verloren. Agnes hatte ihn allerdings einmal besucht, nachdem er die Wohnung ihrer Mutter neu gestaltet hatte.
Der K;nstler lebte in einer H;tte, genauer gesagt in einem kleinen Holzhaus, und lag oft auf dem Ofen. Der Frost im Norden h;tte ihn wohl vertreiben m;ssen, aber er konnte es nicht. Sie bemerkte keinen besonderen Reichtum an ihm. Warum also schenkte er ihr ein so teures Geschenk? Oder war das die Art, wie der K;nstler ihrem Vater die ;lfarben bezahlte? Es blieb unklar. Fest stand, dass er bescheiden lebte und sich im Hintergrund hielt. Agnes hatte ihren Onkel, den K;nstler, nur zweimal gesehen. Niemand sonst erinnerte sich an ihn.
Und wo ist jetzt die Brosche? Die Brosche war aus Gold und mit drei gro;en Amethysten besetzt. Wenn sie nur w;sste, wo die Brosche jetzt ist, dann w;rde man Spuren davon finden. Zum Gl;ck hatte ihre Mutter keine Zeit mehr, das alte Heizk;rpergitter wegzuwerfen. Agnes untersuchte es von innen. Die Brosche mit den Amethysten lag in einer Nische nahe der oberen Ecke des Heizk;rpergitters. Ihre Mutter hatte einst ein Kleid mit einem riesigen Kragen besessen, an dem sie diese Brosche befestigt hatte. Sie versteckte die Brosche aus einem einzigen Grund: Die kleine Agnes spielte mit ihrem Schmuck, also versteckte ihre Mutter sie hinter dem Heizk;rper.
Die Hausmeister kamen alle aus dem S;den, genau wie die, die ihre Wohnung renoviert hatten. Sie putzten die Flure nicht, also musste sie es selbst tun. Was blieb ihr auch anderes ;brig? In Dreck zu leben, war nicht gerade erstrebenswert, und von einem Prinzeneinkommen war sie weit entfernt. Da Agnes kaum Geld hatte, kaufte sie die Materialien f;r die Renovierung. So renovierte sie die Wohnung nun schon seit zwei Wochen. Oft dachte sie daran, Handwerker um Hilfe zu bitten. Aber das war nur ein Wunschtraum. Sie hatte kein Geld daf;r; lieber kaufte sie mehr Material, und nach einer weiteren Pause w;rde sie Tapezieren, Pinsel und Farbe in die Hand nehmen.
Hinter den Heizk;rpern entdeckten die Arbeiter zwei alte Revolver, jeder mit Trommel und Hahn. Was hatten die dort zu suchen? Anscheinend hatte Agnes die Heizk;rper vor der Ankunft der Arbeiter inspiziert, oder vielleicht hatte sie sie nur kurz angeschaut und nichts bemerkt. Die alten, mit Gittern versehenen Heizk;rper standen schon ein halbes Jahrhundert lang. Viel Wasser war durch sie hindurchgeflossen. Wer hatte sie in dieser Zeit besucht? Vor etwa 40 Jahren gab es einen Besuch.
Ein K;nstler, der Bruder meiner Mutter, kam damals aus der Ferne. Mein Vater schickte ihm mehrmals Leinw;nde und Farben. Der Mann war klein, hatte lockiges Haar und kaum graue Haare. Mein Vater hatte den K;nstler schon im Norden besucht. Er erz;hlte, die Stra;en dort seien aus Brettern. Mehr wei; ich nicht mehr.
Der K;nstler malte Agnes' Portr;t, als sie etwa 17 Jahre alt war, und brachte ihr bei, wie man mit Bleistift Portr;ts zeichnet. Sie malte damals viele Portr;ts. Der K;nstler renovierte die Wohnung: Er strich den Boden hellblau und die W;nde zweifarbig.
Damals waren die W;nde in der Wohnung nur mit Bastpinseln wei; get;ncht; es gab noch nicht einmal Tapeten. Und so sch;n wurde es. Meine Mutter ;bert;nchte die farbigen W;nde und strich den Boden mit normaler Farbe.
Reparaturen, Reparaturen, und was ist mit Revolvern? Wozu braucht eine K;nstlerin einen Revolver? Aber Agnes kann sich an niemanden Au;ergew;hnlicheren erinnern. Ach ja, er hatte ihr eine Brosche hinterlassen. Damals hatte sie sie untersch;tzt. Drei Topase, in den Ecken eines gleichseitigen goldenen Dreiecks angeordnet, stellten Bl;tenbl;tter dar. Also, sie erinnert sich an die Brosche, aber nicht an Revolver. Was noch? Eine Katze, oder besser gesagt ihr Gesicht und ihre Brosche, werden mit Dreiecken in Verbindung gebracht. Ein Waffensymbol mit einem Dreieck.
Warum versuchte Agnes, die Reparaturen allein durchzuf;hren? Wo ist ihr Mann? Er ist auf Reisen. Man kann ihn im Sommer nicht zu Hause halten. Die K;hlergrills waren dreieckig. Es w;re logisch, wenn dahinter ein Revolver aus dem sp;ten 19. Jahrhundert, nicht aus dem 20. Jahrhundert, l;ge. Agnes betrachtete den Revolver. Der Griff, der Korpus, wie ein Halbkreis. Der Lauf, etwas dicker als ein Bleistift. Die Trommel f;r die Patronen ist angeschwei;t. Ein Revolver. Nagants des fr;hen 20. Jahrhunderts waren f;r Offiziere und Soldaten. Bei den Offiziers-Nagants musste man nur feuern. Bei den Soldaten-Nagants musste man den Hahn spannen.
Die W;nde waren wei;, und die Gitter an den Heizk;rpern waren perfekt! So ein Gitter w;rde auf die heutigen Heizk;rper gar nicht passen; man kann darin keine Nagant verstecken; man k;nnte locker ein paar Maschinengewehre unterbringen, so viel Platz bleibt ;ber dem Heizk;rper. W;hrend der Renovierungsarbeiten verga; sie Superm;rkte und ging nur noch in Tapeten- und Farbenl;den. Sie verga; Make-up und ihre Haare. Sie wurde zu einer Frau mit Kopftuch. W;hrend der Renovierungsarbeiten a; sie langsam, aber sicher die alten Lebensmittelvorr;te auf.
Manchmal verlie; sie das Haus, blitzblank. Aber ungeschminkt. Sie kaufte etwas f;r die Renovierung, schnappte sich ein paar Lebensmittel und verschwand in ihrem Versteck. Zum Spa; lie; sie sich ein paar Z;hne f;llen und ging dann zur;ck zur Renovierung. Renovierungen sind Renovierungen. Und wenn du meinst, du k;nntest nicht einfach wieder den Kopf ;ber Wasser legen und Decken streichen? Dann solltest du dich vor dem Renovieren erst einmal ausruhen, eine Nackenmassage g;nnen und dann die Arbeit genie;en.
Das Wichtigste ist: Niemand hat Agnessas Renovierung je gew;rdigt. Agnessas Bruder ist ein Weltenbummler. Als er zum Putzen zur;ckkam, riss er aus Protest einfach ein paar Tapeten ab und lie; sie nicht rein, als sie eine Rolle alte Tapete holen wollte. Und die Revolver? Die hatte er f;r seine Taiga-Reise zu Gummigeschossen umfunktioniert.
Agnessa warf einen Blick auf die neuen Heizk;rper und ging in ihr Zimmer. Das Wort „Revolver“ ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Was wusste sie noch dar;ber? Dass er keine Patronen ausspuckte und seine Funktionsweise geheim hielt. Die Geheimwaffe lag gut in ihrer Hand. Aber wozu brauchte sie sie? Sie brauchte sie nicht; sie konnte ja nicht schie;en. Dunkelhaarige, schlanke und energische Arbeiter wuselten in der Wohnung umher. Alle M;bel waren vom Fenster wegger;umt worden.
Der Mann schnitt schnell die alten Heizk;rper ab und h;ngte neue, wei;e an. Aus dem alten Heizk;rper zog er zwei Revolver. Sie hatte sie dort ganz bestimmt nicht versteckt. Agnessa erkl;rte dem Mann, die Revolver seien Spielzeug. Die Kinder, sagte sie, h;tten sie beim Spielen versteckt und dann vergessen. Und der Mann schien ihr zu glauben.
Etwa vier Stunden sp;ter begannen sie, von der Wohnung dar;ber in Agnessas Wohnung hinein zu bohren. Einer der Arbeiter nahm einen Plastikkorb, stieg auf einen Hocker und fing damit den von der Decke fallenden Putz auf. Dann bohrte er zwei L;cher in den Boden. Die Arbeiter gingen, und ein flei;iger junger Mann kam mit Rohren. Am n;chsten Tag waren die Rohre nach zwei Stunden Schwei;en verlegt. Die Olympischen Spiele wurden im Fernsehen aus dem Meeresland ;bertragen. Dank der Renovierungsarbeiten konnte Agnessa Turnerinnen bei ihren Vorf;hrungen und einem Marathonlauf durch die geheimnisvolle Stadt beobachten. Sie sah sich die Olympischen Spiele an, um die Handwerker bei ihrer Arbeit nicht zu st;ren. Sie lie;en ihr keine Ruhe; sie hatte die M;bel noch nicht einmal ans Fenster gestellt, als ihre Tochter anrief und sagte, sie k;me nach Hause. Sie musste sich beim Aufr;umen beeilen. Agnessa wollte die Revolver untersuchen, aber sie hatte keine Zeit.
Die Katze reagierte emotional auf die Wohnungsrenovierung. Entweder versteckte sie sich vor den Handwerkern oder miaute begeistert und lehnte sich ;ber den offenen Fensterrahmen, der mit Gittern gesichert war, damit sie nicht hinausspringen konnte. Die Familie hatte die Katze als zwei Monate altes K;tzchen online gesehen und sie einvernehmlich adoptiert.
Ihr Gesicht war mit wei;en und schwarzen Dreiecken verziert.
Die Katze interessierte sich offensichtlich nicht f;r den Revolver, da dieser nicht schussf;hig war. Agnessa warf einen Blick auf einen der Revolver und entdeckte eine Marke: einen Pfeil in einem Dreieck, eingefasst in einen Kreis, daneben die Jahreszahl, 20. Jahrhundert. Die letzten Ziffern waren unkenntlich gemacht worden. Sie wickelte die Revolver in einen Lappen und versteckte sie. Die Katze miaute und bettelte um ihre Lieblings-Katzensnacks.
Es stellte sich heraus, dass das gr;;te Kapital eines Tieres sein korrektes Verhalten ist, das den W;nschen seines Besitzers entspricht. Agnessa hatte zeitweise zwei Katzen, doch keine lebte l;nger als sechs Monate bei ihr – sie liefen weg, als sie erwachsen wurden. Spuren ihres Lebens fanden sich ;berall, egal wie viele M;bel sie auch verstellt hatte.
Nach den ausgeb;xten Katzenbr;uten hielt die Familie einen reinrassigen Hund. Er bellte laut, war aber im Allgemeinen wohlerzogen. Um ihn f;r sein gutes Benehmen zu belohnen, kauften sie ihm eine H;ndin derselben Rasse. Die H;ndin erwies sich jedoch als weniger wohlerzogen und brachte dem reinrassigen Hund bei, sich neben ihr schlecht zu benehmen. Sie markierten alles! Deshalb wurden sie an andere Besitzer abgegeben, wo sie Nachkommen zum Verkauf bekamen.
Ein paar Jahre nach den Hunden tauchte eine Katze auf – eine seltsam gef;rbte, aber wohlerzogene Katze. Sie benahm sich wie ein Affe und kletterte die Vorh;nge hoch. Die Vorh;nge mussten ausgetauscht werden, und zwar nicht nur einer. Dann entdeckte sie den T;rrahmen, ;ber dem sich das Zwischengeschoss befand, f;r sich. Die Tapete am T;rrahmen musste mehrmals gewechselt werden, w;hrend sie Zirkusnummern auff;hrte und den T;rrahmen hinauf zum Zwischengeschoss rannte.
Am 8. M;rz h;rten alle die wilden Schreie der Katze, die regelm;;ig ihr Katzenklo aufsuchte. Die Schreie dauerten zwei Tage an. F;r die Katze wurde ein reinrassiger Kater mit eigenem Gehege gefunden. Wir bezahlten f;r drei Tage Zuwendung f;r beide Katzen, danach kehrte die Katze zu uns zur;ck.
Die d;nne Katze begann am Bauch zuzunehmen, h;rte auf, sich an den Vorh;ngen festzuhalten, und verga; schlie;lich den T;rrahmen zum Zwischengeschoss. Nach einiger Zeit brachte die getigerte Katze ein rotes K;tzchen zur Welt. Dann folgten drei K;tzchen, die dem Kater ;hnelten – also grau und wei;.
Die K;tzchen wuchsen. Die Mutter s;ugte sie zwei Wochen lang flei;ig, doch die K;tzchen hatten die Eigenschaften ihres Vaters, eines sehr gro;en Katers, geerbt. Die Mutter wurde m;de, und Agnes musste die K;tzchen mit dem L;ffel f;ttern. Mit einem Monat waren die K;tzchen bereits stubenrein. Die kluge Mutter hatte ihnen das Wichtigste beigebracht – die Benutzung des Katzenklos. Alle K;tzchen fanden ein gutes Zuhause. So ist es eben manchmal: eine gro;e Familie, manchmal nur eine Katze …
Und das Wetter … Agnes dachte an sich selbst. Die Situation zu Hause erinnerte an eine Szene aus der Tierwelt. Die Katze wurde fett, weil sie das Futter der Welpen fra;. Es waren kleine Toy-Terrier. Sie war beige, er schwarz. Ihre schlanken Pfoten wippten von einer auf die andere und blickten die Erwachsenen schmeichelnd an. Sie bellten – nein, sie quiekten eher. Nicht schlecht, die Kleinen. Ihretwegen lagen ;berall im Zimmer wasserdichte Katzenstreu-Unterlagen verstreut.
Die Katze war eine erwachsene, elegante Katze, die immer ihr Futter fra;. Die ersten Tage beobachtete sie die Welpen, dann n;herte sie sich ihnen allm;hlich. Eines Tages stellte sie sich auf die Hinterbeine und schlug die Welpen mit den Vorderpfoten, aber anscheinend sp;rten diese keinen Schmerz. Die Katze hatte sich aber das Recht erk;mpft, sich ihrem Futter zu n;hern.
Wozu brauchen wir Welpen? Diese kleinen Wesen lenken die Gef;hle der Erwachsenen ab. Die Menschen beginnen, ihre Gef;hle von Menschen auf Hunde zu richten. Und das ist ihr gro;er Zweck. Aber Gef;hle gibt es in allen Formen und Farben, und nicht immer sind sie positiv. Auch mit den Welpen ist es nicht einfach, aber sie werden gro;; sie haben ihre Mission – die Windeln – fast abgeschlossen. Noch ein bisschen, dann bekommen sie ihre Impfungen. Dann d;rfen sie nach drau;en.
In der Zwischenzeit gew;hnen sie sich an ihre Halsb;nder und probieren Winterkleidung an. Die Welpen flitzen immer selbstbewusster durchs Zimmer; der Ausgang ist sicher verriegelt. Eine Katze sitzt immer auf der Barrikade, au;er wenn sie schl;ft. Sie liebt es, die Welpen zu beobachten; sie ist nicht mehr sauer auf sie; sie spielt mit ihnen. Aber die Welpen sind l;ngst ausgewachsen.
Reale Ereignisse zu beschreiben ist einfach, aber bequem. Doch ein M;rchen zu erfinden – das ist ;u;erst selten. Ein M;rchen erfordert Motivation und Mut. Der am schwierigsten zu beschreibende Stein ist ein schwarzer Diamant. Die am schwierigsten zu beschreibende Person ist der Herr. Man f;ngt an, ihn zu erw;hnen, aber er verschwindet sofort aus dem Text; Er verweilt nicht lange im Text und verschwindet manchmal ganz. Nat;rlich gibt es Damen, die einen echten Diamanten tragen; sie sind eine Art Prinzessin oder inoffizielle K;nigin. In einer l;ndlichen Stadt nahe der Hauptstadt leben sie. Neue f;rstliche G;ter ziehen immer gr;;ere Summen an. Damen mit Lippen, die eindeutig auf die Intelligenz ihrer Besitzerinnen hinweisen.
Die Jahre vergingen, oder besser gesagt, sie flogen dahin … So war Agnes mit dem Haushalt besch;ftigt.
Agnes’ Arbeitsbelastung endete damit nicht. Sie hatte auch eine Tochter, Angelina, die sehr geldgierig war, im Gegensatz zu ihrer Mutter, einer einfachen sowjetischen Ingenieurin der dritten Kategorie, von der sie selbst nur wenig besa;. In ihrer Jugend und Kindheit tanzte sie und lernte Englisch. Dadurch wuchs sie zu einer schlanken und zierlichen Frau heran. Ihre erste Liebe war ein Tanzpartner, ihre zweite ein Klassenkamerad aus einem Englischkurs und ihre dritte ein Wirtschaftswissenschaftler, da sie ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hatte.
Agnes' Tochter und ihr Mann mieteten also eine Einzimmerwohnung in der Hauptstadt und lebten in bitterer Armut, aber nicht lange. Sie fand eine Anstellung als ;konomin in einem Pharmaunternehmen und war st;ndig auf Gesch;ftsreisen im Ausland, wodurch sie ein gutes Gehalt verdiente. Ihr Lebensgef;hrte bekam eine Stelle in der Telekommunikationsbranche und stieg schnell auf, wobei er seine Kollegen ;berging. Schlie;lich heirateten sie bescheiden und kauften mit einem Kredit eine Dreizimmerwohnung mit Panoramablick. Der Aufzug fuhr in rasantem Tempo drei;ig Stockwerke hinauf, aber Agnessa schreckte weder vor dieser Geschwindigkeit noch vor dem atemberaubenden Ausblick aus dem Fenster zur;ck. Fantastisch! Ihr Fenster bot einen Blick auf das Haus und den Wald, und von hier aus ;berblickte die Wohnung die gesamte Hauptstadt.
Tatjana Petrownas Sohn Wlad schenkte ihr ein Auto, damit sie schneller fahren und mehr schaffen konnte. Sie besuchte Kurse, bestand die F;hrerscheinpr;fung, aber die praktischen Fahrstunden konnte sie sich nicht leisten. Kaum hatte sie ihren F;hrerschein, fuhr sie auf die Stra;e, bekam Angst vor dem Verkehr und fuhr auf den Rasen. Reiten w;re f;r sie besser gewesen. Aber sie war stur, fuhr vom Rasen herunter (zum Gl;ck war dort keine ;berwachungskamera) und weiter…
Inzwischen arbeitete Agnessa bereits am Computer; Zeichenbrett und Ehemann geh;rten der Vergangenheit an. Sie ging mit einem Mann nach Hause, und eines Tages kam er bei ihr vorbei. Kurz gesagt, es passierte noch nichts, nur eine fl;chtige Liebesbeziehung.
Im folgenden Jahr begleitete sie ein anderer Mann, ein sehr junger, nach Hause, und ihre Liebe hielt zehn Jahre. Sie waren sogar zwei Jahre verheiratet, sahen sich dann gelegentlich, und jetzt, seit einem Jahr, haben sie kein Wort mehr miteinander gewechselt. Alles geht vorbei. Soll er doch ohne sie leben. Es gibt keine Liebe, aber seine Sticheleien sind ertr;glich.
Popstars str;mten in Scharen aus den F;ngen des Fernsehens auf die Kinoleinwand und ins Publikum. Manche junge S;nger werden tats;chlich zu Popstars und verdr;ngen etablierte Pop-Ikonen. Es ist schwer, die Aufmerksamkeit des Publikums ;ber Jahre zu fesseln; nur wenige schaffen es. Idole der Vergangenheit werden zu Mentoren junger Stars.
Er heiratete ohne Liebe und war ungl;cklich. Wer ist er? Das spielt keine Rolle.
In solchen Momenten verwandeln sich Menschen in Zugv;gel. Die Heimat bleibt die Heimat, aber der Mensch fliegt weit fort, dorthin, wo alles anders ist, wo Magnolien bl;hen und Wasserf;lle von den Bergen st;rzen oder Regen f;llt. Doch all das ist dort, jenseits des Horizonts. Der Mensch packt hastig seine Sachen; daf;r ist nie genug Zeit. Und er fliegt, fliegt … Und tats;chlich verschwindet die schwarz-wei;e Wolke in der Ferne und hinterl;sst eine wei;e Spur zwischen den grauen Wolken. Die letzten Bl;tter raschelten und flogen vorbei, fielen zu Boden und wurden vom kalten Regen durchn;sst.
Tatjana Petrowna erz;hlte Agnessa Iwanowna:
„Er war genau zehn Jahre j;nger als ich. Was bedeutet das? Waren wir in unterschiedlichen Zeitebenen, oder lebte einer von uns eine Stunde weiter s;dlich? Wo beginnt der Herbst fr;her? Im Norden? Genau so war es. Vor etwa zehn Jahren fuhr er eine Stunde von mir weg. Ich wei; nicht, wie viele Kilometer das sind, aber zeitlich gesehen brauchen wir eine Stunde, um uns zu treffen. Sie verstehen, dass wir uns lange nicht gesehen haben, da wir so weit voneinander entfernt wohnen. Manchmal m;chte ich ihn sehen oder anrufen; wir haben wirklich lange miteinander gesprochen – etwa zwanzig Jahre. Man nennt das Freundschaft ohne Verpflichtungen. Er war allein. Ich war allein. Wenn unser Gespr;ch vom Thema Arbeit abwich, wurde er nerv;s, sobald er einen Schritt von der Stra;e abwich. Es war eine Freundschaft, die sich nur auf die Stra;e beschr;nkte. Er hatte weder die Kraft noch den Wunsch, die Grenze zur Arbeit zu ;berschreiten. Fr;her trugen Schulkinder Schultaschen, heute Rucks;cke. So eine Freundschaft ist heutzutage wohl unm;glich.“ Er hat nie meine Tasche getragen. Ist er arm oder reich? Er hat zwei Wohnungen: eine in der Hauptstadt und eine in der N;he. Aber er hat sich immer auf einer Ebene der Armut gesehen, die man kaum begreifen kann. Bei der Arbeit ist er fr;hlich, zu Hause aber sehr zur;ckhaltend. Jede Interaktion, die nicht mit Lachen verbunden ist, begegnet ihm mit Feindseligkeit. Fr;her lebte er in einer feindseligen Atmosph;re, jetzt aber, wenn man den alten Weg in die Hauptstadt nimmt, in einer Welt voller Igel. Deshalb ist es seltsam, dass sein Kopf im Schlaf auf meinem Scho; lag. Es liegt nicht am Arbeitsweg; wir arbeiten schon lange nicht mehr zusammen. Um wen geht es hier? Eine meiner ehemaligen Freundinnen und Kolleginnen.“
Tatjana Petrowna und Agnessa Iwanowna arbeiteten einst zusammen. Ihre Schreibtische standen nebeneinander; Agnessa studierte damals noch, wechselte aber sp;ter von Vollzeit zu Teilzeit an demselben Institut und schloss ihr Studium ab. Sie hatte bereits einen Sohn, Steve, und brachte nach ihrem Abschluss eine weitere Tochter, Angelina, zur Welt. Tatjana gebar ihren Sohn Vlad, als sie bereits nebeneinander arbeiteten. Doch als Tatjana aus dem Mutterschaftsurlaub zur;ckkehrte, dr;ngte sie Agnessa aus ihrer Position und ;bernahm seine. Agnessa wechselte in die n;chste Abteilung. Sie war gekr;nkt, sagte aber nichts zu Tatjana. Sie arbeiteten am selben Forschungsinstitut.
Tatjana Petrowna ist nun, sozusagen, alleinstehend und frei. Deshalb trank sie gestern Champagner, um die Bitterkeit der Niederlage zu ertr;nken. Jetzt liegt sie allein da, niemand liebt sie, und sie ist wie gel;hmt: H;tte sie sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute eingemischt, w;re sie vielleicht… Sie h;tte sich nicht das Bein gebrochen. Tatjana Petrowna erkannte zwei Wochen nach seiner Abreise, dass sie ihren Mann liebte, doch die Abreise selbst erschien ihr unwirklich; die Erkenntnis der Realit;t kam erst sp;ter. Das Schlimmste war, dass zwischen vollkommener Familienharmonie und ihrer Abreise nur vier Tage vergangen waren! So kurz, so ungeheuerlich ungerecht!
Agnes begann sich gar nicht mehr wie ein Mensch zu f;hlen, sondern eher wie ein Ohr, an dem alle ihr Leben auslebten. Die M;nner mochten sie nicht, fragten aber immer wieder:
„Agnes, entschuldigen Sie, aber ist es schon eine Weile her, dass Sie einen Mann hatten?“
Steht es ihr etwa ins Gesicht geschrieben, dass ihr Mann Wiktor eine Frau gefunden hatte, die dicker war als sie?
M;nner stellen ihr Fragen wie diese:
„Agnes, hast du einen Mann?“
Keine Grauzonen. Manchmal fragen sie aber auch:
„Agnes, hast du ‚All Shades of Grey‘ gelesen?“
„Ja“, antwortet sie. Was ist denn so Besonderes an diesem Buch, dass es jeder kennt? Es ist voll von Briefen der Figuren und voller Wiederholungen. Von Liebe keine Spur, eher eine unheimliche, intime Atmosph;re. Agnes ist selbst einmal in eine Falle getappt. Sie war damals allein, obwohl sie gerade mit einem jungen Mann zu flirten begann.
Er war gutaussehend: gro;, blond und schlank. Sie war selbst h;bsch, wog nicht mehr als 60 Kilo und war von durchschnittlicher M;nnergr;;e. Sie trug einen leichten Hosenanzug, Sandalen und zwei weitere Schichten Kleidung. Ihr schulterlanges Haar gl;nzte vor Sauberkeit. Sie hatten ein Gesch;ftstreffen vereinbart. Sie sollte kurz vorbeischauen. Und das tat sie auch. Und dann ;berkam sie beim Anblick des blonden Mannes eine tiefe Leidenschaft, die offenbar auch ihn ergriff. Sie verga;en, warum sie sich getroffen hatten. Ihre Kleider flogen wie im Flug. Beige- und Graut;ne flogen in alle Richtungen. So etwas kommt vor, aber selten oder nie. Nicht Liebe, sondern pure Leidenschaft. Sie sahen sich nie wieder, als w;re eine Rose nur einen Tag lang erbl;ht und verwelkt. Es war lange her, und es stimmte fast.
Zuhause wollte sie den Wasserz;hler ablesen, doch der Warmwasserz;hler war von Wassertropfen bedeckt und zeigte keine Zahlen an. Sie musste telefonieren und mit Leuten sprechen, die sich damit auskannten. Diese rieten ihr, einen F;hn zu benutzen. Sie betrachtete ihr Haar und beschloss, es nie wieder mit einem F;hn zu trocknen, da dieser ja nur f;r Warmwasserz;hler gedacht war.
Kapitel 13. Vergebliche Begegnungen
Agnessa wollte einst nicht von ihrem Mann abh;ngig sein, denn jede Abh;ngigkeit von einem Mann war gef;hrlich, da sie Dem;tigung bedeutete, und daf;r hatte sie keine Kraft mehr. Traurig erinnerte sie sich an ihre gedr;ckte Stimmung. Sie und ihr Mann lebten getrennt. Ihre Tochter Angelina pendelte zwischen Vater und Mutter hin und her, weil sie glaubte, das sei normal. Agnessa arbeitete nun in der Werbung f;r ihre Lieblingsfirma. Sie tat, was sie tun musste, und nicht mehr. An einem Neujahrstag feierte die Familie gemeinsam: Mann, Frau und Tochter. Der Tisch, der Weihnachtsbaum, alle waren festlich gekleidet. Agnessa hatte den Sohn einer Freundin, Vlad, eingeladen. Doch sie hatte ihm ihre Einladung nicht mitgeteilt, was Angelina sehr ver;rgerte. Vlad war ihr immer wieder in den Sinn gekommen, aber sie hatten sich nie pers;nlich getroffen, obwohl sie zusammen aufgewachsen waren. Vlad war ;brigens nicht mehr 17, sondern viel ;lter. Nach diesem Neujahrstag besuchte Angelina ihre Gro;mutter, wo sie jemanden aus dem Bekanntenkreis ihres Onkels kennenlernte: Agnessa Iwanownas Onkel m;tterlicherseits. Sie war damals 17, eine zuk;nftige Sch;nheit. Zwei Monate sp;ter war sie im zweiten Monat schwanger. Sie behielten sie. Ein Junge, Jegor, wurde geboren.
Agnessa brachte ihre Tochter Angelina und ihren Enkel Jegor in einem kleinen Zimmer unter; es fehlte ihnen an nichts. Angelina traf ihren ehemaligen Verehrer Bogdan wieder, der all ihre Rivalinnen ignorierte. Er war in aller Munde, sein Name lag in der Luft, doch niemand sah ihn.
Das Leben begann sich zu bessern. Angelinas Figur wurde durch neue, passende Kleidung noch sch;ner. Sie fiel unter ihren Freundinnen durch ihr Aussehen und ihre Kleidung auf.
Der Sommer verging, und Angelina, die einige Monate bei Bogdan gelebt hatte, kehrte mit ihren beiden Kindern zu ihrer Gro;mutter Agnessa Iwanowna zur;ck. Angelina versuchte st;ndig, den Sorgen zu Hause zu entfliehen, und lebte nicht mehr in der Villa am Meer, sondern in Agnessa Iwanownas kleiner Wohnung. Angelina war aus dem warmen Land zur;ckgekehrt, der Heimat der Einheimischen, doch nicht jeder, der dorthin kommt, bleibt lange.
Der Wintermorgen war nicht besonders kalt. Der Schnee und der dunkelblaue Himmel pr;gten die Atmosph;re des Tages. Agnessa, in einem leichten Nerzmantel und mit dem Handy am Ohr, stieg in den Bus. Vor ihr steckte ein Mann seine Karte in das Drehkreuz. Das Drehkreuz pfiff schrill, und er steckte seine Karte erneut hinein. Das Drehkreuz pfiff wieder. Die Frau stieg zwei Stufen hinauf und beendete das Telefonat. Der Mann betrachtete die Magnetkarte:
„Ich habe die falsche Karte, diese hier ist f;r die U-Bahn“, und zog eine andere Magnetkarte hervor.
Agnessa stand neben dem Drehkreuz. Der Mann stieg in den Bus. Das Drehkreuz lie; die Frau hinein. Der Mann versperrte ihr irgendwie unbeholfen den Weg. Einheimische Fahrg;ste stehen auf, um andere passieren zu lassen, also mit dem R;cken zu den Durchgehenden. Dieser breitschultrige Mann blockierte den gesamten Gang. Der hellgraue Nerz blieb unwillk;rlich stehen, bis zur n;chsten Haltestelle. Agnessa atmete den maskulinen Duft eines K;lnischwassers aus einem schwarzen, buchf;rmigen Flakon ein, aber sie konnte sich nicht an den Namen erinnern.
Der Mann roch Damenparf;m aus einem flachen, fast runden Flakon, aber auch er kannte den Namen des neuen Parfums nicht. Die D;fte vermischten sich. Niemand wollte reden; jedes Wort im Bus w;rde von allen geh;rt werden.
Der vergangene Winter war gut gewesen. Tatjana Petrowna holte sich einen Sozialgutschein f;r ein Sanatorium, als die letzten Schneewehen noch schmolzen. Es gab keine Freiwilligen f;r das Sanatorium. Eine Freundin riet ihr, sich f;r die gleiche Krankheit, mit der Tatjana Petrowna einst im Krankenhaus gewesen war, auf die Warteliste eines Sanatoriums setzen zu lassen. Sie war altersbedingt arbeitslos geworden, und es gab keine Hindernisse f;r den Erhalt eines Sozialgutscheins f;r ein Sanatorium. Man bot ihr drei Gutscheine in drei verschiedenen Regionen eines gro;en Landes zur Auswahl an. Sie entschied sich f;r ihre Region. Nun musste sie nur noch die ;rzte aufsuchen und eine Sanatoriumskarte erhalten.
Die Frau verbrachte mehrere Tage mit Packen und versuchte, einen Rock mitzunehmen, fand aber keinen. In Zeiten, in denen Frauen Hosen trugen, wirkte ein Rock manchmal altmodisch und sogar sch;big. Sie nahm auch ihre Turmalinperlen mit – einen Rosenkranz. Ihr Leben war nicht gestreift, sondern vielschichtig. Es ist wahrlich ein uralter Stein f;r alle Zeiten und V;lker; er gilt nicht als Juwel, k;nnte aber durchaus als Halbedelstein gelten.
Sie begegnete Kieselsteinen auf ungew;hnliche Weise. Nachdem sie im Krankenhaus nur knapp einer Bauchoperation entgangen war, wollte sie nicht f;r den geplanten Eingriff zur;ckkehren und ging deshalb in ein medizinisches Zentrum, wo man ihr ein Wunder ohne Operation versprach. Dort verwendete der Arzt Kieselsteine, entweder zur Massage oder zur Tiefenheilung. Eine Operation konnte jedoch vermieden werden.
Also kaufte sich Tatjana eine Kette. Manchmal ber;hrte sie die Steine nur mit den Fingern, manchmal rollte sie sie ;ber die schmerzende Stelle, nur um zu sehen, ob es half.
Agnessa fuhr Tatjana Petrowna ins Sanatorium. Sie verstaute ihre Tasche im Kofferraum, und Tatjana sa; schweigend auf dem R;cksitz. Agnessa fuhr in v;lliger Stille; die Stra;e war ihr fremd. Also nahmen sie die Ringstra;e, verpassten aber wie immer die richtige Ausfahrt auf die Autobahn. Im Kreis zu fahren ist gar nicht so einfach. Interessanterweise war die Ausfahrt auf die rechte Stra;e auf der anderen Seite besser ausgeschildert. Aber sie schafften es, die Autobahn zu umfahren und landeten in einer kleinen Stadt. Endlich konnten wir einen Blick auf die neue Stadt erhaschen und erreichten nach einer halben Runde wieder die Autobahn.
;berraschenderweise war die Stra;e einfach herrlich, bis wir abbogen und dem Schild zum Sanatorium folgten. Das Sanatorium hatte tats;chlich zwei Eing;nge. Hinter dem eigentlichen Eingang verbarg sich ein gesch;tzter Bereich. Auf den ersten Blick wirkten alle B;ume gew;hnlich, doch sie waren dreimal so dick und hoch wie normale B;ume.
Die Kiefern wuchsen in Gruppen, jede einzelne ungew;hnlich gerade, hoch und von gro;em Umfang. Eine Kiefer ragte heraus, ihr Stamm war in drei Metern H;he doppelt so dick wie der ihrer Umgebung, dann gabelte sie sich, und ihre Krone ragte empor. Die Rasenfl;chen waren mit Gr;sern ;bers;t, die mit kleinen wei;en, gelben und blauen Bl;ten geschm;ckt waren. Vogelgesang ert;nte aus allen Richtungen, und ab und zu stimmte ein Kuckuck in den Chor ein.
Das Hauptgeb;ude empfing die Neuank;mmlinge w;rdevoll. Es breitete sich in zwei Richtungen aus, doch f;r mich war kein Platz. Am Empfang des Hauptgeb;udes gab Tatjana Petrowna ihren Gutschein ab, erhielt ein Sanatoriumsheft mit der Hausnummer ihres Zimmers und ging selbstsicher in die falsche Richtung. Pff! Aber sie sah ihr Geb;ude nicht.
Sie fragte die erste Person, die ihr begegnete, und diese wies ihr den Weg. Etwa hundert Meter ging sie an ;ppigem Gr;n vorbei und blieb verwirrt vor einer H;ngebr;cke stehen, die ;ber einer riesigen Schlucht hing, die einst ein Flussbett gewesen war. Zu ihrer Rechten tollten Eichh;rnchen in Fichten, an denen Vogelfutterh;uschen hingen. Sie drehte sich um, doch die wei;en Geb;ude waren nicht zu sehen; sie stand inmitten majest;tischer B;ume und ;ppiger Str;ucher.
Tatjana Petrowna war zu dem Geb;ude hinter der H;ngebr;cke geschickt worden. Ruhig erreichte sie die Br;cke, die sich ;ber das alte Flussbett spannte, und blieb stehen. Ein leichtes Grauen durchfuhr sie; ihr wurde bewusst, dass Agnes mit einem Rollkoffer hinter der Br;cke auf sie wartete, w;hrend sie die Unterlagen f;r ihren Einzug in das Geb;ude ausf;llte, und das lie; sie innehalten.
Vor ihr hing die H;ngebr;cke. Es war be;ngstigend, den ersten Schritt dar;ber zu wagen. Tatjana Petrowna machte ihren ersten z;gerlichen Schritt, umklammerte das Gel;nder und ;berquerte die Br;cke. Ihr Blick war nur nach vorn gerichtet, und sie sp;rte die Leere unter dem schmalen, lebendigen Steg. Langsam ging sie, die Handl;ufe fest umklammert. Es war furchterregend – einfach nur furchterregend. Eine leichte Panik ergriff sie, als sie die Br;cke ;berquerte. B;ume umgaben sie, wuchsen hoch unten und umschlossen die Br;cke allseitig. Sie zwang sich, nur nach vorn zu schauen und in der Mitte der Br;cke zu gehen.
Im ehemaligen Flussbett wuchsen die B;ume so hoch, dass sie die Br;cke auf beiden Seiten ;berragten. Sie blickte nicht nach unten, sondern ging mutig weiter. Menschen kamen ihr entgegen, ruhiger; sie blieben sogar stehen, blickten nach unten und betrachteten die V;gel im Nest.
Von der Br;cke f;hrte die Stra;e bergauf und direkt zu dem Geb;ude, das sie suchte. Es entpuppte sich als f;nfst;ckiges Backsteingeb;ude. Tatjana Petrowna trat durch die Glast;ren ein und befand sich in einem Flur mit Sofas mit hohen Lehnen. Sie ging zum Krankenzimmer und erhielt die Schl;ssel zu einem Zimmer im zweiten Stock. Das f;r zwei Personen ausgelegte Zimmer war ;berraschend gut ausgestattet; es hatte alles, was sie brauchte, und die Schr;nke waren so ger;umig, dass alles problemlos darin verschwand. Ihre Zimmergenossin war nicht da.
Agnessa begleitete Tatjana Petrowna zu ihrem Zimmer, ging hinein, sah, dass sie eine Mitbewohnerin hatte, und ging wieder. Tatjana Petrowna blieb zur;ck. Sie besichtigte das kleine Zimmer, das aus einem Badezimmer mit Dusche und einem Raum mit zwei Betten bestand. Zwischen den Betten lagen zwei Teppiche. Der Kleiderschrank war recht ger;umig, enthielt aber nur wenige Sachen ihrer Zimmergenossin, und diese selbst war nicht im Zimmer. Da jedoch ein Bett gemacht und das andere bezogen war, war klar, welches ihr Zimmer war. Sie packte ihre Sachen aus, r;umte ihre Schuhe weg, machte ihr Bett und ging in den Speisesaal. Dort wurde ihr etwas zu essen gegeben und ihr gezeigt, wo sie sich im Speisesaal aufhielt, der recht gro; und gem;tlich war.
Sie hatte am n;chsten Tag einen Arzttermin und war daher relativ frei. Der Speisesaal befand sich in einem separaten Geb;ude. Sie nannte ihre Di;tnummer und setzte sich an einen Tisch am Fenster. Offenbar war der Speisesaal erst vor Kurzem renoviert worden. Ihr gefiel alles, auch das Essen. Nach dem Mittagessen setzte sie sich auf eine Bank in einer schattigen Gasse. Es gab keine M;cken. Eine attraktive Frau mit einem kurzen, schicken Haarschnitt setzte sich neben sie. Sie unterhielten sich ;ber Belanglosigkeiten.
Am ersten Tag hatte die Frau genug Energie, um zweimal zum Speisesaal zu gehen und auf den B;nken zu sitzen. Am Abend schlief sie ein, bevor ihre Mitbewohnerin ankam. Der Morgen war warm und sonnig. Tatjana Petrowna entdeckte endlich ihre Mitbewohnerin, die eine verbl;ffende ;hnlichkeit mit der Mutter ihres ersten Mannes aus fr;heren Zeiten hatte. Sie kamen gl;cklicherweise ins Gespr;ch, da sie noch Zeit hatten. Die Mitbewohnerin ;hnelte nicht nur ihrer Schwiegermutter, sondern sie waren auch in derselben sibirischen Region geboren. Die Frau war im selben Alter. Die Frauen fanden schnell Gemeinsamkeiten und unterhielten sich angeregt.
Tatjana zog leichte Kleidung und Schuhe an und verlie; das Geb;ude. Sie ging zum Speisesaal. Davor erstreckte sich eine offene Fl;che mit Blumenbeeten voller bl;hender Pfingstrosen. In der Mitte stand das Becken eines leeren Brunnens. Der wolkenlose Himmel strahlte in der Sonne. Sie setzte sich auf eine Bank, streckte die Beine aus und wandte gl;ckselig ihr Gesicht der Sonne zu. Nach dem Fr;hling und Winter tat ihr die unerwartete W;rme unglaublich gut. Sie ging zum Fr;hst;ck in den Speisesaal, setzte sich wieder auf die Bank und warf einen Blick auf ihre Uhr. Bis zum Arzttermin hatte sie noch Zeit, und sie genoss die Sonnenenergie mit Wonne und Gl;ckseligkeit auf dem gesch;tzten Gel;nde des Sanatoriums.
Die Schlange vor dem Arztzimmer befand sich im Nachbargeb;ude. In der Lobby standen respektvolle Sofas mit hellem Kunstlederbezug, vielleicht sogar aus echtem Leder. N;her am Sprechzimmer sa;en vier Frauen auf zwei Sofas. Sie war die F;nfte in der Schlange. Dieses Geb;ude war noch sch;ner; alles hier zeugte von einer kompletten Renovierung. Die ;rztin war eine ;ltere Dame mit einer grauen Lockenm;hne. Sie warf Tatjana Petrowna kaum einen Blick zu, sondern telefonierte eifrig ;ber die Frau, die vor ihr da gewesen war.
Der Arzt sprach kaum. Tatjana Petrowna war zufrieden mit dem Anblick ihrer grauen Locken, unter denen die H;nde des Arztes kritzelten. Bald erhielt sie ihr Sanatoriumsheft mit den verordneten Behandlungen. Klugerweise lehnte sie eine davon ab. Dann verging die Zeit wie im Flug. Tatjana Petrowna ;berquerte entschlossen die H;ngebr;cke und ging auf das Behandlungsgeb;ude zu, vorbei am Trinkhaus, wo man Mineralwasser trinken konnte, das ihr verboten war.
Das Behandlungsgeb;ude glich einem Labyrinth, und sich darin zurechtzufinden, f;hlte sich seltsam an, aber sie meldete sich gleich beim ersten Mal f;r alle Behandlungen an. Sie wollte nicht ;ber die H;ngebr;cke zur;ckgehen. Sie ging zum Hauptgeb;ude, unter dem Bogen hindurch und blieb vor dem Brunnen stehen. Die Wasserstrahlen glitzerten fr;hlich in der Sonne. Runde Lebensbaumstr;ucher s;umten den Eingang zur zentralen Allee des Sanatoriums. An beiden Seiten hingen B;nke an Ketten. Erwachsene schaukelten vergn;gt auf den Schaukelb;nken.
Tatjana ging an einer Reihe Schaukeln vorbei und erreichte ein bekanntes Wahrzeichen – eine Treppe, die zum Fluss hinunterf;hrte. Sie stieg die Stufen hinab und stand am Flussufer. Eine weitere H;ngebr;cke spannte sich ;ber den Fluss. Sie blickte auf den Fluss, zum gegen;berliegenden Ufer, entdeckte dann einen Pfad am Ufer entlang und folgte ihm. Sie erreichte einen Felsbrocken und blieb stehen. Ein riesiger Stein ragte aus dem Wasser. Zwei Frauen kamen n;her und gingen bald wieder.
Tatjana blieb zur;ck. Ein gro;er Mann ging langsam an ihr vorbei. Sie fragte ihn, ob man das Geb;ude auch erreichen k;nne, ohne die H;ngebr;cke zu ;berqueren. Er bejahte, und sie folgte dem Mann am Flussufer entlang. Nach etwa hundert Metern begann der Pfad anzusteigen. Noch ein paar Anstiege den steilen Hang hinauf, und sie sah ihr Haus. Der Mann ging zu der Frau, und Tatjana Petrowna ging in ihr Zimmer. Ihre Nachbarin war noch da, lag auf dem Bett und sah fern.
Das Wetter war einfach herrlich. Warm und sonnig. Die Zeit verging wie im Flug. Nach dem Fr;hst;ck (ich befand mich nun auf meiner strengsten Di;t) nahm Tatjana Petrowna eine Abk;rzung vom Speisesaal zur H;ngebr;cke, ;berquerte diese rasch und ging zum Behandlungsgeb;ude. Die erste Behandlung bestand aus einem Bad mit Mineralwasser aus einem Kilometer Tiefe. Anschlie;end holte sie sich den verordneten Kr;uteraufguss. Danach besuchte sie einen gro;en Raum, in dem Menschen an den W;nden auf St;hlen sa;en. Seltsame Lampen hingen von der Decke und strahlten kein Licht, sondern Ionen einer unbekannten Substanz aus. Die n;chste Behandlung bestand nat;rlich darin, einen Magneten an die schmerzende Stelle zu halten.
Es blieb Zeit f;r ein zweites Fr;hst;ck – Brot und Tee – und eine Pause bis zum Mittagessen. Tatjana verschlief diese einfach und ging erfrischt zum Mittagessen. Nun d;mmerte es ihr, dass sie, wenn sie weiterhin so viel schlief und a;, bald nicht mehr durch die Tore kommen w;rde. Nach dem Mittagessen ;berquerte sie mutig die H;ngebr;cke und ging die gro;e Treppe hinauf, die zum Flussufer f;hrte. Das Sanatoriumsgel;nde war w;hrend der Mittagsruhe fast menschenleer. Sie genoss diesen Moment.
Tatjana ging ohne F;hrer am Flussufer entlang und erreichte einen Felsbrocken. Sie blieb stehen und blickte auf den Fluss, wo Jungfische herumtollten, und stieg dann die Klippe zu ihrem Haus hinauf. Zwischen der Klippe und dem Haus wuchsen Maigl;ckchen. Unz;hlige von ihnen. Der Ausblick vom hohen Ufer war einfach grandios. An dieser Stelle machte der Fluss eine Kurve. Die rei;ende Str;mung war faszinierend. Auf der einen Seite des Flusses waren wundersch;ne Sommerh;user zu sehen; die Natur war unber;hrt von H;usern und Menschen. Der Blick auf den Fluss war pure Gl;ckseligkeit. Die ruhige Wasseroberfl;che wurde von der rei;enden Str;mung durchbrochen.
In den ersten Tagen hatte sie das Bed;rfnis zu reden, und zwar nicht nur mit anderen. Sie unterhielt sich mit den Frauen und setzte sich ungezwungen mit den Urlaubern auf die B;nke. Jeder, der wollte, konnte ihr sein Herz aussch;tten. Die Sonne schien. Das Leben wurde besser. Ihre Kr;fte kehrten langsam zur;ck.
Abends musste sie das Salz vom Baden abwaschen. Eine Dusche im Zimmer erwies sich als die beste Methode, das Salz loszuwerden. Ihr nasses Haar vervollst;ndigte ihr Aussehen. Ihre Nachbarin lag im Bett. Sie war herumgelaufen. Neben ihren Behandlungen hatte sie es geschafft, nach Hause zu fahren und die Beete zu gie;en. Sie dachte nur an ihren Mann, der sich gerade im Norden aufhielt; er hatte sein ganzes Leben lang Schichtarbeit geleistet. Immer wieder rief sie ihn an, nur um ihm gleich zu sagen, dass ein Schneesturm tobte. Dann rief sie ihren Sohn an, der im Norden lebte, und erfuhr, dass es dort heute schneite.
Und im Sanatorium war es warm.
Tatjana trat hinaus und breitete die Arme ;ber die Lehne einer Bank. Sie trug einen leichten Morgenmantel, ihre Beine waren nach dem langen Winter gebr;unt. Ja, irgendwo im Norden schneite es noch immer, aber um sie herum raschelten die Bl;tter junger Pflanzen und die V;gel sangen himmlisch.
Ein Morgen im Sanatorium beginnt mit Neugier. Tatjana ging auf den Balkon und betrachtete den Himmel, die B;ume und die Erde. Da sie das Wetter immer noch sch;n fand, ;berlegte sie, was und wie sie es heute anziehen sollte. Es war eine heilige Aufgabe, ;ber die Abl;ufe nachzudenken und eine Tasche mit den notwendigen Utensilien sowie Wasser oder Kr;utertee vorzubereiten. Wenn sie dann noch Zeit hatte, machte sie ihre ;blichen ;bungen, beginnend mit Kreisbewegungen von Nacken, Armen, Rumpf und Beinen.
Nachdem sie sich einmal umgedreht hatte, ging sie fr;hst;cken und anschlie;end zu ihren Behandlungen, wobei sie die H;ngebr;cke ;berquerte.
Jeden zweiten Tag, zwischen den Behandlungen, hatte sie freie Zeit, die sie vergn;gt auf den H;ngeb;nken – oder, anders gesagt, Schaukeln f;r Erwachsene – verbrachte. W;hrend sie schaukelte, beobachtete sie die G;rtner bei der Arbeit, die liebevoll Setzlinge in die Beete pflanzten. An einem Vormittag schafften sie es immer nur, ein Beet in Ordnung zu bringen. Nachdem sie den anderen bei der Arbeit zugesehen hatte, ging Tatjana Petrowna zur gro;en Treppe, die zum Fluss hinunterf;hrte. Das Treppensteigen war in den letzten Jahren f;r sie zur Notwendigkeit geworden; es tat ihr gut und st;rkte viele Muskeln.
Mittagessen ist immer Mittagessen, daran gab es nichts zu r;tteln. Man musste mittags essen, aber man brauchte auch noch genug Energie f;r einen Spaziergang, nicht zum Schlafen. Die Sonne war Mitte Mai so warm wie im Sommer, und sie musste das ausnutzen, bevor sie ihre Meinung ;nderte. Also schl;pfte sie selbstbewusst in einen Badeanzug, einen leichten, knielangen Morgenmantel und Schuhe, die ihre Zehenn;gel der Sonne aussetzten. Und sie ging zum verlassenen Flussufer. Wenn keine Menschen da sind, ist es sch;n; wenn gar niemand da ist, wirkt es unheimlich.
Tatjana sch;ttelte den Kopf: Niemand war da – und ging langsam am Flussufer entlang. An einem Felsen angekommen, blieb sie stehen, legte ihren Umhang ab und begann, sich im Stehen zu sonnen. Sie blickte aufs Wasser, auf die brutzelnden Fische und bemerkte nicht die imposante Gestalt eines Mannes von der Gr;;e eines Basketballs, der pl;tzlich neben ihr auftauchte.
„Richtet, ihr Menschen, richtet, Gott …“
Der Mann verstummte. Die Frau begann zu sprechen. Worte folgten auf Worte, w;hrend sie am Ufer entlanggingen. Nachdem sie den Strand passiert hatten, zog die Frau ihren Umhang wieder an, der unter den Blicken des Mannes zu kurz wirkte. Sie gingen zwischen dem Flussufer und den Datschen hindurch. Der Weg f;hrte zu einer Quelle, die man ;ber alte Betonstufen erreichte. Die Quelle selbst war im Laufe der Zeit verstopft, und ihr Rinnsal aus dem Rohr war zu schwach, um jemandem Freude zu bereiten. Sie gingen gemeinsam zur;ck, ohne ihre Namen zu erkennen, und trennten sich.
Sie trennten sich, doch er hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Nun konnte Tatjana nicht anders, als ihn zu beobachten. Sie beschloss, nicht l;nger auf der Bank zu sitzen, und ging ins Kino im Gemeindezentrum, wo sie sich die zweite H;lfte des Films ansah. Der Hauptdarsteller spielte wie immer gro;artig, vor dem Hintergrund der Kinder aus dem Ferienlager. Seine Partnerin war ihr aus irgendeinem Grund noch besser in Erinnerung geblieben, da sie beim „Zwei-Sterne“-Wettbewerb mit Nina Welikaja gesungen hatte. Der Film hob ihre Stimmung etwas. Im Foyer wurde Schmuck verkauft, und sie betrachtete die verstreuten Steine aufmerksam.
Ja, sie hatte noch niemanden, f;r den sie die Steine tragen konnte. Tatjana Petrowna war schon lange eine einsame Frau, ihr Gang war so beschwerlich, dass nicht einmal eine Maus sie beneiden konnte. Hin und her, und der Tag verging.
Die Tage begannen einander zu ;hneln. Gesichter pr;gten sich ihr ein; Tatjana Petrowna hatte sich einen Bekanntenkreis aufgebaut. Ihre Mitbewohnerin machte sich weiterhin Sorgen um ihren Mann, ihren Sohn und ihren Enkel. Sie rief sie regelm;;ig an und eilte dann ins Haupthaus, um ihre Handys aufzuladen. Den ganzen Tag ;ber k;mmerte sie sich um ihre Verwandten, obwohl diese weit weg waren, manchmal sogar in v;llig anderen Zeitzonen.
Die Mitbewohnerin blieb ;ber die Aktivit;ten aller und das Wetter informiert, allerdings nur telefonisch. Sie wusste, wo ihr Enkel war. Sie rief ihn immer wieder an. Und ihr Mann fuhr zum Arbeiten in den Norden und bezahlte ihre st;ndigen Telefonate mit Verwandten aus nahen und fernen St;dten. Sie nutzte kein Internet.
Im Esszimmer hing ein Schild, das zu einem Tanzabend am Abend aufrief. Zwei Gro;m;tter sa;en an ihrem Tisch. Sie hatten identische Turmalinketten gekauft und trugen identische Pullover. Sie packten ihre ;bersch;ssigen Lebensmittel auf identische Weise in ihre Taschen. Die einzige Frage am Tisch war: Welchen Platz belegte Dina beim Eurovision Song Contest? Am Tag zuvor hatte jeder ;ber sie geredet, aber im Sanatorium schl;ft man nach 23 Uhr, und am n;chsten Tag konnte niemand etwas davon erfahren oder h;ren. Was die Leute von Dina halten? Wen interessiert's? Wenn Dina doch nur so aussehen w;rde wie Oksana 2002! Das h;tte man in jedem Film inszenieren k;nnen, aber nicht beim Eurovision Song Contest.
Apropos Aussehen: Nach dem Mittagessen blieb Tatjana sitzen; sie hatte beschlossen, an ihrem Image zu arbeiten. Ihre Zimmergenossin war nicht da; sie war wieder zum Gie;en der Beete gegangen. Sie kramte auf ihrem Nachttisch und fand zwei Packungen mit Masken. Sie zog eine feuchte, wei;e Maske heraus, legte sie sich aufs Gesicht und verteilte sie gleichm;;ig. So sollte man eine Frau fotografieren: mit Maske!
Tatjana wollte sch;ner aussehen und wusch sich die Haare. Dann begann sie, sie so gut wie m;glich zu stylen, da sie nichts mitgenommen hatte. Aber sie kannte das Geheimnis ihrer Frisur – die gleiche, die ihr erster Mann immer benutzt hatte! Er hatte wundersch;nes, glattes Haar, das immer perfekt stand. Was hatte er gemacht? Er wusch seine Haare mit Babyshampoo und stylte sie dann, solange sie noch nass waren. Also wusch sie ihre Haare mit Shampoo und Seife. Das Ergebnis war sofort sichtbar: Ihre Haare fielen in die gew;nschte Form.
Eine Nachbarin kam und legte sich aufs Bett. Sie brachte die Nachricht, dass Dina das f;nfte Kind war. Die Nachricht ;berraschte niemanden. Die Nachbarin hatte Musja schon damit aufgezogen, dass sie ihre Kurbescheinigung immer ;berallhin mitnahm. Sie hatte einfach drei Dinge in eine kleine Tasche gepackt: ihre Kurbescheinigung, ihr Handy und ihren Zimmerschl;ssel. Diesmal spielte ihr die Tasche einen grausamen Streich. Am Abend ging Tatjana Petrowna tanzen, aber es wurde ein totaler Reinfall. Die Tanzfl;che war von allen Seiten ;berf;llt. ;ltere Leute sa;en am Rand des Saals. Die Tasche in ihren H;nden war ihr furchtbar im Weg, zumal der Mann, den sie begehrte, direkt vor ihr stand! Der Gastgeber k;ndigte den „wei;en Tanz“ an.
Tatjana z;gerte und drehte die Tasche in ihrer Hand. Sie brachte es nicht ;bers Herz, den Mann rechtzeitig zum Tanz aufzufordern, und er wurde von einer Frau mit schwarzen Locken weggef;hrt. Tatjana drehte sich um und ging zur;ck ;ber die H;ngebr;cke.
Der Tag war in jeder Hinsicht grau. Wolken zogen auf und verhie;en Regen. Behandlungen und Essen – das war alles, was ihr Freude bereitete. Nach dem Abendessen ging Tatjana allein am Flussufer entlang. Gespr;che mit Frauen hellten ihre Traurigkeit auf. Sie unterhielten sich so angeregt mit einer ;lteren Dame, dass sie gemeinsam ins Gemeindezentrum gingen, um alten Liedern zu lauschen …
„Die M;dchen stehen da, ganz am Rand.“
Und wieder war alles schiefgelaufen. Es regnete. Der Tanz fand im Saal statt. Der Mann, um den es ging, tanzte bereits mit einer Frau mit schwarzen Locken. Sie tanzten jeden Tanz zusammen. Tatjana hasste es, nur zuzusehen. Man k;ndigte einen wei;en Tanz an, die beste Erfindung aller Tanzabende. Schwarze Locken umspielten ihn bereits. Sie forderte einen kr;ftigen, dunkelh;utigen Mann, der an der Wand stand, zum Tanz auf. Er war furchtbar ;berrascht, nahm die Einladung aber an. Er tanzte hervorragend. Ein Tanz wie ein ganzes Leben. Nach einigen weiteren gemeinsamen T;nzen verlie; die ;ltere Frau den Saal. Sie ging durch den gesch;tzten Bereich und betrachtete die B;ume. Was sollte sie auch sonst tun?
Es folgte ein seltsamer Tag. Wohin Tatjana an diesem Tag im Sanatorium auch ging, an jeder Ecke und an jeder Weggabelung begegnete sie der Frau mit den schwarzen Locken. Sonntag. Jemand hatte die Frau mit den schwarzen Locken gemeldet, und ihr w;tender Ehemann und ein Freund kamen. Die drei kamen zum Tanz. Deshalb gelang es Tatjana, den Mann einzuladen, mit dem sie schon so lange tanzen wollte. Eine Frau mit schwarzen Locken tanzte mit ihrem Mann. Der Mann sagte, er habe sie allein am Flussufer entlanggehen sehen, w;hrend er auf der anderen Seite gewesen sei. Sie verabredeten sich f;r den n;chsten Tag.
Das Treffen war f;r den Nachmittag an den Stufen zum Fluss verabredet. Mein Gott, sein Bild hatte sich Tatjana noch immer tief ins Ged;chtnis eingebrannt! Er stand in einem hellblauen Anzug unter dem Bogen ;ber den Stufen. Er erkannte sie, als sie n;her kam. Sein freundliches L;cheln enth;llte furchterregende Z;hne. Seine Augen funkelten einladend hinter den unheimlichen Gl;sern seiner Brille. Sie f;hlte sich unwohl. Er kam ihr vor wie ein Werwolf. Er war furchteinfl;;end! Die Bedingung f;r den Spaziergang war nicht einfach: Sie mussten eine H;ngebr;cke ;ber einen richtigen Fluss ;berqueren.
Und Tatjana Petrowna ging ;ber die Br;cke, die von Metallseilen gehalten wurde. Senkrechte Tr;ger verliefen ;ber die Br;cke, und Planken, an manchen Stellen fehlten, lagen darauf. Das ;ltere Paar ;berquerte die Br;cke und ging dann am linken Ufer entlang. Es war sch;n, die unber;hrten Weiten, die Felder, die W;lder zu betrachten. Tatjana bewunderte die stattliche Gestalt des furchteinfl;;enden Mannes, der vor ihr herging.
Der Pfad schl;ngelte sich unter den B;umen hindurch, und Schlamm vom Bach, der dar;ber floss, tauchte unter ihren F;;en auf. Er nahm ihre Hand. Diese erste, sanfte Ber;hrung – und wie viel unausgesprochene Emotion lag darin! Sie gingen an den ;berh;ngenden B;umen vorbei, und der Pfad f;hrte sie wieder ans Flussufer. Wundersch;n!
Das leuchtend gr;ne Gras, die gr;nen Bl;tter der B;ume und die glatte Oberfl;che des Flusses. Es stellte sich heraus, dass es ein himmlisches Gef;hl ist, die Welt gemeinsam zu betrachten …
Kapitel 14. Drei Pappeln
Am n;chsten Tag regnete es nach dem Mittagessen heftig, ein Nieselregen, der noch lange anhalten w;rde. Tatjana beschloss, dass es sinnlos war, mit einem Regenschirm die H;ngebr;cke zu ;berqueren. Sie schlief einfach ein. Andrei Sergejewitsch hingegen war wach; er war am vereinbarten Treffpunkt angekommen. Zweieinhalb Stunden lang wartete er im blauen Pavillon auf die Frau. Dann ;berquerte er die H;ngebr;cke zu ihrer Hausseite, ging an ihrem vorbei und schaute in die Fenster. Er wartete auf sie! Nat;rlich erkannte sie ihn sofort, aber offenbar hatte er seine eigenen Interessen.
Als Tatjana erwachte, sah sie, dass der Regen fast aufgeh;rt hatte. Sie schnappte sich ihren Regenschirm und ging auf das Schtschepkin-Geb;ude zu. Sie begegneten einander. Sie schlenderte durch den Park, setzte sich auf die B;nke und Schaukeln. Sie hielt nach ihm Ausschau, aber er war nicht auf seinem Grundst;ck. Er ging in der N;he ihres.
„Wir waren beide da.“
„Ich bin in der Apotheke.“ „Ich habe dich im Kino gesucht …“ Und sie trafen sich an diesem Abend nicht.
Am n;chsten Tag ging Tatjana Petrowna nach dem Mittagessen mit einem Regenschirm zu den Stufen, die zum Fluss f;hrten. Andrei Sergejewitsch wartete bereits auf sie. Er erz;hlte ihr sofort von seiner Suche und nahm diesmal ihre Telefonnummer. Die Verbindung ist wie eine Br;cke. Sie setzten sich auf die Schaukelb;nke. Es begann zu regnen. Das Dach ;ber den Schaukeln bot Schutz, aber nicht lange. Der Regen wurde st;rker, also spannten sie ihre gro;en Regenschirme auf. Und so schaukelten sie weiter. Sie verlor sich ganz in seiner festen Umarmung.
N;he und Regen bringen Menschen zusammen. Regen ist immer n;tig, besonders dort, wo er lange ausgeblieben ist. Doch f;r sie verging das regnerische Wetter ganz anders. Das Wetter im Sanatorium teilte sich in eine regenlose erste H;lfte und eine verregnete zweite. Zuf;llig machten Schtschepkin und Tatjana einen Spaziergang auf der rechten Seite der H;ngebr;cke ;ber den Fluss. Sie gingen etwa hundert Meter und mussten unter einem Baum Schutz suchen. Sie standen unter dem Baum und unterhielten sich; der Regen wurde st;rker, und sie r;ckten enger zusammen. So wird das Leben im Regen sch;n. Was ist vergleichbar mit ersten Ber;hrungen? Nichts. Sie sind sch;n in ihrer unschuldigen Sinnlichkeit.
Nach dem Regen trat das Flussbett ;ber die Ufer. Es ist interessant, den Fluss nach dem Hochwasser zu beobachten. Man kann sehen, wo der Fluss selbst verl;uft und wo das Wasser einfach nur angestiegen ist; in diesem Bereich gibt es keine Str;mung. Alle Uferwege standen unter Wasser. Sie wussten nicht mehr weiter, also kehrten sie zur H;ngebr;cke ;ber den Fluss zur;ck und ;berquerten ihn.
Es zeigt sich, dass die Liebe in der Seele nur drei Tage w;hrt und dann von neuen Ereignissen buchst;blich ausgel;scht wird.
Die Geschichte im Sanatorium spielt sich unter idealen Bedingungen ab: Freizeit nach den Behandlungen und ein strenger Speiseplan erm;glichen es, die Freizeit sinnvoll und effektiv zu nutzen. Inmitten der Natur, wo alles hart erk;mpft werden muss, kreisen die Gedanken unwillk;rlich um den Kampf ums Dasein … Die Liebe junger Menschen ist Stoff f;r die meisten Liebesromane. Doch in einem Sanatorium, das man Kurort nannte, ist Liebe ein Thema f;r alle Altersgruppen. Noch vor nicht allzu langer Zeit war es ein Zufluchtsort f;r hochrangige Beamte. Die Zeit verging, doch ihre Verbundenheit zu diesem Erholungsheim blieb bestehen. Der ehemalige stellvertretende Minister, der selbst im hohen Alter noch ein angenehmes ;u;eres und innere W;rde bewahrt hatte, fand Gefallen an einer stattlichen Frau namens Elena – wie sich herausstellte, arbeitete sie in der Bibliothek.
Ein k;hler Wind wehte aus den Wolken. Und wie auf ein Stichwort f;llten die Wolken rasch den weiten Himmel. Doch es regnete nicht. Das ist eine lokale Eigenart der Wolken. Elena sa; mit Valya am selben Tisch im Speisesaal. W;hrend Tatjana ihre Gedanken gern schriftlich festhielt, brachte die Bibliothekarin Valya sie sofort zum Ausdruck, ohne sich weit von ihrem Schreibtisch oder dem Geschehen abzuwenden. Sie erz;hlte sofort, sie habe den ehemaligen Minister getroffen und sie seien zusammen spazieren gegangen und h;tten getanzt. Er habe sie zur H;ngebr;cke begleitet.
Eines Tages erschien die selbstsichere Valya nicht zum Tanz. Tatjana hatte Valyas Partnerin mit einer anderen Frau gesehen, mit der er angeregt getanzt hatte. Tatjana Petrowna erz;hlte Katja nichts davon. Aber sie hatte erfahren, dass der Minister, obwohl ehemaliger, mit einer anderen Frau getanzt hatte. So konnte Valya Anna vorwerfen, es ihr verschwiegen zu haben! Die Vorsicht der Bibliothekarin in Aktion. Valya erschien zum n;chsten Tanz in einem neuen Outfit, was ihrem grauhaarigen Partner gefiel. Sie tanzten still miteinander und setzten sich dann bei den schwungvolleren T;nzen dem;tig auf die Bank.
Und was war mit Valya? Tatjana wich ihrem Partner Andrej nicht von der Seite. So viel zum Sanatorium! Man sollte meinen, Kranke w;rden behandelt, aber sie schafften es trotzdem, sich auszuruhen und von ihrer Behandlung zu profitieren …
Andrej. Hatte Tatjana Gl;ck oder Pech mit M;nnern dieses Namens? Alles relativ. Sie wechselte nicht die M;nner; die M;nner wechselten sich manchmal selbst.
Nehmen wir den Namen also als allgemeine Bezeichnung. Andrej der Erste war ein Klassenkamerad; sie trafen sich, gingen spazieren, kamen sich n;her, und mehr geschah nicht, obwohl sie sich gelegentlich trafen und unterhielten. Andrej der Zweite war ein Dichter, ein Landsmann. Die Beziehung zu ihm ging nie ;ber die Poesie hinaus, obwohl er sie besuchte, aber immer aus gesch;ftlichen Gr;nden, immer wegen der Poesie.
Andrej der Dritte – das ist ihr Tanzpartner im Ferienhaus. Wie konnten diese T;nze enden? Genau: Spazierg;nge, seine Umarmung und h;chstens ein Abschiedskuss oder in einer unvorhergesehenen Situation. Also, warum sich Sorgen machen? Alles war ihr bereits bekannt, seit er ihr seinen alten Namen genannt hatte. Jetzt, einen Monat sp;ter, kann sie so denken, aber damals nicht. Sie flog zu ihm, wie auch immer er hie;, st;rzte sich auf seine bet;rende Gestalt, so sch;n, dass man es sich kaum vorstellen konnte. Sie strich ihm ;ber den R;cken und fand keinen Makel. Sie schmolz in seiner Gegenwart dahin.
Ihr Gesicht … Schwei; rann ihr in Str;men ;ber das Gesicht, obwohl sie selbst bei gr;;ter Hitze selten schwitzte. Ihre K;rpertemperatur stieg neben ihm. Jetzt fror sie und erinnerte sich an die warmen Tage seiner H;nde. Damals hatten seine H;nde sie gew;rmt! Sie hatten sie gew;rmt, seine W;rme vermischte sich mit ihrer, und so entstand eine Art Essig in ihrem Blut, das sich verfl;ssigte und freudig dahinfloss.
Ein Albtraum, doch Tatjana Petrowna war wahrhaft gl;cklich! Sie war unz;hlige Jahre alt! Aber was geschah mit ihr in Schtschepkins Gegenwart? Nichts. Ein wenig Verliebtheit wirkt sich positiv auf die Lebenserwartung aus und schenkt mehr als nur k;rperliche Liebe – sie schenkt Inspiration!
Ihr erster Mann war damals gutaussehend, aber er kritisierte sie st;ndig gnadenlos. Und was gab es da schon zu kritisieren? Kritik war nur ein einfacher, herzloser Spiegel. Ja, sie war nicht immer sch;n und muss an sich arbeiten, um ein w;rdevolles Aussehen zu erreichen. Aber wem f;llt Sch;nheit schon leicht? Das Frustrierendste an einer Beziehung ist, sich einem Mann anzupassen, seine Kritik zu ertragen, die Haare zu ruinieren – und am Ende verl;sst er einen trotzdem, aber mit ruinierten Haaren. Sie hat ihre Haare in ihrem Leben schon so oft gelockt, dass sie l;ngst aufgeh;rt hat zu z;hlen.
Klar, Locken sind sch;n, aber manchmal fehlt ihr einfach die Kraft daf;r. Es ist Zeit f;r eine Anzeige: „;ltere Dame sucht Lebenspartner mit einer Bedingung: Er soll keine Locken auf ihrem Kopf verlangen.“ Kurz gesagt, sie sucht niemanden, es sei denn, jemand taucht zuf;llig auf, am besten jemand mit aufrechter Haltung. Die Welt ist riesig, das Internet ist beliebt, aber es gibt niemanden, mit dem man reden kann.
Was hat Schtschepkin f;r sich gewonnen? Mit schmeichelhaften Worten, einer H;ndchenber;hrung beim Konzert und Umarmungen bei der Begegnung. Dieser Mann wusste und wei;, wie man eine Frau gl;cklich macht. H;tte er nicht gesagt, er arbeite als Maschinenbediener, w;re sie nie darauf gekommen. Er sieht aus wie ein General in der Pause. Ein schlanker, gepflegter Mann, ohne Fettp;lsterchen am R;cken. Man hat das Gef;hl, er sei schon oft und gr;ndlich massiert worden. Er sagt, seine H;nde seien von den vielen Holzsp;nen schwarz, aber seht sie euch an – sie sind einfach wundersch;n, ihre Ber;hrung himmlisch. Unglaublich, aber wahr: Er tr;gt ein Turmalinarmband in f;nf dunklen Farbt;nen, damit seine Hand nicht schmerzt. Und warum stellt er keine Raketen, sondern Diesellokomotiven her? Raketenwerfer und Diesellokomotiven haben also ;hnliche Zwecke. Was, wenn sich heimlich Raketenteile unter den Lokomotivteilen befinden? Der Arbeiter arbeitet nach einer Zeichnung; er hat keine Montagezeichnungen f;r das gesamte Produkt, nur f;r einen Teil davon. Die Auftr;ge werden jetzt dort vergeben, wo es am profitabelsten und zuverl;ssigsten ist. Was ist denn so unzuverl;ssig an der alten, renommierten Fabrik, in der Schtschepkin arbeitet? Er mag kein General sein, aber er ist ein zuverl;ssiger Mann. Deshalb w;rde Tatjana, w;re sie eine Prinzessin, einen Arbeiter heiraten, wenn er besser auss;he als ein Marschall.
„Wo bist du, meine Liebe? Ich habe dich ;berall gesucht! Ich bin durch dein ganzes Haus gelaufen. Hast du mich nicht gesehen?“
„Ich habe geschlafen. Es hat geregnet.“
„Dann gib mir deine Telefonnummer, ich schreibe sie auf“, sagte Andrei Sergejewitsch und begann, die Nummern aufzuschreiben, die Tatjana ihm gegeben hatte. „Ich rufe dich jetzt an, dann hast du meine Nummer.“ Die n;chsten Tage verbrachten sie damit, sich anzurufen, einander zu suchen, aus Angst, einen kostbaren Moment der Begegnung zu verpassen. Pl;tzlich flammte die Liebe in ihren lange erloschenen Herzen wieder auf. Andrei Sergejewitsch war immer wieder erstaunt:
„Ich h;tte nie gedacht, dass ich solche Gef;hle noch empfinden k;nnte! Ich wusste gar nicht, dass es Frauen wie dich gibt! Ich habe noch nie eine Frau wie dich getroffen!“ Nie getroffen! Ich liebe dich! Ich werde dein Bild neben mein Herz stellen, damit es immer bei mir ist! Tatjana blickte Schtschepkin entz;ckt an. Sie selbst schwelgte in seiner Liebe; sie sp;rte ihn mit jeder Faser ihres Seins. Und sie hatte nicht geglaubt, dass es solche zauberhaften M;nner g;be. Sie hatte sich also verliebt! Und dieses Gef;hl w;rmte ihre Seele unermesslich.
Man k;nnte sagen, sie waren beide gl;cklich, doch die ihnen von den Gesetzen des Lebens zugemessene Zeit war kurz. Welche Lehre l;sst sich daraus ziehen? Er war gl;cklich verheiratet. Sie war f;nf Jahre ;lter als er, mit ihrem eigenen Schicksal, ihren eigenen Angelegenheiten. Sie erw;hnte ihr Alter nicht sofort, doch er begriff es und rief aus:
„Tatiana, Frauen in deinem Alter sehen nicht so aus! Hast du dich mal im Spiegel gesehen? Du siehst j;nger aus als ich!“
Tatiana, mit einem freundlichen L;cheln auf den Lippen, betrachtete ihren Riesen aufmerksam. Er war wundersch;n, wenn er Worte sprach, die ihr gefielen. Er beleidigte sie nie, und das gefiel ihr. Sein graues Haar, kurz und nat;rlich sch;n geschnitten, st;rte sie nicht; sie mochte ihn mit grauen Haaren, obwohl sie sich noch nie in einen Mann mit grauen Haaren verliebt hatte.
Aber sein graues Haar, das sein g;ttliches Gesicht schm;ckte, stand ihr ausgezeichnet. Tatjana f;rbte sich selbst immer die Haare, doch an ihrem Haaransatz war deutlich zu erkennen, dass sie nicht vollst;ndig ergraut waren, sondern nur an den Schl;fen. Nein, bei ihren Treffen waren ihre Haarans;tze ;berhaupt nicht zu sehen, da sie ihre Haare vor ihrem Aufenthalt im Sanatorium gef;rbt hatte – in einem sehr nat;rlichen Farbton, der sie nicht ;lter wirken lie;. Zuf;llig hatte sie sich vor der Reise auch nicht die Haare geschnitten, sondern nur Augenbrauen und Wimpern gef;rbt. Ihre Augenbrauen hatten dank der Friseurin, die sie gef;rbt hatte, einen nat;rlichen Farbton.
Auch sein Gesicht war beeindruckend – faltenfrei, glatt und ebenm;;ig, mit angenehmen Z;gen. Und seine Augen! Sie hatten die Farbe des Himmels, waren sanft und aufmerksam. Sie durchdrangen die Seele mit G;te. Seine Augen liebten sie genauso, wie sie war, als sie sich begegneten. Und es war wunderbar! Hier war es, das Gl;ck, das man nicht kaufen kann, jene Art von Gl;ck, die den Alten im Sanatorium zuteilwurde, wohin das Schicksal sie nach Alter und Krankheit gef;hrt hatte. Doch damals wurden ihre Krankheiten von Spezialisten behandelt, und sie selbst litten ;berhaupt nicht darunter! Sie hatten Zeit f;r Gef;hle, f;r Treffen, f;r Spazierg;nge, f;r Tanz.
Und noch etwas. Er erz;hlte ihr auch von Turmalinen, von seiner Schachtel zu Hause mit Turmalinperlen, so alt, dass man sie nicht mehr z;hlen konnte. Im normalen Leben lie;en sich solche Dinge nicht in den Alltag pressen. Es stellte sich heraus, dass platonische Liebe nur in den himmlischen G;rten eines Sanatoriums entstehen konnte, zwischen Vogelgesang und dem st;ndigen Ruf der Kuckucke. Doch platonische Liebe, die durch reale, nicht imagin;re Begegnungen entsteht, verlangte nach ihrer Verk;rperung.
Und hier kommt das Prinzip der „Drei Pappeln“ ins Spiel.
Was ist es? Wenn er sich mit ihr verabredet, sie aber das Haus nicht verl;sst. Wenn er einen konkreten Treffpunkt vorschl;gt, drinnen, sie aber lieber spazieren geht. Ein Gef;hl der Unbehaglichkeit vor den anderen Urlaubern, die sich nicht f;r sie interessierten, machte sich breit. Die unbeschwerte Zeit war l;ngst vorbei; f;r sie war der blo;e Funke Liebe eine Seltenheit, und sie hatten ihn nie erleben k;nnen, da die Bedingungen im Sanatorium ausschlie;lich f;r romantische Beziehungen geschaffen waren, unabh;ngig vom Alter – und die Altersspannen waren sehr gro;.
Tatjanas Zimmergenossin hatte gewechselt. Jetzt teilte sie sich ein Zimmer mit einer ;lteren Dame, etwa 13 Jahre ;lter als sie. Diese hatte mit ihren Kindern gelebt und eine eigene Wohnung gehabt. Eine eigene Wohnung! Jetzt konnte sie allein leben, aber es gab keinen Ort, an dem sie bleiben konnte; beides hing von den etablierten Konventionen und Lebensbedingungen ab.
Jetzt war Tatjana ein Niemand, nirgends, ein Nichts. Und Schtschepkin war unerreichbar f;r sie. Ihre Gedanken kehrten zu Jewgeni zur;ck, um sich an angenehmen Erinnerungen zu w;rmen. Nur eine Woche, und wie die W;rme seiner H;nde sie noch immer w;rmte. Und kein Zugang zu ihm. Nur die Fl;ssigkeiten blieben, f;r die die Entfernung kein Hindernis darstellte. Deshalb war Tatjanas einw;chige Aff;re mit Schtschepkin Balsam f;r ihre Seele. Er verstand es meisterhaft, Beziehungen zu Frauen jeden Alters zu pflegen, seine eigenen Ziele zu verfolgen, sie im richtigen Moment zu schmeicheln und die Beziehung zu verl;ngern, wenn es ihm passte. Doch solche unbeschwerten Wochen sind selten; sie bleiben wie Erinnerungen an etwas leicht Vergessenes, aber dennoch sehr Sch;nes.
Wird ihre Beziehung nach ihrer Heimkehr Bestand haben? Fast unm;glich. Ohne die Unterst;tzung ihrer Lieben w;rden sie sich im Alltag schnell verlieren. Er ist gepflegt und wohlhabend, doch der feste Einfluss seiner Frau ist sp;rbar. Obwohl er selbst hart arbeitet und sie f;r ihn Balsam f;r die Seele ist, g;nnt sich niemand jeden Tag etwas Sch;nes.
Tatjana ist gebr;unt, ihre Figur wirkt etwas schlanker – ein geschickter Trick, keine T;uschung. Ihr Haar w;chst seit drei Monaten und ist zu einem Pferdeschwanz gebunden oder mit einer Spange hochgesteckt. Die Frau wirkt femininer und hat sich zehn Jahre lang versteckt gehalten. Sie ist bereit, ihn zu treffen, doch seine Telefonnummer ist verloren gegangen, und das Treffen h;ngt ganz von ihm ab.
Was haben Jung und Alt gemeinsam? Sie verbindet mehr als nur gro;e Liebe; sie teilen lediglich Romantik.
Zweimal bot sich die Gelegenheit, sich mit Shchepkin zur;ckzuziehen, aber Tatyana glaubte nicht, dass es zwischen ihnen mehr als nur eine Romanze geben k;nnte. Sein wundersch;ner K;rper war mehr als einem Dutzend Masseurinnen bekannt; es war perfekt f;r sein Alter; nur erfolgreiche Ber;hrungen konnten ihn ein wenig beunruhigen. Die Empfindlichkeit gegen;ber Liebkosungen ist eine sehr heikle Angelegenheit. Liebe ist, wenn jede Ber;hrung platonischer Natur ist und eine impulsive Leidenschaftsentladung zwischen den Partnern stattfindet. Leidenschaft durch einen Kuss zu finden, ist ein k;rzerer Weg, aber er ist kurvenreich und bringt Menschen mit mehr Lebenserfahrung nicht immer den Erfolg der Liebe.
F;r Kinder - ein Stadion, f;r alte Leute - ein Sanatorium, jedem sein eigenes. Warum Stadion? Hier verabschiedete sich Tatjana vom Sanatorium! Sie verliebte sich im Sanatorium, verliebte sich aber vor einer Woche im Stadion wieder. Sie hatte seine Telefonnummer nicht, sie rief ihn nicht an. Sie sa; auf der Trib;ne des Stadions und sah ihrem Enkel Zhenya beim Training zu, als pl;tzlich das Telefon klingelte.
Eine wunderbare M;nnerstimme begr;;te:
- Hallo, meine Liebe! Wo bist du?
- Im Stadion! Ich sitze auf dem Podium.
- Werden wir Sie treffen?
„Okay“, antwortete sie widerstrebend.
Was f;r eine Blasphemie! Was f;r eine monstr;se L;ge!
Jetzt hatte sie seine Telefonnummer, konnte ihn aber nicht anrufen. Beim n;chsten Training aus diesem Stadion schickte sie ihm eine SMS mit der Frage, wann sie ihn anrufen k;nne. Als sie wieder im Stadion war, rief er an und teilte ihr die Uhrzeit mit. Tief in ihrem Herzen glaubte sie ihm nicht, rief aber an. Aber als Tatjana Shchepkin zum dritten Mal zur vereinbarten Zeit anrief, nahm er den H;rer ab und sagte:
„Ich habe Probleme, ruf mich nie wieder an.“
Und er legte auf. In diesem Moment endete die Geschichte des Resorts und Sanatoriums.
Wie kann man die richtige Person treffen, wenn sie in diesem Moment weit weg ist? Die erste Antwort erfolgt gedanklich, die zweite schriftlich. Tatjana war in diesem Moment weit von ihm entfernt, er drang st;ndig in ihre Gedanken ein, aber das ergab nicht den geringsten Sinn. Sie waren erst vor Kurzem zusammen. Nein, nicht wirklich. Die Tage in meiner Erinnerung waren nicht mehr der Reihe nach eingeteilt; Es blieb ein Gef;hl von etwas Fernem, aber ungew;hnlich Angenehmem. Sie gingen am Flussufer entlang und mehr als einmal umarmte er ihre Schultern, manchmal ber;hrte er ihr Gesicht mit seinen Lippen. Er war alle ungew;hnlich gro;, freundlich und r;hrend.
Jeden zweiten Tag gingen sie zum Tanzen, tanzten alles hintereinander und zu jeder Musik. Sie wichen einander nicht von der Seite. Und da sie offen gemeinsam auf dem Gel;nde des Sanatoriums umhergingen, galten sie bereits als Ehemann und Ehefrau. Aber sie waren nicht in einer standesamtlichen Ehe, sie hatten ein gro;artiges Gef;hl, das sie mit seiner Magie n;hrte, sie aber nicht zu der Magie brachte, die sie beide so sehr wollten.
Tatjana legte ihren Laptop weg, in dem sie versuchte, Shchepkin anhand der ihr bekannten Informationen ;ber ihn zu finden, aber er war nirgendwo zu finden. Er war keine ;ffentliche Person. Er war kein Internetmensch. Sie war im Zitronenschlafzimmer und kritzelte ihre Zeilen, wof;r ihr niemand jemals etwas bezahlen w;rde. Sie ist seit der Zeit des Sozialismus so aufgebaut, dass sie auf dem Existenzminimum in minimalen Lebensbedingungen lebt, mit einem Minimum an Liebe.
Am Abend erinnerte sich Tatjana an Schtschepkin. Sie stellte sich vor, wie er mit einer anderen Frau tanzte, das gefiel ihr nicht. Sein Erscheinen begann im Nebel des Vergessens zu verschmelzen. Ich erinnerte mich l;nger an die Umarmung. Sie befingerte langsam die Glieder der Perlen und er klingelte. Sie trafen sich nicht, aber sie hatte immer noch sein Geschenk – einen Magneten mit dem Bild eines kleinen Brunnens im Sanatorium.
Manchmal geschehen Wunder im Leben...
Nebeltr;pfchen h;llten die seltenen gelben Ahornbl;tter ein, die dort verblieben waren, wo der Wind nicht wehte. Es klingelte an der T;r. Agnes schaute durch das Guckloch und sah die Augen eines Mannes in einem schwarzen Hemd, ihr wurde unheimlich, aber sie ;ffnete die T;r. Apollo stand vor ihr.
- Apollo, bist du das?! Du hast mir Angst gemacht!
- Agnes! Du bist es, der mich nicht erkannt hat! — Apollo sprach schnell und laut von der Schwelle. - Sehen Sie, ich bin ein normaler Mann.
- Du hast recht, aber ich habe das vermasselt!
- Also, die Frau, die in diesem Wald get;tet wurde...
„Ich glaube nicht, dass sie sie get;tet haben“, fl;sterte Agnes.
- Sie haben sie also nicht get;tet, jeder denkt, dass sie get;tet wurde.
- Danke, Apollo, sonst ist es gruselig, in den Wald zu gehen. Lass uns mit dir einen Spaziergang im Wald machen. Bei dir ist es nicht gruselig. Lass mich dir vorlesen, was ich heute geschrieben habe!
„H;rt auf, mich zum Zuh;ren zu zwingen! Ich bin ein Mann! Gebt mir zu essen, dann gehe ich mit euch im Wald spazieren.“
Eine halbe Stunde sp;ter traten die jungen Leute in die Natur. Der Wald duftete nach dem Regen. Apollo und Agnes gingen den gepflasterten Weg entlang. Es war menschenleer. Es herrschte Stille. Regentropfen fielen von den B;umen. Und pl;tzlich sah sie einen Frauenkopf mit langen Haaren! Der Kopf ragte aus dem Boden. Agnes kauerte sich ;ngstlich neben Apollo.
„Apollo, es ist ein Kopf“, murmelte Agnes und deutete auf den Kopf.
„Man sieht ;berall K;pfe“, sagte er mit tiefer Stimme, doch er schauderte unwillk;rlich.
Sie gingen n;her heran und sahen einen Schaufensterpuppenkopf, der aus dem Boden ragte.
„Agnes, wenn du den Kopf nicht entfernst, denken sie – du wei;t, was sie denken. Jemand will wirklich, dass die Leute aus dem Wald fernbleiben.“
„Was, wenn da Dr;hte im Kopf sind?“, rief Agnes. „Apollo, ich lasse dich die Puppe nicht rausnehmen! Ruf!“
„Wer? Verstehst du ;berhaupt, was das bedeutet? Was, wenn es nur ein Puppenkopf ohne Dr;hte ist und wir einen Zug rufen? Die kriegen doch nicht etwa einen Klaps auf den Kopf wegen eines Fehlalarms.“
„Was sollen wir tun?“, fragte Agnes.
„Du bist Tschernyschewski – ‚Was sollen wir tun?‘ Wenn du das w;sstest, h;ttest du die Pr;fung bestanden.“
„Stehen wir hier einfach nur rum?“
„Nein, lass uns zur;ckgehen“, antwortete Apollo und ging zehn Schritte auf den Fersen vorw;rts. Der Wald sch;ttelte die Regentropfen ab und blieb still. Der Mann rief diejenigen, die wussten, was mit der Puppe zu tun war. Sie sagten ihm, er habe richtig gehandelt, indem er den Wald verlassen und den Kopf gemeldet hatte. Agnes ging auf den Balkon und sah drei M;nner mit einem Sch;ferhund in Richtung Wald gehen. Sie kehrten bald darauf zur;ck. Der Hund trug den Kopf der Schaufensterpuppe am Hals im Maul. Agnes seufzte gelassen. Er sah sie an und l;chelte. Zwischen B;umen und Sumpf lag ein kleiner See, etwa zwanzig bis drei;ig Gehminuten von Agnes' Haus entfernt. Der See ist so abgelegen, dass es keine Zufahrtsstra;en gibt und er daher seinen unber;hrten Zustand bewahrt hat. Man erreicht das Ufer ;ber Baumst;mme, die quer durch den Sumpf gelegt wurden.
Agnes hatte geh;rt, dass mutige Seelen einen Panzer mitten im See gesehen hatten. Aber sie hatte sich immer vorgestellt, dass der Panzer nicht einfach auf den Grund gesunken war, sondern dass direkt daneben eine Kutsche aus dem Jahr 1812 stand. Der Panzer lie; sich wegen des fehlenden festen Untergrunds nicht herausziehen. Der Seegrund war klebrig. Agnes konnte ihre Vermutung nicht beweisen. Sie war selbst nie in dem See geschwommen; sie hatte ihn nur bewundert. Nat;rlich k;nnte man den Panzer mit einem leistungsstarken Hubschrauber bergen.
Aber was sollte das bringen? Agnes war jeden Sommeranfang am Seeufer. Doch der Gedanke, dass die Kutsche eine riesige Truhe enthielt, die Diamantenpulse aussandte, hatte sich ihr schon lange eingepr;gt. Aber das war noch nicht alles. Die Truhe enthielt einen sehr wertvollen Gegenstand, ein Artefakt ihrer Zeit. Dieser Gegenstand befand sich in einem Globus. Wenn das Artefakt in einem Globus war, dann konnte man annehmen, dass er rund war! Agnes wurde dieser Gedanken ;berdr;ssig und beschloss, sie aufzuschreiben.
Was war im 19. Jahrhundert wertvoll? Da brauchte man keine Wahrsagerin! Der Globus enthielt einen riesigen Diamanten, einen wahrhaft gigantischen! Er war in einem Ei versteckt! Einem riesigen Osterei! Warum war sie nicht schon fr;her darauf gekommen? H;tte sie es doch nur schon viel fr;her aufgeschrieben; dann w;re sie schneller darauf gekommen. Dieser Diamant lag also ganz in der N;he, und es gab keinen Grund, daf;r nach Norden zu reisen. Ihn zu bergen w;re schwierig. Sie h;tte einen Panzer unter dem Vorwand einer Museumsausstellung bergen k;nnen. Aber wer w;rde schon eine alte Kutsche mit einer Truhe aus dem z;hfl;ssigen Seegrund ziehen? K;nnte sie einen Tunnel unter dem Panzer graben, falls er sp;ter tiefer im Schlamm stecken bliebe? Agnessa rief Apollo von der Arbeit nach Hause. Er kam auf einem Motorrad, umwerfend gutaussehend. Er war so unberechenbar und gutaussehend, dass Worte seinen m;nnlichen Charme nicht beschreiben konnten! Er l;chelte – und sie schmolz dahin. Gut, dass sie all ihre Gedanken aufgeschrieben hatte, sonst h;tte sein L;cheln sie alle vergessen. Nur einen Steinwurf entfernt, in Reichweite eines Diamanten. Es ist einfacher, einen Diamanten im Boden zu entdecken als auf dem Grund eines Sees.
„Apollo, ich wei;, wo ein Diamant von der Gr;;e einer Walnuss liegt!“
„Wer zweifelt daran?“, antwortete Apollo fr;hlich.
„Der Diamant ist hinter unserem Wald! Apollo, erinnerst du dich an die Probleme mit dem Zugang zum Wald direkt vor meinen Fenstern? Manchmal hatte ich das Gef;hl, jemand versperrt mir den Weg durch den Wald. Die Sache ist die: Hinter dem Wald ist ein Sumpf, in dessen Mitte ein leuchtender See liegt, und auf dem Grund des Sees liegt ein Diamant von der Gr;;e einer Walnuss!“
„Hast du dir das selbst ausgedacht oder hat es dir jemand erz;hlt?“ „Ich habe lange dar;ber nachgedacht. Mir wurde mal ein Film gezeigt, der war seltsam. Da waren Menschen und Gegenst;nde, aber nichts war zweimal gleich. Unter den Gegenst;nden waren Diamanten, Eier, Kutschen, Panzer. Ich habe mir alles zusammenreimen k;nnen.“
„Du bist ein kluges M;dchen, Agnes! Alles f;gt sich zusammen. Aber wie kommen wir an den Diamanten? Ist dir klar, dass das unm;glich ist? Obwohl Zweifel t;richt sind. Wenn du wei;t, wo und wie er ist, ist dir der Rest egal. Wir kriegen ihn; sie werden uns helfen.“
„Die Diamantnuss ist ein kleiner Meteorit au;erirdischen Ursprungs! Er sendet seltsame Signale aus, die Jahrhunderte sp;ter aufgefangen werden.“
„Dann ist die Diamantwalnuss kein Artefakt, weil sie nicht von Menschenhand geschaffen wurde!“
„Aber sie ist ein Artefakt au;erirdischen Ursprungs!“
„Agnes, es hat keinen Sinn, mit dir zu diskutieren! Du stehst instinktiv mit einer au;erirdischen Zivilisation in Verbindung!“
„Verstanden? W;re es nur ein einfacher Diamant, selbst ein sehr gro;er, w;re er von ganz anderen Leuten angefasst worden.“
„Warum hast du mir das alles erz;hlt?“
„Warum du? Ich musste die Richtigkeit meiner Schlussfolgerungen ;berpr;fen.“ Agnes l;chelte. Sie wollte unbedingt mit Apollos Motorrad zum Sumpf fahren, wo die Schwingungen der Diamantwalnuss st;rker zu sp;ren waren. Apollo verband einen leistungsstarken Hubschrauber mit einem Magneten, um den Panzer anzuheben. Der Magnet zog den Panzer aus dem See, und er wurde am Seeufer neben der Stra;e abgesetzt, um ihn f;r den Transport zur Restaurierung ;ber weite Strecken abzuholen.
Die Kutsche im See wurde aus dem Weltraum fotografiert. Sie befand sich tats;chlich neben dem Panzer. Der Wagen enthielt so wenig Metall, dass er nicht auf den Magneten reagierte. Der Hubschrauber flog her;ber und warf ein Netz unter den Wagen, um ihn vor dem Auseinanderbrechen in der Luft zu bewahren. Der Wagen wurde neben einem Tank abgelassen, aus dem von allen Seiten Schlamm herabfloss. Apollo ;ffnete die Truhe, in der sich ein Globus befand! Im Inneren des Globus lag ein gro;es Osterei. Er drehte das Ei in seinen H;nden um, und es zerbrach in zwei H;lften. Ein rautenf;rmiges Ei von der Gr;;e einer Walnuss fiel heraus und landete in Agnes' H;nden. Der Befehl des Bergmeisters war ausgef;hrt worden.
Und wof;r das alles? Reine Abenteuerlust.
40 Jahre nach dem Tagebucheintrag … Angelina ist k;rzlich durch drei europ;ische L;nder gereist, spricht aber nicht viel ;ber die Reise und schweigt v;llig ;ber ihre Mitreisenden. Agnes glaubt nicht, dass Angelina jemals heiraten wird. Sie heiratete zwar, aber die beiden trennten sich nur wenige Monate sp;ter. Angelina ist alles andere als jung, aber ihr Charakter ist noch unbestimmt. Es ist zu fr;h, einen Roman ;ber ihre Liebe zu schreiben. Es gibt Leben, Routine, ;berleben.
Agnessa begegnete unerwartet Tatjana! Und hier ist ein weiterer Monolog …
– Alles Gute, Agnessa! Ehrlich gesagt, werde ich jeden Tag ;lter. Ich will mir die Haare nicht mehr locken, die Augenbrauen nicht mehr f;rben – es ist sinnlos, sie fallen doch sowieso ab. Ich f;rbe meine Haare, aber sie werden trotzdem grau. Alles ist in Ordnung, meinem Alter entsprechend. Ich bin alt. Manche Grollgef;hle nagen jahrelang in mir, bis sie endlich beglichen sind. Einmal lie; mich mein Direktor gar nicht mehr zur Arbeit gehen; das hei;t, er feuerte mich ohne Abfindung. Er war sechs Jahre j;nger als ich. Er stand da, gro; und schlank, aber lie; mich nicht zur Arbeit gehen. Als er 62,5 Jahre alt wurde, starb er. War das Zufall? Ich habe zehn Jahre lang mit dem Chef dieses Direktors zusammengearbeitet, lange vor diesen Ereignissen nat;rlich. Als ich mit meinem K;ndigungsschreiben zu ihm kam, verfasste der Professor ein selbstunterschriebenes Dokument, in dem er sich einen Titel f;r die Arbeit aneignete, die ich gr;;tenteils geleistet hatte. Genau zehn Jahre sp;ter starb er. Als ich meinem zweiten Chef ein Gedicht schrieb, „Schlaft friedlich“, starb auch er kurz darauf. Ich schrieb drei K;ndigungsschreiben an meinen n;chsten Chef, und er zerriss meine. Er zerriss sie dreimal, und drei Jahre nach meinem Ausscheiden starb er. Das Schicksal meines letzten Chefs, der mir sagte: „Der Zar hat Nein gesagt“, ist unbekannt. Wir wissen aber, dass er nicht mehr Direktor war. Ich habe Jobs und Chefs gewechselt. Jetzt gibt es niemanden mehr, den ich wechseln k;nnte; sie ist in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.
Ja, es ist nicht einfach.
Ja, Tatjana ist eine Frau in ungew;hnlichen Lebensjahren: bereits im Ruhestand, arbeitet aber noch, solange sie kann. Das Leben ist wunderbar, aber seine negativen Seiten werden immer h;ufiger. In jungen Jahren kann man sich verlieben, und die Liebe kann alle finanziellen, moralischen und ethischen Normen ;berdecken. In ihrem Alter ist Liebe ohne Geld unm;glich zu erlangen, und biologisch gesehen ist sie auch nicht notwendig. Deshalb schr;nkt sie ihre Bed;rfnisse in allen Bereichen ein und priorisiert das blo;e ;berleben in ihrer neuen Umgebung. Agnessa war quicklebendig, sie beschloss, ihre Datscha gegen ein Sanatorium einzutauschen, und Journalisten erkl;rten sie f;r tot. Manchmal besteht das Leben aus Aufenthalten in Sanatorien. Ihre Gesundheit verschlechtert sich…
Ñâèäåòåëüñòâî î ïóáëèêàöèè ¹226061600488