Heiliger Johann Sebastian

Olga Skwirskaja
– Guten Morgen, Bach, – sagt Gott.
– Guten Morgen, Gott, – sagt Bach.
– Guten Morgen!..
Alexander Galitsch, Dezember 1970
Ein jeder ist nackt
vor Gott.
J;mmerlich,
nackt
und arm.
In jeder Musik ist
Bach,
in jedem von uns ist
Gott.
Joseph Brodsky, 1958

Die C-Moll-Fantasie von Bach hatte ich gewiss schon ein Vierteljahrhundert nicht mehr anger;hrt – seit meinem Konservatoriumsabschluss. Und auch danach habe ich lange Zeit ;berhaupt nicht mehr gespielt.
Doch pl;tzlich ;berkam mich der Wunsch, mich an diese geliebte Musik zu erinnern. Schlie;lich unterrichte ich Klavier an einer thail;ndischen Musikschule. Bachs Portr;t h;ngt direkt ;ber dem Klavier, und die Kinder fragen mich st;ndig, was dieser Komponist denn so geschrieben hat. Wie sch;n w;re es, dachte ich, sich einfach hinzusetzen und ihnen meine Lieblingsfantasie vorzuspielen...
Als ich mir jedoch die Noten ausdruckte und mich an die Arbeit machte, schien mir das Vorhaben schier unm;glich. Es war einfach zu viel Zeit vergangen.
Und da tat ich etwas Sonderbares: Ich wandte mich an den Bach auf dem Portr;t und bat ihn um Hilfe. Ungef;hr so, wie man sich an den Weihnachtsmann wendet. Und was soll ich sagen? Er hat geholfen. Pl;tzlich wurden die H;nde ganz leicht und frei, die Finger begannen zu singen. Ich w;rde sogar behaupten, dass die Fantasie so klang, wie sie selbst damals am Konservatorium nie geklungen hatte.
Da dachte ich mir: Was f;r eine wunderbare Praxis es doch w;re, zu den Komponisten zu beten, deren Musik wir spielen. Sie sind doch im Grunde wie Heilige.
;brigens, warum sind sie es eigentlich bis heute nicht?

„Die ganze Musik geh;rt Gott, und alle meine Gaben sind f;r Ihn bestimmt.“
Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Was wissen wir ;ber Bach?
Nach dem Tod der Eltern wuchs er bei seinem ;lteren Bruder auf – einem Musiker, wie fast jeder im Geschlecht der Bachs (eine Zeit lang nannte man in jener Gegend jeden Musiker schlicht einen „Bach“).
Man erz;hlt sich, Johann Christoph habe eine Sammlung von Werken der damals ber;hmtesten Komponisten besessen: Froberger, Pachelbel, Buxtehude. Er hielt sie in einem vergitterten Schrank unter Verschluss.
Doch dem zehnj;hrigen Johann Sebastian gelang es nachts auf wundersame Weise, die Noten durch das Gitter herauszufummeln, um sie heimlich im Mondschein abzuschreiben. Sechs Monate lang, Nacht f;r Nacht.
Als das heroische Werk fast vollbracht war, ;berraschte Johann Christoph seinen j;ngeren Bruder auf frischer Tat und nahm dem Kind sowohl das Original als auch die Abschrift weg.
Unter Tr;nen rief der Junge aus:
„Wenn das so ist, dann schreibe ich selbst Musik, die noch besser ist!“
Und er tat es: Er hinterlie; der Welt rund tausend (!) Musikwerke.
In seiner Jugend fing sich Johann Sebastian durchaus hin und wieder ;rger wegen mangelnder Fr;mmigkeit ein.
Einmal schrammte er nur knapp an einer Entlassung vorbei, weil der Maestro nachts ein M;dchen mit in die Kirche gebracht hatte. Es war Maria Barbara, seine Cousine, die er sp;ter heiraten sollte. Bach wollte schlicht und ergreifend auf der Orgel f;r seine Liebste spielen.
;brigens ist es Bach zu verdanken, dass in den Kirchen ;berhaupt Frauenstimmen erklangen: Zuvor war es auf den Emporen nur M;nnern und Knaben erlaubt zu singen. Die erste Frau, die in einem Kirchenchor sang, war seine Frau Maria Barbara.
Und hier ist eine Episode, die vom ;berragenden virtuosen K;nnen Johann Sebastian Bachs zeugt:
Im Jahr 1717 reiste der ber;hmte franz;sische Organist Louis Marchand nach Dresden. Man dr;ngte die beiden Meister zu einem musikalischen Wettstreit. Doch in der Nacht vor dem angek;ndigten Konzert verlie; Monsieur Marchand heimlich die Stadt – aus purer Scheu, gegen einen so genialen Musiker wie Bach anzutreten.

Schon in seiner Jugend schreckte Johann Sebastian Bach vor nichts zur;ck, um den gro;en Musikern seiner Zeit zu begegnen.
Man erz;hlt sich, dass der junge Bach zu Fu; von Arnstadt nach L;beck wanderte – eine Strecke von gut 300 Kilometern –, nur um das Spiel des ber;hmten Organisten und Komponisten Dieterich Buxtehude zu h;ren. Und um Reinken zu lauschen, legte er den Weg von L;neburg nach Hamburg zur;ck.
Auf dem Weg nach Hamburg trug sich ;brigens eine geradezu mystische Geschichte zu:
Dem J;ngling war unterwegs das Geld ausgegangen, doch der junge K;rper verlangte nach Nahrung. Bach blieb vor einem Gasthaus stehen und suchte vergeblich nach ein paar Groschen f;r eine bescheidene Mahlzeit. Pl;tzlich ;ffnete sich ein Fenster, und eine Hand warf einige Heringsk;pfe auf den M;llhaufen. Ohne jede falsche Scheu hob Johann Sebastian das Essen auf und biss hinein. Doch er h;tte sich fast den Zahn abgebrochen, denn im Hering war ein goldener Dukat versteckt. Und im zweiten auch, und im dritten…
Das gleicht nun wirklich dem biblischen Stater-Wunder des Apostels Petrus! Die Wunder im Leben des Maestros begannen also schon zu seinen Lebzeiten.
Bach wirkte souver;n in allen Genres – mit Ausnahme der Oper. Warum eigentlich nicht die Oper? Es ergab sich schlicht so: Er wurde an Orte berufen, an denen es kein Opernhaus gab. Er komponierte das, was bestellt wurde.
Von 1703 bis 1717 stand Bach als Organist im Dienst der Kirchen von Arnstadt, M;hlhausen und Weimar. In diese Jahre f;llt die Bl;tezeit seines Orgelsschaffens.
Danach wurde Bach Hofkapellmeister in K;then, wo er im Auftrag des F;rsten wirkte, Festlichkeiten und B;lle musikalisch ausgestaltete. Hier erblickte Bachs Instrumental- und Klaviermusik das Licht der Welt. In K;then durchlebte Johann Sebastian auch den schmerzlichen Verlust seiner innig geliebten Maria Barbara, bevor er sp;ter die junge S;ngerin Anna Magdalena heiratete. Bach brachte ihr das Cembalospiel bei und komponierte leichte St;cke f;r sie. Zudem wuchsen die Kinder heran, die ebenfalls seine Sch;ler wurden. Das ist der Grund, warum in dieser Zeit so viele Klavierwerke unterschiedlicher Komplexit;t entstanden, an denen bis heute alle Musiker der Welt lernen.
Im Jahr 1723 schlie;lich nahm Johann Sebastian Bach den Ruf als Thomaskantor und st;dtischer Musikdirektor in Leipzig an. Er leitete den Thomanerchor an der St. Thomas-Kirche. Aus diesem Grund entstanden in den 27 Jahren seines Leipziger Wirkens so viele gro;artige geistliche Vokal- und Instrumentalwerke, darunter die „Johannes-Passion“ und die „Matth;us-Passion“. Und nur ein Jahr vor seinem Tod, im Jahr 1749, vollendete der bereits erblindete Bach die h-Moll-Messe. (Es ist bemerkenswert, dass der Komponist als Lutheraner nicht davor zur;ckschreckte, den lateinischen Text der katholischen Messe zu vertonen).
Nicht von ungef;hr wird Bach oft als der f;nfte Evangelist Jesu Christi bezeichnet.

Не переживайте, текст действительно немного перепутался, но этот фрагмент — отличная, очень живая и тёплая часть эссе! Здесь как раз раскрывается земной, человеческий характер Баха, его юмор и семейные будни, которые идеально дополняют финал.
Вот перевод этого отрывка на хороший художественный немецкий:
Was f;r ein gottesf;rchtiges und rechtschaffenes Leben, voller unerm;dlicher Arbeit und famili;rer Sorgen.
Manche schreiben, Johann Sebastian Bach habe sein Leben lang bittere Armut gelitten. Ich glaube, ganz so d;ster war es nicht. Wie wir sehen, war sein musikalisches Talent als Komponist und Virtuose stets gefragt. Bach verdiente gut und war nicht verschwenderisch. Allerdings hatte er auch immense Ausgaben, denn die Familie war gro; (insgesamt z;hlte er einundzwanzig Kinder). Wie fast jeder Musiker auf der Welt verdiente sich Bach bei Hochzeiten und Beerdigungen etwas dazu.
Als sich seine Frau einmal ;ber Geldmangel beklagte, zuckte Johann Sebastian nur die Achseln:
„Meine Liebe, an allem ist die gesunde Leipziger Luft schuld – es gibt einfach zu wenig Leichen, und so haben wir Lebenden kaum etwas zum Leben...“
Gleichzeitig soll Bach, so hei;t es, f;r Privatstunden niemals Geld genommen haben.
Was wissen wir ;ber seinen Charakter? Trotz seiner grenzenlosen G;te und Gutm;tigkeit konnte Bach bisweilen recht streitbar und j;hzornig sein. Einmal unterlief dem zweiten Organisten der Thomaskirche bei einer Probe ein Fehler. Vor Wut riss sich Bach die Per;cke vom Kopf und schleuderte sie nach dem Organisten.
Auch die Kinder bekamen ihr Fett weg.
Wenn sich der Maestro abends schlafen legte, spielten ihm seine drei S;hne – Wilhelm Friedemann, Philipp Emanuel und Johann Christian – abwechselnd auf dem Cembalo vor. Emanuel hasste diese allabendlichen ;bungen zutiefst.
Als er eines Abends das lang ersehnte Schnarchen des Vaters vernahm, rannte er vom Cembalo weg und brach das Spiel mitten auf einem Dominantakkord ab. Bach schreckte augenblicklich aus dem Schlaf auf, tastete sich zum Instrument vor und l;ste den Akkord in die Tonika auf.

Alle drei S;hne wurden sp;ter selbst zu ber;hmten Komponisten. Den polyphonen Stil ihres Vaters f;hrten sie jedoch nicht fort: Sie hielten die Musik des Barock f;r hoffnungslos veraltet und wurden stattdessen zu Wegbereitern des klassischen Stils.
Die wahre Wiederentdeckung und Renaissance des Werkes von Johann Sebastian Bach begann erst gut ein Jahrhundert nach seinem Tod. Seitdem teilt sich die gesamte Musikgeschichte in zwei Epochen: die Zeit vor Bach und die Zeit nach Bach. Und es gibt keinen Komponisten, der moderner w;re als er.
Welche Vermutungen man auch anstellen mag, es bleibt ein R;tsel, wie dieser alte deutsche Musiker, der vor mehr als zweihundert Jahren wirkte, uns das Heute aufschlie;t. Wie konnte er so viele geniale Komponisten aus zwei Jahrhunderten nicht nur ;berdauern, sondern ihnen sogar voraussein? Worin liegt das Geheimnis der ewigen Jugend und Langlebigkeit seiner Musik?
Am Konservatorium muss jeder Musikwissenschaftler im Fach „Polyphonie“ eine eigene Fuge einreichen. Polyphonie ist weniger Komposition als vielmehr Mathematik: Thema, Kontrapunkt, Krebse, Umkehrungen, Spiegelungen des Themas – ein wahres „Glasperlenspiel“.
Jeder von uns Theoretikern hat eine handwerklich korrekte Fuge geschrieben und seine Bestnote daf;r bekommen, doch zu lebendiger Musik wurden diese starren Formen nicht. Man sagt, selbst Mozart habe bei seinen Versuchen im Metier der Fuge so einiges an Papier verdorben.
Johann Sebastian Bach hingegen improvisierte laut Zeugnissen seiner Zeitgenossen vielstimmige Fugen mit spielerischer Leichtigkeit.
In seinen polyphonen Werken gibt es praktisch keine f;llenden Passagen; alles ist erf;llt von Liebe, Sehnsucht nach dem Ideal, h;chster Philosophie und gl;ubiger Kontemplation. Und das nicht nur, weil Bach fast sein ganzes Leben lang als Organist wirkte und in den Gottesdiensten spielte.
Wie ist ihm das nur gelungen?
Es bleibt ein Geheimnis. Der Wind bl;st, wo er will.
Eine Heiligsprechung von Johann Sebastian Bach hat es nie gegeben. Bei den Lutheranern existiert das Konzept der Kanonisation gar nicht. Doch was ;ndert das schon? Wir h;ren auch so, dass diese Musik von einem heiligen Menschen geschaffen wurde – von einem Freund unseres Gottes.
„Bachs Musik ist der einzige wahrhaftige Beweis f;r die Existenz Gottes.“
Michail Kasinik
Koh Samui, 2016


Рецензии

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