Kardan aus der Ukraine. Ein Mann, der ein Witz ist
Was soll ich sagen? Geschichten wie diese gibt es zuhauf. Doch Sie haben diese hier so kunstvoll erz;hlt, dass sich das Lesen wie der Genuss eines edlen Lik;rs anf;hlt. Ihre Beherrschung des Themas und Ihr Schreibstil haben ein Meisterwerk hervorgebracht.
In den letzten zwanzig Jahren vor meiner Pensionierung leitete ich die mechanische Werkstatt eines Bergwerks. Ich habe dort viele solcher Typen erlebt, wie sie in Ihrem Buch vorkommen. Es gibt niemanden, der erfindungsreicher ist als sie. Sie haben keine Kreuze gestohlen – sie haben sie selbst angefertigt. Kreuze, Denkm;ler, Beeteinfassungen – einfach alles. Aber das Material daf;r haben sie *sehr wohl* bei mir mitgehen lassen. Der ;bliche Preis war stets eine Flasche. Ganz gleich, ob das Material f;r hundert St;cke reichte oder nur f;r zehn, und ob die Arbeit einen halben Tag oder eine halbe Stunde dauerte – es lief immer auf dasselbe hinaus: eine Flasche. Doch man muss ihnen lassen, was ihnen geb;hrt: Sie waren hervorragende Handwerker.
Andrii Bilousov
Kardan aus der Ukraine. Ein Mann, der ein Witz ist.
Der Autor wurde 1975 in Dobrotowo (Oblast Sumy, Ukraine) geboren. Er absolvierte die Nationale Linguistische Universit;t Kiew mit den Schwerpunkten englische Sprache und ausl;ndische Literatur.
Dieses Buch schildert die turbulenten Zeiten in einem ukrainischen Dorf w;hrend der ersten Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Ein ;rtlicher Hochstapler mit dem Spitznamen „Kardan“ betr;gt seine gutgl;ubigen Dorfbewohner, um seine Trinksucht zu finanzieren. Schlie;lich ;bersch;tzt er seine eigene Gerissenheit und tappt in eine Falle, die ihm ein Einfaltspinsel gestellt hat. Das Buch beruht auf wahren Begebenheiten; der Autor verzichtete darauf, die Erz;hlung zu erfinden oder auszuschm;cken, und gab stattdessen die Geschichten und Dialoge genau so wieder, wie sie sich zugetragen haben – ohne ;bertreibung. Manchmal ist die Realit;t interessanter und komischer als die Fiktion. Bei allen Figuren des Buches handelt es sich um echte Menschen, deren Namen jedoch nach Ermessen des Autors nicht genannt werden.
Das Buch gliedert sich in zw;lf Teile – eine Zahl, die in vielen Kulturen mit Ganzheit assoziiert wird. Jedes Kapitel steht f;r sich und bildet eine in sich geschlossene Geschichte. Der Erz;hlfluss ist nahtlos; auf Dialoge oder Naturbeschreibungen, die keinen direkten Bezug zum Geschehen haben, wird verzichtet. Dennoch schildert das Buch die Lebensbedingungen auf dem Land und die wirtschaftliche Lage nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, was ihm historische Bedeutung verleiht. Es ist reich an humorvollen Episoden, die Schlag auf Schlag aufeinanderfolgen und f;r ein fesselndes Leseerlebnis sorgen. Der Protagonist erh;lt f;r seine Machenschaften die gerechte Strafe; die Unausweichlichkeit der Vergeltung f;r unmoralisches Verhalten ist das zentrale Thema des Buches. Das Werk ist auf den modernen Leser zugeschnitten und ber;cksichtigt zeitgen;ssische Medientrends – in einer Zeit, in der die Menschen einen Gro;teil ihrer Zeit auf YouTube und in sozialen Medien verbringen.
DAS GEBRAUCHTE GRABKREUZ
Eine sternenklare Nacht breitete wie ein riesiger Fabelvogel ihre schwarzen Schwingen ;ber die Landschaft und k;hlte die ;ppige Vegetation eines ukrainischen Dorfes ab, das zuvor von der t;glichen Dosis Sommersonne kr;ftig erw;rmt worden war. Der Vollmond ;bernahm die Herrschaft am dunklen Himmel und beleuchtete mit seinem gespenstischen Licht die Silhouetten dreier Grabkreuze.
„Es ist h;chste Zeit!“, sagte Cardan.
„Warten wir noch ein wenig“, warf Sucker ein.
„Wollt ihr etwa bis zum Morgengrauen warten?“, unterbrach sie Gray.
Der Weg zu dem privaten Friedhof f;hrte quer durch ein Kartoffelfeld. Das Kraut der Pflanzen reichte bis zu den Knien, und der dichte Tau machte das Vorankommen recht unangenehm. Die mutige Gruppe aus drei M;nnern machte sich auf den Weg zu ihrem Ziel.
An die Stelle des ruhigen Sommertages trat eine klangvolle Nacht; sie erf;llte die Dunkelheit mit dem Quaken der Fr;sche und dem Zirpen der Grillen. Der Dorfbewohner, ;berlastet von harter Arbeit, nimmt den L;rm des Tages, den Gesang der V;gel und das Rauschen der Bl;tter kaum wahr. Er ist so sehr darauf bedacht, sich um seine t;glichen Sorgen zu k;mmern – als st;nde er kurz vor dem Abschluss eines wichtigen Unterfangens, auf das eine Ruhepause folgen w;rde, die ihm die Gelegenheit b;te, die Fr;chte seiner harten Arbeit zu genie;en. Doch der Morgen bricht an, und die Geschichte wiederholt sich. V;llig entkr;ftet geht er zu Bett. Wenn er vor Sonnenaufgang erwacht, muss er sein Vieh und Gefl;gel versorgen. Dann geht er zur Arbeit. Kehrt er sp;t am Abend ersch;pft heim, stehen die Hausarbeiten an, die sich ;ber den Tag hinweg angesammelt haben. Und nichts ist neu unter der Sonne. Er ist dazu verdammt, in diesem Teufelskreis gefangen zu bleiben, ohne sichtbare Zukunftsperspektive. Das Leben verrinnt wie Wasser unter einer Br;cke. Und nun, im Herbst seines Lebens, versucht er, sich an angenehme Momente seiner Vergangenheit zu erinnern. In den Winkeln seiner Erinnerung findet er jedoch nur einen einzigen, eint;nigen und langweiligen Tag. Es stellt sich heraus, dass er diesen Tag unz;hlige Male hintereinander durchlebt hat; so beschr;nken sich seine Tagtr;ume auf die Ereignisse, die einen einzigen, m;hseligen Tag ausmachen, und die Zukunft erscheint ihm d;ster.
Doch nicht alle, die im Dorf leben, wollen ein solch beklagenswertes Schicksal erleiden. Sie versuchen, ihren Alltag mithilfe von Alkohol aufzulockern. Dessen berauschende Wirkung l;sst ihr Leben erfolgreich, hoffnungsvoll und voller Sinn erscheinen. Dass dieses gl;ckliche Leben blo; ein Hirngespinst ist, spielt f;r sie kaum eine Rolle. Solange sie beschwipst sind, leben sie in ihrer Fantasiewelt weiter – einer Welt voller Hoffnungen und Tr;ume.
Unterdessen lassen sich die n;chtlichen Streuner nicht vom Pessimismus abschrecken. Sie versuchen, jenes einzige Mittel zu ergattern, das ihnen eine Atempause von der l;hmenden Monotonie verschafft. Die drei wackeren Freunde m;ssen schnell und lautlos vorgehen, denn die Gr;ber befinden sich in der N;he eines Privathauses, und sie m;ssen unbedingt vermeiden, entdeckt zu werden.
In der zweiten Tagesh;lfte schaute ein Mann, dessen Gesicht von einem schrecklichen Schicksalsschlag gezeichnet war, in die ;rtliche Traktorwerkstatt.
„Entschuldigung! K;nnen Sie mir sagen, wo der Dreher ist?“, fragte er. Der Mann war nicht von hier und kannte die Abl;ufe in der Werkstatt nicht. Cardan, der gerade am Motor seines liegengebliebenen Traktors hantierte, reagierte sofort mit der ganzen Energie eines geborenen Schwindlers und eilte auf ihn zu.
„Ich bin der Dreher“, antwortete er ;berzeugend, w;hrend er sich die ;lverschmierten H;nde an einem Lappen abwischte.
„Meine Tante ist gestorben“, fuhr der Fremde fort. „K;nnten Sie mir ein Eisenkreuz anfertigen?“
„Mein aufrichtiges Beileid! Leider kann man dem Tod nicht entgehen. Der Tod ist der Preis, den wir f;r das Leben zahlen.“
„Ja, das stimmt“, sagte der Mann seufzend.
„Ich versichere Ihnen hoch und heilig, dass wir das im Handumdrehen erledigen. Machen Sie sich keine Sorgen. Morgen fr;h ist das Kreuz fertig. Es kostet Sie so gut wie nichts. Nur einen Liter Wodka“, beruhigte ihn Cardan in selbstsicherem und mitf;hlendem Tonfall.
Im Dorf sind die Menschen eher unter ihren Spitznamen bekannt; diese unterstreichen auf anschauliche Weise ihren Charakter und zeigen die Person nicht nur als Teil der Gesellschaft, sondern auch als Individuum. Und warum nennt man ihn Cardan (ukrainisch f;r Kardanwelle)? Nun, weil er sich st;ndig dreht. Man muss immer in Bewegung bleiben, um in dieser grausamen Welt zu ;berleben.
Um glaubw;rdiger zu wirken, f;hrte Cardan den Besucher zu dem Schwei;er, der die vom Dreher gefertigten Teile zu einem Grabkreuz zusammenf;gen sollte.
„Ach, wenn man vom Teufel spricht: Da kommt er ja. Jetzt regeln wir das sofort. Ich sage Ihnen, das wird schon. Alles wird gut gehen. Morgen ist das Kreuz fertig, komme, was wolle“, machte Cardan ihm erneut Mut.
„Gray, die Tante dieses Mannes ist gestorben. Er braucht dringend ein Grabkreuz f;r morgen.“
Eigentlich war Gray gar kein Schwei;er. Er hatte sich nur zuf;llig in die Traktorwerkstatt verirrt. „Vielleicht“, dachte er, „haben die Jungs heute Alkohol und geben mir einen aus.“ Und warum, glaubst du, nannte man ihn „Gray“? Ganz einfach, weil er st;ndig wie ein Wolf nach Schnaps schn;ffelte, suchte und st;berte. Er kannte die einfache Wahrheit: Wer immer fr;h dran ist, kommt nie zu sp;t. Gray witterte sofort die Chance auf einen Drink und schl;pfte ohne Z;gern in die Rolle des Schwei;ers.
„Keine Sorge. Die Sache ist geritzt. Komm morgen fr;h mit einem Liter Wodka vorbei. Das Kreuz wird fertig sein. Der Dreher fertigt die Ringe an und schneidet das Rohr zu. Ich schwei;e alles zusammen. Der Chefmechaniker besorgt uns das Material.“
„Aber wenn der Chefmechaniker dir kein Rohr gibt ...“ Der Zweifel des Fremden verriet einen Moment der Angst.
„Oh, da kommt er ja: Dmitri Iwanowitsch, kann ich kurz mit Ihnen reden?“ Cardan rief einen vorbeigehenden „Sucker“ – ein Opfer f;r ihre Masche – zu sich her;ber.
„Ich? Was? Was wollen Sie?“, stammelte der verdutzte Sucker. Cardan und Gray tauschten einen vielsagenden Blick aus und erkl;rten ihm, der Mann sei in Trauer, seine Tante sei gestorben und man brauche dringend ein Rohr f;r das Kreuz. Sucker war zwar ungeschickt bei Betr;gereien, doch da er die Art dieser beiden Spitzbuben kannte, begriff er sofort, dass sie ihm nur Alkohol abschwatzen wollten. Er z;gerte und ;berlegte, wie er reagieren sollte – doch sein Gesicht verriet nichts. Wenn Sucker unsicher war, wie er sich verhalten sollte, hatte Cardan ihn stets unauff;llig in die richtige Richtung geschubst. Sucker blickte also zu Cardan, um sich zu vergewissern, und dieser nickte ihm heimlich zu.
„Ja, nat;rlich, ich schreibe Ihnen ein Rohr aus. Mein Beileid! Wann ist die Beerdigung?“
„Morgen um 14 Uhr.“
„Gut, kommen Sie in einer Stunde zu mir, ich schaue im Lager nach.“
„Dmitri Iwanowitsch, sagen Sie es dem Mann doch direkt: Gibt es ein Rohr oder nicht?“, dr;ngte Cardan auf eine Antwort und zwinkerte Sucker dabei verstohlen zu. „Ich habe eines, genau wie du es brauchst. Komm in einer halben Stunde zu mir. Ich bin gerade besch;ftigt. Ich werde dir eines besorgen.“
„In einer halben Stunde bringen wir die Sache also ins Rollen“, sagte Cardan.
Schlie;lich war die Angelegenheit gekl;rt, und der Besucher verlie; die Traktorenwerkstatt.
„Wo soll ich dir ein Rohr herholen?“, fragte Sucker den Cardan emp;rt.
Er war nicht in der Lage, schnell zu denken und die Situation zu seinem Vorteil einzusch;tzen; stattdessen stellte er stets zweifelhafte Fragen.
„Um Himmels willen, warum bist du so schwerf;llig im Denken? Du musst auf Zack sein! Selbst ein blindes Huhn findet mal ein Korn!“, tadelte Cardan sie. „Kommt mit nach drau;en, ich zeige euch etwas.“ Er f;hrte zwei seiner Freunde aus der Werkstatt und deutete mit dem Zeigefinger auf drei Gr;ber, die zweihundert Meter entfernt lagen. „Also, ich lege jetzt die Karten auf den Tisch. Es hat keinen Sinn, das Rad neu zu erfinden. Heute Nacht stehlen wir das Kreuz dort dr;ben – das neueste.“
„Willst du uns auf den Arm nehmen oder meinst du das ernst?“, kicherte Grey.
„Was ist schon dabei? Die werden gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.“
„Das ist ja zum Br;llen!“, stimmte Grey zu.
W;hrend der von Menschen verursachten Hungersnot (Holodomor) in den Jahren 1932/33 starben massenhaft Menschen. Die Organisation der Beerdigungen und das Geleit der Verstorbenen auf ihrem letzten Weg zum ;rtlichen Friedhof waren ;u;erst schwierig. Die Toten wurden in der N;he der H;user beigesetzt, in denen sie gelebt hatten. Im Laufe der Zeit ;u;erten einige Angeh;rige den Wunsch, neben ihren Verwandten bestattet zu werden; so blieb die Tradition der Beisetzung auf dem Familienfriedhof noch Jahrzehnte nach den tragischen Ereignissen, die das ukrainische Volk durchlebt hatte, bestehen.
Und so n;herten sich die M;nner im tiefen Dunkel der Nacht einem dieser Familienfriedh;fe. Pl;tzlich h;rten sie das grabesartige Knarren der sich ;ffnenden Eingangst;r des nahegelegenen Hauses.
„Still, da ist jemand rausgekommen“, hielt Grey seine Freunde an.
Die drei hielten den Atem an und kauerten sich hin.
Eine weitere T;r knarrte und erzeugte einen h;llischen Nachhall in der Luft.
„Da ist jemand zum Plumpsklo gegangen. Wir sollten warten, bis er wieder ins Haus zur;ckkehrt.“
Als es wieder totenstill war, n;herte sich Sucker einem Eisenkreuz.
„Das hier oder was?“, fragte er. „Siehst du denn nicht, dass diese beiden Kreuze aus Holz sind und dieses hier aus Eisen? Nat;rlich ist es das richtige! Los, zieh es heraus!“, befahl Cardan.
„Warum ich? Schon wieder ich?! Es scheint, als g;be es niemanden au;er mir! Immer ich! Na gut, auf gut Gl;ck.“ Murrend packte Sucker das Kreuz mit beiden H;nden und versuchte, es aus der Erde zu ziehen.
„Leute, helft mir, es r;hrt sich nicht!“
Cardan begann, daran nach links zu ziehen, Gray nach rechts, und Sucker, der in der Mitte stand, wurde wie ein Schwanz hin und her geschleudert: nach links – nach rechts, hierhin – dorthin.
„Irgendetwas h;lt es fest“, beschwerte sich Sucker.
„Zieh weiter! H;r auf zu reden! Eine unten am Rohr angeschwei;te Stange verhindert, dass es herauskommt. Zieh kr;ftiger!“
Gray ergriff die Initiative.
Unter schwerem Schnaufen und Keuchen gelang es den Jungs, das Kreuz aus dem Boden zu ziehen.
„Oh nein! Was haben wir da angerichtet? Seht euch das nur an! Wir haben es unten verbogen. Was sollen wir jetzt tun?“, fl;sterte Sucker frustriert. „Sollen wir es hierlassen oder mitnehmen? Ich glaube, wir sollten f;r heute Schluss machen.“
„Bist du verr;ckt?! Nat;rlich nehmen wir es mit! Es ist noch zu fr;h, um den Teufel an die Wand zu malen. Morgen lassen wir uns schon was einfallen“, platzte Cardan heraus, ohne seinen Enthusiasmus zu verlieren.
Am n;chsten Morgen versammelten sich die Freunde um das verbogene Kreuz und zerbrachen sich den Kopf dar;ber, wie sie aus der Klemme kommen k;nnten.
„Und jetzt?“, stammelte Sucker und warf seinen Freunden einen ratlosen Blick zu.
„Immer bleibe ich auf der Arbeit sitzen. Ich gehe zum Schwei;er und verspreche ihm einen Drink, wenn er das verbogene Ende abschneidet und ein neues St;ck Rohr anschwei;t.“ Schlie;lich hatte Cardan eine Idee, die tats;chlich nach einem echten Plan klang.
„Aber die Schwei;naht wird doch zu sehen sein!“, ;u;erte Sucker erneut Zweifel, da er nicht an den Erfolg ihres Tricks glaubte.
„Ach Leute, jetzt ist aber gut! Es ist zwar ;rgerlich, aber kein Grund zur Sorge. Wir streichen es einfach an, und dann sieht es aus wie neu.“
Nachdem sie die Aufgabe schlie;lich gemeistert hatten, gingen die Jungs zum Werkstatteingang, um den Auftraggeber des Kreuzes zu treffen. Sein Timing war perfekt.
„Wow, ihr habt es sogar schon gestrichen!“ Der Kunde war angenehm ;berrascht. „Pass auf, dass du nichts verschmierst. Nimm diese beiden Papierst;cke, trag sie dorthin und wickle sie genau so um das Rohr. Wenn du nach Hause kommst, halte das Kreuz in die Sonne. Die Farbe wird sofort trocknen.
Hier ist die Bezahlung, wie vereinbart.“
Cardan packte den Alkohol mit beiden H;nden und eilte in Richtung eines W;ldchens; Gray und Sucker folgten ihm, um sich das Festmahl schmecken zu lassen. Sie wirkten wie drei aufgeregte Kinder am Heiligabend, in der Gewissheit, dass Leckereien auf sie warteten.
Nachdem er seine Tante beerdigt hatte, ging der Neffe hinaus, um nach dem Kartoffelacker zu sehen, und erlebte eine schreckliche ;berraschung. Das Grab eines Verwandten, den er zwei Jahre zuvor bestattet hatte, war pl;tzlich ohne Kreuz.
Sp;ter erz;hlte er den Leuten im Dorf: „Stellt euch vor: Ich gehe mit dem Kreuz vor dem Trauerzug meiner verstorbenen Tante her. Wir halten an, um zu verschnaufen. Pl;tzlich f;llt mir etwas Vertrautes daran auf. Ich sehe genauer hin, und ein seltsames, unheimliches Gef;hl beschleicht mich: Irgendwo habe ich das schon einmal gesehen. Aber ich bin mir nicht sicher, was das zu bedeuten hat. Wir gehen weiter, doch diese teuflischen Erinnerungsfetzen lassen mir keine Ruhe: Da ist einfach etwas Vertrautes daran.
Gestern Morgen ging ich aus dem Haus, um nach dem Garten zu sehen, und stie; auf das Grab meines Verwandten – es fehlte das Kreuz. Ich war v;llig fassungslos und hatte schreckliche Angst. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen! Pl;tzlich erinnerte ich mich ganz genau daran, dass ich es schon einmal in den H;nden gehalten hatte. Es stellte sich heraus, dass ich zwei meiner Verwandten mit ein und demselben Kreuz beerdigt hatte. Oh, diese Mistkerle! Sie werden im Jenseits f;r ihre S;nden bestraft werden. Zum Gl;ck ist kein wirklicher Schaden entstanden. Letztendlich ist das Kreuz wieder bei meiner Familie.“
DIE WUNDERBARE MISCHUNG
Am n;chsten Morgen erwachte Cardan mit heftigen Kopfschmerzen. „Schon wieder dieser qu;lende Kater“, dachte er klagend. „Der Schmerz wird nicht verschwinden, bis der n;chste Tag anbricht, wenn ich jetzt nichts dagegen unternehme. Um Linderung zu verschaffen, muss ich an Alkohol kommen. Ich darf nicht stillsitzen. Aufstehen und nach einem neuen ‚Opfer‘ suchen“ – diese ;ber Jahre hinweg entwickelte L;sung hallte wie ein Echo in einer H;hle in seinem Kopf wider. Er spritzte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht, tupfte die Tropfen mit einem Handtuch ab und betrachtete sich im staubigen, rissigen Spiegel. Er musterte sein zerknittertes, missmutiges Spiegelbild; es d;rstete geradezu nach einer belebenden Erfrischung. Nachdem er gierig eine Tasse kaltes Wasser hinuntergest;rzt hatte, warf er sich eine abgetragene Jacke ;ber die Schulter – wie David seine Schleuder, als er Goliath herausforderte – und machte sich auf den Weg, um der Welt zu begegnen.
Sein k;nftiges Opfer, ein Fahrer namens Chika, transportierte gerade Getreide vom Feld zu den Silos. Es war Mittagszeit, und auf dem Heimweg f;r einen kleinen Imbiss fragte er seine Fahrerkollegen, wo man die Frachtscheine unterschreiben lassen m;sse. „Dort dr;ben, auf der Bank“, sagte einer von ihnen beil;ufig und deutete auf die andere Stra;enseite, wo ein alter Mann sa;.
Chika lief zu der angegebenen Stelle, w;hrend die Fahrer – ihr Lachen kaum unterdr;ckend – auf seine Reaktion warteten. Mit w;tendem Gesichtsausdruck und lautstarkem Schimpfen kehrte Chika zu den anderen zur;ck. „Was soll das hei;en ... er unterschreibt die Scheine? Der k;mmert sich um die Truth;hne und unterschreibt gar nichts“, grummelte er weiter. Da brach eine kaum zu b;ndigende Lawine der Heiterkeit ;ber ihn herein; einige der Fahrer w;lzten sich sogar vor Lachen auf dem Boden und hielten sich die B;uche.
Eines Tages spielte man ihm einen ;blen Streich, der eine ganze Kette von Sp;tteleien nach sich zog. Ein Zirkus kam ins Dorf, und auf dem Plakat wurde der Auftritt eines lustigen Affen namens Chika angek;ndigt. Doch ein Einheimischer mit Sinn f;r Humor tauschte das Foto des Affen gegen ein Bild des Fahrers aus, der fortan – auch nachdem der Zirkus das Dorf wieder verlassen hatte – nur noch „Chika“ genannt wurde. Von da an lauerten seine Freunde stets auf eine Gelegenheit, sich ;ber ihn lustig zu machen. Chika tat das Lachen des Fahrers mit einer abf;lligen Handbewegung ab und ging w;tend nach Hause, um etwas zu essen. Zu Hause begr;;te er seinen Vater, der aus dem Nachbardorf her;bergekommen war. Dort nannten ihn alle nur „Boss“. Er organisierte die Reparatur einer Heuscheune und heuerte zwei Handwerker als Helfer an. Chika selbst erledigte nur kleinere Arbeiten im Haushalt; f;r solche Dinge war er einfach nicht geschaffen. Schon seit Beginn seiner Ehe unterst;tzte ihn sein Vater bei allem, worum er bat: Er half bei Reparaturen, pflanzte Gem;se an, erntete Kartoffeln und lieferte Heu f;r das Vieh. Neben seinem eigenen Haushalt k;mmerte er sich auch um die Aufgaben seines Sohnes. Einige Jahre vor Chikas Heirat hatte Boss beschlossen, einen richtigen Mann aus ihm zu machen, und ihn zur Arbeit in den Norden des Landes geschickt. „Geh“, hatte er ihm drohend gesagt, „du wirst das Leben kennenlernen, Erfahrungen sammeln und kl;ger werden. Dort wird man dir diese Ungeschicklichkeit schon schnell austreiben! Au;erdem hast du die Gelegenheit, etwas Geld zu verdienen.“
Chika ging nach Murmansk. Er arbeitete im Hafen als Gabelstaplerfahrer. Doch er kam mit der Lenkung dieser „verr;ckten Rostlaube“ nicht zurecht und st;rzte samt Gabelstapler von der Kaimauer ins Meer.
„H;r zu, Junge, geh lieber nach Hause; wir haben selbst genug Arbeiter deiner Sorte“, sagte sein strenger Chef schlie;lich und entlie; ihn.
Einen Monat sp;ter dachte Boss erneut ;ber seinen „verlorenen Sohn“ nach. Ihm wurde klar, dass er seinem ungeschickten Spr;ssling wohl bis an sein Lebensende w;rde helfen m;ssen.
Chikas Frau deckte den Tisch f;r das Mittagessen. Boss w;rzte jedes Gericht mit rotem Pfeffer.
„Hast du die Jungs eigentlich gefragt, ob sie Pfeffer im Essen m;gen oder nicht? Glaubst du, nur weil *du* scharfes Essen magst, tun das alle anderen auch?“ Pl;tzlich verlor Chika die Beherrschung; sein Zorn entlud sich wie ein Donnerschlag.
„Da haben wir’s wieder, du Weichei!“, konterte Boss mit einem seiner vulkanartigen Wutausbr;che und winkte abf;llig ab.
„Bedien dich doch selbst!“, erwiderte der w;tende Chika mit derselben Geste. Es brach ein heftiger Familienstreit los. Die Arbeiter eilten herbei, um die Streith;hne zu beruhigen.
„Ist mir doch egal, was ihr hier macht! Ich gehe zur;ck zur Arbeit“, sagte der w;tende Sohn und steuerte auf die T;r zu.
„Du solltest dich lieber um die Kartoffelk;fer auf dem Kartoffelacker k;mmern. Schau dir das doch mal an – fast das ganze Kartoffelkraut ist vernichtet“, rief ihm sein Vater einen scharfen Vorwurf hinterher, der ihn wie ein Messerstich traf.
„Ich wei; auch ohne deine Ratschl;ge, was zu tun ist! Das brauchst du mir nicht zu erz;hlen!“, entgegnete Chika.
Als er in der Werkstatt des Hofes ankam, traf er auf „Peter den Ersten“. Unwillk;rlich denkt man dabei an den russischen Zaren; doch Petya hatte diesen hochtrabenden Spitznamen nicht ihm zu Ehren erhalten. Es gab noch zwei weitere Peters in der Werkstatt. Peter der Erste erschien stets als Erster zur Arbeit. Genau deshalb hatten ihm seine Kollegen diesen pomp;sen Spitznamen verpasst.
Chikas landwirtschaftliches Geschick stand auf dem Spiel. Er befand sich in einer prek;ren Lage. Er musste etwas unternehmen, um die Gefahr abzuwenden.
„Wenn ich mich nicht sofort darum k;mmere, mache ich mich vor meinem Vater wieder l;cherlich“, dachte er kleinlaut.
„Und was soll ich jetzt mit diesen Kartoffelk;fern machen?“, begann er laut zu klagen. „Bald ist das ganze Kartoffelkraut abgefressen. Ich habe wohl alles versucht, was in meiner Macht stand. Ich habe sie vergiftet, erstickt und zerquetscht – nichts hilft.“
„Du solltest es so machen wie ich in meinem Garten. Ich habe ihnen die Z;hne mit einem Hammer ausgeschlagen“, schlug Peter der Erste vor.
„Bist du verr;ckt? Wie kann man ihnen die Z;hne mit einem Hammer ausschlagen, ohne ihnen dabei den Kopf zu zertr;mmern?!“
Chikas Emp;rung kannte keine Grenzen. Er eilte ins Haus, um jemanden zu finden und sich ;ber die Dummheit von Peter dem Ersten zu beschweren.
„Stell dir vor“, sagte er zu Pirat, der auf einem Bein humpelte und dem ber;hmten Kapit;n Flint ;hnelte – daher hatte er auch seinen Spitznamen –, „Peter der Erste behauptet, er habe den Kartoffelk;fern in seinem Garten die Z;hne mit einem Hammer ausgeschlagen. Wie kann man ihnen die Z;hne mit einem Hammer ausschlagen, ohne ihnen dabei den Kopf zu zertr;mmern?!“
„Na und? Das habe ich auch gemacht“, spielte Pirat mit.
„Du auch? Bist du genauso verr;ckt wie er? Begreifst du denn gar nichts? Wie kann man ihnen die Z;hne mit einem Hammer ausschlagen, ohne ihnen dabei den Kopf zu zertr;mmern?!“
„Ach, manche Leute k;nnen unglaublich dumm sein“, dachte Chika. Wutentbrannt und voller rechtschaffener Emp;rung ;ber seine Kollegen st;rmte er nach drau;en. Die Vorstellung, einem K;fer die Z;hne mit einem Hammer auszuschlagen, war so abwegig und absurd, dass er laut auflachen musste. Auf dem Weg zu seinem Wagen lief ihm Cardan ;ber den Weg.
„Kannst du dir das vorstellen, Cardan? Ich habe gerade mit Peter dem Ersten und Pirate gesprochen; sie behaupten, sie h;tten den Kartoffelk;fern in ihren G;rten die Z;hne mit einem Hammer ausgeschlagen. Wie soll man ihnen die Z;hne mit einem Hammer ausschlagen, ohne ihnen gleich den Kopf zu zertr;mmern?! Solchen Unsinn kann ich einfach nicht ertragen!“
Cardan erkannte, dass der Berg zum Propheten gekommen war.
„Ich halte das f;r h;chst unwahrscheinlich. Die Z;hne von Kartoffelk;fern sind viel zu klein, als dass man sie mit einem Hammer ausschlagen k;nnte. So etwas habe ich noch nie geh;rt. Wahrscheinlich haben sie den K;fern mit dem Hammer den Kopf eingeschlagen und dir dann erz;hlt, sie h;tten ihnen die Z;hne ausgeschlagen. Bei der Menge an K;fern auf deinem Kartoffelacker w;rde das ohnehin ewig dauern. H;r nicht auf die anderen. Am besten behandelst du dein Kartoffelfeld mit einem eigenen Gebr;u.“
Chika atmete erleichtert auf.
„Endlich treffe ich mal einen vern;nftigen Menschen. Du bist wenigstens nicht so ein Hohlkopf wie die anderen“, sagte er erfreut.
„Sag mal, habe ich dich jemals hinters Licht gef;hrt? Wei;t du, ich kann jeden zum Narren halten – au;er dich.“
„Ich glaube, ich sammle sie einfach von Hand ab und zerquetsche sie auf der Stra;e.“
„Das w;re das Schlimmste, was du tun k;nntest. Schlag dir diesen Gedanken aus dem Kopf. Ich verrate dir ein bew;hrtes Mittel; es ist umweltfreundlich und kostet dich keinen Cent.“
Chika sah Cardan an, als w;re er ein Wunder – als k;nnte er kaum glauben, dass er wirklich vor ihm stand.
„Verr;tst du mir das Rezept?“
„Nur, wenn du mich daf;r bezahlst. Wenn du mir eine Flasche Wodka gibst, verrate ich es dir im Gegenzug.“
„Ja, klar! Ich habe einen halben Liter Selbstgebrannten im Wagen.“ „Ich habe es mir heute redlich verdient. Ich wollte es eigentlich mit diesen Hohlk;pfen teilen, habe es mir dann aber doch anders ;berlegt. Wei;t du, ich mag keine dummen Leute.“ Ein selbstgef;lliges Grinsen in seinem Mundwinkel war un;bersehbar. „Also, was ist das Mittel?“
„Gehen wir zu deinem Wagen. Zuerst gib mir die Flasche, und dann verrate ich dir, wie man das Wundermittel herstellt.“
„Du wirst mich doch nicht etwa ;bers Ohr hauen?“
„Niemals. Ich habe meinen Garten komplett von den K;fern befreit. Komm zu meinem Kartoffelbeet und wirf einen Blick auf das Kartoffelkraut – du wirst es selbst sehen.“
Chika ;ffnete die T;r seines Wagens und holte die Flasche Alkohol aus dem Handschuhfach.
„Also, was ist das f;r ein Mittel?“
„Gib mir die Flasche her, du Geizhals! Wovor hast du Angst?!“ Cardan riss den Schnaps an sich und h;tte Chika dabei fast die H;nde mit abgerissen. „H;r zu: Stell einen Eimer in deinen Garten und lass die ganze Familie hineinpinkeln. Wenn der Eimer voll Urin ist, f;llst du ihn in ein Spr;hger;t und bespr;hst damit die K;fer. Da darfst du dir keinen Fehler erlauben.“
Ein Funke Zweifel regte sich in Chika.
„Das kann ich mir kaum vorstellen. Jeder w;rde das tun, wenn es so einfach w;re. Wo ist der Haken?“
„Probier’s aus, und du wirst sehen, wie dein Kartoffelacker aufbl;ht. Du wirst mir dankbar sein. Irgendwann trinken wir sicher mal einen zusammen. Ich verspreche dir: Meine G;te wirst du dein Leben lang nicht vergessen.“
„Wei;t du, wenn mich jemand ;bers Ohr haut, werde ich zum Tier. So bin ich nun mal.“
„Ich wei;, ich wei;, ich kenne dich gut. Vielleicht besser als jeder andere im Dorf. Glaubst du, ich bin so dumm, Spielchen mit dir zu treiben?“
„Vermutlich nicht. Ich glaube nicht, dass du so t;richt bist, Spielchen mit mir zu treiben.“
Schlie;lich lie; sich Chika von Cardans Argumenten ;berzeugen. Jedem das Seine: Cardan kurierte seinen Kater, und Chika fand ein billiges, wirksames Mittel gegen die Kartoffelk;fer. Es schien ihm ein unglaublicher Gl;cksfall zu sein. Und sicher w;rde sich alles zum Besten wenden. Aufregung pulsierte in seinen Adern. Er f;hlte sich, als w;ren alle Weihnachten auf einmal gekommen. „Und du, Boss, du wirst noch f;r mich tanzen ... Ich werde dir beweisen, dass du mich untersch;tzt hast ... Warum sollte ich aufs Klo gehen und so ein Wundermittel verschwenden? ... Oh Boss, ich zeig dir, wie man einen Garten pflegt ... Du wirst schon sehen, was f;r ein Weichei ich bin“, wiederholte er beruhigende Gedanken in seinem Kopf. Als er am Abend nach Hause kam, erz;hlte er seiner Frau von dem wundersamen Gebr;u. „Schatz, wenn wir das Problem mit den Kartoffelk;fern l;sen k;nnten, w;re das ein Wunder. Es w;re die Erf;llung eines Lebenstraums.“
Seine Frau h;rte aufmerksam zu und machte sich tiefgr;ndige Gedanken ;ber die Bedeutung der Sache.
„Ich glaube, das ist zu sch;n, um wahr zu sein. Aber einen Versuch ist es wert.“
Obwohl seine Frau gewisse Zweifel hegte, lie; sie sich doch darauf ein. Also sammelten sie Urin und bespr;hten damit das Kartoffelfeld – bis die K;fer die Ernte schlie;lich v;llig kahlgefressen hatten. Da begriff Chika endlich, dass Cardan ihn wohl an der Nase herumgef;hrt hatte. Verzweifelte Gedanken schossen ihm durch den Kopf: „Bin ich noch bei Verstand? Wie konnte ich mich nur in eine solche Lage man;vrieren? Wie komme ich da wieder raus? Du meine G;te!“ Der gutm;tige Chika – jener sanftm;tige Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte und anderen leicht verzieh – war verschwunden. Pl;tzlich verwandelte er sich von einem naiven Kind, dem Cardan den Lutscher weggenommen hatte, in eine skrupellose Bestie, die jeden zerfleischen w;rde, der es wagte, sich erneut mit ihm anzulegen. ;bermannt von Wut und ;rger, biss er die Z;hne wie ein Wahnsinniger zusammen und presste hervor: „Du Mistkerl! Eines Tages werde ich es dir heimzahlen!“
DER LEICHTGL;UBIGE MIKEY
Am n;chsten Morgen stellte sich heraus, dass Chikas Alkohol die Kopfschmerzen ;berhaupt nicht geheilt, sondern die Symptome nur kurzzeitig gelindert hatte. Cardan war v;llig neben der Spur. Er musste dringend etwas unternehmen. Es dauerte einen Moment, bis sein benommenes Gehirn sich an die Ereignisse des Vortages erinnerte, dann kehrte das Bewusstsein zur;ck. „Das war gestern wirklich etwas zu viel Alkohol“, dachte Cardan gequ;lt. „Du musst weitermache“, dr;ngte ihn seine innere Stimme. Er stand auf, sein Kopf pochte. Nachdem er einen Becher kaltes Wasser getrunken und sich das Gesicht gewaschen hatte, machte er sich auf die Suche nach einem weiteren leichtgl;ubigen Dummkopf.
W;hrenddessen unterhielt sich Michael, genannt Mikey, mit einem Autodidakten, der Fernsehtechnik reparierte, namens Miner. Dieser IT-Spezialist war aus dem Donbass, wo er im Kohlebergbau gearbeitet hatte, in unsere Region gezogen. Daher hatte er diesen Spitznamen.
„Komm schon, zeig mir deinen Fernseher“, sagte Miner und hielt eine Werkzeugtasche mit einer auff;lligen Geste hoch.
„Komm rein, da dr;ben in die Ecke“, sagte Mikey und deutete auf einen alten Fernseher. „F;hl dich wie zu Hause. Brauchst du was?“
„Noch nichts.“
„Ich hab neulich einen japanischen Fernseher repariert. Das hier wird ein Kinderspiel. Das ist das alte Modell. Ich kenne es in- und auswendig.“
Der Bergmann ;ffnete die R;ckwand des Fernsehers und begann, die Leiterplatten mit einem Amperemeter zu ;berpr;fen.
„Ja, ja. Nicht hier, nicht hier, ;h-;h-;h-;h-;h“, murmelte er in die Nase. „Na, na, na, jetzt ist mir alles klar: Es ist auch nicht hier, ;h-;h-;h-;h-;h. Also, wir haben hier nachgesehen, jetzt gehen wir mal da r;ber. Was haben wir denn diesmal? Es ist v;llig klar, dass es nicht hier ist, ;h-;h-;h-;h-;h.“
Eine halbe Stunde, vielleicht sogar ein oder zwei, waren vergangen; Mikey hatte das Zeitgef;hl verloren. Miner konnte seine Gedanken nicht ordnen und brachte nichts Sinnvolleres zustande. Seine Worte klangen unglaubw;rdig, v;llig zusammenhanglos. Nichts schien Miner von seiner Arbeit wegbringen zu k;nnen. Schlie;lich hielt Mikey es nicht mehr aus und brach das Eis: „Wollen wir jetzt was trinken?“
„Ich wei; deine Eile zu sch;tzen, aber falls du es noch nicht bemerkt hast: Ich arbeite.“ Dann z;gerte er kurz und f;gte hinzu: „Hast du da was?“
„Ja.“ Mikey hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.
„Okay, ich bin noch nicht fertig, aber wenn du darauf bestehst, kann ich eine Pause machen.“
Ein Shot, zwei Shots, drei Shots, und die Flasche war leer.
„Wei;t du, ich muss nach Hause. Ich komme morgen wieder, um dem Ganzen den letzten Schliff zu geben. Es ist ein ganz besonderes Vergn;gen, anderen zu helfen. Es ist viel berauschender, als du denkst.“ „Bei allem Respekt, ich w;rde es vorziehen, wenn Sie es nicht t;ten. Ich bringe es zu einer Fernsehreparaturwerkstatt in der Stadt. Ich glaube, es ist ein schwerwiegender Defekt. Ich bin mir sicher, dass es nur dort repariert werden kann.“
„Selbst wenn ich kein defektes Teil finden k;nnte, m;ssten Sie es auf jeden Fall zur Fernsehreparaturwerkstatt bringen“, stimmte Miner zu.
„Es ist sch;n, wenn jemand so ehrlich ist und das ausspricht.“
Mikey begleitete Miner auf die Stra;e, verabschiedete sich von ihm und z;ndete sich eine Zigarette an. Die sengende Sonne brannte gnadenlos auf seinen Kopf herab, sodass er dringend einen k;hlen Platz suchen musste. Mikey trat n;her an den Zaun heran, ging in die Hocke und fand in dessen Schatten Schutz vor der unertr;glichen Hitze. „Wie konnte ich nur so einem miserablen Reparateur vertrauen? Er hat mich mit seinem Gerede wohl v;llig eingewickelt: ‚Ich! Ich! Ich! Ich kann jeden Fernseher reparieren‘ ... Das ist die Strafe f;r meine Leichtgl;ubigkeit. Vertrau jedem, aber pr;fe genau, worauf du dich einl;sst“ – Mikeys Kopf kochte vor ;rger. Er dr;ngte die qu;lenden Gedanken gewaltsam beiseite, presste die Lippen zusammen und sah sich um.
In der Ferne tauchte die Silhouette eines Mannes auf. Er n;herte sich Mikey mit selbstsicherem Schritt. Nach ein oder zwei Minuten war bereits Cardans fr;hlich-beschwingtes Gesicht zu erkennen. Cardan gr;;te Mikey und begann ein freundliches Gespr;ch: „Was machst du denn hier? Versteckst du dich vor der sengenden Sonne?“
„Ja, es ist heute einfach zu hei;. Stell dir vor“, begann Mikey niedergeschlagen, „Miner war gerade hier, um einen Fernseher zu reparieren. Er hat zwei Stunden damit verbracht, den Fehler zu suchen, konnte aber letztlich nichts ausrichten.“
„Wenn du mich fragst: dem solltest du nicht trauen. Er ist ein miserabler Reparateur – ganz zu schweigen davon, dass er ein L;gner ist. Ihm ist es noch nie gelungen, einen Fernseher tats;chlich zu reparieren. Er klappert blo; die Dorfbewohner ab und prahlt mit seinem technischen Sachverstand. Er hantiert so lange an Elektroger;ten herum, bis ihn jemand auf einen Drink und eine Mahlzeit einl;dt. Er holt sich, worauf er aus ist – notfalls auch mit offener Bauernf;ngerei.“ Mikey wurde allm;hlich klar, was er gerade durchgemacht hatte. „Mann, ich sag dir was: Ich bin auch voll darauf reingefallen. Er strahlte eine solche Gelassenheit und Selbstsicherheit aus, dass ich in seine Falle getappt bin. Ich w;nschte, ich h;tte ihn nie um Hilfe gebeten. So einen Spott wollte ich nicht noch einmal erleben. Wie auch immer, danke f;r den Hinweis. Sonst w;re ich wom;glich wieder in Schwierigkeiten mit ihm geraten. Man lernt jemanden kennen, beginnt ihm zu vertrauen, und dann stellt sich heraus, dass er ein Gauner ist. Nach einer Weile trifft man einen anderen, der wie ein Ehrenmann wirkt, aber am Ende entt;uscht auch er einen. Ich habe diesen Kreislauf langsam satt. Wei;t du, ich habe jetzt schreckliche Kopfschmerzen seinetwegen.“
„Pass auf: du solltest bei der Wahl der Leute, mit denen du dich einl;sst, vorsichtiger sein. Vertrau nur denen, die sich ;ber lange Zeit bew;hrt haben. Miner hat absolut keine Skrupel, das Ungl;ck anderer auszunutzen. H;r zu, mach dir deswegen keine Vorw;rfe, okay? Mein Kopf ist nach der Party gestern auch schwer“, lenkte Cardan das Gespr;ch geschickt auf ein anderes Thema.
Mikey hatte das Gef;hl, dass Cardan ihm seine volle Aufmerksamkeit schenkte.
„H;r zu, Cardan, ich geb dir jetzt etwas Geld. Du flitzt kurz zum Laden und holst eine Flasche Wodka. Wir trinken einen und gr;beln ein bisschen dar;ber nach.“ Mikey wollte sich bei jemandem aussprechen, der Verst;ndnis zeigte, und seinem aufgestauten ;rger Luft machen.
„Tolle Idee. Du hast mir buchst;blich die Gedanken aus dem Kopf gelesen. Wenn du mir das Geld gibst, bin ich in einer halben Stunde wieder da. Es ist nur ein Katzensprung von hier. Eine Kardanwelle dreht sich, also l;uft das Auto. Alles auf dieser Welt befindet sich im Fluss der ewigen Bewegung.“
„Das ist weise. Diese einfache Wahrheit ist mir auch schon aufgefallen. Also, w;hrend du weg bist, mache ich ein paar Bratkartoffeln und decke den Tisch.“
Keine Willenskraft der Welt h;tte die Aufregung in Mikeys Augen verbergen k;nnen; er wirkte, als st;nde ihm die beste Zeit seines Lebens bevor. Er war so gl;cklich wie ein Kind am Weihnachtsmorgen. Seine Gedanken waren ganz auf den bevorstehenden Spa; fixiert. „Vertr;dle unterwegs keine Zeit mit Quatschen. Kauf Wodka und komm schnell zur;ck. Los! Beeil dich!“
„Mach mal halblang. Ich bin nicht so unzuverl;ssig wie Miner. Ich werde dich nie im Stich lassen. Ich krieg das im Handumdrehen hin.“
Cardan machte sich auf den Weg, um Alkohol zu besorgen, und Mikey ging eifrig daran, einen Imbiss zuzubereiten. Er sch;lte ein paar Kartoffeln, erhitzte eine Pfanne und gab einen Schuss Sonnenblumen;l hinein. Es brutzelte! Wow, lecker! Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. „Vielleicht reicht eine Flasche nicht?“, schoss es Mikey durch den Kopf. „Bei so einem Imbiss schaffen wir wahrscheinlich sogar einen ganzen Liter Wodka. Da habe ich mich wohl geirrt. Ich h;tte ihm mehr Geld geben sollen.“
Der Duft gebratener Kartoffeln breitete sich in der K;che aus. „Cardan kommt jeden Moment zur;ck, ich muss mich beeilen.“ Mikey holte Gurken und Tomaten aus dem K;hlschrank, schnitt sie in Scheiben, f;gte eine Zwiebel hinzu, bestreute alles mit etwas Salz und machte etwas Sonnenblumen;l dar;ber. Danach stellte er den Salat und die Bratkartoffeln auf den Tisch und schnitt Brot auf – der Imbiss war fertig. Er setzte sich auf einen Stuhl und bewunderte die Gerichte, die er zubereitet hatte. „Was f;r ein Prachtst;ck! Mein Herz klopft wie wild. F;r das perfekte Festmahl fehlt nur noch der Wodka. Cardan ist sicher gleich wieder da. Ich kann es kaum erwarten, mich darauf zu st;rzen“, dachte Mikey voller freudiger Erwartung. Doch das Schicksal hielt eine unerwartete Wendung f;r ihn bereit. Eine halbe Stunde war bereits vergangen, aber von Cardan fehlte jede Spur. Mikey trat auf die Stra;e und sp;hte in die Ferne – niemand zu sehen. Ungeduldig drehte er D;umchen. Dann setzte er sich ruckartig hin. Stand wieder auf. Er lief vor seinem Haus die Stra;e auf und ab. Er war v;llig au;er sich. Eine Stunde verstrich, dann noch eine. Immer noch keine Spur von ihm. Seine Geduld war am Ende. „Herrje, wo bleibt er nur?“, murmelte Mikey klagend. Die Situation entglitt ihm. Es sah nicht so aus, als w;rde Cardan so bald auftauchen. Er konnte nicht fassen, dass Cardan sich nicht an die Abmachung gehalten und ihn so grausam hinters Licht gef;hrt hatte.
„Damit hatte ich nicht gerechnet“, dachte er. Langsam d;mmerte ihm sein Fehler. Der Gedanke daran nagte immer heftiger an ihm.
„Was soll ich nur tun?“, murmelte er voller Verzweiflung.
Schlie;lich riss ihm der Geduldsfaden. „Wenn er nicht zu mir kommt, komme ich eben zu ihm. So oder so wird er daf;r teuer bezahlen.“ Mikey kochte vor Wut. „Ich lasse mich von niemandem zum Narren halten“, quiekte er und machte sich eilig auf den Weg, um Cardan zu suchen. Nach kurzer Zeit lief Mikey ihm ;ber den Weg. Cardan torkelte betrunken nach Hause und sang:
„Lieb mich, lieb mich nicht;
ich bin ja noch jung.
Die Zeit wird kommen – du wirst dich in mich verlieben.
Doch, Liebling, dann ist es l;ngst zu sp;t.“
Mikey nahm all seinen Mut zusammen, um Cardan gegen;berzutreten, und startete seinen wohl;berlegten Angriff. Mit Adrenalin in den Adern st;rzte er sich wie ein Raubtier mit aller Kraft auf seine Beute.
„Da bist du ja! Wo ist die Flasche? Wo ist das Geld? Du bist ein Betr;ger – hast du beschlossen, mich zum Narren zu halten?!“
Cardans Schicksal schien besiegelt, doch dann griff eine F;gung des Schicksals ein. Cardan begriff, dass er unterliegen w;rde, und ging auf den herannahenden Angreifer zu – ein verzweifelter Versuch, sich an einen Strohhalm zu klammern. Wider alle Erwartungen wich er Mikeys Angriff auf wundersame Weise aus, indem er auf die Knie fiel und dessen Beine mit den Armen umschlang. Mit bemerkenswerter List begann Cardan kl;glich zu jammern: „Oh, mein Liebster, oh, mein lieber Misha! Oh, mein Kleiner! Ich gebe es zur;ck! Ich gebe es zur;ck! Ich werde das regeln – ganz sicher! Tut mir leid! Tut mir leid! Ich hatte schreckliche Kopfschmerzen! Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen!
Ich gebe es zur;ck! Ich gebe dir alles zur;ck! Es ist mir nur so herausgerutscht! Ich mache alles wieder gut – bis auf den letzten Pfennig!“
Noch nie war Mikey so w;tend gewesen, und noch nie hatte man ihn so erb;rmlich um Gnade angefleht. Sein Herz war ersch;ttert. Seine Entschlossenheit schwand dahin. Der Zorn wandelte sein Wesen – wie Schnee, der in einer warmen Hand schmilzt und zu Wasser wird. Mitleid und Erbarmen ergriffen sein Herz. Ihm wurde klar, dass Cardan nicht aus b;sem Willen gehandelt hatte. Sein Gewissen war rein. Seine Absicht war eine ganz andere gewesen: eine gutartige. Es musste das Werk des Teufels gewesen sein.
„Nun gut, kommen wir zum Punkt. Wann gibst du es zur;ck?“, fragte er beschwichtigend.
„Morgen! Morgen! Ich werde alles wiedergutmachen!“
Doch das Gl;ck schlug um. Die Dinge liefen schief, und Cardan beglich seine Schulden weder am n;chsten Tag noch an irgendeinem anderen ... Mikey konnte sich keinen Reim darauf machen. Es haftete Cardan etwas Seltsames an, das er einfach nicht begreifen konnte. Es schien sich immer wieder dasselbe Muster zu wiederholen. Er ahnte, dass es so kommen musste und er nichts daran ;ndern konnte. Pl;tzlich traf ihn die Erkenntnis wie ein Blitzschlag. Ihm wurde klar, dass seine Leichtgl;ubigkeit ihn fatal in die Irre gef;hrt hatte. Zun;chst weigerte er sich, der offensichtlichen Wahrheit ins Auge zu sehen, doch langsam und widerwillig f;gte er sich in sein Schicksal. Einen Moment lang schien sein Verstand v;llig blockiert. War Naivit;t ein Teil seines Wesens? W;rde er sie jemals ablegen? Welche Lehren konnte er daraus ziehen, was musste er an seinem eigenen Verhalten ;ndern? Nach einer langen Phase schmerzlicher Selbstvorw;rfe akzeptierte er die Wahrheit schlie;lich so, wie man anerkennt, dass ein Arm oder ein Bein zu einem selbst geh;rt. Dann seufzte er und fl;sterte w;tend durch zusammengebissene Z;hne – wie ein getretener Hund mit eingezogenem Schwanz: „Typisch f;r mich! Ich h;tte nie geahnt, dass Cardan sich als so ein mieser Kerl entpuppen w;rde. Oh, dieser schreckliche Betr;ger! Das n;chste Mal kommt er nicht so leicht davon! So viel steht fest!“
DAS ESSBARE S;GEMEHL
Man kann unaufh;rlich ;ber den Sinn des Lebens philosophieren und anderen erkl;ren, wie man vern;nftig handelt – denn Probleme fallen einem leichter auf, wenn sie nicht die eigenen sind. Ein reicher, erfolgreicher Mann blickt auf einen elenden Wicht herab, der au;er Alkohol nichts Gutes in seinem Leben hat, und verurteilt ihn, indem er ihn mit sich selbst vergleicht. Doch wenn man einem solchen klugen Mann seine k;rperliche Attraktivit;t, seine Familie, seinen Job, sein Geld und seine Freunde n;hme und ihn in bitterste Armut st;rzte – was w;rde dann aus ihm? W;re er noch stolz auf sich, wenn er in den Spiegel blickte und von allen verachtet und ausgegrenzt w;rde? Oder gel;nge es ihm vielleicht, seine finanzielle Lage in einem Dorf zu verbessern, in dem es weder einen anst;ndigen Arbeitsplatz noch die M;glichkeit gibt, genug Geld f;r mehr als ein wenig Essen und etwas Kleidung zu verdienen? Mit wem sollte er reden, wenn er keine Familie hat? Er kommt abends nach Hause und trifft nur auf Langeweile, Einsamkeit und Traurigkeit. So sehr er sich auch bem;ht, Anschluss bei den Dorfbewohnern zu finden – er erntet daf;r nur Verachtung. Er kann nicht anders, als hin und wieder ein oder zwei Gl;ser Wodka zu trinken, denn im angetrunkenen Zustand scheint das Leben f;r ihn besser zu werden. Im Alkohol findet er Frieden und Zerstreuung. Es ist die Hoffnungslosigkeit, die einen Menschen dazu treibt, sich zu betrinken und seine Probleme zu vergessen.
Es ist leicht, ;ber andere zu urteilen. Doch was genau hat ein solcher Moralapostel selbst getan, um das Leben der Menschen in einem ukrainischen Dorf zu verbessern? Ich bitte Sie: H;ren Sie auf, anderen Predigten zu halten. Wenn Sie ihnen nicht helfen k;nnen, sollten Sie besser schweigen und sich um Ihre eigenen Angelegenheiten k;mmern.
„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem eigenen Auge?“
(Matth;us 7,3)
Wenn in einer armen Familie ein Kind zur Welt kommt, haben die Eltern nicht genug Zeit, es angemessen gro;zuziehen, da sie von fr;h bis sp;t arbeiten m;ssen. Sie stehen vor einem Dilemma: Entweder man bleibt zu Hause und k;mmert sich um das Kind, w;hrend die Familie hungert, oder man geht Geld verdienen, und das Kind verwahrlost. Ein solches Kind tut sich in der Schule schwer: Es muss den Eltern im Haushalt helfen und hat schlicht nicht genug Zeit f;r die Hausaufgaben. Nach der Schulzeit fehlt den Eltern das Geld, um ihm ein Studium zu erm;glichen. Ihm bleibt nur, im Dorf herumzulungern oder in einer Gro;stadt Arbeit zu suchen. Doch dort wird es nicht gebraucht – au;er als einfacher Handlanger. Ein solcher Wanderarbeiter schuftet oft auf dem Bau, gie;t Betonb;den und schleppt Ziegelsteine ;;f;r das Mauerwerk. Und wieder landet er in derselben Hoffnungslosigkeit, denselben elenden Verh;ltnissen und verf;llt demselben exzessiven Trinken. Klingt das nicht d;ster und deprimierend? Das tut es gewiss. Ein Lichtblick ist es, wenn er heiratet: In der Familie findet er seinen Zufluchtsort. Ein solcher Mensch fasst allm;hlich Fu;. Indem er f;r Frau und Kinder sorgt, findet er einen Sinn im Leben. Wer jedoch als Dorfbewohner unverheiratet bleibt, ist oft verloren. Solche M;nner verfallen h;ufig dem Alkohol; sie gehen an diesem trostlosen Leben zugrunde. Viele von ihnen finden ein tragisches Ende. Der Alkohol verschafft einer verzweifelten Seele nur vor;bergehend Linderung. Meist ist es nicht die harte Arbeit, die Menschen vorzeitig ins Grab bringt, sondern das Fehlen eines aktiven sozialen Lebens. Wo sind die fr;heren Volksfeste und Sportwettk;mpfe, bei denen das ganze Dorf zur Unterhaltung zusammenkam? ... Wo ist die einstige Ehre geblieben? Wo ist die M;glichkeit, sich am Arbeitsplatz zu bew;hren und gesellschaftliche Anerkennung zu finden? Man sollte dem Menschen die Chance geben, seine Bedeutung und seinen Wert zu sp;ren – nicht nur f;r sich selbst, sondern auch f;r andere! Man sollte Bedingungen schaffen, die pers;nliches Wachstum zum Wohle der Gemeinschaft erm;glichen! Man sollte dem Mann die Gelegenheit geben, sein Talent zu entfalten sowie k;rperliche Kraft, Geduld und Flei; unter Beweis zu stellen – und ihn daf;r mit ;ffentlicher Anerkennung belohnen! Man sollte ihm endlich die M;glichkeit geben, seinen Lebensunterhalt zu verdienen! Erst dann haben solche Ratgeber das moralische Recht, anderen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben. Nach den Gesetzen der Natur besitzen die meisten von uns ;hnliche St;rken und Schw;chen. Unser Verhalten ist die innere Reaktion unseres Gehirns auf ;u;ere Umst;nde – und nichts weiter.
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und mit dem Ma;, mit dem ihr messt, wird euch zugemessen werden“ (Mt 7,1).
Cardans Leben nahm seinen gewohnten Lauf. Ist es denkbar, dass ein Ukrainer selbst am Wochenende einfach zu Hause vor dem Fernseher sitzen w;rde? Niemals! Er ist stets mit h;uslichen Arbeiten eingedeckt – selbst wenn es eigentlich nichts zu tun gibt, findet er eine Besch;ftigung. Die Ukrainer zeichnen sich durch ihren Flei; aus: Sie lieben die Arbeit um der Arbeit willen und bleiben nicht ohne triftigen Grund unt;tig.
Cardan stieg die Treppe zum Dachboden seines Hauses hinauf. Wie ;blich litt er am Morgen unter einem Kater. Ob Wochenende oder Wochentag – man muss immer in Bewegung bleiben und zusehen, dass das Leben weitergeht. Er entdeckte einen Stapel S;cke, die unter einer dicken Staubschicht lagen, da sie dort schon lange lagerten. Er nahm den obersten Sack – das musste reichen. M;hsam und schwerf;llig bew;ltigte er den Weg nach unten. „Oh, schon wieder dieser schreckliche Kater“, st;hnte er gequ;lt. „Gestern war es einfach zu viel Alkohol.“ „Zu viel, zu viel, zu viel ...“, hallte es klagend und pochend in seinem Kopf nach. Er ging zu einem S;gewerk und f;llte den Sack mit S;gemehl. Anschlie;end begab er sich zur Schweinefarm. In der N;he des Lagers sammelte er einige Handvoll Getreidefutter und f;llte damit den oberen Teil des Sacks, sodass das S;gemehl sorgf;ltig bedeckt war.
Im Dorf leben viele einsame alte Frauen, da die M;nner dort aufgrund der harten Lebensbedingungen fr;h sterben. Oft sind sie in dieser grausamen Welt ganz auf sich allein gestellt und haben niemanden an ihrer Seite, der sich um sie k;mmert. Nachdem sie ihre morgendlichen Pflichten erledigt haben, eilen sie zum ;rtlichen Laden.
Unterwegs trifft eine dieser alten Frauen meist auf jemanden, der ebenso einsam ist wie sie; sie beginnen zu plaudern und tauschen Neuigkeiten aus dem Dorfleben aus. Die Zunge kommt gar nicht mehr zur Ruhe – doch das macht nichts, denn der Mensch kann nicht ohne den Austausch mit anderen leben. Sie w;rden wohl endlos weiterplaudern, doch leider dr;ngt die Zeit: Die Hausarbeit wartet auf sie. Ein Gem;segarten, ein Kartoffelacker, eine Kuh, Schweine, G;nse, H;hner – und wozu so viel von allem f;r eine alte Frau? „Es ist unerl;sslich, einen gro;en Vorrat an Lebensmitteln zu haben! Das ist ein gutes Mittel, um dem Hungertod zu entgehen“, antwortet eine solche hart arbeitende Frau gew;hnlich.
Das Echo der Hungersnot von 1932/33 hat ;ber Jahrzehnte hinweg eine panische Angst vor dem Hunger in unsere K;pfe gepflanzt. Manchmal fragt man eine B;uerin aus Neugier: „Warum lagern Sie trockenes Brot so lange in S;cken auf dem Ofen? Es verdirbt doch, ehe man sich versieht; M;use werden es sicher zerfressen!“
„Ach, du wei;t nicht, mein Sohn, was eine Hungersnot ist“, antwortet sie meist mit gedehnter Stimme. „Wenn harte Zeiten kommen, habe ich einen Sack trockenes Brot und werde nicht verhungern“, erkl;rt sie dann oft niedergeschlagen.
Und es ist unm;glich, ihr klarzumachen, dass es heute keine solchen harten Zeiten mehr geben wird, dass eine solche Hungersnot nicht wiederkehren wird. Man bittet sie, sich auszuruhen, sich zu vergn;gen, fernzusehen – doch nein, man kann sie nicht umstimmen. Stalin hatte es geschafft, das Land, das einst die Kornkammer Europas war, an den Rand des Hungertods zu treiben. Es scheint, als w;rde uns die Angst, zu verhungern, noch lange Zeit qu;len.
Heutzutage droht kein Hungertod mehr. Mit der Zeit hat unsere Angst davor etwas nachgelassen. Wir trocknen kein Brot mehr. Aber wir kaufen s;ckeweise Salz, Zucker, Mehl und Getreide auf Vorrat – nur f;r den Fall. Wir hungern nicht, doch wir haben einen Kult um das Essen entwickelt, und unsere Tische biegen sich unter ;ppigen Speisen, wenn wir G;ste empfangen. Tatsache ist: Nirgendwo sonst auf der Welt gab es ein Land, dessen gesamte Bev;lkerung durch eine k;nstlich herbeigef;hrte Hungersnot vernichtet wurde. Die Angst vor dem Verhungern zwang die Menschen in manchen F;llen sogar dazu, „ihresgleichen“ zu essen.
Man kann nicht allzu lange dar;ber reden: Es ist unm;glich. Man kann es sich schlicht nicht leisten, Zeit mit Nebens;chlichkeiten zu verschwenden.
Die alten Frauen stapfen zu ihren H;fen zur;ck. Die Arbeit duldet keinen Aufschub: Das Kartoffelbeet muss gej;tet werden, die Kuh muht – sie muss dringend gemolken werden, das Schwein quiekt – es muss gef;ttert werden. L;rm, Muhen, Grunzen, Schnattern, Bellen – die gewohnte h;usliche Ger;uschkulisse. Also melkt sie schnell die Kuh, f;ttert die Schweine, die G;nse und die H;hner – Stille. Die H;hner sind satt und zufrieden und picken auf dem Hof: Gack-gack, gack-gack. Gut, es ist Zeit, in den Garten zu gehen. Das Leben geht Tag f;r Tag unver;ndert weiter, bis der Tod einer so starken, willensstarken und tatkr;ftigen Frau ein Ende setzt. Es gibt keine Macht auf der Welt, die ihren Arbeitswillen brechen k;nnte – au;er dem Grab.
Pl;tzlich klopfte jemand an das Tor.
„Verzeihung, gute Frau, brauchen Sie Getreidefutter?“, h;rte sie Cardans verlockende Stimme.
Wenige Minuten sp;ter ;ffnete sich das Tor, und eine alte Frau trat auf die Stra;e. Die Jahre hatten ihr Gesicht gezeichnet, es mit Falten ;berzogen und ihm die einstige Frische geraubt. Harte Arbeit hatte ihre ehemals schlanke Gestalt gebeugt.
„Und wie viel wollen Sie daf;r haben?“, fragte sie ungl;ubig.
„Einen Liter Wodka, dann geh;rt es Ihnen. Ich gebe es fast umsonst ab. Wenn Sie es nehmen, bringe ich Ihnen morgen fr;h gleich noch einen Sack vorbei.“
Nun, sie rechnete kurz nach und beschloss, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt f;r langes Z;gern war.
„In Ordnung. Ich hole jetzt einen leeren Sack, und Sie f;llen das Getreidefutter in meinen um.“
„Das ist nicht n;tig. Nehmen Sie es mitsamt dem Sack. Falls Sie selbst einen Mangel an S;cken haben, bringe ich Ihnen morgen ein paar umsonst vorbei.“
„Mir bleibt nichts anderes ;brig, als es zu nehmen“, entschied die alte Frau. Es lie; sich nicht ;ndern: Vieh und Gefl;gel mussten gef;ttert werden.
Der Handel war besiegelt. Cardan, zufrieden mit dem Ergebnis, machte sich mit der Wodkaflasche auf den Weg; die alte Frau ging daran, das Abendfutter f;r die Schweine zuzubereiten. Sie nahm eine Handvoll des Getreidefutters und fuhr mit den Fingern durch das S;gemehl. Sie griff tiefer hinein. Nein, das konnte kein echtes S;gemehl sein. Sie traute ihren Augen kaum. Immer tiefer w;hlte sie, doch sie fand nichts als S;gemehl. Schlie;lich kippte sie den Sack auf den Boden und sch;ttelte den Inhalt heraus. Leider war darin nichts als S;gemehl. „Oh, dieser Betr;ger! Oh, dieser Gauner! Oh, dieser Schurke!“, schimpfte die alte Frau auf Cardan.
Nachdem sie sich ausgiebig beklagt hatte, h;rte sie schlie;lich auf zu fluchen, setzte sich auf die T;rschwelle ihres Hauses, seufzte und sagte w;tend: „Oh, dieser Mistkerl!“
Am n;chsten Morgen ging sie einkaufen. Sie erz;hlte all ihren Freundinnen von Cardans Trick. „Wie konntest du so einem Betr;ger vertrauen? Wei;t du denn nicht, wie viele Leute im Dorf er schon hinters Licht gef;hrt hat? Jag ihn fort, wenn du ihn wieder siehst! Lass ihn nicht in die N;he deines Hauses!“, rieten sie ihr.
Am Morgen erwachte Cardan mit dem ;blichen Kopfschmerz. „Kann es auch andersherum sein?“, dachte er. „Es bedeutet einfach, dass der gestrige Tag ein Erfolg war. Es w;re sch;n, heute auch etwas zu trinken. Je mehr, desto besser.“ Er nahm einen weiteren leeren Sack vom Stapel auf dem Dachboden und ging erneut zum S;gewerk. Nachdem er ihn mit S;gemehl gef;llt hatte, kehrte er nach Hause zur;ck. Dann klemmte er sich seinen letzten Sack Getreidefutter aus dem eigenen Vorrat unter den Arm, lud beide S;cke auf das Fahrrad und machte sich daran, seinen neuen Plan in die Tat umzusetzen.
Er klopfte laut an das Tor.
„Entschuldigung! Brauchen Sie Getreidefutter?!“
Wenige Augenblicke sp;ter ;ffnete sich die T;r und eine alte Frau trat auf die Stra;e. Sie ;berh;ufte Cardan mit w;sten Beschimpfungen. Es stellte sich heraus, dass die alte Frau bereits am Morgen von seinem gestrigen Streich beim Laden erfahren hatte.
„Verschwinde von hier, auf dass selbst dein Geist den Weg zu meinem Haus vergisst!“, sagte sie und winkte abweisend mit der Hand.
„Ich kann nichts daf;r“, stellte sich Cardan dumm. „Es war genau umgekehrt. Ich bin es gewesen, der von meinen Arbeitskollegen betrogen wurde. Sie gaben mir einen Sack Getreidefutter, um ihn gegen Alkohol zu tauschen, dr;ckten mir aber stattdessen einen Sack mit Holzsp;nen in die Hand. Damit hatte ich nicht gerechnet. H;tte ich das gewusst, h;tte ich das niemals getan. Ich habe ihr gerade meinen eigenen Sack Futter gebracht. Das Missverst;ndnis ist bereits ausger;umt.“
„Denkst du etwa, ich glaube dir das so einfach?“
Die alte Frau holte einen leeren Sack und einen Eimer aus dem Hof.
„F;lle das Getreidefutter Eimer f;r Eimer in den anderen Sack um, w;hrend ich zusehe.“
Nach und nach hellte sich die Frau auf und sie strahlte ;ber das ganze Gesicht.
„Wow! Das ist fantastisch! Da ist nichts als Getreidefutter drin! Kein S;gemehl, keine Holzsp;ne.“ Ihre rechtschaffene Emp;rung verflog. „Warte einen Moment, ich hole dir eine Flasche Wodka.“ Sie beschloss, ihm im Zweifel zugunsten zu entscheiden.
Die alte Frau ging ins Haus. W;hrenddessen holte Cardan den versteckten Sack mit S;gemehl hervor und stellte den Sack mit Getreidefutter an dessen Stelle. Die alte Frau kam mit einem Liter Wodka heraus. Der Handel war besiegelt. Nach einer Weile kehrte Cardan zur;ck, holte den Sack mit Getreidefutter aus dem Geb;sch, lud ihn auf das Fahrrad und fuhr nach Hause.
Am Abend h;rten alle Nachbarn die Fl;che, die auf Cardan niedergingen; sie nahmen kein Ende und kannten keine Grenzen. Schlie;lich wurde die alte Frau des endlosen Schimpfens m;de; sie trat gegen den Sack und fl;sterte: „Ach, du Betr;ger! Eines Tages wirst du bekommen, was du verdienst!“
UKRAINISCHES HALLOWEEN
Zu den wichtigsten Feiertagen, die in der Ukraine begangen werden, z;hlen Neujahr, Weihnachten, Ostern und der eigene Geburtstag. Zu dieser Liste der bedeutendsten Ereignisse des Jahres l;sst sich auch der Gedenktag f;r verstorbene Angeh;rige hinzuf;gen – von manchen auch Allerheiligen oder schlicht „ukrainisches Halloween“ genannt.
Viele junge Menschen versuchen, auf der Suche nach einem besseren Leben vom Dorf in die Stadt zu ziehen: Sie verlassen ihre Heimat, um dort Geld zu verdienen, zu heiraten oder eine Ausbildung zu beginnen. Anschlie;end versuchen sie, in der Stadt Fu; zu fassen und dort ein neues Zuhause zu finden. Manche jungen M;nner, die ihren Milit;rdienst geleistet haben, bleiben gleich dort und verpflichten sich f;r eine weitere Dienstzeit. Wer erst einmal andere, zivilisiertere Lebensbedingungen kennengelernt hat, hat es nicht mehr eilig, in das elterliche Haus zur;ckzukehren.
An Allerheiligen kehren meist viele derjenigen, die das Dorf verlassen haben und in anderen Teilen der Ukraine oder sogar im Ausland leben, an die Ruhest;tten ihrer Angeh;rigen zur;ck, um ihnen die Ehre zu erweisen – sofern es ihnen m;glich ist. Es ist ein Tag, an dem man ehemaligen Klassenkameraden und alten Freunden begegnen kann, die das Dorf schon vor vielen Jahren verlassen haben.
Nat;rlich k;nnen sie sich eine solche Reise nicht jedes Jahr leisten. Viele wohnen Hunderte oder gar Tausende Kilometer entfernt; eine so weite Reise kostet wertvolle Zeit und Geld. Doch irgendwann kommt im Leben der Moment, in dem der unwiderstehliche Wunsch, die Heimat zu sehen, Freunde und ehemalige Klassenkameraden zu treffen und sich ;ber deren Schicksal und Erfolge auszutauschen, sie dazu bewegt, ihren Heimatort zu besuchen. Sie nehmen Zeit und Kosten auf sich, nur um das emotionale Gl;cksgef;hl zu erleben, das die warmen Erinnerungen an die Vergangenheit mit sich bringen.
Da ist zum Beispiel ein Mann, der seine Heimat jahrzehntelang nicht besucht hat; er blickt auf die vertrauten H;user, B;ume und Menschen. Dieselbe Stra;e, derselbe Wald, derselbe Cardan ziehen an ihm vorbei. Ach, was f;r ein interessanter Mann das doch ist! Wie w;rden sich die Einheimischen wohl die Zeit vertreiben, g;be es seine Sp;;e nicht? Nur wenige nehmen ihm seine Scherze ;bel. Er ist ein netter Kerl, ein echter Spa;vogel. Man kann sich kaum vorstellen, wie viel Abwechslung er in das sonst so eint;nige Dorfleben gebracht hat! Es gab Zeiten, in denen die Dorfbewohner monatelang lachten, wenn sie von seinen Streichen erz;hlten.
Da ist das Haus, in dem der Mann aufwuchs, eine Bank vor dem Zaun, seine ehemaligen Nachbarn ... Einem ehemaligen Dorfbewohner scheint es, als bef;nde er sich tats;chlich in der Vergangenheit. Die sch;nsten Momente, die er in diesen Gassen verbracht hat, kommen ihm in den Sinn und w;rmen Herz und Seele.
An Allerheiligen ist das Wetter meist warm und sonnig, was der nostalgischen Tr;umerei eine helle, warme Note verleiht. Aus allen Winkeln des Dorfes str;men die Menschen zum ;rtlichen Friedhof. Es ist der einzige Tag im Jahr, an dem man so viele bekannte Gesichter sieht. Manche Menschen, die ihr Dorf lange nicht besucht haben, sind nur schwer wiederzuerkennen: Sie sind erwachsen geworden, haben sich ver;ndert, eine gewisse Bedeutung erlangt ...
Einige von ihnen sind mit ihren Kindern gekommen. Doch die Gesichtsz;ge, die sie genetisch von Vater und Mutter geerbt haben, verraten ihre Abstammung. Ein ;lterer Dorfbewohner betrachtet einen vorbeilaufenden Jungen und erkennt in ihm die Z;ge seines Vaters und Gro;vaters wieder.
Der Friedhof f;llt sich allm;hlich mit Menschen. Sie versammeln sich um die Gr;ber ihrer verstorbenen Angeh;rigen. Sie bringen Alkohol, S;;igkeiten und Geb;ck mit... Zuerst f;llen sie ein Glas mit Alkohol und stellen es auf das Grab, wobei sie den Glasboden sanft in die Erde dr;cken, damit es fester steht. Sie legen S;;igkeiten daneben und schm;cken auch das Kreuz damit. „Seine Seele ist jetzt bei uns. Wir sehen ihn zwar nicht, aber er beobachtet uns und nimmt an unserem Gespr;ch teil. Es w;re eine S;nde, ihm nicht auch etwas Alkohol anzubieten.“
Sie bekreuzigen sich und trinken; die K;pfe werden schwer, die Zungen l;sen sich. Sie erz;hlen Begebenheiten aus dem Leben ihrer verstorbenen Verwandten, sprechen von deren Taten, Errungenschaften und interessanten Momenten ihres Lebens. Jeder wei;, dass man nur Gutes ;ber die Verstorbenen sagen oder aber schweigen sollte. „Nun, schenk noch ein Glas Alkohol ein – wir m;ssen heute drei Gl;ser trinken. Man darf nicht mehr als drei Schn;pse trinken, aber auch nicht weniger als drei – das ist eine gro;e S;nde. Da kommt schon der Priester; man muss etwas geben: Geld oder ein paar S;;igkeiten“, bemerkt ein freundlicher Mann. Der Priester h;lt den Gottesdienst ab und geht zu einer anderen Gruppe von Menschen weiter. Die Dorfbewohner sind angeheitert, beseelt von den Erinnerungen, die kein Ende und keine Grenzen zu kennen scheinen.
Auch Cardan ist gekommen, um seine verstorbenen Verwandten zu ehren.
„Cardan, komm mal her“, ruft ihn ein Freund zu sich. „Hier ist ein Glas Wodka; trink und ehre meinen Vater und meine Mutter.“
„M;gen sie in Frieden ruhen“, sagt er teilnahmsvoll, bekreuzigt sich und trinkt.
Dann schenkt der Mann Cardan noch ein Glas Wodka ein.
„Nun, nun, nun – ein Glas ist eine S;nde. Du musst drei Schn;pse trinken“, erinnert ihn der Mann. Also: einer ist geschafft, zwei weitere folgen.
Cardan bekreuzigt sich erneut. „M;ge die Erde leicht auf ihnen ruhen“, sagt er und trinkt den zweiten Schnaps, dann den dritten. Mehr als drei Gl;schen darf man nicht trinken – das ist eine S;nde. Was f;r eine Figur w;rdest du abgeben, wenn du dich an einem solch ehrenvollen Tag betrinkst? Man sollte Respekt vor den Menschen haben. Sonst werden sie morgen ;ber dich urteilen. Es w;rde sich im Dorf herumsprechen, dass du dich ausgerechnet an Allerheiligen betrunken hast – eine schreckliche Schande. Cardan unterh;lt sich mit dem Mann und einigen anderen Dorfbewohnern, dann geht er nach Hause. Am Abend verlassen die Leute den Friedhof und hinterlassen S;;igkeiten sowie mit Alkohol gef;llte Gl;ser auf den Gr;bern.
Wie kein anderer im Dorf freute sich Cardan darauf, dass die Nacht hereinbrach. „Es ist Zeit“, dachte er und schritt auf den verlassenen Friedhof zu – einen Ort, den nachts nur Erwachsene aufsuchen, um dort zu tun, was Erwachsene eben so tun. In der aufkommenden D;mmerung sah er die mit Blumen und S;;igkeiten geschm;ckten Gr;ber. Sein Vorhaben war klar: Er w;rde zum Friedhof gehen, den Verstorbenen die Ehre erweisen und diesen unheimlichen Ort verlassen, bevor es stockfinster wurde. Der Plan war tadellos; nichts war dem Zufall ;berlassen. „Und wovor sollte man sich f;rchten? Ist jemals jemand von den Toten auferstanden?“ Cardan glaubte schon seit seiner Kindheit nicht mehr an M;rchen. Eine harte Realit;t hatte ihn gelehrt, das Leben so zu sehen, wie es ist.
Er trat an das erste Grab heran, hob behutsam das in die Erde gedr;ckte Wodkaglas auf, bekreuzigte sich mit den Worten „M;ge die Erde ihnen leicht sein“ und trank es aus. „Hier gibt es nichts, wovor man sich f;rchten m;sste“, redete er sich ein. „Tote k;nnen einem nicht schaden; vor den Lebenden muss man sich in Acht nehmen. Niemand, der gestorben ist, ist je aus dem Jenseits zur;ckgekehrt.“ Die umliegenden Gr;ber befl;gelten seine Fantasie, doch er sch;ttelte den Kopf, um die d;steren Bilder zu vertreiben. Dann nahm er ein paar Kekse vom Kreuz, a; einen Bissen, um die Wirkung des Alkohols in seinem Magen zu mildern, und versuchte weiterhin, sich beruhigende Gedanken zu machen. Anschlie;end ging er zum zweiten Grab und vollzog dasselbe Ritual. Dann zum dritten, zum vierten – ihm begann der Kopf zu schwirren, und die Gedanken an das Jenseits traten in den Hintergrund.
Cardan geriet in einen Rausch und konnte nicht anders, als mehr Gl;ser zu leeren, als eigentlich vorgesehen war. Er bemerkte gar nicht, wie schnell er betrunken wurde. Er suchte weiter nach Wodkagl;sern, wie ein Pilzsammler, der in einem d;mmrigen, dichten Wald nach Pilzen Ausschau h;lt.
Hier noch eins, da noch eins, und dort schon wieder eines – schlie;lich verlor er den ;berblick dar;ber, wie viel er getrunken hatte. Sein Bewusstsein setzte aus, und er verlor das Bewusstsein.
Traurig, aber wahr: Cardan war nicht gerade der Kl;gste im Dorf. Auch Gray war kein einfacher Zeitgenosse. Wie zwei Schiffe, die aufeinander zusteuerten, verringerten sie allm;hlich die Distanz f;r eine unvermeidliche Begegnung; doch eines der Schiffe warf den Anker und trieb auf halbem Weg stehen – Cardan war bei einem Grab eingeschlafen und in einen todes;hnlichen Schlummer gefallen. Er hatte sich einfach hinrei;en lassen, den ;berblick ;ber die Gl;ser verloren und der Versuchung eines hemmungslosen Trinkgelages nachgegeben. Er trug schwarze Kleidung und unterschied sich kaum von den verlassenen Gr;bern in der N;he. Als Cardan Schritte h;rte, begann er wild mit den Armen zu rudern und versuchte aufzustehen, um zu sehen, wer da war; dabei griff er nach dem Kn;chel von Gray, der gerade zwischen den Grabst;tten umherirrte. Ehe er ;berhaupt begriff, was geschehen war, st;rmte der erschrockene Gray vom Friedhof davon. Sein Kopf h;mmerte wild, sein Herz klopfte vor Angst, und seine Beine konnten mit seiner ;berst;rzten Flucht kaum Schritt halten. Ein gewaltiger Baum, der ihm im Weg stand, stoppte sein rasantes Vorankommen. Pl;tzlich wurde er durch den heftigen Aufprall auf den Baum zur;ckgeworfen. Er st;rzte auf ein Grab, doch wie ein Turner war er im Nu wieder auf den Beinen und st;rmte davon. Er sah nun nicht mehr doppelt – wie unter dem Einfluss von Alkohol –, sondern gleich dreifach vor lauter Angst. Das Hindernis aus Grabkreuzen erschwerte sein schnelles Vorankommen. Wieder stie; er gegen etwas, fiel hin, sprang auf und setzte seinen Lauf fort. Immer wieder versperrten ihm B;ume, Kreuze und Grabz;une den Weg nach drau;en. Es schien ihm, als w;rde er nicht aus dem Friedhof hinauslaufen, sondern als w;rden die Gr;ber ihn einkreisen und in ihre Umarmung ziehen wollen. Schlie;lich gelang es ihm, den Friedhof zu verlassen. Etwa hundert Meter dahinter blieb Gray stehen und ging in die Hocke. Er war vor Schreck wie erstarrt und zitterte am ganzen Leib. „Und warum bin ich weggelaufen?“, fragte er sich v;llig ratlos. „Nach all den Jahren des Gr;belns und der Hoffnung, vielleicht doch Kontakt zu jemandem aufnehmen zu k;nnen, der l;ngst verstorben ist. Nein! Worauf will ich eigentlich hinaus? Das ist doch v;llig abwegig. So etwas gibt es nur im Film. Also, komm mal wieder runter und zur;ck auf den Boden der Tatsachen.“
„H;chstwahrscheinlich war es ein Mensch. Ich hatte eigentlich auf ein ordentliches Festmahl gehofft, aber jemand war mir zuvorgekommen. Irgendein Betrunkener muss zwischen den Gr;bern geschlafen haben, als ich ;ber ihn stolperte. Es geschah so unerwartet, dass ich nicht einmal Zeit hatte zu begreifen, worum es sich handelte. Sollte ich zur;ckgehen und der Sache auf den Grund gehen? Nein, ich mache mich wohl besser aus dem Staub. F;r heute reicht es.“
Langsam und tief durchatmend machte sich Gray auf den Weg ins Dorf. Es wurde dunkler und er konnte ringsum kaum etwas erkennen, doch er f;rchtete sich vor nichts mehr. Zwar hatte ihn kurz zuvor unwillk;rlich Panik erfasst – ein Moment der Angst, den er einfach nicht beherrschen konnte –, doch nun fand er seine Fassung wieder, auch wenn er noch immer etwas durcheinander und aufgew;hlt war. Dann dachte er bedauernd: „Auf den Gr;bern ist noch jede Menge Wodka ;brig geblieben. Wie schade, dass so viel Alkohol einfach verkommt!“
Was Cardan betraf, so hatte er nicht im Sinn, irgendwohin zu fliehen. Er schlief ruhig zwischen den Gr;bern weiter. Als er am Morgen erwachte, trank er „auf das Seelenheil“ des einen Verstorbenen, dann auf das eines anderen, und ging hin;ber zu Gray, der noch schlief. Er weckte seinen Freund, der gerade in s;;em Morgenschlummer im Bett lag. Beide bem;hten sich, ihr gestriges Abenteuer nicht zu verraten; sie sprachen ;ber belanglose Dinge und warfen einander immer wieder verstohlene Blicke zu! Beide ahnten, wer in der Nacht auf dem Friedhof gewesen war, doch keiner wollte es als Erster zugeben. Schlie;lich trafen sich ihre Blicke direkt, und Gray, dessen Neugier die Oberhand gewann, fragte mit einem schiefen L;cheln: „Ich nehme an, es steht au;er Frage, dass du letzte Nacht auf dem Friedhof warst.“
Cardan rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und l;chelte zur;ck. „W;rst du ;berrascht, wenn ich nicht dort gewesen w;re?“ „Gro;e Geister denken ;hnlich, nicht wahr?“
Pl;tzlich brachen beide in lautes, unkontrolliertes Gel;chter aus ...
Am n;chsten Tag brodelte die Ger;chtek;che gewaltig: Man hatte Cardan am fr;hen Morgen dabei beobachtet, wie er den Friedhof verlie;. Mehrere Frauen versammelten sich vor dem ;rtlichen Laden und begannen, ;ber Cardans neuestes Abenteuer zu tratschen. Sie plauderten und lachten, als eine der Frauen – die selbst schon Opfer seiner fr;heren Streiche geworden war – vor Wut rot anlief und ausrief: „Ich verstehe ja, dass daran nichts Strafbares ist, aber was f;r ein S;nder er doch ist!“ Das lie; das Gespr;ch f;r einen Moment verstummen.
DIE KOMISCHEN SCHWIEGERVERWANDTEN
Gorbatschows Ernennung zum Generalsekret;r der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und die darauffolgende Katastrophe von Tschernobyl gelten als Ausgangspunkt f;r den Untergang der Sowjetunion. W;hrenddessen verschwanden nach und nach die unterschiedlichsten Waren aus den Gesch;ften im ganzen Land. Ein entschiedener Kampf gegen den Alkoholismus f;hrte zu einer teilweisen Verknappung des Alkoholangebots und zu Preissteigerungen bei alkoholischen Getr;nken. In Kleinst;dten und D;rfern wurde Wurst zu einem Luxusgut – oder vielmehr zu einer kostbaren Rarit;t, f;r deren Erwerb man eigens nach Moskau oder Kiew reisen musste. Die Menschen fragten sich, wo Seife, Waschmittel, Tabakwaren, Zucker und all die anderen Waren geblieben waren. Alles schien sich in Luft aufgel;st zu haben. Zu kaufen gab es nur noch gesalzene Sprotten, Fischkonserven, Margarine, Mineralwasser und Brot. Doch manche schienen die Ursache f;r all das zu kennen. Es kursierten Ger;chte, dass Lebensmittel in den Lagerh;usern verrotteten – und zwar absichtlich, mit stillschweigender Billigung der Regierung. Welchem ;;Zweck ein solch massiver Mangel jedoch dienen sollte, wusste niemand.
Und wie h;tten sie das auch begreifen sollen? Wenn man bedachte, dass die Landarbeiter von fr;h bis sp;t auf den Feldern der Kolchosen schufteten und ebenso viel ernteten wie zuvor – wobei sie ihre gesamte Produktion an den Staat ablieferten –, dann musste definitiv etwas anderes dahinterstecken. Wahrscheinlich waren Regierungsbeamte f;r den Warenmangel verantwortlich. „Wo ist alles geblieben?“, fragten die Leute immer wieder.
Der gr;;te Schock war der Ausfall der Lohnzahlungen. Rentner waren die Einzigen, die – wenn auch mit gro;er Versp;tung – zumindest geringe Geldbetr;ge erhielten. Sie wurden buchst;blich zu den reichsten Bewohnern des Dorfes, da die Landarbeiter praktisch umsonst arbeiteten. Die Lohnr;ckst;nde summierten sich ;ber Zeitr;ume von bis zu f;nf Jahren. Schlie;lich wurde klar, dass die Kolchose ihre Schulden bei den Arbeitern nicht begleichen w;rde. ;ber Jahrzehnte aufgebaute Betriebe wurden abgerissen, um das Baumaterial zu verwerten und so zumindest einen Teil der ausstehenden L;hne zu bezahlen. Geld war inzwischen genauso rar geworden wie die Waren, f;r die man es h;tte ausgeben k;nnen. Doch es gab ein Allheilmittel, um dieses Problem vor;bergehend zu l;sen: Alkohol trat an die Stelle des Geldes als Tauschmittel. Selbst die Jugendlichen im Dorf wussten, wie viel Wodka man f;r eine bestimmte Dienstleistung eintauschen musste. Entweder arbeitete man umsonst, oder man nahm Wodka als Gegenleistung f;r seine Hilfe an. Es war fast unm;glich, anderen die Hilfe zu verweigern – die Dorfbewohner standen sich so nahe wie Verwandte. Wer die Hilfe verweigerte, lief Gefahr, dass man ihm dies ;belnahm und Ger;chte im Dorf verbreitete. Zweifellos gleicht ein schlechter Ruf dem Teer: Er haftet leicht an, l;sst sich aber nur schwer wieder abwaschen.
Im ;rtlichen Kulturhaus gab es fr;her Laienkunstgruppen und einen Chor. Es ist kein Geheimnis, dass die Ukrainer ein singendes Volk sind. Sie k;nnen nicht ohne Gesang, Tanz und Fr;hlichkeit leben. An jedem Feiertag trat der ;rtliche Chor auf; bisweilen nahm er auch an Gesangswettbewerben in der Kreisstadt teil. Zu besonderen Anl;ssen organisierten die ;rtlichen Beh;rden gro;e Feierlichkeiten mit Auff;hrungen, Sportwettk;mpfen sowie verschiedenen Wettbewerben, bei denen es auf Kraft und Geschicklichkeit ankam. Auf dem Dorfplatz stand eine hohe Stange. Wer es schaffte, an ihr bis zur Spitze zu klettern und ein dort angebrachtes nummeriertes Schildchen abzurei;en, gewann einen Preis. Ein solcher Gewinner galt als der Geschicklichste im Dorf und genoss die Achtung der Bewohner.
Das Dorfleben war fr;hlich. Jeden Tag lief ein neuer Film im Kino. Hochzeiten und Abschiedsfeiern f;r junge Rekruten, die zur Armee eingezogen wurden, fanden Schlag auf Schlag statt – solche Ereignisse lockten Dutzende oder gar Hunderte von G;sten an. Die Tische bogen sich unter der Last von Speisen und Alkohol.
Nachdem ein Gast sich an den ;ppigen Gerichten satt gegessen, getrunken, gesungen und getanzt hatte, war er von diesem Trubel ersch;pft und brauchte eine Atempause f;r seinen K;rper. Doch wie sollte das gehen? Schon eine Woche sp;ter wurde er erneut zu einer Feier eingeladen. Ja, das Leben war bunt, und es machte Spa; zu leben. Und wo war all das geblieben? W;hrend es in den Gro;st;dten lediglich zu Strukturver;nderungen kam und die Zahl der Kultur- und Unterhaltungseinrichtungen – und damit die kulturelle Entwicklung – sogar zunahm, war der wirtschaftliche Zusammenbruch f;r das Dorf eine Trag;die im wahrsten Sinne des Wortes. Gemeinsame Werte begannen zu schwinden. Das Dorf wandelte sich von einer kollektiven Gemeinschaft hin zu einer st;rkeren Orientierung an famili;ren Werten; jede Familie lebte nach ihren eigenen Regeln. Die Ziele und Aufgaben, die die Belegschaft einst im gemeinsamen Streben nach pers;nlichem und ;ffentlichem Wohlergehen vereint hatten, geh;rten der Vergangenheit an. Solche Ver;nderungen entzweiten die Menschen und machten sie w;tend, feindselig und verzweifelt.
In den ersten Jahren nach der Ausrufung der Ukraine als unabh;ngiger Staat arbeiteten die Kolchosbauern unter den alten sowjetischen Bedingungen weiter. Zwar wurde f;r die Arbeit nach wie vor kein Geld gezahlt, doch die Arbeitsnachweise wurden weiterhin gef;hrt, und die Arbeiter hofften, zumindest im Ruhestand eine Rente zu erhalten. Bewaffnete Konflikte in anderen Regionen der UdSSR zwangen einige Menschen, die das Dorf zu Zeiten der Bl;te der Sowjetunion verlassen hatten, zur R;ckkehr in ihre Geburtsorte.
Zu diesen R;ckkehrern geh;rte auch die Familie von Sucker. Sie verlie;en Aserbaidschan, verkauften ihre Wohnung in Baku und bauten im Heimatdorf des Vaters ein zweist;ckiges Haus, das mit seinem ungew;hnlichen, modernen Design die ansonsten wenig ansehnliche, heruntergekommene Stra;e aufwertete. Zur Familie von Sucker geh;rten drei weitere Br;der sowie der Vater, ein Offizier im Ruhestand. Die beiden ;lteren Br;der heirateten und zogen aus dem neu erbauten Haus aus. Sie fanden Arbeit als Mechaniker in den ;rtlichen Traktorenwerkst;tten und schienen den Wegzug aus Baku keineswegs zu bereuen. Sucker lebte weiterhin mit seinem Vater und einem j;ngeren Bruder zusammen, der bald darauf zur Armee eingezogen wurde, um seine Schuld gegen;ber dem Vaterland zu begleichen. Die Familie begann ein normales Leben auf dem Land. Sie pflanzten Kartoffeln an, kauften eine Kuh und richteten das Haus ein. Trotz der psychischen Belastung durch den Umzug aus einem anderen Land und der Umstellung vom st;dtischen Leben gelang es ihnen rasch, ihren verlorenen materiellen Wohlstand zumindest teilweise wiederherzustellen und sich die l;ndliche Lebensweise zu eigen zu machen.
Doch wie Genosse Lenin sagte: „Das Sein bestimmt das Bewusstsein.“ Sie konnten ihre individuellen Prinzipien nicht lange aufrechterhalten; die ;rtliche Gemeinschaft stellte sie vor neue Herausforderungen. Auf lange Sicht glichen sie sich den ;brigen Bewohnern an.
Als Sucker heiratete, wuchs seine Familie um eine ganze Reihe neuer Verwandter an. Die Eltern der Braut lebten v;llig sorgenfrei. Ihr einziges Anliegen war es, auf irgendeine Weise an Alkohol zu gelangen. Tag f;r Tag statteten die Schwiegerverwandten ihrem Angeh;rigen einen Besuch ab – einem Mann, der nach langj;hrigem Dienst als Armeeoffizier eine stattliche Pension bezog. Sie leisteten ihm moralischen Beistand, halfen im Haushalt und leisteten ihm bei einer Flasche Wodka Gesellschaft. Sie brachten Abwechslung in sein Leben und verliehen seinem grauen Dasein etwas Farbe. Mit der Zeit h;uften sich die Besuche; selbst die ordentliche Pension reichte nicht mehr f;r den Schnaps aus.
„Wir m;ssen etwas unternehmen“, beschlossen die Schwiegerverwandten. Sie sahen Cardan selbstbewusst die Stra;e entlanggehen. Er war ein Mann von mittlerer Statur mit einem g;tigen, verst;ndnisvollen und aufrichtigen Gesichtsausdruck; sein offenes Wesen weckte stets Hoffnung. Seine hellgrauen Augen erwiderten den k;hnen Blick eines jeden Gegen;bers, ohne zu blinzeln; seine schmalen Lippen sprachen ermutigende und beruhigende Worte. Seine stets vorgestreckte Brust und das aufgekn;pfte Jackett strahlten eine unb;ndige K;hnheit aus. Sein ganzes Erscheinungsbild schien zu sagen: „Auf mich kannst du z;hlen.“ Er war wortgewandt, ein umg;nglicher Mensch und stets empf;nglich f;r das Leid anderer.
„Das ist der Mann, den wir brauchen“, waren sich die Schwiegerverwandten einig. „Hey, Cardan, kannst du uns helfen, die Sache mit dem Verkauf eines Motorrads zu regeln? Benzin ist teuer, Ersatzteile sind nirgends zu bekommen – du wei;t ja, wie knapp alles ist. Es steht nur in der Garage und verrottet.“
„Du wei;t selbst, wie sehr ich euch sch;tze. Bei jedem anderen w;rde ich erst lange ;berlegen. Aber wenn es um euch geht, helfe ich jederzeit gerne.“
„Das klingt vern;nftig. Man muss sich gegenseitig helfen.“
„Ein Motorrad, sagst du? Ich denke, das l;sst sich machen. Ich werde einen K;ufer f;r euch finden. Es ist wirklich schade, wenn so ein gutes St;ck verkommt. Es w;re besser, wenn es jemand repariert und sinnvoll nutzt.“ „Wenn du uns beim Verkauf hilfst, lassen wir dich nicht im Stich; wir bezahlen dich anst;ndig. Du wei;t ja, wie das Sprichwort geht: Eine Hand w;scht die andere.“
Schon nach wenigen Tagen fand Cardan einen K;ufer, und das Motorrad kam unter den Hammer.
Leider war der Erl;s aus dem Verkauf bald durchgebracht. Und wieder stellte sich die Frage: Wie sollte es weitergehen?
„H;r mal, Verwandter“, sagten die Schwiegerverwandten schlie;lich, „wozu brauchst du eigentlich die Garage? Sie steht ohnehin immer leer. Du hast weder ein Motorrad noch ein Auto. Warum soll sie da im Hof ;;stehen und blo; Platz wegnehmen? Klingt das nicht logisch?“
„Ja, ihr habt recht. Gegen Logik l;sst sich nichts einwenden“, stimmte er einsichtig zu.
Sie bauten sie ab, um das Material zu verwerten, und Cardan half ihnen beim Verkauf. „Was f;r ein guter Kerl Cardan doch ist; er springt immer ein, wenn Not am Mann ist, und packt stets mit an“, sagten die Schwiegerverwandten oft zueinander, wenn sie bei einem Glas zusammensa;en. „Was w;rden wir nur ohne ihn tun? Er reagiert so schnell. Er versteht es so gut, auf Menschen zuzugehen. Er scheint jedem alles verkaufen zu k;nnen.“
Sobald das Geld aus dem Verkauf der Garage aufgebraucht war, standen die Verwandten erneut vor derselben Frage: Wie sollte es weitergehen?
Daraufhin bauten sie den eisernen Zaun ab und verkauften ihn an einen Schrotth;ndler. W;hrend sie tranken und feierten, bemerkten sie gar nicht, wie der Sommer verflog.
„H;r mal, Verwandter, wozu brauchst du eigentlich eine Kuh? In deinem Schuppen liegt kein Heu. Womit willst du sie f;ttern? Wir m;ssen sie verkaufen, sonst verhungert sie noch. Klingt das nicht logisch?“
„Nun, selbst wenn ich der Logik widersprechen wollte, k;nnte ich es nicht. Das ist unbestreitbar“, stimmte er weise wie ein Philosoph zu.
Sie verkauften die Kuh. Den ganzen Winter ;ber tranken und feierten sie. Als der Fr;hling herannahte, fragten die Verwandten ihren Verwandten: „Wozu brauchst du im Sommer die gusseiserne Herdplatte? Lass sie uns verkaufen. Wenn der Winter kommt, kaufen wir eine neue. Klingt das nicht logisch?“
„Ja, das tut es. Du hast schon wieder recht. Das entspricht absolut der Logik und ist nicht zu widerlegen. Der Grund ist einfach: Im Sommer brauche ich keinen Herd“, stimmte der Verwandte gelassen zu.
„Cardan, kannst du einen K;ufer f;r die gusseiserne Herdplatte finden? Wir bezahlen dich gut, wenn du uns hilfst“, schlugen sie vor.
„Nun, ich bin offen daf;r. Aber wie soll ich einen K;ufer f;r eine gebrauchte Herdplatte finden? Zuerst muss man sie zeigen; erst dann kauft sie vielleicht jemand.“
„Einverstanden. Nimm sie.“ „Damit findest du schneller einen K;ufer“, r;umten die Schwiegerverwandten ein.
Cardan lud die Herdplatte auf ein Fahrrad und machte sich auf die Suche nach einem K;ufer. Unterwegs fasste er jedoch einen hinterh;ltigen Plan. Er versteckte die Herdplatte in einem Geb;sch und ging zum n;chstgelegenen Haus.
„Verzeihung“, rief er, w;hrend er an das Tor klopfte, „brauchst du eine gusseiserne Herdplatte f;r den Ofen?“
Eine Minute sp;ter kam der Hausbesitzer zu Cardan heraus.
„Du sagst, eine Herdplatte. Was soll sie kosten?“
„Einen Liter Wodka.“
„Wo ist sie?“
„Wenn du mir den Wodka gibst, bringe ich sie dir sofort.“
Die Stirn des Mannes legte sich misstrauisch in Falten.
„Ach, Cardan“, sagte er, „ich bin niemand, den man so leicht f;r dumm verkaufen kann. Zeig mir erst die Herdplatte, dann bezahle ich dich daf;r. Du wei;t ja, wie das l;uft.“
„Lass es mich dir logisch erkl;ren“, begann Cardan auf philosophische Weise – ganz so, wie es ihn die Schwiegerverwandten gelehrt hatten. „Wie k;nnte ich den Leuten etwas wegnehmen, ohne daf;r zu bezahlen? Bei meinem Naturell w;rden sie mich doch sofort wieder zu dir schicken.“
„Ja, du hast recht, das klingt logisch. Ich w;rde dir auch nicht trauen. Moment! Ich bin gleich wieder da.“
Der Mann ging in den Hof und kam wenige Minuten sp;ter mit einem Liter Wodka zur;ck.
„Versuch blo; nicht, mich zu betr;gen! Du kennst mich gut! Wenn ich dich beim L;gen erwische, bist du erledigt. Ich verpasse dir eine Tracht Pr;gel, die du nie vergessen wirst!“
„Ich wei;, ich wei;! W;rst du nicht du, sondern jemand anderes, dann w;rde ich ihn vielleicht zum Narren halten. Aber ich wei;, dass solche Tricks bei dir nicht ziehen.“
„Genau so ist es, Cardan; ich sehe, dass du das begriffen hast.“ Sein Gesicht hellte sich selbstgef;llig auf.
Sp;ter nahmen die Dinge ihren Lauf, ganz im Einklang mit der Logik: Weder die Schwiegerverwandten noch der Mann selbst bekamen jemals wieder die Wodkaflasche oder die Herdplatte zu Gesicht.
Der auf grausame Weise Betrogene – verf;hrt durch die Gelegenheit, einen f;r seinen Haushalt notwendigen Gegenstand zu einem Spottpreis zu erwerben – war zun;chst au;er sich vor Wut. Wie konnte ihm so etwas nur passieren? Er begriff es nicht. Noch nie zuvor hatte das Schicksal ihm einen derart gnadenlosen Schlag versetzt. Die Wut lie; ihn weder bei Tag noch bei Nacht los. „Ach, du Mistkerl“, dachte er, „wenn ich dich erst in die Finger kriege, sch;ttle ich dir die Seele aus dem Leib.“ Er lief durch das Dorf, um nach Cardan zu suchen, doch dieser war wie vom Erdboden verschluckt. „Er hat wohl gro;e Angst. Er muss sich irgendwo verkrochen haben und darauf warten, dass sich die Lage beruhigt. Dieser Schurke wei; genau, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen werde“, redete er sich ein, um seinen gekr;nkten Stolz zu bes;nftigen.
Eine Woche verging, dann noch eine. Die Wut legte sich allm;hlich und wich einem Gef;hl der Verbitterung. Er begann, sich selbst zu bemitleiden und nach Ausreden zu suchen. Der Betrogene wollte nicht wahrhaben, dass er keineswegs der Kl;gste oder Weiseste auf der Welt war. Dennoch fand er eine Erkl;rung f;r sein Ungl;ck: Er hatte Cardan versehentlich vertraut, war unbedacht der Versuchung erlegen und hatte – ebenfalls unabsichtlich – bereits bezahlt, bevor er die Herdplatte ;berhaupt erhalten hatte. Und all das, obwohl er um Cardans Tricks und Betr;gereien wusste und genau kannte, wozu dieser Mann f;hig war. Es war also kein Fehler gewesen, der auf Dummheit beruhte; es war ein Missgeschick, das reinem Zufall geschuldet war.
Einen Monat sp;ter traf der Mann schlie;lich auf seinen Betr;ger. Cardan trat ihm mit selbstsicherem und aufrichtigem Blick gegen;ber. Dieser ehrliche, fast kindlich-unschuldige Gesichtsausdruck weckte in ihm ein gewisses Wohlwollen gegen;ber dem ;belt;ter. Im Laufe des vergangenen Monats waren Wut, Groll und Rachegel;ste weitgehend verflogen. Dennoch st;rzte er sich – um seinen Ruf zu wahren – aggressiv auf den hinterh;ltigen Gauner. Doch seine Emp;rung prallte an ihm ab wie R;ntgenstrahlen an Blei. Sie drang nicht im Geringsten durch. Cardan begegnete ihren Argumenten mit unwiderlegbarer Logik. Er gl;ttete die Wogen, indem es ihm gelang, bis ins kleinste Detail darzulegen, warum er die Herdplatte nicht mitgebracht und den Wodka nicht zur;ckgebracht hatte – wohin er gegangen war, mit wem er gesprochen hatte, was ihn an seinem Vorhaben gehindert und wer ihn davon abgehalten hatte: Eins ergab das andere, und die gesamte Situation lie; sich schlie;lich auf reinen Zufall zur;ckf;hren.
„Cardan dr;ckte sich so klar aus und brachte seine Argumente so ;berzeugend vor, dass es schwerfiel, ihm nicht zu glauben. Nat;rlich wusste ich im Hinterkopf, dass er log, doch aus irgendeinem seltsamen Grund wollte ich seine Argumente gelten lassen“, erz;hlte der Mann sp;ter seinen Dorfbewohnern, um sich zu rechtfertigen. Er verzieh Cardan, dass er auf dessen Betrug hereingefallen war, denn es stellte sich heraus, dass alles nur dem Zufall geschuldet war und niemand eine Schuld trug.
Diesmal kam Cardan ungeschoren davon. Er war es jedoch gewohnt, ein Leben am Rande der Legalit;t zu f;hren. Ein normales, friedliches Leben, wie die meisten Menschen es f;hrten, war ihm nicht m;glich. Es lag einfach in seiner Natur, in Schwierigkeiten zu geraten und sich dann wieder herauszuwinden.
Der Schwager und die ;brige Verwandtschaft begannen, ;berfl;ssige Haushaltsgegenst;nde zu verkaufen. Eisenbetten wurden an einen Schrotth;ndler ver;u;ert – es war ja logischer, auf dem Boden zu schlafen. Auch bei der Lagerung von Lebensmitteln im K;hlschrank hielt man sich nicht an die Logik; daf;r gab es schlie;lich den Keller. Da in den Zeitungen dieselben Nachrichten standen wie im Fernsehen, war ein Fernsehger;t im Haus ;berfl;ssig. Auf St;hlen sa; es sich genauso bequem wie in Sesseln oder auf Sofas; diese M;bel nahmen also nur wertvollen Platz im Haus weg.
Schlie;lich hielt das Herz des alten Offiziers diese entsetzliche Unlogik nicht mehr aus, und er schied in die „andere Welt“ dahin. Die Verwandten zogen in sein Haus, um dort gemeinsam mit ihrer Tochter und deren Mann zu leben. Alles, was sich verkaufen lie;, erwies sich als unn;tig f;r den Haushalt. Einige Jahre sp;ter starben auch sie und gingen an den Ort des „ewigen Friedens“, wo ihr Verwandter bereits auf sie wartete. Einer der vier Br;der zog nach Russland, der Heimat seiner Frau. Bald darauf wanderten auch seine drei Br;der nach Russland aus.
Eines Tages kamen sie zusammen und beschlossen: „Wozu brauchen wir ein Haus auf dem Land, in dem niemand wohnt? Lasst es uns abrei;en, das Baumaterial verwerten und verkaufen. Klingt das nicht logisch?“
„Das tut es“, stimmten alle Br;der einm;tig zu.
Nun streift an der Stelle, wo einst das sch;ne Haus die ganze Stra;e zierte, nur noch der Wind umher. Bei schlechtem Wetter braust er ;ber einen H;gel aus den ;berresten von Ziegeln und Schiefer hinweg. Wie ein rechtm;;iger Herrscher sp;rte er seine Kraft, erstarkte und fegte durch das Dorf, wobei er Dutzende von Bauernh;usern hinwegraffte. Die Menschen wussten nicht, wohin all das verschwunden war, doch die Antwort lag auf der Hand: Es war das Werk des b;sen Windes des Wandels gewesen.
DER STROMINSPEKTOR
„H;r zu, Cardan, ich verstehe nicht, warum die Leute dir blind vertrauen. Du hast wirklich ein H;ndchen f;r den Umgang mit ihnen. Obwohl du sie st;ndig t;uschst und – im wahrsten Sinne des Wortes – M;rchen auftischst, fallen sie immer wieder auf deine Tricks herein“, wunderte sich Gray mit ratlosem Gesichtsausdruck. „Wenn man dich in die Regierung w;hlen w;rde, w;rdest du das ganze Land ruinieren. Ein Gl;ck, dass du in einem gottverlassenen Dorf lebst und keine Gelegenheit hast, dein Talent f;r gewagte Unternehmungen voll zu entfalten. Du k;nntest die Leute so geschickt um den Finger wickeln, dass selbst Ostap Bender dich um dein K;nnen beneiden w;rde. Du w;rdest sicher etwas bewegen – zumindest f;r dich selbst – wenn man dir die Chance dazu g;be. Die Welt ist ungerecht. Der eine besitzt ein Verm;gen, der andere fristet ein k;mmerliches Dasein. Und die Kluft w;chst von Tag zu Tag. Man sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, wenn man sich ein St;ck vom Kuchen abschneiden will.“
„Wir alle bekommen in dieser Welt das, was wir verdienen. Ich bin mit meiner Rolle unter den einfachen Leuten zufrieden. Jemandem einen Streich zu spielen, liegt mir im Blut. Es ist f;r mich wie ein frischer Windhauch. Du wei;t ja, wie es hei;t: Sei albern, hab Spa;, sei anders, sei verr;ckt, sei du selbst. Denn das Leben ist zu kurz, um etwas anderes als gl;cklich zu sein! So einfach ist das.“
„Da sind wir wohl unterschiedlicher Meinung. Was mich betrifft, so w;rde ich mir meine Chance um nichts in der Welt entgehen lassen“, f;gte Gray selbstgef;llig hinzu.
„Glaub mir, Gray, es gibt Betr;ger, die viel gerissener sind als ich. Im Laufe meines Lebens habe ich mir von ihnen so manchen Trick abgeschaut – vor allem von Politikern!“
„Ich h;tte gedacht, das sei ein angeborenes Talent von dir.“ „Das liegt dir einfach im Blut.“ Gray wollte nicht glauben, dass es eine Frage der Erfahrung war.
„Es ist unerl;sslich, in Bewegung zu bleiben – sich zu drehen –, dann f;gt sich der Rest von selbst“, verlieh Cardan seinen Worten einen prophetischen Unterton. „Du sitzt zum Beispiel nur herum, beschwerst dich und unternimmst nichts, um deine Stimmung zu heben – etwa mit einem Drink. Aber ein Auto bewegt sich nun mal nur, wenn die Antriebswelle – auf Ukrainisch ‚Kardan‘ – rotiert. Im Gegensatz zu dir habe ich mir einige n;tzliche Tricks angeeignet, w;hrend ich mich so durchgeschlagen habe.“
„Nun, das l;sst sich leicht sagen, wenn man mehr Erfahrung hat als wir alle zusammen.“ Gray brachte aufrichtige Bewunderung zum Ausdruck.
Cardan dachte einen Moment ;ber die Situation nach und f;gte dann hinzu: „Du kannst ja nicht wissen, was es braucht, um ein guter Gauner zu werden. Diesmal ;bernimmst du die F;hrung bei unserem n;chsten Coup. Wir werden die Stromz;hler ;berpr;fen.“
„In Ordnung! Du hast hier das Sagen“, sagte Gray unterw;rfig.
„Es gibt nur wenige alte Frauen im Dorf, die dich vom Sehen kennen; du bist ja kein Einheimischer. Mich hingegen erkennen sogar die Hunde hier sofort.“
Sie gingen zu Gray nach Hause, um sich umzuziehen. Sie mussten eine Uniform zusammenstellen, die ihn wie einen Inspektor aussehen lie;, der die Stromz;hler ;berpr;fte. Cardan setzte Gray eine Nerzm;tze auf und bog dessen Ohren wie Fl;gel nach unten, um den konspirativen Look zu unterstreichen. Ein Regenmantel verlieh ihm einen Hauch von Professionalit;t. Er trat einen Schritt zur;ck, musterte Gray pr;fend und stellte fest: „Hier fehlt noch etwas.“ Cardan ;ffnete eine Schublade und begutachtete sorgf;ltig deren Inhalt, auf der Suche nach etwas, das den gesch;ftsm;;igen Eindruck perfekt machen w;rde. Sein Blick verschwamm angesichts der F;lle an Gegenst;nden: F;den, Nadeln, Kn;pfe, Scheren, L;ffel, Gabeln, Messer, Dosen;ffner, Schraubenzieher, Zangen – eine ganze Sammlung n;tzlicher Haushaltsutensilien. Schlie;lich rief er aus: „Ja, genau das brauchen wir! Das ist das T;pfelchen auf dem i!“ und zog eine alte Brille mit einem groben braunen Kunststoffgestell aus der Schublade. Er befreite sie behutsam von dem Staub der Jahre und setzte sie Gray auf die Nase; das zus;tzliche Gewicht auf den Ohren – die ohnehin schon unter der riesigen M;tze gedr;ckt wurden – verlieh seinem Erscheinungsbild eine gewisse W;rde. „H;r zu, Gray, wenn ich nicht w;sste, wer du bist, w;rde ich selbst Angst vor dir bekommen“, schmeichelte Cardan ihm. „In diesem Aufzug wirst du definitiv nicht unangenehm auffallen.“
„Sag mal, Cardan, warum benutzt du eigentlich st;ndig Sprichw;rter?“
„Sprichw;rter spiegeln allgemeine Weisheiten wider. Die Menschen handeln selten gegen den gesunden Menschenverstand, deshalb widersprechen sie mir auch kaum.“
„Einleuchtend.“
Aus einem alten Amtsblatt schnitten sie Papierstreifen aus, die sie als Strafzettel verwenden wollten. Wenn ein Inspektor auftaucht, schauen die Leute vor lauter Schreck oft gar nicht genau hin, was man ihnen aush;ndigt; seit Sowjetzeiten sind sie an pr;ventive Bestrafungen gew;hnt.
Es war der letzte Herbstmonat. Die N;chte waren lang und die Tage kurz. Es wurde fr;h dunkel. Zwischen sechs und elf Uhr abends fiel regelm;;ig der Strom aus. Bis zum Stromausfall blieb ihnen noch eine Stunde Zeit. In der Ferne wurden die beleuchteten Fenster der Nachbarh;user sichtbar. Ein helles Licht, das aus dem Fenster einer alleinstehenden alten Frau drang, schien sie geradezu herbeizurufen. Sie n;herten sich lautlos dem Zaun; das Tor war verschlossen.
Sie kletterten ;ber den Holzzaun und schlichen sich an das Haus heran. Cardan klopfte Gray auf die Schulter.
„Leg los und mach das Beste draus! Ich halte mich hier in der N;he auf und greife ein, falls etwas aus dem Ruder l;uft. Bleib cool und professionell. Achte genau auf deine Worte. Denk dran: Bei Frauen wei; man nie.“
„Ich hoffe, das wird ein Kinderspiel“, sagte Gray aufgeregt.
„Du hast ja keine Ahnung, worauf du dich da einl;sst. Es ist kein Spaziergang, aber ich bin sicher, du schaffst das.“
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde der Wehrdienst ;u;erst unpopul;r. Junge M;nner versuchten alles, um der Einberufung zu entgehen. Bei der Musterung beschloss Gray, Krankheit vorzut;uschen. Als er den Augenarzt aufsuchte, zeigte ihm dieser aus zwei Metern Entfernung zwei Finger.
„Wie viele Finger k;nnen Sie sehen?“, fragte er Gray.
„Ich sehe sie definitiv nicht. Auch nicht zwei oder drei“, antwortete er. Der Arzt kam einen Meter n;her.
„Wie viele Finger k;nnen Sie sehen?“, wiederholte er.
„Ich sehe sie definitiv nicht. Auch nicht zwei oder drei.“ Schlie;lich legte der Arzt ihm zwei Finger direkt auf die Augenbraue.
„Wie viele Finger k;nnen Sie jetzt sehen?“
„Ich sehe sie definitiv nicht. Auch nicht zwei oder einen.“ Der Arzt erkannte, dass Gray ihn get;uscht hatte, und schrieb auf den Entlassungsschein: gesund. Gray hatte es also doch geschafft, dem Wehrdienst zu entgehen. Er hatte sogar den Psychiater hinters Licht gef;hrt. Man kann sich vorstellen, welch psychologisches Genie n;tig ist, um ein solches Ergebnis zu erzielen. Man m;sste entweder unglaublich intelligent oder v;llig ahnungslos sein. Niemand im Dorf h;tte sich vorstellen k;nnen, dass Gray geistige oder psychische Probleme haben k;nnte. Im Gegenteil, unter seinen Bekannten galt er als hochbegabt. Er war einfach ein geborener L;gner.
Schlie;lich kamen sie zu dem, weshalb sie hergekommen waren. Cardan trommelte mit einem scheu;lichen Ger;usch gegen das Fenster. „Entschuldigung, k;nnten Sie bitte die T;r ;ffnen?“, rief Gray und erschrak fast selbst ;ber seine dr;hnende Stimme. „Wir ;berpr;fen die Stromz;hler“, wiederholte er bestimmt und klopfte erneut gegen die Scheibe – diesmal heftiger. Cardan trat zur Seite, um sich in der Dunkelheit zu verbergen. Gray trat auf die bereits beleuchtete T;rschwelle und dr;ngte sich kurzerhand durch die sich ;ffnende T;r, wobei er die alte Frau beiseite schob.
„Warum haben Sie die T;r nicht sofort ge;ffnet? Stehlen Sie etwa Strom? Ich frage mich, was Sie vor einem Strominspektor zu verbergen haben.“
Die ver;ngstigte alte Frau wusste nicht, was sie antworten sollte. Ihr fehlten v;llig die Worte. Sie h;tte es als Vorsichtsma;nahme erkl;ren k;nnen; schlie;lich lie;en die Leute in diesen Tagen ihre T;ren stets verriegelt. Doch stattdessen begann sie zu stammeln: „Zuerst h;rte ich das unerwartete Klopfen, dann lief ich stolpernd zur T;r, tastete nach dem Lichtschalter und l;ste den Riegel. Vielleicht habe ich einen Moment gez;gert. Entschuldigung.“
Doch der „Inspektor“ wollte sich ihre Ausreden nicht anh;ren.
„Wo ist der Stromz;hler?“, fragte er drohend.
Die alte Frau f;hrte ihn ins Haus und zeigte auf einen schwarzen Kasten. „Dort dr;ben“, sagte sie mit zitternder Stimme.
Gray tat so, als w;rde er ihn untersuchen, las ein paar Zahlen vor und setzte sich hin, wobei er sich an den Kopf fasste.
„Um Himmels willen, das riecht nach Gef;ngnis“, fl;sterte er mit weit aufgerissenen Augen, erschrocken ;ber den Ernst des Versto;es. „Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber mit dem Z;hler stimmt etwas nicht. Er sieht aus, als w;re daran manipuliert worden. Vielleicht haben Sie schon geh;rt, dass im Nachbardorf gestern einige Leute wegen Stromdiebstahls mit Geldstrafen belegt wurden. F;r sie sieht es jetzt ziemlich d;ster aus.“
Einen Moment lang herrschte Stille, w;hrend die Schwere der Situation auf sie einwirkte.
„Um Himmels willen, ich habe damit nichts zu tun. Ich habe das Ding mein Leben lang nicht anger;hrt. Es muss wohl kaputtgegangen sein“ – das Flehen der alten Frau um Gnade sprudelte nur so aus ihr heraus wie ein Sommerregen. Sie w;re beinahe in Ohnmacht gefallen; ihre Beine gaben nach, doch sie lie; sich gerade noch rechtzeitig auf einen Hocker sinken. Pl;tzlich begriff sie, dass K;rze sie vor weiteren Schwierigkeiten bewahren w;rde; also fasste sie sich kurz, auch wenn ihr Tonfall aufbegehrend klang. „In Ordnung. Zum ersten Mal stelle ich einen Strafzettel ;ber 5 Hrywnja aus“ – das entsprach damals dem Preis einer Flasche Wodka –, kritzelte etwas Unleserliches mit dem Kugelschreiber auf einen Bogen Beh;rdenpapier und f;gte hinzu: „Und 5 Hrywnja f;r die Reparatur des Z;hlers. Er dreht sich zu schnell. K;nnten Sie mir bitte einen Schraubenzieher oder ein Messer geben?“
Die alte Frau reichte ihm ein Messer. Sie schien den Tr;nen nahe; die schrecklichen Unannehmlichkeiten hatten sie an den Rand der Verzweiflung gebracht. Immer wieder warf sie Gray einen flehenden Blick zu; sie vermutete, dass hinter dieser scheinbar harmlosen Bitte etwas Unheilvolles stecken k;nnte.
Gray begann demonstrativ und mit der Miene eines Fachmanns an dem Messger;t herumzuhantieren. Er setzte die Messerspitze erst in den einen, dann in den anderen Schlitz an, dr;ckte, zog an etwas, klopfte gegen die linke und dann gegen die rechte Seite, schlug ein paarmal mit der flachen Hand oben auf das Geh;use, setzte das Messer erneut in den Schlitz an und ;bte wieder Druck aus. Mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht drehte er sich zur alten Frau um und betrachtete noch einmal die Anzeige. Einen Moment lang f;rchtete sie, er k;nnte wieder unberechenbar werden. „Das ist eine diffizile Arbeit – manche w;rden sagen: gef;hrlich. Jetzt ist alles in Ordnung. Er l;uft wieder wie neu. Sie schulden mir 10 Hrywnja.“
Die alte Frau war bereit, sich sogar von einer gr;;eren Summe Geld zu trennen, doch die M;nner wussten, wann Schluss sein musste. Cardan pflegte Gray oft zu sagen: „;berimm dich nicht. Lieber ein bisschen – aber daf;r jeden Tag –, als viel auf einmal.“ Gray schnappte sich das Geld und steuerte auf die T;r zu.
„Nicht ;belnehmen, gn;dige Frau. Ich mache nur meinen Job. K;mmern Sie sich um den Z;hler, damit er sich nicht mehr so ;;schnell dreht“, mahnte er sie und hob beim Verlassen des Hauses warnend den Zeigefinger. Sie h;tte ihn gerne gefragt, ob er den Vorfall der Polizei melden w;rde, doch sie brachte die Frage nicht ;ber die Lippen. Stattdessen l;chelte sie entschuldigend und verbarg hinter diesem L;cheln ihre gro;e Angst. Wie ein Mantra wiederholte sie im Stillen: „Bald ist es vorbei.“ Gray trat ins Freie. Hinter seinem R;cken waren die Entschuldigungen und Dankesworte der alten Frau zu h;ren.
Das Tor hing schief in den Angeln und schliff ;ber den Boden. Die alte Frau ;ffnete den Riegel und stie; es mit der Schulter auf. Sie bedankte sich herzlich – wohl in der Absicht, sich ;rger vom Hals zu halten –, verabschiedete sich und huschte zur;ck ins Haus. Gray trat hinaus in die Nacht. Cardan erwartete seinen Sch;ler ungeduldig. „Wahnsinn, Mann! Perfektes Timing! Das war klasse! Einfach gro;artig! Du hast dich selbst ;bertroffen. Habe ich dir nicht gesagt, wie wichtig es ist, in Bewegung zu bleiben und sich st;ndig zu drehen? Dann kommt der Rest von ganz allein“, wiederholte er sein unersch;tterliches Motto und sch;ttelte Gray kr;ftig die Hand. „Du hast mich echt umgehauen. Jetzt bist du ein waschechter Gauner“, lobte er seinen cleveren Lehrling f;r dessen Geschicklichkeit.
Einige Monate sp;ter begegnete die alte Frau Gray im Dorf. Er kam ihr irgendwie bekannt vor. Als er ihr sein Gesicht zuwandte, erkannte sie ihn pl;tzlich als den n;chtlichen Besucher von damals wieder. Sie hatte erfahren, dass er gar kein Stromableser war, sondern ein ganz gew;hnlicher Dorfbewohner. Sie wollte gerade auf ihn losgehen und ihm geh;rig die Meinung sagen. Um ;rger zu vermeiden, ergriff Gray die Flucht, verschwand um die Stra;enecke und lie; sich nie wieder in ihrer N;he blicken. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, ihn zu treffen und die Sache zu kl;ren, gab sie schlie;lich auf. Sie legte die H;nde an den Kopf und seufzte: „Oh, du Betr;ger! Eines Tages wirst du deine Strafe bekommen. Alles kommt irgendwann auf einen zur;ck.“
DAS GRAUSAME WINTERFISCHEN
Cardan ist einer jener M;nner, die niemals den Glauben verlieren und niemals aufgeben. Sein Leben ist voller Spannung und Abenteuer. Immer wieder hat er das Gef;hl, das Gl;ck gepackt und fest in der Hand zu halten. Das ersehnte Ziel ist erreicht, und es bleibt nichts mehr, wonach er streben k;nnte. Doch der st;ndige Kater am Morgen erinnert ihn daran, dass ein solch hei; ersehntes Ziel letztlich unerreichbar bleibt. Er begreift die Vergeblichkeit seiner Bem;hungen, das Problem ein f;r alle Mal zu l;sen. Es stellt sich die Frage: Wozu das alles? Wie w;rde er leben, g;be es kein Ziel mehr, auf das er hinarbeiten und um das sich sein Leben st;ndig drehen k;nnte? So weicht ein Tag dem anderen, und Jahr um Jahr verrinnt das Leben. Wie grau und langweilig w;re es ohne Abenteuer – begleitet von Beharrlichkeit, Verlangen, dem Glauben an die eigene Kraft, sowie von List und Einfallsreichtum. Manche Menschen empfinden es als Genugtuung, sich anderen ;berlegen zu f;hlen – vorausgesetzt, es gelingt ihnen, ihre Arroganz zu verbergen und nach au;en hin stets freundlich, verst;ndnisvoll und wohlwollend zu wirken. Eine solche Haltung im Umgang mit anderen erfordert jedoch enorme innere Konzentration, Willenskraft und unersch;pfliche Energie. Selbst f;r Cardan ist das eine Herausforderung, geschweige denn f;r andere.
Der Winter ist eingekehrt. Das Leben im Dorf ist ruhiger geworden. Nur wenige Menschen sind auf der Stra;e zu sehen; die meisten bleiben zu Hause. Es ist schwer, im Dorf jemanden zu treffen, mit dem man sich unterhalten und die neuesten lokalen Neuigkeiten austauschen kann. Man muss schon in den Laden gehen – nur dort besteht die Chance, jemandem zu begegnen.
Der Winter ist die schwierigste Zeit des Jahres. Nicht nur wegen der K;lte, sondern auch wegen des Mangels an zwischenmenschlichem Austausch. Und was w;rden die Dorfbewohner ohne das Fernsehen tun – die einzige Unterhaltung in ihrem Leben? Sie kennen die Hintergr;nde vieler Spitzenpolitiker. Sie wissen, wer ein teures Auto, ein luxuri;ses Haus, eine riesige Wohnung oder eine sch;ne Frau hat – und alles, was dazwischen liegt. Sie interessieren sich daf;r, was die Politiker tun, welche positiven Ver;nderungen sie versprechen, welche Art von Wandel dem Land n;tzt oder schadet, welchen Kandidaten man w;hlen sollte und welchen besser nicht... Manchmal h;rt man einem solchen Politikexperten vom Land zu und staunt ;ber die F;lle an Informationen, ;ber die er bez;glich unserer Politiker verf;gt. Nat;rlich geb;hrt hier dem Fernsehen Anerkennung: Es ist wahrlich ein Fenster zur Welt. F;r sehr viele Menschen ist es die einzige M;glichkeit, bei Verstand zu bleiben. Einmal wurde ich von einem einfachen Dorfbewohner besch;mt. Er schien ;ber die j;ngsten politischen Entwicklungen unseres Landes weitaus besser im Bilde zu sein als ich – obwohl ich in der Hauptstadt lebte.
Im Winter sind die Tage kurz. Kaum ist es dunkel geworden, eilt die ganze Familie zum Fernseher. Jeder nimmt vor dem blauen Bildschirm Platz; sie halten den Atem an und bangen um das Schicksal der Figuren in ihren Lieblings-Seifenopern.
„Schalt auf Kanal f;nf“, ruft jemand aus der Familie – ein Politikfan –, „die Nachrichten laufen schon.“
„Schalt zur;ck zur Seifenoper“, fordert ein ungeduldiger Liebhaber romantischer Filme, sobald die Nachrichten vorbei sind.
Der Mensch ist so geschaffen, dass er ein angeborenes Bed;rfnis hat, sich um andere zu sorgen. Er kann also nicht leben, ohne sich Gedanken ;ber die zerbrochenen Lebensgeschichten ungl;cklicher Menschen zu machen. Tats;chlich muss er niemandem wirklich helfen oder den Bed;rftigen Geld geben – das alles kostet nichts. Es ist also unm;glich, einen solchen Menschen von den Sorgen anderer fernzuhalten. Es scheint angenehm zu sein, sich in Gedanken mit anderen zu besch;ftigen, solange man selbst keine wirklichen Verpflichtungen hat.
„Schalt zur;ck, da l;uft gerade eine politische Debatte“, beharrt ein Sesselpolitiker.
Eine Liebhaberin von Liebesdramen m;chte den Film zu Ende sehen und wirft politischen Experten Herzlosigkeit vor. „Wir haben ein Herz. Wir sorgen uns um die gesamte Ukraine“, rufen diese aus.
Schlie;lich setzt sich die Mehrheit durch, und das Fernsehger;t wird auf einen anderen Sender umgeschaltet, um die Debatte zu verfolgen. Es stellt sich heraus, dass die Ereignisse dort nicht weniger dramatisch verlaufen als in der Seifenoper; selbst die Liebhaberin von Liebesgeschichten l;sst sich auf die politische Diskussion ein. Die Versprechen der Politiker ergie;en sich wie Milch und Honig vom Himmel ;ber die Notleidenden. Sie versprechen, die Preise zu kontrollieren, Renten und Geh;lter zu erh;hen, Fabriken wiederaufzubauen und die Landwirtschaft zu beleben. Mit offenem Mund saugen die Zuschauer die s;;en Botschaften in sich auf. F;r sie entwickelt sich das Ganze zu einer Art religi;ser Mission. Ihre K;pfe f;llen sich mit unrealistischen Erwartungen. Nach und nach werden sie zu Anh;ngern der einen oder anderen Partei. Nun ist die ganze Familie in zwei Lager gespalten: Die einen unterst;tzen die Linken, die anderen die Rechten. Die Gem;ter erhitzen sich an den Argumenten, was schlie;lich zu einer Konfrontation f;hrt. L;rm, Geschrei, Familienstreit. Endlich lassen sie ihren Emotionen freien Lauf, schmollen einander an und gehen mit revolution;ren Gedanken zu Bett. In der Nacht tr;umt der leidenschaftlichste Sesselpolitiker davon, wie er am Rednerpult steht, wild gestikuliert und die aufst;ndische Menge anleitet, um Gerechtigkeit herzustellen. Befl;gelt von der Rede des jungen, vielversprechenden Redners bauen die Menschen ihre eigene neue Welt auf und rei;en die alte bis auf die Grundmauern nieder.
Cardan war umhergestreift, in der Hoffnung, etwas Brauchbares zu finden. Den Kragen hatte er gegen den bei;enden Wind hochgeschlagen. Seine Beine wurden steif, seine Augenlider mit Raureif bedeckt, und sein K;rper begann zu zittern, als h;tte er einen schrecklichen Schreck erlitten. Er stampfte mit den F;;en auf, um sich warm zu halten. „Ja, es w;re nicht schlecht, sich ein wenig zu bewegen und warm zu werden“, dachte er, w;hrend er ;ber den Zaun hinweg beobachtete, wie die Bauernfamilie auf dem Hof ;;arbeitete.
Die Arbeit war in vollem Gange. Cardan schnappte Gespr;chsfetzen ;ber den Futtermangel auf. Er winkte mit der Hand und rief: „Verzeihung! Der M;ller hat mich zu dir geschickt. Er angelt gerade am hiesigen Teich. Es scheint, als h;tte der Teufel selbst ihn bei diesem scheu;lichen Wetter zum Angeln getrieben – ich m;chte jetzt nicht in seiner Haut stecken. Er hat mich gebeten, zu dir zu kommen und um eine Flasche Wodka zu bitten. Man erz;hlt sich n;mlich, dass du Futter f;r dein Vieh brauchst. Als Gegenleistung wird er dir einen Sack Weizen zu Mehl mahlen. Du kannst jederzeit zu ihm gehen; er wird sich freuen, dich zu sehen, und dir gerne weiterhelfen“, sagte Cardan, der vor K;lte zitterte.
„Du sagst, er mahlt Getreide zu Mehl? Ja, da hast du recht! Dieses Angebot kommt mir gerade recht. Man braucht so viele Dinge f;r den Haushalt, und heutzutage sind sie nur schwer zu bekommen.“
Es versteht sich von selbst, dass der Bauer dem M;ller in einer solch misslichen Lage – bei dieser eisigen K;lte – keinen Wunsch abschlagen konnte; zudem w;re es t;richt gewesen, sich die Gelegenheit entgehen zu lassen, dessen Dienste in Anspruch zu nehmen. Doch im Grunde war es eine pragmatische Entscheidung, ein kluger gesch;ftlicher Schachzug. Denn was Kleinlichkeit und ein Verhalten wie am Schweinetrog betraf, suchte er im Dorf seinesgleichen. Cardan war sich dieser Schw;che bewusst und nutzte sie zu seinem Vorteil aus.
Eine Liebhaberin von Liebesdramen m;chte den Film zu Ende sehen und wirft politischen Experten Herzlosigkeit vor. „Wir haben ein Herz. Wir sorgen uns um die gesamte Ukraine“, rufen diese aus.
Schlie;lich setzt sich die Mehrheit durch, und das Fernsehger;t wird auf einen anderen Sender umgeschaltet, um die Debatte zu verfolgen. Es stellt sich heraus, dass die Ereignisse dort nicht weniger dramatisch verlaufen als in der Seifenoper; selbst die Liebhaberin von Liebesgeschichten l;sst sich auf die politische Diskussion ein. Die Versprechen der Politiker ergie;en sich wie Milch und Honig vom Himmel ;ber die Notleidenden. Sie versprechen, die Preise zu kontrollieren, Renten und Geh;lter zu erh;hen, Fabriken wiederaufzubauen und die Landwirtschaft zu beleben. Mit offenem Mund saugen die Zuschauer die s;;en Botschaften in sich auf. F;r sie entwickelt sich das Ganze zu einer Art religi;ser Mission. Ihre K;pfe f;llen sich mit unrealistischen Erwartungen. Nach und nach werden sie zu Anh;ngern der einen oder anderen Partei. Nun ist die ganze Familie in zwei Lager gespalten: Die einen unterst;tzen die Linken, die anderen die Rechten. Die Gem;ter erhitzen sich an den Argumenten, was schlie;lich zu einer Konfrontation f;hrt. L;rm, Geschrei, Familienstreit. Endlich lassen sie ihren Emotionen freien Lauf, schmollen einander an und gehen mit revolution;ren Gedanken zu Bett. In der Nacht tr;umt der leidenschaftlichste Sesselpolitiker davon, wie er am Rednerpult steht, wild gestikuliert und die aufst;ndische Menge anleitet, um Gerechtigkeit herzustellen. Befl;gelt von der Rede des jungen, vielversprechenden Redners bauen die Menschen ihre eigene neue Welt auf und rei;en die alte bis auf die Grundmauern nieder.
Cardan war umhergestreift, in der Hoffnung, etwas Brauchbares zu finden. Den Kragen hatte er gegen den bei;enden Wind hochgeschlagen. Seine Beine wurden steif, seine Augenlider mit Raureif bedeckt, und sein K;rper begann zu zittern, als h;tte er einen schrecklichen Schreck erlitten. Er stampfte mit den F;;en auf, um sich warm zu halten. „Ja, es w;re nicht schlecht, sich ein wenig zu bewegen und warm zu werden“, dachte er, w;hrend er ;ber den Zaun hinweg beobachtete, wie die Bauernfamilie auf dem Hof ;;arbeitete.
Die Arbeit war in vollem Gange. Cardan schnappte Gespr;chsfetzen ;ber den Futtermangel auf. Er winkte mit der Hand und rief: „Verzeihung! Der M;ller hat mich zu dir geschickt. Er angelt gerade am hiesigen Teich. Es scheint, als h;tte der Teufel selbst ihn bei diesem scheu;lichen Wetter zum Angeln getrieben – ich m;chte jetzt nicht in seiner Haut stecken. Er hat mich gebeten, zu dir zu kommen und um eine Flasche Wodka zu bitten. Man erz;hlt sich n;mlich, dass du Futter f;r dein Vieh brauchst. Als Gegenleistung wird er dir einen Sack Weizen zu Mehl mahlen. Du kannst jederzeit zu ihm gehen; er wird sich freuen, dich zu sehen, und dir gerne weiterhelfen“, sagte Cardan, der vor K;lte zitterte.
„Du sagst, er mahlt Getreide zu Mehl? Ja, da hast du recht! Dieses Angebot kommt mir gerade recht. Man braucht so viele Dinge f;r den Haushalt, und heutzutage sind sie nur schwer zu bekommen.“
Es versteht sich von selbst, dass der Bauer dem M;ller in einer solch misslichen Lage – bei dieser eisigen K;lte – keinen Wunsch abschlagen konnte; zudem w;re es t;richt gewesen, sich die Gelegenheit entgehen zu lassen, dessen Dienste in Anspruch zu nehmen. Doch im Grunde war es eine pragmatische Entscheidung, ein kluger gesch;ftlicher Schachzug. Denn was Kleinlichkeit und ein Verhalten wie am Schweinetrog betraf, suchte er im Dorf seinesgleichen. Cardan war sich dieser Schw;che bewusst und nutzte sie zu seinem Vorteil aus.
Der Mann st;rmte voller Freude ins Haus. Einen Augenblick sp;ter kam er mit einer Flasche Wodka zu Cardan heraus. Er wirkte auf unbestimmte Weise sonderbar. Der Gedanke, er k;nne sich dieses Schn;ppchen entgehen lassen, war v;llig abwegig.
„Hier, bitte. In der T;te ist auch ein Imbiss. Und sag ihm, dass ich morgen mit einem Sack Getreide bei der M;hle vorbeikomme.“
Er schenkte Cardan ein dankbares, aber zugleich abweisendes L;cheln.
Cardan schnappte sich die T;te und verschwand unauff;llig. Er sp;rte das angenehme Brennen des Alkohols im Magen und sprach seine ber;hmten Worte aus – als wollte er dem Frost selbst die Stirn bieten: „Man muss st;ndig in Bewegung bleiben. Eine Antriebswelle (auf Ukrainisch: *Cardan*) dreht sich – und das Auto bewegt sich vorw;rts.“
Am n;chsten Tag lud der Bauer einen Sack Getreide auf sein Fahrrad und fuhr zur M;hle. Mit wichtiger Miene und einem gutm;tigen L;cheln im Gesicht trat er an den M;ller heran. „Hat Cardan dir eine Flasche Wodka und einen Imbiss gebracht? Wie vereinbart bin ich hier mit einem Sack Getreide zum Mahlen.“ Er l;chelte selbstgef;llig.
Der M;ller war so ;berrumpelt, dass er nur stammeln konnte.
„Wovon redest du da blo;? Was meinst du mit ‚Wodka‘ und ‚Getreide‘? Was hat Cardan damit zu tun?“
„Sagt dir das Angeln von gestern gar nichts mehr?“, fragte der Bauer.
Der M;ller war v;llig verbl;fft. „Ich war noch nie in meinem Leben im Winter angeln“ – mit diesen Worten war sein Wortschatz ersch;pft; mehr brachte er nicht heraus.
Der Mann wollte schon barsch reagieren, beherrschte sich aber. Er f;hlte sich wie ein Nackter, der vor einem verr;ckten K;nstler stand.
„Um Himmels willen, er hat mich ausgetrickst! Ich dachte, ich w;rde ihn in- und auswendig kennen.“ Die schmerzliche Erkenntnis seines unverzeihlichen Fehlers d;mmerte ihm.
Noch nie zuvor war er so tief gedem;tigt worden, noch hatte er geahnt, dass er so verwundbar sein k;nnte. Sein Fehler war ihm zutiefst peinlich, denn er war an Respekt gew;hnt. Die Leute hatten stets auf seine politischen Weisheiten geh;rt. Er war immer mitten im Geschehen gewesen und hatte anderen kluge Ratschl;ge gegeben, wen sie w;hlen sollten. Er hatte immer hoch zu Ross gesessen: pr;chtig und stolz. Nun war er v;llig am Boden zerst;rt. Seine gr;;te Sorge war, dass ihn nach einem solch entsetzlichen Fauxpas niemand mehr ernst nehmen oder auf seinen politischen Rat h;ren w;rde. Am liebsten w;re er von der M;hle davongelaufen, um einer unausl;schlichen Schmach zu entkommen, die sich so unbemerkt herangeschlichen hatte.
W;tend lud der Bauer den Sack Getreide wieder auf sein Fahrrad und fuhr nach Hause, die Z;hne zusammengebissen vor K;lte und Zorn. Er wusste sich keinen Rat mehr. Immer wieder hallten dieselben Worte in seinem Kopf wider: „Oh, Schwindler! Oh, Mistkerl! Oh, Betr;ger! Wie kann man solchen Leuten nur trauen? Kaum hat man Mitleid mit jemandem und hilft ihm aus der Patsche, schon steckt man selbst in Schwierigkeiten. Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Eines Tages werde ich mich r;chen. Irgendwie muss Cardan bestraft werden. Ich habe schon erlebt, dass wegen weit Geringerem gemordet wurde. Wenn man ihnen einmal etwas durchgehen l;sst, nimmt das kein Ende. Beim n;chsten Mal werde ich vorsichtiger sein“, tr;stete er sich und trat kr;ftiger in die Pedale, um Fahrt aufzunehmen.
Ein kalter Wind blies ihm ins Gesicht und k;hlte angenehm den hei;en, von Gedanken ;berlasteten Kopf des naiven Bauern. Warum ausgerechnet jetzt, an einem verschneiten Nachmittag, da alle in Weihnachtsstimmung waren? Er f;hlte sich gekr;nkt und sch;mte sich, dass man ihn – einen solch hervorragenden Politikkenner – wie ein Kind zum Narren gehalten hatte. Und von wem? Von dem hirnlosen Cardan!
Der Schnee knirschte rhythmisch unter den R;dern des Fahrrads; das Ger;usch unterbrach immer wieder seine tr;ben Gedanken und lenkte ihn ab. Schlie;lich gelang es dem Bauern, sich zur eigenen Beruhigung einzureden: „Alles geschieht aus einem bestimmten Grund.“ Ein arrogantes Grinsen verzerrte sein Gesicht. „Egal, beim n;chsten Mal bin ich schlauer. Eines Tages werde ich die Oberhand gewinnen. Erfahrung ist der beste Lehrmeister.“
OH, MEINE G;TE, ES MUSS SAND SEIN
Man muss ber;cksichtigen, dass das ukrainische Volk im Laufe seiner Geschichte allzu viel Leid erfahren hat: die Revolution von 1917, die den B;rgerkrieg nach sich zog; die Kollektivierung; die von Menschenhand verursachte Hungersnot von 1932/33; die Repressionen; den Zweiten Weltkrieg; die Hungersnot der Nachkriegszeit; das kommunistische Regime – und dies ist nur ein Bruchteil des Leids im Kontext der gesamten Entwicklungsgeschichte unseres Volkes. Wir k;mpfen nach wie vor um unsere Unabh;ngigkeit sowie um den Erhalt der ukrainischen Sprache und Kultur; unsere Nationalhymne spiegelt den Gedanken wider, dass wir noch immer um unsere Zukunft ringen.
Wir beginnen gerade erst, eine klare gemeinsame wirtschaftliche Vision zu entwickeln und die Mittel zu ihrer Umsetzung zu finden. Bei den heutigen Herausforderungen geht es darum, unsere wirtschaftlichen Beziehungen zur Welt auszubauen und neue Partner zu gewinnen. Industriel;nder erobern neue M;rkte, indem sie die Qualit;t ihrer Produkte verbessern. Sie f;hren aggressiv einen neuen Handelskrieg, in dem wir erst allm;hlich zu ihnen aufschlie;en. Die Ukraine stand rund 360 Jahre lang unter russischer Herrschaft. Nun, nach der Erlangung der Unabh;ngigkeit, streben wir einen Platz in der Gemeinschaft zivilisierter Staaten an. Zweifellos bringt dies Schwierigkeiten mit sich, die wir ;berwinden m;ssen. Doch das erfordert Zeit und M;he.
Manche Menschen glauben f;lschlicherweise, die Ursache f;r die Probleme eines Einzelnen seien Alkohol, Drogen, Faulheit usw. Dabei vergessen sie eine einfache Wahrheit: Nichts geschieht ohne Ursache. Wenn man den Alkoholverkauf verbietet, ohne die Lebensbedingungen zu ;ndern, richtet sich der Stress, dem die menschliche Psyche durch die grausame Realit;t ausgesetzt ist, nach innen und beginnt, den K;rper zu zerst;ren. Es stellt sich also die Frage: Was ist sch;dlicher f;r den Einzelnen – Stress oder Alkohol? Die Logik gebietet, stets das kleinere der beiden ;bel zu w;hlen. Stress f;hrt zu Herzerkrankungen, schw;cht das Immunsystem und ebnet den Weg f;r die Entstehung von Krebstumoren. Auch ;berm;;iger Alkoholmissbrauch hat verheerende Folgen.
Viele Menschen verstehen es, sich zwischen diesen beiden Extremen zu behaupten. Auf den ersten Blick mag es scheinen, als seien sie willensstark und w;rden Schwierigkeiten m;helos meistern. Doch nein: Sie sp;ren schlichtweg keinen enormen sozialen Druck, da sie sich auf die eine oder andere Weise daran angepasst haben. Wenn Menschen mit zahlreichen Problemen konfrontiert sind und die Spannung nicht durch Antidepressiva, Drogen, Alkohol oder Religion abbauen, richten sie die zerst;rerischen Kr;fte ihrer Psyche gegen den eigenen K;rper. Das Problem der Drogen- und Alkoholsucht hat eine gemeinsame Ursache: den gesellschaftlichen Druck, der den Einzelnen in eine ausweglose Sackgasse der Zerst;rung treibt. Fehlt es einer Gesellschaft an moralischen Idealen und konzentriert sie sich allein auf materiellen Wohlstand, so erschwert dies das Streben nach ehrenhaftem Erfolg in einer grausamen Au;enwelt, in der alles dem Geld untergeordnet ist.
Moralische Erf;llung ist etwas Inneres; sie h;ngt von der Anstrengung ab, die der Mensch auf sich selbst richtet. Sie bietet jedem Einzelnen die M;glichkeit, sich in der Gesellschaft zu entfalten und seinen Wert sowie seine Bedeutung unter Beweis zu stellen – vorausgesetzt, die Gesellschaft wei; solches Handeln zu sch;tzen und setzt entsprechende Anreize. Daher sollte der Schwerpunkt auf der Moral liegen, nicht auf dem Geld. Ein Kind, das ohne moralische Orientierung aufw;chst und nicht fr;hzeitig an moralische Pflichten herangef;hrt wurde, neigt dazu, Verantwortung zu scheuen und dem gesellschaftlichen Druck durch ein sorgloses Leben zu entfliehen. Doch mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter sieht es sich einer Realit;t gegen;ber, in der gesellschaftliche Zw;nge eine entscheidende Rolle spielen. Der Betroffene muss sich beherrschen und psychische Anstrengungen unternehmen. Um die auf der Seele lastende Schwere zu lindern – sei es gelegentlich oder dauerhaft –, greift er dann zu Alkohol oder Drogen. Ein wirksamer Kampf gegen den Alkoholismus erfordert daher eine Ver;nderung der Lebensbedingungen: Man muss die Ursache beseitigen, anstatt sich sinnlos an den Symptomen abzuarbeiten. Genug davon! Das ist alles. Wenden wir uns von tr;bsinnigen Gedanken ab.
Liebe kann Menschen zum Besseren wandeln. Sie inspiriert, verleiht Kraft f;r edle Taten und gibt einem armseligen Dasein Sinn. So erging es auch Cardan. Eines Tages suchte er eine junge Witwe auf, um ihr seine Dienste anzubieten; da sie ihm ans Herz gewachsen war, half er ihr unentgeltlich. Sein Herz begann in der Brust zu h;mmern. Seine Lungen kamen mit dem Rhythmus dieses inneren Pochen nicht mehr mit, und er rang nach Luft. Cardans Verstand funktionierte nicht mehr wie zuvor; etwas schien ihn zu benebeln. Er begann Dinge zu tun, die er fr;her nie getan h;tte: Er half der Witwe kostenlos. Auf Dauer weckten Cardans edle Taten Zuneigung bei der Witwe; die Hand eines starken Mannes war sp;rbar, was zu dem gemeinsamen Wunsch f;hrte, zusammenzuleben. Cardan schr;nkte seinen Alkoholkonsum erheblich ein. Famili;re Sorgen zogen ihn bis zum Hals in ihren Strudel. Sein Verlangen nach Alkohol lie; stark nach. Doch die durch die Liebe entfachten Gef;hle begannen allm;hlich zu verblassen. Famili;re Verpflichtungen lasteten schwer auf ihm. Geldnot f;hrte zu Streitigkeiten, die Tag f;r Tag das Herannahen einer Lawine beschleunigten. Es brauchte nicht viel, bis er wieder r;ckf;llig wurde. Er fing wieder an zu trinken. Nach und nach nahm Cardan seine abenteuerlichen Eskapaden wieder auf. Um seinen Ruf als Familienvater im eigenen Dorf nicht zu gef;hrden, beschloss er, zur Abwechslung im Nachbardorf Leute um Alkohol zu erleichtern.
Im Moment bewegte er sich blindlings durch die Dunkelheit, ohne wirklichen Plan, einfach nur in Bewegung. Er bemerkte, wie auf dem mit Kartoffeln bepflanzten Feld der Kolchose gerade Kartoffelk;fer mit Pestiziden bespr;ht wurden. Am Stra;enrand sah er eine M;llhalde, die irgendein verantwortungsloser Dorfbewohner dort hinterlassen hatte. Es war keine gew;hnliche M;llhalde; sie barg mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich war. Genau wie er vermutet hatte, befand sich tats;chlich etwas Wertvolles darunter. Der Gedanke kam ihm, dass das Geld f;rmlich auf dem Boden lag – er musste es nur aufheben. Pl;tzlich hatte er eine Idee und machte sich daran, sie rasch in die Tat umzusetzen. Er fand ein Ein-Liter-Glas. Hundert Meter von der Stra;e entfernt floss ein Bach. Cardan ging dorthin, wusch das Glas sorgf;ltig aus und f;llte es mit Wasser aus einer Pf;tze auf dem Feld. Das Wasser war abgestanden; nach einem lang anhaltenden Regen hatte es l;ngere Zeit in der Sonne gelegen und seine kristallklare Farbe in ein schlammiges Gelb verwandelt. Er hielt das Glas gegen die Sonne, um den Inhalt genauer zu betrachten. „Hier stimmt etwas nicht“, dachte er. Er nahm eine Handvoll Sand vom Boden, lie; sie in das Glas fallen und sch;ttelte es. Der Sand wirbelte umher und bildete eine wirbelsturmartige S;ule im tr;ben Wasser. „Bingo! Genau das brauche ich“, fl;sterte er. Pl;tzlich setzte er sich wieder in Bewegung und eilte zum n;chstgelegenen Haus.
Schon auf den ersten Blick war offensichtlich, dass sich das an das Haus angrenzende Kartoffelbeet in einem beklagenswerten Zustand befand. Kartoffelk;fer fra;en an den Pflanzenkronen und drohten, die Besitzer um die Ernte zu bringen. Das Gem;sebeet geh;rte einer einsamen alten Frau, die auf dem Hof ;;stand; sie beobachtete ihr Land aufmerksam, w;hrend sie ihre Augen mit der Hand vor der glei;enden Sonne sch;tzte. Cardan erkannte, dass dies eine Win-Win-Situation war.
Er betrat den Hof und trug das Glas mit seiner selbstgebrauten Mischung vor sich her. Er schritt rasch voran, keuchend vor Eile, als h;tte ihn ein pl;tzlicher Einfall gepackt; seine weit aufgerissenen, besorgten Augen verliehen ihm das Aussehen eines Zigeuners, der ein gestohlenes Pferd fortf;hrte. Seiner Meinung nach war ein Gesch;ft, das nicht spontan zustande kam, auch nichts wert. Cardan handelte oft aus dem Stegreif.
„Brauchen Sie Pestizid gegen die Kartoffelk;fer?“, fragte Cardan und holte tief Luft. „Schauen Sie, der Traktor dort dr;ben auf dem Feld spritzt gerade die Kartoffeln. Ich komme direkt von dort. Wir haben noch einen Rest ;brig. Wenn Sie es brauchen, kann ich es gegen Alkohol tauschen.“
Sie rief den Hund zur;ck, der gerade auf Cardan zugesprungen war, und musterte den jungen Mann fl;chtig. Er blieb stehen, wo er war. Gro;en Hunden gegen;ber war er schon immer misstrauisch gewesen, seit ihn bei seinem ersten Besuch bei einer der alten Frauen eines angesprungen und leicht gebissen hatte.
„Und was wollen Sie daf;r haben? Wir sind hier immer knapp bei Kasse.“ Sie setzte ein schmales, kurzes Grinsen auf.
„Ein Glas Pestizid gegen ein Glas Wodka.“
Die alte Frau nahm Cardans Gebr;u entgegen, hielt das Glas gegen die Sonne und begutachtete es eingehend. Ein Funken Zweifel durchbrach den Schleier ihrer Gedanken und lie; sie einen Moment z;gern.
„Und wer sind Sie ;berhaupt?“, fragte sie ungl;ubig.
„Verfolgen Sie denn nicht das aktuelle Geschehen, gn;dige Frau? Ich bin ein junger Agronom aus dem Nachbardorf“, antwortete Cardan mit gr;;ter Wichtigkeit.
„Ist das da am Boden des Glases nicht Sand?“
Die alte Frau sch;ttelte den Inhalt immer wieder hin und her.
„Lassen Sie mich das erkl;ren: Dieser Vorgang nennt sich Kristallisation. Das Gift ist frisch, deshalb liegt es in k;rniger Form vor. Sie nehmen einfach einen Stock, r;hren damit um, und die K;rnchen l;sen sich auf. Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen“, erl;uterte Cardan ihr das Verfahren.
„Ich versichere Ihnen als Fachmann: Zwischen dem Pestizid, das man auf dem ;rtlichen Markt kaufen kann, und dem, das ich Ihnen anbiete, liegen Welten. Dieses Pestizid ist ein echter Schatz. In der heutigen Zeit und zu diesem Preis ist es ein wahres Schn;ppchen. Ich habe es selbst mehrfach getestet. Die Ergebnisse sind beachtlich. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Da sie keine Lust hatte, zum Markt zu gehen und Geld f;r Pestizide auszugeben, lie; sie sich schlie;lich darauf ein. Cardan, zufrieden mit dem Gesch;ft, machte sich schnell aus dem Staub. Er verschwand wie ein Geist. Die alte Frau begann, das Pestizid zuzubereiten, indem sie die „K;rnchen“ eifrig verr;hrte. F;nf Minuten m;hsamer Arbeit zeigten keinerlei Wirkung. Nach zehn Minuten hatte sich die Anzahl der „K;rnchen“ ;berhaupt nicht verringert. Sie hob das Glas an und hielt es gegen die Sonne. „Ach du meine G;te, das muss Sand sein“, murmelte sie und r;hrte weiter in den „K;rnchen“. Eine halbe Stunde m;hevoller Arbeit brachte kein Ergebnis. „Ach du meine G;te, ich schw;re, das muss Sand sein“, sprach die frustrierte alte Frau ihre Vermutung laut aus. „Ich muss noch ein wenig weiter r;hren, bevor ich f;r heute Schluss mache“, dachte sie. Doch es wollte nicht gelingen; all ihre Bem;hungen waren vergebens.
„Oh nein, ich halte das nicht mehr aus. Ich lasse es bis morgen stehen. Vielleicht l;sen sich die K;rnchen von selbst auf.“
Sie stellte das Glas beiseite.
Gleich am n;chsten Morgen ging die alte Frau das Verfahren noch einmal durch – ohne Ergebnis. Ein Gef;hl drohender Frustration breitete sich immer st;rker in ihr aus.
„Es ist mir v;llig schleierhaft, warum sich das Granulat nicht aufl;sen l;sst. Wie ist das nur m;glich?“, sagte sie ratlos.
Sie fragte sich unwillk;rlich, wie es wohl w;re, die Mischung auf dem Herd zu erhitzen. „Das k;nnte die L;sung sein.“ Doch sie verwarf den Gedanken wieder. Schlie;lich hielt sie es nicht mehr aus. ;berw;ltigt von Wut und Frustration beschloss sie, der Sache ein Ende zu setzen; sie sch;ttete den Inhalt des Glases auf ein Holzbrett, betastete das „Granulat“ mit den Fingern und roch daran – kein Geruch. Sie ber;hrte mit dem feuchten Finger ihre Zunge und begriff schlie;lich, dass sich all ihre Zweifel in einer schockierenden Gewissheit manifestierten. „Es schmeckt nach gar nichts. Es muss v;llig harmloses Zeug sein. Du meine G;te, das sind ja blo; Sand und Wasser.“ Sie wollte noch etwas hinzuf;gen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. „Oh, dieser Schwindler! Er hat mich mit seinem geschliffenen Gerede einfach hypnotisiert. Jetzt verstehe ich, warum er sich so schnell aus dem Staub gemacht hat. Aber der g;ttlichen Strafe wird er nicht entgehen!“, stie; sie ein letztes Mal voller Verzweiflung und Bitterkeit hervor.
DAS AUFERSTANDENE SCHWEIN
Die Bewohner ukrainischer D;rfer stehen meist sehr fr;h auf. Um sechs Uhr morgens ist fast die gesamte erwachsene Bev;lkerung bereits auf den Beinen. Selbst wenn man nach einer durchzechten Nacht einen f;rchterlichen Kater hat, muss man aufstehen und arbeiten. Wer krank ist, bleibt nicht im Bett, denn das Vieh muss versorgt werden. Komme, was wolle – es ist praktisch unm;glich, sich der Arbeit zu entziehen; selbst wenn man vor Krankheit kaum noch auf den Beinen stehen kann und alle Kraft geschwunden ist, muss man aufstehen und sich um den Haushalt k;mmern. Man kann sich auf niemanden verlassen: Jeder hat seine eigenen Sorgen.
Das Familienleben b;rdet Cardan eine zus;tzliche k;rperliche Last auf. Er steht um f;nf Uhr morgens auf – halb tot, halb lebendig nach den verheerenden Auswirkungen des Alkohols –, nimmt die Sense und geht aufs Feld. Nach f;nf Minuten harter Arbeit unter der sengenden Sonne sucht er Schutz im Schatten, trinkt etwas Wasser aus einem Drei-Liter-Glas und m;ht weiter.
Nach einigen Tagen ist das Heu getrocknet – es muss nach Hause gebracht werden. Er l;sst es per Traktor anliefern und beginnt, es in der Scheune zu verstauen. Seine Frau reicht ihm schwere Heugabeln voll Heu auf den Dachboden hinauf; Cardan verteilt es gleichm;;ig in den Ecken und versucht, so viel Heu wie m;glich an einer Stelle aufzuschichten. An einem gl;hend hei;en Sommertag ist die Hitze auf dem Dachboden so unertr;glich, dass Cardan im Handumdrehen von Kopf bis Fu; schwei;gebadet ist. Der Schwei; rinnt von der Stirn in die Augen, brennt wie Feuer, frisst sich hinein und tropft von der Nase wie von einem sonnenbeschienenen Eiszapfen im Fr;hling. Seine Widerstandskraft ist erstaunlich.
Cardan greift schnell nach dem Hemd, das er abgelegt hat, wischt sich das Gesicht ab und f;hrt fort, das Heu aufzuschichten und festzutreten. Drei Minuten sp;ter brennen seine Augen schon wieder vor Schwei;. Er greift nach dem Hemd, doch es ist bereits so nass wie ein Wischlappen. Er wringt die Feuchtigkeit heraus, wischt sich das Gesicht ab und st;rzt sich erneut „in den Kampf“. Das Heu klebt am nassen K;rper, kleine Halme dringen bis in die intimsten Bereiche vor; Es sticht, es ist unangenehm, schrecklich – doch die Arbeit muss getan werden, sonst gibt es im Winter kein Futter f;r das Vieh.
Endlich ist die Arbeit geschafft. Er trinkt ein paar Gl;ser Wodka, l;sst die k;rperliche und seelische Anspannung von sich abfallen und geht zu Bett. Am n;chsten Morgen erh;lt er von seiner Frau einen neuen Auftrag. Ruhe findet Cardan nur im Traum.
Der Winter ist eingekehrt und hat strengen Frost mit sich gebracht. Cardan muss sein Haus mit Brennholz heizen. Er bittet andere um Hilfe; allein ist er der Aufgabe nicht gewachsen – die Holzst;mme sind zu schwer. Sie fahren mit dem Traktor in den Wald. Hier und da stehen gute, trockene B;ume. Sie sind hoch und m;chtig; man kann sie kaum mit den Armen umspannen. Sie f;llen einen der B;ume, s;gen ihn in St;cke und versuchen gemeinsam, einen Stamm zu heben – nein, er ist zu schwer. Also s;gen sie jeden Stamm noch einmal durch und schichten das Holz anschlie;end ordentlich auf.
Nun ist Zeit f;r einen Wodka. Das Feuer knistert; ein St;ck Schweinespeck brutzelt am Stock. Der Alkohol w;rmt sie von innen. Ein leichter Schwindel steigt ihnen in den Kopf, und ein angenehmes Gespr;ch l;sst die harte Arbeit leichter erscheinen.
„Gut, eine Runde haben wir hinter uns, noch eine, dann sind wir fertig“, stellt Cardan nachdr;cklich fest.
Am n;chsten Tag muss er einen Transport organisieren, um die Baumst;mme aus dem Wald zu holen. Cardan findet jemanden, der ihm hilft. Die M;nner sind begierig auf Alkohol, also helfen sie ihm, die St;mme auf den Anh;nger zu laden und sie dann beim Abladen zu entladen.
So leben die Menschen im Dorf: Sie unterst;tzen sich gegenseitig; Dankbarkeit zeigt sich in Alkohol und einem offenen Gespr;ch. Ein menschlicher K;rper kann diese Belastung kaum lange aushalten; viele Dorfbewohner sterben fr;h. Sie k;nnen ihr Wissen nicht an die j;ngere Generation weitergeben, da die Geburtenrate im Dorf sehr niedrig ist. Kinderg;rten werden geschlossen, Schulen und Arztpraxen in die Bezirkszentren oder D;rfer mit gr;;erer Bev;lkerung verlegt. Mangels Ausbildern m;ssen die Dorfbewohner lernen, ihren Haushalt selbst zu f;hren und sich das Handwerk durch Erfahrung aneignen.
Eines Morgens um vier Uhr klopfte es an Cardans Fenster und weckte ihn fr;her als gew;hnlich.
„Wer ist da?“ „Mach die T;r auf. Ich bin dein Nachbar. Ich muss mit dir reden“, sagte er und ging zum Fenster.
„Ach du meine G;te, wie schwer es ist, so fr;h aufzustehen“, dachte Cardan und ging zur T;r, den Kopf schwer und mit pochenden Schl;fen auf den Schultern.
„Komm schon, komm rein, lass die K;lte nicht rein.“ Der fr;he Gast huschte an Cardan vorbei in den warmen Raum.
„Was ist denn blo; passiert?“, fragte Cardan unzufrieden und strich sich ;ber den Kopf.
„Das Schwein stirbt, es muss geschlachtet werden, bevor es zu sp;t ist, damit wir Schlimmeres verhindern k;nnen. H;ttest du vielleicht Lust, mir zu helfen, wenn es dir keine Umst;nde macht?“
„Na klar! Das schaffe ich!“, rief Cardan, der die Gelegenheit nutzte, sich einen Drink zu genehmigen und den Kater loszuwerden.
Nachdem er seiner Frau den fr;hen Besuch der Nachbarn erkl;rt hatte, gab sie ihm einen eindringlichen Rat: „Geh und hilf ihnen! Mir l;uft es eiskalt den R;cken runter, wenn ich mir vorstelle, wie sie das alles alleine schaffen sollen. Wenn uns etwas Schlimmes zust;;t, an wen sollen wir uns dann wenden? W;rdest du das ;berhaupt bew;ltigen k;nnen?“
„Nat;rlich bin ich ein erwachsener Mann. Ich schlachte nicht zum ersten Mal ein Schwein. Das ist kinderleicht. Ich kriege das schon hin“, beruhigte Cardan seine Frau.
Bei den Nachbarn war die ganze Familie schon auf den Beinen; die K;chenutensilien wurden vorbereitet. Cardan h;rte das Klappern der Schr;nke (rump-thump!), das Klirren von Blech- und Glasbeh;ltern (ding-ring!), das Rascheln und Sortieren von Metallt;pfen und gusseisernen Pfannen (ruzz-shuzz!). Die Hausfrau wuselte durchs Haus, ganz in die Vorbereitungen vertieft. Der Nachbar f;hrte Cardan ins Haus und bat ihn an den Tisch.
„Lass uns einen Wodka trinken, um den Stress abzubauen“, schlug er vor.
„Einverstanden!“, stimmte Cardan sofort zu.
Der Drink tat richtig gut. Er st;rkte Cardans Selbstvertrauen enorm. Er f;hlte sich gl;cklich – auf diese beschwipste, emotionale Art.
„Hast du schon mal Schweine geschlachtet? Wirst du das hinkriegen?“, fragte die besorgte Hausfrau und blickte mit gespannter Erwartung auf ihn herab.
„Ich verstehe, warum du dir Sorgen machst. An deiner Stelle w;re ich genauso beunruhigt. Aber ich versichere dir: Ich werde das bestens meistern. Ich habe in meinem Leben schon viele von ihnen abgestochen. Beim Milit;r wurde ich gelegentlich in einen Schlachthof geschickt, um dort Schlachtarbeiten zu verrichten. Ich half dabei, das Regiment mit Fleisch zu versorgen. Da habe ich den Dreh rausbekommen“, log er.
Tats;chlich kannte er den Ablauf einer Schweineschlachtung nur aus der Theorie. Er ging davon aus, dass ihm das Wissen aus den Erz;hlungen seiner Freunde helfen w;rde, diese Kleinigkeit zu bew;ltigen. Dass er dabei scheitern k;nnte, hielt er f;r unwahrscheinlich.
„Was ist mit dem Schwein passiert, dass ihr euch so pl;tzlich dazu entschlossen habt, es zu schlachten?“
„Es frisst nichts mehr. Wir haben Angst, dass es eingeht. Wir sollten es lieber jetzt tun, sonst ist es zu sp;t. Dann w;ren das investierte Geld und die ganze Arbeit umsonst gewesen. Dieser Gedanke beunruhigt uns sehr“, erkl;rte die sparsame Hausfrau.
Drau;en war es noch ziemlich dunkel. ;berall lag Stroh verstreut. Sie verlegten ein Verl;ngerungskabel f;r eine Lampe und beleuchteten den Hof – der Schauplatz f;r das grausame Vorhaben war bereit.
„Pass auf! Ich zeige dir, wie das geht“, sagte Cardan und machte sich auf das gefasst, was nun folgen w;rde. „Das ist nichts f;r schwache Nerven.“
„Ich k;nnte mich wahrscheinlich daran erinnern, wie es geht, wenn ich mich darauf konzentriere.“
„Das w;re eine n;tzliche F;higkeit.“
„Stimmt!“
Cardan holte ein selbstgemachtes Schlachtmesser. Das Schwein wurde auf den Hof gelockt. Der Hausherr kraulte es hinter dem Ohr; es beruhigte sich und grunzte, doch als es die ungeschickten Bewegungen des Schlachters sp;rte, stie; es ein ohrenbet;ubendes Quieken aus. „Na, dann mal los“, murmelte Cardan, stie; rasch ein Messer unter dessen linkes Bein und rammte es bis zum Heft hinein – seiner Vorstellung nach direkt ins Herz. Es war eine faszinierende Darbietung von ;berlebensinstinkt und Gewandtheit.
Die Vorh;nge an den Fenstern des Hauses wurden sofort zugezogen; ver;ngstigte Kinder, die die schreckliche Szene beobachtet hatten, liefen vor dem blutigen Schauspiel davon und verkrochen sich unter ihren Decken. Ein paar Schneeflocken schmolzen durch ihren warmen Atem an der Scheibe und rannen zum Rahmen hinab. Die Hausfrau fl;chtete in das Nebenzimmer und schluchzte. Sie hatte so viel Zeit in die Pflege des Schweins investiert, dass es ihr wie ein Familienmitglied ans Herz gewachsen war. Nun schied ihr „vierbeiniger Freund“ aus dieser Welt. „Nun ja, so ist das Leben eben, da l;sst sich nichts machen. Wir alle m;ssen fr;her oder sp;ter gehen“, versuchte sie sich zu beruhigen.
Nachdem die Metzger das Schwein versorgt hatten, gingen sie ins Haus, um sich zu entspannen.
„Du hattest recht. Ich habe deine erfahrene Hand gesehen“, lobte der zufriedene Mann Cardan. „Deine Reaktion war blitzschnell! Was f;r ein Schlag! Ich habe nur kurz eine aufblitzende Klinge gesehen! Eins, zwei, drei – und alles war vorbei!“
Cardan besa; eine au;ergew;hnlich scharfe Wahrnehmung f;r die jeweilige Situation. Er reagierte stets rasch, wenn ein Drink in Aussicht stand. Er handelte wie auf Autopilot. Alles schien wie von selbst zu geschehen. Er strengte sich nicht einmal an; sein innerer Wille lenkte seine H;nde, seine Beine und sogar seinen Verstand. Er vertraute voll und ganz auf diese innere F;hrung, die ihn schon mehrfach aus der Klemme geholfen und in schwierigen Momenten gerettet hatte. Auch diesmal verlie; er sich darauf, und wieder f;hrte es zum gew;nschten Ergebnis.
Die Metzger tranken ein paar Schn;pse, um sich zu entspannen.
„Komm, wir trinken noch einen. Dann gehen wir raus und machen uns an die Arbeit. Drau;en ist es kalt. Der Alkohol w;rmt uns sicher ein wenig auf.“
Kaum hatten sie ihre Gl;ser wieder gef;llt, st;rmte die ver;ngstigte Hausfrau entsetzt ins Haus. Sie hob die H;nde in einer Geste des Schocks.
„Das Schwein ist weg! Es ist nirgends zu finden! Jemand hat es gestohlen! Ruft die Polizei!“
„Hast du eine Ahnung, wo es sein k;nnte?“, fragte der Mann Cardan mit zitternder Stimme.
„Jeder andere hat da wohl eine bessere Vermutung als ich“, murmelte Cardan.
Die gro;en Experten f;r die Schweineschlachtung rannten hinaus auf den Hof. Nirgends war das Tier zu sehen! Einer von ihnen umrundete das Haus, ein anderer st;rmte auf die Stra;e und dann in die Scheune. Schlie;lich fanden sie das Schwein im Garten; es lag in einer tiefen Schneewehe. Die Situation war aberwitzig. Selbst Cardan war geschockt. Das grenzte an Zauberei. Er war v;llig sprachlos. Er h;tte sich nicht einmal im Traum ein schlimmeres Szenario ausmalen k;nnen. Ihm wurde klar, dass es unter diesen Umst;nden am besten war, sich dumm zu stellen.
„Ich habe geh;rt, dass es eine Weile dauert, bis ein Tier endg;ltig tot ist. Der K;rper kann noch einige Minuten weiterleben, nachdem das Herz aufgeh;rt hat zu schlagen“, rechtfertigte sich Cardan.
Der Nachbar h;rte sich diese abwegige Erkl;rung erstaunt an. „Was f;r ein L;gner!“, dachte er. „Und wie er noch gro;spurig get;nt hat: ‚Ich, ich, ich … ich wei; Bescheid, ich mach das schon!‘ Von wegen. Wahrscheinlich hat er das Herz gar nicht richtig getroffen.“ Doch er sagte nichts und unterdr;ckte m;hsam seinen inneren Groll. Er wusste nur zu gut, dass Wut ein nutzloses und kr;ftezehrendes Gef;hl war. Au;erdem sprach wenig daf;r, sich zu unbedachten ;u;erungen hinrei;en zu lassen oder Cardan anzufahren. Schlie;lich gab es sonst niemanden, an den er sich h;tte wenden k;nnen – alle erfahrenen M;nner des Dorfes waren gestorben; und wie das Sprichwort sagt: Lieber ein kleiner Fisch als ein leerer Teller.
Nat;rlich dauert es in einem solchen Dorf nicht lange, bis das Geheimnis eines Einzelnen zum Stadtgespr;ch wird. Bald war die Geschichte von dem wiederauferstandenen Schwein und Cardan, dem Metzger, in aller Munde. Die Dorfbewohner am;sierten sich k;stlich. Aber so ist das nun mal: Man kann nicht immer gewinnen.
Cardan w;re wohl kaum Dorfmetzger geworden, h;tte die Not ihn nicht gezwungen, die f;r das ;berleben notwendigen F;higkeiten zu erlernen. So laufen die Dinge eben in einem ukrainischen Dorf.
„Mir ist gerade etwas dazwischengekommen, ich muss los“, log Cardan.
Der Mann packte seine Tasche und bezahlte Cardan f;r dessen Hilfe.
„Wenn du das n;chste Mal in Schwierigkeiten steckst, wei;t du ja, an wen du dich wenden kannst. Ich komme sofort angeflogen.“ „Ja, das werde ich. Danke!“, sagte der Mann, w;hrend er sich dachte, dass er das wohl erst tun w;rde, wenn Schweine ;ber den Mond fliegen. Wegen des Vorfalls hatte er leichte Kopfschmerzen. Der Nachbar wusste, dass er die Lage nur verschlimmert h;tte, wenn er hart gegen Cardan vorgegangen w;re. Also hielt er den Mund und wahrte eine neutrale Miene. Er legte die Hand auf die Brust, drehte sich um und fl;sterte in die Dunkelheit – so leise, dass Cardan es nicht h;ren konnte: „L;gner!“
ANKL;GER
So verging der Winter mit der st;ndigen Pflege des Geh;fts. Der Fr;hling und dann der Sommer brachten noch mehr Arbeit mit sich. Diesmal beschloss Cardans Frau, Kohle zum Heizen des Hauses zu kaufen. Brennholz macht viel Umstand, und preislich kommt es aufs Gleiche hinaus.
„Wenn wir n;chsten Winter mit Kohle heizen wollen, m;ssen wir den Ofen reparieren. Der Ofen h;lt der starken Hitze wom;glich nicht stand. Wenn er auseinanderf;llt, sobald die Temperaturen unter den Gefrierpunkt sinken, bekommen wir ein Problem. Ich fahre f;r zwei Wochen zu meiner Schwester; w;hrend ich weg bin, sollst du den Ofen neu aufbauen und in die Kreisstadt fahren, um eine Ladung Kohle zu kaufen“, wies sie ihren Mann an und gab ihm das n;tige Geld. Cardan bereitete ihr ziemliche Sorgen. Im Hinterkopf nagte eine leise Angst um ihn, und sie wusste nicht recht, was sie dagegen tun sollte. Sie wollte ihn nur ungern allein lassen, doch es blieb ihr keine andere Wahl.
Die Sonne str;mte ins Schlafzimmer, lie; kleine Regenbogen am Rand des Spiegels funkeln und weckte Cardan aus s;;em Schlummer. Im Haus herrschte ungewohnte Stille. Niemand bewegte sich oder eilte umher; niemand zwang ihn zur Arbeit, niemand dr;ngte ihn – den Hausherrn. „Ich muss meine innere Motivation aktivieren. Ich muss in Schwung bleiben“, dachte Cardan.
Er stand auf, wusch sich das Gesicht, erledigte die n;tigen Hausarbeiten, fr;hst;ckte und begann, den Ofen auseinanderzunehmen. Er setzte einen Mei;el an die Lehmfugen zwischen dem Mauerwerk an und l;ste die Ziegel mit vorsichtigen Hammerschl;gen voneinander. „Im Haushalt kommt alles gelegen. Warum sollte ich Brauchbares wegwerfen?“ Noch nie hatte sich etwas f;r Cardan als nutzlos erwiesen. Er trug die Ziegel nach drau;en, suchte einen Platz im Hof ;;und stapelte sie ordentlich zu einem Rechteck auf. Dann legte er eine Schieferplatte oben auf die Ziegel, um sie vor sch;dlichem Regen zu sch;tzen. Einige positive Ver;nderungen waren bereits deutlich sichtbar. Der Ofen war abgebaut – die halbe Arbeit war getan.
Es war Zeit f;rs Mittagessen. Cardan briet sich sein Junggesellen-Fr;hst;ck aus Eiern und Speck, schnitt eine Scheibe Brot ab und begann zu essen. Pl;tzlich hielt er inne. „Irgendetwas fehlt“, geisterte ein l;stiger Gedanke durch seinen Kopf. „Wie kann ein Ehemann zu Hause bleiben, ohne dass seine Frau ihn beaufsichtigt, und dabei keinen trinken? Da w;rde sich doch normalerweise Langeweile einstellen und die Einsamkeit einen qu;len? Aber bei mir ist das anders! Ich geh;re nicht zu jenen Soldaten, die sich mit Granaten auf Panzer st;rzen!“
Er nahm das n;tige Geld, das seine Frau f;r den Kohlekauf zur;ckgelegt hatte, flitzte schnell zum Laden, kaufte eine Flasche Wodka und kehrte heim. „Jetzt wird das Leben doch noch sch;n“, regte sich sein Inneres. Sein Magen wurde angenehm warm, und die gebratenen Eier dazu machten das Ganze perfekt. Das Leben wurde f;r ihn tats;chlich besser. Die Einsamkeit wirkte nicht mehr so ;;be;ngstigend wie zuvor, sondern verwandelte sich im Gegenteil in einen wunderbaren Zeitvertreib. Die G;nge zum Laden wurden zur Gewohnheit. Was das Essen betraf: Selbst gekochte Kartoffeln schmeckten pl;tzlich wie eine Delikatesse. Eine Woche verging – die H;lfte des Geldes war ausgegeben. „Halt!“, sagte Cardan. „Ich muss wenigstens einen Teil der Kohle kaufen.“
Es kostete ihn all seine Willenskraft, sich aus dieser Stimmung zu rei;en. Nach einem Tag der Erholung begab er sich am n;chsten Tag ins Stadtzentrum. Gegen;ber dem Busbahnhof befand sich eine brandneue Kneipe namens „777“. Cardan ging an dieser magischen Zahl vorbei, und sie brannte sich augenblicklich in sein Ged;chtnis ein. Je weiter er sich von der Bar entfernte, desto lauter hallte sie in seinem Kopf nach. „Sieben, sieben, sieben. Sieben, sieben, sieben“, h;mmerte es in seinem Sch;del. Er blieb stehen, als w;re er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen, machte kehrt und steuerte mit schnellen Schritten und kurzen Sprints auf diesen verhei;ungsvollen Ort zu. Der Innenraum war in sanftes, romantisches Licht getaucht; faszinierende Musik erklang. Beim Betreten f;hlte er sich wie in einer anderen Welt – einer Welt, nach der er sich gesehnt hatte. „Ich trinke ein Glas Bier, das muss reichen“, redete er sich ein. „Man muss im Leben alles einmal ausprobieren, damit man sp;ter nicht schmerzlich die ziellos vertanen Jahre bereut“ – diese ber;hmten Worte aus Ostrowskis Buch *Wie der Stahl geh;rtet wurde* tauchten aus den Tiefen seines Ged;chtnisses wieder auf. Cardan bemerkte gar nicht, wie er vom Bier zum Wein ;berging. Er wusste, dass man den Alkoholgehalt zwar steigern, aber nicht senken konnte; auf den Wein folgte also Brandy, und danach – nur noch v;llige Verschwommenheit.
Schwei;gebadet erwachte er am Busbahnhof. „Geld, wo ist das Geld? Habe ich wirklich alles verprasst?“ Er durchsuchte seine Taschen und fand schlie;lich einige Geldscheine. Mit zitternden H;nden sortierte er das Geld und stapelte es ordentlich zu einem B;ndel. Er z;hlte es immer wieder nach und traute seinen Augen nicht. Das Geld reichte nicht f;r die Kohle. Weder f;r die H;lfte noch auch nur f;r ein Viertel. Cardan wusste aus Erfahrung, dass es keine ausweglosen Situationen gab, solange man nur unkonventionell dachte. Immerhin reichte das Geld f;r die Lieferung, und der Rest war eine Frage der Raffinesse. Er musste das Ruder zu seinen Gunsten herumrei;en, ganz gleich, wie schwierig die Aufgabe auch sein mochte. „Wenn sich die Antriebswelle dreht, rollt das Auto. Hauptsache, man bleibt in Bewegung!“ Inspirierende Gedanken entfachten einen Funken Hoffnung in ihm. Cardan plante nie im Voraus; er handelte stets spontan aus dem Bauch heraus. Sein innerer Kompass lenkte ihn, ohne dass er bewusst dar;ber nachdenken musste. F;r Cardan war dies ein entscheidender Augenblick – ein Moment, in dem sich alles entscheiden w;rde. Er konnte nach Hause zur;ckkehren oder sich die Chance geben, die Dinge in Ordnung zu bringen. Er erhob sich von seinem Stuhl, streckte sich, richtete sich auf und ging hin;ber zum Kohlelager, um „Kohle zu holen“.
„K;nnten Sie mir bitte sagen, wo ich Ihren Chef finde?“, fragte er den Wachmann am Tor. Nachdem er die n;tige Auskunft erhalten hatte, ging Cardan – auf eigenes Risiko – direkt zum B;ro des Leiters. Die Sekret;rin teilte ihm mit, der Direktor sei gerade besch;ftigt und er m;sse einige Minuten im Vorraum warten.
Schlie;lich hatte der vorherige Besucher das Zimmer verlassen, und unser Abenteurer betrat das B;ro des strengen Managers. Er zwang sich, konzentriert zu bleiben – er wollte sich heute keinen weiteren Fehler erlauben. Also kam er direkt auf den Punkt und sagte ohne Umschweife: „Wir brauchen eine Ladung Kohle. Leider stecken wir derzeit in gro;en finanziellen Schwierigkeiten. Lassen Sie uns einen Tauschhandel vereinbaren. Ich arbeite als Chefmechaniker in der Traktorenwerkstatt im Nachbardorf. Ich kann Ihnen jedes beliebige Ersatzteil aus meinem Bestand anbieten.“
Der Leiter war in diesem Moment alles andere als konzentriert; die kleinlichen Probleme der vorangegangenen Besucher hatten ihn aus dem Konzept gebracht. Seine Gedanken waren etwas benebelt. Cardans letzte Worte trafen jedoch ins Schwarze, denn sein Betrieb machte gerade eine schwere Zeit durch. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war die Ausr;stung nicht modernisiert worden, Ersatzteile waren kaum zu bekommen, und am Kohleumschlagplatz herrschten – wie ;berall sonst auch – dieselben Probleme: v;llig verschlissene Fahrzeuge. Der Direktor versank in tiefes Nachdenken. Es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, wenn es an so vielem mangelte. Ehe er ;berhaupt ergr;nden konnte, was Cardan eigentlich im Schilde f;hrte, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf und nannte kurzerhand das seiner Meinung nach wichtigste Ersatzteil: „Eine Kraftstoffpumpe f;r den Belarus-Traktor.“
Kaum waren die letzten Silben der Traktormarke ;ber die Lippen des Direktors gekommen, setzte Cardan ohne Z;gern seine ;bliche, bew;hrte Taktik ein: „Geht klar! Alles wird gut! Ich besorge Ihnen eine Kraftstoffpumpe, sobald ich in der Traktorenwerkstatt bin. Betrachten Sie die Sache als erledigt.“
Er nannte die Adresse der Werkstatt und f;gte hinzu: „Fragen Sie nach ‚Prosecutor‘ – dort kennt mich jeder Hund.“
„Abgemacht?“, fragte der Direktor und reichte Cardan die Hand. „Gehen Sie und suchen Sie einen Lastwagen. In ein paar Tagen komme ich zu Ihnen und hole die Pumpe ab.“ Er wollte noch etwas sagen, kam aber gar nicht erst zu Wort. Cardan hatte sich in einen Redeschwall hineingesteigert und ;berh;ufte ihn mit Versprechungen.
„Abgemacht!“, sagte er und sch;ttelte dem Leiter die Hand. „Verlassen Sie sich drauf, ich halte mein Wort. Ich k;mmere mich gleich morgen fr;h darum, damit das Teil fix und fertig zur Abholung bereitsteht, wenn Sie kommen.“ W;hrend er die T;r schloss, bombardierte er ihn weiterhin mit verlockenden Versprechungen, die dem zufriedenen Chef angesichts des lukrativen Gesch;fts fast den Kopf verdrehten.
„Endlich wird mein kaputter Traktor repariert. Was f;r eine Erleichterung“, dachte er.
Cardan machte sich auf den Weg ins Dorf, um den Fahrer zu suchen, der wegen seiner Vorliebe f;r Fantasiegeschichten und seiner st;ndigen L;gen nur „Dog“ genannt wurde. Wenn von ihm die Rede war, schloss jeder seine Geschichte mit den Worten: „Er l;gt wie ein Hund!“ Unterdessen lieferte „Hund“ – so wurde er genannt – den Arbeitern, die gerade die Ernte einbrachten, das Essen aufs Feld. Es war Zeit f;r die Mittagspause; die Kolchosarbeiter versammelten sich also im Schatten nahe dem Waldrand und warteten auf den Lastwagen mit der Verpflegung.
Eine Ringelnatter, der es im k;hlen, feuchten Schatten der B;ume zu ungem;tlich geworden war, kroch an den Waldrand, um sich in der Sonne zu aalen. Sie lag ruhig im Gras und genoss die Sonnenstrahlen, ohne zu ahnen, dass auch die Arbeiter sich genau diesen Platz ausgesucht hatten. Einer der Fahrer, der nicht bemerkte, dass der Platz bereits von dem kriechenden Waldbewohner besetzt war, w;re fast auf das Tier getreten. Erschrocken wich er zur Seite und erz;hlte seinem Kollegen von der unangenehmen Begegnung. Wie sich herausstellte, hatte sein Kollege keinerlei Angst vor Reptilien. Er fing die Ringelnatter ein und wickelte sie sich um den Arm.
„Was machst du da? Bist du verr;ckt?“, fragte der andere besorgt. „Wozu brauchst du das Ding? Lass es fallen!“
„Schau mal, ‚Chicka‘ kommt auf uns zu. Dem werden wir jetzt eine Lektion erteilen, weil er st;ndig nach Zigaretten bettelt. Wir rauchen eine, um ihm den Mund w;ssrig zu machen. Und zwar so...“
Er zog seine Jacke aus, h;ngte sie an einen Ast und steckte die Ringelnatter vorsichtig in eine Tasche.
„Ach, Leute, k;nntet ihr mir eine Zigarette abgeben?“, murmelte Chicka seine Bitte – eine Gewohnheit, die er sich ;ber viele Jahre hinweg angeeignet hatte.
„Hol sie dir dort dr;ben aus meiner Jackentasche“, sagte der Spa;vogel und deutete auf den fiesen K;der.
Blitzschnell huschte Chicka zu der angegebenen Stelle und steckte die Hand in die Tasche. Im Bruchteil einer Sekunde schien ihn ein elektrischer Schlag zu treffen; er riss den Arm sofort wieder heraus und keuchte vor Schreck: „Da ...“
Die M;nner brachen in Gel;chter aus. Chicka stand da, totenbleich, mit weit aufgerissenen Augen und ausgestreckten Armen. Er wollte noch etwas sagen, brachte aber nur ein keuchendes „Da ...“ hervor.
Schlie;lich holte ihn das Lachen seiner Kollegen in die Realit;t zur;ck. Als er begriff, dass es sich um einen Streich handelte, winkte er ab und rief ver;chtlich: „Ihr Idioten!“
W;tend auf seine Peiniger trat er beiseite; er kochte vor Zorn und Groll.
Unterdessen kamen drei J;ger mit geschulterten Flinten aus dem Wald und n;herten sich Chicka.
„Hast du hier in der Gegend einen Hund gesehen?“, fragten sie ihn.
„Wartet noch ein wenig; in ein paar Minuten gibt es Mittagessen, und er wird uns das Essen bringen“, sagte Chicka.
In diesem Moment traf Cardan auf einem Fahrrad ein.
„Hast du Dog gesehen?“, stellte er Chicka eine ;hnliche Frage.
„Ach, du suchst ihn also auch. Diese Leute hier warten ebenfalls auf ihn. Geduldet euch noch ein bisschen, er kommt gleich mit dem Essen.“
Die J;ger waren wie vom Blitz getroffen, als h;tte man ihnen mit einer Balalaika auf den Kopf geschlagen. „Hunde tragen Futter? Wie ist das m;glich? Ist das ein Experiment oder so?“ Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Sie standen einige Sekunden verwirrt da und wussten nicht, was sie sagen sollten. Schlie;lich platzte es aus einem von ihnen heraus: „Leute, ich verstehe nicht, was hier los ist.“ Dann kam er etwas zu sich und begann, etwas halbwegs Verst;ndliches zu sagen.
„Moment mal, Leute“, sagte er, „ein vierbeiniger Hund, mit Schwanz, der bellen kann. Habt ihr den zuf;llig gesehen? Wir haben am nahegelegenen Sumpf auf Wildenten gejagt und ihn verloren.“
Schlie;lich d;mmerte Chicka, welchen Fehler er begangen hatte. „Ach, warum hast du das nicht gleich von Anfang an gesagt“, brummte Chicka ver;rgert, „dass es sich um ein vierbeiniges Tier mit Schwanz handelt, das bellen kann? So nennen wir n;mlich auch unseren Fahrer, der uns das Mittagessen bringt. Woher sollte ich wissen, welche Art von ‚Hund‘ du meintest?“
„Das ist ja ein kurioser Zufall“, kicherten die J;ger, drehten sich um und machten sich weiter auf die Suche nach ihrem vierbeinigen Freund.
Schlie;lich traf „Dog“ mit dem Lastwagen ein. Auf der Ladefl;che befanden sich vier Beh;lter: In einem war Suppe, im zweiten Kartoffelbrei, im dritten Fleischb;llchen und im vierten Apfelgetr;nk. Der Koch, der mit „Dog“ gekommen war, begann, die Suppe in Teller zu f;llen; die m;den und hungrigen Arbeiter nahmen diese mit an die bereits ausgesuchten schattigen Pl;tze im Gras, um dort bequem zu essen. Wer den Hauptgang aufgegessen hatte, stellte sich mit leerem Teller f;r den Nachschlag an. Cardan trat an „Dog“ heran und vereinbarte die Lieferung der Kohle. „Pass auf und benutz eine Plastikplane, damit der Lastwagen nicht schmutzig wird. Du verstehst sicher: Ich liefere damit Essen f;r die Arbeiter aus“, mahnte ihn der Fahrer.
Die Kohle war geliefert worden. Zwei Tage lang herrschte Ruhe. Der Leiter des Kohlelagers k;mmerte sich um dringende Angelegenheiten. Am dritten Tag machte er sich auf den Weg zu „Prokuror“, um die versprochene Kraftstoffpumpe abzuholen. Er kam auf dem Gel;nde der Traktorenstation an und begann, nach dem Chefmechaniker zu suchen.
„Haben Sie Prokuror gesehen?“
„Nein“, antwortete der Arbeiter verdutzt. „Und wer ist das?“
„Ihr Chefmechaniker.“
„Wir haben keinen Chefmechaniker, der so hei;t.“
Der Leiter des Kohlelagers konnte nicht glauben, was er da h;rte. War er etwa hinters Licht gef;hrt worden? Er wollte dem ersten Arbeiter nicht sofort trauen – vielleicht irrte sich dieser ja. Verzweifelt lief er ;ber das Gel;nde der Traktorenstation und stellte immer wieder dieselbe Frage: „Haben Sie Prokuror gesehen?“ Niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung, wer Prokuror sein sollte. Er ging ins B;ro des Leiters und erhielt dieselbe Antwort wie von den Arbeitern: „Wir haben keinen Mechaniker, der so hei;t. Da hat Ihnen wohl jemand einen B;ren aufgebunden.“
Die Worte erstarben, erstickt von einem Klo; in seinem Hals. Der Leiter des Kohlelagers konnte seinen Fehler kaum fassen: „Wie konnte es nur passieren, dass man mich so leicht ;bers Ohr haut?“ Es h;mmerte in seinen Schl;fen, seine Brust brannte. Er eilte auf der Suche nach Cardan durch das Dorf, hielt unterwegs Leute an und stellte immer wieder dieselbe Frage: „Haben Sie Prokuror gesehen?“
„Wer ist Prokuror? Wir haben ihn weder gesehen noch kennen wir ihn“, antworteten sie erstaunt. „Fragen Sie doch am besten den Dorfvorsteher; der kennt hier alle Leute.“
Wie ein Ertrinkender, der nach einem Strohhalm greift, machte sich der Leiter des Kohlelagers auf den Weg zur Dorfverwaltung.
„Entschuldigung! Wissen Sie zuf;llig, wer Prokuror ist?“, fragte er den Dorfvorsteher und schilderte ihm den Vorfall.
„Prokuror, Prokuror – wer ist dieser Prokuror?“, murmelte der Vorsteher immer wieder vor sich hin. „Prokuror, Prokuror – wer ist dieser Prokuror? Cardan oder was?“ Schlie;lich kam ihm die L;sung wie von selbst in den Sinn. „Ich will Ihnen nicht erkl;ren, wie man Eier legt. Aber wenn Sie derjenige sind, der die Kohlelieferung an ihn in die Wege geleitet hat, dann werden Sie die Sache nicht auf juristischem Weg regeln k;nnen. Er hat sie nicht gestohlen“, erkl;rte der Dorfvorsteher. „Gehen Sie zu ihm und versuchen Sie, sich zu einigen.“
„Oh, ich schw;re, ich werde ihm das Leben zur H;lle machen, sobald ich ihn in die Finger bekomme.“ Vor ;rger bl;hte er die Backen auf.
Der Dorfvorsteher erkl;rte ihm den Weg zu Cardans Haus und begleitete den frustrierten Direktor bis zur T;r. Dieser war zutiefst ersch;ttert ;ber das, was ihm widerfahren war, und wollte die Angelegenheit unbedingt so schnell wie m;glich bereinigen. „Mich wundert es nicht, dass er nicht mehr klar denken kann. Cardan hat ihn ;bel zugerichtet“, dachte der Dorfvorsteher, w;hrend er dem davonziehenden Einfaltspinsel nachsah.
Cardan war zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause; auch am n;chsten Tag und an den darauffolgenden Tagen war er nicht aufzufinden. Er hatte sich eine Zeit lang verkrochen. Es war nicht ratsam, den Kopf unter eine herabfallende Axt zu legen. Dem Direktor des Kohlelagers wurde klar, dass er sich – fernab seiner gewohnten Umgebung – auf fremdem Terrain befand. Seine Chancen, die Situation zu seinen Gunsten zu wenden, waren ;u;erst gering. Er scheute sich davor, die Sache gro; an die Glocke zu h;ngen. Schlie;lich gab er auf; er schimpfte ;ber seine eigene Leichtgl;ubigkeit und knurrte durch zusammengebissene Z;hne: „Ach, du Betr;ger! Das n;chste Mal bin ich schlauer.“
Der Sturm legte sich, und Cardan kehrte nach Hause zur;ck. „Meine Frau m;sste jeden Moment zur;ckkommen. Ich muss den Ofen fertigstellen.“ Er bereitete Lehm als M;rtel vor und begann zu mauern. Pl;tzlich ;ffnete sich die T;r, und seine m;de Frau trat ein. Sie sah sich um. Cardan bemerkte einen Funken Zorn in ihren Augen.
„Hoppla – t;usche ich mich, oder hast du den Ofen immer noch nicht fertig gebaut?“, stie; sie hervor.
„Ach komm schon, Liebste, du bauschst das doch viel zu sehr auf. Sei doch nicht so streng mit mir. Siehst du denn nicht, dass ich mein Bestes gebe? Au;erdem sind hier schon sichtbare Ver;nderungen zu erkennen. So sehr ich mich auch bem;ht habe, ihn fertigzustellen – mir hat einfach die Zeit gefehlt. Auf die Absicht kommt es doch an, oder?“, rechtfertigte sich der Ehemann.
Seine Frau betrachtete das Werk, das er gerade erst begonnen hatte, und rief dann w;tend aus: „Da haben wir’s wieder! Ich verpasse dir gleich so einen Schlag, dass es stattdessen in deinem Kopf Ver;nderungen gibt! Was hast du eigentlich zwei Wochen lang gemacht?! Los, mach schnell fertig!“
Cardan, der sich seiner Schuld bewusst war, arbeitete schweigend weiter.
„Gut, dass du Kohle gekauft hast, sonst w;rdest du es bereuen“, drohte die halbwegs bes;nftigte Frau, wenn auch diesmal etwas milder.
DIE FL;CHE DER ALTEN FRAUEN
Im Laufe der Zeit verfiel Cardan wieder in seine alten Gewohnheiten: st;ndige Abenteuer und exzessives Trinken. Ein alter Hund lernt eben keine neuen Kunstst;cke mehr. Er konnte kein ruhiges Leben als anst;ndiger Familienvater f;hren, und seine Ehe stand kurz vor dem Abgrund. Das Familienleben steuerte auf eine Katastrophe zu. Unterdessen kursierten im Dorf allerlei Ger;chte ;ber seine Machenschaften. Die Zahl der Naiven war stark geschrumpft; jeder kannte die Hinterlist des gerissenen Betr;gers. „Na, du wirst wohl wieder deine Spielchen treiben“, sagten die alten Frauen. „Mit dir wollen wir nichts zu tun haben“, hie; es von den M;nnern. Cardan rackerte sich ab wie ein Hamster im Rad – er lief so schnell er konnte und lie; seinem Talent freien Lauf. Er investierte Blut, Schwei; und Tr;nen, doch seine Versuche scheiterten kl;glich. Niemand ahnte, dass er eigentlich gar nicht mehr anders konnte; er brauchte nur eine kurze Pause. Der Trubel musste sich erst etwas legen. Er war schlichtweg das Stadtgespr;ch, und daran lie; sich nichts ;ndern. Seine Streiche waren das Lieblingsthema jeder Unterhaltung, selbst bei Schulkindern. Wenn sie ihm auf der Stra;e begegneten, zeigten sie mit dem Finger auf ihn und lachten. F;r sie war er ein lokaler Star, ein gro;er Hochstapler, fast so schlau wie der ber;hmte Ostap Bender.
Mittags versammelten sich einige Frauen vor dem Laden und diskutierten angeregt ;ber die neuesten Neuigkeiten aus dem Dorf.
„Stellt euch vor“, sagte eine von ihnen, „gestern st;rmte Cardan mit einer S;ge in der Hand in mein Haus und sagte hastig – als ob er etwas Wichtiges zu erledigen h;tte – zu mir: ‚Schnell, gib mir einen Liter Wodka! Dir wird gerade eine Ladung Brennholz geliefert! Schau, schau aus dem Fenster!‘ Ich sah nach. Tats;chlich fuhr ein mit Brennholz beladener Traktor an meinem Hof ;;vorbei. ‚Komm schon, mach schnell, wir haben es eilig! Wir bereiten Holz f;r die Kolchose vor; die Jungs wollten sich aufw;rmen und haben mich zu dir geschickt! Lass uns das rasch regeln!‘“ „Ich muss schnell zur;ck, um ihnen beim Abladen des Anh;ngers zu helfen!“ Ich bezahlte ihn und wartete. F;nf Minuten vergingen, aber der Traktor tauchte nicht auf. Ich ging nach drau;en – niemand war da. Ich wartete noch eine halbe Stunde – Stille. Tja, ich dachte mir, der Mistkerl hat mir schon wieder einen Streich gespielt. Ach, meine Liebe, der Himmel wird ihn eines Tages bestrafen! Ich schw;re, er wird f;r solche Tricks bestraft werden!“
„Erst neulich kam er zu mir und sagte“, fuhr die zweite Frau fort: „Wir liefern gerade Mist auf das Feld der Kolchose. Die Jungs wollten sich aufw;rmen und haben mich zu dir geschickt. Gib mir schnell einen Liter Wodka, dann renne ich zur;ck! Ich habe es eilig. Sie warten auf mich! Der Traktor mit dem Mist ist schon unterwegs!“
„Ich bezahlte ihn, wartete noch eine Weile und ging dann in den Garten – niemand da. Ich ging auf die Stra;e – niemand da. Ich wartete und wartete und wartete – kein Traktor, niemand. Oh, dieser Gauner, oh, dieser Mistkerl! Nur damit es gesagt ist: Der Himmel wird ihn eines Tages f;r seine Tricks bestrafen. Oh, er wird bestraft werden!“
„Mein Mann fuhr in die Kreisstadt, um M;bel zu kaufen“, begann die dritte Frau. „Dort traf er Cardan und erz;hlte ihm – in seiner ganzen Naivit;t – von seinen Pl;nen. Sp;ter kam Cardan zu mir gelaufen und fragte: ‚Ist dein Mann schon aus der Kreisstadt zur;ck?‘
‚Nein‘, antwortete ich.
‚Ich habe ihm beim Aufladen der M;bel geholfen. Er sagte, wenn ich sp;t zur;ckkomme, w;rde meine Frau dich daf;r bezahlen. Gib mir also eine Flasche Wodka.‘
„Nun, ich bezahlte. Mein Mann kam nach Hause und verstand ;berhaupt nicht, wovon ich sprach. Dann gab es Streit mit ihm – wegen dieses schmierigen Cardan. Ich hoffe, er entgeht nicht der g;ttlichen Strafe. Merk dir meine Worte: Eines Tages wird ihm jemand einen solchen Streich spielen, dass er ihn nie vergessen wird!“
„Er hat mir Salz statt Zucker verkauft“, f;gte die vierte Frau hinzu. Pl;tzlich brachen die Fl;che der Frauen wie ein tropischer Regenguss ;ber ihn herein.
Cardans Ruf hatte schweren Schaden genommen; er musste ihn irgendwie wiederherstellen. Ihm wurde klar, dass er einen Gang zur;ckschalten und tats;chlich einige seiner Versprechen halten musste, um den Sturm zu ;berstehen. Man kann nicht alles auf einmal haben. Er wollte das Vertrauen eines Einfaltspinsels zur;ckgewinnen, und sobald dieser unvorsichtig wurde, w;rde Cardan einen hinterh;ltigen Schachzug wagen. Er spielte immer aufs Ganze, und das erforderte Geduld und Ausdauer.
Ein solcher Einfaltspinsel – seiner Meinung nach – n;herte sich gerade Victoria. Seinen Spitznamen verdankte er seiner Vorliebe, sich ;ber andere lustig zu machen. Ger;chte ;ber seine Streiche, die er den Dorfbewohnern spielte, verbreiteten sich weit ;ber das Dorf hinaus. Cardan war ganz unten angekommen, daher war er nicht allzu w;hlerisch. Er wusste um Victorias Erfahrung im Aushecken von Streichen, wagte es aber dennoch, „mit dem Feuer zu spielen“ und es zu versuchen. Er war es gewohnt, R;ckschl;ge wegzustecken, und beschloss, seine eigene Erfahrung zu nutzen, um am Ende als Sieger hervorzugehen. Er wollte Victorias Gastfreundschaft ausnutzen, um sein Ziel zu erreichen und ihn am Ende mit leeren H;nden dastehen zu lassen. Victoria verstand sein Handwerk: Cardan konnte alte Frauen t;uschen, doch Victoria wusste, wie man M;nner der L;cherlichkeit preisgab. Zugegeben, er w;rde nicht einfach nur ein weiterer Ball in Cardans Jongliernummer sein. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, wer diesmal die Oberhand behalten w;rde – beide waren Meister ihres Fachs. Victoria lud Cardan zu sich nach Hause ein. Sie tranken etwas, sprachen ;ber ihr Leben und verabschiedeten sich voneinander.
Der Spa;vogel wusste, dass es keinen Grund zur Eile gab; wie eine Katze, die einer Maus auflauert und geduldig vor dem Loch wartet, bis diese unvorsichtig wird, wartete er auf den g;nstigen Moment zur Umsetzung seines Plans. Der gro;e Betr;ger alter Frauen wiederum blieb – wie ein Spatz, der das f;r die H;hner ausgestreute Futter frisst – l;nger, als es eigentlich angebracht war. Eines Tages verweilte er l;nger als ;blich an Victorias Tisch.
Die magische Wirkung des Alkohols und das angenehme Gespr;ch lie;en ihn unvorsichtig werden. Der Gastgeber schenkte ihm immer wieder Alkohol nach, und der Gast trank und trank. Die Party kam richtig in Schwung. Der Scherzbold erkannte, dass es an der Zeit war zu handeln. Er stie; absichtlich gegen den auf dem Tisch stehenden Wasserbecher; dieser fiel in Cardans Scho; und durchn;sste dessen Hose an einer sehr intimen Stelle.
„Oh, du bist ja klatschnass. Ich leihe dir trockene Sachen. Du kannst dich im Nebenraum umziehen. Sonst hei;t es am Ende noch, du h;ttest dich wie ein Baby eingen;sst“, bot Victoria freundlich seine Hilfe an.
Cardan ging in den Nebenraum, um sich umzuziehen.
„Warte nur ab! Ich zeig dir gleich, wie das geht!“, murmelte Victoria. Er nutzte Cardans Abwesenheit und leerte eine Flasche Rizinus;l in den Salat. Er konnte Cardan einen Streich nicht verzeihen, den dieser ihm vor einiger Zeit gespielt hatte. Cardan hatte damals eine Axt gegen Wodka eingetauscht und es geschafft, mit beidem – dem Wodka und der Axt – aus Victorias Haus zu verschwinden. Seither hatte er jahrelang auf Rache an Cardan gesonnen. Die gesellige Feier zog sich ;ber drei Tage hin, da Cardan sich nie l;nger als ein paar Minuten von der Toilette entfernen konnte. Er litt unter schrecklichem Durchfall.
Cardans Frau eilte durch das ganze Dorf, um nach ihrem Mann zu suchen. „Er ist nirgends zu finden. Wo steckt er nur? Ein paar Mal hat er zwar woanders ;bernachtet, aber noch nie drei Tage am St;ck“, klagte sie. Sie durchsuchte das ganze Dorf, doch ihr Mann schien sich in Luft aufgel;st zu haben. Wie sich herausstellte, hatte ihn seit drei Tagen niemand mehr im Dorf gesehen. Schlie;lich riet man ihr, bei Victoria nachzusehen. Es hie;, er sei k;rzlich dort gewesen. Cardans Frau ging hin, um der Sache auf den Grund zu gehen. „Wenn er nicht hier ist“, beschloss sie, „rufe ich die Polizei und melde ihn als vermisst.“
Die T;r war verschlossen und die Vorh;nge waren zugezogen. Sie ging um das Haus herum und versuchte, eine L;cke zwischen den Vorh;ngen zu finden. Schlie;lich hatte sie Gl;ck. Sie entdeckte Cardan, der im Plumpsklo eingeschlossen war. Sie h;mmerte mit den F;usten gegen die T;r. „Mach das Klo auf! Mach auf, du Mistkerl! Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?“, schrie sie au;er sich vor Wut, doch die T;r blieb verschlossen.
„Ich habe schrecklichen Durchfall. Ich kann nicht laufen. Kannst du jemanden bitten, mir nach Hause zu helfen? Allein schaffe ich das nicht“, erkl;rte er ihr unter Tr;nen.
Schlie;lich lief sie zu den Nachbarn, damit diese ihr halfen, ihren Mann aus den F;ngen des grausamen Scherzboldes zu befreien. Victoria, die Unheil ahnte, half Cardan rasch aus dem Klo, f;hrte ihn auf die Stra;e und setzte ihn auf die Bank vor dem Hof. Der gro;e Betr;ger alter Frauen hatte Victoria untersch;tzt. Das war sein verh;ngnisvoller Fehler. Nach diesem „freundlichen Besuch“ konnte er weder sitzen noch stehen oder gehen. Die M;nner kamen herbeigelaufen. Sie fassten Cardan unter den Kniekehlen, legten seine Arme um ihre Schultern und trugen ihn nach Hause.
So endete das Treffen zweier Liebhaber von Gl;cksspielen. Niemand wei;, was dort wirklich geschehen ist. Hier kommt es oft vor, dass jemand mit seiner b;sen Zunge Unsinn verbreitet, sich Ger;chte wie ein Lauffeuer im Dorf ausbreiten und sich am Ende alles als blo;e Verleumdung herausstellt. Ich m;chte hier also nicht spekulieren und behaupten, dass es tats;chlich so war. Doch die Leute im Dorf lachten noch lange dar;ber und sagten immer wieder: „Niemand kann der g;ttlichen Strafe entgehen. Man sehe sich nur Cardan an. Er ist das lebende Beispiel daf;r. Er schien fast jeden im Dorf t;uschen zu k;nnen – und wer h;tte sich vorstellen k;nnen, dass er selbst wie ein Kind hinters Licht gef;hrt wurde?“
Seine Frau konnte Cardan nicht unter ihre Fuchtel bringen; also trennte sie sich von ihm und kehrte zu ihrer Mutter zur;ck. Cardan, der einige Wochen im Bett verbracht hatte, genas und ging wieder nach drau;en. „Entweder hat mich meine Intuition get;uscht, oder das alles geschah wegen der Fl;che der alten Frauen“, murmelte er und schob die tr;ben Gedanken rasch beiseite. Er hoffte, dass der Vorfall in Vergessenheit geraten w;rde, wenn man ihn einfach ignorierte. Die Leute w;rden allm;hlich nicht mehr daran denken, solange man kein gro;es Aufheben darum machte. „Soll ich etwa unt;tig herumsitzen und auf der Stelle treten? Soll ich mich f;r den Rest meines Lebens verkriechen? Man muss immer in Bewegung bleiben! Wenn es hart auf hart kommt, muss man sich doppelt so schnell drehen, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Cardan (die Antriebswelle) dreht sich – das Auto bewegt sich.“ Er warf sich den Mantel ;ber die Schulter, richtete sich auf, hob den Kopf und machte sich auf den Weg, um der Welt zu begegnen.
Unwillk;rlich kamen mir die Worte aus dem ukrainischen Zeichentrickfilm *Es war einmal ein Hund* in den Sinn: „Und Cardan lebte weiter wie zuvor, ja sogar noch besser; all seine fr;heren Sorgen waren vergessen – einfach vergessen.“
W;hrend ich an diesem Buch schrieb, hatte ich das Gl;ck, Cardan zu begegnen. Eines Morgens, als die Sonne gerade ;ber den Baumwipfeln in der Ferne aufging, schaute er bei mir vorbei, ganz im Einklang mit den Ger;uschen der erwachenden Natur. „Was f;r ein Gl;cksfall“, dachte ich. Ich h;tte mich ;ber niemanden mehr gefreut – nicht einmal ;ber den Weihnachtsmann.
„Brauchst du Hallimasch?“, fragte er und hielt mir einen prallen Beutel entgegen. Ich nahm die schwere Last entgegen.
„Wow, was f;r wundersch;ne Pilze!“ Ich atmete den Waldduft der Hallimasch ein. „Deine Agilit;t verbl;fft mich immer wieder. Wie schaffst du es nur, im Morgengrauen aufzustehen und so fr;h am Tag schon aktiv zu sein?“, fragte ich voller ehrlichem Interesse.
„Der fr;he Vogel f;ngt den Wurm. Man muss immer in Bewegung bleiben. Cardan dreht sich – der Motor l;uft.“
„Ja, es ist wichtig, in Schwung zu bleiben“, stimmte ich zu. Das Gesch;ft war besiegelt, und er ging.
Eine halbe Stunde sp;ter schaute er noch einmal vorbei.
„Na, welchen Wurm hat der Vogel diesmal erwischt?“
„Brauchst du Fisch?“
„Ja, sehr gerne. Du hast es einfach drauf. Deine Agilit;t stellt mich wirklich in den Schatten. Ehrlich gesagt bewundere ich deinen Einfallsreichtum.“
„Ich bringe dir morgen fr;h noch mehr“, versprach er.
„Alles klar, ich werde darauf warten“, sagte ich mit einem wohlwollenden L;cheln.
Und diesmal bezahlte ich ihn f;r den Fisch.
Wenig sp;ter tauchte er zum dritten Mal auf.
„Wow, schau mal, wer da ist! Du hast immer das perfekte Timing.“ „Ich habe gerade erst das Netz ausgeworfen; morgen fr;h als Allererstes bringe ich dir noch mehr Fisch. Ich bin hergekommen, um dir zu sagen, dass ich dich nicht vergessen habe – sonst h;ttest du wom;glich gedacht, ich h;tte mich betrunken und w;re eingeschlafen. Ich wollte fragen, ob du mir etwas Geld geben k;nntest; sobald ich im Morgengrauen das Netz einhole, komme ich direkt zu dir.“
Es bestand kein Zweifel, dass er log. Doch er tat es auf so wunderbare Weise; der Vorgang wurde so akribisch geschildert, dass er der Fantasie keinen Raum lie;. Er beschrieb mir das Netz, das er ausgeworfen hatte, wie er ins Wasser gestiegen war und welche Fische dort waren – er erz;hlte mir alles bis ins kleinste Detail.
„Wei;t du, ich kann aus jedem einen Idioten machen – au;er aus dir.“ F;r einen Moment wirkte er verschmitzt, als h;tte er mich bei einem Kartenspiel ;berlistet.
„Ich wollte dich schon lange fragen: Stimmt es, dass du beim Milit;rdienst nahe Moskau mal ein Kilo Sand statt Zucker gegen Schnaps getauscht hast?“
„Ja, das stimmt, Andrej. Das hat mich bei den Soldaten ber;hmt gemacht.“
„Gab es viele interessante Dinge in deinem Leben?“
Er z;gerte einen Moment, sah zu mir auf, als w;rde er sich an etwas erinnern, und fuhr dann fort – diesmal noch herzlicher.
„Oh, Andrej, ich habe H;hen und Tiefen erlebt. Eines Tages erz;hle ich dir alles dar;ber. Brauchst du zuf;llig noch mehr Pilze?“, lenkte er das Gespr;ch zur;ck aufs Gesch;ftliche.
Ich merkte, dass er versuchte, mich gezielt zu beeinflussen, weil ich ihm zu viel Spielraum gelassen hatte. Ich konnte genau sehen, worauf er hinauswollte.
„Nein, danke! Diesmal verzichte ich“, antwortete ich nachdr;cklich.
„Du erz;hlst niemandem von deinen Abenteuern, was?“
„Das geh;rt zu meinen Berufstricks.“ „Je weniger sie ;ber mich wissen, desto ruhiger schlafen sie.“ Damit verabschiedete er sich.
Ich wollte ihm noch weitere Fragen stellen, hatte aber keine Ahnung, wie ich seinen Widerstand gegen die Preisgabe seiner pers;nlichen Geheimnisse brechen sollte. Ohnehin kannte so gut wie jeder im Dorf seine Lebensgeschichte, und man w;rde sie mir nur allzu gern erz;hlen. Es war also keine gro;e Sache, dass ich ihm keine weiteren Einzelheiten ;ber sein Leben entlocken konnte: Ein Mann s;gt schlie;lich nicht an dem Ast, auf dem er sitzt. Er versicherte mir lediglich immer wieder, dass er mir bei allen anfallenden Arbeiten im Haushalt helfen w;rde, sobald ich ihn darum b;te. Ich h;rte ihm aufmerksam zu und war begeistert, dass es solch am;sante Menschen auf der Welt gab. Man h;tte ihn als L;gner, Schwindler oder Betr;ger bezeichnen k;nnen, doch jeder, der ihm je begegnet war, wollte sich – tief im Inneren – irgendwie t;uschen lassen. Warum sonst tappten ausgerechnet jene Menschen, die um seine betr;gerische Ader wussten, immer wieder in dieselbe Falle? Es musste eine Art innere Anziehungskraft von diesem Mann ausgehen, eine gewisse rein menschliche Ausstrahlung ... So wie man einem Kind seine Fehler aufgrund von Unwissenheit und mangelnder Lebenserfahrung verzeiht, so kam Cardan mit seinen Tricks durch, weil man ihn einfach wiedersehen, ihm zuh;ren, lachen und das Leben genie;en wollte. So einfach war das.
Ehrlich gesagt war es eines der spannendsten Gespr;che, die ich je gef;hrt hatte. Ich genoss jeden einzelnen Augenblick. Es war eine Win-win-Situation. Wobei ich ihm gegen;ber leicht im Vorteil war, da er nicht ahnte, dass ich das Spiel mitspielte. Schlie;lich konnte ich seinem Charme nicht widerstehen und fiel auf seine Versprechungen herein. Wider besseres Wissen bezahlte ich ihn im Voraus f;r den Fisch, obwohl ich ahnte, dass er mich anlog. Doch er schilderte die Dinge so geschickt, malte seine Taten so anschaulich aus und versprach mir alles so charmant, dass man ihm unm;glich b;se sein konnte.
Ich stand vor meinem Haus und sah Cardan nach, der mit schnellem, selbstsicherem Schritt davonlief. Wehm;tige und zugleich warme Gedanken erf;llten mich: So viel Begeisterung steckte in diesem Mann, so viel zur Schau getragene Tugendhaftigkeit im Umgang mit anderen, so viel Leben! Er wirkte unzerst;rbar, ausgestattet mit mehr Energie als jeder andere, den ich je gekannt hatte. Nat;rlich war er nicht unfehlbar; er hatte durchaus seine... ...wenige Schw;chen. Wie dem auch sei: Er war ein pr;chtiger Kerl – einer jener Menschen, die man heutzutage als ;berlebensgro; empfindet.
Er vermochte es, jedem – wenn auch nur vor;bergehend – Hoffnung zu geben und zu zeigen, dass die Welt nicht frei von g;tigen Menschen war; durch Gespr;che konnte er das elende Dasein der Leute erleichtern und den langweiligen, eint;nigen Alltag eines Landarbeiters mit bunten Farben f;llen. Er hatte sich so manchen kleinen Trick angeeignet, um in ihrer Welt zurechtzukommen. Vielleicht sah man ihm deshalb stets alles nach – wegen der positiven Gef;hle, die man nach einem Gespr;ch mit ihm versp;rte.
„Was f;r ein netter, lustiger Kerl er doch ist – ein echtes Original!“ Ich wiederholte diese Worte im Stillen, und ein freundliches L;cheln huschte ;ber mein Gesicht, w;hrend Cardan hinter der Ecke der verlassenen Stra;e verschwand. Menschen wie er stellen die Welt auf die Probe, wenn sie ihren Scharfsinn verlieren. Selbst wenn er jemanden ;bervorteilte, wurde ihm verziehen. Unser Erl;ser hat gesagt: „Richtet nicht...“ Auch ich werde nicht mit dem Finger auf ihn zeigen.
Schlie;lich begriff ich, warum sich manche Menschen nach der Zeit der Sowjetunion sehnen. An den elenden Lebensumst;nden, dem unterdr;ckerischen Regime oder der harten Feldarbeit f;r einen Hungerlohn war nichts Reizvolles. Sie vermissen ihre vergangene Jugend, die Menschen, die sie kannten, und die Tr;ume, die sie einst hatten. Zweifellos waren es Momente, an die sie sich immer erinnern w;rden. Ich rief mir ins Ged;chtnis, dass nur jene Menschen erfolgreich und gl;cklich sein k;nnen, die zwar Lehren aus der Vergangenheit ziehen, aber stets nach vorne blicken. Doch das alles ist l;ngst vorbei. Also beendete ich meine Tagtr;umerei und widmete mich wieder meinen h;uslichen Pflichten.
Heutzutage sterben die ukrainischen D;rfer aus. Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren eines von ihnen besuchte. Dort herrschte reges Leben: Die Menschen pflanzten Gem;se an, hielten K;he und gingen zur Arbeit. Heute stehen dort nur noch vereinzelt verfallene H;user, und der Wind pfeift durch die Ruinen – jener b;se Wind des Wandels. Auch in diesem Dorf gab es einen „Cardan“, genau wie in Hunderten ;hnlicher D;rfer, die heute nur noch auf der Landkarte der Ukraine existieren. Es gab dort M;nner, die es verstanden, sich in Szene zu setzen, und die stets f;r gute Stimmung sorgten. Man k;nnte ganze B;nde ;ber sie schreiben. Doch leider erinnert sich heute niemand mehr an sie. Genau aus diesem Grund habe ich beschlossen, die Erinnerung an Cardan und die Geschichten ;ber seine Streiche zu bewahren – jene Streiche, die die Menschen im Dorf erheiterten und ihren rauen, grauen Alltag ;ber Jahrzehnte hinweg ein wenig aufhellten.
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