Das Streben nach berlegenheit
Bilousov Andrii
DIE KRAFT DER ;BERLEGENHEIT
Et dicebam ego meliorem esse sapientiam fortitudine: quomodo ergo sapientia pauperis contempta est et verba eius non sunt audita.
Und ich sagte: Weisheit ist besser als St;rke; und dennoch wird die Weisheit des Armen verachtet, und seine Worte werden nicht geh;rt.
(Prediger 9,16)
Wenn ein Mensch ;ber gro;e k;rperliche Kraft verf;gt und einen sch;nen, gut entwickelten K;rper besitzt, aber nicht in der Lage ist, logisch zu denken, erscheint er vielen Menschen grotesk, unangenehm und dumm. Kraft allein ist noch kein Zeichen von ;berlegenheit. Sie verleiht dem Menschen lediglich eine bestimmte M;glichkeit, auf die ihn umgebende Welt einzuwirken. Wenn ein Mensch jedoch nicht versteht, diese M;glichkeit richtig einzusetzen, kann seine Kraft v;llig nutzlos sein oder sogar zur Ursache seiner Niederlage werden.
Ein Mensch kann in der Lage sein, ein enormes Gewicht zu heben, schwere k;rperliche Arbeit auszuhalten, schnell zu laufen und ;ber hervorragende Reaktionsf;higkeit zu verf;gen. Doch all diese Eigenschaften werden ihm in einer Situation nicht helfen, in der es darauf ankommt, die Umst;nde richtig einzusch;tzen, die Folgen seiner Entscheidung vorherzusehen und die einzig vern;nftige Handlungsweise zu w;hlen.
K;rperliche Kraft erm;glicht es dem Menschen, unmittelbar zu handeln, w;hrend der Verstand bestimmt, welche Handlung ;berhaupt ausgef;hrt werden sollte.
Wenn ein Mensch viel Geld besitzt, aber nicht logisch denken kann, genie;t er ebenfalls meist keine intellektuelle Anerkennung bei seinen Mitmenschen. Geld verschafft einem Menschen M;glichkeiten, aber es verleiht ihm nicht automatisch die F;higkeit, diese M;glichkeiten richtig zu nutzen.
Ein reicher Mensch kann die besten Dinge kaufen, eine hervorragende Ausbildung erhalten, medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, reisen, Fachleute besch;ftigen und von einer enormen Zahl von Errungenschaften der Zivilisation profitieren. Doch er kann mit Geld nicht die F;higkeit kaufen, selbstst;ndig zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden.
Dar;ber hinaus erzeugt materieller Wohlstand beim Menschen manchmal die Illusion seiner eigenen Einzigartigkeit. Wenn jemand daran gew;hnt ist, seine W;nsche dank seiner materiellen M;glichkeiten erf;llen zu k;nnen, f;llt es ihm leicht zu glauben, dass seine Meinung automatisch richtiger sei als die Meinung anderer Menschen.
Doch wirtschaftliche ;berlegenheit und intellektuelle ;berlegenheit sind v;llig verschiedene Erscheinungen.
Wenn ein Mensch Wissenschaftler geworden ist und s;mtliche Feinheiten der Wissenschaft, mit der er sich besch;ftigt, auswendig gelernt hat, aber nicht logisch denken kann, wirkt auch er auf viele Menschen bemitleidenswert.
Man kann eine enorme Menge an Fakten kennen und dennoch ihre Zusammenh;nge nicht verstehen. Man kann Formeln, Definitionen, Daten, Namen und Ergebnisse fremder Forschungen im Ged;chtnis behalten und trotzdem v;llig unf;hig sein, selbstst;ndig eine neue Schlussfolgerung zu ziehen.
Deshalb bestimmt die Menge des Wissens noch nicht die Qualit;t des Denkens.
Die F;higkeit zum logischen Denken ist die einzige Eigenschaft, die einem Menschen im intellektuellen Sinne einen Vorteil gegen;ber einem anderen Menschen verschafft – dasjenige, was einen „Julius C;sar“ von einem ungehobelten Kerl unterscheidet.
Unter logischem Denken verstehen wir die F;higkeit, Begriffe vollst;ndig zu erfassen, Beziehungen zwischen ihnen herzustellen, Widerspr;che zu erkennen und einen Gedanken bis zu seiner nat;rlichen Schlussfolgerung zu f;hren.
Ein Mensch, der lediglich die Worte anderer wiederholt, kann gebildet erscheinen, doch seine Bildung bleibt ;u;erlich. Wahres Denken beginnt dort, wo der Mensch in der Lage ist, erworbenes Wissen selbstst;ndig zu ;berpr;fen und zu verstehen, warum es genau so sein muss.
Man kann die Antwort kennen und dennoch die Ursache der Antwort nicht verstehen.
Man kann einen fremden Gedanken wiederholen und dennoch nicht in der Lage sein, ihn zu verteidigen.
Man kann sogar zuf;llig zu einer richtigen Schlussfolgerung gelangen, ohne erkl;ren zu k;nnen, auf welchem Weg man zu ihr gelangt ist.
In all diesen F;llen besitzt der Mensch Informationen, aber kein vollwertiges Denken.
Viele Menschen sp;ren die Grenzen zwischen Realit;t und Erfindung nicht, zwischen Wissen, das durch Erfahrung ;berpr;ft werden kann, und Wissen, das ;ber die Erfahrung hinausgeht und ausschlie;lich ein Produkt des menschlichen Verstandes ist.
Und das ist nicht verwunderlich. Wir nehmen diese sichtbare, geordnete Welt als selbstverst;ndlich hin und errichten in unserem Bewusstsein ebenso geordnete Schemata, die der ihnen zugrunde liegenden Realit;t nicht entsprechen. Dadurch irren wir uns h;ufig in unseren Urteilen.
Der Mensch wird in eine Welt hineingeboren, die bereits von anderen Menschen beschrieben worden ist.
Noch bevor er beginnt, selbstst;ndig zu denken, wird ihm erkl;rt, was gut und was schlecht ist, was als richtig und was als falsch gilt, was normal und was anormal ist.
Er erh;lt eine Sprache, ein Wertesystem, religi;se oder nichtreligi;se Vorstellungen, politische Ansichten, historische Erkl;rungen und eine riesige Menge fertiger Antworten.
Allm;hlich beginnt der Mensch, diese Antworten als die Realit;t selbst wahrzunehmen.
Doch jede Beschreibung der Welt unterscheidet sich von der Welt selbst.
Die Landkarte ist nicht das Gebiet, und der menschliche Begriff ist nicht der Gegenstand, den er beschreibt. Genau deshalb erfordert die F;higkeit zu denken einen st;ndigen Vergleich unserer Vorstellungen mit der Wirklichkeit.
Sobald wir die Natur beobachten, wird vieles vollkommen klar.
Der Grund daf;r liegt unter anderem in der modernen Kultur, die unser Denken in vieler Hinsicht ver;ndert und verzerrt hat.
Der Mensch hat eine riesige k;nstliche Welt geschaffen und sich so sehr an sie gew;hnt, dass er nicht mehr bemerkt, wie stark sich diese Welt von den nat;rlichen Bedingungen menschlicher Existenz unterscheidet.
Stellen wir uns einen modernen Durchschnittsmenschen vor, der stundenlang vor einem Computer auf interaktiven Internetseiten sitzt.
Er ist in die Welt der Computerspiele eingetaucht, hat die schwierigsten Spiele vollst;ndig durchgespielt und ist ein Experte f;r alles. Er hat zu allem eine eigene Meinung, die er f;r die einzig richtige h;lt.
Ein solcher Mensch kann ;ber eine enorme Menge virtueller Erfahrungen verf;gen. Er kennt die Regeln des Spiels, erinnert sich an Dutzende von Figuren, kennt die Wege zum Sieg und kann schnell auf Ver;nderungen der Situation reagieren.
Doch all das bedeutet noch lange nicht, dass er ;ber praktische Erfahrung im wirklichen Leben verf;gt.
Er wird Ihnen ;ber Gott, Kultur, Politik, Geschichte und den Aufbau der Gesellschaft erz;hlen. Mehr noch: Er wagt es sogar, die Regierung zu kritisieren, die ihm Arbeitslosenunterst;tzung zahlt und ihm soziale Sicherheit garantiert.
Sein Vertrauen in sein eigenes Wissen kann praktisch grenzenlos sein.
Doch Selbstsicherheit ist kein Beweis.
Ein Mensch kann vollkommen von seiner eigenen Richtigkeit ;berzeugt sein und gleichzeitig vollkommen falsch liegen.
Schicken wir einen solchen Besserwisser nun gedanklich ins antike Griechenland, in die Zeit der furchtlosen Helden von Hellas, die den unsterblichen G;ttern nur an k;rperlicher Kraft und geistigen F;higkeiten nachstanden.
Die Spartaner beispielsweise hielten Weitschweifigkeit f;r ein Zeichen von Dummheit. F;r sie sollte ein Mensch nicht nur reden, sondern auch handeln.
Wenn dieser Experte dort nicht sofort get;tet w;rde, w;rde man ihn zumindest zum Gesp;tt des Volkes machen.
Zwar hat Sparta der Welt keinen herausragenden Denker hinterlassen, der mit den gr;;ten Philosophen Athens vergleichbar w;re, doch es hinterlie; die ewige Erinnerung an furchtlose Helden, die ihre Heimat liebten und verteidigten.
Dieser Unterschied zeigt, wie vieldeutig der Begriff der menschlichen ;berlegenheit selbst ist.
Die eine Gesellschaft kann Kraft, Disziplin und Mut sch;tzen.
Eine andere – die F;higkeit zu argumentieren, die Kunst des Streitgespr;chs und die F;higkeit, neue Ideen zu schaffen.
Eine dritte – Reichtum, Unternehmergeist und praktischen Erfolg.
Folglich kann die ;berlegenheit eines Menschen nicht anhand nur eines einzigen Merkmals beurteilt werden.
Im intellektuellen Sinne gibt es jedoch eine Eigenschaft, die es dem Menschen erm;glicht, Informationen nicht nur zu besitzen, sondern sie in neues Wissen umzuwandeln.
Diese Eigenschaft ist die F;higkeit zu denken und zu schlussfolgern.
Leider ist dies der Preis der Technologien, deren Entwicklung zur Abstumpfung bestimmter nat;rlicher menschlicher F;higkeiten f;hrt.
Wir m;ssen uns nicht mehr viel merken.
Warum auch?
Schlie;lich k;nnen wir jederzeit Google aufrufen und praktisch auf jede Frage eine Antwort finden.
Wir ben;tigen keine au;ergew;hnliche k;rperliche Kraft mehr – Maschinen haben sie ersetzt.
Wir brauchen keine ;berm;;ige Geschicklichkeit und k;rperliche Ausdauer f;r die meisten allt;glichen Aufgaben.
Wir m;ssen uns unser t;gliches Brot nicht mehr unter den Bedingungen beschaffen, unter denen dies f;r den Menschen der Vergangenheit notwendig war.
Das Leben ist sehr viel einfacher geworden.
Doch leider kann der Preis dieser Einfachheit sehr hoch sein, wenn der Mensch sich bedenkenlos dem Fortschritt ausliefert, ohne der eigenen geistigen und k;rperlichen Entwicklung die geb;hrende Aufmerksamkeit zu schenken.
Technologie sollte eine Fortsetzung menschlicher F;higkeiten sein und nicht deren Ersatz.
Wenn ein Mensch einen Taschenrechner benutzt, ist das wunderbar.
Wenn er jedoch danach aufh;rt, elementare mathematische Zusammenh;nge zu verstehen, wird er vom Werkzeug abh;ngig.
Wenn ein Mensch eine Suchmaschine benutzt, ist das eine gewaltige Errungenschaft der Zivilisation.
Wenn er jedoch aufh;rt, die gefundenen Informationen selbstst;ndig zu bewerten, macht ihn die enorme Menge verf;gbarer Informationen nicht kl;ger.
Ein Computer kann einem Menschen eine Antwort geben.
Aber er kann ihm nicht immer erkl;ren, welche Frage ;berhaupt gestellt werden sollte.
Gerade die richtige Fragestellung ist h;ufig eine schwierigere Aufgabe als die Suche nach der Antwort.
Wenn wir uns unsere nat;rlichen F;higkeiten nicht von der Zivilisation zur;ckerobern, sind wir zu einer vollst;ndigen Degeneration verurteilt.
Denn die Natur hat dem Menschen einen K;rper gegeben, damit er mit dieser Welt in Kontakt treten kann, und einen Verstand, damit er sie begreifen kann.
Um uns herum befindet sich alles in st;ndiger Bewegung, und derjenige, der im Leben passiv ist, steht nicht im Einklang mit der Natur.
Entwicklung ist ohne Anstrengung nicht m;glich.
Ein Muskel entwickelt sich, wenn er arbeitet.
Der Intellekt entwickelt sich, wenn er auf Schwierigkeiten trifft.
Der Charakter entwickelt sich, wenn der Mensch gezwungen ist, Widerstand zu ;berwinden.
Deshalb kann ein allzu leichtes Leben – wenn der Mensch sich nicht freiwillig Schwierigkeiten schafft – ihn allm;hlich der F;higkeit berauben, reale Hindernisse zu ;berwinden.
In der Geschichte der Entwicklung der europ;ischen Gesellschaft neigen wir dazu, zwei vollkommen herausragende Pers;nlichkeiten hervorzuheben: Jesus Christus – den von Gott gesandten Messias – und Immanuel Kant – den von der Wissenschaft gesandten Messias.
Zwei Messiasse, zwei Weltanschauungen, die die moderne geistige und wissenschaftliche Perspektive gepr;gt haben.
Nachdem jeder von ihnen auf seinem Gebiet seine Lehre vorgelegt hatte, w;rden sie immer an erster Stelle stehen.
Dem Erscheinen Christi ging eine ganze historische Epoche und das Leben gro;er Propheten voraus:
„Die Erde erwartete einen geistigen K;nig, verst;ndlich f;r die Leidenden, Dem;tigen und Armen.“
Auf ;hnliche Weise schufen ;ber viele Jahre hinweg Philosophen die Voraussetzungen f;r das Erscheinen Kants.
Messiasse werden nicht gemacht – die Zeit bringt sie hervor.
Ein gro;er Mensch erscheint nicht deshalb, weil er eines Tages beschlossen hat, gro; zu werden.
Hinter ihm steht eine historische Notwendigkeit.
Bevor eine neue Idee entstehen kann, muss sich eine enorme Menge alter Ideen, Widerspr;che, ungel;ster Fragen und L;sungsversuche angesammelt haben.
Jeder gro;e Denker steht auf der Spitze eines gewaltigen Geb;udes, das vor ihm errichtet wurde.
Der Mensch neigt dazu, seine Lebenserfahrung, sein m;hsam erworbenes Wissen und die Emotionen zu sch;tzen, die er bei der Erforschung der Geheimnisse dieser Welt erfahren hat.
Er m;chte in seinen Arbeiten einen Teil seiner selbst hinterlassen und bleibt deshalb h;ufig subjektiv.
Das ist nat;rlich.
Jeder Mensch betrachtet die Welt durch das Prisma seines eigenen Lebens.
Seine Vorstellungen werden durch seine Erziehung, seine Umgebung, seine Kultur, seine Erfolge und seine Niederlagen gepr;gt.
Deshalb kann selbst ein sehr intelligenter Mensch ein Gefangener seiner eigenen Voraussetzungen sein.
Messiasse dagegen verk;rpern das menschliche Wissen als Ganzes.
Sie sind eine Quintessenz, jene Spitze, zu deren Errichtung die menschlichen Erkenntnisse ;ber viele Jahre hinweg zusammengetragen wurden.
Und dann ist der Bau vollendet.
Auf seinem Gipfel erstrahlt ein neuer Stern.
Darin liegt der Unterschied zwischen einem gro;en Denker und einem lediglich gebildeten Menschen.
Der gebildete Mensch wei;, was bereits geschaffen wurde.
Der Denker ist in der Lage zu erkennen, was bisher noch nicht sichtbar war.
Wir m;chten die denkenden Menschen in zwei Kategorien einteilen:
Philosophen.
Denker.
Philosophen sind Menschen, die alte Ideen neu interpretieren, ohne etwas grundlegend Neues zur Entwicklung des menschlichen Denkens beizutragen.
Zum Beispiel arbeitete der Philosoph Hryhorij Skoworoda (1722–1794) mit Ideen, die im mittelalterlichen Europa aktuell gewesen waren.
F;r Europa im Zeitalter der Aufkl;rung w;re Skoworoda vermutlich eher als Theologe aufgetreten, da er sich in seinen Werken im Wesentlichen mit der christlichen Ethik auseinandersetzte.
In Europa war eine ;hnliche Tendenz in der Philosophie bis zur Renaissance vorherrschend.
Denker sind Menschen, die in der Lage waren, die Entwicklung des menschlichen Denkens voranzutreiben und es auf eine qualitativ neue Ebene zu f;hren.
Zu dieser Gruppe geh;ren folgende Pers;nlichkeiten:
Aristoteles, Epikur, Spinoza, Kant, Adam Smith, Newton, Darwin, Einstein und andere.
Nat;rlich besteht zwischen einem Philosophen und einem Denker nicht immer eine absolute Grenze.
Ein und derselbe Mensch kann sich mit der Interpretation fr;herer Ideen besch;ftigen und gleichzeitig neue Ideen hervorbringen.
F;r unsere Klassifikation ist jedoch etwas anderes entscheidend:
Ein Denker darf nicht lediglich vorhandenes Wissen wiederholen, sondern muss in der Lage sein, die Struktur des menschlichen Verst;ndnisses selbst zu ver;ndern.
Eine echte Entdeckung bedeutet nicht unbedingt die Entdeckung eines neuen Gegenstandes.
Manchmal bedeutet sie eine vollkommen neue Sichtweise auf einen bereits bekannten Gegenstand.
Deshalb entwickelt sich die Geschichte des menschlichen Denkens nicht nur durch die Anh;ufung von Informationen, sondern auch durch die Ver;nderung der Art und Weise, wie diese Informationen organisiert werden.
Newton hat die Natur nicht erschaffen.
Darwin hat die Evolution nicht erschaffen.
Einstein hat Raum und Zeit nicht erschaffen.
Aber sie schufen neue M;glichkeiten, das zu verstehen, was unabh;ngig von ihnen existierte.
In der heutigen Realit;t befinden sich die Menschen, die sich am besten an die sozialen Bedingungen angepasst haben, h;ufig in Regierungen und bekleiden hohe F;hrungspositionen im Staat.
Folglich m;ssen sie ;ber jene Eigenschaften verf;gen, die in der Gesellschaft am h;chsten gesch;tzt werden:
Selbstvertrauen, die F;higkeit zu ;berzeugen, den Wunsch zu f;hren und die F;higkeit, gesellschaftlich bedeutsame Ziele zu erreichen.
Solche Menschen repr;sentieren die Gesellschaft als Ganzes und nicht nur irgendein besonderes Element von ihr.
Doch hier entsteht ein wichtiger Widerspruch.
Ein Mensch kann f;r die Gesellschaft n;tzlich sein und dennoch kein gro;er Denker sein.
Jemand kann zahlreiche B;cher lesen, gro;e Entdeckungen machen und die Geheimnisse der Welt erforschen. Wenn seine Leistungen jedoch von der Gesellschaft nicht als n;tzlich anerkannt werden, kann ein solcher Mensch nur f;r sich selbst als klug gelten.
Die Gesellschaft ist nicht immer in der Lage, eine neue Idee sofort zu bewerten.
Die Geschichte kennt zahlreiche F;lle, in denen ein Denker von seinen Zeitgenossen nicht verstanden wurde.
Eine neue Idee erscheint h;ufig gerade deshalb nutzlos, weil die Gesellschaft noch nicht gelernt hat, sie anzuwenden.
Deshalb ist gesellschaftliche Anerkennung nicht immer ein absolutes Kriterium f;r Wahrheit.
Doch der Mensch lebt trotzdem innerhalb der Gesellschaft.
Er muss mit anderen Menschen interagieren, seine Interessen verteidigen, seine Handlungen erkl;ren und die Anerkennung seiner Vorschl;ge erreichen.
Deshalb wird die F;higkeit zu ;berzeugen zu einem wichtigen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.
Das moderne Bildungssystem vermittelt in erster Linie eine bestimmte Sichtweise auf die von Menschen geschaffene Kultur, deren Teil wir sind und in deren Rahmen wir etwas erreichen k;nnen.
Der Mensch erh;lt Wissen, das notwendig ist, um sich in das bestehende System einzugliedern.
Wer jedoch Wissen um des Wissens willen liebt, geht tiefer in die Erforschung der Naturgesetze und der Stellung des Menschen in dieser Welt.
Im sozialen Sinne ist diese Funktion durchaus bedeutsam, und f;r den Einzelnen vermittelt sie ein Gef;hl intellektueller ;berlegenheit gegen;ber anderen, Selbstvertrauen und Kontrolle ;ber die Situation.
Der Wunsch, scharfsinnig, vern;nftig und letztlich in strittigen Situationen im Recht zu bleiben, kompensiert bis zu einem gewissen Grad unseren Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung.
Denn im Leben ist es wichtig, eine bestimmte Stellung zu erreichen, Selbstvertrauen zu gewinnen und die Richtigkeit seiner Ansichten, ;berzeugungen und Bewertungen zu empfinden.
Der Mensch m;chte sich nicht hilflos f;hlen.
Er strebt danach, das Geschehen um ihn herum zu verstehen, gerade weil Verst;ndnis ihm ein Gef;hl der Kontrolle gibt.
Das Unbekannte macht Angst.
Widerspr;che irritieren.
Unklarheit erzeugt Unruhe.
Deshalb versucht der Verstand, die ihn umgebende Welt in ein System zu bringen.
Doch hier entsteht eine Gefahr:
Manchmal beginnt der Mensch, nicht die Wahrheit, sondern sein eigenes System von Vorstellungen zu verteidigen.
Dann verwandelt sich die Logik von einem Werkzeug zur Suche nach Wahrheit in eine Waffe zur Verteidigung einer bereits festgelegten Position.
Wahres logisches Denken muss bereit sein, die eigene Schlussfolgerung zu ;ndern, sobald ein Fehler entdeckt wurde.
Dies ist vielleicht eine der schwierigsten intellektuellen Aufgaben ;berhaupt.
Es f;llt dem Menschen erheblich schwerer, die Richtigkeit eines anderen Menschen anzuerkennen, als die eigene zu beweisen.
Deshalb muss die F;higkeit zu denken nicht nur die F;higkeit umfassen, einen Streit zu gewinnen, sondern auch die F;higkeit, den eigenen Fehler zu erkennen.
Und deshalb kann die F;higkeit, andere zu ;berzeugen, als grundlegende Kraft der ;berlegenheit gegen;ber anderen betrachtet werden – allerdings nicht durch T;uschung, sondern durch die Strenge des logischen Beweises.
Echtes ;berzeugen unterscheidet sich von Manipulation.
Der Manipulator versucht, einen anderen Menschen dazu zu bringen, eine bestimmte Position unabh;ngig von ihrer Wahrheit zu akzeptieren.
Der Denker dagegen muss danach streben zu zeigen, warum eine bestimmte Schlussfolgerung aus bestimmten Voraussetzungen folgt.
Wenn ein Mensch seine Sichtweise beweisen kann, erlangt er einen intellektuellen Vorteil.
Wenn er jedoch gleichzeitig in der Lage ist, die Schw;che seiner eigenen Position zu erkennen, erlangt er einen noch gr;;eren Vorteil – einen Vorteil ;ber sich selbst.
Die F;higkeit, die eigene Position zu verteidigen, ist in der heutigen Realit;t von lebenswichtiger Bedeutung.
Nur auf diese Weise kann der Mensch sich selbst in einer Welt des harten Wettbewerbs bewahren.
Der Mensch wird t;glich mit Werbung, politischen Versprechen, sozialen Stereotypen, fremden Forderungen und zahlreichen Versuchen konfrontiert, sein Verhalten zu beeinflussen.
Er muss st;ndig Entscheidungen treffen.
Was soll ich kaufen?
Wem soll ich vertrauen?
Wovor soll ich mich f;rchten?
Welche Information soll ich f;r zuverl;ssig halten?
Welches Versprechen ist real und welches nur sch;ne Worte?
Die F;higkeit, die eigene Position zu begr;nden und die Argumente anderer zu widerlegen, ist ein entscheidendes Element des ;berlebens.
Am besten begegnet man ;u;eren Angriffen, indem man ihre Unlogik und Absurdit;t aufzeigt.
Doch man darf nicht vergessen:
Die Widerlegung eines fremden Irrtums ist noch kein Beweis f;r die eigene Richtigkeit.
Man kann zeigen, dass ein Argument falsch ist. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das entgegengesetzte Argument wahr ist.
Genau hier verl;uft die Grenze zwischen echtem Denken und einem gew;hnlichen Streit.
Im Streit m;chte der Mensch h;ufig gewinnen.
Beim Denken muss der Mensch verstehen wollen.
Es gibt die verbreitete Auffassung, der Mensch stamme vom Affen ab, eine Vorstellung, die den Namen Charles Darwins mit Vorurteilen belastet hat.
F;r viele Menschen ist dieser Wissenschaftler bis heute nicht wirklich verstanden worden.
Die Evolution in der Natur betrifft alles Lebendige ohne Ausnahme – sowohl Menschen als auch Tiere.
Ist der Mensch tats;chlich vom Affen abstammen?
Die Evolution ist ein Prozess der Aufspaltung von Arten, und offensichtlich haben Mensch und Affe lediglich einen gemeinsamen Vorfahren.
Auf dieselbe Weise k;nnte man behaupten, dass wir von M;usen abstammen, mit denen sich unsere Entwicklungslinien vor Hunderten Millionen Jahren trennten.
In der Natur ;berlebt nicht unbedingt der St;rkste, sondern die Art, die in der Lage ist, sich an die Umwelt anzupassen und dadurch ihre Fortpflanzung zu sichern.
Mammuts besa;en enorme k;rperliche Kraft, konnten jedoch trotzdem nicht ;berleben, w;hrend Ameisen bis heute existieren.
Dieses Beispiel zeigt besonders deutlich den Unterschied zwischen St;rke und Anpassungsf;higkeit.
Kraft ist eines der Werkzeuge des ;berlebens, aber kein universelles Gesetz.
Ein Organismus kann gro;, schnell oder stark sein und gleichzeitig schlecht an Ver;nderungen seiner Umwelt angepasst sein.
Ein kleiner Organismus dagegen kann sich als wesentlich widerstandsf;higer erweisen.
Deshalb darf Entwicklung nicht ausschlie;lich als eine st;ndige Steigerung k;rperlicher Leistungsf;higkeit verstanden werden.
Manchmal bedeutet Entwicklung die F;higkeit, sich zu ver;ndern.
Nach einer detaillierten Untersuchung von Darwins Werk „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ im Original (Darwin, C. R. 1861. On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. London: Murray. 3rd edition) konnten wir darin nicht nur das Wort „Affe“, sondern nicht einmal das Wort „Primat“ finden.
Die einzige Erw;hnung der menschlichen Evolution lautet:
„In der Zukunft sehe ich ein offenes Feld f;r sehr wichtige Entdeckungen. Die Psychologie wird auf einem festen Fundament beruhen, das von Herbert Spencer gelegt wurde, n;mlich auf der notwendigen schrittweisen Entwicklung jeder geistigen F;higkeit. Viel Licht wird auf den Ursprung des Menschen und seine Geschichte fallen.“
Was viele Menschen unter Entwicklung verstehen, betrifft lediglich den menschlichen Intellekt, der es uns erm;glicht hat, eine Kultur zu schaffen und uns zu den „K;nigen“ der Natur zu machen.
Leider hat der Intellekt unsere nat;rlichen Instinkte nicht zwangsl;ufig weiterentwickelt, sondern sie manchmal sogar geschw;cht, insbesondere durch den technologischen Fortschritt, der vor allem die technische Seite des menschlichen Lebens ver;ndert hat, nicht aber seine nat;rlichen Eigenschaften.
Wir haben Werkzeuge geschaffen, die es uns erm;glichen, k;rperliche Schw;che auszugleichen.
Wir haben Systeme geschaffen, die es erm;glichen, Informationen au;erhalb des eigenen Gehirns zu speichern.
Wir haben soziale Institutionen geschaffen, die den Menschen vor vielen Gefahren sch;tzen.
Doch gleichzeitig sind wir von diesem gesamten System abh;ngig geworden.
Ein Mensch der modernen Gesellschaft ist in der Lage, in der Umgebung zu ;berleben, die er selbst geschaffen hat. Er ist jedoch nicht unbedingt in der Lage, in jener nat;rlichen Umgebung zu ;berleben, in der einst seine Vorfahren lebten.
Und hier stellt sich eine neue Frage: Handelt es sich dabei um Entwicklung oder lediglich um eine Ver;nderung der Existenzform?
Eine eindeutige Antwort darauf gibt es nicht.
Eines ist jedoch offensichtlich: Die menschliche Intelligenz hat eine Zivilisation geschaffen, die nun ihrerseits die menschliche Intelligenz formt.
Wir haben die Kultur geschaffen.
Die Kultur formt uns.
Wir schaffen Technologien.
Die Technologien ver;ndern unsere Gewohnheiten.
Unsere Gewohnheiten ver;ndern unser Denken.
Und unser ver;ndertes Denken schafft neue Technologien.
So entsteht ein geschlossener Kreislauf.
Ein anekdotischer Vorfall, der einem unserer Bekannten w;hrend einer medizinischen Untersuchung f;r Wehrpflichtige widerfuhr, best;tigt, wie schwer es einem Menschen fallen kann, selbst eine offensichtliche Tatsache anzuerkennen, wenn er seine eigenen Interessen verteidigt.
Als er das Zimmer des Augenarztes betrat, beschloss er, eine Sehschw;che vorzut;uschen.
„Alle Gegenst;nde verschwimmen vor meinen Augen“, sagte er.
Der Arzt zeigte ihm aus einer Entfernung von drei Metern zwei Finger.
„Wie viele Finger sehen Sie?“
„Entweder zwei oder drei; genau kann ich es nicht erkennen.“
Der Arzt trat einen Schritt n;her und wiederholte die Frage.
„Entweder zwei oder drei; genau kann ich es nicht erkennen.“
Als der Augenarzt den Trick des Untersuchten durchschaute, hielt er ihm zwei Finger direkt vor die Augenbraue.
„Wie viele Finger sehen Sie?“, verlangte der Arzt ein letztes Mal zu wissen.
„E-e-entweder drei oder einen; genau kann ich es nicht erkennen.“
Der Arzt konnte sich nicht mehr beherrschen und wurde gegen;ber dem jungen Mann laut:
„Wenn ich dir jetzt etwas zwischen die Augen haue, wird dein Sehverm;gen sofort besser! Verschwinde, bevor ich dich hinauswerfe!“
Dabei zeigte er auf die T;r.
Der Versuch, eine Krankheit vorzut;uschen, um nicht zur Armee gehen zu m;ssen, war in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts weit verbreitet, und das medizinische Personal hatte davon bereits mehr als genug.
Unser Bekannter entging schlie;lich tats;chlich dem Milit;rdienst, allerdings aus einem ganz anderen Grund …
Das oben angef;hrte Beispiel zeigt die Tendenz des Menschen, die ihn umgebende Welt unter dem Gesichtspunkt des pers;nlichen Vorteils zu beurteilen – sowohl des offensichtlichen und bewussten als auch des verborgenen und unbewussten.
Der Mensch betrachtet eine Situation nur selten v;llig unvoreingenommen.
Selbst wenn er behauptet, ein Prinzip zu verteidigen, kann sich hinter diesem Prinzip ein ganz konkretes pers;nliches Interesse verbergen.
Das ist nicht unbedingt etwas Schlechtes.
Das pers;nliche Interesse ist ein nat;rlicher Bestandteil menschlichen Verhaltens.
Das Problem entsteht dann, wenn der Mensch sein eigenes Interesse nicht erkennt und beginnt, es als universelle Wahrheit darzustellen.
Dazu geh;ren auch Glaube, ;berzeugungen und Prinzipien.
Wenn eine Gesellschaft nicht in der Lage ist, ihre grundlegenden Prinzipien zu sch;tzen, h;rt sie auf zu existieren.
Eine Gesellschaft existiert, weil ihre Mitglieder bestimmte Regeln anerkennen.
Diese Regeln k;nnen unterschiedlich sein.
Gesetze k;nnen sich ver;ndern.
Moralische Normen k;nnen sich ver;ndern.
Politische Systeme k;nnen verschwinden.
Doch die Notwendigkeit einer bestimmten Ordnung bleibt bestehen.
Daraus folgt, dass die F;higkeit zu ;berzeugen eine F;higkeit zum ;berleben ist.
Wenn ein Mensch anderen nicht erkl;ren kann, warum seine Position sinnvoll ist, riskiert er, seinen Einfluss auf das Geschehen zu verlieren.
Genau deshalb wird das Wort zu einem der wichtigsten Werkzeuge des Menschen.
K;rperliche Gewalt wirkt unmittelbar auf den K;rper.
Geld wirkt ;ber materielle M;glichkeiten.
Macht wirkt ;ber das gesellschaftliche System.
;berzeugung hingegen wirkt unmittelbar auf das Bewusstsein.
Ein Mensch, der in der Lage ist, die Meinung eines anderen Menschen durch Argumente zu ver;ndern, erlangt eine besondere Form von Macht.
Doch diese Macht wird gef;hrlich, wenn sie sich von der Wahrheit l;st.
Die F;higkeit, ;berzeugend zu sprechen, kann sowohl zum Schutz der Wahrheit als auch zur Verbreitung von L;gen eingesetzt werden.
Deshalb reicht es nicht aus, redegewandt zu sein.
Man muss logisch denken k;nnen.
Man muss zwischen der ;berzeugungskraft der Form und der ;berzeugungskraft des Inhalts unterscheiden k;nnen.
Sch;ne Worte machen eine L;ge nicht zur Wahrheit.
Eine selbstsichere Stimme verwandelt einen Irrtum nicht in eine richtige Schlussfolgerung.
Die meisten Menschen beurteilen ;berzeugung nach ihrer emotionalen Wirkung, w;hrend logisches Denken die Struktur des Arguments bewerten muss.
Genau hier zeigt sich die wahre Kraft der ;berlegenheit.
Nicht darin, lauter als andere zu sprechen.
Nicht darin, den Gespr;chspartner zu unterdr;cken.
Nicht darin, mehr Geld zu besitzen.
Nicht darin, einen st;rkeren K;rper zu haben.
Sondern in der F;higkeit, den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu erkennen und diesen Zusammenhang einem anderen Menschen erkl;ren zu k;nnen.
Wir m;chten, dass unser Buch eine Art Wegweiser durch das Leben ist, eine Art Orientierungshilfe f;r diejenigen, die bereit sind, sich der gewaltigen Dynamik der modernen Gesellschaft zu stellen, die auf ihrem Weg keinen Halt kennt.
Man muss rechtzeitig handeln k;nnen.
Man muss rechtzeitig erkennen, wie man auf die eine oder andere Situation reagieren sollte, um nicht durch die unterschiedlichsten Versprechungen get;uscht zu werden, die eine falsche Orientierung schaffen und illusorische Hoffnungen wecken.
Der moderne Mensch lebt in einer Welt, in der sich Informationen mit enormer Geschwindigkeit verbreiten.
Ein Ereignis, das am anderen Ende der Erde stattfindet, wird innerhalb weniger Minuten f;r Millionen von Menschen zug;nglich.
Werbung kann sich genau in dem Moment an einen Menschen wenden, in dem er besonders empf;nglich daf;r ist.
Eine politische Erkl;rung kann die ;ffentliche Stimmung augenblicklich ver;ndern.
Falschinformationen k;nnen sich schneller verbreiten, als sie ;berpr;ft werden k;nnen.
Unter solchen Bedingungen ist die F;higkeit zum selbstst;ndigen Denken kein Luxus mehr, sondern eine Notwendigkeit.
Der Mensch muss mit solidem Wissen ausgestattet sein, ;ber eine ausgepr;gte Logik verf;gen und ;berzeugend genug sein.
Doch Wissen darf nicht einfach nur angesammelt werden.
Es muss st;ndig ;berpr;ft werden.
Die Logik darf nicht nur dazu dienen, die eigene Richtigkeit zu beweisen, sondern muss auch dazu verwendet werden, die eigenen ;berzeugungen zu ;berpr;fen.
;berzeugungskraft sollte nicht auf emotionalem Druck beruhen, sondern auf der F;higkeit, die Vern;nftigkeit der eigenen Schlussfolgerung darzulegen.
Und hier begegnen wir erneut dem Begriff der ;berlegenheit.
;berlegenheit bedeutet nicht zwangsl;ufig Macht ;ber einen anderen Menschen.
In einem tieferen Sinne bedeutet sie die F;higkeit, sich von den eigenen Irrt;mern freier zu machen.
Ein Mensch, der seinen eigenen Fehler erkennen kann, ist in gewisser Hinsicht st;rker als ein Mensch, der um jeden Preis seine eigene falsche Position verteidigt.
Ein Mensch, der nach dem Auftreten neuer Beweise seine Meinung ;ndern kann, ist st;rker als jemand, der seine Ansichten niemals ;ndert, nur weil er Angst davor hat, einen Fehler einzugestehen.
Ein Mensch, der in der Lage ist, die Argumente seines Gegners anzuh;ren, ist st;rker als jemand, der nur sich selbst h;rt.
Deshalb erfordert intellektuelle ;berlegenheit innere Disziplin.
Man muss nicht nur sprechen k;nnen.
Man muss auch zuh;ren k;nnen.
Nicht nur streiten.
Man muss analysieren k;nnen.
Nicht nur gewinnen.
Man muss verstehen k;nnen.
Und die Worte des gro;en Wladimir Solowjow haben bis heute nichts von ihrer Aktualit;t verloren:
„…als einzige Richtschnur in jeder Angelegenheit bleibt nur die praktische Zweckm;;igkeit bestehen, und das Ziel kann nur der Erfolg sein. Niemand kann bedingungslos f;r die Wahrheit seiner Bestrebungen und f;r die Richtigkeit seiner Meinungen b;rgen, doch alle ohne Ausnahme erwarten Erfolg und Triumph f;r ihre Bestrebungen und Meinungen. Das einzige wirkliche Lebensziel besteht also darin, mit allen m;glichen Mitteln praktischen Erfolg zu suchen, und da dieses Ziel f;r den einzelnen Menschen nur mit der Unterst;tzung anderer erreicht werden kann, besteht die wichtigste Aufgabe darin, andere davon zu ;berzeugen, was f;r ihn selbst notwendig ist. Daher ist die wichtigste und n;tzlichste Kunst die Kunst der verbalen ;berzeugung …“
Wladimir Solowjow, Werke, Moskau, 1988, Bd. 2, S. 591.
Doch auch hier muss eine wichtige Einschr;nkung gemacht werden.
Wenn der Erfolg zum einzigen Ma;stab menschlichen Handelns wird, besteht die Gefahr, den Unterschied zwischen Wahrheit und pers;nlichem Vorteil zu verlieren.
Ein Mensch kann durch L;gen Erfolg haben.
Er kann andere davon ;berzeugen, dass etwas wahr ist, nur weil es ihm selbst n;tzt.
Er kann Macht erlangen, ohne Weisheit zu besitzen.
Er kann einen Streit durch Demagogie gewinnen.
Deshalb ist praktischer Erfolg noch kein endg;ltiger Beweis f;r die Wahrheit.
Wahre ;berlegenheit muss mehrere Eigenschaften miteinander verbinden: die F;higkeit zu denken, die F;higkeit zu handeln, die F;higkeit zur Anpassung, die F;higkeit zu ;berzeugen und schlie;lich die F;higkeit, den eigenen Vorteil von der Wahrheit zu unterscheiden.
In diesem Sinne ist die Kraft der ;berlegenheit nicht einfach die Kraft eines Menschen ;ber einen anderen.
Sie ist die Kraft des Verstandes ;ber das Chaos der eigenen Vorstellungen.
Sie ist die F;higkeit des Menschen, kein passives Objekt der Umst;nde zu bleiben, sondern zu einem aktiven Teilnehmer des Geschehens zu werden.
Der Mensch kann die Bewegung der Gesellschaft nicht anhalten.
Er kann die Entwicklung der Technologien nicht aufhalten.
Er kann die Welt nicht dazu zwingen, f;r immer so zu bleiben, wie sie gestern war.
Aber er kann seinen eigenen Verstand so weit entwickeln, dass er sich in dieser Bewegung nicht verliert.
Man kann eine Maschine benutzen, ohne selbst zu einer Maschine zu werden.
Man kann das Internet benutzen, ohne sein Sklave zu werden.
Man kann Wissen von anderen Menschen aufnehmen, ohne auf selbstst;ndiges Denken zu verzichten.
Man kann nach Erfolg streben, ohne den Erfolg zum einzigen Wert zu machen.
Man kann andere ;berzeugen, ohne sie zu t;uschen.
Man kann seine eigenen Interessen verteidigen, ohne die F;higkeit zu verlieren, die Interessen anderer zu sehen.
Genau deshalb besteht die h;chste Form der ;berlegenheit nicht in der Unterdr;ckung eines anderen Menschen, sondern in der F;higkeit, die eigene Selbstst;ndigkeit zu bewahren.
Ein k;rperlich starker Mensch kann einen Schw;cheren zur Unterwerfung zwingen.
Ein reicher Mensch kann etwas kaufen, das f;r einen Armen unerreichbar ist.
Ein einflussreicher Mensch kann andere dazu zwingen, seine Anweisungen auszuf;hren.
Doch ein Mensch, der verstehen kann, warum Ereignisse geschehen, und der dieses Verst;ndnis anderen ;berzeugend erkl;ren kann, besitzt eine besondere Form von Macht.
Diese Macht ist nicht immer sichtbar.
Sie muss nicht mit Reichtum verbunden sein.
Sie muss nicht mit einer hohen gesellschaftlichen Stellung verbunden sein.
Manchmal kann ihr Tr;ger v;llig unscheinbar sein.
Doch gerade eine solche Macht kann den menschlichen K;rper, Reichtum und politische Macht ;berdauern.
Die k;rperliche Kraft eines Menschen verschwindet mit dem Menschen selbst.
Reichtum kann verloren gehen.
Eine Position kann einem genommen werden.
Ein Staat kann verschwinden.
Aber eine Idee kann, wenn sie das menschliche Denken tats;chlich ver;ndert hat, ;ber Jahrhunderte hinweg weiterbestehen.
Deshalb ist die Geschichte der Menschheit nicht nur die Geschichte von Kriegen, Staaten und Reichtum.
Sie ist auch die Geschichte der Ideen.
Die einen Menschen bauten Imperien.
Andere zerst;rten sie.
Die einen schufen Waffen.
Andere entwickelten philosophische Systeme.
Die einen verf;gten ;ber riesige Gebiete.
Andere besa;en nichts au;er ihrem eigenen Verstand.
Und manchmal erwies sich gerade der Gedanke als st;rker als eine Armee.
Deshalb gewinnen die Worte des Predigers, dass Weisheit besser ist als St;rke, eine besondere Bedeutung.
Doch sofort stellt sich die n;chste Frage: Warum kann die Weisheit eines Armen verachtet werden, w;hrend die Worte eines M;chtigen und Reichen Geh;r finden?
Weil die Gesellschaft nicht immer in der Lage ist, den wahren Wert sofort zu erkennen.
Der Mensch neigt dazu, zun;chst die Quelle einer Information zu bewerten, bevor er die Information selbst bewertet.
Wenn ein reicher Mensch spricht, glaubt man ihm.
Wenn ein ber;hmter Mensch spricht, h;rt man ihm zu.
Wenn ein Mensch mit einem hohen Titel spricht, werden seine Worte ernster genommen.
Wenn ein unbekannter Mensch spricht, wird er m;glicherweise ;berhaupt nicht geh;rt.
Das ist eine der gr;;ten Schw;chen der menschlichen Gesellschaft.
Wir bewerten h;ufig nicht das Argument, sondern den Menschen, der es vortr;gt.
Wahres logisches Denken verlangt einen umgekehrten Ansatz.
Zuerst muss man das Argument untersuchen und erst danach entscheiden, wie ;berzeugend der Mensch ist, der es vortr;gt.
Eine Wahrheit wird nicht dadurch zur Wahrheit, dass sie von einem gro;en Menschen ausgesprochen wurde.
Und eine L;ge wird nicht dadurch zur L;ge, dass sie von einem unbekannten Menschen ausgesprochen wurde.
Daher beginnt intellektuelle Freiheit dort, wo ein Mensch in der Lage ist, den Inhalt eines Gedankens vom Status seines Urhebers zu trennen.
So entsteht eine weitere Form der ;berlegenheit – die F;higkeit, Ideen selbstst;ndig zu beurteilen.
Darin liegt eines der wichtigsten Ziele unserer Arbeit.
Wir wollen den Menschen nicht beibringen, um des Streitens willen zu streiten.
Wir wollen die Notwendigkeit aufzeigen, die F;higkeit zum Denken zu entwickeln.
Man muss lernen, Widerspr;che zu erkennen.
Man muss lernen, Fragen zu stellen.
Man muss lernen, Tatsachen von Annahmen zu unterscheiden.
Man muss lernen, die eigene ;berzeugung von einem Beweis zu unterscheiden.
Man muss lernen zu verstehen, dass manchmal die st;rkste intellektuelle Handlung darin besteht zu sagen: „Ich wei; es nicht.“
Denn ein Mensch, der die Grenzen seines eigenen Wissens kennt, hat bereits den ersten Schritt zu dessen Erweiterung getan.
Wer dagegen glaubt, alles zu wissen, verschlie;t sich selbst die M;glichkeit weiterer Entwicklung.
Deshalb ist ;berlegenheit kein endg;ltiger Zustand.
Sie ist eine st;ndige Bewegung.
Der Mensch wird nicht endg;ltig weise.
Er kann nur weiser werden.
Er wird nicht endg;ltig stark.
Er kann st;rker werden.
Er erreicht die endg;ltige Wahrheit nicht mit einer einzigen Bewegung.
Er kann sich ihr st;ndig ann;hern.
Und wenn sich die Natur in st;ndiger Bewegung befindet, dann muss auch der Mensch, der ein Teil dieser Natur bleiben m;chte, sich bewegen – k;rperlich, intellektuell und geistig.
Passivit;t bedeutet Stillstand.
Und Stillstand in einer Welt, die sich weiterbewegt, bedeutet im Grunde, r;ckw;rts zu gehen.
Deshalb besteht die Kraft der ;berlegenheit vor allem in der F;higkeit, nicht stehen zu bleiben.
Nicht beim Erkennen.
Nicht bei der Entwicklung.
Nicht bei der ;berpr;fung der eigenen ;berzeugungen.
Nicht angesichts von Schwierigkeiten.
Und vor allem: nicht bei dem Erreichten.
Ein Mensch kann einen anderen Menschen besiegen und dennoch derselbe bleiben.
Aber ein Mensch, der seine eigene Unwissenheit besiegt hat, hat sich bereits ver;ndert.
Genau diese Form der ;berlegenheit ist die best;ndigste.
Denn sie kann einem nicht durch einfache k;rperliche Gewalt genommen werden.
Sie kann nicht vollst;ndig f;r Geld gekauft werden.
Sie kann nicht durch ein Amt oder einen Titel zerst;rt werden.
Sie existiert im Inneren des Menschen selbst.
Und deshalb liegt die gr;;te Kraft des Menschen nicht darin, wie stark er zuschlagen kann, wie viel Geld er anh;ufen oder wie hoch eine Position sein kann, die er erreichen kann.
Die gr;;te Kraft liegt in der F;higkeit zu sehen, zu verstehen, zu denken und zu ;berzeugen.
Und wenn dazu noch die F;higkeit kommt, entsprechend dem eigenen Verst;ndnis zu handeln, erh;lt der Mensch die M;glichkeit, sich nicht nur an die ihn umgebende Welt anzupassen, sondern selbst zu einem Faktor ihrer Ver;nderung zu werden.
So entsteht wahre ;berlegenheit.
Nicht die ;berlegenheit der St;rke ;ber die Schw;che.
Nicht die ;berlegenheit des Reichtums ;ber die Armut.
Nicht die ;berlegenheit der gesellschaftlichen Stellung ;ber die Unbekanntheit.
Sondern die ;berlegenheit des Verstehens ;ber das Nichtverstehen, des Wissens ;ber die Unwissenheit, der Logik ;ber den Widerspruch und des selbstst;ndigen Denkens ;ber die blinde Wiederholung fremder Worte.
Diese ;berlegenheit kann der Mensch sich selbst abringen.
Und gerade deshalb ist sie die schwierigste und zugleich wertvollste Form der ;berlegenheit.
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