Aus dem Tempel ameisenhafter Noten. Tariwerdijew
https://www.youtube.com/watch?v=9NFVcGyFemA&feature=share
0:00 Manchmal moechte man von nichts handeln – so wie man durch die Strassen streift, ohne auf Wetter oder Jahreszeit zu achten; die Tasten so beilaeufig beruehren wie trockenes Laub und dessen Rauschen nachahmen – einen Klang, der von nichts kuendet, als haette es ihr Gruen – weder ueppig noch zart – niemals gegeben. Doch das Rauschen der Blaetter braucht, wie die Noten einer Partitur, eine Heimat im Gedaechtnis – verwoben aus Toenen zu einer festen Burg, einem Gewoelbe der Melodie, einem herbstlichen Wolkenkratzer aus eigener Hand: einem Ameisentempel; er steht fest, solange der Wind des Wandels ihn nicht findet, ihn nicht niederreisst – mein Tempel…
1:44 Ich blicke in die Wolken, die dem Nirgendwo zutreiben – ganz wie meine Musik, die aus unbekannten Gefilden stammt und ebendorthin zurueckkehrt; still und doch kuehn, voller Wehmut, herbstlich, wie meine eigene Seele... Ein Herbstblatt weist ihr den Weg, ohne je zu fragen, ob ich dorthin gelangen moechte – in eine Welt ohne Regen oder Wind, eine Welt, die nur das birgt, was in meinem Kielwasser zurueckbleibt: Musik. Und was noch? Es ist, natuerlich, meine Musik – der Fruehling, der in den Herbst uebergeht; eine wundersame Melodie, der Rettungsring eines Traums, eine Sehnsucht, die niemals schwinden soll, um in der Erinnerung an das eigene Ich fortzuleben – im Bestreben, jenes vergangene „Man kann nicht fort“ wiedererstehen zu lassen...
3:43 Ein Herbsttag gleicht einem Walzer – voller Bewegungen, die einen dahinschmelzen lassen; wie das Leben selbst: Ganz gleich, wie sehr man sich auch bemueht, man wird ins Wanken geraten und stolpern, womoeglich auf ein seidenes Gewand treten und so den Tanz der Ewigkeit verderben; man wird sich entmutigt fuehlen beim Anblick eines Lebens, das allzu oft alltaeglich und fluechtig ist ... Im Sommer den Launen eines spaerlich gekleideten Herbstes preisgegeben, vermag man nicht zu sagen, wo der Herbst endet und man selbst beginnt – und doch ist das eigene Leben darin geborgen: ein verspielter, reizvoller Geist, geleitet von einem kompromisslosen, welken Blatt ...
5:30 Uhr – meine Gedanken schweifen in alle Richtungen ab; ich sehne mich danach, dem Herbst zu entfliehen, und doch ist er so suess – laengst ein Teil von mir, wie mein eigenes Schicksal –, inmitten dieser trockenen Blaetter, die auf dem Strom des Vergessens ins Nirgendwo treiben. Es ist eine Schoenheit von solcher Lebendigkeit, dass kein Kuenstler sie je vollends einfangen koennte; fuer mich ist sie eine unersetzliche Melodie, geboren aus Kindheitserinnerungen – befluegelt von der Jugend und berauscht von jener sommerlichen Flut an Gefuehlen, die beinahe vollkommen schienen –, und doch ... nein ... ein ganzes Leben wuerde nicht ausreichen, nicht einmal mein ganzes Sein; nun bin ich der Herbst – der Herbst bin ich. Wohin soll ich vor dem Herbst fliehen? Denn der Herbst – der Herbst bin ich! Ich bin mir selbst zugleich Fluechtender und Wegweiser, eine Melodie, geschoepft aus den Lebenskraeften vieler Daseinsformen, aus einem Tempel ameisenhafter Toene; darin ist die Musik meine einzige Festung, mein Wolkenkratzer – erbaut aus Erdschollen, aus dem Herbst der Seele. Wohin soll ich vor dem Herbst fliehen? Denn der Herbst ist Erinnerung; der Herbst bin ich …
Uebersetzt aus dem russischen: Из храма муравьиных нот. Осень. Таривердиев
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