Weisst du, warum ich vergebe?

Ein Mensch hat etwas durchlebt und erkannt; nur er allein weiss, wie und warum es dazu kam, was er dabei empfunden hat und was er nun aendern moechte. Das Wichtigste ist, dass er die Einsicht gewonnen hat und alles besser machen will – nicht, indem er die Zeit zurueckdreht, sondern indem er aufwacht und einen neuen Tag wie ein neues Leben beginnt. Und das verstehe ich. So leben Kinder. So denken sie. Doch in jedem Erwachsenen bleibt stets ein Kind zurueck, das Vergebung und Guete braucht – zumindest von den Menschen, die ihm nahestehen –, um Dinge besser machen zu koennen als zuvor, statt sich von Fehlern der Vergangenheit quaelen zu lassen. Ohne Fehler kommt niemand voran. Sich der eigenen Fehler bewusst zu sein und sie nicht zu wiederholen – das reicht bereits aus, um harmonisch miteinander zu leben. Unversoehnlichkeit schafft kuenstliche Probleme. Wer braucht so etwas schon? Niemand hat Verwendung fuer eine solche Blockade. Ein Mensch zeigt aus tiefstem Herzen, dass er das Geschehene bereut; Unversoehnlichkeit hingegen bedeutet, dass das Problem konserviert wird und beide daran zu knabbern haben – denn eine andere Loesung ist nicht in Sicht. Ist das wirklich ein schoenes Geschenk als Antwort auf den Vorschlag: „Lass uns Frieden schliessen“? Guetige Menschen wissen, worin die Zufriedenheit des Lebens liegt: darin, Gutes zu geben, bevor man nimmt. Alles Gute, das ich besitze, habe ich einst anderen gegeben – weit in der Vergangenheit –, doch ich empfing es, ohne es gezielt gesucht zu haben; es fand mich von selbst, und zwar immer dann, wenn die Not am groessten war und ich fast den Glauben daran verloren haette, dass sich alles fuegen und zum Guten wenden wuerde.
Von gefaehrlichen Menschen sollte man Abstand halten, waehrend man sich die Liebenden an seiner Seite wuenscht. Darin liegt der Sinn all dessen, was fuer alle gut ist. Wer nachlaessig oder boeswillig handelt, wird keine Gelegenheit mehr haben, Schaden anzurichten – was fuer ihn selbst das Beste ist –, waehrend jene, die lieben, die Moeglichkeit haben werden, unmittelbar Gutes zu tun, die Gefuehle und das gemeinsame Leben zu bereichern und einander Freude zu schenken. Ist das nicht Vergebung wert? Ich habe all jenen vergeben, die mir geschadet haben, denn sie wussten nicht, wer ich bin, und wussten nichts von meiner Mission in ihrem Leben und im Leben des Ganzen. Das bedeutet, dass sie womoeglich irreparable Fehler begangen haben und sich damit selbst dazu verdammt haben, irgendwann Aehnliches von anderen zu erfahren – und allein das ist schon schrecklich ... am liebsten wuerde ich es einfach vergessen – so wie man die Fehler von Kindern vergisst –, doch das ist bei den Folgen einer bewussten Entscheidung nicht moeglich. Dennoch lindert Vergebung die Schuld und deren Auswirkungen. Natuerlich gibt es Menschen, die Vergebung als Schwaeche ausnutzen – wie ein Raubtier, das nur ein Ziel kennt: auf Kosten eines zufaelligen Opfers zu ueberleben, weil ihm keine anderen Moeglichkeiten offenstehen. Man muss dies verstehen, um nicht unvorsichtig zu werden und um nicht – indem man Boeses statt eines blossen Fehlers vergibt – selbst zum Opfer von Ungerechtigkeit zu werden.
Die psychische und physische Zermuerbung eines Menschen durch einen anderen kann nichts Gutes an sich haben; sie ist schaedlich, und man sollte sich davon loesen – im Bewusstsein, dass es Menschen mit unterschiedlichen Wesenszuegen gibt, deren wahres Ich sich auf verschiedene Weise und zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Lebens offenbart. Grausamkeit ist oft nicht angeboren, sondern entwickelt sich durch bestimmte Umstaende und Aengste. Es gilt zu ergruenden, was geschieht und warum, und zu versuchen, sich behutsam aus der Beziehung oder zumindest aus der jeweiligen Situation zu loesen – ruecksichtsvoll, wo immer moeglich, aber entschlossen, wenn es nicht anders geht.
Ich verlor Freunde und geliebte Menschen, weil sie sich abwandten – bedingt durch ihre Fehler, ihre geistige Veranlagung, ihr Beduerfnis nach spiritueller Kraft und ihre selbst gewaehlten Erkenntnisziele, die sich radikal von den meinen unterschieden; ich zog lediglich einen Schlussstrich, von dem es kein Zurueck mehr gab, um nicht voellig zugrunde gerichtet zu werden – von Menschen, die nie begriffen, was sie angerichtet hatten, waehrend sie ihr riskantes Spiel nach dem Motto „Wird schon irgendwie gutgehen“ trieben. Nein, es wird nicht heilen, solange Wunden immer wieder aufgerissen werden durch ihr Verlangen, meinen Schmerz und mein Unglueck zu sehen – indem sie mich bei jedem Aufschwung an den Fluegeln der Freiheit und Freude festhalten, nur um sich selbst nicht als weniger erfolgreich wahrzunehmen als mich, oder schlicht aus Angst, mich zu verlieren, und mich deshalb irgendwie an den Boden fesseln wollen.
Menschen, die einander lieben, begegnen sich mit Respekt, Verstaendnis und Liebe; sie rechtfertigen ihr Dasein fuereinander, denn Liebe – auch wenn sie sich danach sehnt, die geliebten Menschen um sich zu haben und das eigene Leben mit ihnen zu teilen, wie Blumen im Garten oder als gelebte Wahrheit im Alltag – zielt doch darauf ab, gemeinsam Schoenes zu erschaffen und daraus zu leben; anders ergibt sie keinen Sinn.


Uebersetzt aus dem russischen: Знаешь, почему я прощаю?
http://proza.ru/2026/09/03/1674


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