Eine Dampflok von der Vergangenheit
Mein Vater arbeitete bei der Eisenbahn – zunaechst als Pruefer, der die Abfahrbereitschaft der Zuege kontrollierte, spaeter als Verantwortlicher fuer die Ausfahrt der Zuege. Ich mochte sowohl die Zuege, die laengst der Vergangenheit angehoerten, als auch die modernen Modelle. Fuer ein Maedchen im Teenageralter war der mehrere Kilometer lange Weg, um meinem Vater das Mittagessen zu bringen – und das bei jedem Wetter –, zwar ein ziemliches Stueck, doch ich freute mich jedes Mal ueber diese Gelegenheit. Schon allein deshalb empfand ich meine Kindheit und Jugend als gluecklich: Ich wollte ihn so oft wie moeglich sehen, doch er arbeitete 8 bis 12 Stunden am Tag, gefolgt von ebenso langen Ruhephasen, und musste dann oft direkt wieder in die Nachtschicht, sodass er nie dazu kam, sich richtig auszuschlafen, in seiner Freizeit ging er angeln und versorgte zwei oder drei Strassenzuege mit dem Fang; er kuemmerte sich um die Bienenstoecke – wir hatten eigenen Honig –, um den Obst- und Gemuesegarten sowie den Weinzweige; er ein Haus, ein Motorrad und ein Auto repariert, Haeuser fuer andere gebaut, Harmonika gespielt ... ich habe ihm geholfen, um in seiner Naehe zu sein.
Lokfuehrer genossen ebenso viel Ansehen wie Seeleute und Piloten. Sie liessen die Zuege lange Signaltoene geben, wenn ein Eisenbahner zu Grabe getragen wurde. So geschah es auch an dem Tag, als mein Vater beerdigt wurde – wie in einer grossen Familie.
Diese Fotografie weckt eine Erinnerung, die zugleich schoen und beklemmend ist ...
Wahrscheinlich deshalb, weil man – wenn man keucht wie eine Dampflokomotive, um nicht zu explodieren – genau den richtigen Moment findet, sich an jenes kindliche Glueck zu erinnern: ein Glueck, das so echt war, wenngleich auch so unbestaendig, da es auf Illusionen beruhte – auf den eigenen Traeumen von der Ewigkeit dessen, was scheinbar immer an deiner Seite bleiben und dich niemals an irgendwelche Peiniger ausliefern wuerde. Mehr noch: Spaeter, wenn man dem Auserwaehlten begegnet – ausgerechnet dem Menschen, den man so sehr liebt –, verlaesst dieser einen durch eine seltsame Gesetzmaessigkeit zugunsten anderer. ...und du selbst verschwindest, noch ehe du ueberhaupt als wirklicher Beschuetzer in Erscheinung getreten bist – denn eigentlich haette ich den Schutz gewaehren sollen, was mir jedoch aufgrund der Umstaende nicht immer moeglich war –, und so bleibt nichts weiter zurueck als der Rauch deines eigenen Schnaubens: ein Rauch, der wie durch das Blitzlicht einer Kamera entstand – ein schoener Schleier der Erinnerung an ein kurzes Glueck, das ins Leben zurueckgekehrt schien, auf einem jener Fotos, die deiner Zeit glichen ... und sonst nichts.
Mir scheint: Koennte ich meine Gefuehle nicht in Worte fassen, wuerde das Pfeifen des kochenden Wasserkessels leiser klingen als mein Herz – und das waere wohl gut so; der Zug wuerde stillstehen, statt dorthin zu draengen, wo ihn niemand erwartet. Doch nein, mir kommt es immer noch so vor, als stamme er aus jener Vergangenheit, als sei die Zukunft meine eigentliche, wahre Gegenwart – wie damals in der Kindheit –, und als wuerde es eine echte Familie noch geben.
Foto von Andrej Bogdanow: Dampflokomotive. Sankt Petersburg.
Uebersetzt aus dem russischen: Паровоз прошлого в будущее
http://proza.ru/2020/05/16/2193
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