Gefaellt dem Schoepfer Paris?

                Gefaellt dem Schoepfer Paris?

                Alexandr Piatkow


Adenin(A), Guanin(G), Cytosin(C) und Thymin(T) – das ist das Alphabet der Texte

des Schoepfers, des genetischen Codes. Jede lebende Zelle enthaelt etwa vier

Gigabyte dieser Texte, und ihre Autorenschaft steht ausser jedem Zweifel. Diese

Texte beinhalten alle Informationen darueber, was der Schoepfer von dem

jeweiligen Organismus wollte.


Wenn zwei Organismen bei der Realisierung ihrer genetischen Programme

interagieren und dies zur bestmoeglichen Erfuellung ihrer Programme fuehrt, dann

kann man das als Symbiose bezeichnen.


Der Mensch selbst ist eine Symbiose aus mehreren Billionen Zellen, und sein

maechtiger Verstand erlaubt es ihm, sich organischer in alle ihn umgebenden

Symbiosen einzufuegen. Doch er nutzt den Verstand spekulativ und vernachlaessigt

dabei die Interessen aller anderen Lebewesen, der Oekosysteme, in denen er lebt,

und der Noosphaere als Ganzes.


Alles, was ueber den Rahmen einer Symbiose oder von Symbiosen hinausgeht – und

erst recht, was ihnen schadet –, schadet dem Plan des Schoepfers.


Es waere interessant zu wissen: Gefaellt dem Schoepfer Paris?


Oder, mit anderen Worten: Kann dem Schoepfer, der im Kern jeder Zelle eines jeden

Organismus auf der Erde einen sich selbst reproduzierenden „Eiffelturm“

erschaffen hat, das moderne Symbol von Paris gefallen?


Es ist das Symbol einer urbanen Zivilisation, ihr Kult. Genauso wie sich die

DNA-Helix in jeder lebenden Zelle repliziert, so reproduziert sich diese

Metallstruktur in verschiedenen Variationen in der Technik. Die Technokraten-

Enthusiasten des letzten Jahrhunderts glaubten naiv, dass Roboter den Menschen

von etwas befreien wuerden! Doch sie enthalten wie Konserven lediglich die in der

Vergangenheit aufgewendete menschliche Arbeit und ersetzen keineswegs zwingend

eine adaequate Anzahl von Menschen, die heute mit manueller Arbeit beschaeftigt

sind.


In der Sowjetunion waren Finanzinstrumente und Banken nicht entwickelt, weshalb

sie auf dem Weg der Industrialisierung schnell bankrottging und zerfiel. Haette

die Union Zugang zu finanziellen Ressourcen gehabt, waere die Industrialisierung

fortgesetzt worden, und man haette bei den Gesamtschulden durchaus mit den USA

konkurrieren koennen.


Ein einfaches Beispiel: Man kann einen Kipper mit einer Tragfaehigkeit von

siebzig Tonnen erwerben, bei dem sogar die Rollos an den Fenstern elektrisch

betrieben werden. Dieses Wunder der Technik wird von einem einzigen Fahrer

gesteuert. Um ein aehnliches Volumen an Schutt zu transportieren, waeren tausend

Ochsenpaare mit ihren Treibern vonnoeten.


Wenn man jedoch die gesamte vergangene Arbeit beruecksichtigt, die in diesen

Wunder-Kipper gesteckt wurde – die Arbeit der Menschen, die seine Teile gefertigt

haben, die automatischen Produktionslinien fuer diese Teile, die

Werkzeugmaschinen, die Materialien fuer diese Maschinen,

die Arbeit der Konstrukteure des Kippers und des Werks zu seiner Herstellung, der

Ausruestung, der Materialien und so weiter; und wenn man dann noch die Arbeit all

der Menschen hinzurechnet, die Oel foerdern oder die von ihm zerstoerte Strasse

reparieren –, dann waere es vielleicht doch besser, diesen Schutt mit Ochsen zu

transportieren?


Die roemischen Strassen wurden genau so gebaut, aber das moderne Finanzsystem

erlaubt es, eine Ausschreibung zu gewinnen, einen Kredit aufzunehmen, einen

Kipper zu kaufen und froehlich damit herumzufahren. Ebenso froehlich kann man

auch Finanzmittel bewegen. Nicht weniger froehlich wird das BIP wachsen, doch

diese Froehlichkeit hat auch eine Kehrseite. Eine ganze Armee von Menschen wird

beschaeftigt sein, aber all das wird letztendlich auf Pump geschehen.


Dies ist eine Art stachanowistische Leistung. Der Rekord-Kipper zeigt den Rekord,

doch hinter ihm steht eine ganze Armee unbekannter Helden. All dies kann nur eine

spekulative Wirtschaft naehren, die reale wird daran zugrunde gehen.


Und der zweite Aspekt: Jeder Ochsentreiber wuenscht sich die Vermehrung sowohl

der Ochsen als auch seiner eigenen Familie. Der Kipperfahrer hingegen zeigt

selbst beim Vorhandensein von schnell schliessenden Fensterrollos keinen

sonderlichen Eifer zur Fortpflanzung!


Die sowjetische Zivilisation brach als erste zusammen, weil sie allzu

voluntaristisch war. Doch auch das klassische westliche Modell der urbanen

Zivilisation traegt dieselben fatalen Zuege. Es widerspricht direkt dem Plan des

Schoepfers, dessen Texten wir uns nun widmen koennen – womit ich, genau genommen,

auch begonnen habe.



Original Veroeffentlichung (auf Russisch):

© Copyright: Alexander Pjatkow, 2013

Veroeffentlichungsurkunde Nr. 213050500021 (proza.ru)


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