Der Knochen
Alexandr Piatkov
Ein kleines Maedchen nagte unachtsam an einem Knochen und warf ihn dem
gespannt wartenden Hund zu, der ihm wesentlich mehr Aufmerksamkeit
schenkte. Das kleine Maedchen selbst blickte weiter auf die fremden
Menschen und die Rentiere, die von ihnen bepackt wurden.
Die Leute machten sich auf den Weg, doch das Maedchen blieb zurueck. Sie
war zu ihren Verwandten ins Lager geschickt worden, um sich an das Leben
in der Tschum-Jurte zu gewoehnen und die Sprache der Natur zu erlernen.
Nicht jedes Kind kommt in den Genuss einer solchen Freiheit.
Gewoehnlich gestalten Eltern das zukuenftige Leben ihrer Kinder ganz
ungeniert und setzen alles daran, sie in ihre eigene, fantasierte Realitaet zu
draengen. Die unerfahrenen und oft kindlichen Sproesslinge versuchen,
irgendeine Rolle in diesem Schauspiel zu spielen, waehrend die Eltern nicht
aufhoeren, sich ueber die teilnahmslose Apathie zu wundern, die allen Taten
ihrer undankbaren Erben innewohnt.
Es gilt als ausgemacht, dass gute Eltern ihr Kind mit Wohnraum versorgen
muessen – natuerlich dort, wo es fuer die Eltern am bequemsten ist –, und mit
Arbeit, selbstverstaendlich dort, wo sie der Familie den groessten Nutzen
bringen koennen. Und der Auswahl des Ehepartners widmet man sich
beinahe so, als ginge es um eine dynastische Heirat. Am Ende endet all
dieses patriarchalische Konstruieren in grandiosen Blamagen, Scheidungen
und Erbteilungen.
Beim Weinanbau gibt es einen Arbeitsschritt, bei dem die oberflaechlichen
Wurzeln entfernt werden. Etwas Aehnliches braucht wohl auch der Mensch:
Man muss oberflaechliche Bindungen mitleidlos trennen und tiefe
Verbindungen entwickeln. Solche entstehen weder im Linienbus bei Chanson-
Musik noch im Buero beim Kaffee.
Aber auch der Raum zum Wachsen muss fuer den Menschen ein eigener
sein, und nicht inmitten eines Dickichts aus fremden, wenn auch verwandten
Wurzeln. Und seinen Weg muss der Mensch selbst waehlen, gestuetzt auf
seine eigene Erfahrung, die es ihm ermoeglicht, das Notwendige zu waehlen
und das Unnoetige wegzuwerfen – wie einen abgenagten Knochen.
Informationen zur Veroeffentlichung / Svedenija o publikacii
Autor des Originaltextes / Avtor originala: Alexandr Piatkov (Aleksandr Piatkov)
Originaltitel / Originalnoe nazvanie: Kostochka (Der Knochen)
Jahr der Erstveroeffentlichung / God publikacii: 2013
Uebersetzer / Perevodchik: Translated from Russian by AI Assistant, 2026
Literarische Form / Forma: Miniatur (Miniatjura)
Hinweis / Primechanie: Der Text wurde fuer die Veroeffentlichung auf proza.ru optimiert (Umlaute als ae, oe, ue; ss statt sz).
(c) Uebersetzung: Translated from Russian by AI Assistant, 2026.
Basiert auf dem Text (c) Copyright: Alexandr Piatkov, 2013 (Veroeffentlichungszertifikat Nr. 213050601920)
Свидетельство о публикации №226091001407