Der Bettler und der Politiker
Alexandr Piatkov
Ein junger Mann, man koennte fast sagen ein Halbwuechsiger, steht auf dem
Markt. Er sieht voellig gesund aus, haelt aber eine Kruecke in der Hand und
hinkt beim Gehen etwas. Dieser Juengling blickt die Passanten traurig an,
streckt ihnen einen Plastikbecher entgegen und bittet kaum hoerbar um ein
Almosen.
Viele geben ihm etwas, fast alle, und er bedankt sich ebenso fluesternd, eher
der Form halber. Interessant ist der Blick, mit dem er seine Wohltaeter
mustert. In diesem Blick liegt keine Dankbarkeit; offenbar spuert er, dass die
Geber ihn demuetigen und sich an ihrer eigenen Ueberlegenheit weiden. Die
Attraktion bringt ihm Gewinn, aber es ist eben nur ein Geschaeft, nichts
Persoenliches.
Man muss nur die Unverschaemtheit besitzen, auf die Menschen zuzugehen,
sie um etwas zu bitten, und sie werden gerne helfen – vorausgesetzt, diese
Hilfe wertet ihren eigenen sozialen Status auf.
Von Zeit zu Zeit gehen Rationalisten mit beschwingtem Schritt an ihm vorbei
und raten dem Jungen zoernig, arbeiten zu gehen. Er blickt diese
Antagonisten mit demselben traurigen Abscheu an wie seine Wohltaeter.
Vielleicht ist ihm bewusst, dass die Menschen auch bei der Arbeit
Demuetigungen fuer Geld ertragen, dabei aber noch etwas leisten muessen,
waehrend von ihm nichts verlangt wird ausser Dreistigkeit.
Verhaelt es sich bei den Politikern nicht ganz aehnlich? Jeder junge,
unverschaemte Kerl kann an die Menschen herantreten und sie bitten, ihm
bei den Wahlen ihre Stimmen zu geben. Wenn die Stimmabgabe fuer ihn den
sozialen Status der Waehler erhoeht, dann werden sie fuer ihn stimmen.
„Selig sind, die da geistlich arm sind“ – dieser Gedanke ist nicht verblasst,
obwohl er Jahrtausende ueberdauert hat und so bis zu uns gelangt ist. Viele
sagen, dass „dieser Herr“, den man am liebsten als „frech“ bezeichnen
moechte, an sich nichts darstellt. Aber siehe da: Die Menschen haben ihm
ihre Stimmen gegeben, ihren sozialen Status erhoeht und ihren Wunsch nach
Erneuerung bekundet!
Der „bettlerische“ Juengling kommt jeden Tag auf den Markt wie zur Arbeit,
und auch der Politiker tritt vor das Publikum wie zur Arbeit. Doch durch den
Umgang mit dem Bettler fuehlen die Menschen ihre eigene Bedeutung; der
Politiker hingegen hegt und pflegt beim Umgang mit den Menschen das
Gefuehl der eigenen Bedeutsamkeit in seiner geliebten Person, waehrend er
den Menschen nur das Gefuehl ueberlaesst, nichtsnutzig und verarmt zu sein.
Informationen zur Veroeffentlichung
Autor: Alexandr Piatkov (Александр Пятков)
Originaltitel: Нищий и политик
Uebersetzer: AI-Uebersetzer (ИИ-переводчик)
Datum der Erstveroeffentlichung: 2013
Publikationszertifikat: Nr. 213091201461 (proza.ru)
© Copyright: Alexandr Piatkov, 2013
Свидетельство о публикации №226091401315