Cyber-Schenke
Alexandr Piatkov
Nachdem er einen winzigen Schluck aus dem grossen Sliwowitz-Glas genommen hatte –
gerade genug, um den Geschmack zu kosten und sich die Portion fuer den ganzen
Abend einzuteilen –, lehnte er sich leicht nach vorne und versuchte, dem
Gespraech zu folgen.
Man sprach ueber das Soliton, ueber die Welle und die Natur der Dunklen Energie.
Dieses endlose und wie die Energie selbst unerschoepfliche Gespraech floss traege
dahin, aehnlich wie der Sliwowitz aus der Flasche ins Glas, tropfte dann auf die
Zunge, erfuellte sie mit der Schwere einer dunklen Masse und hinterliess dabei
den unvergesslichen Geschmack reifer Pflaumen, das Aroma einer uralten Schenke
und eine Atmosphaere, durch die der reine Verstand den Anblick des gestirnten
Himmels ueber sich genoss und ueber das moralische Gesetz in ihm staunte.
Als das rosa Abendrot die Philosophen schliesslich mit den Sternen allein liess,
tauchte Boruch Moiseevich mit seiner alten, rissigen Geige auf und begann, seine
Lieblingsmelodie zu spielen, die den Gedanken von der Unendlichkeit und der
Gebrochenheit alles Seienden entfaltete. In dieser Melodie lag eine gewisse
Dissonanz; sie drehte das Bewusstsein in die entgegengesetzte Richtung, wandte es
dem Abgrund, der schlammigen Dunkelheit zu und verursachte einen fast
koerperlichen Schmerz.
„So ein Quatsch“, brummte der Philosoph, befreite sein Handgelenk unter dem
Absatz von irgendjemandem, tastete nach dem Handy in der Tasche und kroch unter
dem Tisch hervor. Nachdem er den Anruf abgewiesen und sich umgeschaut hatte,
wurde ihm klar, dass ihn keinerlei Solitonen mehr interessierten – er musste
einfach an die frische Luft und sich eine Anbrennen, um den unertraeglichen
Geschmack von Pflaumen zu uebertoenen, der seine ausgetrocknete Zunge am Gaumen
kleben liess. Er spuerte, dass das gesamte Universum in seinem Inneren lag; diese
dunkle, unergruendliche Masse, die sich deutlich ueber dem Schwerpunkt befand,
liess seinen Oberkoerper schwanken, und nur dank der Konzentration aller Kraefte
gelang es ihm, die Zuege der frischen Luft zu erreichen, die durch die
sperrangelweit offene Tuer hereinbrachen.
Auf dem Schluesselanhaenger baumelte die Zahl 315 – das deutete auf die Naehe
eines Bettes hin, doch die Ziffer „3“ versprach einen Fussmarsch ueber sechs
Treppenlaeufe. „Der Mensch bezahlt fuer alles selbst, und darum ist er frei“ –
dieser ausschweifende Gedanke reichte gerade bis zur Zimmertuer. Noch ein paar
Schritte, und der schwere Koerper versank in der Weisse und knisternden Frische
der gestaerkten Bettwaesche, waehrend ein dunkelhaeutiges Dienstmaedchen in einer
weissen Schuerze begann, ihm die Lackschuhe von den Fuessen zu ziehen.
Произведение: «Киберкорчма» / Cyber-Schenke
Автор: Александр Пятков © 2014
Перевод: Линда Нойманн
Публикация: proza.ru (Сертификат № 214011000297)
Свидетельство о публикации №226091801462