Berichte, die seele des kindes
;ber
das Sehenlernen operirter Blindgeborener nebst kritischen Anmerkungen.
I. Der Chesselden'sche Fall.
Aus dem von Will. Chesselden in den Philosophical Transactions for the Months of April May and June 1728 (No. 402, London, S. 447 bis 450 oder The philosophical Transactions from, 1719 to 1733 abridged by J. Eames & J. Martym. VII. 3. S. 491 bis 493, London 1734) ver;ffentlichten Bericht ist Folgendes hervorzuheben: C.
“Obgleich wir von dem jungen Manne sagen, dass er blind war, wie wir es von allen Leuten sagen, welche reife Katarrhakte haben, so sind sie aus diesem Anlass doch niemals so blind, dass sie nicht Tag und Nacht unterscheiden k;nnten, und meistentheils in einem starken Licht Schwarz, Weiss und Scharlach als verschieden erkennten; aber sie k;nnen nicht die Form irgend eines Dinges wahrnehmen. Und so war es bei diesem jungen Manne, welcher jene Farben bei guter Beleuchtung als verschieden erkannte; doch waren nach der Operation die schwachen Vorstellungen, die er vorher von ihnen hatte, nicht gen;gend f;r ihn, sie nachher daran zu erkennen; und darum hielt er sie nicht f;r dieselben, welche er vorher unter jenem Namen gekannt hatte.
Als er zum ersten Male sah, war er so wenig f;hig ;ber Entfernungen zu urtheilen, dass er glaubte, alle Gegenst;nde, welcher Art immer, ber;hrten seine Augen (wie er es ausdr;ckte), wie, was er f;hlte, seine Haut ber;hrte; und er fand keine Gegenst;nde so angenehm wie die glatten und regelm;ssigen. Er kannte nicht die Gestalt irgend eines Dinges, unterschied auch kein Ding vom anderen, so verschieden auch Gestalt oder Gr;sse sein mochten, aber als ihm gesagt wurde, was die Dinge waren, deren Form er vorher durch das Gef;hl kennen gelernt hatte, betrachtete er sie sorgf;ltig, um sie wieder zu erkennen;
Preyer, Die Seele des Kindes. 2. Aufl. 30
da er aber zu viele Gegenst;nde auf einmal kennen zu lernen hatte, vergass er viele von ihnen, und (wie er sagte) lernte er anfangs tausend Dinge an einem Tage kennen und vergass sie wieder. Nachdem er oft vergessen hatte, welches die Katze und welches der Hund war, sch;mte er sich zu fragen, aber nachdem er die Katze gefangen (welche er durch das Gef;hl kannte), sah man ihn sie fest anblicken, und dann sagte er sie niedersetzend: ,,So K;tzchen! Ein andermal werde ich dich kennen." Er war gar sehr ;berrascht, dass die Dinge, welche ihm am besten gefallen hatten, nicht seinen Augen am angenehmsten erschienen, indem er erwartete, dass diejenigen Personen am sch;nsten erscheinen w;rden, die er am meisten liebte und solche Dinge seinem Gesicht am angenehmsten sein w;rden, die es seinem Geschmack waren. Wir glaubten, er w;rde bald wissen, was Bilder darstellten, welche ihm gezeigt wurden, aber wir fanden sp;ter, dass wir im Irrthum waren; denn etwa 2 Monate nach der Operation entdeckte er auf einmal, dass sie wirkliche K;rper darstellten, w;hrend er bis zu jener Zeit sie nur f;r stellenweise gef;rbte Ebenen oder f;r Fl;chen, die durch verschiedenen Anstrich verschiedenartig seien, angesehen hatte; aber selbst dann war er nicht weniger ;berrascht, indem er erwartete, die Bilder w;rden sich anf;hlen wie die Dinge, welche sie darstellten und er war ausser sich, als die Theile, welche durch Licht und Schatten jetzt rund und uneben erschienen, wie die ;brigen sich fach anf;hlten. Und er fragte, welcher Sinn l;ge, das Gef;hl oder das Gesicht.
Als man ihm seines Vaters Bildniss an der Taschenuhr zeigte und ihm sagte, was es war, anerkannte er eine Ahnlichkeit, war aber h;chst erstaunt und fragte, wie es sein k;nne, dass ein grosses Gesicht in einem so kleinen Raum dargestellt werde.
Anfangs konnte er nur sehr wenig das Sehen ertragen und hielt die Dinge, die er sah, f;r ausserordentlich gross, als er aber gr;ssere Dinge sah, schienen ihm die zuerst gesehenen kleiner, er konnte jedoch ;ber die Grenzen hinaus, die er sah, keine Linien sich vorstellen. Das Zimmer, in dem er war, sagte er, sei, wie er wisse, nur ein Theil des Hauses, doch konnte er nicht begreifen, dass das ganze Haus gr;sser aussehen k;nne.
Vor der Operation versprach er sich wenig Vortheil vom Sehen ausser durch Lesen und Schreiben; Blindheit, meinte er, habe den Vortheil, dass er im Dunkeln irgendwohin viel besser als Sehende gehen k;nne, und als er sehen konnte, verlor er diese Eigenschaft nicht und verlangte kein Licht, um Nachts im Hause umherzugehen.
Ein Jahr nach dem ersten Sehen wurde er an die Ebene von Epsom gebracht und als er eine weite Aussicht sah, war er dar;ber sehr erfreut und nannte es eine neue Art Sehen.
Nachdem vor Kurzem auch das andere Auge operirt worden, sagte er, dass die Gegenst;nde anfangs diesem Auge gross erschienen, aber nicht so gross wie dem anderen Auge zu Anfang, und indem er denselben Gegenstand mit beiden Augen anblickte, schien er ihm etwazweimal so gross wie jetzt mit dem zuerst operirten Auge allein, aber nicht doppelt, soviel wir dies ;berhaupt feststellen k;nnen.”
Anmerkung zum ersten Fall.
Obwohl dieser Chesselden'sche Fall von allen der ber;hmteste und am h;ufigsten citirte ist, so geh;rt er doch zu den am ungenausten geschilderten. Indessen ist er nicht nur der Zeit nach der erste, sondern namentlich deshalb wichtig, weil er schlagend das langsame Erlernen der r;umlichen Wahrnehmung durch das Auge darthut und zwar auch das Erlernen der ersten und zweiten Raumdimension (Vgl. S. 41).
II. III. Die Ware'schen F;lle.
Der eine Fall betrifft einen Knaben, welcher im Alter von sieben Jahren sein im ersten Lebenshalbjahre verloren gegangenes Sehverm;gen wieder erhielt. Der Operateur James Ware schreibt (Philosophical Transactions of the Royal Society for 1801. II. London 1801. S. 382 bis 396).
Der junge W. schien ein gesundes Kind zu sein, seine Augen zumal waren gross und etwas vorstehend. Gegen Ende des ersten Lebensjahres wurde dem Kinde eine Procession mit Fahnen und Musik in der N;he des Vaterhauses gezeigt. Aber anstatt die Procession anzusehen, richtete es, sichtlich von der Musik angenehm ber;hrt, die Augen nicht dahin, von wo die Kl;nge kamen. Die Mutter, durch diese Beobachtung beunruhigt, hielt einen silbernen L;ffel und andere gl;nzende Gegenst;nde in verschiedenen Entfernungen vor das Kind, und sie war bald ;berzeugt, dass es unf;hig war, irgend einen davon zu sehen. Ein Arzt wurde befragt untersuchte die Augen und erkl;rte, es sei in jedem Auge der graue Staar vollst;ndig ausgebildet. Man unterliess es, f;r die Wiederherstellung des Gesichtes irgend etwas vorzunehmen. Sobald es sprechen konnte, bemerkte man, dass es die Farbe eines dicht vor die Augen gehaltenen Gegenstandes erkennen konnte, wenn dieselbe lebhaft war, in keinem Falle aber erkannte es die Umrisse oder Formen der vorgelegten Objecte. Ich operirte am 29. Dec. 1800 das linke Auge. Das Auge wurde sofort verbunden und an dem Tage keine Frage ;ber das Sehen an den Patienten gerichtet.
Am Abend des 29. Dec., wie ich am 30. erfuhr, leichte ;belkeit. Am 31. theilte mir die Mutter, sowie ich in das Zimmer eintrat, freudig mit, dass ihr Sohn sehen k;nne. Etwa eine Stunde vor meinem Besuch stand er am Feuer, mit einem lose ;ber die Augen gebundenen Tuche und sagte, dass er unter dem Tuche, welches sich aufw;rts verschoben hatte, den Tisch erkennen k;nne, an dessen Seite sie sass; er stand ungef;hr 1/ Ellen von ihm entfernt und ;usserte, er sei mit einem gr;nen Tuche bedeckt (was wirklich der Fall war) und dass er etwas weiter von ihm entfernt sei, als er reichen k;nne. Da ich zu erfahren w;nschte, ob der Knabe Gegenst;nde erkennen k;nne, so hielt ich ihm in einer Entfernung von etwa 12 Zoll einen Brief vor, worauf er nach einer kurzen Z;gerung sagte, es sei ein St;ck Papier, es sei viereckig, wie er an den Ecken erkenne und nach einer Richtung sei es l;nger als nach der anderen. Er zeigte auf Verlangen mit grosser Pr;cision auf die Ecken und bewegte seinen Finger ohne Schwierigkeit die Linie des gr;ssten Durchmessers entlang. Ich zeigte ihm hierauf eine kleine oblonge mit rothem Leder ;berzogene Putzschachtel, von der er sagte, sie sei roth und viereckig und er zeigte sofort auf ihre vier Ecken. Sodann stellte ich ein ovales silbernes K;stchen vor ihn hin; er sagte es habe ein gl;nzendes Aussehen und nachher es sei rund, weil es keine Ecken habe. Einen weissen steinernen Krug nannte er zuerst ein weisses Becken, aber sich besinnend sagte er bald darauf, es sei ein Krug, weil es einen Henkel habe. Ich hielt die Gegenst;nde in verschiedenen Abst;nden vom Auge und fragte nachdr;cklich, ob er irgend eine Verschiedenheit ihrer Lage bemerke, was er jedesmal bejahte, indem er bei jeder Ver;nderung angab, ob sie ihm n;her ger;ckt oder von ihm entfernt worden waren. Ich erkundigte mich abermals bei ihm und seiner Mutter, ob er jemals fr;her durch das Gesicht irgend einen Gegenstand habe erkennen k;nnen und beide versicherten mir, dass er dies niemals gekonnt habe und dass, wenn er Farben habe erkennen wollen, was nur, wenn sie sehr lebhaft waren, gelang, er immer gen;thigt war, den farbigen Gegenstand dicht vor das Auge zu halten und zwar ein wenig seitw;rts, um die Nasenspitze zu umgehen. An dem Tage wurden keine weiteren Versuche angestellt. Am 1. Jan, empfand der Knabe keine Unannehmlichkeit durch das Licht. Ich zeigte ihm ein Tischmesser, welches er anfangs einen L;ffel nannte. Bald aber verbesserte er sich, gab ihm den richtigen Namen und unterschied die Klinge vom Heft indem er auf beides zeigte, als es verlangt wurde. Er benannte ein gelbes Taschenbuch mit dem richtigen Ausdruck und bemerkte das silberne Schloss an dem Einband desselben. Ich hielt meine Hand vor ihn hin. Er kannte sie, aber vermochte anfangs nicht die Zahl der Finger anzugeben, auch nicht den einen vom anderen zu unterscheiden. Ich hielt ihm darauf seine eigene Hand hin und machte ihn auf den Unterschied der Daumen und der Finger aufmerksam, darauf zeigte er ohne Schwierigkeit die Unterschiede auch an meiner Hand. Dunkelgef;rbte und glatte Gegenst;nde waren ihm angenehmer als gl;nzende und rauhe. Am 3. Jan. sah er vom Fenster aus einen tanzenden B;ren auf der Strasse und erkannte eine Menge von Knaben, die um ihn herumstanden, besonders ein B;ndel Kleider bemerkend, welches einer von ihnen auf dem Kopfe trug. An demselben Abend stellte ich einen Spiegel vor ihn hin und hielt seine Hand empor; nach kurzer Zeit l;chelte er und sagte, er sehe den Schatten seiner Hand und seines Kopfes. Er konnte damals seine Gesichtsz;ge nicht erkennen. Aber am folgenden Tage, als die Mutter ihn wieder vor den Spiegel gestellt hatte, zeigte er auf Augen, Nase und Mund. Der junge W., ein auffallend intelligenter Knabe (von 7 Jahren) gab auf jede Frage, die man an ihn richtete, ganz directe und befriedigende Antworten, und wenn er nicht blind geboren war, so ist es doch sicher, dass er keine Erinnerung, dass er jemals habe sehen k;nnen, bewahrte. Das rechte Auge wurde einen Monat nach dem linken operirt, aber ohne den geringsten Erfolg”.
;ber den anderen Fall schreibt Ware:
“Als ich einen vierzehnj;hrigen Irl;nder, der am grauen Staar an beiden Augen litt und vor der Operation mich und seine Angeh;rigen versicherte, er habe niemals die Gestalt irgend eines Gegenstandes gesehen, i. J. 1794 operirt hatte, war ich erstaunt zu sehen, mit welcher Leichtigkeit er beim ersten Versuche meine Hand in verschiedenen Entfernungen ergriff und angab, ob sie ihm gen;hert oder von ihm entfernt wurde. Er bewegte sogar in einem Bogen seine Hand zu der meinigen hin, damit wir (Ware und ein anderer Arzt) um so mehr von der Genauigkeit, mit der er es that, befriedigt sein m;chten".
In diesem Falle, wie in anderen ;hnlichen, konnte Ware, ,,,obgleich die Patienten sicher seit fr;her Kindheit blind waren, sich doch nicht davon ;berzeugen, dass sie vor der Zeit nicht hinreichend hatten sehen k;nnen, um das Bild sichtbarer Gegenst;nde sich einzupr;gen und damit Vorstellungen zu verbinden, welche sp;ter nicht ganz vergessen sein konnten.
Ausserdem fand Ware, dass bei zwei zwischen 7 und 8 Jahre alten seit der Geburt blinden, nicht operirten Kindern die Kenntniss der Farben, so beschr;nkt sie auch war, doch gen;gte, um zu unterscheiden, ob farbige Gegenst;nde ihnen gen;hert oder von ihnen entfernt wurden, z. B. ob sie 2 oder 4 Zoll vor ihren Augen sich befanden, und er bemerkt selbst, dass sie im strengen Sinne nicht blind seien, obwohl sie nicht ordentlich sehen k;nnten.
Anmerkungen zum zweiten und dritten Fall.
Auffallend ist in dem Bericht ;ber den ersten Fall, dass von dem Verhalten des Patienten am 1. und 4. Tage nach der Operation nicht das Mindeste mitgetheilt wird. Man muss annehmen, dass er den ersten ganz mit verbundenen Augen zugebracht habe. Ferner zeigte der Knabe die vier Ecken einer Schachtel, welche doch acht hatte; hieraus kann indess nichts geschlossen werden, da ihm m;glicherweise nur eine Seite derselben gezeigt wurde. Das Merkw;rdigste ist die Angabe des Patienten, er sehe den Schatten seiner Hand im Spiegel. Dieser Umstand und die erstaunliche Sicherheit gleich bei den ersten Versuchen im Absch;tzen r;umlicher Beziehungen, in der Unterscheidung von rund und eckig, in der Bemerkung, der Tisch sei etwas weiter von ihm entfernt, als er reichen k;nne, zeigen, von welchem Einfluss blos die F;higkeit Farben zu empfinden auf r;umliches Sehen ist. Vor der Operation unterschied W. nur grelle Farben von einander, aber er konnte Ann;herung und Entfernung der farbigen Gegenst;nde innerhalb enger Grenzen merken an den grossen Unterschieden der Lichtst;rken der Farben. Er unterschied sicher die Dunkelheit von der Helligkeit. Merkte er daher eine Abnahme der Helligkeit einer Farbe, so schloss er auf Entfernung des farbigen Gegenstandes vom Auge, die er ausserdem durch das Gef;hl controlirte. Der Knabe hatte also vor der Operation etwas von r;umlichen Wahrnehmungen mit dem Auge inne und bei seiner ungew;hnlichen Intelligenz ist es nicht sehr zu verwundern, dass er bald nach derselben (wahrscheinlich wurden am ersten Tage heimlich Sehversuche von dem Patienten angestellt) ziemlich sicher ;ber r;umliche Verh;ltnisse urtheilen lernte, viel sicherer als ein Blindgeborener in so kurzer Zeit es lernt. ;berdies ist nicht zu vergessen, dass der graue Staar sich zwar zu Ende des ersten Lebensjahres vollst;ndig ausgebildet hatte, aber nichts beweist, dass das Kind in den ersten Monaten nicht habe sehen k;nnen. Es m;gen sich damals wie im zweiten Fall unbewusst Bilder eingepr;gt haben, mit denen durch das Getast sp;ter genauere r;umliche Vorstellungen verkn;pft wurden, als bei ganz Blindgeborenen zu Stande kommen. Ware schliesst aus seinen Beobachtungen:
1) “Wenn Kinder in Folge von Linsentr;bungen blind geboren werden, so sind sie niemals so vollst;ndig des Gresichts beraubt, dass sie nicht Farben erkennen k;nnten; und obwohl sie die Gestalt eines Gegenstandes nicht sehen und seine Farbe nur, wenn er in geringem Abstande von dem Auge sich befindet, erkennen, so verm;gen sie doch anzugeben, ob innerhalb jener Strecke er ihnen gen;hert oder von ihnen entfernt wird.
2) In Folge dieser F;higkeit w;hrend des Blindseins k;nnen solche Kinder, sowie sie zu sehen verm;gen, die Entfernung und sogar die Umrisse solcher scharf begrenzten Gegenst;nde einigermaassen beurtheilen. mit deren Farbe sie vorher bekannt waren."
Diese beiden Schlussfolgerungen sind rein thats;chlich. Nur dass in Folge der im ersten Satze bezeichneten F;higkeit die Entfernung und die Umrisse der Gegenst;nde nach der Operation erkannt werden k;nnen, bedarf der Erl;uterung. Dass die Entfernung wirklich in Folge jenes Verm;gens sogleich gesch;tzt wird, ist klar, nicht so bei den Umrissen. Wie kann rund und eckig unterschieden werden, wenn nur Farben und grobe Differenzen ihrer Intensit;t und S;ttigung erkannt werden? Ware gibt keine Auskunft, sondern meint, es k;nnten dadurch, dass die Farben st;rker erscheinen, die vorher mangelhaften Vorstellungen ;ber Entfernungen gekr;ftigt und erweitert werden, so dass sie sogar eine Kenntniss g;ben von der Begrenzung und Gestalt solcher Dinge, mit deren Farbe die Patienten vorher bekannt waren. Dieses Kr;ftigen der Vorstellungen ;ber Entfernung kann jedoch nicht unmittelbar zur Unterscheidung der Begrenzung der Gegenst;nde f;hren und ist selbst hypothetisch, da zun;chst nach der Operation durch den enormen Unterschied der Lichtst;rke eine Unsicherheit im Urtheilen erwartet werden k;nnte. Eine solche gab sich in beiden F;llen nur in geringem Grade zu erkennen, was nur m;glich ist, weil schon vorher hinreichende Erfahrungen mit dem Auge vorlagen. Diese fehlten aber, wie mehrmals angegeben ist, g;nzlich mit R;cksicht auf Begrenzung und Gestalt der Gegenst;nde. Hier kommt etwas anderes zu H;lfe. Offenbar sieht ein Auge, welches nur Farben unterscheidet, diese Farben stets nur begrenzt und s;he es auch nur eine Farbe, welche das ganze Gesichtsfeld einnimmt, es ist doch immer ein begrenztes Feld. Aber es kann das farbige Feld klein und gross sein und diese Verschiedenheit schon vor der Operation gemerkt werden. Ist der lebhaft gef;rbte Gegenstand schmal und lang, so wird der Patient auch vor der Operation ihn anders sehen, als wenn er bei gleicher Farbe breit und kurz ist. Und sei es auch nur, dass er merkt, nicht das ganze Gesichtsfeld sei farbig. Ist letzteres der Fall, so fehlt es nat;rlich g;nzlich an Ecken, ist dagegen nicht das ganze Gesichtsfeld von dem farbigen Gegenstande ausgef;llt, so ist es -- wenn auch noch so verwaschen -- getheilt und die Theilungslinien, d. h. die undeutlichen Begrenzungen der Gegenst;nde, deren Farbe erkannt wird, k;nnen entweder der nat;rlichen Begrenzung des ganzen Gesichtsfeldes ;hnlich, d h. ,rund" oder ihnen un;hnlich, d. h. ,eckig" sein. Wird nun pl;tzlich das Hinderniss beseitigt, so wird der Patient (selbst wenn er vorher eckig und rund mit dem Auge nicht unterschied) doch erkennen m;ssen, was von den vorgehaltenen Gegenst;nden in seinen Begrenzungen dem bisherigen Gesichtsfeld gleicht, d. h. rund ist und was nicht, denn die runde Begrenzung seines Gesichtsfeldes ist ihm bekannt. Durch das Gef;hl aber hatte W. gelernt, dass was nicht rund war, eckig war. So w;rde er, selbst wenn er nur bei Erf;llung des ganzen Gesichtsfeldes Farben erkennen konnte, was nicht berichtet ist, doch nur auf Grund seiner Erfahrungen vor der Operation bald nach derselben die Umrisse einiger Gegenst;nde errathen k;nnen. Ein Errathen war es, wie man an der das Hinderniss beseitigt, so wird der Patient (selbst wenn er vorher eckig und rund mit dem Auge nicht unterschied) doch erkennen m;ssen, was von den vorgehaltenen Gegenst;nden in seinen Begrenzungen dem bisherigen Gesichtsfeld gleicht, d. h. rund ist und was nicht, denn die runde Begrenzung seines Gesichtsfeldes ist ihm bekannt. Durch das Gef;hl aber hatte W. gelernt, dass was nicht rund war, eckig war. So w;rde er, selbst wenn er nur bei Erf;llung des ganzen Gesichtsfeldes Farben erkennen konnte, was nicht berichtet ist, doch nur auf Grund seiner Erfahrungen vor der Operation bald nach derselben die Umrisse einiger Gegenst;nde errathen k;nnen. Ein Errathen war es, wie man an der Verwechslung von Messer und L;ffel, von Krug und Becken sieht, jedesmal. Der Knabe muss gedacht haben: ,Wie w;re es, wenn ich es f;hlte?" Und da er schon vor der Operation oft bemerkt hatte, dass was dieselbe oder eine ;hnliche Begrenzung wie sein Gesichtsfeld hatte, rund war, so konnte er nach derselben rund und nicht-rund wohl unterscheiden, was dagegen ein Blindgeborener, der von seinem Gesichtsfeld garnichts weiss, weil er nie eins gehabt hat, niemals kann.
Im Ganzen sind die beiden Ware'schen F;lle nicht entfernt so wichtig wie der Franz'sche (s. u.) und der Chesselden'sche, weil der Knabe W. bis zu seinem siebenten Jahre hinreichend Gelegenheit hatte, verschiedene Farben nach Qualit;t und Lichtst;rke unterscheiden zu lernen, weil er die Begrenzung seines Gesichtsfeldes kennen musste und jedenfalls sehr h;nfige Versuche, Gestalten und Entfernungen mit dem Auge zu errathen, durch das Gef;hl corrigiren, beziehlich best;tigen konnte. Endlich ist unbekannt, ob er vor oder gleich nach der Geburt oder, was am wahrscheinlichsten ist, erst einige Monate nach derselben erblindete. Dasselbe gilt vom zweiten Fall.
IV. V. Die Home'schen Fille.
Everard Home berichtet (Philosophical Transactions of the Royal Society. London 1807, I, S. 83 bis 87 u. 91):
I. ,William Stiff, 12 Jahre alt, hatte Linsentr;bungen, welche nach der Mutter Aussage zur Zeit der Geburt schon da waren. Vom fr;hesten Kindesalter an streckte er nie die Hand aus, um etwas zu greifen, auch wurde der Blick nicht auf die vor ihn hingestellten Gegenst;nde gerichtet, Die Augen rollten in einer sehr ungew;hnlichen Weise hin und her. Die Augen wurden erst, als er 6 Monate alt war, untersucht und der graue Staar war zu der Zeit ebenso ausgesprochen, als da er im Spital Aufnahme fand. Er konnte dann (17. Juli 1806) Licht von Dunkelheit unterscheiden, auch das Licht der Sonne von dem eines Feuers oder einer Kerze, er sagte, es sei ,rother" und angenehmer zu sehen, aber der Blitz machte einen noch st;rkeren Eindruck auf seine Augen. Alle diese verschiedenen Lichter nannte er roth, Die Sonne erschien ihm so gross wie sein Hut, Die Kerzenflamme war gr;sser, als sein Finger und kleiner, als sein Arm. Wenn er nach der Sonne sah, so sagte er, sie scheine sein Auge zu ber;hren. Wenn eine brennende Kerze vor ihn hingestellt wurde, richteten sich beide Augen auf dieselbe und bewegten sich gleichzeitig. Wenn sie ihm n;her als 12 Zoll stand, so sagte er, sie ber;hre seine Augen. Wenn sie weiter entfernt wurde, so ber;hrte sie, sagte er, seine Augen nicht. In einem Abstand von 22 Zoll wurde sie unsichtbar.
Am 21. Juli wurde die Linse des linken Auges extrahirt. Das Licht wurde seinem Auge ;usserst unangenehm. Die Augenlider wurden einige Minuten lang geschlossen, dann ge;ffnet; die Pupille war klar, aber er konnte das Licht nicht ertragen. Als ich ihn fragte, was er gesehen habe, sacteer: Ihren Kopf, welcher meine Augen zu ber;hren schien", aber er konnte seine Gestalt nicht angeben. Am 22. schmerzte das Licht weniger. Er sagte, er sehe meinen Kopf, welcher sein Auge ber;hre. Am 23. Auge weniger entz;ndet, ertr;gt schwaches Licht. Er sagte, er k;nne mehrere Herren um ihn herum sehen, vermochte aber nicht, deren Gestalt zu beschreiben. Mein Gesicht sei, sagte er, w;hrend ich sein Auge besichtigte, rund und roth. Vom 25. Juli bis 1. August Augenentz;ndung. Am 4. August sollten Versuche angestellt werden, das Sehverm;gen zu pr;fen; das Fenster musste wegen der Empfindlichkeit des Auges mit einem weissen Tuche verhangen werden. Die geringste Anstrengung erm;dete das Auge; die unregelm;ssig begrenzte Pupille war halbverdeckt durch die Narbe der Cornea, an welcher die Iris ad- h;rirte. Es mussten daher die Versuche aufgeschoben werden.
Am 16. September wurde das rechte Auge operirt. Das Licht war so schmerzhaft, dass die Lider sich unmittelbar nach der Operation schlossen. Bis zum 13. October keine Versuche ;ber das Sehen angestellt; der Knabe blieb ruhig im Spital. An diesem Tage konnte er lichtstarkes Weiss, Roth, Gelb unterscheiden, zumal wenn sie gl;nzend waren. Die Sonne und andere Gegenst;nde scheinen jetzt nicht, wie vorher, die Augen zu ber;hren, sie scheinen sich in einer kleinen Eutfernung vor ihnen zu befinden. Das rechte Auge sah am besten, aber wie das linke unvollkommen, Die Weite des deutlichsten Sehens betrug 5 Zoll. War der Gegenstand von einer hellen Farbe und intensiv beleuchtet, so konnte er ihn als flach und breit erkennen; und wenn eine Ecke einer viereckigen Fl;che ihm gezeigt wurde, so sah er sie und konnte die zweite finden, welche am Ende derselben Seite sich befand, aber unter weniger g;nstigen Bedingungen vermochte er dieses nicht. Wenn die vier Ecken einer weissen Karte ihm gezeigt worden waren und er sie betrachtet hatte, schien er sie zu kennen; aber wenn die R;ckseite derselben Karte, welche gelb war, vor ihn hingestellt wurde, konnte er nicht angeben, ob sie Ecken habe oder nicht, so dass er also keine richtige Kenntniss von denselben erhalten hatte, da er sie nicht auf die n;chste gef;rbte Fl;che anwenden konnte, deren Form genau dieselbe war wie die, deren Grenze das Auge soeben zu verfolgen gelehrt worden war."
II. ,,John Salter, 7 Jahr alt, wurde am 1. October 1806 in das St. Georg-Spital aufgenommen und hatte Katarrhakte in beiden Augen, nach Angabe seiner Verwandten seit der Geburt. Seine Pupillen ver- engerten sich bedeutend, wenn ein brennendes Licht vor ihn gestellt und erweiterten sich, wenn es entfernt wurde. Er konnte Farben mit ziemlicher Genauigkeit unterscheiden, besonders die helleren und lebhaften.
Am 6. October wurde das linke Auge operirt. Nachher 10 Minuten Ruhe; dann wurde in einem Abstande von 6 Zoll vom Auge eine runde gelbe 1 Zoll im Durchmesser haltende Karte hingestellt. Er sagte sofort, sie sei gelb, und nach der Gestalt gefragt, antwortete er: ,,Lasst mich sie ber;hren und ich will es sagen.4 Als ihm verboten worden, sie zu ber;hren, betrachtete er sie eine Zeit lang und sagte sie sei rund. Eine viereckige blaue Karte fast von derselben Gr;sse nannte er blau und rund. Ein dreieckiges St;ck nannte er gleichfalls rund. Die verschiedenen Farben der vor ihn hingestellten Gegenst;nde unterschied er sofort mit grosser Genauigkeit, aber er hatte keine Vorstellung von ihrer Form. Er sah am deutlichsten in einer Entfernung von 6 bis 7 Zoll. Er ward gefragt, ob der Gegenstand das Auge zu ber;hren scheine; er- antwortete , Nein"; als man verlangte, er m;chte die Entfernung angeben in der er sich bef;nde, war er ausser Stande, es zu thun. Das Auge wurde bedeckt, der Knabe zu Bett gebracht und ihm anbefohlen, sich ruhig zu verhalten. Als jedoch der Hausarzt eine halbe Stunde sp;ter wieder kam, fand dieser sein Auge unbedeckt und der Patient betrachtete die dicht zugezogenen Bettvorh;nge. Der Verband wurde wieder angelegt, aber der Knabe fand ein solches Vergn;gen am Sehen, dass er ihn sogleich wieder beseitigte. Der Hausarzt konnte ihn nicht zwingen und wiederholte etwa 2 Stunden nach der Operation die Versuche. Als ihm ein Viereck mit der Frage gezeigt wurde, ob er Ecken an demselben sehen k;nne, verlangte er gar sehr darnach, es zu ber;hren. Als ihm dieses verweigert worden, betrachtete er es eine Weile und sagte schliesslich, er habe eine Ecke gefunden und z;hlte dann ohne Schwierigkeit die 4 Ecken des Vierecks; und nachher, als ein Dreieck ihm gezeigt wurde, z;hlte er ebenso die Ecken; aber w;hrend er z;hlte, wanderte sein Blick die Kante entlang von Ecke zu Ecke, indem er die letzteren bezeichnete, w;hrend er den Rand verfolgte. Am folgenden Tage erz;hlte er mir, er habe ,,die Soldaten mit ihren Pfeifen und h;bschen Sachen" gesehen. Die Garde war in der Fr;he vorbeimarschirt mit ihrer Musikbande; als er die Musik h;rte, war er aufgestanden und an das Fenster gegangen, sie zu sehen. Beim Anblick der gl;nzenden L;ufe der Musketen muss er sie mit den geh;rten Kl;ngen in Verbindung gebracht und f;r musikalische Instrumente gehalten haben, 24 Stunden nach der Operation war die Pupille klar. Eine Schere wurde ihm gezeigt, er sagte es sei ein Messer. Als ihm bedeutet wurde, das sei nicht der Fall, war er ausser Stande, sie zu bezeichnen. Aber in dem Augenblick, da er sie ber;hrte, sagte er, es sei eine Schere und schien hocherfreut ;ber die Entdeckung. Seit dieser Zeit vervollkommnete er sich stetig durch Betrachten und Betasten aller Gegenst;nde in seinem Bereiche, aber er vergass h;ufig, was er gelernt hatte. Am 10. sah ich ihn wieder. Er ging an das Fenster und rief: ,,Was bewegt sich da?" Ich fragte, wof;r er es hielte, Antwort: ,,Ein Hund, der eine Schiebkarre zieht. Da sind 1, 2, 3 Hunde, welche eine andere ziehen, Wie sehr h;bsch?" Es waren Karren und Pferde auf der Strasse, die er vom zweiten Stock aus sah.
Am 19. wurden die verschieden gef;rbten Karten ihm einzeln vorgelegt und so wenig hatte er in 13 Tagen gelernt, dass er die Gestalt der Karten nur angeben konnte, wenn er die Ecken eine nach der anderen z;hlte. Er that dieses mit grosser Leichtigkeit, indem sein Blick schnell die R;nder entlang wanderte. Er lernte offenbar noch, gerade wie ein Kind lesen lernt. Er war so weit gekommen, dass er die Ecken kannte, wenn sie ihm vorgelegt wurden und ihre Anzahl bei irgend einem Gegenstande z;hlen konnte. Der Grund, weshalb er so langsam Fortschritte machte, lag darin, dass diese Figuren nie der Untersuchung durch den Tastsinn unterworfen waren und keinem der Dinge glichen, welche er zu sehen gewohnt war. Er hatte sich so sehr gew;hnt, die Augen mit den H;nden zu unterst;tzen, dass nur Festhalten derselben sie von den Gegenst;nden fern halten konnte.
Am 26. wurden die Versuche mit dem operirten Auge wiederholt. Es fand sich, dass jetzt der Knabe beim Betrachten irgend einer der Karten in gutem Licht, die Gestalt beinahe so schnell angeben konnte, wie die Farbe.
Home schliesst aus diesen beiden lehrreichen F;llen:
,,Dass, wo das Auge vor der Beseitigung des Katarrhakts nur im Stande war, Licht, aber keine Farben zu unterscheiden, Gegenst;nde nach der Operation das Auge zu ber;hren scheinen werden und keine Kenntniss ihrer Begrenzung vorhanden sein wird, was die Beobachtungen Chesselden's best;tigt;
Dass, wo das Auge vorher Farben unterachied, auch eine unvollkommene Kenntniss von Entfernungen, nicht aber von Begrenzungen vorhanden sein muss. Diese letztere wird aber sehr bald darauf erworben, wie in Ware's F;llen. Dieses wird durch die Geschichte des ersten Knaben bewiesen, welcher vor der Operation keine Kenntniss der Farben und Entfernungen hatte, aber nach derselben, als sein Auge nur denselben Zustand erreichte, in welchem das des zweiten Knaben schon vor der Operation war, gelernt hatte, dass die Gegenst;nde entfernt und von verschiedenen Farben sind;
Dass, wenn ein Kind einen neuen Sinn erlangt hat, nichts als grosser Schmerz oder absoluter Zwang es au dem Gebrauche desselben hindern wird.
VI. Der Wardrop'sche Fall.
James Wardrop berichtet (Philosophical Transactions of the Royal Society for 1826, III, S. 529 bis 540, London 1826):
“Ein M;dchen, dessen Augen in den ersten Lebensmonaten sonderbar und dessen Benehmen eigenth;mlich tappend den Eltern erschienen, wurde im Alter von etwa 6 Monaten an beiden Augen operirt. Das rechte wurde dadurch g;nzlich zerst;rt, das linke blieb erhalten, aber so blind, dass nur ein sehr helles von einem sehr dunkeln Zimmer und nicht einmal die Gegend, in der das Fenster sich befand, unterschieden werden konnte, obwohl es bei Sonnenschein und hellem Mondschein erkannte, aus welcher Richtung das Licht kam. In diesem Falle konnte nur solches Licht die Retina treffen, welches durch die Substanz der g;nzlich undurchbohrten Iris ging. Patientin konnte bis zum 46. Lebensjahr keine Farben und Gegenst;nde erkennen. Am 26. Januar f;hrte ich eine sehr feine Nadel durch die Hornhaut und die Irismitte. Aber ich konnte keine von den Adh;sionen, welche die Pupille verschlossen hielten, beseitigen. Nach dieser Operation konnte sie, wie sie sagte, mehr Licht empfinden, aber weder Farben noch Formen unterscheiden. Am 8. Februar die Iris incidirt; das Licht wurde ihr unangenehm, sie klagte ;ber die Helligkeit, und man sah h;ufig, wie sie versuchte, ihre H;nde zu sehen, aber ihr Sehverm;gen war offenbar sehr unvollkommen; denn obgleich ein Einschnitt in die Iris gemacht worden, so lag doch hinter der ;ffnung undurchsichtige Materie, welche den Eintritt des Lichtes wesentlich behindert haben muss.
Am 17. Februar eine dritte Operation. Die ;ffnung wurde erweitert, die undurchsichtige Materie entfernt. Nachdem die Operation in meiner Wohnung ausgef;hrt worden, kehrte sie in einem Wagen nach Hause zur;ck, wobei das Auge mit einem losen St;ck Seide bedeckt war. Das erste, was sie bemerkte, war eine vorbeifahrende Droschke, worauf sie ausrief: ,Was ist das grosse Ding, das an uns vor;berkam?" Im Laufe des Abends ersuchte sie ihren Bruder, ihr seine Uhr zu zeigen, in Betreff welcher sie viel Neugier bekundete, und sie betrachtete dieselbe l;ngere Zeit, sie dicht an das Auge haltend. Gefragt, was sie s;he, antwortete sie, es sei eine dunkle und eine helle Seite; sie zeigte auf die Stunde 12 und l;chelte. Ihr Bruder fragte sie, ob sie noch etwas s;he? sie erwiderte ,,Ja" und zeigte auf die Stunde 6 und auf die Zeiger der Uhr. Sie sah hierauf das Uhrgeh;nge an und bemerkte, dass eines der Petechafte daran gl;nzend sei, was der Fall war. Am folgenden Tage ersuchte ich sie, wiederum die Uhr zu betrachten, was sie ablehnte, das Licht sei ihrem Auge unangenehm und sie komme sich sehr dumm vor; sie meinte damit, sie sei sehr verwirrt durch die sichtbare Welt, die so zum ersten Male sich ihr aufthat.
Am dritten Tage bemerkte sie die Th;ren an der gegen;berliegenden Strassenseite und fragte, ob sie roth seien; sie waren jedoch eichenholzfarbig. Abends betrachtete sie ihres Bruders Antlitz und sagte, sie s;he seine Nase; er ersuchte sie, dieselbe zu ber;hren, was sie that; er warf dann ein Taschentuch ;ber sein Gesicht und verlangte, sie solle wieder hinsehen, worauf sie erheitert es wegnahm und fragte: ,Was ist das?
Am 6. Tage sagte sie, dass sie besser, als an irgend einem der fr;heren Tage s;he; ,aber ich kann nicht sagen, was ich sehe; ich bin ganz dumm". Sie f;hlte sich entt;uscht, dass sie nicht sofort mit dem Auge die Gegenst;nde unterscheiden konnte, welche sie so leicht durch Anfassen unterschied.
Am 7. Tage bemerkte sie, die Herrin des Hauses sei gross. Sie fragte, welches die Farbe ihrer Kleider w;re? Als man antwortete ,,blau", sagte sie richtig: ,,Das Ding auf Ihrem Kopfe ist auch blau, und Ihr Tuch das ist eine andere Farbe". Sie f;gte hinzu: ,,Ich sehe ziemlich gut, glaube ich." Die Theetassen wurden vorgenommen. ,,Was sind sie? fragte ihr Bruder. ,,Ich weiss es nicht", erwiderte sie, ,,sie sehen mir sehr sonderbar aus; aber ich kann sogleich sagen, was sie sind, wenn ich sie ber;bre". Sie unterschied eine Apfelsine, aber konnte sich nicht vorstellen, was sie war, bis sie dieselbe ber;hrte. Sie war nun heiterer geworden und ;berzeugt, dass das neu erworbene Sehverm;gen ihr mehr n;tzen w;rde, wenn sie nach Hause zur;ckkehrte, wo ihr jeder Gegenstand bekannt war.
Am 8. Tage fragte sie ihren Bruder, was er da n;hme? und als man ihr sagte: ,,Ein Glas Portwein", entgegnete sie: ,,Portwein ist dunkel und erscheint mir sehr h;sslich*. Sie bemerkte, als Licht in das Zimmer gebracht worden, ihres Bruders Gesicht und das einer anwesenden Dame im Spiegel; auch ging sie zum ersten Male ohne Unterst;tzung von ihrem Stuhle zum Sopha gegen;ber und wieder zur;ck zum Stuhle. Beim Thee bemerkte sie das Tragbrett und das Gl;nzen der Japanischen Verzierungen und fragte, welches die Farbe um den Rand sei. Man sagte es ihr: ,,gelb", worauf sie ;usserte: ,,Ich werde das wiederer- konnen
Am 9. Tage kam sie sehr vergn;gt zum Fr;hst;ck herunter, sagte ihrem Bruder: ,ich sehe dich sehr gut heute", kam auf ihn zu und gab ihm die Hand. Sie sah einen Zettel an einem Fenster des Hauses auf der gegen;berliegenden Strassenseite (,Wohnung zu vermiethen") und ihr Bruder, um sich zu ;berzeugen, dass sie ihn sah, f;hrte sie drei verschiedene Male an das Fenster und zu seiner ;berraschung und Freude zeigte sie ihm den Anschlag bei jeder Probe genau.
Einen grossen Theil des 11. Tages sah sie zum Fenster hinaus und sprach sehr wenig.
Am 12. Tage ging sie mit ihrem Bruder spazieren. Der heitere blaue Himmel zog zuerst ihre Aufmerksamkeit auf sich. Sie sagte: ,,Es ist das h;bscheste, was ich noch gesehen habe, und immer gleich h;bsch jedesmal, wenn ich mich umwende und es anschaue". Sie unterschied deutlich die Strasse von dem Pflaster des Fussg;ngerweges und schritt von dem einen zum anderen, wie jemand, der gew;hnt ist, seine Augen zu gebrauchen, Ihre grosse Wissbegierde und die Art, wie sie die mannigfaltigen Gegenst;nde anstarrte und auf sie hinwies, erregte derart die Aufmerksamkeit der Umstehenden, dass ihr Bruder sie bald nach Hause brachte, obgleich sie es nicht w;nschte.
Am 13. Tage Abends bemerkte sie, es sei ein anderes Tragbrett da, es sei nicht h;bsch, es habe einen dunkeln Rand, was richtig war. Ihr Bruder ersuchte sie in den Spiegel zu sehen und ihm zu sagen, ob sie sein Gesicht darin sehe? worauf sie, augenscheinlich etwas aus der Fassung gebracht, entgegnete: ,,Ich sehe mein eigenes, lass mich weggehen".
Am 14. Tage fuhr sie in einem Wagen 4 (Englische) Meilen weit und bemerkte die B;ume und die Themse, als sie ;ber die Vauxhall- Br;cke kam. Zu dieser Zeit schien die Sonne hell, und sie sagte, es blende sie etwas, wenn sie auf das Wasser sehe.
Am 15. Tage ging sie zu Fuss in eine Kirche. Uber die Leute, die an ihr vor;bergingen, stutzte sie; und einmal, als ein Herr an ihr vor- ;berging mit weisser Weste, blauem Rock und gelben Rockkn;pfen, die der Sonnenschein ihr besonders deutlich sichtbar machte, fuhr sie so zusammen, dass sie ihren sie begleitenden Bruder vom gepflasterten Wege abzog. Sie unterschied den Geistlichen auf der Kanzel, wie er die H;nde bewegte und bemerkte, dass er damit etwas festhielt; es war ein weisses Taschentuch.
Am 16. Tage wurde sie bei einer Droschkenfahrt durch die Stadt vom Leben in der Strasse angezogen. Auf die Frage, wie sie an dem Tage sehe, erwiderte sie: ,,Ich sehe sehr viel; wennich nur sagen k;nnte, was ich sehe; aber ich bin wahrlich sehr dumm".
Am 17. Tage antwortete sie ihrem Bruder auf die Frage, wie es ihr ginge: ,,Es geht mir gut und ich sehe besser; aber qu;le mich nicht mit zu vielen Fragen, bis ich mein Auge etwas besser gebrauchen gelernt habe. Alles, was ich sagen kann, dessen bin ich durch das, was ich sehe, gewiss, ist, dass eine grosse Ver;nderung stattgefunden hat; aber ich kann nicht beschreiben, was ich f;hle
Der 18. Tag. Als Papierst;cke, Quadrate von 11/2 Zoll Seite, von verschiedener Farbe ihr vorgelegt wurden, unterschied sie nicht nur sogleich dieselben von einander, sondern bevorzugte einige Farben entschieden. Gelb gefiel ihr am besten, dann Blassrosa. Wenn sie einen Gegenstand betrachten wollte, wurde es ihr sehr schwer, den Blick auf denselben zu richten und seine Lage ausfindig zu machen. Sie bewegte Hand und Auge in verschiedenen Richtungen wie eine Person mit verbundenen Augen, die im Dunkeln mit den H;nden umhertastet nach dem, was sie zu ber;hren w;nscht. Sie unterschied auch einen grossen Gegenstand von einem kleinen, wenn beide ihr zum Vergleich vorgehalten wurden. Sie sagte, sie s;he verschiedene Formen bei verschiedenen Gegenst;nden, die ihr gezeigt wurden. Als man sie fragte, was sie unter verschiedenen Formen verstehe, wie ,,lang, rund, viereckigt, und sie ersuchte, mit dem Finger diese Formen auf ihre andere Hand zu zeichnen und dann die betreffenden Formen ihrem Auge darbot, bezeichnete sie dieselben genau: sie unterschied nicht nur grosse Dinge von kleinen, sondern wusste auch, was mit oben und unten gemeint ist. Eine mit Dinte gezeichnete Figur mit einem breiten und einem schmalen Ende wurde ihr vorgelegt. Sie sah die Stellungen, wie sie wirklich waren, nicht umgekebrt.
Sie konnte auch Bewegungen wahrnehmen; denn als sie ihre Hand einem vor sie auf den Tisch gestellten Glase Wasser n;herte und es schnell an eine entfernte Stelle gesetzt wurde, sagte sie sofort: ,,Du bewegst es, Du nimmst es fort.
Sie schien die gr;sste Schwierigkeit bei Ermittlung der Entfernung der Gegenst;nde zu finden; denn wenn ein Object ihr dicht an's Auge gehalten wurde, suchte sie danach, indem sie die Hand weit ;ber seinen Ort hinaus streckte, w;hrend bei anderen Gelegenheiten sie ganz nahe an ihrem Gesicht tastete nach Dingen, die weit von ihr entfernt waren.
Sie lernte leicht die Namen der verschiedenen Farben. Zwei Tage nachdem ihr die farbigen Papiere gezeigt worden, bemerkte sie beim Eintritt in ein Zimmer, dessen Farbe scharlach war, dass es roth sei. Sie bemerkte auch einige Gem;lde an der rothen Wand, indem sie mehrere kleine Gestalten in ihnen unterschied, aber sie wusste nicht, was sie vorstellten. Die vergoldeten Rahmen bewunderte sie. An demselben Tage ging sie um einen Teich und es gefielen ihr der Sonnenglanz auf dem Wasser, sowie der blaue Himmel und die gr;nen Kr;uter, deren Farben sie richtig benannte.
Sie hatte durch den Gebrauch des Auges nur eine sehr geringe Kenntriss irgend welcher Formen erworben und war ausser Stande die durch den neuen Sinn erhaltener. Erfahrungen anzuwenden und mit denen zu vergleichen welche sie gewchnt war durch den Tastainn sich anzueignen.
Als ihr daher ein silberner Bleisti thalter und ein grosser Schl;ssel zur Untersuchung mit den H;nden gegeben wurde, unterschied sie und erkannte sie jedes wohl; als sie sber nebeneinander auf den Tisch gelegt wurden, konnte sie, obwohl sie beide mit dem Auge unterschied, doch nicht sagen, was Bleistifthalter, was Schl;ssel sei.
Am 25. Tage nach der Operation fuhr sie im Wagen eine Stunde lang im Regent's-Park. Sie fragte dabei mehr nach den Dingen ihrer Umgebung als sonst, z. B. ,Was ist das? Antwort ,Ein Soldat." ,Und das, sieh! sieh!" diese Frage bezog sich auf Kerzen von verschiedenen Farben an dem Fenster eines Talghindlers. ,Wer ist das, der so eben an uns vorbeikam?" Es war jemand zu Pferde. ,,Aber was ist das auf dem Pflaster, roth?" Es waren einige Damen mit rothen Shawls. Beim Eintritt in den Park sagte sie auf die Frage, ob sie errathen k;rnte, wes irgend eines von den Dingen da w;re: ,0 ja! Das ist der Himmel, des ist das Gras; dort ist Wasser und zwei weisse Dinger." Letztere waren Schw;ne.
Bis 42 Tage nach der Operation, als sie London verliess, hatte sie eine ziemlich geraue Kenntniss der Farben und ihrer verschiedenen Schattirungen und Namen erworben. Sie hatte noch durchaus keine genaue Kenntniss der Entfernungen oder Gestalten, und bis zu diesem Zeitpunkt wurde sie durch jeden neuen Gegenstard, den sie anblickte, sehr in Verwirrung gebracht. Auch war sie noch nicht im Stande ohne bedeutende Schwierigkeit und vielf;ltige fruchtlose Versuche ihren Blick auf einen Gegenstand zu richten; so dass wenn sie versuchte etwas anzusehen sie ihren Kopf nach verschiedenen Seiten drehte, bis ihr Auge den gesuchten Gegenstand fand."
Anmerkung zum sechsten Fall.
Dieser Fall ist als Beweis daf;r angef;hrt worden, dass der Gesicht- sinn ohne Unterst;tzung seitens des Tastsians ausreiche, zu erkennen, ob ein Gegenstand dem Auge gen;hert oder von ihm entfernt werde. Aber mit Recht bemerkt dagegen John Stuart Mill, (Dissertations and Discussions II, 113, London 1859), dass die betreffende Beobachtung erst am 18. Tage nach der Operation gemacht wurde, so dass die nicht mehr junge Patientin sehr wohl die zu einer sc einfachen Wahrnehmung erforderlichen Erfahrungen inzwischen erworben haben konnte. Ausserdem war sie sehr unsicher im Beurtheilen von Entfernungen und verhielt sich bei den Versuchen, nahe und ferne Gegenst;nde mit der Hand zu ergreifen, mehrmals ganz wie ein S;ugling.
VII. Der Franz'sche Fall.
J. C. A. Franz aus Leipzig schreibt (in den Philosophical Transactions of the Royal Society. London 1841, I, S. 59 bis 69):
“F. J. ist der Sohn eines Arztes; er erfreut sich eines ausgezeichneten Verstandes, eines schnellen Auffassungsverm;gens und eines guten Ged;chtnisses. Bei seiner Geburt fand man beide Augen nach innen gedreht, so dass ein Theil der Hornhaut durch den inneren Canthus verdeckt war, und in beiden Pupillen eine gelblich-weisse F;rbung. Dass der Strabismus und die Linsentr;bung beider Augen angeboren war, geht aus dem Zeugniss beider Eltern und der Amme hervor. Letztere hielt dem Kinde, als es einige Monate alt war, ein Licht vor die Augen, welches dasselbe nicht bemerkte. Von ihr erfuhr ich auch, dass die Augen sich nicht hin und her bewegten, sondern immer nach innen gerichtet seien und nur selten das eine oder das andere von dem inneren Augenwinkel fortbewegt werde.
Gegen Ende des zweiten Lebensjahres wurde, wie man mir mittheilte, am rechten Auge die Keratonyxis versucht, worauf eine heftige Iritis mit Atrophie des Bulbus folgte. Innerhalb der n;chsten 4 Jahre zwei ;hnliche Operationen am linken Auge ohne Erfolg. Nur wurde die Tr;bung weisslicher und der Patient erhielt ein gewisses Empfindungsverm;gen f;r Licht, welches er vor der Operation nicht gehabt zu haben schien.
Ende Juni 1840 wurde der 17-j;hrige Patient mir zugef;hrt. Ich fand Folgendes: Beide Augen convergirten der Art, dass beinahe die H;lfte der Hornhaut verdeckt war. Das linke konnte er willk;rlich nach aussen bewegen, aber nicht ohne Anstrengung; es drehte sich sofort nach innen, wenn der Einfluss des Willens aufh;rte. Der linke Bulbus von nat;rlicher Gr;sse und Elasticit;t. Licht war ohne jeden Einfluss auf die rechte Pupille; mit dem rechten Auge hatte Patient nicht die geringste Lichtempfindung. Die Pupille des linken Auges, nicht rund, sondern nach unten und innen gezogen, ver;ndert sich nicht durch Licht und nicht bei Bewegungen des Auges. Sah man von vorn in die Pupille, so erschien die Vorderwand der Linsenkapsel in ihrer ganzen Ausdehnung opak, perl- mutterartig. Sah man von der Schl;fenseite schr;g in die Pupille, so wurde in der Vorderwand der Kapsel eine sehr schmale verticale Spalte von etwa 17/2 Linie L;nge sichtbar.
Diese Spalte war so weit vom Mittelpunkt der Pupille entfernt, dass sie ganz von der Iris bedeckt war. Mit diesem Auge konnte Patient Licht empfinden und sogar lebhafte und lichtstarke Farben wahrnehmen. Er glaubte ;berdies ein Drittel Quadratzoll irgend eines hellen Gegenstandes percipiren zu k;nnen, wenn derselbe oder 1 Zoll vom Auge gehalten wurde und zwar schief, so dass er das Licht stark in die Pupille hinein reflectirte. Aber dieses war, wie ich ;berzeugt bin, eine blosse T;uschung; denn es mussten alle in der Richtung der optischen Axe einfallenden Lichtstrahlen aufgefangen und von der opaken Linsenkapsel zur;ckgeworfen werden. Es konnte daher durch solche Strahlen, wenn auch eine Lichtempfindung, keinenfalls eine Wahrnehmung von Objecten herbeigef;hrt werden. Andererseits ist es wahrscheinlich, dass die seitliche Spalte dem Licht in das Innere des Auges zu dringen gestattete. Da aber diese kleine ;ffnung ganz hinter der Iris gelegen war, w;rden nur solche Strahlen durchgedrungen sein, welche in einer sehr schr;gen Richtung von der Schl;fenseite kamen, Angenommen nun diese Strahlen seien wirklich durch die Spalte gedrungen, so konnten sie verm;ge ihrer Kichtung nur ein sehr unvollkommenes Bild bedingen, weil sie auf eine ung;nstige Stelle der Retina auffielen. Ausserdem ;berzeugte ich mich wiederholt durch Versuche, dass der Patient Gegenst;nde nicht im Geringsten durch das Gesicht erkennen konnte, Versuche, welche mich zu dem Schlusse f;hrten, dass sein Glaube, er sehe wirklich Gegenst;nde, lediglich seiner Einbildungskraft und seinem Urtheilsverm;gen zuzuschreiben sei. Beim Betasten eines Gegenstandes und beim Ber;hren desselben mit den Wangen und Augenlidern wurde eine Vorstellung desselben gewonnen, welche der durch fortw;hrende Ubung erhaltenen Erfahrung entsprechend beurtheilt und corrigirt ward.
Des Patienten Tastsinn hatte eine ausserordentliche Feinheit erlangt. Um einen Gegenstand genau zu untersuchen, brachte er ihn an die Lippen.
Am 10. Juli 1840 operirte ich das linke Auge. Das Licht war ihm so schmerzhaft, dass ich unmittelbar nach der Operation keine Versuche anstellen konnte. Beide Augen wurden mit Heftpflaster verschlossen und w;hrend 48 Stunden mit Eiswasser behandelt. Der Patient litt an muscae volitantes und vertrug selbst mildes durch das geschlossene Lid dringendes Licht nicht. Nach einigen Wochen nahmen die fliegenden M;cken ab und das Licht wurde ertragen.
Als der Patient zum ersten Male am dritten Tage nach der Operation das Auge aufschlug, fragte ich ihn, was er sehen k;nne; er antwortete, er sehe ein ausgedehntes Lichtfeld, in welchem alles tr;be, verwirrt und in Bewegung scheine. Er konnte Gegenst;nde nicht unterscheiden. Der durch das Licht verursachte Schmerz zwang ihn das Auge sofort zu schliessen.
Zwei Tage sp;ter wurde das inzwischen mit Heftpflaster verschlossen gehaltene Auge zum zweiten Mal ge;ffnet. Er beschrieb jetzt das was er sah als eine Menge von undurchsichtigen w;sserigen Kugeln, welche bei den Bewegungen des Auges sich mitbewegten, aber wenn das Auge ruhte, station;r blieben und dann sich theilweise deckten. Zwei Tage sp;ter wurde das Auge wieder ge;ffnet; dieselben Erscheinungen wurden wieder beobachtet, aber die Kugeln waren etwas durchsichtig, ihre Bewegungen ruhiger; sie schienen sich mehr als vorher zu decken. Er war jetzt zum ersten Mal, wie er sagte, im Stande durch die Kugeln durchzusehen und einen Unterschied, aber auch nur einen Unterschied in den Gegenst;nden der Umgebung wahrzunehmen. Wenn er den Blick fest auf einen Gegen-
Preyer, Die Seele des Kindes. 2. Auf.
stand richtete, war der Eindruck schmerzhaft und sehr unvollkommen, weil das Auge, das Licht nicht ertragend, nicht lange genug offen gehalten werden konnte, um eine Vorstellung von dem Gesichtseindruck zu bilden. Die Erscheinung der Kugeln nahm t;glich ab; sie wurden kleiner, klarer, durchsichtiger, gestatteten Gegenst;nde deutlicher zu sehen und verschwanden nach 2 Wochen g;nzlich. Die muscae volitantes, welche die Form von schwarzen und horizontalen Streifen hatten, erschienen jedesmal beim ;ffnen des Auges nach oben und innen gerichtet. Wenn das Auge geschlossen wurde, sah er namentlich Abends nach oben und aussen dunkelblaue, violette und rothe Farbenerscheinungen. Diese Farben wurden allm;hlich weniger intensiv und gingen ;ber in helles Orange, Gelb und Gr;n, welch letztere Farben allein ;brig blieben, aber nach 5 Wochen g;nzlich verschwanden. Sobald die Empfindlichkeit gegen Licht so weit abgenommen hatte, dass der Patient einen Gegenstand ohne Schmerz zu empfinden lange genug betrachten konnte, um sich eine Vorstellnng davon zu bilden, wurden die folgenden Experimente an verschiedenen Tagen angestellt.
1. Versuch. Verschieden gef;rbte seidene B;nder auf schwarzem Grunde wurden verwendet, um die Complement;rfarben zu zeigen. Der Patient erkannte die verschiedenen Farben, mit Ausnahme von Gelb und Gr;n, welche er h;ufig verwechselte, aber wenn sie gleichzeitig vorgelegt wurden, unterschied. Er konnte jede einzelne Farbe richtig bezeichnen, wenn ihm mehrere zugleich gezeigt wurden. Grau gefiel ihm am besten; Roth, Orange, Gelb waren schmerzhaft, Violett und Braun nicht schmerzhaft, aber unangenehm. Schwarz rief subjective Farben hervor und Weiss veranlasste das Wiederauftreten von mouches volantes in sehr hohem Grade.
2. Versuch, Der Patient sass mit dem R;cken gegen das Licht und hielt sein Auge geschlossen. Ein Blatt Papier, auf welchem 2 schwarze Linien, eine verticale und eine horizontale, gezogen waren, wurde in einer Entfernung von etwa 3 Fuss vor ihn hingehalten. Es wurde ihm dann gestattet, das Auge zu ;ffnen, und nach aufmerksamem Betrachten bezeichnete er die Linien mit den richtigen Ausdr;cken. Als ich ihn ersuchte, auf die horizontale Linie zu deuten, bewegte er die Hand langsam, wie tastend und wies auf die senkrechte, aber nach kurzer Zeit, seinen Irrthum merkend, verbesserte er sich. Die schwarzen Umrisse eines Quadrates innerhalb dessen ein Kreis und (in diesem) ein Dreieck gezeichnet waren, wurde nach sorgf;ltiger Betrachtung von ihm erkannt und richtig beschrieben. Wenn er ersucht wurde, eine von den Figuren zu bezeichnen, bewegte er niemals seine Hand direct und entschieden, sondern immer wie tastend und mit der gr;ssten Vorsicht; aber er zeigte richtig das Verlangte. Eine Zickzacklinie und eine Spirale, beide auf Papier gezeichnet, fand er verschieden, konnte sie aber nicht anders beschreiben, als indem er ihre Formen mit dem Finger in der Luft nachahmte. Er sagte er habe keine Vorstellung von diesen Figuren.
3. Versuch. Die Fenster des Zimmers wurden bis auf eines verdunkelt und gegen das hell gebliebene wandte der Patient mit geschlossenen Augen den R;cken. In einer Entfernung von 3 Fuss wurde in der H;he des Auges ein W;rfel und eine Kugel, beide von 4 Zoll Durchmesser vor ihn hingestellt. Ich liess ihn das Auge aufschlagen. Nach aufmerksamer Betrachtung dieser K;rper sagte er, er s;he eine viereckige und eine kreisf;rmige Figur und nach einiger ;berlegung nannte er die eine ein Quadrat und die andere eine Scheibe. Nun schloss er das Auge, der W;rfel wurde fortgenommen und statt dessen eine Scheibe von derselben Gr;sse neben die Kugel gestellt. Beim Hinsehen bemerkte er keinen Unterschied und hielt beide K;rper f;r Scheiben. Der W;rfel wurde nun in schr;ger Stellung vor das Auge gestellt und daneben eine aus Pappdeckel geschnittene Fl;che von den Umrissen des W;rfels in dieser Stellung. Beides hielt er f;r eine Art flacher Quadrate. Eine Pyramide die mit einer sichtbaren Seite vor ihm stand erkl;rte er f;r ein ebenes Dreieck. Dieser K;rper wurde nun gedreht, so dass zwei Seiten, von der einen mehr als von der anderen, ihm sichtbar wurden. Nachdem er lange hingesehen und nachgedacht hatte, erkl;rte er denselben f;r eine ganz ausserordentliche Figur; sie w;re weder ein Dreieck, noch ein Viereck, noch ein Kreis; er hatte keine Vorstellung davon und konnte sie nicht beschreiben; ,,in der That", sagte er ,,ich muss es aufgeben." Nach Beendigung dieser Experimente ersuchte ich ihn, mir die Eindr;cke zu beschreiben, welche die Gegenst;nde gemacht hatten, worauf er sagte: unmittelbar beim Aufschlagen des Auges habe er einen Unterschied haidan vas ihn hinoestellten Obiecten, dem W;rfel und der Kugel entdeckt und bemerkt, dass es keine Zeichnungen waren, er sei aber nicht im Stande gewesen, aus ihnen die Vorstellung eines Quadrats und einer Scheibe zu bilden, bis er ein Gef;hl von dem was er sah in den Fingerspitzen versp;rt habe, als wenn er wirklich die Objecte ber;hrte. Als ich ihm die 3 K;rper, den W;rfel, die Kugel, die Pyramide, in die Hand gab, war er sehr erstaunt sie nicht als solche durch das Gesicht erkannt zu haben, da er mit ihnen durch das Getast wohlbekannt war. Diese Versuche beweisen die Richtigkeit der Hypothese, welche ich an einem andern Orte ;ber die bekannte von Molyneux an Locke gerichtete und von beiden verneinend beantwortete Frage aufstellte.
4. Versuch, In ein Gef;ss, welches Wasser bis zu ungef;hr ein Fuss H;he enthielt, wurde eine Flintenkugel gelegt und auf die Oberfl;che des Wassers ein St;ck Pappdeckel von derselben Form, Gr;sse, Farbe wie die Kugel. Der Patient bemerkte keinen Unterschied in der Lage dieser K;rper. Er glaubte beide l;gen auf der Oberfl;che des Wassers. Auf die Kugel zeigend ersuchte ich ihn sie zu ergreifen. Er machte einen Versuch sie von der Wasserfl;che zu nehmen, als er aber fand, dass er sie nicht fassen konnte, sagte er, er habe sich get;uscht, die Gegenst;nde l;gen in dem Wasser, worauf ich ihm die wahre Lage derselben mittheilte, Ich ersuchte ihn jetzt, die Kugel im Wasser mit einem kleinen Stab zu ber;hren, er versuchte dieses mehrmals, verfehlte aber jedesmal sein Ziel; er konnte niemals den Gegenstand bei der ersten Bewegung der Hand nach ihm hin ber;hren, sondern nur durch Umher- tasten mit dem St;bchen. ;ber reflectirtes Licht befragt sagte er, er m;sse immer sich vergegenw;rtigen, dass der Spiegel an der Wand befestigt sei, um seine Vorstellung von der scheinbaren Lage der Gegenst;nde hinter dem Glase zu berichtigen.
Anfangs nachdem der Patient sein Sehverm;gen erlangt hatte, schienen ihm alle Gegenst;nde so nahe, dass er manchmal f;rchtete mit ihnen in Contact zu gerathen, obwohl sie in Wirklichkeit sehr weit von ihm entfernt waren. Er sah alle viel gr;sser als er nach der durch den Tastsinn erlangten Vorstellung erwartet hatte. Sich bewegende und besonders lebende K;rper, wie Menschen, Pferde, erschienen ihm sehr gross. Wenn er die Entfernung der Gegenst;nde von seiner Person oder die von zwei Gegenst;nden von einander sch;tzen wollte, ohne seinen Platz zu verlassen, betrachtete er die Gegenst;nde von verschiedenen Seiten, indem er seinen Kopf nach rechts und links drehte. Von der Perspective der Gem;lde hatte er keine Vorstellung; es erschien ihm unnat;rlich, dass ein Mann im Vordergrund eines Bildes gr;sser war als ein Haus oder ein Berg im Hintergrund. Alle Dinge erschienen ihm vollkommen flach; so sah er, obgleich er durch das Getast wohl wusste, dass die Nase hervorragt und die Augen tiefer in dem Kopfe zur;ckstehen, das menschliche Antlitz wie eine Ebene. Trotzdem er ein vortreffliches Ged;chtniss besass, versagte es inm aniangs ganzuen mit Rucksicnt auf sichtbare Gegenst;nde, er war z. B. nicht im Stande Besuchende wiederzuerkennen, wenn er ihre Stimme nicht h;rte, bis er sie sehr oft gesehen hatte, Selbst wenn er ein Ding sehr h;utig gesehen hatte, konnte er sich doch keine Vorstellung von dessen sichtbaren Eigenschaften bilden, ohne den wirklichen Gegenstand vor sich zu haben. Bisher, wenn er von Personen, z. B. seinen Eltern tr;umte, f;hlte er sie und h;rte ihre Stimmen, aber er sah sie niemals, jetzt nachdem er sie h;ufig gesehen hatte, sah er sie auch in seinen Tr;umen. Das menschliche Antlitz gefiel ihm mehr als irgend ein anderer Gegenstand. Obwohl der neu erworbene Sinn ihm viel Vergn;gen bereitete, war doch die grosse Zahl von fremden und ausserordentlichen Eindr;cken ihm oft unangenehm und erm;dend; er sagte, er s;he zu viel Neues, das er nicht begreife. Und wiewohl er nahe und entfernte Gegenst;nde sehr gut sehen konnte, nahm er nichtsdestoweniger fortw;hrend seine Zuflucht zum Tasten.
Schlussbemerkungen.
Den sieben hier im Auszuge und im engen Anschluss an die Englischen Originale von mir ;bersetzten Berichten ;ber operirte Blindgeborene reihen sich einige neuere leichter zug;ngliche an, so einer von Hirschberg (Archiv f;r Ophthalmologie XXI, 1. Abth. S. 29 bis 42, 1875), einer von A. von Hippel (ebenda XXI, 2. Abth. S. 101) und einer von Dufour (Archives des sciences physiques et naturelles. LVIII. Nr. 242. April 1877. S. 420). Die hier referirten F;lle sind die am meisten discutirten. Ich habe sie ziemlich ausf;hrlich mitgetheilt, damit der Leser das vor dem modernen physiologischen Streit ;ber Empirismus und Nativismus beschriebene Verhalten der operirten Blindgeborenen selbst;ndig beurtheilen m;ge. Helmholtz (Physiologische Optik, § 28) erw;hnt ausser den von ihm im Auszuge mitgetheilten F;llen von Ches- selden und Wardrop, auch Ware, noch einige F;lle. Wieder andere findet man in Frorieps Notizen (XI, S. 177, 1825 und IV, S. 243, 1837, sowie XXI, S. 41, 1842) theils referirt, theils citirt (letztere nach Franz).
Im Anschluss an die hier mitgetheilten F;lle von operirten Blind- geborenen, welche vor der Erblindung nicht r;umlich sehen konnten, ist noch eines Falles zu gedenken, in dem ein M;dchen im 7. Jahre (wahrscheinlich in Folge von Einwirkung blendenden Sonnenlichts) ihr Sehverm;gen total verlor, es aber nach Behandlung mit Elektricit;t im Alter von 17 Jahren wiedererhielt. Es musste vollst;ndig von Neuem anfangen, die Farben wie ein Kind benennen Iernen; alles Maass f;r Entfernung, Perspective, Gr;sse war ihr durch Mangel an Ubung verloren gegangen (wie 0. Heyfelder in seiner Schrift ,,Die Kindheit des Menscchen", 2. Aufl., Erlangen 1858, S. 12 bis 15) berichtet (S. 12 heisst es, die Pat. sei 8 Jahre, S. 13 sie sei 10 Jahre lang blind gewesen). Solche F;lle beweisen den grossen Einfluss der Erfahrung auf r;umliches Sehen und zeigen, wie wenig davon dem Menschen angeboren ist.
Wenn man das Sehenlernen des normalen Neugeborenen und S;uglings mit dem der Blindgeborenen vergleicht, so ist vor Allem zu bedenken, dass diese meistens nur ein Auge benutzen konnten, dann dass durch die lange Netzhautruhe und durch die Entfernung der Krystalllinse, sowie durch die zahlreichen Tast-Erfahrungen wesentliche Unterschiede gesetzt sind. Trotzdem erscheint die Art, wie in beiden F;llen sehen gelernt, das Auge ge;bt und die Verkn;pfung von Sehen und Tasten erworben wird, ;bereinstimmend. Namentlich der siebente Fall zeigt deutlich, wie gross die Analogien sind.
Die F;lle gen;gen zur Widerlegung einiger abenteuerlicher Behauptungen, z. B. dass alle Neugeborenen die Gegenst;nde umgekehrt sehen sollen, wie sogar ein Buffon (Oeuvres compl;tes IV. 136. Paris 1844) meinte. Dass mein Knabe, als ich ihn im f;nften Jahre gew;hnliche Ziffern schreiben liess, die ich vorzeichnete, zu meiner ;berraschung die meisten -- am l;ngsten die 1 und die 4 -- stets in Spiegelschrift, letztere oft auch umgekehrt, nachbildete, die 5 dagegen stets richtig, beruht selbstverst;ndlich nicht auf einem Mangel des Sehens, sondern auf unvoll- kommener Umsetzung der Gesichtsvorstellung in die zum Schreiben erforderliche Bewegungsvorstellung. Andere Knaben verhalten sich, wie ich in Erfahrung brachte, ebenso. Die Unterscheidung des “Rechts” und “Links” hat mir selbst in der Kindheit noch jetzt deutlich erinnerliche Schwierigkeiten bereitet.
Merkw;rdiger Weise nahm Buffon schon 1749 an, dass die Vernachl;ssigung der Doppelbilder zu Anfang des Lebens noch nicht stattfinde. Johannes M;ller spricht sich (1826) in demselben Sinne aus. Da aber in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Geburt vom Menschen, im Gegensatz zu vielen Thieren, noch garnichts deutlich gesehen werden kann, so ist es nicht statthaft, zu behaupten, dass alles doppelt gesehen werden m;sse. Alles wird vielmehr weder einfach noch doppelt gesehen, da der ganz junge S;ugling noch keine Formen (Grenzen) und Entfernungen wahrnimmt, sondern nur Lichteindr;cke erh;lt, gerade wie der operirte Blindgeborene in der ersten Zeit nach der Operation.
Schopenhauer hatte bereits (in seiner Abhandlung ;ber das Sehen und die Farben, 1. Auf., Leipzig 1816, S. 14) diese Wahrheit divina- torisch erkannt, indem er sagte:
,,K;nnte Jemand, der vor einer sch;nen weiten Aussicht steht, anf einen Augenblick alles Verstandes beraubt werden, so w;rde ihm von der ganzen Aussicht nichus ;brig bleiben, als die Empfindung einer sehr mannigfaltigen Reaction seiner Retina, welche gleichsam der rohe Stoif ist, aus welchem vorhin sein Verstand jene Anschauung schuf.
Das neugeborene Kind hat noch keinen Verstand und kann darum anfangs noch nicht sehen, sondern nur Licht empfinden.
Ich erblicke eine thats;chliche Best;tigung dieser von mir durch die Beobachtung des Verhaltens Neugeborener und ganz junger S;uglingemannigfaltigen Reaction seiner Retina, welche gleichsam der rohe Stoif ist, aus welchem vorhin sein Verstand jene Anschauung schuf.
Das neugeborene Kind hat noch keinen Verstand und kann darum anfangs noch nicht sehen, sondern nur Licht empfinden.
Ich erblicke eine thats;chliche Best;tigung dieser von mir durch die Beobachtung des Verhaltens Neugeborener und ganz junger S;uglinge gewonnenen Ansicht (vgl, das erste Capitel dieses Buches) in einem Bericht, welchen Anselm von Feuerbach in seiner Schrift ;ber Kaspar Hauser (Anspach 1832, S. 77) mittheilt.
,,Im Jahre 1828 sollte Kaspar Hauser bald nach seiner Ankunft in N;rnberg im Vestner Thurm nach dem Fenster sehen, von dem aus eine weite farbenreiche Sommerlandschaft zu ;bersehen war. Kaspar Hauser wandte sich ab. Ihm war der Anblick widerlich. Sp;ter aber, als er l;ngst sprechen gelernt hatte, gab er befragt die Erkl;rung: ,,Wenn ich nach dem Fenster blickte, sah es mir immer so aus, als wenn ein Laden ganz nahe vor meinen Augen aufgerichtet sei und auf diesem Laden habe ein T;ncher seine verschiedenen Pinsel mit Weiss, Blau, Gr;n, Gelb, Roth, alle bunt durcheinander, ausgespritzt. Einzelne Dinge darauf, wie ich jetzt die Dinge sehe, konnte ich nicht erkennen und unterscheiden. Das war dann gar abscheulich anzusehen.
Hierdurch ist ebenso wie durch die Erfahrungen an den operirten Blindgeborenen klar bewiesen, dass die Farben und Helligkeiten verschieden empfunden werden, ehe die Formen und Entfernungen wahrgenommen werden k;nnen. Beim normalen Menschenkinde muss es sich in den ersten Wochen nach der Geburt geradeso verhalten.
Nach der Unterscheidung der Lichtempfindungen sind es zun;chst Begrenzungen der hellen Fl;chen, dann Gestalten und zuletzt deren Abst;nde, welche deutlich erkannt werden,
In Bezug auf diese Fortschritte im Sehenlernen des normalen S;uglings sind abermals die Berichte ;ber operirte Blindgeborene sehr werth- voll. Nachdem die ber;hmte von Molyneux an Locke gerichtete Frage, ob ein intelligenter Blindgeborener unmittelbar nach der Operation im Stande sei, eine Kugel von einem W;rfel allein mittelst des Auges zu unterscheiden, verneint worden war, beruhigte man sich dabei, dass er die Unterscheidung nur mittelst des Tastsinnes erlerne, sp;ter also, beim Sehen verschiedener Formen nur durch die Tast-Erinnerung die Wahrnehmung der Verschiedenheit zu Stande komme.
In Wahrheit aber werden sehr viele Formen einzig und allein durch das Auge als verschieden erkannt, ohne die M;glichkeit, einen anderen Sinn zu H;lfe zu nehmen. Einsinnige optische Erscheinungen, die wie der Regenbogen nicht getastet, nicht geh;rt werden k;nnen, sind schon sehr fr;h dem Kinde deutlich. Ohne zu tasten, durch Augen- und Kopf- Bewegungen, Anderungen der K;rperlage, der Stellung und Haltung, durch Ubung im Accommodiren und Beobachtung der Helligkeits- unterschiede w;rden selbst von einem Kinde, das gar nicht tasten k;nnte, die verschiedenen Formen der Dinge durch Sehen allein erkannt werden.
Die von Molyneux richtig vorhergesagte Thatsache, dass operirte Blindgeborene mittelst des Auges allein die Gestalt einer Kugel von der eines W;rfels nicht unterscheiden k;nnen, muss also dahin erg;nzt mittelst des Auges allein ohne directe Vermittlung des Tastsinns jene Gestaltverschiedenheit erlernen k;nnen, indem die Einordnung der Netzhauterregungen in Raum und Zeit durch den Verstand vollkommen unabh;ngig von allen Eindr;cken anderer Sinnesgebiete m;glich und in unz;hligen F;llen wirklich ist, geradeso wie die Erlernung der Gestalt- unterschiede durch den Tastsinn allein bei blindgeborenen Kindern, welche niemals sehen lernen.
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