Vovka-Moment
Gewidmet meinem Bruder Nikolai Galjaminski…Die sonnigste Stadt der Welt, wie Reisef;hrer so gerne sagen,hat sich in letzter Zeit nicht von der Sonne verw;hnen lassen. Da kann man nichts machen! Herbst.Edik war wie immer auf dem Heimweg. Zum Mittagessen. Als er in die U-Bahn hinunterging,bemerkte er mehrere junge Bettler, die sich an einen ordentlich gekleideten ;lteren Mann klammerten.„Wie K;ter“, dachte der Mann und ging weiter. Eine Jungenstimme lie; ihn sich umdrehen. Vovkas Stimme. Edik n;herte sich dem Mann, der von oben bis unten von jungen Leuten umringt war. Er war ziemlich gro; und sah den Jungen an, der eine zerfetzte Jacke und zerrissene Jeans trug, die alles andere als frisch waren.Der Junge wiederum sah ihn an und sagte ;berrascht:
– Onkel Edik, bist du es?
– Ja! Ja! Das ist fantastisch! Was, Vovka, wanderst du hier herum? Mach dir einen Stift f;r deine Mazurken und komm mit!
– Ich gehe nicht! Du verpfeifst mich bei der Polizei, und das ist nicht mein Plan!
– H;r mal! Du erz;hlst noch jemandem von den Pl;nen und der wunderbaren Zukunft eines freien B;rgers! Komm jetzt zu mir, und wir reden dort weiter … f;r immer.Der Junge stie; seinen Freund mit dem Ellbogen an, fl;sterte ihm zu, dass er bald zur;ck sei, und stolperte, dem Untergang geweiht, hinterher.Sie gingen schweigend, und Edik erinnerte sich unwillk;rlich an ihre erste Begegnung … Im Sommer, als der Asphalt gl;hend hei; war und die Menschen in der Stadt wie Stiere in der Pfanne brutzelten, schnappte er sich eine Tasche mit Proviant und seine Gitarre, seine st;ndige Begleiterin, und ging nach Zatoka …Es war unertr;glich stickig im Zug, und Edik schaffte es kaum, hochzuspringen. Gro;m;tter mit Taschen, M;tter mit schreienden Kindern, M;nner mit Bier, Hotelg;ste mit Koffern, junge Leute, die immer laut lachen …Diese bunte Masse, ersch;pft von der Hitze und schwei;gebadet, str;mte zum Meer.Jeder hatte andere Ziele. Manche wollten schwimmen und sich erholen, andere erst einmal eine angenehme Auszeit genie;en. Jahreszeit ist Jahreszeit!Schlie;lich verk;ndete die knarrende Stimme des Fahrdienstleiters, wie aus einer Toilette, den Fahrg;sten, dass der Elektrozug Odessa–Bilgorod–Dnistrowskyj abfahre. Einen Moment lang beruhigten sich die Fahrg;ste im Waggon, doch bald gab es wieder einen Grund zur Aufregung: Die T;r zum Vorraum ;ffnete sich, und eine korpulente Frau mit einer riesigen K;hltasche quetschte sich in den Waggon und bot den Fahrg;sten Eis an.Ihr folgte ein kleiner, taubstummer Mann mit bedruckten Waren, begleitet von einem gebr;unten Jungen, der als sein Sprachrohr diente.Zuerst pries der Junge die Waren an, und dann, v;llig unerwartet f;r alle,sang er mit lauter und ;berraschend klarer Stimme. Die Stimme war so sch;n, dass die Leute im Waggon nach ihren Geldb;rsen griffen.Sie kauften dem Stummen alles M;gliche ab: Kalender, Zeitungen und alberne Horoskope. Der Mann ging von einem K;ufer zum anderen, und der Junge sang weiter … Edik hatte schon lange nichts Vergleichbares mehr geh;rt. Unwillk;rlich zog er die Gitarre aus dem Koffer und begann, mit dem Jungen mitzuspielen. Der Junge, der ihn mit verschmitzten Augen ansah und sein Lied beendete, kam n;her. – Guten Tag! Darf ich mich setzen? – Setz dich, wenn du nicht scherzt! – Du spielst gro;artig! Gibson? – Er betrachtete die Gitarre. – Darf ich sie mal halten? – Kein Problem! – Edik reichte dem Jungen das Instrument und betrachtete es mit unverhohlener Neugier. Der Junge sah etwa acht Jahre alt aus. Eine lustige Stupsnase, wohlgeformte, leicht volle Lippen, Gr;bchen auf Wangen und Kinn, lockiges blondes Haar, das in alle Richtungen abstand – all das brachte ihn zum L;cheln.W;ren da nicht seine ramponierten Ellbogen und Knie, die alten Shorts mit T-Shirt und die billigen Schieferplatten gewesen, h;tte er eher wie eine verw;hnte Hausfrau ausgesehen, diedurch einen unbekannten Wind in den Regionalzug geraten war!Der Junge strich mit seinen langen, nerv;sen Fingern ;ber den Resonanzboden, pr;fte die Wirbel, zupfte die Saiten, versuchte dann, den Barr;griff zu greifen, und hob schlie;lich seine fr;hlichen, blauen Augen zuEdik:
– Super!!!
– Was, kennst du dich mit Gitarren aus?
– Ich hab’s im Internet gesehen! Mein Vater hatte auch mal eine Gitarre, nur eine ganz einfache! Von so was h;tte er nie getr;umt!
– Wie hei;t du?
– Moment!
– Hast du einen Namen?
– Ah! Vovka! Vovka Moment! Und du?
- Onkel Edik.
- Und wer ist das? Edik wandte seinen Blick dem Stummen zu.
- Onkel Roscha, ich helfe ihm manchmal.
- Wie denn?
- Nun, wenn nicht Roscha, dann Serjoscha!
- Sicher, l;chelte der Mann.
- Und mit wem wohnst du?
Wowka sah Edik etwas seltsam an. Der Mann verzog das Gesicht; er wollte offensichtlich nicht besonders offen sein.
- Onkel Edik, brauchst du etwas? Wowka sprang auf und folgte dem Stummen.Dann drehte er sich um und rief:Bis sp;ter! Edik blickte nachdenklich aus dem Fenster, w;hrend der Zug weiter die K;ste entlangfuhr …Hier ist dePl;tzlich sprang ein riesiger Mann aus dem Tor der Basis und br;llte:
– Verschwindet verdammt nochmal! Hier sind Obdachlose, es gibt kein Entkommen!
Die Jungen schnappten sich ihre Sachen und rannten zum Meer. Einer von ihnen, der kleinste und mutigste, mit einer roten Schirmm;tze, blieb kurz zur;ck, zeigte dem Mann dann den Mittelfinger, nannte ihn einen Idioten und eilteseinen Kameraden hinterher.Edik sah dem fl;chtenden Jungen nach, dessen Gestalt ihm bekannt vorkam. Seine Freunde am;sierten sich erst ;ber den Anblick, dann machten sie sich ;ber ihn lustig.Sie gingen auf den „Ordnungsh;ter“ zu und griffen ihn an:
– Was bist du – ein Idiot? Zeig mal, was du drauf hast! Das sind Kinder! – Sanya, Ediks bester Freund, konnte seine Ver;rgerung nicht verbergen.
Der Mann war etwas verwirrt und versuchte, sich herauszureden:
– Was f;r Kinder denn? Wenn sie Dreck machen, dann – H;nde hoch und hallo! „Ihr Freaks!“
„Was seid ihr denn, die Besitzer der K;ste? Haben die etwa euer St;tzpunktgel;nde besetzt? Die Jungs verkaufen Mais, und ihr beleidigt sie! Rennt den ganzen Tag im hei;en Sand herum! Ihr seid Freaks …“Der beleidigte Angestellte zog sich schnell zur;ck und versteckte sich hinter dem St;tzpunkttor.Sanya, beruhig dich, lass uns gehen! Du machst diesen Idioten fertig und stehst dann zur Rechenschaft!“Edik beruhigte seinen Freund mit M;he, und die Freunde zogen weiter. Beim Sonnenbaden und Schwimmen schienen sie den unangenehmen Vorfall vergessen zu haben.Edik lag auf einem Liegestuhl und erinnerte sich an seine Kindheit, die ergenau hier verbracht hatte … am Meer! Er betrachtete die Urlauber: Die Kinder l;chelten gl;cklich, auch die Erwachsenen waren f;r einen Moment wieder Kinder geworden und hatten mit ihren Kindern allerlei Figuren und Sandburgen gebaut, w;hrend die sch;umenden Wellen ihre Bauwerke gnadenlos zerst;rten. Aber das st;rte niemanden. Der Mann schloss zufrieden die Augen. Pl;tzlich h;rte er direkt ;ber sich eine laute, klingelnde Stimme: „Gekochter Mais!“ Edik sprang auf. ;ber ihm stand Wowka mit einem Megafon in der Hand. „Mir ist nichts Schlimmeres eingefallen! Was zum Teufel schreist du da in ein Megafon? Du hast doch keine Kehle, sondern nur ein Rohr!“ „Onkel Edik, ich habe nur gescherzt!“ „Ja, meine Schleimh;ute sind nicht geplatzt! N;chstes Mal gibt’s ;rger mit solchen Witzen! Und ist noch viel Mais ;brig?“ „Zehn St;ck! Den Rest habe ich verkauft.“ „Hammer! Wir m;ssen den Flei;igen unterst;tzen. Behalt das Geld, gib uns die Ware.“ Wowka freute sich! F;r heute war seine Arbeit getan.
„Jetzt kannst du den Erl;s dem Besitzer geben, deine Zinsen einstreichen und machen, was du willst!“
„Willst du etwas essen?“ Edik musterte das Kind aufmerksam.
„Nein!“
- Nat;rlich. - Der Mann holte ein Sandwich aus seiner Tasche und gab es dem Jungen.
Ediks Freunde kamen hinzu.
- Oh, der Kleine mit der M;tze. Hat er schon zur;ckgeschossen? - Sanja l;chelte breit,und reichte Wowka eine Flasche Schywtschik: - Dann komm zu uns, wir machen eine Pause!
- Darf ich? - Das Kind sah den Mann ungl;ubig an.
- Keine Frage!
- Ich verabschiede mich dann auch! - Er hob einen leeren Plastikbeh;lter unter dem Mais auf und rannte zum Zentralmarkt ...
Wowka kam weder am Abend noch am n;chsten Tag zur;ck. Seine Freunde fragten alle Maisbauern nach dem Jungen, aber die winkten nur ab. Sie waren es, die ihnen von dem schweren Leben des Jungen erz;hlten.Wie sich herausstellte, war Wowka in Odessa gelandet, nachdem er wieder einmal aus einem Internat ausgeb;xt war. Der Junge kannte seine Mutter nicht; sie war ein paar Jahre nach seiner Geburt gestorben.Eine Zeit lang k;mmerte sich sein Vater um ihn, doch bald darauf landete er nach einer Schl;gerei im Gef;ngnis.Auch die Frage, warum er Moment genannt wird, wurde beantwortet.Vovka schn;ffelte oft Klebstoff.Es war grausam, aber wahr! Edik beschloss, dass er den Jungen vielleicht in Odessa wiedersehen w;rde, aber im Moment – Urlaub ist Urlaub …Der Mann hatte nicht damit gerechnet, Vovka heute zu treffen. Schon zu Hause, beim Mittagessen, fragte er den Jungen, was er mache. Ohne auf Vovkas Antwort zu warten, machte er sich f;r die Arbeit fertig:„Ich bin nach acht da. Du kannst bei mir bleiben, das ist besser, als auf der Stra;e herumzuirren. Falls du irgendwohin gehst, die Schl;ssel liegen auf dem Nachttisch.“Als der Mann von der Arbeit zur;ckkam, schlief Vovka friedlich auf dem Sofa.Edik deckte ihn mit einer Decke zu, setzte sich neben ihn und ;berlegte, was er als N;chstes tun sollte. Ihn zur Polizei bringen? Vielleicht suchten sie den Jungen, er geh;rte ;berhaupt nicht auf die Stra;e. Nun ja, es war Morgen, und jetzt – ausruhen! Als Edik aufwachte, war Vovka verschwunden. Er hatte die Schl;ssel nicht mitgenommen …Der Herbst verging, gefolgt von einem kalten Winter. Ganz im Fr;hling, auf dem Heimweg von der Arbeit durch den Park, bemerkte Edik drei Jungen. Einer von ihnen schien ihm seinem Freund Vovkin sehr ;hnlich zu sehen.Der Herbst verging, gefolgt von einem kalten Winter. Gleich zu Fr;hlingsbeginn, auf seinem Heimweg von der Arbeit durch den Park, bemerkte Edik drei Jungen. Einer von ihnen ;hnelte seinem Freund Wowkin sehr. Er ging n;her auf ihn zu, um herauszufinden, wo Wowka war, doch pl;tzlich tauchte zwischen ihnen ein b;rtiger Mann auf. – He! Was willst du? – Etwas herausfinden. – Was bist du, Makarenko? – H;ltst du jetzt endlich die Klappe? – Edik sah den Mann unfreundlich an, schob ihn beiseite und wandte sich dem Jungen zu: – Wo ist Wowka? – Wowka ist nicht mehr. Er ist im Winter erfroren, und ich wei; nicht, wo er begraben wurde … Der Junge wollte ihm noch etwas sagen, doch als er den b;rtigen Mann sah, wandte er sich ab und ging mit seinen Freunden in die entgegengesetzte Richtung. Edik setzte sich auf eine Bank und achtete weder auf den Wind noch auf die Passanten.Was er geh;rt hatte, passte einfach nicht in seinen Kopf. Er bemerkte nicht, wie sein Gesicht nass wurde, ob von Tr;nen oder vom ersten Fr;hlingsregen. Die Natur trauerte mit ihm. Wie Edik konnte auch sie Vovkas Tod nicht verkraften.
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